Maaß für Maaß Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen
Chapter 4
Herzog. Die vorbenannte Person hegt noch immer ihre erste Leidenschaft; sein ungerechter Kaltsinn, der ihre Liebe billig ausgelöscht haben sollte, hat sie, gleich einem Hinderniß das dem Lauf eines Stroms entgegensieht, nur heftiger und unordentlicher gemacht. Geht ihr zu Angelo, antwortet seinem Begehren durch den Verspruch eines verstellten Gehorsams; gestehet ihm die Hauptsache zu, nur behaltet euch diese Bedingungen vor, daß ihr euch nicht lange bey ihm verweilen müsset, daß die Zeit von Dunkelheit und Stillschweigen begleitet sey, und der Ort die Bequemlichkeiten habe, die ein Geheimniß erfodert. Gesteht er euch dieses zu, so geht alles nach unserm Wunsche; wir unterrichten alsdenn dieses beleidigte Mädchen, sich zur gesezten Stunde an euern Plaz zu stehlen; dieses kan, wenn die Wahrheit sich in der Folg' entdekt, ihn nöthigen ihr Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, euer Bruder kommt dadurch in Freyheit, eure Ehre bleibt unbeflekt, die arme Mariana wird versorgt, und dem Stadthalter wird die Larve abgezogen. Ich nehm' es über mich, das gute Mädchen dazu vorzubereiten; wenn euch dieser Entwurf sonst gefällt, so braucht ihr euch kein Bedenken zu machen; das dreyfache Gute das daraus entspringt, macht den Betrug untadelhaft. Was dünkt euch hiezu?
Isabella. Die Vorstellung davon beruhigt mich bereits und ich hoffe der Ausgang werde erfreulich seyn.
Herzog. Es kommt alles auf euern Beytrag an; eilet unverzüglich zu Angelo; wenn er euch um diese Nacht bittet, so sagt es ihm zu, unter den Bedingungen, die wir abgeredt haben. Ich will indessen zu Marianen gehen; fraget mir bey St. Lucas wieder nach, und macht daß ihr von Angelo bald zurükkommt.
Isabella. Ich danke euch für diesen Beystand; lebet wohl indessen, mein guter Vater.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene. (Die Straasse.) (Der Herzog als ein Mönch, Ellbogen, Harlequin, und Stadtbediente.)
Ellbogen. Was wird noch aus der Welt werden, wenn man euch das Handwerk nicht legt, Männer und Weiber wie das liebe Vieh zu verkauffen? Fort, fort, euers Weges--He! Gott grüß euch, guter Pater Bruder.
Herzog. Und euch, guter Bruder Vater, was hat dieser Mann begangen, mein Herr?
Ellbogen. Beym Sapperment, Herr, er hat wider das Gesez gesündiget, und, Herr, wir glauben er sey ein Dieb dazu, Herr; denn wir haben einen seltsamen Schlüssel-Haken bey ihm gefunden, Herr, den wir dem Stadthalter geschikt haben.
Herzog. Pfui, du Schurke, ein H** Wirth, ein schändlicher H** Wirth! Du lebst von dem Bösen das du verursachst. Hast du auch einmal daran gedacht, was das ist, von einem so unflätigen Laster den Magen zu füllen, oder den Rüken zu kleiden? Sage zu dir selbst: Von ihren abscheulichen viehischen Betastungen, eß' ich, trink' ich, kleid' ich mich und lebe. Kanst du das für ein Leben halten, das von einem so stinkenden Unterhalt abhängt? Geh, beßre dich, beßre dich!
Harlequin. In der That, es stinkt in gewisser Maasse, Herr; aber doch, Herr, wollt' ich beweisen können--
Herzog. Was willt du beweisen? Du bist ein verstokter Bube. Führ ihn in den Kerker, Commiß; Züchtigung und Unterricht müssen zugleich würken, um ein so wildes Vieh zahm zu machen.
Ellbogen. Er muß vor den Stadthalter, Herr; er ist gewarnet worden; der Stadthalter kan einen H** Wirth nicht leiden. Wenn er ein H** Wirth ist, und kommt vor den Stadthalter, so wär' es ihm eben so gut, er wär' eine halbe Stunde weit von ihm.
Harlequin. Hier kommt ein junger Herr von meinen guten Freunden.
