Ma: Ein Porträt

Part 6

Chapter 63,656 wordsPublic domain

»Sie ist darin einfach bewunderungswürdig!« dachte Marianne aufrichtig, die inzwischen ganz still geworden war. Sie hatte genug damit zu thun, gegen ihre Abspannung anzukämpfen, von der sie an solchen Tagen, beim ersten Nachlassen von Pflicht oder Freude, überfallen werden konnte.

Hin und wieder verschwammen ihr die Worte der andern in einem eintönigen Gesumm. Sie wußte sich sogar ganz gut im stande -- zu ihrer eignen Beschämung --, auf diesem bequemen Stuhl mitten unter ihnen allen recht tief und süß einzunicken, um dann zu einer gegebenen Zeit frisch und heiter zu erwachen, von neuem aller ihrer Kräfte Meister --.

Erschrocken bemühte sie sich, besser zuzuhören. Fräulein Clarissa schwärmte soeben von Oesterreich.

»Das ist ganz Wasser auf die Mühle meiner Frau!« sagte der Schwager. -- »Die ist ganz versessen drauf, und nun gar Wien! -- Hier ist nur das Diesseits, dort das schönere Jenseits: so etwa denkt sie sichs. Und die Praterfahrten, und die feschen Offiziere, -- nicht wahr, Tilie?«

Er sprach mit gutmütigem Spott, Stockrusse, wie er durch und durch war, kaum je über die Landesgrenze gekommen, und vielleicht zu seiner eignen Verwunderung mit einer halben Nichtrussin verheiratet. Sein naiver Chauvinismus kam seiner Karriere als höherer Beamter sehr zu statten, war indessen intensiv ehrlich gemeint.

Ottilie erwiderte gar nichts. Doch hatten sich alle Züge ihres Gesichtes während seiner Worte verändert, strafften sich plötzlich, -- es sah aus, wie wenn sie sich auf Eis legte. Die Theekanne zitterte leicht in ihrer Hand.

Nur Marianne bemerkte es. Ganz erstaunt sah sie die Schwester an. Ach so, -- der fesche Offizier?! -- Nein, das konnt es doch wohl nicht sein? Ein österreichisch-ungarischer schmucker Husar, Leichtfuß und nichtssagend, hatte Ottilie einst einen Heiratsantrag gemacht -- in gänzlicher Verkennung der materiellen Verhältnisse. Eine belanglose Schwärmerei Ottiliens. Wie belanglos, das empfand Marianne damals doppelt deutlich gegenüber ihrem eignen Bündnis, das sie kurz zuvor eingegangen war.

Sie erinnerte sich noch ganz gut, wie heftig der zigeunerische Teint und die Husarentracht die Schwester bestachen. Und um wie viel älter sie sich selbst urplötzlich daneben vorkam. Um so viel älter wie erglühende inbrünstige Jugend neben den Gefühlswallungen der Backfischentwicklung.

Ottiliens Mann hatte die Bedeutung dieses ominösen Husaren offenbar rein vergessen. Ottilie hatte sie jedoch sonderbarerweise hinter ihrer ruhigen, liebenswürdigen Verschlossenheit ganz und gar nicht vergessen. Der Schwager schien nicht allzuviel Ahnung von den geheimen »Tiefen« in seiner Frau zu haben.

Nikolai rückte immer unruhiger auf seinem Stuhl herum und schielte nach der großen Wanduhr gegenüber. Er wagte aber nicht, aufzustehn. Der Blick seiner Mutter, der jetzt um eine Nuance schärfer und gereizter schien als vorher, mahnte ihn wiederholt daran, daß auch er einen, wenn auch nur bescheidenen Beitrag zur Unterhaltung zu liefern habe, weil es sich für seine Jahre schicke, die Umgangsformen zu üben.

Nikolai zermarterte sein Gehirn. Ihm kam eine entsetzliche Menge von Gedanken und Vorstellungen, aber sie waren alle so merkwürdig unpassend.

Schon war er nahe daran, bei Tante Marianne einen kleinen Gedanken zu borgen. Da fiel ihm grade noch etwas ein, und er sagte ganz verzweifelt, -- viel zu laut mitten hinein ins Gespräch der übrigen: »In unsrer Schule ist ein Junge für immer abhanden gekommen.«

»Wie denn abhanden gekommen?« fragte Marianne befremdet.

