Part 2
»Das ist auch ganz natürlich,« fiel Cita, mit Fischessen beschäftigt, ein, »denn man kann doch eben nicht ganz den schweren, den wirklichen Ernst des Lebens vergessen. Man drängt ihn nur für einen Abend lang in den Hintergrund. Ja, _das_ kann man, künstlich. Aber dahinter, -- da steht er doch immer da --.« Sie war voll Eifer, mehr darüber zu sagen, indessen eine Gräte kam ihr dazwischen.
Beinah entschlüpfte es der Mutter: »-- Huh --! ihr Kinder! Macht ihr euch denn wirklich schon das Leben zum ›bösen Mann‹ im Hintergrunde von allem? Ist euch denn wirklich stets so schaudererregend ernsthaft zu Mute --?«
Aber sie sprach das nicht aus. Sie fürchtete, die Mädchen könnten argwöhnen, sie habe dabei insgeheim auf dem Grunde der Seele ein Lächeln über sie beide.
Und sie fürchtete auch, die Mädchen könnten sie für entsetzlich oberflächlich halten. Das letztere war sogar das Wahrscheinlichere --.
Sie sah ihre beiden Ernsthaften mit einem tiefen Blick voll Güte an.
»Aber nun wollen wir dennoch, während wir vor unsern Tellern sitzen, uns bemühen, so zu thun, als ob das Leben ganz annehmbar wäre, -- was meint ihr? Aus hygienischen Rücksichten!« schlug sie munter vor, und das Lächeln vom verborgenen Seelengrunde kam ganz leise herauf und spielte verhalten um ihren Mund.
Das Fischgericht war hinausgetragen worden, und sie saßen beim Obst, als ein unerwarteter Besuch hereinkam.
»Ach, Ottilie, du! Wie lieb von dir. Du bekommst auch gleich dein Schälchen Kaffee, -- starken,« sagte die Mutter.
»Nur auf einen Sprung! Ich war grade in eurer Nähe,« entgegnete ihre Schwester und begrüßte sie, »-- weißt du, man trifft dich ja eigentlich nie, sonst käm ich nicht so selten.«
Ein ganzer Strom von Winterluft wehte mit ihr ins Zimmer. Hut und Handschuhe hatte sie garnicht abgelegt.
Sophie schob den Stuhl aus der Fensterecke, der als Lehne das Joch besaß, an den Tisch heran, denn auf den kurzbeinigen Schemeln saß ihre Tante höchst ungern.
»Danke,« bemerkte diese und nickte ihr zu, während sie Platz nahm, »-- es ist wirklich euer einziger Stuhl, -- wenigstens hat er einen Rücken, wenn man sich auch halb wie ein Pferd dabei vorkommt. -- Nun, das macht nichts. Traulich ist es doch bei euch, wie jedesmal.«
Sie sagte es mit einer Art von liebevollem Neid. Traulich war es wirklich, und eine solche heitre Wärme, von irgend woher, über allem --.
Saß doch Marianne, in ihrem tiefroten Hausanzug, der sie nirgends beengte, und doch seltsam schmückte, da wie ein Bild der Ruhe und des Genusses. Die feierte in Wahrheit Feierabend. Sie saß da und atmete mit jedem Atemzuge Ruhe und Genuß aus, wie den Duft unsichtbarer Blumen.
»Gott, ja, du hast es gut! Wenn ich jetzt nach Hause komme, muß ich den Andrjuscha erst noch zu Bett bringen. Wobei er neuerdings schreit.«
»Besorgt denn nicht das alles eure Kindsfrau, Tante Ottilie?« fragte Cita und schälte der Tante eine Orange.
»Ich verlasse mich nicht gern auf sie, -- ich muß immer alles selbst thun. Aber übrigens wär es zu undankbar, wenn ich klagen wollte. Nein, das sind ja so süße Pflichten. Man reibt sich gern für sie auf. Man ist für sie auf der Welt.«
»Du bist auch eine der gewissenhaftesten Mütter, die es gibt,« bestätigte die Mutter. »Und solche haben stets zu thun, selbst bei ausgiebigster Hilfe, -- können eigentlich nie sagen: nun ruh ich mich aus.«
»Ja, siehst du: so, ganz so ist es, das behaupte ich immer!« rief ihre Schwester, ordentlich lebhaft, und lockerte ihre Hutbänder.