Fünfte Scene. (Lucio zu den Vorigen.)
Lucio. Wie gehts, edler Pompey? Wie? in Cäsars Fesseln? Wirst du im Triumph geführt? Wie? war keine von Pygmalions Statuen, die kürzlich wieder zu einem Weib gemacht worden*, die man hätte dafür beym Kopf kriegen können, daß sie die Hand in eine Tasche gestekt, und eine Faust wieder herausgezogen? He! was sagst du zu dieser neuen Methode? So gieng es nicht unter der lezten Regierung. Ha? Was sagst du, Pflastertreter? wie gefällt dir diese neue Welt? Du wanderst, däucht mich, ins Gefängniß?
{ed.-* Das ist: Die aus der Salivations-Cur gekommen. Warbürton.}
Harlequin. Ihr habt's errathen, mein Herr.
Lucio. Das läßt sich hören, Pompey, Glük zu; allenfalls kanst du sagen, ich habe dich wegen einer Schuld dahin geschikt; oder warum--
Ellbogen. Weil er ein H** Wirth ist, ein H** Wirth.
Lucio. Gut, so sezt ihn immer ein; wenn das die Straffe ist die einem H** Wirth gehört, so geht die Sache in ihrer Ordnung. Ein H** Wirth ist er, das hat seine Richtigkeit, und das nicht erst von gestern her; er ist ein gebohrner H** Wirth. Guten Abend, Pompey; mein Compliment an das Gefängniß, Pompey; ihr werdet nun ein braver Hausmann werden, Pompey, ihr werdet hübsch das Haus hüten.
Harlequin. Ich hoffe Euer Gnaden werden Bürge für mich seyn.
Lucio. Nein, wahrhaftig, das werd ich nicht, Pompey; es verlohnt sich der Mühe nicht; ich will um die Verlängrung eurer Gefangenschaft bitten; schikt ihr euch nicht geduldig drein, desto schlimmer für euch; fahr wohl, ehrlicher Pompey. Guten Abend, Bruder!
Herzog. Ebenfalls.
Lucio. Mahlt sich Brigitte noch immer, Pompey? ha?
Ellbogen. Fort euers Weges, Herr, fort.
Lucio. Munter, Pompey, es muß schon seyn. Was giebts neues, Frater, was Neues?
Ellbogen. Fort, Herr, geht euers Weges.
Lucio. Geh, in den Stall, Pompey, geh.
(Ellbogen, Harlequin und Bediente geben ab.)
Sechste Scene.
Lucio. Was giebts neues, Frater, vom Herzog?
Herzog. Ich weiß nichts; wißt ihr etwas?
Lucio. Einige sagen, er sey bey dem Rußischen Kayser; andre, er sey in Rom; aber wo meynt ihr, daß er ist?
Herzog. Das weiß ich nicht, aber wo er auch seyn mag, wünsch' ich ihm Gutes.
Lucio. Das war ein wunderlicher Einfall von ihm, sich aus dem Staat wegzustehlen, und auf der Betteley herumzuziehen, die seines Handwerks nicht ist. Der Herr Angelo hält indessen hübsch Haus, er beunruhiget die Uebertretung, daß es nicht auszustehen ist.
Herzog. Daran thut er wohl.
Lucio. Ein wenig mehr Gelindigkeit gegen die Galanterie möchte nicht schaden; in diesem Stük ist er ein wenig zu streng, Bruder.
Herzog. Ein so verführisches Laster kan nur durch Strenge geheilt werden.
Lucio. Frater, so lang essen und trinken nicht abgeschaft werden kan, wird es unmöglich seyn, es ganz auszurotten. Man sagt, dieser Angelo sey nicht durch den ordentlichen Weg der Natur von einem Mann und einem Weib entstanden; ist es wahr, was däucht euch?
Herzog. Wie soll er denn entstanden seyn?
Lucio. Einige erzählen, eine Wassernixe habe ihn gebrutet; andre, er sey von zwey Stokfischen gezeugt worden. Soviel ist gewiß, daß wenn er das Wasser abschlägt, sein Urin gleich zu Eis gefriert; ich weiß daß es wahr ist, und daß er zur Zeugung unfähig ist, daran ist auch nicht zu zweifeln.