»Ja so, ganz abhanden. Er war dort Pensionär, lief fort und hinterließ einen Zettel, daß er sich töten wolle. Niemand weiß, wo und was. Seine Eltern leben in Südrußland. Man hat ihn noch nicht aufgefunden.«

Ein kleiner Alarm entstand am Theetisch. Nikolai war ganz stolz. Alle redeten durcheinander.

»Mein Himmel, daß du das auch nicht gleich erzählt hast!« rief sein Vater.

Nikolai nahm sich das heimlich bereits für das nächste Mal vor, wenn wieder ein Junge abhanden kommen sollte. Er hatte gefürchtet, es sei im Hinblick auf einen Gast ein zu bescheidener Beitrag.

Ottilie seufzte. Sie sah streng und bitter aus.

»Das sind Zustände!« bemerkte sie empört. -- »Ja, wenn schon die Kinder so anfangen! Dann ist es freilich nicht zu verwundern, wenn sie sich ohne alle Zucht und Sitte erst recht töten, nachdem man sie glücklich bis zum Erwachsensein durchgebracht hat. Was für ein Kind muß das gewesen sein, das so etwas Schändliches thut.«

»Und welch eine Behandlung, die so etwas ermöglicht!« setzte Marianne im stillen hinzu. Sie erschauerte. Konnte man sich wohl je genügend tief in eine Kinderseele hineindenken, die zu solchen Entschlüssen gelangt war? Vielleicht bezwungen vom Heimweh, -- von irgend einer unverstandenen Angst, -- Angst vor dem ganzen Leben selbst vielleicht, -- wer weiß es denn?

Und ihr wurde das Herz ganz weit und groß, als müßte sichs über eine Welt ausdehnen und alle Kinder darin umfassen, -- mit solcher Wärme und Inbrunst umfassen, daß keins davon ausgeschlossen bliebe.

Ganz verträumt und zerstreut stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie jetzt hingehn könnte und suchen und finden, und wie das ratlose Kind, anstatt in irgend eine letzte Dunkelheit, sich hinein verfangen würde in helfende, starke, mutterzärtliche Hände --.

Endlich erhob man sich.

Nikolai entfloh. Die kleinen Brüder machten ihre Runde mit einem schläfrigen, etwas schwankenden Kratzfuß und wünschten gute Nacht. Im Nebenzimmer wurde der schöne Flügel geöffnet, und Fräulein Clarissa setzte sich davor, um ein Arie aus Figaros Hochzeit vorzutragen.

Marianne griff der Gesang an. Die Stimme, ein prachtvoller Alt, erwies sich als zu groß für das nicht sehr geräumige Zimmer. Ottilie ließ sich augenscheinlich nicht weiter davon anfechten, übrigens war sie auch nicht sonderlich musikalisch.

Der Schwager setzte sich zu Marianne. Er schob ihr ein bequemes Kissen in das Sofa, dessen Polsterlehne im Rücken unbequem einfiel, und warf seine Zigarette fort. Etwas so Sorgliches besaß er.

»Findest du nicht: Tilie sieht schön und vorteilhaft aus, sogar neben der viel Jüngern, -- ihr seid eine dauerhafte Rasse, ihr beide!« bemerkte er mit einem freudigen Blick auf seine Frau, die am Flügel stand.

»Ja. Ich bewunderte sie heute wiederholt,« gestand Marianne.

Er nickte eifrig.

»Einfach famos!« Und er versank in Gedanken über die Vorzüge seiner Frau, die er aufrichtig liebte.

Inotschka hatte sich hinter das Sofa geschlichen, gegen das sie sich lehnte, indem sie ihre Arme auf seiner Rückseite verschränkte, sodaß sie Mariannes Haar berührten.

Marianne gab leise nach und legte den Kopf zurück an die magern zärtlichen Mädchenarme, von denen sie wußte, wie viel lieber sie sie herzhaft umhalsen würden.

