Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten

Chapter 11

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(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz. Wenn ich einen Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten.

(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttäuscht:) Soll das heißen, daß du dich mit diesem Herrn verlobt hast?

(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu sein, oder--

(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater?

(McNaughtan.) Ich würde gern beides sein, mein Kind, aber--!... Herr Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefühl--

(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht. Es ist einfach Wahnsinn. Wenn wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fünf Schillinge anpumpen müssen, um mir die Eintrittskarte zu lösen. --Gloria, übereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort! Es ist das beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus Ihrer Familie wieder begegne. Ich werde keinen Selbstmord begehen, ich werde nicht einmal unglücklich sein: es wird eine Befreiung für mich sein--ich--ich fürchte mich--ich fürchte mich wahrhaftig--es ist die reine Wahrheit.

(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen!

(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverständlich nicht, aber ... Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernünftig sprechen und uns alle zur Vernunft bringen wollte! Ich kann's nicht... Wo ist Bohun?... Bohun ist der Mann! Phil, gehen Sie und beschwören Sie Bohun.

(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe. Ich gehe. (Er läßt seine Pritsche durch die Luft sausen und schießt durch die Fenstertür fort.)

(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, daß ich mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fünf Schillinge nicht Ihr Lebensglück. Wir werden uns nur zu sehr freuen, Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie können die Sache ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird. Es wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre sein, Herr Doktor.

(Philip erscheint wieder:) Er kommt! (Er schwingt seine Pritsche vor dem Fenster. Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft sie auf den Tisch, während er an Philip vorübergeht und zwischen Gloria und Dr. Valentine tritt.)

(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat--

(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, die Sache muß von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten. Sie hat etwas Vermögen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch viel mehr haben.

(McNaughtan.) Möglich. Ich hoffe es.

(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller.

(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefühl?... Das tun die meisten vernünftigen Vorsichtsmaßregeln. Aber Sie bitten mich um meinen Rat. Das ist er. Machen Sie einen Ehevertrag!

(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen.

(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, für meine Person, brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat.

(Bohun.) Sie würde ihn nicht befolgen. Wenn Sie ihr Mann sein werden, wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen... (Wendet sich plötzlich an Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, daß Sie es werden, aber Sie werden es nicht. Er wird an die Arbeit gehen und seinen Unterhalt verdienen... (Wendet sich plötzlich an Dr. Valentine:) O ja, das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es! Sie wird Sie schon dazu anhalten.

(McNaughtan nur halb überzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie diese Verbindung also nicht für unklug?

(Bohun.) O doch! Alle Verbindungen sind unklug. Es ist unklug, geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu leben--und es ist klug, zu sterben.

(Der Kellner drängt sich unauffällig zwischen McNaughtan und Dr. Valentine:) Wenn ich mir höflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann ist es etwas Trauriges um die Weisheit. (Zu Dr. Valentine:) Glück auf, Herr Doktor, Glück auf! Jeder Mensch fürchtet die Ehe, wenn es dazu kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr fröhlich und selbst glücklich--von Zeit zu Zeit. Ich war niemals Herr in meinem eigenen Hause. Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und herrschsüchtig veranlagt. Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr geerbt. Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben hätte, ich würde es wieder so leben!... ich würde es genau wieder so leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie wissen.

(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, daß, wenn Gloria sich wirklich entschlossen hat--

(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist. Wir verpassen bloß alle Tänze.

(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affäre ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?--

(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar! Darf ich um die Ehre bitten?--Ich danke. (Er tanzt mit Gloria fort und verschwindet unter den Lampions, und läßt Dr. Valentine nach Luft schnappend zurück.)

(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.)

(Dolly.) Unsinn! (Weicht ihm geschickt aus und läuft um den Tisch herum an den Kamin:) Finch! Mein Finch! (Sie fällt über McComas her und zwingt ihn zu tanzen.)

(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er wird durch die Fenstertür davongerissen.)

(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich bitten--

(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Mütter! (Er ergreift seine Mutter und wirbelt mit ihr fort.)

(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas' Schicksal.)

(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho! ho! (Er gebt in den Garten und kichert über den spaß.)

(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als ob ich schon verheiratet wäre!...

(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen mit liebenswürdiger Teilnahme und schüttelt langsam den Kopf.)

(Vorhang)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George Bernard Shaw.

End of Project Gutenberg's Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw