Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten
Chapter 2
(Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame zwischen vierzig und fünfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem, seßhaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schönheit--letzterem nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprüche in dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man könnte sie fast verdächtigen, zu Hause eine Haube zu tragen. Sie trägt sich mit Kunst und gut, wie es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen künstlerischen Kultus von Schönheit und Gesundheit verdrängt wurden. Ihr flachsblondes, von Silberfäden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt, geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines gewissen Alters können daraus schließen, daß Frau Clandon in ihrer Mädchenzeit genügend Individualität und guten Geschmack besessen hat, um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu widersetzen. In Kürze: sie ist in Kleidern und Manieren für ihr Alter auffallend unmodern, aber sie gehört in das Vordertreffen ihrer eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersüchtig betonenden Haltung des Charakters und Verstandes und darin, daß sie eher eine Frau mit kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten persönlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben, sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persönlichen Gefühls sie heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als menschliches Gefühl; sie begt starke Gefühle, was soziale Fragen und Grundsätze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten, daß diese ihre Verständigkeit und außerordentliche Zurückhaltung im Persönlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner anderen Frau sein könnten, in Dollys Fall nicht standhält;--obgleich fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zärtlichkeit in ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht überraschend, daß eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.)
(Gloria hat die Zwanzig kaum überschritten, ist aber eine viel furchterregendere Dame als ihre Mutter. Sie ist die Verkörperung geistigen Hochmuts. Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsüchtigen Charakter hält bloß die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte Gefahr, von ihren jüngeren leichtlebigeren Geschwistern lächerlich gemacht zu werden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem hartnäckigen Stolz und ihrer übertriebenen Feinheit hat eine eisige Kälte des Betragens zur Folge. Bei einer häßlichen Frau würde das alles abstoßend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau. Ihr tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glänzen, zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch muskelkräftige Gestalt sprechen in hochmütiger Freimütigkeit zu Einbildungskraft und Sinnen. Man könnte sie für ein sehr gefährliches Mädchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr edlen Stirn zum Ausdruck käme. Ihr tailor-made Kleid aus safranbraunem Tuch erscheint von rückwärts gesehen konventionell, aber eine Bluse von meergrüner Seide hebt das Konventionelle der Kleidung mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die Zwillinge--von den gewöhnlichen modernen Strandmenschen.)
(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwärts und blickt umher, um zu sehen, wer da ist. Gloria, die es absichtlich vermeidet, den Zwillingen irgendein Interesse für sie zu zeigen, geht an das Fenster und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmädchen, anstatt sich zurückzuziehen, schließt die Tür und wartet davor.)
(Frau Clandon.) Na, Kinder!... Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly?
(Dolly.) Geheilt! Gott sei Dank. Ich hab' ihn mir herausziehen lassen. (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls. Frau Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.)
(Philip mischt sich vom Kamin aus gravitätisch ins Gespräch:) Und der Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von größtem Ruf, wird mit uns frühstücken.
(Frau Clandon sieht sich ängstlich nach dem Stubenmädchen um:) Phil!
(Das Stubenmädchen.) Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich warte auf den Herrn Doktor. Ich habe ihm etwas auszurichten.
(Dolly.) Von wem?
(Frau Clandon verdrießlich:) Dolly!
(Dolly faßt ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrückt einen kleinen Heiterkeitsausbruch.)
(Das Stubenmädchen.) Bloß vom Hausherrn, gnädiges Fräulein.
(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut in der Hand, in bester Laune zurück, ganz atemlos infolge der Eile, mit der er sich umgezogen hat. Gloria wendet sich vom Fenster ab und mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.)
(Philip.) Erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine Mutter, Frau Lanfrey Clandon.
(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewußt und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria. (Gloria verneigt sich mit kalter Würde und setzt sich auf das Sofa. Dr. Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich verwirrt. Er dreht seinen Hut nervös zwischen den Fingern und macht Gloria eine schüchterne Verbeugung.)
(Frau Clandon.) Ich höre, daß wir das Vergnügen haben werden, Sie heute zum Frühstück bei uns zu sehen, Herr Doktor?
(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn Sie so liebenswürdig sein wollen--(Zum Stubenmädchen verdrossen:) Was ist los?
(Das Stubenmädchen.) Der Hausherr wünscht Sie zu sprechen, bevor Sie ausgehen, Herr Doktor.
(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, daß ich mit vier Patienten beschäftigt bin. (Die Clandons sehen überrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der unerschütterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten wollte, so würde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen. (Er verläßt sich darauf, daß sie die Situation begreift.) Sagen Sie ihm, daß ich zu tun habe, aber daß ich mit ihm zu sprechen wünsche.