Herzog. Ihr scherzet, mein Herr--
Lucio. Zum Henker, was für eine Unbarmherzigkeit ist es von ihm, um der Empörung eines H*s*nlazes willen einem ehrlichen Kerl das Leben zu nehmen? Hätte der abwesende Herzog das gethan? Ehe er jemand, und wenn es auch um hundert Bastarte willen gewesen wäre, hätte hängen lassen, ehe hätte er für tausend das Kostgeld aus seinem Beutel bezahlt. Er liebte das Spiel selbst ein wenig, und das machte ihn gelinde.
Herzog. Ich habe nie gehört, daß man den abwesenden Herzog mit Weibsleuten im Verdacht gehabt hätte; seine Neigung gieng nicht dahin.
Lucio. O mein Herr, ihr betrügt euch sehr.
Herzog. Es ist nicht möglich.
Lucio. Wie? der Herzog nicht? Das alte Mensch, das für euch bettelt, könnte euch davon sagen; er warf ihr nicht umsonst allemal einen Ducaten in ihre Büchse. Der Herzog hat seine Schliche. Er liebte auch den Trunk, das könnt ihr mir glauben.
Herzog. Gewißlich, ihr thut ihm unrecht.
Lucio. Herr, ich war ein Vertrauter von ihm; ein schlauer Bursche ist der Herzog, und ich glaube ich weiß warum er sich entfernt hat.
Herzog. Ich bitte euch, was mag die Ursache seyn?
Lucio. Um Vergebung, das ist ein Geheimniß, davon sich nicht reden läßt; aber so viel kan ich euch zu verstehen geben; der gröste Theil seiner Unterthanen hielt den Herzog für weise?
Herzog. Weise? wie, es ist wohl keine Frage, ob er es war.
Lucio. Ein sehr superficieller, unwissender, unbedächtlicher Geselle.
Herzog. Entweder ist es Neid, oder Narrheit oder Irrthum daß ihr so redet. Sein ganzes Leben, und alle seine öffentlichen Handlungen geben ihm ein besseres Zeugniß; und der Neid selbst muß gestehen, daß er gelehrt, ein Staatsmann und ein Soldat ist. Ihr sprecht also sehr unbesonnen; oder wenn es nicht aus Mangel an Einsicht geschieht, so verrathet ihr viel Bosheit.
Lucio. Herr, ich kenn' ihn und ich lieb' ihn.
Herzog. Ihr würdet ihn besser lieben wenn ihr in kenntet, und ihn besser kennen wenn ihr ihn liebtet.
Lucio. Gut, Herr, ich weiß was ich weiß.
Herzog. Ich kan es schwerlich glauben, da ihr nicht wißt was ihr redet. Wofern aber der Herzog wieder zurükkommt, so gestattet daß ich von euch begehre, euch bey ihm zu verantworten. Habt ihr die Wahrheit gesagt, so werdet ihr auch Herz haben, sie zu behaupten; meine Schuldigkeit ist, euch dazu aufzufordern, und ich bitte euch deßwegen um euern Namen.
Lucio. Herr, mein Name ist Lucio, der Herzog kennt ihn wohl.
Herzog. Er wird euch noch besser kennen lernen, wenn ich so lange lebe, ihm Nachricht von euch geben zu können.
Lucio. Ich fürchte euch nicht.
Herzog. O! ihr hoft, der Herzog werde nicht wieder kommen, oder ihr bildet euch ein ich sey ein Gegner, der euch nicht schaden könne; und in der That, ich werde euch wenig schaden, denn ihr werdet alles was ihr hier gesagt habt, wieder abschwören.
Lucio. Erst will ich mich hängen lassen; du kennst mich nicht, Frater. Doch nichts weiter hievon. Kanst du sagen, ob Claudio morgen stirbt oder nicht?
Herzog. Warum sollt' er sterben, mein Herr?
Lucio. In der That ist es hart, einem darum den Kopf zu nehmen, weil er die Hosen herunter gelassen hat; denn das ist doch zulezt alles, was er gethan hat. Ich wollte, der Herzog von dem wir reden, wäre wieder da; dieser unvermögende Statthalter wird das ganze Land durch Enthaltsamkeit entvölkern. Er leidet nicht, daß die Sperlinge in seinem Hause nisten, weil sie Liebhaber vom Paaren sind. Der Herzog würde Dinge, die im Finstern geschehen, auch im Finstern ausmachen; er würde sie gewiß nicht ans Licht ziehen. Ich wollt' er wäre wieder da! Leb' wohl, mein guter Frater; ich bitte um dein Gebet. Der Herzog, ich sag dir's noch einmal, macht sich nichts daraus, an einem Freytag von einer Schöpskeule zu essen; seine Zeit ist noch nicht vorbey; ich versichre dich, er würde eine Bettlerin schnäbeln, wenn sie gleich nach schwarz Brot und Knoblauch röche. Sag, ich hab' es gesagt, und gehab dich wohl.