Bis unter den Hut lag ihr dunkelblondes Haar glatt von der Stirn zurückgestrichen, volles weiches Haar wie Mariannens, jedoch stärker ergraut als bei dieser, obwohl Ottilie um ein Jahr jünger war.
Marianne löschte zerstreut die kleine Spiritusflamme unter dem Kaffeekocher aus und füllte die flachen Täßchen. Ihre Gedanken schweiften unwillkürlich weit zurück in eine Zeit, wo auch sie noch ihre Kleinen zu Bett zu bringen, zu baden, zu füttern, zu besorgen hatte --.
Solch kleiner Nachwuchs, wie ihn Ottilie zu eigen besaß, das war doch etwas Köstliches. Köstlich das Heranwachsen, aber köstlich auch die Kleinen -- --.
»Mein Mann reist nächstens nach Petersburg,« sagte die Schwester, »-- natürlich kein Gedanke, daß ich ihn begleiten kann. Nun, damit find ich mich schon ab. Bis meine Inotschka ganz erwachsen ist, ist es für mich überhaupt nichts mit geselligen Freuden. Aber ihr wünschte ich wohl, daß sie nicht nur Moskauer Kaufmannskreise kennen lernt.«
Sophie rief: »Ach, inwiefern soll es dort besser sein? Ich habe Moskau gern. In Petersburg ist man weder im Auslande, noch in Rußland. Schrecklich lange Straßen, und was für ein Nebel --!«
»Tante Ottilie hat ganz recht,« bemerkte Cita, »dort ist man wenigstens in Europa! Man weiß wenigstens ungefähr, welches Jahrhundert man eigentlich schreibt, während hier --«
Tante Ottilie nickte.
»Ja, man merkt es an allem: nicht nur, wenn man geistige Bedürfnisse hat, sondern auch wenn man einen modernen Kleiderstoff kauft,« bestätigte sie, »dort ist alles: die Newa, der Hof, alles Offizielle und überhaupt alles, was gilt. Wir sind hier wie zurückgeblieben. Die Russen haben überhaupt was Zurückgebliebenes.«
»Gar nicht alle. Etwa Tomasow?« meinte Sophie.
Cita mußte lachen.
»Nein, der ist aber auch wirklich der einzige!« gab sie zu. »Wirklich der einzige, auf den ich mich freute. Ein Glück, daß der unser liebster, nächster Freund ist.«
»Nun, nun! Von Haus aus doch einfach euer Arzt,« dämpfte die Tante, aber Sophie unterbrach sie lebhaft: »Ach, da bist du aber schief gewickelt! Wenn wir gesund sind, brauchen wir ihn noch viel mehr, nicht wahr, Ma?«
Die Mutter blickte auf.
»Sprecht ihr von Tomasow? Ja, lieber Himmel, was sollten wir ohne ihn wohl anstellen?«
Ihre Schwester warf ihr einen zurückhaltenden Blick zu.
»Aber, liebste Marianne! Das heißt doch wohl ein wenig übertreiben.«
Ma sagte sanft: »Nein, es ist kaum übertrieben. Das kann nur ich allein beurteilen. Es ist ja so alte, uralt gefestete Freundschaft. Sie stammt aus der allerersten Zeit meines Zurückkehrens hierher. Die Kinder waren damals sechs und sieben Jahr alt. Zähl selbst.«
»Ach ja, Marianne, das weiß ich. Aber das Wichtigste ist ja doch gewesen, daß er dir als Arzt aushalf. Daß er dir half, dein Leben genau zu regeln. Damals, als du dich gleich so schrecklich überanstrengtest. Und wenn er dir dann vielleicht auch noch manche gute Beziehungen verschafft hat --«
Ma machte eine leise abwehrende Handbewegung.
»Laß das,« bat sie, »was du da nennst, ist das ganz Aeußerliche. Und über das andre kann ich nicht sprechen. Nicht, ohne es zu profanieren.«
Tante Ottilie hatte ihr allerverschlossenstes Gesicht.
