Part 5
Marianne nickte.
»Mehr als Freiheit: Heimat,« sagte sie unwillkürlich.
Hugo Lanz sah sie fragend und wie erwartend an. Ihre Art und Weise nahm ihn leise gefangen.
»Ich meine,« versuchte Marianne zu erklären, »niemand braucht so sehr als er breitesten Spielraum, weil alle seine Bewegungen unberechenbarer, unbezwingbarer sind, als die irgend welcher andern Entwicklung. Aber in seiner angebornen Sensitivität, in seiner fast hilflosen Eindrucksfähigkeit hat er zugleich, wie niemand anders, Furcht vor der Fremde. Seine Freiheit mag sich noch so breit strecken wollen, aber an den äußersten Grenzen seiner Freiheit, da muß er Heimat um sich fühlen, -- eine Welt, der er vertraut.«
Aus dem Klang ihrer Stimme vibrierte etwas, als wenn sie jedes ihrer Worte aus tiefen, warmen Glückserfahrungen hebe. Weniger in den Worten selbst, als in diesem Stimmklang lag etwas Suggestives, was Hugo Lanz ergriff.
»Das ist so nur in einem Paradies!« rief er. -- »In Wirklichkeit gibt es das nicht,« setzte er traurig hinzu.
Marianne widersprach nicht.
Sie schwieg, doch ihre Augen widersprachen. Sie leuchteten in so ruhigem Glanz und wendeten sich unwillkürlich dem verschlossnen Rahmen auf dem Schreibtisch zu.
Da vernahm man von der Thür her Gelächter.
Die Mädchen kehrten zurück, jede mit einer vollgefüllten Tasse in der Hand. Den Blick starr auf ihre Tassen geheftet, deren Inhalt überzuschlagen drohte, näherten sie sich langsam und feierlich dem Schreibtisch, neben dem die Mutter auf ihrem gewohnten Lieblingsstuhle saß.
»Thee schmeckt bei weitem schöner und regt an, hat Ma stets gesagt,« behauptete Sophie.
»Kakao ist ihr bei weitem gesunder, hat Doktor Tomasow stets gesagt,« behauptete Cita, »-- und zwischen dem Schönen und dem Guten, Nützlichen, wirst du doch nicht lange zaudern, Ma! Bedenke auch, welche schlechte Einwirkung ein böses Beispiel auf uns haben, könnte.«
»O du überredest, das ist gegen alle Abmachung!« rief Sophie voll Unwillen.
»Ein Jurist überredet nie genügend, Sophie! -- Also: erst jedenfalls das Schöne, -- und dann auch noch das Gute, Nützliche,« entschied die Mutter sofort und zog lachend alle beiden Tassen zu sich heran.
Cita hockte sich auf die Seitenlehne ihres Lutherstuhles.
»Du unmoralische Mutter!« sagte sie.
Hugo Lanz hatte sich beim Eintritt der Mädchen erhoben. Er sah ganz zerstreut aus. Ihm erschienen mit einemmal alle beide doch noch recht kindisch, ohne daß er ahnte, wie außerordentlich damit sein Urteil in der Richtung fehlging.
Wohl empfand er den heitern Reiz der kleinen harmlosen Familienscene, aber ihm schien, daß alles Intime dieses Reizes doch ganz und gar nur von dieser köstlichen Frau mit der jungen Stimme und den mütterlichen Augen ausginge.
»Wollen Sie wirklich schon gehn?« fragte Marianne freundlich, als er sich jetzt ehrerbietig von ihr verabschiedete. »Nun, ich danke Ihnen noch für die überbrachte Einladung. Und seien Sie uns hier zwanglos willkommen, falls einmal Weg und Stimmung Sie bei uns vorüberführen.«
»-- Ja, gnädige Frau, wenn ich das dürfte, -- dann danke ich Ihnen von ganzem Herzen dafür, aber --« er stockte, »-- dann lassen Sie mich nicht als einen Fremden kommen und gehn, denn das -- das würde ich nach diesem kurzen Gespräch schon nicht mehr ertragen,« fügte er leiser, sehr rasch und, im sichtlichen Kampf gegen seine eigne Schüchternheit, fast heftig hinzu.
Die Bitte, wiederkommen zu dürfen, hatte er vor einer Stunde erst der Töchter wegen an sie richten wollen --.
