Ma: Ein Porträt

Part 8

Chapter 83,690 wordsPublic domain

Tomasow würdigte Andrian keiner Antwort. Er ging schweigend in sein Zimmer hinüber und ließ den Thee forträumen.

Nachdenklich schritt er dabei auf und ab.

»So ein Mütterchen!« In seinen eignen Erinnerungen spielte Elterntreue eine große Rolle. Den Vater hatte er wenig gesehen: der hatte sich zum Kaufmann und Reeder heraufgearbeitet, ungeheuer erwerbstüchtig, ungeheuer strebsam, bewußt einseitig, ohne Zeit sich Bildung anzueignen: alles das für die Kinder. Die sollten dann alles haben: Bildung, Macht, Geld, Glück. Zwei Schwestern von Tomasow verheirateten sich früh und ansehnlich. Und er, als Student der Medizin, in jugendlichem Enthusiasmus fast in nihilistische Umtriebe verwickelt, voll drängender, unruhiger Energie, kam immer wieder ins Dorf zurück, zum Großvater. Wenn er den Alten vor sich sah, eisgrau, mit den klugen, beredten Augen unter den buschigen Brauen, dann erschien er ihm in seinem Schafspelz wie ein ganz Großer, wie ein Fürst oder Gewaltherr. Herr in seiner Hütte, auf seinem Felde, Ahnherr eines starken Geschlechts. Dies Dorfbild behielt für Tomasow eine sonderbare Poesie --.

Plötzlich blieb er mitten im Hin- und Herschreiten stehn. Er horchte. Drüben im Dienerzimmer unterhielt sich Andrian mit Batjuschka. Er pfiff ihm russische Weisen vor und erzählte --.

Tomasow beschlich ein leiser Neid. Wenn Andrian seinen Kneifer fallen ließ, so war er wieder der Bauer von einst, aller europäische Firniß fiel einfach von ihm ab. Wer das ebenso machen könnte, oder aber sich eine neue Welt bauen --. Ja, der wäre erst des »Mütterchens« wert --.

Er stand auf und horchte auf das Geplauder und Gezwitscher in der Dienerstube.

* * * * *

Ma erwartete zu Hause eine Ueberraschung.

Ihre beiden Mädchen waren soeben heimgekommen. Noch stand die Wohnungsthür weit offen, und ein Bauersmann mühte sich eben damit ab, einen hohen herrlichen Weihnachtsbaum in der Stube unterzubringen.

Sophie sah die Mutter glückstrahlend an. Es war doch eine gute Idee, das mit dem Baum! Es war _ihre_ Idee. Ma hatte ihn sich doch so sehr gewünscht, und wenn sie ihr auch erst gestern abend etwas weit Großartigeres darbringen wollte, so erleichterte sie dies doch für den Augenblick.

Cita stand noch in Mütze und Pelzjacke und lohnte den Mann ab; mitten im Wohnzimmer erhob sich jetzt die Tanne und duftete wirklich wie ein ganzer Wald. Oben stieß sie sogar ein wenig an die geweißte Decke an, sodaß sie ihre höchste Spitze krümmen mußte, von der Seite jedoch breitete sie ihre Aeste ebenmäßig und tiefgrün, wie ein schirmendes Dach, über Mas Schreibtisch aus.

Sophie hatte sich an das geöffnete Pianino gestellt, das der Baum von der andern Seite überschattete, und unter seine Zweige gebückt, suchte sie ein paar Accorde eines alten Weihnachtsliedes.

Die Mutter äußerte nichts, bis der Mann hinausgegangen war. Sie sah blaß aus, und ihre Augen besaßen etwas so Stilles, so nach innen Gekehrtes im Blick.

Endlich sagte sie mit ihrer warmen Stimme: »Dank euch! Ja, dies Weihnachtsfest soll uns schön werden, wie nie eins gewesen ist! Wir wollen froh sein, wir drei zusammen! Denn es wird hier am Ort unser letztes sein. Uebers Jahr feiert auch Sophie es nicht mehr hier. -- Ich dank euch, ihr Kinder.«

Sophie, die eine leise Melodie angeschlagen hatte, brach mit einem gräßlichen Mißton ab.

