Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten

Chapter 3

Chapter 33,587 wordsPublic domain

(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein genugist, daß man ihn zum Frühstück einladen kann, nick' ich Dolly zu; und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein.

(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurück. Herr Fergus McNaughtan ist ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, groß, abgehärtet und sehnig, mit einem furchtbar hartnäckigen, übellaunigen, habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsüchtigen Stimme. Dabei ist er ungemein nervös und empfindlich, was man an seiner dünnen, durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann. Seine daraus folgende Fähigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein Temperament und seine Halsstarrigkeit über ihn bringen, stark zu leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemühung, seine angeboren unhöflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit abzustreifen. Seine kühn geschweiften Brauen und seine Stirn verraten deutlich einen befähigten Menschen; ein Zeichen beschränkter Geldmittel oder geschäftlichen Mißkredits ist an ihm nicht bemerkbar. Er ist gut gekleidet und könnte auf den ersten Blick für den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der Geschäftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden. Sein marineblaue Rock ist nicht nach dem üblichen modernen Muster; es ist nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die großen Knöpfe und breiten Aufschläge würden besser auf eine Schiffswerft als in ein Kontor passen. Er hat Gefallen an Dr. Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschrötigkeit nichts macht und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, für die er Dr. Valentine heimlich dankbar ist.)

(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr McNaughtan--Fräulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fräulein Gloria Clandon. (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervös. Sie verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan.

(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl, Herr--McNaughtan.

(McNaughtan.) Ich danke. Aber will nicht das gnädige Fräulein da sitzen--? (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.)

(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan. Wir wollen gerade gehn.

(Dr. Valentine weist ihn mit gutmütiger Entschiedenheit nach dem Stuhl: ) Setzen Sie sich--setzen Sie sich. Sie sind müde.

(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Älteste unter den Anwesenden bin, darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas gichtischer Gebärde in den Operationsstuhl setzt. Inzwischen nickt Philip, der ihn während seines Ganges durch das Zimmer kritisch studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.)

(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, daß Herr Dr. Valentine nicht mit Ihnen frühstückt; da wir ihn mithaben wollen. Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen.

(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat, dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnügen erscheinen.

/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr für... (Dolly) } (höflich: ) Es freut uns außerordentlich, daß... (Philip) Wir sind wirklich entzückt, Ihre... */

(Die Unterhaltung stockt. Gloria und Dolly blicken erst einander und dann Dr. Valentine und Philip an. Die beiden Männer, der Lage nicht gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind augenscheinlich dadurch so verwirrt, daß sie wieder zurückschauen und den Augen von Gloria und Dolly begegnen. So sucht einer das Auge des andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total verlegen. McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor er beginnt. Das Stillschweigen fängt an, unerträglich zu werden.)

(Dolly plötzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt sind Sie, Herr McNaughtan?

(Gloria schnell:) Ich fürchte, wir müssen eilen, Herr Doktor.--Es bleibt also dabei, daß wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen. (Sie geht zur Tür, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den Glockenzug.)

(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei. (Er klingelt:) Vielen Dank. (Er begleitet Gloria und Philip zur Tür und geht mit ihnen hinaus.)

(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fünf Schillinge extra, aber die Sache ist es wert.

(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet! (Sie ernster betrachtend:) Sie wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich? Ich bin siebenundfünfzig.

(Dolly mit Überzeugung:) Sie sehen auch so alt aus.

(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall.

(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an? Ist etwas an mir nicht in Ordnung? (Sie befühlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.)

(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen.

(Dolly.) An wen?

(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwürdige Ähnlichkeit mit meiner Mutter.

(Dolly ungläubig:) Mit Ihrer Mutter?!... Meinen Sie nicht vielleicht mit Ihrer Tochter?

(McNaughtan bricht plötzlich haßerfüllt aus:) Nein--verlassen Sie sich darauf, daß ich nicht meine Tochter meine!

(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh? (McNaughtan.) Nein, nein--es ist nichts. Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von Zahnschmerzen, Fräulein Clandon.

(Dolly.) Heraus damit! "Wurzelnden Gram ausreuten dem Gedächtnis"[*]--mit Lachgas, fünf Schillinge extra.

[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).]

(McNaughtan rachsüchtig:) Nein, kein Schmerz. Eine Beleidigung, die mir einst zugefügt wurde! Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und ich will sie nicht vergessen! (Sein Gesicht legt sich in unversöhnliche Falten.)