(Das Stubenmädchen bestätigend:) Jawohl, Herr Doktor. (Sie gebt ab.)
(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fürchte, wir halten Sie auf.
(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht! Ihre Anwesenheit wird hier von größtem Vorteil für mich sein. Ich bin nämlich seit sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen einzigen Patienten gehabt. Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschäftes viel besser ablaufen.
(Dolly ärgerlich:) O wie gräßlich langweilig von Ihnen, das alles auszuplaudern! Und wir haben gerade eben behauptet, daß Sie ein hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind.
(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly! Dolly! wie kannst du so grob sein! (Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese Barbaren, Herr Doktor!
(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewöhnt.--Wäre es unbescheiden, wenn ich Sie bitten würde, fünf Minuten zu warten, während ich unten meinen Hausherrn abfertige?
(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig!
(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly!
(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut! (Zu Frau Clandon:) Besten Dank. Sie sind sehr gütig--ich werde nicht lange ausbleiben. (Während er abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria. Sie betrachtet ihn sehr ernst. Er wird sehr verlegen.) Ich--äh--äh--ja--ich danke--ich danke Ihnen... (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu drücken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.)
(Philip.) Habt ihr gesehen? (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den ersten Blick. Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen, Gloria.
(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil! Er kann es gehört haben!
(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und nun gib acht, Mama. (Er nimmt den Schemel, der neben der)
(Bank steht, und setzt sich majestätisch in die Mitte des Zimmers, die vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.)
(Dolly fühlt, daß ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht der Würde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut wichtig und entschlossen drein. Sie geht an das Fenster und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Hände hinter sich auf den Tisch legend.)
(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.)
(Gloria wird aufmerksam.)
(Philip streckt sich, legt die Handknöchel symmetrisch auf die Knie und trägt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich nicht, glauben wir nicht, daß du... (er spricht sehr pointiert, mit Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite erfaßt hast...
(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... daß wir erwachsen sind!
(Frau Clandon.) Wirklich?... In welcher Beziehung habe ich euch Anlaß zu Klagen gegeben?
(Philip.) Nun, wir fangen an zu fühlen, daß es gewisse Dinge gibt, über die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen könntest.
(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist plötzlich fort, und eine merkwürdig harte, würdevolle, aber verbissene, vornehme, jedoch unerschütterliche Aufregung, die Art der alten Vorkämpferin der Frauenbewegung, überkommt sie:) Phil, nimm dich in acht! Vergiß nicht, was ich dich immer gelehrt habe! Es gibt zwei Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt sich vorläufig nur auf die eine. (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst, ist auf gegenseitige Achtung gegründet, auf der Anerkennung des Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist bedeutsam:) in seinen persönlichen Angelegenheiten. Und weil du dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverständlich, daß du es nicht mehr schätzest;--aber (mit beißender Schärfe:) es gibt noch eine andere Art des Familienlebens. Ein Leben, in dem Ehemänner die Briefe ihrer Frauen öffnen und von ihnen Rechenschaft für jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren Kindern fordern! Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht, Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte Tyrannen sind und das Dasein eine vulgäre Kette von Strafen und Lügen bedeutet, von Zwang und Unterdrückung, Eifersucht, Argwohn und gegenseitigem Beschuldigen--oh! Ich kann es dir nicht beschreiben: zu deinem Glück weißt du nichts davon. (Sie setzt sich und holt Atem.
(Gloria hat mit glänzenden Augen zugehört und teilt den ganzen Unwillen ihrer Mutter.)
(Dolly ganz unempfänglich für Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel über Freiheit, passim.
(Frau Clandon berührt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein Spottwort von ihr besänftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur wüßtest, wie froh ich bin, daß dir das alles nur einen Scherz bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist. (Wendet sich etwas entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich nach den meinigen zu fragen--wie?
(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklären, daß die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere Angelegenheit wie die deine ist.
(Dolly.) Überdies kann's nicht gut sein, daß jemand eine Menge Fragen in seinem Innern verschlossen herumtragen soll. Das hast du getan, Mama! Aber schau, wie entsetzlich es dafür aus mir hervorbricht.
(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr müßt eure Frage stellen. Also tut es.
(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.)
(Philip.) Nun aber, Dolly! Soll ich diese Angelegenheit führen oder du?
(Dolly.) Du.
(Philip.) Dann halte deinen Mund. (Dolly tut das in des Wortes buchstäblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der Zahnschlosser--
(Frau Clandon protestierend:) Phil!
