Chapter 5
MACBETH Bringt keine Nachricht mehr! Laßt alle fliehn; Bis Birnams Wald anrückt auf Dunsinan, Ist Furcht mir nichts. Was ist der Knabe Malcolm? Gebar ihn nicht ein Weib? Die Geister, kundig All irdischen Waltens, prophezeiten so: Sei kühn, Macbeth, kein Mann, vom Weib geboren, Soll je dir was anhaben. Flieht denn immer, Ihr falschen Thans, zu Englands Weichlingen! Dies Herz und meinen Herrschergeist verwegen, Dämpft Zweifel nicht und soll die Furcht nie regen.
(Ein Diener tritt auf.)
Der Teufel brenn dich schwarz, milchbleicher Lump! Wie kommst du an den Gänseblick?
DIENER Da sind zehntausend--
MACBETH Gäns, Schuft?
DIENER Krieger, Herr.
MACBETH Reib dein Gesicht, die Furcht zu überröten, Weißlebriger Hund. Was denn für Krieger, Hansnarr? Hol dich der Teufel! Deine Kreidewangen Verführen all zur Furcht. Was denn für Krieger, Molkengesicht?
DIENER Erlaubt, das Heer von England!
MACBETH Weg dein Gesicht!
(Diener ab.)
Seyton!--Mir wird ganz übel, Seh ich so--Seyton! Heda!--Dieser Ruck Kuriert auf immer oder liefert jetzt mich. Ich lebte lang genug; mein Lebensweg Geriet ins Dürre, ins verwelkte Laub; Und was das hohe Alter soll begleiten, Gehorsam, Liebe, Ehre, Freundestrost, Danach darf ich nicht aussehn; doch, statt dessen Flüche, nicht laut, doch tief. Munddienst und Hauch, Was gern das arme Herz mir weigern möchte, Und wagts nicht.--Seyton!
(Seyton kommt.)
SEYTON Was befiehlt mein Herrscher?
MACBETH Was gibt es Neues?
SEYTON Alles wird bestätigt, Was das Gerücht verkündet.
MACBETH Ich will fechten, Bis mir das Fleisch gehackt ist von den Knochen. Gebt meine Rüstung mir!
SEYTON Noch tuts nicht not.
MACBETH Ich leg sie an. Mehr Reiter sendet aus, durchstreift das Land; Wer Furcht nennt, wird gehängt.--Bringt mir die Rüstung! Was macht die Kranke, Arzt?
ARZT Nicht krank sowohl, Als durch gedrängte Phantasiegebilde Gestört, der Ruh beraubt.
MACBETH Heil sie davon! Kannst nichts ersinnen für ein krank Gemüt? Tief wurzelnd Leid aus dem Gedächtnis reuten? Die Qualen löschen, die ins Hirn geschrieben? Und mit Vergessens süßem Gegengift Die Brust entledigen jener giftgen Last, Die schwer das Herz bedrückt?
ARZT Hier muß der Kranke selbst das Mittel finden.
MACBETH Den Hunden deine Kunst, ich mag sie nicht.-- Legt mir die Rüstung an; den Stab her!--Seyton, Schick aus!--Doktor, die Thans verlassen mich.-- Nun, mach geschwind!--Arzt, könntst du meinem Land Beschaun das Wasser, seine Krankheit finden, Und es zum kräftgen frühern Wohlsein reingen, Wollt ich mit deinem Lob das Echo wecken, Daß es dein Lob weit hallte. --Weg den Riemen!-- Welche Purganz, Rhabarber, Senna führte Wohl ab die Englischen?--Hörst du von ihnen?
ARZT Ja, hoher König, Eure Kriegesrüstung Macht, daß wir davon hören.
MACBETH Bringts mir nach!-- Nicht Tod und nicht Verderben ficht mich an, Kommt Birnams Wald nicht her nach Dunsinan!
([Er geht ab.] Alle außer dem Arzt gehen ab.)
ARZT War ich von Dunsinan mit Heil und Glück, So brächte mich kein Vorteil je zurück.
([Alle] ab.)
VIERTE SZENE
(Feld in der Nähe von Dunsinan, ein Wald in [der Ferne] Sichtweite)
(Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Malcolm, der alte Siward, sein Sohn, Macduff, Menteth, Cathness, Angus, Lenox, Rosse, Soldaten.)
MALCOLM Vettern, die Tage, hoff ich, sind uns nah, Wo Kammern sicher sind.