Immer hatte sie an sich gehalten, wenn sie spürte, daß ihr Inotschkas Vertrauen entgegenflog, denn sie durfte sie nicht der Mutter wissentlich entfremden.

Dadurch wurde der Wortaustausch zwischen ihnen wunderlich einsilbig und karg. Doch beredter als Worte schlich sich eine feine leise Zärtlichkeit ergänzend in ihren Verkehr, kaum wahrnehmbar andern, kaum merklich ihnen selbst --.

Marianne dachte: »-- Wenn Inotschka erst älter und reifer ist, dann wird sie mir auch mehr zugehören dürfen. Ueber diese paar Jahre muß sie hinweg, wie so viele --.«

Und sie dachte dankbar daran, daß in diesem Alter nicht viele so ganz eins im Sinn und Sein mit der eignen Mutter sind, wie es Cita und Sophie mit ihr gewesen waren.

Darüber fiel ihr der heutige Nachmittag wieder ein --.

Aber sie wollte nicht wieder zaghaft werden: diese Zeit der innigsten Zueinandergehörigkeit konnte nicht vorbei sein. Wußte doch sie am allerbesten, wie viel, wie unendlich viel sie ihren Kindern noch gar nicht gegeben, noch gar nicht mit ihnen geteilt hatte, weil sie auch jetzt noch zu jung und unerfahren waren, um alles zu empfangen. Voll Freude und Ungeduld ersehnte sie die Zukunft, wo ihnen einmal alles, ihr ganzer tiefster Lebensgewinn, zu eigen werden durfte. Wo sie einander ganz verstanden und durchdrangen, wie drei Freunde, -- um miteinander eine unzertrennliche seelische Einheit zu bilden. Dann erst würden alle ihre Schmerzen und Erfahrungen, alle ihre Kämpfe und Siege kostbare Ernte tragen, -- eine Ernte auf den Feldern ihrer Kinder --.

Marianne bekam Heimweh nach ihren beiden Mädchen, es trieb sie aus dem heißen Zimmer nach Haus.

Als sie endlich mit gutem Anstand fortgehn konnte, war es über dem Singen elf Uhr geworden.

Die Begleitung des Schwagers schlug Marianne aus. Sie schlich sich nur noch für einen Augenblick in die große Schlafstube, um das jüngste Bübchen in seinem Gitterbett schlummern zu sehen, was sie nie zu thun unterließ.

Dann gab ihr Inotschka das Geleit bis auf die Treppe hinaus.

»Wann kommst du denn wieder zu uns, Tante Marianne?« fragte sie ganz zum Schluß und lehnte sich über das Treppengeländer.

»Sehr bald, mein liebes Kind, -- ich komme ja schon übermorgen wieder, zu Nikolais Konversationsstunde,« antwortete Marianne.

Inotschka schwieg eine Weile, aber als Marianne schon hinunterging, bemerkte sie zögernd: »Weißt du, -- ich sticke Pantoffeln für Mama zu Weihnachten.«

»So? Bist du noch nicht mit den Weihnachtsarbeiten fertig?« fragte Marianne.

»Nein, nicht ganz. Da dachte ich, -- mit dem Pantoffel könnte ich mich gut in unsre Lernstube setzen, während du bei Nikolai bist --. Meinst du nicht auch?«

Marianne sah zu ihr hinauf.

»Gewiß, wenn Mama nichts dagegen hat? Aber du mußt sie lieber erst fragen.«

Inotschka nickte schweigend.

»Gute Nacht, meine kleine Ina!« rief Marianne ihr noch zu, während sie schon die letzte Treppe hinabstieg.

Indessen Inotschka antwortete noch nicht gleich, sie bückte sich nur tiefer über die Brüstung, und erst als sie nicht mehr wissen konnte, ob ihre Worte von unten her noch vernehmbar wären, rief sie zaghaft, mit gedämpfter Stimme, und ganz hastig hinunter: »Gute Nacht! Gute Nacht! Ich muß dir doch noch schnell sagen, daß ich dich ganz schrecklich lieb habe, und daß du mich fortnehmen sollst zu dir, und daß ich immer bei dir sein will und nirgends sonst. Und daß du mich nicht so stehn lassen sollst -- nicht so allein --.«

Sie brach ab. Schon während der ersten Worte schloß der Portier unten geräuschvoll die Hausthür auf, die dann mit einem mächtigen Knall zuklappte.