(Lucio geht ab.)
Herzog. Weder Macht noch Hoheit kan dem Tadel entgehen, und die hinterrüks verwundende Verläumdung scheuet sich nicht, die weisseste Tugend anzugeifern.
Siebende Scene. (Escalus, Kerkermeister, Kupplerin, und Stadtbediente.)
Escalus. Geht, führt sie ins Gefängniß.
Kupplerin. Ach, Gnädiger Herr, schonet meiner; Euer Gnaden wird von jedermann für einen so mitleidigen Herrn gehalten! Ach mein gütiger Herr!
Escalus. Doppelt, dreyfach gewarnt werden, und doch immer in dem gleichen Verbrechen fortzufahren--das könnte die Gnade selbst zum Tyrannen machen.
Kerkermeister. Eine H** Wirthin, die das Handwerk eilf ganzer Jahre hinter einander treibt, mit Euer Gnaden Erlaubniß.
Kupplerin. Gnädiger Herr, das geschieht alles auf Anstiften eines gewissen Lucio; Jungfer Käthchen Legdich wurde schwanger von ihm, in des Herzogs Zeiten; er versprach ihr die Ehe; sein Kind ist auf nächsten Philippi und Jacobi fünf Virtheil Jahr alt; ich hab es selbst unterhalten, und das ist nun der Dank den er mir davor giebt.
Escalus. Dieser Lucio ist ein sehr ausgelassener Bursche; laßt ihn vor uns ruffen. Weg mit ihr ins Gefängniß; fort, fort, keine Worte mehr.
(Sie gehen mit der Kupplerin ab.)
Kerkermeister, mein Bruder Angelo läßt sich nicht überreden; Claudio muß morgen sterben, versorget ihn mit Geistlichen, und mit allem was er zu seiner Vorbereitung nöthig hat. Wenn mein Mitleiden ihm etwas helfen könnte, sollte es nicht so seyn.
Kerkermeister. Dieser Franciscaner ist bey ihm gewesen, und hat ihn zum Tod vorbereitet.
Escalus. Guten Abend, Vater.
Herzog. Heil und Segen sey mit euch!
Escalus. Woher seyd ihr?
Herzog. Nicht aus diesem Land, ob es mich gleich getroffen hat, eine Zeitlang mich darinn aufzuhalten; ich bin ein Bruder aus einem gesegneten Orden, und vor kurzem mit einem besondern Auftrag von seiner Heiligkeit über das Meer gekommen.
Escalus. Was giebt es Neues in der Welt?
Herzog. Nichts, als eine Neuigkeit die so alt ist als die Welt, und die doch die Neuigkeit jedes Tages ist, daß die Tugend siech und das Laster munter, und daß es leichter ist, das Böse zu strafen als selbst unverwerflich zu seyn. Ich bitte euch, mein Herr, von was für einer Denkungsart war der Herzog?
Escalus. Von einer, die sich nichts angelegner seyn läßt, als sich selbst zu kennen.
Herzog. Was für einem Vergnügen war er ergeben?
Escalus. Wenn er sich über etwas freute, so war es mehr über die Freude andrer Leute, als daß er an irgend etwas, das ihn belustigen wollte, eine sonderliche Lust gehabt hätte. Doch wir wollen ihn seinen Geschäften überlassen, und nur bitten, daß sie glüklich seyn mögen; erlaubet mir euch zu fragen, wie findet ihr den Claudio vorbereitet? Ich höre, daß ihr ihn besucht habt.
Herzog. Er bekennt, daß ihm sein Richter nicht zuviel gethan habe, und ergiebt sich mit gelaßner Demuth in den Willen der Gerechtigkeit; doch hat er Schwachheit genug gehabt, sich allerley betrügliche Hoffnungen zum Leben zu machen, die ich ihm aber so benommen habe, daß er izt entschlossen ist zu sterben.