MENTETH Wir zweifeln nicht.
SIWARD Wie heißt der Wald da vor uns?
MENTETH Birnams Wald.
MALCOLM Ein jeder Krieger hau sich ab 'nen Zweig Und trag ihn vor sich; so verbergen wir Die Truppenzahl, und irrig wird der Feind In seiner Schätzung.
[EIN SOLDAT] SOLDATEN Es soll gleich geschehn.
([Die Soldaten gehn ab.])
SIWARD Wir hören nichts, als daß mit Zuversicht Sich der Tyrann auf Dunsinan befestigt Und die Belagrung ausstehn will.
MALCOLM Darauf Vertraut er einzig. Wo's nur möglich ist, Empört sich hoch und niedrig gegen ihn, Und niemand folgt ihm, als erzwungnes Volk, Das nicht von Herzen dient.
MACDUFF Laßt bis zum Siege Gerechtes Urteil ausstehn; lenkt den Eifer Auf unsern Kriegszug!
SIWARD Ja, es naht die Zeit, Wo richtiges Unterscheiden läßt erkennen, Das, was wir schulden, was wir unser nennen. Grübeln und Träumen hofft ohn Sicherheit; Echten Erfolg entscheidet erst der Streit, Und ihm entgegen führt den Kriegeszug!
(Alle gehen marschierend ab.)
FÜNFTE SZENE
(Dunsinan, im Schloß)
(Mit Trommeln und Fahnen treten auf Macbeth, Seyton, Soldaten.)
MACBETH Pflanzt unsre Banner auf die äußre Mauer; Stets heißts: sie kommen! Unser festes Schloß Lacht der Belagrung; mögen sie hier liegen, Bis Hunger sie und Krankheit aufgezehrt. Verstärken die sie nicht, die uns gehören, Wir hätten, Bart an Bart, sie kühn getroffen Und sie nach Haus gegeißelt.
(Ein Schrei von Frauen hinter der Szene.)
Was für Lärm?
([Weibergeschrei hinter der Szene.])
SEYTON Es ist Geschrei von Weibern, gnädger Herr.
(Geht ab.)
MACBETH Verloren hab ich fast den Sinn der Furcht. Es gab 'ne Zeit, wo kalter Schaur mich faßte, Wenn der Nachtvogel schrie, das ganze Haupthaar Bei einer schrecklichen Geschicht empor Sich richtete, als wäre Leben drin. Ich hab mich vollgeschluckt mit so viel Grauen: Entsetzen, meinem Mordsinn eng vertraut, Schreckt nun mich nimmermehr.--
(Seyton kommt zurück.)
Weshalb das Wehschrein?
SEYTON Die Königin, Herr, ist tot.
MACBETH Sie hätte später sterben können; es hätte Die Zeit sich für ein solches Wort gefunden.-- Morgen, und morgen, und dann wieder morgen, Kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag, Zur letzten Silb auf unserm Lebensblatt; Und alle unsre Gestern führten Narren Den Pfad zum staubigen Tod. Aus, kleines Licht! Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild, Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr Vernommen wird; ein Märchen ists, erzählt Von einem Blödling, voller Klang und Wut, Das nichts bedeutet.
(Ein Bote kommt.)
Du hast was auf der Zunge: schnell heraus!
BOTE Mein königlicher Herr, Ich sollte melden das, was, wie ich glaube, Ich sah; doch wie ichs tun soll, weiß ich nicht.
MACBETH Nun, sags nur, Mensch!
BOTE Als ich den Wachtdienst auf dem Hügel tat-- Ich schau nach Birnam zu, und sieh, mir deucht, Der Wald fängt an zu gehn.
MACBETH Lügner und Sklav!
(Schlägt ihn.)
BOTE Laßt Euren Zorn mich fühlen, ists nicht so: Drei Meilen weit könnt Ihr ihn kommen sehn; Ein gehnder Wald--wahrhaftig!
MACBETH Sprichst du falsch, Sollst du am nächsten Baum lebendig hangen, Bis Hunger dich verschrumpft hat; sprichst du wahr, Magst du mir meinethalb dasselbe tun.-- Einzieh ich die Entschlossenheit, beginne Den Doppelsinn des bösen Feinds zu merken, Der Lüge spricht wie Wahrheit: Fürchte nichts, Bis Birnams Wald anrückt auf Dunsinan!-- Und nunmehr kommt ein Wald nach Dunsinan! Waffen nun, Waffen, und hinaus!-- Ist Wahrheit das, was seine Meldung spricht, So ist kein Fliehn von hier, ist Bleiben nicht. Das Sonnenlicht will schon verhaßt mir werden; O fiel in Trümmer jetzt der Bau der Erden! Auf, läutet Sturm! Wind, blas! Heran, Verderben! Den Harnisch auf dem Rücken will ich sterben.