Marianne gab keinen Bescheid in Worten, aber er empfand ihr ganzes Wesen als eine Antwort. Mit Bestimmtheit fühlte er, daß er von heute an hier nur noch einkehren würde, wie man bei einer Mutter einkehrt, und nur allein ihretwegen.
Als er sich beim Abschied über ihre Hand beugte, gab ihm Marianne unwillkürlich jenen Stirnkuß, auf den nach russischer Haussitte der Gast Anspruch hat. Und als er sein Gesicht erhob, lag eine so dankbare Kindlichkeit auf seinen jungen Zügen, daß sie Marianne rührte.
Sobald sich die Zimmerthür hinter ihm geschlossen hatte, bemerkte Cita mit einem Lächeln: »_Der_ sah dich ja aber mal eben kurios an, Ma. Weißt du, wie? Ungefähr so, wie wenns ihm schlecht ginge, und er dir gleich den Kopf in den Schoß wühlen möchte, um dir zu beichten und von dir getröstet zu werden.«
Sophie mußte lachen.
Cita fuhr, nicht ganz frei von Spott, fort: »Ja, sind Männer nicht eigentlich höchst wunderliche Pflanzen? So etwas Unmännliches sind sie, scheint mir. Es klingt gewiß dumm, aber sag selbst, Ma! Könntest du dir leicht vorstellen, daß ich irgend jemand so -- so hilfsbedürftig ansähe? Nein, im Gegenteil: kerzengrade würd ich mich grade dann recken. -- -- Alles andre ist eben Schwäche.«
Marianne lächelte fein.
»Nicht notwendig Schwäche. -- -- Schwere Aehren stehn auch nicht kerzengrade,« sagte sie.
Aber in ihrem Innern empfand sie bei Citas Worten einen heimlichen Stich. Cita, ihr tüchtiges, kernfestes Mädchen! Sie konnte ihr vertrauen und mit ihr reden über alle Sorgen und Nöte, fast wie mit einem klugen Freunde, ja fast wie mit einem Mann --.
Ja, das alles konnte sie. Aber -- den Kopf noch einmal anschmiegungsbedürftig in Mas Schoß wühlen, das würde Cita doch wohl nie mehr --.
Sophie hatte sich ans Fenster gestellt. Sie sah Hugo Lanz, der aus dem Hause herausgetreten war, unten über den Fahrdamm gehn. Er sah schlank und fein aus in der dunkeln Pelzmütze und trotz des Pelzes, der alle Konturen vermischte. Eigentlich gefiel er ihr doch sehr gut, viel besser, als sie es Citas Spottlust einzugestehn wagte.
Jetzt äußerte sie aber doch:
»Du, -- den mag ich trotzdem gern. Warum soll er auch Ma nicht angucken, wie er will? -- -- Ich habe mich mit ihm schon prachtvoll unterhalten, neulich in der Gesellschaft, ehe du hier warst, Cita. Ich erzählte ihm von den höhern Mädchenkursen, und dann, daß mich die Naturwissenschaften so sehr interessieren, -- daß ich aber noch weit lieber ein Arzt würde, -- grade wie Doktor Tomasow.«
»Aber das alles sind ja dem jungen Dichter völlig gleichgültige Beschäftigungen, Sophie,« meinte Cita und trug die Tassen der Mutter hinaus.
»Die Beschäftigungen an sich: ja!« gab Sophie kleinlaut zu und schaute noch immer angestrengt einem dunkeln Punkt in weiter Entfernung -- einer Pelzmütze -- nach, obschon sie nicht mehr ganz sicher war, ob es nicht längst eine andre Mütze auf dem Kopfe eines andern sei. »Aber,« fuhr sie eifrig fort, »auf die Art der Beschäftigung kommt es auch nicht an, sondern darauf, daß er _auch_ hinausstrebt, -- fort, hinaus! Mit dem einzigen Unterschied, daß er das infolge von Gedichten thut. Das schadet aber doch nichts. Die Hauptsache haben wir doch gemeinsam. Auch ihm ist eng, auch er hat allerlei Träume, die er kaum zu Hause zu nennen wagt, -- auch seine Pläne lassen sich nun einmal nicht zu Hause verwirklichen. Und seine Familie, -- die hält ihn. Wie sollten wir da nicht sympathisieren?! Wie sehr kann ich ihm doch das alles nachfüh--.«
Sie stockte jäh.