Cita, eben im Begriff, ihre Sachen abzulegen, hielt erwartungsvoll inne und blickte die Mutter an.

Da ging Marianne zu ihrer Jüngsten hin und nahm sie in die Arme.

»Aber nicht getrennt!« sagte sie bewegt, »-- ich werde mein Weihnachtsfest da haben, wo du grade studieren wirst.«

»-- Ach -- Ma!« schrie Sophie auf.

Sie glaubte es noch nicht recht. Mit dunkel gerötetem Gesicht schaute sie angstvoll und zugleich strahlend zur Mutter auf und umklammerte ihren Hals.

»-- Ach, Ma --! Ist es denn wirklich wahr --?«

Dieser Augenblick that Marianne doch bitterer weh, als sie jetzt eben beim Heimkehren geglaubt hatte. Sie drückte Sophiens leuchtendes Gesicht an sich, um nicht den Ausdruck der Freude darin zu sehen.

»Ja, es ist wahr, Herzenskind. Alles Nähere besprechen wir noch ein anderes Mal. Auch mit Cita muß ich noch vieles besprechen. So ganz einfach ist es nicht. -- Aber die Sache selbst ist entschieden. Nun sollst also auch du hinaus, -- gebe Gott, einst zu deinem und deiner Mitmenschen Segen.«

Sophie drückte sich fester an sie.

Sie schämte sich schrecklich vor Cita, aber sie weinte dennoch Ströme von Thränen in Mas Hals hinein, als ob sie nichts in der Welt je von da fortreißen sollte --.

Cita stand mit großen ernsten Augen beiseite. Das Wort, das ihr innerlich kam, lautete ganz spontan: »Donnerwetter!« Aber glücklicherweise behielt sie es bei sich.

Ein tiefer Respekt prägte sich auf ihrem jungen Gesicht aus.

Plötzlich kam sie auf die Mutter zu, ergriff deren Hand und küßte sie.

»Du bist wahrhaftig der famoseste Kerl unter der Sonne, du herrliche Ma!« versicherte sie ganz begeistert.

Marianne lächelte nicht über diese Ehrfurchtsbezeugung; sie überlegte auch nicht, ob sie nun nicht gradezu glänzend ihre Autorität behauptet und die Initiative ergriffen habe.

Sie hielt ihr weinendes Kind im Arm und bückte ihr Gesicht tief zu ihm herab, als lausche sie fast gierig diesen Thränen, -- als redeten diese Thränen artikuliert zu ihr -- Süßes, Versöhnendes, Beschwichtigendes --.

Dann trocknete sie Sophie, wie einem kleinen Kinde, das nasse Gesicht mit ihrem eignen Taschentuch ab.

»Komm,« sagte sie sanft, »es ist doch ein großer Entschluß und daher ein großer Tag für dich. Geh hinaus und bring uns eine Flasche Wein. Wir wollen auf dein Wohl anstoßen.«

Sophie ging, der Mutter Taschentuch vor die Augen gepreßt, langsam, als sei dieser Tag mehr ein schwerer als ein großer für sie.

Cita sah ihr unwillig nach.

Sie bemerkte zur Mutter: »Sophie ist doch noch sehr ein Kind. Hiernach muß doch nun ein jeder denken, es ginge zur Schlachtbank. Aber du kannst mir glauben, daß sie darauf brennt, zu studieren. Man muß nur erst in ihr alles das klären und ordnen.«

Marianne schwieg einen Augenblick.

»-- Bist du es, die diesen Entschluß in ihr zu klären versucht hat?« fragte sie dann ruhig.

Cita begegnete ihrem Blick fest und offen.

»Ja, Ma. Sobald mir das selbst klar geworden war. Sie konnte nur nicht den Mut finden, dich zu fragen --. Sieh, ich stehe ja so dazu: es ist etwas, wofür ich jederzeit kämpfe und eintrete, -- wie denn also nicht, wo es die eigne Schwester gilt? Nur mit einem Unterschiede freilich: daß ich in diesem Fall nicht nur für die allgemeine Sache einstehe, sondern auch mit jedem Blutstropfen für Sophie selbst. Daß ich mich ihrem Leben verbinde, ihr helfen, zu ihr halten will jederzeit, -- was auch geschehe.«

Marianne zauderte nur noch einen letzten Augenblick. Dann reichte sie ihrer Aeltesten schweigend die Hand.