Im Treppenhause wurde es plötzlich so beängstigend still.

»Sie hat nichts gehört, -- gar nichts hat sie gehört. Das ist mal gut. Unsinn, -- wozu auch!« sagte Inotschka wesentlich lauter als vorhin.

Aber obwohl sie es gut fand, daß Marianne nichts mehr vernommen hatte, verfinsterte sich ihr schmales Gesichtchen mit dem weichen Munde. Sie drückte die Zähne auf die Lippen und rieb sich mit blinzelnden Augen, um nicht loszuweinen, am Geländer, bis die Stimme der Mutter von drinnen in erstauntem Ton nach ihr rief.

=III.=

Seit zehn Uhr waren die jungen Mädchen von ihrer Schlittenfahrt im Sternschein zurück.

Cita saß schon eine Weile auf dem Rande ihres weißlackierten Eisenbettes und zog sich bedächtig die Strümpfe von den hübschen Füßen.

Sophie ging noch unausgekleidet umher, sie machte sich bei ihren Büchern zu schaffen, die sie auf ihrem Tisch am Fenster aufzustapeln pflegte, und etliche von ihnen trug sie ins Wohnzimmer auf den Schreibtisch der Mutter hinüber.

Dabei sprach sie kein Wort. Sie war schon den ganzen Abend gegen ihre Gewohnheit still gewesen und behielt auch jetzt die Miene einer düster Versonnenen.

Cita legte gähnend ihre Strümpfe auf den Stuhl am Bett.

»Schlittenfahren ist ganz schön,« entschied sie, »aber dies gesellige Vergnügtsein von Männlein und Weiblein, die nichts Besseres zu thun wissen, -- wie bin ich froh, daß ich mich davon gründlich entwöhnt habe! Kindisch ist es einfach. Es gibt doch wahrhaftig ernstere Aufgaben in der Welt.«

»Meinetwegen kann es auch aufhören,« versetzte Sophie apathisch, mit einer bekümmerten kleinen Stimme, »und auch das Schlittenfahren, und überhaupt alles.«

Sie kam eben wieder aus dem Wohnzimmer zurück. Cita fragte gar nicht, was sie dort eigentlich treibe, sie wußte gar nicht, daß Sophie soeben ihre Studienbücher und Lieblingswerke auf Mas Schreibtisch aufgeschichtet hatte, wie man sündhafte Kostbarkeiten auf einen Scheiterhaufen trägt.

Sie wollte Ma so gern nach der heutigen Kränkung ihre rückhaltlose Ergebenheit beweisen. So gern ihr zeigen: »Siehst du, ich entsage allem, was mich von hier fort zu locken anfing! Schließe es für immer vor mir zu.«

Aber Cita brauchte das einstweilen noch nicht zu wissen. Denn Sophie fürchtete sich entsetzlich davor, ihr eignes Thun klar und endgültig aussprechen zu hören.

Sonst hätte sie es noch am liebsten heute abend Hugo Lanz anvertraut. Ja, dem am ehesten! Sie meinte: wenn er zum Beispiel, davon erschüttert, nun auch seinerseits alle ehrgeizigen Pläne fahren ließe, dann hätten sie gemeinsam trauern, sich gemeinsam trösten und ermannen können.

Er würde dann kein Dichter werden, sondern ein Kaufmann, und sie kein Arzt, sondern -- sondern vielleicht irgend wann einmal die Frau eines Arztes, Dichters oder Kaufmanns in der Welt.

»Geh doch endlich schlafen!« rief Cita in ihre schwermütigen Betrachtungen hinein. Sie selbst lag bereits im Bett, grade auf dem Rücken ausgestreckt, die Arme über dem Kopf verschränkt.

Sophie setzte sich zu ihr auf die Bettkante.

»Glaubst du, daß es glückliche Ehen gibt?« fragte sie langsam und ernst.

Cita gähnte gleichmütig.

