Ma: Ein Porträt

Part 4

Chapter 43,775 wordsPublic domain

»Bis dahin hilft mir eben mein Mann. Wenn ich nicht mal _das_ von Ihnen gelernt hätte, Marianne Martinowna: gute Laune am Alltag bewahren, -- die schönste Lektion, die Sie unbewußt allen Ihren Schülern mitgeben, -- gratis neben all dem Schulkram.« Tamara fuhr ungeniert mit dem Messerputzen fort, worin sie der Besuch unterbrochen hatte. »Und im Sommer,« bemerkte sie mit aufleuchtendem Blick, »da erholen wir uns schon! Da schlepp ich den Taraß zu den Eltern aufs Gut, oben hinauf nach Wologda, in meine lieben großen Wälder. Da erholen wir uns schon! Ach, warum sind wir da nicht zwei Einsiedler! Sie können mir glauben: ich bin doch gewiß glücklich, aber Heimweh nach den Wäldern und dem Norden hab ich doch. -- -- Aber nun erzählen Sie doch mal von sich? Also die Cita ist heimgekommen?«

Marianne nickte.

»Mit Beginn der deutschen Weihnachtsferien und bleibt bis über die russischen da. Aber ich habe noch so wenig von ihr, -- es war eine so gehetzte Arbeitszeit. Drum wird Weihnachten diesmal so strahlend schön! Mir kommt vor, als ob ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr so darauf gefreut hätte, wie dieses Mal. -- -- Immer möcht ich die Cita jetzt nahe um mich haben, -- so ganz nah bei mir, -- -- sie so recht tief anschauen: »»Bist du noch dieselbe? Ist auch nichts an dir verändert? Hat mir die Trennung nichts gestohlen? Zeig mir all dein Schönes: -- das und das und das, -- weißt du noch?«« Ach, Tamara, du hast noch kein Kind, -- kannst du das wohl begreifen?«

Tamara nickte schweigend.

In der Küche hörte man es bedrohlich brodeln und zischen. Sie setzte die Messerbank nieder, lief hinaus, klapperte ein Weilchen draußen zwischen den Tiegeln und Töpfen und kehrte dann in die Stube zurück.

»Ja,« sagte sie, »nun ist also Cita auf dem Wege, etwas Erkleckliches zu werden. Aber, Hand aufs Herz, liebe Marianne Martinowna: wären Sie nicht doch seelenfroh, wenn -- ja wenn sich die Cita ordentlich verliebte und heiratete?«

Marianne blieb einen Augenblick lang stumm. Dann sagte sie fast andächtig: »Wenn über meine Kinder _mein_ Glück käme, -- ein so unfaßbares Frauenglück, das reicher und weiser macht, als alle Reichtümer und Weisheiten der ganzen Welt zusammengenommen, -- wenn ihnen das geschenkt würde! -- -- Und wären es auch nur acht kurze Jahre, wie bei mir, gleichviel. Und käme auch selbst dahinter -- wie bei mir --«

Sie konnte nicht weitersprechen.

Tamara sammelte schweigend ihre Messer zusammen. Nach einer Pause bemerkte sie dabei: »Kenne ja auch die Freude am Lernen. Aber mein heimlichster Traum war doch immer nur der aus dem Märchen von Puschkin, dem Zar Saltan: möchte Gott mir geben, einen Helden, einen Bogatyr, zu gebären! Ja ja, dafür kann man nichts thun. Sonst wär es ja auch nur wieder armseliges Menschenwerk. So ist es: Studium ist Verdienst, aber Liebe ist Gnade. -- Aber ganz jammerschade scheint es mir, daß Sie nicht mit Ihren beiden Kindern zusammenleben können wegen des Studiums, -- gradezu eine Missethat scheint es mir manchmal.«

Marianne fiel rasch ein: »Darüber muß man nicht nachdenken. Es ist nicht anders. Ich muß Sophie doppelt geben, doppelt --«

»Aber ich hätte Ihnen einen kuriosen Vorschlag zu machen,« meinte Tamara, »wenn nur Cita nicht grade in Berlin studierte.«

»Einen Vorschlag --?«

»Ja, von meiner Tante bin ich dazu autorisiert, -- wissen Sie, von der, die in Bern das Mädchenpensionat leitet und voriges Jahr hier war.«

»Ach, thut sie das noch immer? Sie klagte doch schon so über ihr Alter und ihre Gebrechlichkeit. -- -- Will sie es etwa abtreten?« fragte Marianne mit unverhohlener Spannung.