Die Nase an die Scheibe gedrückt, hatte sie ganz vergessen, wo sie sich eigentlich befand. Ihr ward plötzlich erst bewußt, was sie da sagte.
Cita konnte es überhaupt nicht mehr hören, die war ja eben mit den beiden Tassen hinausgegangen.
Aber da, im Luthersessel vor dem Schreibtisch, mit dem Gesicht grade zum Fenster, da saß, Sophie im Rücken, ganz schweigsam -- Ma --
Einen Augenblick lang, einen Augenblick nur, war ihr Ma wirklich ganz und gar aus dem Gedächtnis entschwunden gewesen.
Wohl eine volle Minute stand Sophie wie erstarrt. Sie bekam ein Gefühl, als wär es noch besser, sich mit ihrer kleinen Nase ganz durch das Fensterglas durchzubohren, um nie, nie wieder die Augen zurückwenden zu müssen.
Ihr Herz schlug heftig, sprunghaft, die Lippen wurden ihr trocken. »Arme, süße, liebe Ma!« dachte sie außer sich, voller Wut.
Plötzlich drehte sich Sophie gewaltsam um, zu ihrem eignen Schreck. Sie sah das Zimmer vor sich wie im Nebel. Sie lief auf die Mutter zu, fiel vor ihr auf die Kniee und umhalste sie wortlos, stürmisch.
»Ach Ma, -- dummes Zeug -- solch dummes, -- ich benutzte unwillkürlich seine Worte, -- weißt du: einfach seine Worte -- sie passen ja auch einzig und allein für ihn, alle, alle diese Worte!« stammelte sie endlich, ganz in Thränen, und dann lachte sie fast ein wenig, verlegen und sonderbar.
Marianne herzte sie ganz leise.
»Aber -- du wildes Mädchen, -- wie kann man sich dermaßen erregen! Viel zu leicht erregt bist du, weißt du das? Du mußt dich besser zusammennehmen. -- Komm, sei nun wieder ruhig und mein liebes altes heitres Kind, -- ja?«
Sophie hob den Kopf. Bei diesen sanften Worten verflog langsam ihr Schreck, sänftigte sich auch ihre Reue. -- Vielleicht hatte Ma gar nicht so genau hingehört vorhin -- --.
Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde blonde Haar. Ihre Augen aber schauten großgeöffnet über ihr Kind hinweg.
Dann stand sie auf.
»Man braucht nur ein wenig wieder ›daheim‹ zu sein, um gleich wieder zu vergessen, daß es auch noch ein ›Draußen‹ mit allerlei Pflichten gibt, -- ich muß ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte, gerötete Gesicht der Schwester warf.
»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht zu früh?« Cita holte schnell den Pelz und die Ueberschuhe vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir! Du wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause kommen, als wir.«
»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne, »und ihr wißt: wer zuerst kommt, geht schlafen, ohne zu warten, -- nach unsrer alten Verabredung.«
»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde fängt viel später an,« murmelte Sophie, die der Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der Hand gezogen hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der Mutter, um sie ihr anzuziehen.
Marianne ließ es schweigend geschehen.
»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so gut wie möglich! Der Himmel ist jetzt klar, und ich denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu eurer Ausfahrt.«
Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art, wie sie beide noch einmal küßte, war voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort.
Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl. Ihr war das Herz plötzlich so schwer geworden, so bange und schwer.
Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich, -- so deutlich wie in einer grellen höhnischen Beleuchtung, die sie blendete und verwirrte, -- ihre beiden Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde fertig, nur noch ein Gast im Mutterheim, und die andre -- ja, die andre sich sehnend, -- sich von ihr hinwegsehnend.
Es war in der That noch nicht die Zeit für die beiden Privatstunden, die sie, ganz in der Nähe von Ottiliens Wohnung, in einem reichen Kaufmannshause zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger gelitten, mit ihrer wehen Angst, unter den Augen der Kinder.
Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung auf ihr Ziel, dann blieb sie unterwegs vor einem Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter einem grün angestrichenen hölzernen Zaun.
Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten wolle, war sie bereits aus einem Fenster des Erdgeschosses von derjenigen bemerkt worden, der ihr Besuch galt.
Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die ganze Mitte des Hauses durchschnitt, als sich auch schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen beiden Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische Stimme auf russisch erfreut herausrief: »Willkommen! Willkommen! Frau Marinka!«
Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in ziemlich dunkle Küchenräume zu münden schien, quoll starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd, mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen, schlürfte vorüber.
Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat, war es, trotz seiner rohen grellbunten Tapete und den ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer hier eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht ganz eines gewissen Komforts.
Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große, starkknochige Sechzigerin erhoben und ging Marianne belebt entgegen, wobei sie sich auf einen Stock stützte.
»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd von Ihnen, -- ich wäre Ihnen auch längst auf dem zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie wissen: die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! -- Setzen Sie sich, meine Einzige; was kann ich Ihnen anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt oder etwa kaltes Rebhuhn?« -- fragte sie, in rascher, lebhafter Rede, mit der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet; zugleich hob sie den Krückstock und deutete damit auf die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die angebotenen Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten.
Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja, da standen in der That allerlei Leckereien, -- die guten Bekannten hatten sie gebracht.
»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber daß Sie hier wohnen müssen! Sie sollten es jetzt besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen billigen Pension erzählt?«
Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte dabei ihre starken, gelblichen, wohlerhaltenen Zähne.
»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und zog Marianne neben sich auf das große, mit verblichener geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten Pension nicht leben. Armenstift, -- das ist Vorurteil. -- Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja recht schön, aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich dadurch ködern und willfährig machen können, -- daß ich deshalb bei ihnen irgendwie als gute Tante unterkriechen würde! -- Ich esse einfach die guten Sachen, und komme doch nicht.«
Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein des Anstoßes ihren ansehnlichen Verwandten ihr »Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte.
Sie nahm bedächtig eine Prise.
»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum Frühstück?« fragte Marianne. »Heute habe ich knapp Zeit, aber dann könnten wir von den Weihnachtseinkäufen plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut sind, mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, -- ich komme ja erst dicht vor Thorschluß dazu.«
Wera Petrowna nickte.
»Ja, so gut bin ich, -- sehr gern, thu ich sehr gern. Sie wissen ja, wie für mein Leben gern ich in den schönen Läden herumflankiere. -- Mit einigen blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter gute Dinge ansehen und bestellen, -- nun, und die Verkäufer, die haben auch höllischen Respekt vor meinen scharfen Augen und müssen herzeigen, worauf ich mit dem Stock weise, -- und sollten sie sich selbst beim Hinundherklettern den Hals verrenken.«
»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte Marianne.
»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden wiederzusehen. Sah die Cita ja lange nicht. Und sie sind beide so recht hübsch zum Ansehen, -- nun, auch zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu denken, daß so was bald weggeheiratet wird. Schade, schade.«
»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht, ein solches Fortgehn ist nicht das schlimmste Fortgehn,« sagte Marianne leise.
»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke, wie es mir erging. Verschlagen ins ärgste Gutsleben in entlegenster russischer Provinz -- vom ersten Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus der feinsten städtischen Erziehung, -- ja, alles, was wahr ist: mitten aus den feinsten Pensionaten und voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem -- was meinen Sie wohl? -- trotzdem hab ich doch diesen Menschen bis an seinen Tod angebetet, diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte er etwa mehr als Gutsarbeit, Trinken, Spielen --? Nein, keine Spur! Und brutal war er auch, wenn er nicht grade zärtlich war. Was that mir das alles? Tottreten hätt er mich dürfen! -- -- Nun ja, Leidenschaft ist blind und taub, das weiß man ja, -- und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft dabei, -- das muß wahr sein. -- -- Die längste Zeit des Lebens ist man einfach verrückt.«
Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen Ton. Aber auch das kannte sie: daß Wera Petrowna dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil sie merkte, wie wenig Marianne, ihrer lieben »Marinka«, nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten hatten diese hellgrauen fast ironisch blickenden Augen alles, was sie wollten, gesehen.
Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen Zigarettenkästchen und machte Feuer.
»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz. »Und Sie rauchen noch immer nicht? -- -- Wird auch noch kommen, meine Einzige, wird auch noch kommen. Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen im Alter, -- und so weit sind Sie eben noch immer nicht, Sie Aermste. -- Da hat man nämlich erst die Ruhe dazu, -- ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. -- Nun, ich will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht vorweg erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. -- Es ist wirklich zu schön, sagte der Bauer, und da ließ er sich zur Ader, so lange, bis er starb --.«
Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein.
Marianne sah nach der Uhr.