Sie schauten einander dabei voll in die Augen, wie zwei Freunde, die, wenn sie auch nicht auf ganz gleichem Boden kämpfen, es doch in gleichem Sinn und für dasselbe höchste Ziel thun.

»Ich stelle Sophie in deine Obhut, -- ich baue auf deine Treue: Höheres hab ich dir nicht anzuvertrauen,« sprach Marianne leise; »-- Sophie war ›sein‹ Liebling -- und ›seinen‹ Blick hat Sophie. Mir ist, als ginge noch einmal ›er‹ von mir hinweg, indem sie geht --.«

Cita war sehr blaß.

Ihre Schwester kam mit Rheinwein und Gläsern zurück, entkorkte die Flasche und goß ein.

Keiner von den dreien sprach ein Wort, als Marianne ihr Glas erhob und mit ihnen anstieß.

Sie küßte ihre blonde Tochter, ihr zarteres Herzenskind, doch that sie es heiter und herzhaft, um keinesfalls mehr Thränen aufkommen zu lassen.

Cita unterstützte sie in dieser Absicht nach Möglichkeit, denn es verletzte sie fast, daß Sophie heute weinen konnte.

»Eigentlich ist das ja ein Weihnachtsgeschenk, das allergrößte, und gleich unter den noch ungeschmückten Baum gelegt!« sagte sie scherzend, »-- wie kann man nur seine Gaben so vorweg verschwenden, Ma! Jetzt sollte ich von Rechts wegen alle übrigen Geschenke bekommen, denn Sophie hat nun an diesem einen vollauf genug.«

»Bis zum Weihnachtsabend hab ich vielleicht noch ein andres Geschenk für euch, -- und dann für euch beide!« erwiderte Marianne mit leisem Lächeln, und man hörte ihr an, daß sie von einer noch zaghaften, aber goldnen Hoffnung sprach.

»Noch ein andres? Noch ein schöneres? Nein, denn das gibt es ja gar nicht mehr auf der Welt. Nicht wahr, Sophie?«

Sophie schüttelte energisch den Kopf, ihre geröteten Augen strahlten jetzt doch.

»Also dies einzig ist das Schönste für sie, Besseres gibt es nicht!« dachte Marianne still, einen Augenblick lang weh berührt, doch an der verschwiegnen Hoffnung, die sie hegte, hob sich ihr Mut wieder. Diese Stunde sollte eine freudige sein, und sie wurde es. So vieles drängte sich zur Aussprache, den beiden Mädchen wurde es in diesen Minuten erst bewußt, daß sie in mancherlei Heimlichkeiten gelebt hätten die Zeit über, -- und daß es köstlich sei und an sich schon ein Fest, keinerlei Heimlichkeiten mehr zu kennen, Mas Blick und Lächeln gegenüber.

Und allgemach lenkte Marianne das Gespräch in immer ruhigere Bahnen. Sie saßen eng zusammengerückt bei der halbgeleerten Flasche, und während sie die praktische Seite der Frage näher erörterten, scherzten sie schon wieder.

Endlich stand Marianne auf. Es war fast halb sechs geworden.

»Jetzt möchte ich hineingehn und ein wenig ruhen, ihr beiden Taugenichtse. Diese Nacht war nicht gut für mich. Und morgen ist kein Sonntag mehr --. Aber von da an nehmen die Stunden endlich reißend ab. -- Bis wir um halb sieben essen, bin ich wieder da. Sollte nun noch inzwischen ein Sonntagsgast kommen, so bestrickt ihn mit so viel Liebenswürdigkeit, als ihr wollt, mich jedoch soll er auf alle Fälle in Frieden lassen.«

An der Thür wendete sie sich noch einmal nach den Mädchen um und nickte ihnen zu. Sie sah ihre leuchtenden zutraulichen Augen, und ein warmes Dankgefühl kam über sie, als fiele langsam von ihren Schultern eine Last, unter der gebückt sie gegangen war: -- wieder lagen jetzt die Herzen ihrer Kinder offen und ihr zu eigen vor ihr da, wie ihre blühenden Gärten. --

Nur ein Sonntagsgast schellte ein wenig später. Es war Tomasow.