»Sie möchte gern einer Hilfe die Leitung übergeben. Sie wissen: es sind lauter unerwachsne Mädchen, vielfach Russinnen, die dort den sogenannten letzten Schliff bekommen. -- -- Und auf Sie hält sie so große Stücke, sie wäre entzückt. Aber es wäre doch wohl nichts?«

Marianne schüttelte zögernd den Kopf. Im stillen rechnete sie nach. Es war ihr klar, daß sie hier mehr verdienen konnte. Und schließlich blieb Cita auch dann weit von ihr.

Aber wenn es doch möglich wäre, -- mit Cita? Sie wurde ganz still und hörte nicht auf, zu rechnen.

An der Thür, die das Wohnzimmer mit der größern Hauptstube verband, wurden rasche, ungeregelte Schläge hörbar, wie ein Geprassel von Kleingewehrfeuer.

Tamara sagte mit befriedigtem Lachen: »Das ist Taraß' Triumphgeschrei: er hat für heute glücklich sein Ei gelegt. Es ist auch hohe Zeit, daß er frei wird. Ich muß schnell den Tisch decken.«

»Und ich muß leider weiter wandern,« äußerte Marianne mit einem Seufzer; sie erhob sich ungern aus ihrer weichen, behaglichen Ecke.

Tamara nickte betrübt.

»Wir armen Arbeitsgäule,« meinte sie lächelnd und stieß die Thür nach dem Vorflur auf, laut rufend: »Taraß, bist du da? Komm doch mal her, Marianne Martinowna muß schon fortgehn.«

»Jawohl!« schrie es aus der Küche zurück, »aber dann mußt du herkommen, -- das Zeug brennt an!«

Der Ton der Verzweiflung, worin das verkündet wurde, erheiterte Marianne. Sie trat auf den Vorflur hinaus und schaute nach der Küche. Tamara war, die Hände ringend, schon an ihr vorbei vorausgeschlüpft.

Zwischen seinem Studierzimmer, das weit offen war, und der Küche mitten drin stand auf dem Vorflur Tamaras Mann mit lebhaft vorgerecktem Hals und richtete seine Augen angsterfüllt auf eine Pfanne, die auf dem Herde stand und furchtbar zischte. Die Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben.

Seine Frau stürzte zur Pfanne.

»Geh nicht so nah heran, geh ihr nicht nah!« rief er beängstigt, »-- das Zeug spritzt! Man darf sie nur von hier aus ansehen. Es spritzt! Paß auf, es spritzt in die Augen!«

Als das Zischen und Prasseln gelinder wurde, wandte er sich aufatmend der lachenden Marianne zu. Auch er lachte nun. Aus seinem hübschen dunkeln Bart, der tief über das gestickte russische Hemd fiel, das er zu Hause trug, schimmerten die Zähne.

»Ja, ich war nun grade fertig, -- und angerührt hatte sie die Geschichte ja, ich sollte nur Wache halten, -- aber aufregend ist die Sache ungeheuer, -- uff!« und er fuhr sich über die Stirn und die etwas wildgewordenen krausen Haarringel.

Tamara, die am Herde herumwirtschaftete, rief: »Ja, darin ist er gut, wirklich! Sie sollten nur wissen, was wir uns beide alles zusammenkochen. Aber ohne Herzklopfen geht es eigentlich nie ab. -- -- Die reine Nervenkur. -- -- Er thut es auch nur, um wenigstens gelegentlich zu beweisen, daß ich ihm neben seinen Vögeln doch auch was gelte.«

Sie kam aus der Küche, streifte die Aermel herunter und trat zu Marianne, die sich grade an den Vögeln ergötzte, die man im offenstehenden Arbeitszimmer sah. Jeder Platz, den die Bücher übrig gelassen hatten, gehörte den Vögeln, -- toten, ausgestopften Bälgen -- und lebendigen in zwei Riesenkäfigen, aus denen es zwitscherte, piepte und sang.