Escalus. Ihr habt gegen den Himmel und den Gefangnen die Pflichten euers Berufs erfüllt. Ich habe mir für den armen Edelmann so viel Mühe gegeben, als es die Bescheidenheit zuließ; allein ich habe meinen Collegen Angelo so strenge gefunden, daß er mich genöthiget hat ihm zu sagen, er sey in der That die Gerechtigkeit selbst.
Herzog. Wenn sein eignes Leben mit der Strenge seines Richter-Amts übereinstimmt, wird es ihm wohl bekommen; wo nicht, so hat er sich selbst das Urtheil gesprochen.
Escalus. Ich gehe den Gefangnen zu besuchen; lebet wohl.
(Er geht ab.)
Achte Scene. (Der Herzog allein.)
Herzog. Wer das Schwerdt des Himmels tragen will, soll eben so heilig und unverwerflich seyn als er streng ist. Schaam über den, dessen tyrannische Hand die Verbrechen an andern bestraft, die er sich selbst nachsieht; dreyfache Schaam über Angelo, der andrer Laster ausreutet, und die seinigen wachsen läßt. O! was für Unrath kan in einem Menschen verborgen seyn, wenn er von aussen gleich ein Engel scheint! Wie leicht ist's dem Laster, unter dieser Gestalt, die Welt und die Zeit selbst zu betrügen, und mit schwachen Spinnenfaden die gewichtigsten Dinge, Reichthum, Macht und Ehre, an sich zu ziehen. Ich muß List gegen Laster gebrauchen. Diese Nacht soll seine ehmalige verlaßne und verschmähte Braut bey dem Angelo ligen, um durch einen unschuldigen Betrug die keusche Unschuld zu befreyen, und einen alten Eheverspruch gültig zu machen.
Vierter Aufzug.
Erste Scene. (Eine Scheuer.) (Mariane und ein kleiner Knabe treten singend auf. Der Herzog als ein Franciscaner-Mönch kommt dazu.)
Mariane. Hör auf zu singen, und begieb dich eilends hinweg. Hier kommt ein Mann des Trostes, dessen Zuspruch schon oft meinen murrenden Kummer gestillet hat--
(Zum Herzog.)
Ich bitte euch um Vergebung, mein ehrwürdiger Herr, und wünschte, daß ihr mich hier nicht so musicalisch angetroffen hättet; entschuldiget mich und glaubet mir, diese erzwungne Frölichkeit ist nur ein schwaches Lindrungsmittel meines Schmerzens.
Herzog. Es ist gut; obgleich die Musik oft eine so zaubrische Kraft hat, daß sie das Böse gut und das Gute böse machen kan. Ich bitte euch, hat niemand hier nach mir gefragt; es wird schon über die Zeit seyn, da ich versprochen habe, mit jemand an diesem Orte zusammen zu kommen.
Mariane. Es hat niemand bey mir nach euch gefragt, ob ich gleich den ganzen Tag hier gesessen bin. (Isabella kommt.)
Herzog. Ich glaube euch in allen Sachen;--Die Zeit ist gekommen, eben izt-- Ich muß euch um ein wenig Geduld bitten; ich werde euch sogleich wieder zurük rufen, um von einer Sache mit euch zu sprechen, die zu euerm Besten abgezielt ist.
Mariane. Ich werde euern Befehl erwarten.
(Sie geht ab.)
Zweyte Scene.
Herzog. Willkommen, Isabella, ihr haltet euer Wort genau; was giebt es Neues von dem ehrlichen Stadthalter?
Isabella. Er hat einen Garten, der mit einer Mauer von Ziegelsteinen eingeschlossen ist, und an der West-Seite an einen Weinberg stößt; hier ist der Schlüssel, der das Thor in diesen Weinberg aufschließt; und hier ein andrer, der eine kleine Thür öffnet, die aus dem Weinberg in den Garten führt. Hier habe ich versprochen, in der finstern Mitternacht ihm einen Besuch zu geben.
Herzog. Aber seyd ihr auch gewiß, den Weg zu finden?
Isabella. Er hat mir denselben mit einer so grossen Sorgfalt zu wiederholten malen gezeigt, daß ich ihn ganz genau angeben kan.