»Wirklich, Marianne, ich begreife manchmal gar nicht, wie du nur sprichst! Du, die so ungeheuer selbständig ihr Leben in die Hand genommen hat, -- die sich mit solcher Energie und aus eigner Kraft behauptet hat, -- wie sprichst du mitunter nur? Ganz wie irgend eine kleine unselbständige Frau, die andern alles verdankt, und der andre zu allem verhalfen. Nun, weißt du, _wenn_ das so ist --«
»-- Es ist so,« sagte Ma lächelnd.
»Ja, dann muß ich dir sagen: dann braucht sich auch unsereins neben dir gar nicht so gering vorzukommen, denn schließlich: unser Stück Arbeit thun wir auch im Leben.«
»Ja gewiß, du Liebe!« meinte Marianne, und sie lachte.
»Aber wir schwärmen nun einmal für Doktor Tomasow,« erklärte Sophie, im Drang, ihre Tante zu bekehren, »er ist ganz außerordentlich gescheit, mußt du wissen.«
»Ja, das ist er,« bestätigte Cita nachdrücklich.
»Das ist noch eine recht zweifelhafte Tugend,« meinte die Tante etwas kühl, »aber für euch Kindsköpfe, die ihr es in dem Punkt noch seid, braucht ja wohl ein Mensch nur gelehrt oder gescheit zu sein, damit ihr ihn in einer Weise anbetet -- --!« Sie hob die Augen ironisch zur Zimmerdecke.
Cita stand brüsk auf.
»Du kannst mir einfach leid thun, Tante Ottilie!« äußerte sie mit einem vielsagenden Achselzucken, das nicht eben artig ausfiel. Und sich demonstrativ abwendend, horchte sie hinaus, wo es grade geschellt hatte.
Ihre Tante war dunkelrot geworden, doch hielt sie an sich, nur ihre Augen zeigten einen erhöhten, stählernen Glanz.
Sie sah über Cita hinweg auffordernd auf deren Mutter.
»-- Ja, -- ich weiß wirklich nicht, Marianne, -- gestatten deine Erziehungsgrundsätze diesen Ton --?« bemerkte sie fragend, und ihre Haltung wurde gemessner.
Aber in diesem Augenblick hatte auch Marianne nach dem Vorflur hingelauscht.
Man hörte, daß die Wohnungsthür wieder geschlossen wurde, eine halblaute Frage, ein Räuspern --
»Das ist Doktor Tomasow!« rief Sophie.
Sie lief hinaus.
Tante Ottilie hatte sich bereits von ihrem Pferdejochstuhl erhoben.
»Aber liebe Ottilie! Du wirst doch nicht deshalb fortgehn --?«
»Gewiß nicht, meine gute Marianne; du vergißt nur, daß ich bloß auf einen Sprung kam und eilig bin, -- auf ein andermal also,« sagte die Schwester etwas gezwungen und verabschiedete sich kaum merklich von Cita.
»Nun, wie du willst. Komm, laß uns durchs Wohnzimmer hinausgehn, -- sieh, da könnten wir so gut plaudern, denn die Kinder, die schleppen jetzt unsern Doktor in den ›Spalt‹ hinein; ich wette, sie gießen ihm noch den kalten Kaffeerest ein.«
Den Arm um Ottiliens Schulter, ging Marianne langsam durch das Wohnzimmer, das nur durch eine Lampe mit dunkelgrüner Glaskuppel vom Schreibtisch her erhellt war. Die Thür zum »Spalt« hatte sie zugedrückt.
»-- Nun --? Stört dich der Doktor hier nicht mehr?«
»Ach, an den dachte ich eben wahrhaftig nicht! Was mich drückt und erstaunt, ist etwas ganz andres --;« Ottilie blieb mitten im Zimmer stehn, und die Schwester groß anblickend, fügte sie mit betonter Langsamkeit hinzu: »Du läßt dir deine Töchter über den Kopf wachsen, meine arme Marianne.«
Marianne lachte leise und schelmisch, sie ergriff die Schwester am Arm und schüttelte sie in heiterm Zorn: »O du Böse, -- du Böse! Kannst du denn nicht dem Mädel ein unachtsames Wort vergessen? Gewiß, sie hätt es nicht so sagen sollen. Aber treffen und verwunden kann unsereinen doch nicht dieser kleine schwache Pfeil --? Ein Pfeil aus solchen jugendlich heftigen, jugendlich übereifrigen Händen?«
»Du hättest es aber rügen müssen. Darum allein handelt es sich nur.«
»Rügen -- sofort? Vor dir? Meine einundzwanzigjährige Tochter um einer Bagatelle willen vor euch demütigen? Nein, wie magst du das nur sagen, Ottilie! Du mußt auch nicht vergessen, daß Cita längst --«
»Längst im Auslande studiert! Ja ja, das weiß ich! Das ist grade das Unglück. Und ist sie erst ›Doktor‹, -- mein Himmel, dann darf sie wohl vollends thun, was ihr beliebt,« fiel ihr Ottilie nervös ins Wort.