»Ja, denken Sie nur,« behauptete Tamara, »sein Getier konnte er sogar auf der Hochzeitsreise nicht vergessen. Ich konnte nicht gefühlvoll gegen ihn werden, ohne daß er mir sofort auseinandersetzte, wie es zum Beispiel die Enten und Gänse in ihren Liebesspielen untereinander halten. Damals schrieb er nämlich grade über die. Zuletzt war ich ganz beschämt, keine Gans zu sein.«

Ihr Mann wurde verlegen, aus seinen träumerischen dunkeln Augen sah er Marianne hilflos an.

»So war es gar nicht, -- nein, so war es nicht,« bestritt er lebhaft. »Ich habe nur gesagt: ein Gelehrter zu sein, das ist nichts ohne Liebe. Man muß die Tiere lieben, dann versteht man sie gut. Und dann habe ich ihr erzählt, die Enten wären --«

Aber seine Frau fiel ihm ins Wort. Vom nächststehenden Tisch in seinem Zimmer hatte sie geschwind ein dickes Buch aufgegriffen, ein Werk von ihm, schlug es fachkundig auf und las mit heller Stimme:

»Beispielsweise -- =pagina= 136: ›Alle Männchen ziehen sich nahe zusammen. Dann schwimmt je ein Weibchen zwischen ihren Reihen schnell hindurch. Hierauf schnellen die Männchen im Takt in die Höhe, biegen dann den Schnabel gegen die Bauchmitte und pfeifen =a tempo=. Verpaßt einer der Enteriche dabei den genauen Anschluß, so scheint das etwas Uebles zu sein: er muß alsdann seine Kräuselfedern in die Höhe richten und vernehmlich: ›Räp!‹ rufen --‹«

»Schäme dich! schäme dich!« rief Taraß laut, »ich habe dir nicht so was vorgelesen, -- ich habe dir Lieder zur Gusli gesungen!«

»Ja, wissen Sie warum?« Tamara legte das Buch aus der Hand, »um mir mit kleinrussischen Klängen mein Nordrußland zu verleiden! Ist denn Kleinrußland noch Rußland?! Ach, wir zanken uns darüber noch bis zu Tode!«

»Nicht wahr! nicht wahr!« rief Taraß dazwischen, »die schönsten Lieder und die schönsten Sagen sind im Norden und Süden gleich! Der blinde Sänger unten bei uns singt dir, was bei euch gesungen wird. Aber vom Süden hinauf ist es gekommen!«

»Vom Norden zu Euch ist es gekommen!« ereiferte sich Tamara, »von da oben, wo alles rein russisch blieb. Wo auch später nicht einmal der Tatar hindrang --.«

Marianne verließ sie zwischen Küche und Stubenthür im vollsten Streit. Sie lachte noch, als sie auf den Hof hinaustrat zwischen die gurrenden Tauben. Beschämt sah sie nach ihrer Uhr. Noch konnte sie rechtzeitig zur Unterrichtsstunde kommen, doch mußte sie sich tüchtig beeilen.

Eine Weile später durfte sie endlich für kurze Zeit heimgehn. --

Obgleich Marianne müde war, machte sie den Heimweg zu Fuß. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, hier und da schaute schon die Wintersonne freundlich zwischen zerrissnem Gewölk hervor.

Marianne liebte es, durch diese Straßen zu wandern, die ihr bei ihren Gängen tagein, tagaus, jahrein, jahraus vertraut geworden waren wie ein Heimatort. Das Ungeordnete und Halbasiatische auf vielen von ihnen störte sie nicht mehr, -- nicht die Bettler oder Betrunkenen, die ihr begegneten, nicht die grellbemalten Schenkenschilder mitten zwischen dem bizarren Glanz der zahllosen Kirchen und Kapellchen.

Und sie mußte lächeln, wenn sie schmale, hügelige Gassen sich plötzlich auf einen jener Riesenplätze öffnen sah, die wie weite Ebenen sein konnten, und an deren Rande mitunter kleine Häuser kindlich dastanden wie Spielzeug neben den ungeheuren Raumverhältnissen mancher Nachbarbauten.

Denn der Raum hatte hier keine Bedeutung, keinen Hochmut; keine Pracht schien sich ihrer Größe zu rühmen, und keine Bescheidenheit möglichst eng zusammenzukriechen. Größe und Kleinheit warfen friedlich ihren Wert in eins, nachlässig zu einander gesellt, wie Baum und Grashalm in derselben Landschaft.