»Ja,« versetzte sie nach kurzer Ueberlegung, »aber entschieden nur unter den Frauen, die sich unsrer Frauenbewegung anschließen. Das ist sonnenklar: denn die setzen sich in den Stand, sich selbst zu versorgen, den Mann nicht zu brauchen. Also kann es die schlimmste Eheschließung überhaupt nicht mehr geben: nämlich die wegen Geld und ohne Liebe. Dafür sind andre, schönere nun erst möglich, --«

»Zum Beispiel sogar ohne Geld und mit Liebe!« fiel Sophie hoffnungsvoll ein. Wie schön war das eigentlich! Aber davon schloß sie sich auch aus, wenn sie nicht Arzt wurde, -- kein selbständiger, erwerbender Berufsmensch.

Cita sagte plötzlich leise: »An die ganze Heiraterei mag ich aber einstweilen weniger als je denken. -- -- Weißt du, es hat etwas so Schreckliches: man ist keines Menschen sicher, -- jedem kann noch einfallen, das Verrückte zu thun und zu heiraten. -- -- Stell dir zum Beispiel vor, daß unsre Ma -- --«

Sophie stellte es sich nicht vor. Sie schüttelte den Kopf und lachte.

»Schäm dich,« sagte sie kurz.

Cita richtete sich im Bett auf. Ihre dunkeln Augen hefteten sich erregt und finster auf die Schwester.

»Nein, nein, glaube mir! Ich behaupte nur, daß so etwas möglich ist, -- nichts weiter. Aber möglich ist es. Es ist möglich, es ist möglich.«

Der Ton, in dem sie es wiederholte, wurde immer härter und kälter. Nach einer Pause fuhr sie fort: »Und wer könnte auch was dagegen thun, dagegen sagen? Schließlich ist es doch das Recht eines jeden Menschen -- --. Auch Mas Recht also, -- -- jawohl, unsrer Ma auch, die bis jetzt so ganz ausschließlich uns gehörte, -- ganz allein _unsre_ Ma war, an die niemand sonst den geringsten Anspruch machen darf. Niemand, niemand --«

»Nein, niemand!« bestätigte Sophie gedehnt. »Niemand außer uns --«

»Es ist aber ihr gutes Recht! Vergiß nicht: ihr gutes Recht!« fiel Cita nachdrücklich ein. »Von uns ist es ganz unberechtigt, so zu sprechen. Ja, vollständig. Mama kann jeden Tag heiraten, wenn sie will, -- und überhaupt thun und lassen, was sie will --«

Sie brach ab. Ihre Stimme vibrierte von verhaltener Erregung.

Sophie stand auf und küßte die Schwester flüchtig auf die Stirn.

»Gute Nacht. Schlaf lieber. Du bist einfach verrückt geworden. Ich glaube, du träumst schon!« erklärte sie. »Ebensogut könnte ich mir vorstellen, daß Ma überhaupt gar kein Mensch, sondern ein Walfisch ist.«

Mit diesem Bescheid kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an den Schreibtisch vor die aufgeopferten Bücher. Oben drauf hatte sie das Mikroskop gestellt, das sie erst vorigen Weihnachten zum Geschenk erhalten hatte. Nun war es eine ganze Pyramide von Sachen.

Eigentlich wollte sie Ma hier erwarten. Es sollte keine Nacht drüber hingehn und sie wankend machen und auf andre Gedanken bringen --.

Seltsamerweise fiel ihr wieder Hugo Lanz ein. Ja, wer weiß: indem sie dem erwählten Beruf entsagte, entsagte sie vielleicht sogar einer jener allein glücklichen Eheschließungen, die Cita noch gelten ließ. -- -- Denn Hugo Lanz besaß kein Geld -- --.

Also war es wirklich ein Totalverzicht. Ein Opfer der Kindesliebe, wie es nicht bald ein zweites gab.

Sophie saß beim Schreibtisch mit gefalteten Händen und den gemischten Gefühlen einer über ihre eigne Größe fast bis zur Verlegenheit erstaunten Märtyrerin.

Cita hatte inzwischen ihren Rat befolgt und war in gesunder Müdigkeit nach der langen Fahrt durch die Winterkälte fest eingeschlafen. Aber sie lag da mit finster zusammengerückten Augenbrauen und einem bösen Ausdruck um den Mund.