Herzog. Sind keine andre Verabredungen zwischen euch genommen worden, die das Frauenzimmer wissen muß, das eure Stelle vertreten wird?
Isabella. Keine andre, als daß die Zusammenkunft im Finstern geschehen soll; und daß ich ihm beygebracht, mein Aufenthalt könne nur sehr kurz seyn, indem ich mit einer Magd kommen werde, die, in der Meynung, daß ich eine heimliche Zusammenkunft mit meinem Bruder habe, auf mich warten solle.
Herzog. Das ist wohl ausgesonnen. Aber ich habe Marianen noch kein Wort von der Sache entdekt. Ha! kommt heraus, wenn es euch beliebt!
Dritte Scene. (Mariane zu den Vorigen.)
Herzog (zu Isabella.) Ich bitte euch, macht Bekanntschaft mit diesem jungen Frauenzimmer; sie kommt, euch Gutes zu thun.
Isabella. Ich wünsche, daß es zu ihrem eignen Besten ausschlage.
Herzog (zu Mariane.) Seyd ihr überzeugt, daß ich euch hoch schäze?
Mariane. Mein gütiger Vater, ich bin vollkommen überzeugt, und habe Proben davon.
Herzog. So nehmt dann diese eure Freundin bey der Hand, und höret die Geschichte, die sie euch zu erzählen hat; ich will hier auf eure Zurükkunft warten; aber beschleuniget euch; die Nacht bricht an.
(Mariane und Isabella gehen ab.)
Herzog (allein.) * O Macht und Grösse. Millionen falscher Augen sind auf dich geheftet; ganze Bände voll unächter und widersprechender Nachrichten verfälschen deine Thaten; und tausend halbkluge Wizlinge machen dich zum Vater ihrer müssigen Träume, und foltern dich in ihrer Einbildung--Willkommen! Wie versteht ihr euch mit einander?
{ed.-* Diese Rede, die augenscheinlicher Weise keinen begreiflichen Zusammenhang mit dem Inhalt dieser Scene hat, gehört, nach des Dr. Warbürtons Meynung, zum Schluß der Scene zwischen Lucio und dem Herzog in dem vorigen Aufzug; und ist, wie er glaubt, von den Schauspielern, die es nicht so genau zu nehmen pflegen, hieher versezt worden, damit der Herzog in der Abwesenheit der beyden Damen keine lange Weile habe.}
Vierte Scene. (Mariane und Isabella kommen zurük.)
Isabella. Sie will die Verrichtung auf sich nehmen, wenn ihr nichts dawider einzuwenden habt, Vater.
Herzog. Ich gebe nicht nur meine Einwilligung, sondern ich bitte euch darum.
Isabella. Wenn ihr euch wieder wegbegebet, so braucht ihr ihm nichts zu sagen, als mit leiser Stimme: ("Erinnert euch nun meines Bruders.")
Mariane. Seyd unbekümmert--
Herzog. Auch seyd ihr es nicht um euer selbst willen, meine liebe Tochter. Ein gültiger Eheverspruch macht ihn zu euerm Gemahl, und es ist also keine Sünde euch so zusammen zu bringen, indem die Gerechtigkeit euers Anspruchs an ihn den Betrug unschuldig macht. Kommt, laßt uns gehen; wir haben das wichtigste noch vor uns.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene. (Das Gefängniß.) (Der Kerkermeister und Harlequin.)
Kerkermeister. Hieher, Bursche, könnt ihr einem Mann den Kopf abschlagen?
Harlequin. Wenn der Mann ein Junggeselle ist, Herr, so kan ich's; wenn er aber ein Ehemann ist, so ist er seines Weibes Haupt; und ich kan unmöglich einem Weibsbild den Kopf abschlagen.*
{ed.-* Der Spaß ligt hier in einem Wortspiel, das sich nicht übersezen läßt.}
Kerkermeister. Laßt eure Schäkereyen, Herr, und gebt mir eine gescheidte Antwort. Morgen früh sollen Claudio und Bernardin sterben; wir haben hier in diesem Gefängniß einen öffentlichen Scharfrichter, der einen Gehülfen nöthig hat; wenn ihr euch entschliessen wollt, dieser Gehülfe zu seyn, so wird es euch von euern Fesseln frey machen; wo nicht, so macht euch gefaßt eure volle Zeit im Gefängniß auszuhalten, und bey eurer Entlassung eine unbarmherzige Tracht Prügel mit auf den Weg zu bekommen; denn ihr wißt, daß ihr ein stadtkündiger H** Wirth gewesen seyd.