»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd, »also auf morgen. Wie gut und ruhig sitzt es sich bei Ihnen, man ruht aus.«
»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben, -- ich würde gern das Maul halten; übrigens, ich begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der Schmiedebrücke. Ich habe, weiß Gott, hier nichts zu thun. -- Für gestern abend bekam ich richtig noch ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben führt die Alte, was?«
Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne liebkosend die Wange.
»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der Jüngste Sie beneiden muß,« versetzte Marianne, »wer von uns würd es an Ihrer Stelle wohl ohne Trübsal aushalten -- bei diesem Mangel an dem Ihnen gewohnten Behagen und Ueberfluß?«
Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz dünnen grauen Haar heruntergenommen und band sich umständlich einen wattierten Kapottehut, mit Ohrenklappen für den Wind, auf dem Kopf fest.
»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie derb, und es wetterleuchtete von Spott über ihren scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn das bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan, fette Braten und Dienerschaft rechts und links, bis man sich nicht mehr rührt noch regt, sondern irgendwo einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns da hinten auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das Behagen quoll uns direkt zum Halse heraus. Aber das Leben stand mir still, -- all mein Leben, bis auf das eine verliebter Leute. Nun bin ich als Mastgans alt geworden, aber vom Leben will ich noch schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans noch begreift.«
Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen, versorgte sich reichlich mit Zigaretten und klapperte mit ihrem Stock auf den steinernen Flur hinaus.
Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis zu der Pferdebahn.
»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera Petrowna mit innigem Vergnügen und wies mit ihrem Stock auf den herannahenden Straßenbahnwagen: »Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und Ausstellungen -- und sogar in die Unglücksfälle -- meinetwegen, wenn das Genick doch schon gebrochen sein muß.«
Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte im Inneren des Wagens gut placiert sah, dann schritt sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde.
Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause traten dabei langsam in den Hintergrund, und die Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie nicht in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie so oft, heilsam befreiend für ihre Stimmung. Als sie vom Unterricht zu ihrer Schwester ging, hatte ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder den Sieg über die Traurigkeit gewonnen.
Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie grade noch zum Abendthee zurecht. Neben dem Tisch im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und dazwischen flache Schüsseln mit eingekochten Früchten und mit winzigen belegten Brotschnittchen, -- jedes grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie Konfekt hergerichtet.
»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte Marianne beunruhigt, als sie diese kunstvollen Zuthaten zum Abendthee wahrnahm und die hübschen gestickten Tellerservietten, -- Ottiliens eigne mühsame Handarbeit.
»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der sie empfangen und hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt nur noch drinnen mit einem Fräulein -- eine ausländische Konzertsängerin, glaub ich --. Jedenfalls schwärmt Tilie für das Fräulein Clarissa.«
Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges, behagliches Gesicht. Ihm gefiel, wenn schon nicht die Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen so schön bestellte Theetisch sehr gut.
Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen gebeugt, steckte er eins davon, mit geräuchertem zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade wollte er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung hinzugeben, als seine Frau mit dem fremden Fräulein bereits eintrat.
Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm geräuschvoll Platz und tauschte die üblichen Redensarten. Inotschka, die dreizehnjährige Tochter, erschien schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die sie linkisch aussehen ließ und die schlanke Grazie ihrer feinen Bewegungen ganz verwischte.
Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer Stirn, setzte sie sich in ängstlicher Haltung neben ihre Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon bemerkt hatte. Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu Marianne hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit nicht einmal begrüßt worden war. Dafür grüßten sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen, rötlichen Händen umgestoßen zu werden.
Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in der kleidsamen Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne, mit der er sich ebenfalls besonders gut stand. An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische und französische Konversationsstudien, und bei diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen grammatikalischen Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf gut russisch seinen eignen Eltern. Heute klagte er Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen, sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er wollte zu bestimmter Stunde einen Kameraden treffen, und nun konnte »die Geschichte schrecklich lange dauern hier bei Tisch«.
Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren breiten Milchtassen nur ganz verstohlen auf den fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie waren beide beängstigend artig, -- so artig, wie, nach Mariannens in diesem Punkt ziemlich trüben Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind, wenn sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet.
Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch der wachsame Blick ihrer Mutter mit unmerklicher Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war schon zu Bett.
Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung wie für das Betragen der Kinder zu sorgen. Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf seine ganz spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte, blieb sie doch ganz Ohr und fiel bei jeder heitern Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen, klingenden Lachen ein.