(Philip.) Zahnarzt ist ein häßliches Wort. Der Mann des Goldes und des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall wären. Gemäß deinen, in der Abhandlung über das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und deinen uns wiederholt persönlich erteilten Ermahnungen, die Zahl unserer unnötigen Lügen zu beschränken, haben wir wahrheitsgetreu geantwortet, daß wir es nicht wüßten.
(Dolly.) Das wußten wir auch nicht!
(Philip.) Sch! Die Folge davon war, daß der Gummiarchitekt bezüglich der Annahme unserer Einladung große Schwierigkeiten machte, obgleich ich bezweifle, daß er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner Menschenkenntnis zu der Überzeugung gelangt, daß wir einen Vater gehabt haben müssen und daß du wahrscheinlich weißt, wer das war.
(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil! Dein Vater bedeutet weder etwas für dich noch für mich. (Heftig:) Das genügt! (Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt. Sie machen lange Gesichter.)
(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehört hat, mengt sich plötzlich ein. Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser Vater ist!
(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria! "Wir?" Wer ist "wir"?
(Gloria, entschlossen:) Wir drei. (Ihr Ton ist nicht mißzuverstehen, sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter feindlich entgegen. Die Zwillinge treten sofort zum Feinde über.)
(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und ich" zu bedeuten, Gloria.
(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir tun dir weh--also lassen wir's sein. Wir dachten nicht, daß es dich so unangenehm berühren könnte. Ich will es nicht wissen.
(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht so traurig drein, Mama! (Sie blickt ärgerlich auf Gloria.)
(Frau Clandon führt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich wieder:) Ich danke dir, Liebling. Ich danke dir, Phil.
(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren, Mutter!
(Frau Clandon entrüstet:) Ah! Du bestehst also darauf!
(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren?
(Dolly.) O Gloria--nicht doch! Das ist unmenschlich!
(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist? Du hörst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter. Ganz dasselbe ist auch mir widerfahren.
/* (Frau Clandon) Was meinst du? (Dolly) }(alle zusammen:) O erzähle! (Philip) Was ist dir passiert? */
(Gloria.) Oh, nichts von Belang! (Sie wendet sich ab und geht an den Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Rücken gegen die andern, niederläßt. Da alle erwartungsvoll schweigen, fügt sie, über die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgültigkeit hinzu:) An Bord des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine Hand anzuhalten.
(Dolly.) Nein, um meine Hand!
(Frau Clandon.) Der erste Offizier?... Ist das dein Ernst, Gloria?--Was hast du ihm geantwortet? (Sich verbessernd:) Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen.
(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Mädchen, das nicht einmal weiß, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht annehmen.
(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen?
(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein. Aber gesetzt den Fall, ich hätte Lust gehabt--
(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly?
(Dolly.) Nein. Ich habe seinen Antrag angenommen.
/* (Gloria) Was? (Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly! (Philip) Na, ich muß sagen! */
(Dolly naiv:) Er sah so blödsinnig aus!
(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly?
(Dolly.) Aus Spaß wahrscheinlich. Er mußte meinem Finger für den Ehering Maß nehmen. Du hättest das auch getan.
(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das hätte ich nicht! Tatsächlich hat mir der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm gesagt, er möge sich derlei Scherze für Frauen aufheben, die jung genug wären, daran Spaß zu haben... Er scheint meinen Rat befolgt zu haben. (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere, daß du mich für schwach hältst. Aber ich kann dir nicht sagen, was du verlangst. Ihr seid alle zu jung.
(Philip.) Das ist ein überraschendes Außerachtlassen der Prinzipien des zwanzigsten Jahrhunderts.
(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen. "--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"--
(Philip.) Seite eins--
(Dolly.) Kapitel eins
(Philip.) Satz eins.
(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, daß ihr zu jung seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr wäret zu jung, um von mir ins Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle-- aber es freut mich um euretwillen, daß ihr noch sehr unerfahren seid und daher auch sehr teilnahmslos. Ich aber habe Erfahrungen gesammelt, über die ich nur mit Leuten sprechen könnte, die durchgemacht haben, was ich durchgemacht habe. Ich hoffe, daß ihr euch für solche Mitteilungen nie eignen werdet. Aber ich will dafür sorgen, daß ihr alles, was ihr wissen möchtet, erfahren sollt.--Genügt euch das?
(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly!
(Dolly:) Wir sind teilnahmslos!
(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich nicht sein.
(Frau Clandon zärtlich:) Gewiß nicht, mein Herz.--Glaubst du, daß ich dich nicht verstehe?