Harlequin. Herr, ich bin ein unehrlicher H** Wirth gewesen; doch, das ist nun vorbey, und man redt nicht gerne davon; ich bin es zufrieden, nun ein ehrlicher Henker zu werden; es wird mir ein Vergnügen seyn, einigen Unterricht von meinem Herrn Collegen zu erhalten.
Kerkermeister. Holla, Abhorson! Wo ist Abhorson? (Abhorson kommt.)
Abhorson. Ruft ihr mir, mein Herr?
Kerkermeister. Hier ist ein Kerl, der euch morgen bey Hinrichtung der Verurtheilten helfen will; wenn ihr es gut findet, so vergleicht euch mit ihm für ein Jahr, und behaltet ihn hier bey euch; wo nicht, so braucht ihn für diesesmal, und laßt ihn wieder seines Weges gehen. Er kan sich nicht beschweren, daß er mit euch in die gleiche Linie gestellt wird; er ist ein H** Wirth gewesen.
Abhorson. Ein H** Wirth, mein Herr? Pfui, er wird unsre Kunst in einen bösen Ruf bringen.
Kerkermeister. Geht, geht, und macht euch keinen Scrupel; ihr wägt gleich viel; eine Feder würde die Wagschalen verrüken.
(Er geht ab.)
Harlequin (zu Abhorson.) Ich bitte euch, mein Herr, mit eurer Erlaubniß, nennt ihr eure Beschäftigung eine Kunst?
Abhorson. Ja, Herr, eine Kunst.
Harlequin. Mahlen, Herr, hab ich sagen gehört, ist eine Kunst, und da eure H**, welche sich sehr gut auf das Mahlen verstehen, Mitglieder meiner Zunft sind, so ist also bewiesen, daß meine Beschäftigung eine Kunst ist; aber was für eine Kunst--im Hängen seyn sollte, wenn ich gehenkt würde, kan ich mir nicht vorstellen-- ** (Der Kerkermeister kommt zurük.)
{ed.-** Hier ist, nach Herrn Warbürtons Anmerkung, eine ziemliche Lüke im Original, welche auch die zwey Reden, die noch übrig sind, ganz unverständlich macht. Es verlohnt sich der Mühe nicht, diese Scene ergänzen zu wollen, da sie selbst nach Warbürtons darauf übelangewandter Arbeit ein abgeschmaktes Gewebe von albernen Wortspielen bleibt.}
Kerkermeister. Seyd ihr mit einander übereingekommen?
Harlequin. Herr, ich bin entschlossen, sein Knecht zu seyn; denn es däucht mich, ein Henker zu seyn ist ein bußfertigeres Gewerbe als ein H** Wirth zu seyn; er bittet öfter um Verzeihung.
Kerkermeister. Macht euern Blok und euer Beil zu rechte, bis morgen um vier Uhr.
Abhorson. Komme mit, H**bube, ich will dir zeigen wie du dich zu deinem neuen Handwerk anschiken must; folge mir.
Harlequin. Ich bin sehr lehrbegierig, Herr; und ich hoffe, wenn ihr etwann Gelegenheit bekommen solltet, mich für euch selbst zu gebrauchen, ihr werdet mich eifrig finden; Eure Gewogenheit für mich verdient wahrhaftig keine geringere Dankbarkeit von meiner Seiten.
(Sie gehen ab.)
Kerkermeister. Ruft Claudio und Bernardin hieher; mit dem einen hab' ich Mitleiden; mit dem andren, der ein Mörder ist, nicht ein Jot, und wenn er mein Bruder wäre.
Sechste Scene. (Claudio kommt herein.)
Kerkermeister. Siehe hier, Claudio, dein Todesurtheil; es ist izt Mitternacht, und bis morgen um acht Uhr must du unsterblich gemacht werden. Wo ist Bernardin?
Claudio. So stark vom Schlaf gefesselt als ob er unschuldig wäre, und nichts zu befürchten hätte. Er wird nicht aufzuweken seyn.
Kerkermeister. Und was würd' es ihm auch helfen; er ist ein verhärteter Bube--Gut, begebt euch wieder weg und bereitet euch.