(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht, daß wir Sie werden leiden mögen, wenn Sie über erlittenem Unrecht brüten.

(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan, aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort! (Er geht mit ihr zur Tür.)

(Dolly in einem vollkommen hörbaren Flüsterton:) Er behauptet, daß er erst siebenundfünfzig ist--er hält mich für das Ebenbild seiner Mutter--er haßt seine Tochter--und... (Sie wird durch die Rückkehr Dr. Valentines unterbrochen.)

(Dr. Valentine.) Fräulein Clandon ist schon voraus.

(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei.

(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zähne übrig, daß er mit uns essen kann. (Sie gehen ab.)

(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und öffnet sie.)

(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor! Das richtige Früchtchen der modernen Erziehung! Als ich im Alter dieser jungen Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Prügel frisch in der Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren.

(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade gegenüber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester? (McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr!

* * * * *

(Dr. Valentine überschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein Wesen--(Er besinnt sich und fügt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts mit dem Geschäft zu tun. (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte Schulter und nimmt seinen berufsmäßigen Ton an:) Aufmachen, bitte.

(McNaughtan öffnet den Mund.)

(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zähne:) Hm!... Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade! So ein prächtiges Gebiß zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nüsse auf? (Er zieht den Spiegel zurück und tritt vor, um mit McNaugthan zu sprechen.)

(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zähnen Nüsse geknackt--wozu hat man sie denn? (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zähne in gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, daß man sie an Knochen und Nüssen genügend abnützt und sie täglich mit Seife putzt--mit gewöhnlicher Schmierseife!

(Dr. Valentine.) Seife?... Warum mit Seife?

(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt, und seitdem hab' ich's immer getan. Und ich hab' in meinem ganzen Leben keine Zahnschmerzen gehabt!

(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft?

(McNaughtan.) Ich habe gefunden, daß die meisten Dinge, die mir gut getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit abzufinden, und man sorgte dafür, daß ich mich damit abfand. Jetzt bin ich daran gewöhnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die Seife wirklich gut ist.

(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen sehr sorgfältig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan.

(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden!

(Dr. Valentine lächelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher?

(McNaughtan.) Wie meinen Sie das?

(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zähne sind gut--ich gebe es zu; aber ich habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso gute gesehn. (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde mit einer andern.)

(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zähne an, sondern auf den Charakter.

(Dr. Valentine versöhnlich:) Oh! Auf den Charakter--ich verstehe. (Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!... Der da wird heraus müssen--er ist nicht mehr zu retten. (Er zieht die Sonde zurück und tritt wieder seitwärts an den Stuhl, um zu plaudern:) Fürchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fühlen; ich werde Ihnen Lachgas geben.

(McNaughtan.) Unsinn, Mensch! Ich brauche kein Lachgas! Heraus damit! Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen zu ertragen.

(Dr. Valentine.) Oh! Wenn Sie Schmerzen gern mögen--schön. Ich werde Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne für den günstigen Einfluß auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen.

(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden mir sechs Wochen Miete!

(Dr. Valentine.) Richtig.

(McNaughtan.) Können Sie mich bezahlen?

(Dr. Valentine.) Nein.

(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht. --Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfähig sein, da Sie nichts Besseres wissen, als sich über Ihre Patienten lustig zu machen? (Er setzt sich wieder.)

(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan. Meine Patienten haben nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet.

(McNaughtan packt ihn plötzlich am Arm, während Dr. Valentine sich wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer für sie! Ich sage Ihnen, Sie verstehen meinen Charakter nicht! Wenn ich all meine Zähne entbehren könnte ich würde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tüchtiger, abgehärteter Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat. (Er nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklärung zu bekräftigen, und läßt ihn los.)

(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stören läßt:) Und Sie wollen noch mehr abgehärtet werden, nicht wahr?

(McNaughtan.) Ja.

(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Für mich sind Sie als Hausherr--schon abgehärtet genug.

(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.)

(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beiläufiger Weise, während er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet, Herr McNaughtan? Eine Frau und Kinder würden Ihnen Ihre Abhärtung schon ein wenig ausgetrieben haben.

(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das an?!

(Das Stubenmädchen erscheint an der Tür.)

(Dr. Valentine höflich:) Bitte, etwas warmes Wasser. (Sie zieht sich zurück, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht. Er setzt die Unterhaltung fort, während er eine Zange aussucht und sie sich zur Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie fragten eben, was zum Teufel mich das angeht... Nun, ich habe vor, mich selbst zu verheiraten.