Sogar der Kreml, der von jedem Punkt Allgegenwärtige, erschien fast nur zufällig groß: als im Grunde wesensgleich irgend einem der kleinen heiligen Altarschreine in Kapellenform, wie sie Fürst und Bauer zu eigen besitzen, -- aber von der Inbrunst einer gewaltigen Andacht irgend wann einmal in solchen Dimensionen geschaut und fixiert, daß er fortan immer allen sichtbar blieb, immer allen gemeinsam gehörte --.

Mitten in der Stadt sah sie, wie dort so oft, ein kleines mageres Füllen neben dem Mutterpferd traben, das einen Lastwagen zog. Das glückliche Pferd! es brauchte nicht von seinem Kinde fort, wenn es auf Arbeit ging.

Marianne fand: alle Arbeit, die Frauen thun, müßte so weise eingerichtet sein.

Sie seufzte und ging rascher.

Beim Ueberschreiten eines Fahrdammes mußte Marianne innehalten, weil zwei Gefährte ineinander geraten waren, was beim wahllosen Durcheinanderjagen leicht genug geschah.

Die Fuhrleute schrieen sich an und fluchten sich gegenseitig in die Hölle; der eine Schlitten wurde frei und flog weiter, am andern war der Gaul ausgeglitten und gestürzt.

Ein Mann, der den Schnee vom Fußsteig schaufelte, trat heran, um zu helfen, doch keine Neugierigen blieben gaffend stehn. Nur ein kleines Mädchen mit rotem Kopftuch schaute auf das daliegende Pferd und kraute es im Vorübergehn mitleidig, mit ganz schüchterner Liebkosung, am Stirnhaar, wie um es zu trösten. Ein Schlitten kam an der Gruppe vorbei und hielt jählings an.

Tomasow saß darin. Er warf dem Kutscher ein Geldstück zu, sprang heraus und ging auf Marianne zu.

»=Quelle chance, madame!=« sagte er lächelnd, und streckte die Hand aus.

»Und nun begleiten Sie mich nach Hause!« meinte sie gleich.

»Aber selbstverständlich.«

»Das heißt, -- falls Sie nicht etwas Wichtigeres vorhaben --?«

Tomasow machte ein etwas spöttisches Gesicht.

»Was sollte ein Tagedieb wie ich besonders Wichtiges vorhaben?«

»Tagedieb! O pfui!« Sie war entrüstet; -- »Sie sind ja doch Arzt!«

»Nicht allzusehr. Mir würde es vielleicht bald genügen, Ihrer Gnaden, Frau Mas, Leibarzt zu sein.«

Aber sie ging auf den scherzenden Ton nicht ein.

»Dafür sind Sie noch zu jung, um sich zurückzuziehen. Das wäre sehr, sehr schade. Für viele!« antwortete sie ernst.

»Aber ganz und gar nicht! Hier gibt es genug Aerzte für Moskau, -- viel zu viele, -- sie treten einander auf die Füße. Es ist gradezu eine gute That, Raum für sie zu schaffen. -- Sie werden sagen: in der Provinz? Ja, das ist schon etwas andres. Aber Sie wissen, dafür bin ich verdorben. Es fehlt mir durchaus an der nötigen Aufopferungslust, um in irgend einem Winkel zu versimpeln, -- als Menschheitsheros oder als stiller Säufer.«

»Sie sind heute entsetzlich garstig!« rief Marianne und hielt ihren Muff ans Ohr. Sie lief förmlich von ihm fort. »Warum machen Sie sich schlecht vor mir? Warum nur? Ich weiß schon selbst, ob Sie was taugen oder nicht.«

Tomasow suchte nach seinem Kneifer, den er selten trug, und setzte ihn auf, was seinen Gesichtsausdruck ganz verwandelte, als setze er eine Maske auf.

»Laufen Sie nicht so schrecklich geschwind,« sagte er; »wollen wir nicht überhaupt fahren?«

Marianne schüttelte abwehrend den Kopf.

»Nein, ich muß ohnehin so viel sitzen. Und die Luft thut jetzt gut. Ich gehe so gern durch all die Buntheit und Herzlichkeit des Straßenlebens hier; wenns die Zeit nur öfter erlaubte! Sie nicht?«

Tomasow zuckte mit einer Gewohnheitsgebärde die Achseln.