Die zurückgedrängte Bitterkeit in ihrem Herzen hatte noch ihre Schrift auf ihr Gesicht geschrieben. Ihr letzter klarer Gedanke war das Gelübde gewesen, mehr als je ganz allein auf sich selbst stehn zu wollen.

Doch als sie in das Land der Träume hinüberglitt, senkte sich dichter und dichter eine große Finsternis um sie. Sie schaute vergebens nach den Dingen aus, die ihr vertraut gewesen waren, nach den Stätten, an denen sie sich heimisch fühlte. Eine schwarze Wand wehrte ihr Durchgang und Ausblick.

Und da überfiel sie Angst, wie sie nur als kleines Kind Angst gekannt hatte.

Beide Hände legte sie vor die Augen, um wenigstens das Dunkel nicht zu sehen. Doch was sie nicht sah, das fühlte sie: wie alle Gegenstände und alle Fernen über sie her kamen, wie sie sich zusammenrotteten und ballten, um sie zu ersticken --

Da entrang sich ihr in dumpfem Entsetzen Mas Name. Mit leiser, furchtsamer Stimme rief sie nach Ma. War denn nicht auch Ma irgendwo unter all dem da draußen, was sie umdrohte und gefährdete? Dann würde sie alles entwirren, alles Böse abhalten --.

Aber Ma war nicht da.

Und plötzlich wußte sie, daß Ma nicht mehr da war, -- das allein, nur das war die Finsternis ringsum -- --.

* * * * *

Gegen Mitternacht fuhr ein Schlitten vor.

Marianne stieg die Treppe hinauf und öffnete so geräuschlos wie möglich die Thür zur Wohnung.

Alles blieb still. Also schliefen die Kinder bereits. So ging sie leise hinüber in ihr nach dem Hofe gelegenes Schlafzimmer neben Sophiens und Citas Stübchen.

Hier hatten zärtliche Hände schon für alles gesorgt. Die Lampe angezündet, die warmen Vorhänge vor dem Fenster zugezogen, jedes Ding bequem bereit gestellt, von der Wasserkaraffe auf dem niedrigen Tischchen bis zu den tiefroten, kleinen Tuchpantoffeln vor dem aufgeschlagenen weißen Bett.

Neben der Karaffe stand am Bett ein schmales Kelchglas mit einer Handvoll italienischer Anemonen darin, -- blaßrote, violette, gelbe --, -- ein wenig angewelkt noch von dem Weg hierher.

Die Blumen mußten die Mädchen heute abend bei den Bekannten geschenkt bekommen haben. Und sie wußten, warum die Mutter diese Erinnerungen an Italien und seine Sonne so leidenschaftlich liebte --.

Marianne hob die angewelkten Stengel behutsam einzeln aus dem Wasser und beschnitt sie unten etwas, damit sie besser saugen möchten. Dann ordnete sie sie neu, mit Bewegungen, die sie fast liebkosten.

Die feine kleine Freude machte sie warm und wach. Ach, daß die beiden schon schliefen, die Langschläfer! Jetzt hätte sie sich gern noch auf einen Augenblick an ihre Betten gesetzt und sie geherzt.

Ihr war so kindfroh und bewegt zu Mut.

Als sie das Licht angezündet hatte und die Lampe herausstellen und auslöschen wollte, bemerkte sie einen hellen Schein in der Thürritze des Wohnzimmers.

Hatten sie die grüne Studierlampe brennen lassen? War doch noch eine von ihnen wach?

Sie glitt in die Tuchpantöffelchen und ging leise über den Gang zurück. Die Thür war nur angelehnt, sie stieß sie auf, um einzutreten.

Aber jählings hielt sie inne. Sie sah Sophie am Schreibtisch sitzen, die Arme auf den Büchern verschränkt, den Kopf mit den halb offen niederhängenden Flechten darauf, -- fest schlummernd.

Sie sah die Bücher, das Mikroskop, -- und das Gesicht sah sie, das ihr im Profil zugekehrt lag, hell bestrahlt vom Schein der Lampe.

