Ma: Ein Porträt

Part 11

Chapter 113,656 wordsPublic domain

Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne fast aus Zerstreutheit nach Hause gegangen. Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein, der sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer erhob, -- als erwarte er sie da förmlich mit herausforderndem Hohn. -- -- Morgen war schon heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken müssen. Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen gern thun, obschon es ihnen ein bißchen lästig war, -- sie selbst hielten nichts auf solche Kindereien --.

Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt gewesen über ein sang- und klangloses Weihnachten!

Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich an den gedeckten Frühstückstisch zwischen ihre beiden Kinder hinzusetzen --.

Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand Marianne auf der Straße im Winterwinde.

Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die es so haßte, sich Tag für Tag draußen herumtreiben zu müssen, sie stand jetzt da, um den Ihrigen Lehrstunden vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte --.

Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben auf. Irgend ein Straßenflaneur beugte sich vor, um sie deutlicher zu sehen --. Es war mitten im Menschengetriebe unweit der Schmiedebrücke; Marianne durchquerte den Fahrdamm, um in eine der stillern Seitenstraßen einzubiegen, als sie zwischen den dahinhastenden Menschen Tomasows Gestalt erkannte.

Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten. Als er Marianne auf sich zukommen sah, verabschiedete er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut entgegen.

Leise schob sie ihren Arm in den seinen.

»Danke!« sagte er lächelnd. »-- Offenbar auf Weihnachtswegen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich bin todmüde. Ich möchte irgendwo eintreten, wo ich etwas essen könnte.«

»Sie wollen nicht erst den langen Weg nach Haus?« Er besann sich. »Gehen wir zu Philippow? Oder ziehen Sie ein Restaurant vor?«

»Keins von beiden. Ueberall könnten Bekannte sein. Ich möchte dort in der Seitenstraße in eine der kleinen billigen Theebuden, wo kein Mensch hinkommt.«

Sie suchte ihn die paar Schritt weit hinzulenken.

»Aber, Ma! Da geht man mit einer Dame nicht hin.«

Marianne ließ geschwind seinen Arm los.

»-- Dann lassen Sie mich allein hingehen -- Ich nahm wirklich zu dem Zweck Ihre Begleitung an,« sagte sie und blickte aus so sonderbar müden Augen auf ihn, daß er sofort nachgab.

Er zuckte die Achseln.

»Nun es sei, also wie Sie wünschen,« meinte er zögernd und führte sie dem kleinen Lokal zu, das mit einem breiten grellblauen Schild zum Eintritt lud. »Schließlich ist es eine warme Ecke, wie eine andre, wenn sie auch ein bißchen tief im Erdgeschoß drin liegt.«

Im Innern der Theestube hingen blendend saubere Leinwandvorhänge an den niedrigen, fast quadratischen Fensterchen, und auch das weiße Holz der simpeln Einrichtung sah so weiß und sauber aus, als müsse es Seifengeruch ausströmen. Im ersten Raum dampften ein paar mächtige blanke Kupfersamoware auf dem Schenktisch, und an den Wänden lagen bis hoch hinauf unendlich viele Schwarzbrote aufgestapelt.

Doch gab es auf Wunsch auch helles Gebäck, sowie die volkstümlichen Pastetchen mit Grützfüllung, und Tomasow bestellte davon, dessen sicher, sie vorzüglich bereitet zu finden. Der bedienende Gehilfe im weißen Leinwandkittel und hohen, dermaßen glänzend gewichsten Kniestiefeln, daß man sich in ihnen beinahe hätte spiegeln können, brachte das Verlangte in den schmalen Nebenraum, wo Marianne schon im Hintergrunde an einem der länglichen ungestrichenen Holztische saß.

Nur zwei Frauen aus dem Kleinbürgerstande, mit bunten Kopftüchern und kurzen Schaffellpelzen, tranken beim Fenster ihren Thee, wobei sie die gefüllte Untertasse auf den gespreizten Fingern der rechten Hand balancierten; schweigend, mit einer gewissen Feierlichkeit und ohne um sich zu sehen, nahmen sie einen heißen Schluck um den andern.

»Hier ist es gut!« sagte Marianne.

Sie sah abgespannt aus, und dabei brannte ihr das Gesicht vom Winde. Die Hitze, die der mächtige Kachelofen im geschlossnen Zimmerchen ausströmte, machte es noch fühlbarer.