(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natürlich, Mensch--natürlich! Wenn ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfändet werden soll, dann heiratet er. Das habe ich schon öfter beobachtet.--Gut, heiraten Sie und werden Sie unglücklich!

(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon?

(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle!

(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan?

(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefühl des Unwillens:) Ja--der Teufel soll sie holen!

(Dr. Valentine unerschütterlich:) Hm!... Am Ende sind Sie auch Vater, nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan?

(McNaughtan.) Drei Kinder!

(Dr. Valentine höflich:) Der Teufel soll sie holen--was?

(McNaughtan eifersüchtig:) Nein, Herr: die Kinder gehören mir so gut wie ihr.

(Das Stubenmädchen bringt einen Krug heißes Wasser herein.)

(Dr. Valentine.) Danke. (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an den Stuhl; dann fährt er in dem gleichen nachlässigen Ton fort:) Ich möchte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan. (Er gießt etwas warmes Wasser in das Trinkglas.)

(Das Stubenmädchen geht hinaus.)

(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu können. Ich bin so glücklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden, solange sie mir nicht in den Weg kommen.

(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heißen Wassers.)

(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu wärmen; ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl. (Dr. Valentine beugt sich vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu bringen:) Was ist das für ein schweres Ding?

(Dr. Valentine.) O nichts! Ich setze bloß meinen Fuß darauf, wenn ich den nötigen Stützpunkt für einen kräftigen Zug bekommen will.

(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.)

(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der Zange in Bereitschaft. Er fährt fort mit herausfordernder Gleichgültigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu verheiraten, Herr McNaughtan? (Er bückt sich, um die Kurbel an den Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden kann.)

(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und endlich aufzuhören, mich an meine Frau zu erinnern! Vorwärts, Herr! (Er klammert sich an lit Stuhllehnen und stählt sich.)

(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, daß ich den Zahn herauskriege, ohne daß Sie es spüren?

(McNaughtan.) Um Ihre sechswöchige Miete, mein Junge! Mich foppen Sie nicht!

(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel kräftig hinauf, so daß der Sessel steigt:) Abgemacht! Sind Sie bereit? (McNaughtan, der beunruhigt über sein plötzliches Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Dr. Valentine läßt den Rücken des Stuhles plötzlich zu einem stumpfen Winkel hinab.)

(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, während er zurückfällt:) Au! Nehmen Sie sich in acht, Mensch! Ich bin ganz wehrlos in dieser La--

(Dr. Valentine hält ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und erfaßt das Mundstück des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch wehrloser sein! (Er preßt das Mundstück über McNaughtans Mund und Nase und lehnt sich dabei über McNaugthans Brust so zurück, daß er ihm Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.)

(McNaughtan stößt einen unartikulierten Laut in das Mundstück aus und versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenüber glaubt. Nach einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen herab. Er ist vollständig bewußtlos.)

(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das Mundstück rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und der Vorbang fällt.)

ZWEITER AKT

(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform, die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus schweren Stützpfeilern eingefaßt ist, die wie schwerfällige Ölkrüge aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.)

(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschäftigt ist, auf einem Frühstückstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den Rücken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in der Ecke, befindet sich in der Nähe des Meeres die Flucht von Stufen, die hinunter zum Strand führen. Wenn er vor sich die Terrasse hinunterblickt, sieht er gegenüber, etwas zu seiner Linken, einen Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen umschwirrte Zuckerdose befindet. Er liest den "Standard" und hat seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schützen, die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine röstet. Ihm gegenüber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine Gartenbank von der gewöhnlichen Strandpromenadenform. Besucher treten durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man über ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhöhten, gepflasterten Viereck erheben. Näher an der Brüstung ist ein geheimer Weg in die Küche durch ein kleines Gitterportal maskiert. Der Tisch, an dem der Kellner sich beschäftigt, ist sehr lang. Er steht quer über der Terrasse und ist mit fünf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stühle auf jeder Längsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite. Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Büfett eingerichteter Tisch, von dem aus serviert werden soll.)

(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch. Ein zarter alter Mann mit weißen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und zufrieden, daß in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als Gemeinheit gerügt fühlt und Einbildungskraft als Verrat an dem überströmenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit. Er hat jenen gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf hervorragend sind und die, im Bewußtsein der Nichtigkeit des Erfolges, von Neid unberührt bleiben.)