Marianne hatte gewußt, daß er noch kurz vorsprechen wollte, indessen hatte sie selbst ihn in diesen Stunden vollständig vergessen.

Die beiden Mädchen erzählten ihm wörtlich den Auftrag der Mutter, falls jemand zu Besuch käme. Er mußte lachen --, nun wußte er genug.

Was etwa noch fehlte, ergänzte ihm ein einziger Blick auf die Schwestern. Sophies Gesicht war noch voll roter Thränenspuren. Cita war blaß und die dunkeln Augen brannten ihr.

»Nun, das hier scheint mir ja schon mehr ein Bacchanal gewesen zu sein!« bemerkte Tomasow, als er ins Wohnzimmer kam, wo noch die leeren Gläser standen.

Sophie fuhr es heraus: »Ja --! Denn ich soll nun Cita ins Ausland folgen und von Ostern ab Medizin studieren!«

Sie kam aus der Küche, die weiße Schürze schief umgebunden; heute konnte man wohl einige Bedenken wegen ihrer Beaufsichtigung des Mittagmahles hegen.

Tomasow sprach das nicht aus; er sagte nur: »-- So, so. -- Nun, und Ma, -- was sagt denn die dazu?«

»Ma ist es ja grade, die es selbst vorgeschlagen hat,« erklärte Cita.

»So. -- Nun, und wo wird denn Sophie diese große That thun?«

Sophie rief: »Aber natürlich in Berlin!«

»Natürlich da, wo ich mit ihr zusammen sein kann,« meinte Cita.

»Nein, Cita, das kannst du so doch nicht sagen. Deshalb allein doch wohl nicht,« verbesserte Sophie einschränkend.

Tomasow hatte sich im Schaukelstuhl niedergelassen.

Er nahm seinen Kneifer aus der Seitentasche, rieb ihn mit einer Ecke des bastseidenen Taschentuches klar und setzte ihn auf seine etwas stumpfe Nase. Dann blickte er den beiden sichtlich noch ganz aufgeregten Mädchen nacheinander prüfend ins Gesicht.

»Eine kleinere Universitätsstadt, -- eine solche natürlich mit gut bestellter medizinischer Fakultät, -- wäre für den Beginn ebenfalls nicht übel!« bemerkte er langsam.

»Ach nein!« rief Sophie unwillig und ergriff ihn am Aermel, »-- daß Sie sich nicht etwa unterstehn, Doktor Tomasow, unsrer Ma dergleichen einzublasen!«

»Aber Sophie, du benimmst dich rein wie ein Kind!« tadelte Cita, von der zwanglosen Intimität dieser Worte unangenehm berührt.

»Mir scheint hiernach aber doch,« nahm Tomasow sehr gelassen das Wort, »daß Sophie nur mit löblicher Offenherzigkeit ihres Herzens Meinung, -- und auch Ihres Herzens Meinung, Cita! -- kundgibt. Mir scheint, daß bei Ihnen die Wahl des Ortes fast eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die soeben erst eingeholte Erlaubnis zum Studium selbst, -- hab ich nicht recht?«

Sophie errötete und wollte widersprechen. Aber Cita setzte sich Tomasow gegenüber seitwärts auf einen Stuhl, schlang den Arm um die Lehne und bemerkte eifrig: »So kindisch ist es nicht zu nehmen, wie es bei Sophie leicht aussieht. Allerdings freut sie sich darauf, -- und ich für sie! -- daß sie auch außerhalb des Studiums am Leben teilnehmen wird. Aber selbstverständlich nicht etwa an seichten Vergnügungen! Nicht um irgend welcher Genüsse willen, die eine große Stadt naturgemäß reicher bietet, --.« Citas Lippen kräuselten sich bei dieser Erwähnung fast so verächtlich, wie die einer jungen Nonne, die im Kloster vom Weltverzicht spricht.

Im »Spalt« nebenan, wohin Sophie eben verschwunden war, um einiges Geschirr für die Küche zurechtzustellen, hörte man es beängstigend laut klirren.

»-- Sondern --?« forderte Tomasow Cita zum Weitersprechen auf. Der Kneifer saß ihm noch immer auf der Nase. Eigentlich hatte sie wenig Lust, weiterzusprechen. Sie fand ihn heute ganz merkwürdig arrogant aussehend.