Marianne schüttelte verneinend den Kopf.
»Ich meinte jetzt eben nicht grade: weil sie im Auslande studiert. Ich meinte nur: weil sie in so vielen Beziehungen schon fest und tüchtig dasteht und jedes Vertrauens würdig, wie ein reifer Mensch,« sagte sie warm und mit ruhigem Stolz.
Ihre Schwester seufzte. Sie band die Hutbänder zu und wandte sich zum Gehn.
»Fruchtlos, mit dir zu streiten, Marianne. Wir einigen uns doch nicht. Ich sehe den Fehler zu deutlich: du gehst immer zu weit in allem, -- das thatest du immer. Alles packst du mit solch innrer Leidenschaft an, gibst dich so ganz dran! Es war auch mit deiner Ehe nicht anders, glaub ich, --«
»Da glaubst du recht!« antwortete Marianne sehr leise, und in ihre Augen trat ein dunkles Leuchten.
»Und die Folge?! Nun, ich will nicht drüber sprechen. Aber daß du so ganz zerbrochen am Boden lagst, -- diese gräßliche Zeit. Man kann das doch nicht einfach Witwentrauer nennen --. Und jetzt mit deinen Töchtern. Sie gehn dir buchstäblich über alles. Sind dir dein ganzes Mark und Blut.«
»Ja, Ottilie. So ist es. Soll es denn nicht so sein?«
Ottilie hatte schon den Griff der Thür nach dem Vorflur gefaßt. Sie ließ ihn noch einmal los, wandte sich der Schwester voll zu und sagte halblaut: »Nein! Nein, -- siehst du, das ist es eben: es soll nicht so sein. Man muß die Dinge nicht so bis auf den Grund auskosten. Man muß sich zurückhalten, sonst ist man verloren. Sonst verliert man jeden Halt.«
»O du! Das wäre eine traurige Lehre! Man lebt ja nicht, es sei denn, um sich hinzugeben. Man lebt ja nur soviel, als man liebt.«
Marianne sagte es inbrünstig.
Hinter der Thür zum Spalt hörte man Scherzen und Lachen. Ein Durcheinanderreden von Russisch und Deutsch.
Ottilie entgegnete mit gesenkter Stimme und einem Anflug von Bitterkeit: »Das ist kein Ding wert. -- -- Und wer sich dermaßen ausgibt, verflacht mit der Zeit. Was behält er dann noch Unangetastetes, Eignes? -- -- Aber geh jetzt, bitte, zu den andern hinein. Sie warten drinnen auf dich.«
»Sie warten nicht. Ich gebe dir deinen Pelz um,« bemerkte Marianne und geleitete die Schwester hinaus. In ihren Gedanken weilte sie jedoch noch beim Gespräch. Sie hätte rufen mögen: »Ein Ding ists wert: die Kinder! Warum sie nur erziehen? Warum nicht von Grund aus sich freuen und jubilieren über sie? Frage deine Tochter! -- sie hätt es bei mir seliger als bei dir --.«
»Grüße mir Inotschka!« sagte sie nur.
»Die wird nur rot, wenn ich ihr das bestelle. Ueber alles wird sie rot. Es ist wirklich schon fast ihre einzige Sprache, -- und dabei kann sie drei Sprachen so gut. -- -- Willst du nicht vielleicht morgen abend den Thee bei uns nehmen, wenn du vom Unterricht kommst? Du hast es schon lange nicht gethan. Wir sehen uns wahrhaftig fast nur, weil du Montag Nachmittags mit Nikolai lernst.«
»Ja, ich will kommen,« meinte Marianne. »Am Sonntag kann ich ja ausschlafen.«
Sie küßten sich, und Ottilie ging.
