Madonna: Novellen

Scene 1.

Chapter 1445 wordsPublic domain

Die Thüre wird von außen aufgeschlossen. Stoneberg in Winterrock und Cylinder. Der Diener trägt eine Lampe und einen Violinkasten. Die Thür bleibt offen. Man sieht in ein kleines Vorzimmer mit einigen Rohrstühlen, Kleiderhaken und Schirmständern. Von ferne hört man ganz leise die spanischen Weisen von Sarasate mit Orchesterbegleitung.

_Stoneberg_ (auf den Mitteltisch deutend): Hierher.

(Der Diener stellt den Kasten und die Lampe nieder, hilft dann Stoneberg den Ueberrock ablegen. Stoneberg ist in Frack und weißer Kravatte.)

_Stoneberg_: Ich kann hier bleiben, ungestört?

_Diener_: Ganz ungestört. Das Zimmer wird nur vor- oder nachmittags zu den Einzelproben benützt. Abends nie.

_Stoneberg_: Gut. Zünden Sie das Gas an. (Zieht die Handschuhe aus, reibt sich die Hände.) Unerträgliche Kälte.

_Diener_: Ich werde sogleich die Heizungsklappen öffnen.

_Stoneberg_ (geht an eine der geöffneten Klappen, die Hände in die ausströmende warme Luft haltend, spricht mit rückwärts gewendetem Kopf zu dem Diener, der die Fenstervorhänge zuzieht und das Gas anzündet): Wie lange bleibt der Portier auf?

_Diener_: Nach Schluß des Konzertes noch eine Stunde. Aber wenn Herr Stoneberg wünschen, daß er länger ....

_Stoneberg_: Nein; so lange bleibe ich nicht. (Geht im Zimmer umher, bleibt vor dem Flügel stehen): Ah, ein Stoneberg. (Schlägt ein paar Tasten an und geht dann an den Mitteltisch, sucht einen Briefbogen und ein Couvert heraus, schreibt. Der Diener ist unterdessen mit dem Anzünden fertig geworden.)

_Diener_: Wünschen Herr Stoneberg noch etwas?

_Stoneberg_ (schreibend): Warten Sie. (Der Diener geht ins Vorzimmer.)

_Stoneberg_ (schreibend): Sie haben auch den Dienstmann bezahlt, welcher den Violinkasten aus meinem Hotel holte?

_Diener_: Ja.

_Stoneberg_ (steht auf, wirft einen prüfenden Blick nach dem Diener, geht langsam im Vordergrund des Zimmers auf und ab, halblaut das Geschriebene lesend): »Gnädigste! Heute Abend habe ich mich überzeugt, daß Ihr Instrument der Künstlerin nicht würdig ist. Sie haben das Adagio des Beethovenkonzertes nicht gespielt, wie Sie es spielen können. Das Publikum hat es nicht bemerkt, wohl aber das Ohr eines Musikers. Ich habe mich daher entschlossen, Ihnen die in meinem Besitz befindliche Amati zu überlassen. Ich muß so unhöflich sein, Sie noch heute Abend zu bemühen. Ein vor wenigen Stunden erhaltenes Telegramm zwingt mich morgen früh fünf Uhr zur Abreise nach New-York. Darf ich Sie für wenige Minuten auf das neutrale Gebiet des Probezimmers bitten? Ich habe das Instrument holen lassen, Sie können es genau prüfen. Ihr bewundernder Verehrer William Stoneberg.« (Geht an den Tisch, schließt den Brief in ein Couvert, schreibt die Adresse, winkt dem Diener.) Gehen Sie ins Künstlerzimmer und warten Sie bis zum Schluß des Konzertes. Wenn Fräulein Stanyek kommt, übergeben Sie ihr diesen Brief und bitten um Antwort. Sollte sie es verlangen, so führen Sie die Dame her. Nun -- (zieht seine Börse heraus) für den Dienstmann und Ihre Bemühungen.

_Diener_: Danke, gnädiger Herr. (Geht, schließt hinter sich die Thüre.)