Es war naß von Thränen. Die Mundwinkel wie im Weinen herabgezogen, die Augenbrauen so rührend im Ausdruck, so hilflos --. Ein so bekümmertes, schmerzliches, -- ein fast gramvolles kleines Gesicht!

Ja, hier mußte Sophie auf die Mutter gewartet haben, aus irgend einem Grunde. Gewartet mitsamt allen ihren Büchern, die sie hier aufeinander getragen hatte. Vielleicht um etwas zu erbitten? Vielleicht um zu sagen: »Sieh doch, wie lieb mir das alles geworden ist, wie gern ich frei sein möchte und mich dem widmen!«

Vielleicht auch, um etwas abzubitten. Um zu sagen: »Nimm es alles fort von mir, ich gebe dirs zurück, denn es weckt in mir die Sehnsucht, von dir hinwegzugehn.«

Und nun war sie unter Thränen hier eingeschlafen, wie ein müdes Kind, und nur dies traurige, kleine Gesicht erzählte der Mutter von ihren Nöten --.

Marianne stand noch in der halboffnen Thür, den Kopf gegen den Thürrahmen zurückgelehnt. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herunter.

Was half es, daß sie fortgewesen, daß sie getroster und freudiger heimgekehrt war. Zu Hause trat es ihr wieder entgegen, das Gefürchtete, -- wie ein Gespenst.

Und mit diesem Gespenst trat ihr die liebste Gestalt entgegen, sie, von der sie es nicht ertrug.

Konnte die Mutter denn gewähren, was ihr Liebling von ihr heischte? Konnte sie denn wirklich auch die letzte fortlassen? Ganz, ganz allein nachbleiben? Mußte das sein?

»Nein! Nein!« schrie es in ihr.

Und mit Blitzesklarheit nahm die Erkenntnis ihr Herz ein: »Wenn du jetzt -- jetzt gleich sie wecktest, wenn du vor dein Kind hintreten würdest wie vor eine Ertappte, die du heimlich belauscht, -- wenn du ihre kleine schmiegsame Mädchenseele jetzt in die Hand nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen würdest: ja, dann wäre es vielleicht möglich, deinem Einfluß in ihr Gewalt zu verleihen. Nimm den Augenblick wahr, wo sie, sich selbst verratend, daliegt, als sei sie dir ausgeliefert. Mache sie zu deinesgleichen, hauche ihr dein Wesen und deine Wünsche ein. Sie ist ja dein. Sie vertraut dir grenzenlos, und ihr höchster Maßstab bist du. Nutze deine Macht über dein Kind --.«

Aber noch während Marianne deutlich ein jedes dieser Worte in ihrem Innern vernahm, als raune irgend wer sie unablässig ihr zu, machte sie eine übermenschliche Anstrengung, sich ebenso unbemerkt zu entfernen, wie sie hergekommen war.

Nur jetzt keinen Laut! Nur jetzt leise, leise hinweg, ehe sie erwacht, ehe sie ahnt, wer hier gestanden und mehr, als sie sagen wollte, von ihr erfahren hat --.

Es gelang Marianne, die Thür wieder anzulehnen und geräuschlos ihr Schlafzimmer zu erreichen.

Mechanisch begann sie, sich zu entkleiden.

Da standen noch die Anemonen.

Marianne blickte mit heißen Augen auf sie.

Dann löschte sie die Kerze aus.

Unerwartet, dicht, ohne den kleinsten Lichtfleck von draußen, den die zugezogenen Vorhänge am Fenster aussperrten, umhüllte sie das Dunkel wie eine Gruft.

Sie stürzte vor dem Bett in die Kniee und verbarg ihren Kopf in den Kissen --.

* * * * *

Dieser Sonntag war kein Sonntag zum Ausschlafen gewesen. Sowohl Marianne als die Kinder erschienen am Morgen übernächtig und mit übermüdeten Augen.

Keines von ihnen dreien wußte indessen etwas von dem eigentlichen Grunde der Traurigkeit in der Seele des andern. Cita schwieg, ihr war wunderlich weich, als ob ihr allerlei nächtliche Träume nachgingen, aber auch ihre Befürchtungen waren noch in ihr und stimmten sie reizbar, obgleich sie sichs auszureden suchte.