Nachdenklich blieb Marianne im Vorflur stehn. Sie blickte zu Boden, als suche sie etwas. Sie suchte, sich in ihrem Innern auf etwas zu besinnen.
Wie sagte doch Ottilie? »Sonst verflacht man mit der Zeit.« Es gab Leute, die hielten Ottilie für »tief«. Das war es also. Sie gab sich nicht aus, lebte einfach mit Dreivierteln ihrer selbst, -- vielleicht nicht einmal damit --.
Aber war es denn immer so gewesen? Nein, sicher nicht. Einst, als Kinder, hatten sie einander viel stärker geglichen als jetzt, hatten gemeinsam und gleich empfunden. Erst viel später mußte die Schwester ihr Temperament außer Gebrauch gesetzt haben, -- es beiseite gelassen, -- es »reserviert« haben --, wofür? Und wie, in aller Welt, machte man das? -- --
Marianne war ins Wohnzimmer zurückgegangen und setzte sich vor das geöffnete Pianino, worauf Sophiens Geige lag.
Zerstreut, ganz leise schlug sie ein paar Töne an.
Sie dachte an Inotschka. Ach, der würde sie sich auch gern hingegeben haben. Die würde sie gern zu ihren Schülerinnen gezählt haben.
Aber sie fühlte selbst, daß es nicht anging. Auch wider Wissen und Wollen hätte sie jeden Augenblick ihren Einfluß dem der Eltern entgegengerichtet.
Inotschka, halberwachsen, noch mager, mit ihren allzu ernsthaften Augen und einem so weichen Munde, einem so kußbedürftigen weichen Munde, blieb vor ihrer Phantasie stehn, während sie die leisen, dunkeln Töne anschlug -- --.
Darüber merkte sie gar nicht, daß sich die Thür zum Spalt öffnete.
Beide Mädchen und Doktor Tomasow drängten sich geräuschlos in den Rahmen der Thür.
Und da weckte ein fröhliches Gelächter Marianne aus ihrem Sinnen. Sie schaute sich um. Alle drei standen sie da und lachten sie aus.
Sie lachte ohne weiteres mit.
»Kommt nur herein. Tante Ottilie ist fort,« sagte sie.
Vor Tomasow sprach sie stets deutsch, wie mit den Kindern untereinander.
»Ja freilich! Die ist lange fort. Aber was verstecktest du dich denn vor uns, Ma? Dürfen wir deine geheimen Gedanken gar nicht wissen, aus denen wir dich herausgelacht haben?« fragte Sophie neckend.
»Jawohl. Ich dachte darüber nach, warum ich euch gutwillig mir dermaßen über den Kopf wachsen lasse, ihr Kinder,« entgegnete Marianne, und sie reichte dem Freunde die Hand zum Willkommen.
Sophie schlug entrüstet die Hände über dem Kopf zusammen, Cita aber erkundigte sich interessiert: »-- Nun, -- und das Ergebnis war, Ma --?«
»Es war: Wachset nur, -- wachset!« sagte Marianne lachenden Mundes, und ihre Augen strahlten gütig.
Doktor Tomasow blickte unter halb gesenkten Lidern nach ihr hin. Sein bartloses Gesicht, das so offen jede Falte und Furche in den Zügen des hohen Vierzigers zur Schau trug, war in Bezug auf seine stummen Gedanken nicht plauderhaft. Hager, mit slavisch kurzer Nase und energischen Kinnlinien, -- dem Grundriß nach ein russisches Barbarengesicht, war es vom Leben verarbeitet, vergeistigt, aber im Ausdruck wie verschlossen worden. Kurz, dicht und früh ergraut, wellte sich das Haar über der freien Stirn fast ganz grade empor.
Die beiden jungen Mädchen mußten ihn gut kennen. Als er sich nicht in ihr Scherzgespräch mit der Mutter mischte, blickten sie einander flüchtig an und zogen sich dann einmütig in ihr Zimmer zurück, -- in Sophiens eigenstes Reich, das, über den Gang hinaus, nach dem Hofe zu lag, und wo jetzt Cita wohlgelittener Gast war.
Die Mutter sah ihnen nach, wie sie, nach einigen heiter gewechselten Worten, fortgingen: Cita mit ihrem festen, gleichmäßigen Schritt voran, und hinter ihr Sophie, die sich noch einmal mit einer graziösen Wendung umsah und lächelte.