»-- Sondern um teilzunehmen am Leben der heutigen strebenden Frauenwelt, -- an dieser ganzen Bewegung,« sagte sie dennoch. »Sophie wird sich bald, so wie ich es thue, innerlich eins damit fühlen, daran emporwachsen --«

»-- Jedenfalls hat es etwas Begeisterndes!« fiel Sophie ein, die es doch nicht aushielt, im Hintergrunde zu bleiben. Sie hatte das Geschirr niedergesetzt und trat wieder zu ihnen. Sie fand, daß man ganz über sie hinwegspräche, während es sich doch ausschließlich um ihre eigenste Angelegenheit handelte. Auch sie wollte sich Luft machen und mit ihrer Ueberzeugung herausrücken.

So fuhr sie lebhaft fort: »Es ist doch etwas ganz andres, ob man so vor sich hin studiert und nur ganz egoistisch an die eigne Zukunft denkt, -- oder ob man mit allen zusammen diesen neuen großen Zielen entgegengeht. -- -- Es hat etwas Begeisterndes!« wiederholte sie mit einer inbrünstigen Betonung, die darüber hinweghelfen sollte, daß ihr gar nichts weiter einfiel.

Sie stand neben Tomasows Stuhl, sodaß er zu ihr hinaufsehen mußte. Wie sie diese Worte mit so viel Wärme sprach und dabei so zart und lieblich dastand, flog ein Ausdruck durch seine Augen, der Cita frappierte, obwohl sie ihn nicht verstand. Arrogant nahm er sich jedenfalls nicht mehr aus.

Tomasow nickte vor sich hin und bemerkte, indem er den Kneifer fallen ließ: »Ja ja, es ist schon so. Studieren oder nicht, -- das ist gar nicht mehr allein die Frage. Sondern damit bildet sich zugleich ein neuer Typus der Frauen heraus, -- ja, gewissermaßen ein neuer Typus, man muß es wohl so nennen. Damit, daß eine studiert hat, ist es nicht mehr abgethan.«

»Sehr richtig! Man muß das nur erst allerseits einsehen lernen!« bestätigte Cita billigend, während ihre Schwester mit einem unterdrückten Seufzer in die Küche abging, obwohl sie sich weit lieber an dieser interessanten Diskussion beteiligt hätte.

»Sind Sie nun eigentlich für oder gegen den neuen Typus -- so im Grunde Ihrer Seele, Doktor Tomasow? Farbe bekennen!« fügte Cita lächelnd hinzu.

Jetzt waren seine Augen wieder voller Spott.

Er verneigte sich, das Lächeln zurückgebend, ironisch vor dem jungen Mädchen.

»Werde die Ehre haben, mich zu entscheiden, sobald Sie mir das erste vollzählige Regiment neuer Musterexemplare vorführen! -- -- Einstweilen, -- Sie wissen: wer neue Wege sucht, muß sich drauf gefaßt machen, unter Umständen mit zerfetzten Kleidern und einigen dicken Beulen und Schrammen aus dem Dickicht wieder aufzutauchen, -- -- was einem Frauengesicht --«

»-- Davor fürchten wir uns nicht, Doktor Tomasow!« unterbrach ihn Cita etwas scharf, einen feinen Hochmut um die Lippen.

»Nein, -- wie ich sehe!« versetzte er, und wieder glitt der Ausdruck von vorhin durch seine Augen, »-- auch befürchte ich selbst für euch beide jetzt noch kaum sehr viel. Nein, für euch beide minder als für manche andre. Denn möglicherweise seid ihr bis zu gewissem Grade -- gefeit. -- Obschon keinesfalls durch euer eignes Verdienst,« fügte Tomasow hinzu, indem er sich aus dem Schaukelstuhl erhob. »Ich muß nun gehn. Meinen Gruß eurer Mutter und der kleinen zukünftigen Kollegin.«

»Gefeit, und nicht durch eignes Verdienst?!« wiederholte Cita erstaunt und entrüstet. Auch sie stand auf und trat mit ihm hinaus auf den Vorflur; »-- das wäre wirklich das Aeußerste. Wenn wir einmal durch eigne Kraft etwas Tüchtiges geworden sind, werden Sie uns auch noch das Verdienst daran abstreiten --! Ich möchte wissen, wer dies Verdienst -- --«

Sie vollendete nicht, weil sich grade die Thür zu Mariannens Schlafzimmer öffnete, und diese in den Gang hinaustrat, wo ihr Sophie von der Küche her entgegenlief.