Marianne empfand wirklichen Hunger, er war ganz plötzlich und fast mit Gier erwacht, als sie beim Eintreten das viele ringsum an den Wandborten aufgeschichtete Brot sah. Aber wie nun ihr Frühstück vor ihr stand, vermochte sie ebenso plötzlich nichts mehr zu essen.

Sie bückte sich über ihr Theeglas, aus dem dicht vor ihrem Gesicht der Dampf in die Höhe stieg, und folgte mit dem Blick gedankenlos seinen Windungen. Dieses Gefühl von sich nachgebender Schwäche war merkwürdig angenehm.

Tomasow betrachtete sie aufmerksam.

»Sie gefallen mir ganz und gar nicht!« äußerte er; »aber eigentlich hätt ich mir das ja schon vorgestern selbst voraussagen können --«

Marianne hob verwundert den Kopf.

»Was denn --?« fragte sie zerstreut.

»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten, -- daß die Stimmung zunächst sinken würde --. Sie haben sich seelisch bis zum äußersten anspannen müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.«

Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum. Ihr fiel ein, daß Tomasow ja so gar nichts vom gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts von der heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte erscheinen lassen, -- noch auch von der großen Bitterkeit hinterher.

Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er nicht vollen Bescheid wußte und dementsprechend urteilte. Aber nur nicht davon erzählen! Sogar ihm nichts! Was konnt es denn helfen?

Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher zu Marianne hinwendend, mit dem Rücken gegen das Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne, jetzt ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit geben --. Vollmacht, Sie ganz anders als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen, abzulenken, zu beaufsichtigen, -- kurz: um Sie zu sein --«

Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre Kümmernisse klangen sie aus solcher Ferne herein, daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen vermutete.

»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur freundlich.

»-- Gut --?! Nein, Marianne, mit meinem Gutsein hört es nun auf. Glauben Sie nur, es ist mir nicht immer leicht gefallen ›gut‹ gegen Sie zu sein, Ihr guter Freund zu sein -- alle die Jahre. Jetzt aber, wo Sie allein bleiben, wo sich Ihre Töchter ihr eignes Leben bauen, da will ich ein andres Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben aufzubauen -- Ihnen und mir.«

Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und bestimmt, und in seiner Stimme vibrierte tief gedämpft ein Ton, den er Marianne gegenüber noch nie angeschlagen hatte.

Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick streifte Tomasow wie erwachend und noch verständnislos erstaunt; als sie jedoch dabei seinen fest auf sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung.

Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von mir, daß ich Sie so überfalle, Ma --. Aber es hilft nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin ich mit Ihnen tausendmal weniger allein als hier, -- und im nächsten Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und gewappnet da, -- in jeden Arm hineingeschmiegt eins Ihrer Kinder. -- -- Sie sollen mir auch nicht antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst morgen nicht, wenn Sie wollen. Nur wissen, -- wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich allein dastehn werden, wie Sie wohl glauben, -- -- weil ich Sie mir nunmehr nehme --«

Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren Wangen hatte sich vertieft, als ob sie wieder den Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos sagen mußte, -- sie nahm sich vor, den Kopf zu heben und ihn einfach zu bitten, -- ja, zu bitten, er möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie »gut« sein --.

Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort erwarte, beugte sie den Kopf nur noch tiefer, und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte.

Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam, unvermutet und betäubend eine wunderseltsame Gemütswallung in ihr auf -- --. Und machte sie zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows meiden, wie wenn eine geheime Sehnsucht etwas ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt gewordenen Gedanken in ihr.

-- -- Es war grade, als risse Tomasow mit ein paar gewaltsamen Griffen den Vorhang von irgend einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie davon --.

Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt zu sein und wußte doch auf einmal: nur ganz durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen, und immer da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell, zu neuem, verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich plötzlich vor ihrem Auge Bild auf Bild daraus. Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow sah sie vor sich, -- oft unterbrochen durch Monate und weit länger, oft einander rascher folgend in feinen, unmerklichen Sensationen, -- auf die sie mit dem Finger hätte weisen können: da -- und da -- und da, -- ja, war sie da seinen Wünschen nicht, ohne es zu wissen, ganz nah gewesen, -- ganz nah einem weiblichen, eignen Glücksverlangen --?