Als sich die Thür hinter ihnen schloß, hob Marianne ihre Augen zu Doktor Tomasow.
»Nicht wahr, die Sophie ist schmal in den Schultern? Sie hustet.«
Er antwortete ruhig: »Das thun wir hier alle mehr oder minder zu dieser Jahreszeit. Sie sind mit dem Kinde etwas zu ängstlich, Marianne.«
»Ja, sie erinnert mich so an -- --, auch er war zart.«
Und da sie einen zaudernden Ausdruck in Tomasows Gesicht wahrzunehmen wähnte, trat sie ganz dicht auf ihn zu.
»Tomasow! Wenn -- nein, wenn --, Sie dürfen mir nie etwas verschweigen, nie --.«
Und sie erblaßte plötzlich.
»Aber! Aber!« sagte er mit seiner überredenden eindringlichen Stimme und nahm ihre Hände, wie die eines Kindes, in die seinen. »Verbieten Sie ganz harmlosen Dingen, mit Ihnen gleich so durchzugehn, wie wildgewordene Pferde. -- -- Ganz kalte Hände haben Sie auf einmal bekommen. Kälteres Blut wäre besser. -- -- Also: Sophie ist absolut gesund. Ich bürge Ihnen dafür. Die Aehnlichkeit, die Sie da eben andeuteten, beschränkt sich auf die zarte Hautpigmentierung, die mit so blondem Typus zusammengeht, -- sie garantiert Sophie auf lange hinaus einen blendenden Teint, bei etwas Pflege. Nun, hübsch genug ist sie schon jetzt, dächt ich. Ein liebes, gutes, schönes Kind haben Sie an ihr, Marianne.«
Sie hörte ihm aufmerksam zu, unendlichen Glauben in den Augen.
Seine Gestalt, obwohl in den breiten Schultern unmerklich geneigt, überragte sie um ein gutes Stück. Sie erschien nicht mehr mittelgroß, sondern fast klein, und wenn sie beim Sprechen die Augen so zu ihm heben mußte, konnte man den Altersunterschied zwischen ihnen für beträchtlicher nehmen, als er in Wirklichkeit war.
»Aber gut ist es für Sophie, daß sie bei mir ist, und ich für sie sorgen kann, bis in jede Geringfügigkeit, -- das finden Sie auch? Cita ist ja so vortrefflich aufgehoben in der Familie, bei der sie in Berlin wohnt, -- ich korrespondiere ja auch mit den Leuten, -- und doch, -- für Sophie wäre das nichts --.«
Sie sah ihn dabei fragend an.
Tomasow zuckte die Achseln.
»Natürlich würde sie es nirgends in der Welt auch nur annähernd so gut haben, wie bei ihrer Mutter. Indessen, das ist doch selbstverständlich. Warum fragen Sie erst danach?«
»Ich weiß es nicht,« murmelte Marianne; »ich weiß nicht, warum sie mein Angstkind ist. In meiner Liebe zu ihr ist so viel Angst --. Darum muß ich manchmal von Ihnen hören, daß sie Ihnen keine Sorge macht.«
»Nein. Die machen höchstens Sie mir von Zeit zu Zeit, kleine Ma,« sagte er mit leisem, fast nachsichtigem Lächeln und gab ihre Hand frei.
Er nannte sie gar zu gern mit diesem Namensstummel, der daraus entstanden war, daß sich die Kinder in der Kindheit bisweilen herausgenommen hatten, die Mutter wie einen guten Kameraden »Marianne« zu titulieren, was Tomasow schon damals äußerst bezeichnend fand. Hin und wieder ließ jedoch das Erstaunen andrer sie mitten in diesem Unternehmen stecken bleiben. Zuletzt blieb von Mariannens Namen nur das übrig, was ein guter Wille auch als Anlauf zu dem Wort »Mama« nehmen konnte.
»Und die Einzigkeit der Silbe paßt zu ihr,« dachte Tomasow bei sich, »-- dieser einzige Ton als Name, -- es ist, wie wenn man etwas nur eben intonierte, was man nicht ganz nennen will, noch auch äußern kann. Weit, weit hinter dem einzelnen Ton ruht und klingt das Ganze --.«
Marianne war zum Schreibtisch getreten und schraubte die Lampe höher.