(Alle ab.)
SECHSTE SZENE
(Daselbst. Feld vor dem Schloß)
(Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Malcolm, der alte Siward, Macduff, die übrigen Anführer, das Heer mit Zweigen.)
MALCOLM Jetzt nah genug! Werft ab die laubigen Schirme Und zeigt euch, wie ihr seid! Ihr, würdger Oheim, Führt mit dem Vetter, Eurem edlen Sohn, Die erste Schar; ich und der würdge Macduff Besorgen, was noch übrig ist zu tun, Wie wir es angeordnet.
SIWARD Lebt denn wohl! Zieht uns nur heut entgegen der Tyrann, Mag er den schlagen, der nicht fechten kann!
MACDUFF Trompeten, blast, beteuert kühnen Mut, Herolde ruft ihr uns in Tod und Blut!
(Alle ab. [Schlachtgetümmel hinter der Szene.])
SIEBENTE SZENE
(Daselbst. Ein andrer Teil des Feldes)
(Kriegsgeschrei. Macbeth tritt auf.)
MACBETH Sie banden mich an den Pfahl, fliehn kann ich nicht, Muß wie der Bär der Hatz entgegenkämpfen: Wo ist er, der nicht ward vom Weib geboren? Den fürcht ich, keinen sonst.
(Der junge Siward kommt.)
DER JUNGE SIWARD Wie ist dein Name?
MACBETH Du wirst erschrecken, ihn zu hören.
DER JUNGE SIWARD Nein! Nennst du dich auch mit einem grimmren Namen Als einer in der Höll.
MACBETH Mein Nam ist Macbeth.
DER JUNGE SIWARD Der Teufel selber könnte nichts verkünden, Verhaßter meinem Ohr.
MACBETH Und nichts so furchtbar.
DER JUNGE SIWARD Abscheulicher Tyrann, du lügst! Das soll Mein Schwert dir zeigen.
(Gefecht, der junge Siward fällt.)
MACBETH Wardst vom Weib geboren.-- Der Schwerter lach ich, spotte der Gefahr, Womit ein Mann droht, den ein Weib gebar.
(Er geht ab. Getümmel, Macduff kommt.)
MACDUFF Dort ist der Lärm.--Zeig dein Gesicht, Tyrann! Fällst du, und nicht von meinem Schwert, so werden Mich meines Weibs, der Kinder Geister quälen; Ich kann auf armes Kernenvolk nicht schlagen, Die in gedungner Hand die Lanze führen. Nur du, Macbeth! Wo nicht, kehrt schartenlos Und ohne Tat mein Schwert zurück zur Scheide. Dort mußt du sein; dies mächtge Tosen kündet, Daß dort vom ersten Range einer kämpft. O Glück, eins bitt ich nur: laß mich ihn finden!
(Er geht ab. Getümmel. Malcolm und der alte Siward kommen.)
SIWARD Hieher, mein Prinz!--Das Schloß ergab sich willig; Auf beiden Seiten kämpft des Wütrichs Volk. Die edlen Thans tun wackre Kriegesdienste; Der Tag hat sich fast schon für Euch entschieden, Nur wenig ist zu tun.
MALCOLM Wir trafen Feinde, Die uns vorbei haun.
SIWARD Kommt, Prinz, in die Festung!
(Sie gehen ab. Getümmel,)
ACHTE SZENE
(Daselbst. Ein anderer Teil des Feldes)
(Macbeth kommt.)
MACBETH Weshalb sollt ich den römschen Narren spielen, Sterbend durchs eigne Schwert? So lange Leben Noch vor mir sind, stehn denen Wunden besser.
(Macduff kommt zurück.)
MACDUFF Zu mir, du Höllenhund, zu mir!
MACBETH Von allen Menschen mied ich dich allein; Du, mach dich nur zurück, mit Blut der Deinen Ist meine Seele schon zu sehr beladen.
MACDUFF Ich habe keine Worte, meine Stimme Ist nur in meinem Schwert. Du Schurke! Blutger, Als Sprache Worte hat!
(Sie fechten.)