»Wie mans nimmt. Meistens ärgere ich mich dabei, weil ich mich frage, warum in aller Welt einen das Heimweh immer wieder auf den alten Fleck zurückzieht? So oft ich versuche, auf längere Zeit fortzugehn, -- ich komme doch wieder. Was soll man aber hier? Ja, wäre man noch ein richtiger dem Grabe entstiegener Altrusse von vor Peters Zeiten, so einer mit langem Bart und langem Kaftan --! Denn sonst würgt man hier ja nur an alledem, wozu man sich eventuell im europäischen Geistestreiben mit entwickelt hat. -- -- Ich will mich nicht entschuldigen, aber das macht so merkwürdig indolent.«

»Sobald Sie Ihre Russen von Herzen lieben, haben Sie auch einen Wirkungskreis unter ihnen,« meinte Marianne.

»O nein! Das ist ein Irrtum. Sehen Sie sich nur einmal das Volk an mit seinem breiten Gleichmut gegen die ganze eigentliche Welt der Kultur, -- wie es alle seine wirklich tiefen Interessen anderswo hat, -- was weiß ich, wo: bei Wind, Wetter, Tod, Musik, Ammenmärchen, Heiligenbildern -- --. Mit seinen Aufklärern war es noch nie eins. Gegen sie lehnt es sich auf. Und dies Naturell, dies seelische Tempo, ist mindestens ebenso oft schuld an seinem Zurückbleiben, wie unsere oft verrufenen Zustände.«

»Ich weiß schon! Fangen Sie nur nicht an zu politisieren!« sagte Marianne. -- »Lieber will ich es sein, die Ihnen von diesem Volk erzählt: zum Beispiel könnte ich Ihnen davon erzählen, warum ich hier, in dieser russischen Stadt, so gern grade an Sonntagen eine Gemäldegalerie besuche, wo auch das Volk vor den Bildern steht --. Es tritt leise auf mit seinen schweren Stiefeln und ist voll von Andacht. Haben Sie eine solche Andacht schon anderswo häufig beobachtet? Man muß nur in des Volkes seelische Art eingehn, um seine Seele zu fassen.«

»Das mag alles sein. Indessen für den einzelnen bleibt das geistige Unbehagen, hier zu leben, weil das Volk in seiner Aufklärung noch nicht weiter ist.«

»-- Oder weil wir nicht tiefer sind, mit all unserm Geist,« meinte Marianne nachdenklich. »Jedes Menschenleben sollte doch von jedem Punkt aus, durch die aufrichtige Macht seines Erlebens, bis in alle Tiefen gelangen können, -- nicht nur da, wo der Verstand es so herrlich weit gebracht hat. Könnten wir uns nicht durch unsre einseitige Geistigkeit um dieses Kostbarste bringen? -- -- Was Ihnen hier auf die Nerven fällt, mein lieber Freund, das thut mir so unendlich wohl bis in alle Nerven. Es ist wie ein Trost, wenigstens für den, der, wie ich, nicht mehr mit kann in der großen Kulturhetze, in den immer rastlosern Fortschritten, in der ganzen nimmersatten Selbstentwicklung --«

Marianne sprach lebhaft, fast übereifrig.

Tomasow warf ihr einen aufmerksamen Blick zu. Es war selten, daß sie etwas äußerte, was wie Resignation über ihren Tagesberuf klang, der sie zu nichts anderm kommen ließ.

»Ein Trost, den Sie aber doch am allerwenigsten brauchen,« bemerkte er, »so frisch und angeregt wie Sie --«

»-- Von Stunde zu Stunde laufen!« ergänzte sie mit gutmütiger Ironie. »Ja, so ist es nun einmal: Zeit und Schwung läßt das nicht übrig. Und ich würde jetzt eine traurige Rolle spielen in euren glänzenden Geisteszirkeln, unter euren entwickelten Menschen, von denen Cita und auch Sie so gern aus eurem ausländischen Leben erzählen --«

»Unsinn, Ma!« fiel er ein. »Niemand in der Welt eignet sich so herrlich dazu, wie Sie, zwischen solchen Menschen zu leben. Sie würden dort strahlen --«

Marianne schüttelte den Kopf.

