Ma: Ein Porträt

Part 12

Chapter 121,745 wordsPublic domain

Marianne war, einer Ohnmacht nahe, stehn geblieben und rang nach Atem.

Sie standen wieder dicht vor der Verkündigungskirche, an den Stufen, über denen sich die Eingangspforte erhebt. Hugo Lanz hatte einen Arm um Marianne gelegt und führte sie, sie vorsichtig stützend, hinauf bis in den Seitengang, wo längs den Fensterchen von gewelltem Glas eine Bank stand.

Dort ließ er Marianne niedersitzen und neigte sich, neben ihr stehn bleibend, mit besorgter Frage zu ihr.

Aber sie achtete nicht auf das, was er flüsternd fragte. Dicht vor ihr öffnete sich das blausilberne Portal in den innern Kirchenraum, auf der Seite, wo sie eben hereingetreten waren, blickte von der Thür ein großes dunkles Christusbild zu ihr nieder, die Züge kaum kenntlich, ein schwarzer Fleck, umhüllt und umkleidet von unendlichem Goldglanz. Sie starrte darauf hin, bis sie vor Thränen nichts mehr sah. Rätsel hinter Gold --.

Aber leise und wohlthuend legte sich die Dämmerung dieser Kirchenwände wie schützend um sie. Kaum glichen sie Wänden, bedeckt mit alten nachgedunkelten Malereien wie reiche alte Stoffe, sich niedrig wölbend und wellend, wie ein ungeheurer Mantel, der sich in schweren weichen Falten um den Betenden legt, ihn sanft bergend vor der Außenwelt --.

Sie hob beide Hände vor das Gesicht und beugte sich tief vor, ohne ein Wort zu sprechen. Schweigend verharrte sie lange so.

Hier und da kamen von draußen Menschen vorüber, meistens Leute aus dem Volk; leise auftretend mit ihrem groben Schuhwerk, schritten sie tiefer hinein in das Schiff der Kirche, das in feierlicher Dämmerung vor ihnen dalag, nur an wenigen Punkten schwach erhellt von vereinzelten Wachskerzen, die daraus hervorblinkten.

Hugo Lanz stand neben Marianne, an ihre Bank gelehnt, und blickte auf sie nieder. Er wußte nicht, was in ihr vorgehn mochte, aber daß in dieser Stille etwas Erschütterndes in ihrer Seele zum Austrag kam, das mußte er wohl fühlen -- --. Und wenn er einst zu ihr gekommen war im drängenden Verlangen, an ihrer warmen Mütterlichkeit getrost und froh zu werden wie ein Kind, so wuchs jetzt eine Sehnsucht in ihm empor, -- groß, wie er sie nie gekannt hatte, -- stark zu werden und kraftvoll, ein Mann, um beschützen und behüten zu dürfen --.

Er stand da und horchte stumm auf das Geläute der Glocken, -- auf den seltsam packenden Klang dieser russischen Glocken, die sich weigern, sich mit ihren Klängen mitzuwiegen, und ehern feststehn, daß der Klöppel in ihnen anschlägt wie ein weithin tönender Befehl -- --.

Da ließ Marianne die Hände von ihrem Gesicht sinken und erhob sich ganz langsam. Hugo Lanz machte eine Bewegung zu ihr hin, aber die Andacht in ihren Augen und in ihrer ganzen Haltung bannte ihn. Es war wie eine unsichtbare Einsamkeit und Hoheit um sie, die er nicht zu entweihen wagte. Und unwillkürlich trat er zur Seite.

Einen Augenblick lang stand Marianne da, sich besinnend, fast schüchtern, mit einer sanften Neigung des Kopfes, die etwas Rührendes für ihn hatte, etwas von unaussprechlicher Ergebung. Aber auf ihren Zügen lag ein ruhiger Glanz, alle Angst war von ihnen gewichen.

Sie machte eine Wendung, um aus dem Portal hinauszutreten, ohne ihren Begleiter zu bemerken. In diesen Minuten hatte sie auch ihn vergessen. Er schaute ihr nach, und unwiderleglich kam ihm das Gefühl: -- als ginge sie gar nicht allein -- --.

Ein paar Schritte hinter ihr trat er hinaus auf den Platz.

Unten in der Stadt, die dem Kreml zu Füßen lag, blinkten eben die ersten Lichter auf. Schon war es nicht mehr ganz hell. Weißlicher Winternebel zog sich in der Ferne über die Ufer des Flusses. Fest um den Kreml geschmiegt, standen die Häuser da, rot und blau und grün an Dächern oder Mauerwerk, und erwarteten nach des Tages Treiben das Dunkel, durch das das siegende Gold der zahllosen Kuppeln hindurchschien wie eine ewige Leuchte, die nicht mit dem Tage erlischt.

Ein unerhörtes Abendrot stand über Moskau. Und die Buntheit der Farben ringsum nahm auch noch den schwächsten Abglanz davon, nahm auch den leisesten Funken so innig auf, hielt sich ihm an der Oberfläche aller Dinge als ein so williges Gefäß entgegen, daß es fast wirkte wie ein Lobgesang, der emporstieg von der Erde zum erglühenden Himmel. Eine Stimmung wie ein Ausgleich zwischen Freude und Gebet lag über dem Ganzen. Die paar Wolken, die inmitten der Bläue des Himmels zögernd dunkelten, zogen sich, lichtdurchschossen, langsam zu breitschimmernden Goldbändern auseinander -- --.

Da ging ein flüchtiger Regenschauer nieder, warm und ganz kurz, wie ein Thränensturz.

Hugo Lanz blieb stehn und schaute hinab, dorthin wo Mas feine ruhige Gestalt im Abstieg zu den Anlagen sichtbar blieb.

Wie klein und unscheinbar verschwand sie dort zwischen den Bäumen. Und ihm schien doch alles ringsum sie allein zu feiern und zu umstrahlen --.

Denn in ihm arbeitete sich irgend ein Bild mit mächtiger Gewalt zu künstlerischer Klarheit hindurch, -- ein Bild, in dem er Ma vor sich sah, -- ein Bild, in dem ihr Glück lebte und ihr Vereinsamen, und ihr Weh, und ihr Sieg, -- ein Bild, in dem geheimnisvoll lebte, was in diesem Augenblick in ihr selbst wohl nur in dunkeln Ahnungen rang -- --.

Und es kam ihm vor, als stünde er angesichts eines großen Schauspiels, um deswillen man das Leben fürchten und lieben lernen mag. Und das den Schauenden, dem es seine Heimlichkeit enthüllt, zum Kinde werden lassen mag, und zum Manne, -- und zum Dichter.

-- Ganz benommen und wie sich selbst entrückt, blickte er hinab von der Kremlhöhe in die Tiefe der Stadt.

So sah er Ma schweigend, still niedersteigen unter dem verhallenden Geläute der Glocken, -- einen von oben in die Wohnungen der Menschen entsendeten guten Geist.

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Seite 112: "«" eingefügt (Sie ist aber nicht krank geworden.«)

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Seite 179: "." eingefügt (um alle Kraft aufzuzehren --.)

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