(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht für den Strand gekleidet. Er trägt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose. Die vortreffliche Verfassung und Qualität dieser Kleidung, der goldgeränderte Zwicker, mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem Ellbogen über der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit hin. Er ist ungefähr fünfzig Jahre alt, glatt rasiert und kurzgeschoren. Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als hätte er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und wäre entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen. Er hat große, weite Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn, die er resolut offen trägt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend beschlossen hätte, wahrheitsliebend, großmütig, unbestechlich zu bleiben, es ihm aber niemals gelungen wäre, diese geistige Gewöhnung automatisch und unbewußt zu machen. Trotzdem macht er durchaus keinen lächerlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwäche ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er würde dem Anblick nach überall für einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschäftlichen Fähigkeiten und geschäftlicher Verantwortung gehalten werden. Augenblicklich genießt er das Wetter und das Meer zu sehr, um die Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen durchgelesen und ist gegenwärtig auf die Inserate angewiesen, die aber nicht interessant genug sind, ihn für die Dauer zu fesseln.)

(Der Herr gähnt und verzichtet auf die Zeitung als ungenießbar:) Kellner!

(Der Kellner.) Bitte? (Er nähert sich ihm.)

(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, daß Frau Clandon vor dem Frühstück zurückkommt?

(Der Kellner.) Ganz bestimmt. Sie erwartet den Herrn um dreiviertel auf Eins. (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besänftigt, sieht ihn mit einem lässigen Lächeln an. Der Kellner hat eine ruhige, sanfte, melodische Stimme, die seinen alltäglichsten Bemerkungen ein sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem süßesten Anstand, ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in irgendeine andere Vulgarität zu verfallen. Der Kellner sieht nach der Uhr und fährt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht? Erst zwölf Uhr dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muß sich der Herr gedulden.-- Schöner Morgen, nicht wahr?

(Der Herr.) Ja. Sehr frisch im Vergleich zu London.

(Der Kellner.) Ja. Das sagen alle unsere Gäste.--Eine sehr angenehme Familie, die von Frau Clandon.

(Der Herr.) Sie mögen sie? (Der Kellner.) Ja. Sie haben ein sehr unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend. Namentlich die junge Dame und der junge Herr.

(Der Herr.) Fräulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich.

(Der Kellner.) Jawohl. Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, daß wir Ihretwegen in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehört haben, was für ein vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, daß ich ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr fährt auf bei diesen Worten:) und daß er von mir erwartet, daß ich mich gegen ihn auch wie ein Vater benehmen werde. (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall: ) Oh, so liebenswürdig... wirklich, sehr höflich und freundlich sind sie!

(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater ähnlich sein! (Er lacht über diese Idee.)

(Der Kellner.) Oh, wir dürfen nicht zu ernst nehmen, was die Herrschaften sagen. Wenn es wahr wäre, so würde die junge Dame die Ähnlichkeit natürlich auch bemerkt haben.

(Der Herr.) Hat sie das nicht?

(Der Kellner.) Nein. Sie fand, ich hätte mit der Shakespear-Büste in der Stratford-Kirche Ähnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch "William"--mein richtiger Name ist Walter. (Er wendet sich um, will nach dem Tisch zurückgeben und erblickt Frau Clandon, die über die Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon. (Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr ist da, der Sie sprechen will, gnädige Frau.

(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns frühstücken, William.

(Der Kellner.) Sehr wohl, gnädige Frau. Danke schön, gnädige Frau. (Er zieht sich in das Hotel zurück.)

(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um, geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu geben.)

(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:) Erkennen Sie mich nicht?

(Frau Clandon sieht ihn scharf und ungläubig an:) Sind Sie Finch McComas?

(McComas.) Können Sie das nicht raten? (Er schließt den Schirm, stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Händen in den Hüften lustig vor ihr auf und laßt sich betrachten.)

(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich! (Sie reicht ihm die Hand. Der Händedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart?

(McComas komisch feierlich:) Würden Sie einen Anwalt mit einem Bart beschäftigen?

(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:) Ist das Ihr Hut?

(McComas.) Würden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschäftigen?

(Frau Clandon.) Ich habe Sie während der ganzen achtzehn Jahre in Gedanken mit einem Bart und einem großen, runden Hut vor mir gesehen. (Sie setzt sich auf die Gartenbank. McComas nimmt seinen Platz wieder ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen Gesellschaft?

(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr.

(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist! Sie sind respektabel geworden!

(McComas.) Und Sie nicht?