»Nein, das würd ich wohl nicht, und das will ich ja auch gar nicht. Aber es ist doch gut für mich, daß ich nicht so ganz nah dabei stehn muß --. Ich würde die Liebe zu meinem Alltagsdasein nicht festzuhalten vermögen und fühle doch: sie ist das allein Wichtige, das allein Ausschlaggebende -- --. Hier gibt es ja genug Hochstehende, Schaffende, Menschen über den Alltag hinaus. Aber sie leben einsam, und leben insgeheim doch nur für das Volk. Schon der Lärm der offiziellen Hauptstadt ist ihnen zu viel, deshalb ziehen sie hierher, -- und am liebsten weit hinaus, bis an die Grenzen der Stadt, wo schon die Gärten beginnen.«

Marianne nahm Tomasows Arm und fuhr leiser fort: »Ihnen will ich gestehn, daß ich manchmal, aus tiefer Sehnsucht nach Erquickung heraus, hier und da ein Künstleratelier besucht habe -- --. Aber auch die, zu denen ich nie gekommen bin, meine ich zu kennen, als hätte ich heimliche Zugänge zu ihnen in allen müden Stunden. -- Für mich gibt es noch ein zweites Moskau in Moskau, -- mit stillern Straßen, als die ich Tag für Tag betrete, und mit Häusern, wo große Menschen wohnen, die ich verehre. Und manchmal, wenn ich so von Stunde zu Stunde haste, belebe ich meine eigne Ermüdung damit, daß ich mir einbilde, ich ginge gar nicht zu meiner Lehrstunde, sondern zu einem von ihnen --.«

»Und immer noch wieder leben Sie ein Leben, wovon man nichts weiß!« entfuhr es Tomasow. -- »Wie können Sie nur von Schwunglosigkeit sprechen? Wer so viel Trost wie Sie schöpft aus --«

»Warten Sie einen Augenblick!« unterbrach Marianne ihn unvermittelt und zwang ihn, mitten auf der Straße stillzustehn, während sie sehnsüchtig nach den ausgelegten Waren eines Straßenobsthändlers hinsah.

Der junge Bursche hatte sein Fruchtbrett vom Kopf gehoben und hielt, sich vor Marianne und Tomasow auf ein Knie niederlassend, ihnen erwartungsvoll seine Zitronen, Aepfel und prachtvollen Südtrauben entgegen.

»Ach, wer kann an so etwas vorübergehn!« bemerkte Marianne seufzend und wählte mit entzückten Augen unter den großen tiefblauen Trauben. Tomasow sah zu, wie eifrig sie bei der Sache waren, der junge Händler und sie. Beide lachten vor Vergnügen.

»Eben wollte ich damit anfangen, Sie über allerlei zu trösten; aber ich sehe, es ist gar nicht mehr nötig,« sagte er, als Marianne fertig war; »Sie sehen aus wie ein beschenktes Kind.«

»Diese sind auch extra schön! Ich freu mich auf das Erstaunen der Kinder,« entgegnete sie, schneller ausschreitend, und steckte die Düte hinter ihren Muff; »beide essen sie gern. -- Aber wir sind wirklich gleich zu Hause! Wollen Sie nicht ein wenig mit hinaufkommen? Die Kinder würden so froh sein --«

»O nein, die haben ja schon die Trauben!« sagte er spitz und schüttelte den Kopf. »Aber ich würde für mein Leben gern einmal so ein Obstbrett vor Ihnen ausbreiten, Marianne, -- die schönsten Früchte, -- ganz unwahrscheinlich schöne, -- damit Sie dann so aussehen, wie jetzt eben.«

»Dummes Zeug!« meinte sie ärgerlich, »übrigens habe ich ja fast alles Schöne, was ich besitze, von Ihnen mal geschenkt bekommen. Ist Ihnen das nicht genug?«

»Geschenkt? Von mir? Ich wüßte nicht. Es ist nur Ihre eigenste Spezialität, die Dinge so aufzufassen, als kämen sie Ihnen von andern. Wenn ich Ihnen wirklich schenken wollte, wär es ganz anders --«

Marianne blieb stehn. Sie waren am Hause angelangt.