»Das Essen ist gleich fertig!« rief Sophie erhitzt.

Marianne kam auf den Gast zu.

Tomasow, der schon im Pelz, zum Fortgehn bereit, dastand, blickte Cita schweigend an.

Und plötzlich verstand sie, was er meinte, -- wen er meinte --. Ihre Entrüstung hielt nicht stand, fast gegen ihren Willen kam Demut in ihre Augen, als sie dem Ehrfurchtheischenden in seinen Augen begegnete. Denn dieser Blick hatte fast etwas Gebieterisches, etwas, was sich ihr eindrücken, einprägen wollte, wie eine Stimme, die deutlich sprach: »Ihr seid die Kleinen, die eine Große großmütig auf ihre Schultern hebt. Eine, die ihre Schultern beugt, damit sie euch tragen kann. Ich weiß das: ich habe geholfen, euch da hinaufzuheben. Nun seht ihr euch die Welt von da oben an!«

»Was, Sie wollen schon gehn?!« fragte Marianne und gab ihm die Hand.

»Ja, ich muß gehn. Und Sie, lassen Sie gefälligst die Suppe auf dem Tisch nicht kalt werden, -- nach meiner Berechnung hat sie heute dem jüngsten Fräulein Tochter arge Mühe gekostet. -- -- Froh bin ich, Sie noch zu sehen. Sie sind aber auch eine entsetzliche Langschläferin, meine Gnädige.«

»Ja, ich habe wirklich geschlafen!« sagte Marianne.

Sie stand lächelnd, mit schlafroten Wangen, wie ein eben aufgewachtes Kind, und mit blinzelnden Augen da, denen das Lampenlicht noch weh that.

An jeder Seite hing ihr jetzt eine Tochter. Sophie hatte ihr einen Arm um die Hüfte geschlungen und sich an sie geschmiegt, sodaß sie nicht vorwärts gehn konnte. Cita schob ihre Hand leise in den Arm der Mutter.

Marianne stand da und strahlte in einer so warmen und innigen Schönheit, daß Tomasow ganz betroffen davon war.

»-- Sie ist ja doch die tausendmal Jüngste von allen dreien, -- die tausendmal Anfänglichere --; sie ist wie das Leben an der Wurzel selbst und am unversieglichen Anfang --!« dachte er wie berauscht, als er die Treppe hinabstieg.

Ganz langsam trat er den Heimweg an.

Ein eigenartiges Triumphgefühl mischte sich in sein Entzücken über Marianne, -- eine feine Sensation, wie sie ihm nur durch ihr Wesen vermittelt wurde. Das kam von dem ausschlaggebenden Anteil, den seine Bestimmungen an allen ihren wichtigen Entschlüssen zu haben pflegten. Was sie so schön und sieghaft aussehen ließ, führte stets irgendwo auf einen Einfluß, ein Zureden, einen Rat von ihm zurück: und bei ihrer ganzen Art, so tief und inbrünstig zu leben, lag in dieser Mitarbeit daran etwas, was seinen Ehrgeiz wunderlich erregte.

Mochte er auch in seinem persönlichen Dasein enttäuscht oder gleichgültig geworden sein in hundert Punkten, -- in diesem einen Punkt fühlte er um viele Jahre jünger, in diesem einen Punkt bekam seine Energie wertvollen Spielraum und großen Stil.

Als sich Tomasow schon seinem Hause näherte, blieb er zögernd stehn. Er bog in eine hügelige Seitenstraße und schritt sie langsam hinauf, bis ihm die kleinen erhellten Fenster des Stifts für unbemittelte Frauen entgegenblinkten.

An den Zaun gelehnt, schaute er nach dem Erdgeschoß hinüber, dann trat er an das Mittelgebäude heran und klopfte mit seinem Stock leicht an das Fenster von Wera Petrownas Stube, wo kein Licht brannte.