MACBETH Verlorne Müh! So leicht magst du die unteilbare Luft Mit scharfem Schwert durchhaun, als mich verletzen. Auf Schädel, die verwundbar, schwing den Stahl; Mein Leben ist gefeit, kann nicht erliegen Einem vom Weib Gebornen.
MACDUFF So verzweifle An deiner Kunst, und sage dir der Engel, Dem du von je gedient, daß vor der Zeit Macduff geschnitten ward aus Mutterleib.
MACBETH Verflucht die Zunge, die mir dies verkündet, Denn meine beste Mannheit schlägt sie nieder! Und keiner trau dem Gaukelspiel der Hölle, Die uns mit doppelsinnger Rede äfft, Die Wort dem Ohr nur hält mit Glückverheißung Und es der Wahrheit bricht.--Mit dir nicht kämpf ich.
MACDUFF Nun, so ergib dich, Memme! Und leb als Wunderschauspiel für die Welt. Wir wollen dich als seltnes Ungeheuer Im Bild auf Stangen führen, mit der Schrift: Hier zeigt man den Tyrannen.
MACBETH Ich will mich nicht ergeben, um zu küssen Den Boden vor des Knaben Malcolm Fuß, Gehetzt zu werden von des Pöbels Flüchen. Ob Birnams Wald auch kam nach Dunsinan, Ob meinen Gegner auch kein Weib gebar, Doch wag ich noch das Letzte: vor die Brust Werf ich den mächtgen Schild. Nun magst dich wahren, Wer Halt! zuerst ruft, soll zur Hölle fahren!
(Sie gehen kämpfend ab. Rückzug. Trompeten. Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Malcolm, der alte Siward, Rosse, Lenox, Angus, Cathness, Menteth und Soldaten.)
MALCOLM O wären lebend die vermißten Freunde!
SIWARD Mancher muß draufgehn; doch soviel ich sehe, Ist dieser große Tag wohlfeil erkauft.
MALCOLM Vermißt wird Macduff und Eur edler Sohn.
ROSSE Eur Sohn, Mylord, hat Kriegerschuld gezahlt. Er lebte nur, bis er ein Mann geworden; In seiner Kühnheit war dies kaum bewährt Durch unverzagten Kampf in blutger Schlacht, Als er starb wie ein Mann.
SIWARD So ist er tot?
ROSSE Ja, und getragen aus dem Feld. Eur Schmerz Muß nicht nach seinem Wert gemessen werden, Sonst wär er endlos.
SIWARD Hat er vorn die Wunden?
ROSSE Ja, auf der Stirn.
SIWARD Wohl: sei er Gottes Kriegsmann! Hätt ich so viele Söhn', als Haar' ich habe, Ich wünschte keinem einen schönern Tod: Das ist sein Grabgeläut.
MALCOLM Mehr Trauer ist er Noch wert; ich weih sie ihm.
SIWARD Mehr tun ist Schwäche. Er schied geehrt und zahlte seine Zeche. So, Gott sei mit ihm!--Seht, ein neuer Trost!
(Macduff kommt mit Macbeths Kopf.)
MACDUFF Heil, König! Denn das bist du. Schau, hier steht Des Usurpators Haupt; nun sind wir frei! Ich seh umringt dich von des Reiches Perlen, Die meinen Gruß im Herzen mit mir sprechen, Und deren lautes Wort ich jetzt erheische: Dem König Schottlands Heil!
ALLE Heil, Schottlands König!
(Trompetenstoß.)
MALCOLM Wir wollen nicht vergeblich Zeit verschwenden, Mit Eurer Liebe einzeln abzurechnen, Und quitt mit Euch zu werden. Thans und Vettern, Hinfort seid Grafen, die zuerst in Schottland Mit dieser Ehre prangen. Was zu tun noch, Was nun gepflanzt muß werden mit der Zeit, Als Rückberufung der verbannten Freunde, Die des Tyrannen listger Schling entflohn, Einziehn der blutgen Schergen dieses toten Bluthunds und seiner höllischen Königin, Die, wie man glaubt, gewaltsam selbst ihr Leben Geendet.--Alles, was Uns sonst noch obliegt, Das, mit der ewgen Gnade Gnadenhort, Vollenden Wir nach Maß und Zeit und Ort. Euch allen werd und jedem Dank und Lohn, Und jetzt zur Krönung lad ich Euch nach Scone. (Trompetenstoß. Alle ab.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextus MacBeth, von William Shakespeare Übersetzt von Dorothea Tieck.