»Danke für Ihre Begleitung!« sagte sie und gab ihm die Hand. »Sie sind zwar mitunter garstig gewesen, aber im ganzen doch gut, wie immer.«

Er antwortete langsam: »Ein klein wenig garstig waren auch Sie. -- -- Daß Sie mich Ihren Kindern mitbringen wollten, -- gleichsam eine zweite Düte, neben den Trauben. -- -- Nun, irgendwann werden Sie das schon noch einsehen.«

»Auf Wiedersehen!« rief sie heiter und öffnete die Hausthür.

»Auf Wiedersehen, Ma! So bald als möglich auf Wiedersehen!«

Marianne lief rasch wie ein Mädchen die zwei Treppen hinauf, oben mußte sie Atem schöpfen, als sie den Schlüssel in die Thür steckte. Aber alle ihre Ermüdung war verflogen, das Sprechen und Scherzen mit dem Freunde hatten sie von ihr fortgenommen.

Oben schien Besuch zu sein.

Sie trat vom Vorflur in ihr Wohnzimmer. Ja, da saß ein junger, ganz junger blonder Mann mit ihren beiden Töchtern und erhob sich ehrfurchtsvoll, als er ihrer ansichtig wurde.

»Dies ist Herr Hugo Lanz, Ma,« sagte Sophie vorstellend, »-- du weißt, wir trafen uns neulich in der Gesellschaft --«

»Ich komme nur als Abgesandter meiner Verwandten, gnädige Frau,« erklärte Hugo Lanz mit einer weichen sympathischen Stimme, »es handelt sich um eine Schlittenfahrt für heute abend. Vor zehn Uhr sind alle wieder heimgeleitet.«

»Das ist freundlich von Ihnen,« entgegnete Ma und reichte ihm die Hand, »ja, fahrt nur, ihr Kinder.«

»Und du, Ma?« fragte Cita.

»Ich bin ja heute abend zum Thee bei Tante Ottilie und werde euch dort entschuldigen, ihr Nichtsnutze.«

»Aber du wirst heute zu müde sein, Ma,« meinte Sophie bedenklich und küßte die Mutter.

»Nein, Kind, ich bin jetzt so frisch. Und morgen ist Sonntag. -- -- Aber wer fliegt jetzt wie ein Pfeil und zaubert mir geschwind eine heiße, starke Tasse Thee oder Kakao herbei?«

Die Mädchen stürzten zur Thür.

Hugo Lanz sah so heftig diensteifrig aus, als wollte auch er stürzen, aber er besann sich rechtzeitig auf das Zwecklose eines solchen Unternehmens.

»Thee also!« rief Sophie.

»Nein, besser Kakao!« rief Cita.

Sie verschwanden, und Hugo Lanz blickte ihnen ernsthaft nach -- mit einem Gesicht, als hätte eine jede von ihnen etwas Geistreiches ausgesprochen, was lange dunkel in ihm gelegen habe.

Marianne sah den Blick und sah ihn selbst an und war ihm gut. Daß ihm die Gesellschaft dieser jungen, hübschen und geweckten Mädchen ausnehmend gefiel, begriff sie vollkommen und fand es in der Ordnung. Auch fürchtete sie nie, daß ihre Töchter je zu »gelehrt« werden könnten, um zu gefallen. Ihr war zu gut bekannt, wie sehr dabei nicht der Kopf, sondern das Temperament entscheidet.

»Sie sind noch nicht lange hier?« bemerkte sie freundlich, um dem Gast die Zwischenzeit füllen zu helfen.

»Nein. Ueberhaupt nur für einige Monate zu Besuch bei hiesigen Verwandten. Dann soll ich nach Deutschland zurück, um Kaufmann zu werden.«

Er sagte das trübe. Sie fragte nicht, doch traf ihn ihr Blick so warm und mütterlich, daß er spontan fortfuhr: »Mein Traum war, Künstler zu werden.«

Sie fragte auch nicht: in welcher Kunst? Sie sagte nur sehr weich:

»Der höchste Traum. Und die schwerste Erfüllung.«

Er hob die Augen bescheiden zu ihr.

»Aber man soll doch nicht gleich anfangs verzagen, nicht wahr? Ich fühle so bestimmt: ich könnte mich dazu durchringen, wenn man mich nicht so ganz in die Familie einengen wollte. Ein Künstler und jeder, der es werden will, braucht Freiheit.«