(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter--
(Frau Clandon etwas zurückweichend:) Ja?...
(Gloria hartnäckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, daß unser Vater uns nichts angehe.
(Frau Clandon zu plötzlichem Entschluß herausgefordert:) Erinnerst du dich an deinen Vater?
(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zärtliche wäre:) Ich weiß es nicht bestimmt... ich glaube.
(Frau Clandon grimmig:) Du weißt es nicht bestimmt?
(Gloria.) Nein.
(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals geschlagen hätte, (Gloria weicht zurück, Philip und Dolly sind unangenehm berührt; alle drei starren sie empört an, während sie schonungslos fortfährt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar bewußt--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens für diesen Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, daß du dich daran erinnern würdest?
(Gloria stößt einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh!
(Frau Clandon:) Das würde deine letzte Erinnerung an deinen Vater gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen hätte. Ich habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern, indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet.
(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Händen. Da sie jemanden vor der Tür hört, wendet sie sich ab und tut so, als wäre sie damit beschäftigt, die Namen der Bücher im Bücherschrank zu besehen.)
(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.)
(Dr. Valentine kehrt zurück:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu lange warten lassen. Mein Hausherr ist wirklich ein außergewöhnlicher Kerl!
(Dolly lebhaft:) Oh, erzählen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen die Zahlungsfrist verlängert?
(Frau Clandon außer sich über ihres Kindes Manieren:) Dolly! Dolly! Liebe Dolly! Gewöhne dir doch das Fragen ab!
(Dolly verstellt demütig:) O bitte, verzeihen Sie... Aber Sie werden es uns erzählen--nicht wahr, Herr Doktor?
(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben. Er hat sich an einer brasilianischen Nuß einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn zu untersuchen und dann mit ihm zu frühstücken.
(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich aus; dann wollen wir ihn auch zum Frühstück mitnehmen! Sagen Sie dem Mädchen, sie soll ihn heraufholen. (Sie läuft zur Glocke und klingelt energisch. Dann wendet sie sich mit plötzlichem Bedenken zu Dr. Valentine und fügt hinzu:) Ich nehme an, daß er ein angesehener Mann ist... wirklich angesehen?
(Dr. Valentine.) Sicherlich! Nicht wie ich.
(Dolly.) Ganz gewiß?
(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum Protestieren ist erschöpft.)
(Dr. Valentine.) Ganz gewiß!
(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf!
(Dr. Valentine blickt zögernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel würde er entzückt sein, wenn--wenn--
(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich würde mich sehr freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen können. Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verließ--nicht gesehen habe. --Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte?
(Dr. Valentine.) Gewiß, Frau Clandon.
(Gloria.) Soll ich mitkommen?
(Frau Clandon.) Nein, mein Kind. Ich will allein sein.
(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt. Dr. Valentine öffnet ihr die Tür und folgt ihr.)
(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm...
(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha! (Das Stubenmädchen hat dem Glockenzeichen Folge geleistet:) Führen Sie den alten Herrn herauf.
(Das Stubenmädchen verblüfft:) Gnädiges Fräulein?
(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen.
(Philip.) Den Hausherrn!
(Das Stubenmädchen.) Herrn McNaughtan?
(Philip.) Heißt er McNaughtan?
(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr?
(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten.
(Dolly über die Schulter zum Stubenmädchen:) Führen Sie Herrn Gichtknoten herauf.
(Das Stubenmädchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnädiges Fräulein. (Ab.)
(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:) McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan... (Sie setzt sich nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muß diesen Namen lernen, oder der Himmel weiß, wie ich ihn nennen werde.
(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben, die uns die Mutter eben über unsern Vater gemacht hat?
(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages. Der alte Chamico pflegte seine Frau und seine Töchter mit einer Pferdepeitsche durchzubleuen.
(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese!
(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Ähnlichkeit, ob es nun Portugiesen oder Engländer sind, Dolly. Verlaß dich auf meine Menschenkenntnis. (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.)
(Gloria mit bekümmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, daß wir jemals unser altes Rätselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem vielen Geld?
(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten Mann, mit dem zärtlichen kummervollen Herzen? Der ist dir nun auch durch die Binsen gegangen, wie es scheint.
(Philip.) Es steht außer Zweifel, daß der alte Herr ein zerplatzter Aberglauben ist. (Man hört Dr. Valentine vor der Tür mit jemandem sprechen:) Aber still--er kommt!
(Gloria nervös:) Wer?
(Dolly.) Gichtknoten.
(Philip.) Sch! Aufgepaßt! (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.)