»Stehn Sie mir da noch immer im Rücken? Das ist ja unheimlich,« sagte sie, den Kopf nach Tomasow zurückwendend, und dann ließ sie sich müde vor dem Schreibtisch in dem alten Luthersessel nieder, der noch von ihrem Vater, dem Schuldirektor, stammte.
Tomasow zog sich den langen Schaukelstuhl neben der Blattpflanzengruppe ein wenig näher zu ihr heran.
Er nahm von den Zigaretten, die Marianne ihm anbot, und zündete sich schweigend eine an.
»Ich glaube, speziell dafür bin ich am Ende auch das letzte Mal vom Auslande wieder heimgekehrt, ein so schauderhafter Kosmopolit ich auch schon zu werden drohte,« bemerkte er dann.
»Wofür? Für die Plauderecke?«
»Es ist nicht einmal eine Plauderecke, streng genommen, denn wir sind oft ziemlich wenig redselig, besonders wenn Sie abends müde sind oder gar anfangen, Notizen in Ihre schrecklichen blauen Schulhefte zu machen.«
Marianne lehnte sich zurück und kehrte ihm das Gesicht zu. Sie sagte lächelnd: »Nun, dann sitzen Sie eben und freuen sich drüber, wie unendlich brav und artig ich bin. Denn das muß ja doch eine Freude für Sie sein! Wer hat mich denn gelehrt, diese Schulheftexistenz auszuhalten.«
»Ich etwa?!« Tomasow machte eine ungläubige Miene. »Ich habe Ihnen wohl im Gegenteil alle Schwierigkeiten und Schrecknisse einer solchen klarzumachen gesucht, als Sie sich in den greulichen Kampf stürzten.«
»Ja. Und mich dadurch für ihn gewappnet, -- mich dadurch gelehrt, nicht gleich beim ersten Ermatten zu erliegen. Ich wußte so bestimmt: Sie stehn da und helfen mir immer wieder auf, -- ach, das war ein gutes Gefühl, glauben Sie mir.«
Tomasow rauchte schweigend.
Ganz so war es wohl nicht. Er hatte in Wirklichkeit ihren Kräften nicht den Existenzkampf zugetraut, den sie so löwenmutig für sich und ihre Kleinen vollbracht hatte. Nein, ursprünglich hatte er ganz und gar nicht annehmen können, daß sie einem derartigen Leben gewachsen sei.
Er half ihr damals mit seinem Rat und Beistand gleichsam nur so vorläufig. Er half ihr, um ihr nah bleiben zu können.
Jedoch dann -- später -- wenn sie doch am Ende ihrer Kräfte sein würde, die sie bis zum Zersprengtwerden anspannte, -- ja, damals dachte er sich dann ein ganz andres Ende. Ein völlig andres --.
Fast ohne daß er es wußte, fixierte Tomasows Blick bei dieser Erinnerung den geschlossnen Olivenholzrahmen, der in der Mitte des Schreibtisches stand.
Marianne war der Richtung seines Blickes gefolgt.
»Darf ich?« fragte er.
Sie streckte, ohne zu antworten, die Hand aus, nahm den Rahmen vom Tisch und reichte das ihm wohlbekannte Bild herüber.
Er schaute aufmerksam auf das junge beseelte Gesicht im Rahmen, -- ein bartloses Jünglingsgesicht. Eine Aehnlichkeit mit Sophie war in der That unverkennbar, nur nicht in der Kühnheit der Stirn und des Kinnes.
Aber etwas so Zartes lag über dem Ganzen --.
Tomasow bückte sich tiefer über das Bild und bemerkte: »Wenn ich mir vorstelle, wie Sie damals ausgesehen haben müssen, -- und wie dieses hier aussieht, -- so kommt mir leicht das Gefühl: sieh da, zwei Kinder, die man schützen möchte.«
Sie lächelte unmerklich.
»Wir brauchten keinen Schutz. Gegen nichts. Wir hatten ja einander.«
»Zugegeben. Aber wer von Ihnen schützte wen?«
»Jeder den andern. -- Ach, es ist nur eins nicht zu fassen: daß der eine zurückbleibt, wenn der andre geht. Wie mag denn das nur möglich sein? -- -- Arme Menschen, daß es so ist.«
Er erhob sich, um das Bild auf den Schreibtisch zurückzustellen.