Das Klopfen wurde sofort von innen erwidert, und als er dann durch den Hausflur ging, wurde auch schon die Zimmerthür geöffnet.

Wera Petrowna war eifrig damit beschäftigt, die Lampe anzuzünden, sie sagte vor aller Begrüßung, indem sie eilig ein Streichholz anstrich, abwehrend: »-- Ja, ich weiß, -- ich weiß schon: ich soll nicht abends im Dunkeln dasitzen, um den Tropfen Petroleum zu sparen, und vorzeitig einzunicken auf dem alten Sofa, und dann nachts nicht zu schlafen --. -- -- Aber ich bin wirklich eben erst nach Hause gekommen, -- und, der Abwechslung halber, -- -- es denkt sich so gut im Dunkeln.«

Sie setzte die Glaskuppel auf die Lampe, deren schwerer Fuß und vorzügliches Brennwerk aus bessern Zeiten stammten, und schob sie in die Mitte des Tisches vor das geblümte Sofa.

»Unverbesserlich!« bemerkte Tomasow.

»Herrlich, daß Sie mal kommen! Seit einer Woche freu ich mich schon von Tag zu Tag, --« lenkte sie ab und ging geschäftig zu der Kommode, wo das Schachbrett nebst Figurenkasten immer bereit stand.

Sie griff nach dem Brett und schaute Tomasow fragend und bittend an.

»-- Sie mögen doch --?«

Er nahm ihr Brett und Kasten ab, trug beides auf den Tisch und rückte einen Stuhl heran.

Aber anstatt die Figuren aufzustellen, setzte er sich nur hin, stützte den Kopf in die Hand und blickte zerstreut in das geöffnete Kästchen, als müsse er raten, was darin sei.

Wera Petrowna hatte sich ihm gegenüber auf das Sofa niedergelassen und sah erwartungsvoll zu. Als nichts weiter kam, schüttelte sie den Kopf.

»Schlechter Laune!« konstatierte sie erbarmungslos.

Dabei schob sie ihm aufmunternd die Zigarettenschachtel hin. Die Zigaretten ihres Neffen waren gar nicht zu verachten.

»Von wo kommen Sie denn? Hat vielleicht irgend ein Patient Ihnen den Kopf beschwert?«

»Nein. Ich komme jetzt eben von Frau Marianne.«

»Ach so -- --, am Ende -- -- selbst Patient --?«

Tomasow schaute zu ihr hinüber und runzelte merklich die Stirn.

Die Alte setzte ihr allerharmlosestes Gesicht auf.

»Nun, nichts für ungut. Mit bejahrten schwatzhaften Personen muß man Nachsicht üben, lieber Tomasow. -- -- Und wir Frauen sind nun mal so veranlagt, daß es uns immer nur von der Liebe zu singen und zu sagen drängt.«

Er mußte unwillkürlich lächeln, Wera Petrownas Worte und ihr Aeußeres bildeten einen zu heitern Kontrast. Mit ihrem alten energischen Gesicht und im fadenscheinigen weiten schwarzen Gewande, -- dem ziemlich traurigen Produkt eigner Schneiderkunst, -- in dem sie zu Hause umherging wie in einem Talar, sah sie einem herabgekommenen russischen Popen um vieles ähnlicher als einer Frau.

Vorhin, in der Eile, von seinem Besuch überrascht, hatte sie vergessen, ihre Alltagshaube aufzustülpen; der Ofenhitze wegen, die nichts zu wünschen übrig ließ, bedeckte sie ihr dünnes Haar am liebsten gar nicht, das, wie unter einem durchsichtigen Schleier, überall schon die Kopfhaut hell durchscheinen ließ und ihr jetzt hinten in traurigen kleinen Strähnen lose in den starken Nacken hing.

»Warum haben Sie eigentlich nicht geheiratet?« fragte Wera Petrowna plötzlich. Sie war aufgestanden, langte sich mit ausgestrecktem Arm ihre alte Tüllhaube von einem Nebentisch und that sie auf ihren Kopf wie eine Krone; »-- schon längst hätten Sie das vollbringen können, -- selbst im Auslande --«

»Einer Ausländerin würde es hier nicht behagt haben,« bemerkte Tomasow, eine Zigarette anzündend.