Marianne saß regungslos und noch immer im Bann der leichten Mattigkeit, die sie heute umfing. Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung, die Macht über sie gewann. Sie fühlte sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt wird und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen kommt. -- --

Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein Blick ruhte immer wieder auf Marianne und mochte ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging.

Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie einander auch nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen eine Verwandlung ihres gegenseitigen Verhältnisses ein: das nahm er mit allen Nerven wahr. Und auch er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort entführte -- --.

Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine Augen bekamen einen eigentümlichen starken Glanz.

Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein einziges Mal ging draußen im Vorraum kreischend die Außenthür, ein paar schwere Tritte, kurze Frage und Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still.

Die beiden Frauen am Fenster hatten sich erhoben, rückten ihre Kopftücher zurecht und gingen auf knarrenden Schuhen mit wortlosem Gruß hinaus.

Da blickte Marianne auf, fast verstört. Unmittelbar darauf erhob sie sich schon. Die dumpfe, schwere Ofenluft benahm ihr den Atem.

»-- Sie wollen gehn?« fragte Tomasow und half ihr in den Pelz. »-- Wollen Sie nichts weiter genießen?«

Marianne schüttelte stumm den Kopf. Sie schien zu meinen: jetzt an die freie Luft draußen gelangen, das hieße zugleich, den ganzen Bann und Druck abschütteln. Diese heiße Stubenschwüle war allein schuld --.

Tomasow zahlte, und sie entfernten sich. Der Ostwind blies ihnen auf der Straße scharf, förmlich wehethuend entgegen, er weckte fast ein Gefühl unwillkürlichen Sichbergenwollens.

»Wohin nun?« fragte Tomasow, »muß es schon heimwärts gehn?«

Marianne nickte zögernd.

»Den Kreml durchqueren,« meinte sie, »das ist wohl der nächste Weg.«

»-- Und wärs auch nicht der nächste! Denn allzu kurz darf er nicht geraten,« bemerkte er lächelnd.

Beim Ueberschreiten des Fahrdamms, zwischen den durcheinander sausenden Schlittengespannen, hatte er Marianne den Arm gegeben und führte sie mit der sichern Haltung dessen, bei dem sie sich von nun an bergen sollte. Oder empfand nur sie es so, als ob alles um eine Nuance verändert sei, als ob in allem schon eine stillschweigend anerkannte Zueinandergehörigkeit betont liege --.

Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe zu reden, da traten sie schon in das Erlöserthor ein, das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke mäßigten den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und Tomasow, der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in der um sie eingetretenen Stille nicht recht weitersprechen.

Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus, vorüber an den Kathedralen und dem alten Facettenpalast. Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine Zeichnung von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl« ein, -- ja, so hätte er um Ma freien mögen: inmitten der Pracht der alten Palasträume, der niedrigen Wölbungen russischer Terems, als der alten Fürsten einer --. Und er dachte zurück: noch sein Großvater hatte sich seine Bäuerin vom Feld in die Hütte geführt, und die geschmückten Dorfmädchen tanzten zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast das gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der Fürst, der Herr vor seinem Weibe, das von ihm sein Leben empfing.

Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob sich der Uspenski-Dom in der energischen Schlichtheit seiner männlich gedrungenen Architektur, die grauen Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne andern Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten Bilder unter dem dunkeln Bleidach über dem Thor. Und davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt, in festlicher Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die Vielkuppelige, die aussieht, als bildete die Gliederung ihrer Mauern nur eben soviele Vorwände, um eine stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich emporzuhalten. Wie Weib und Mann standen die beiden in Tomasows Phantasie zusammen, die überall Symbole dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt war.

Den Kopf gesenkt, ging Marianne neben ihm, ihren Blick immer auf den flimmernden Schnee am Boden gerichtet, wie wenn sie mit geblendeten Augen was ablese von dem weißen Geglitzer mit seinen bläulichen huschenden Schatten und Lichtern.

Ihre Hand ruhte im Arm Tomasows; ein wenig zu ihr vorgebeugt, unterhielt er nun Marianne mit halber Stimme. Unruhevoll schweiften ihre Gedanken um das, was er zu ihr sprach. Kaum vermochte sie es aufzunehmen in den einzelnen Sätzen, in den verhaltenen Worten, so stark wirkte es seiner Grundbedeutung nach auf sie --. Ihr ward beklommen wie in der kleinen dumpfen Gaststube vorhin; die Schwüle blieb -- --.

Führte er sie nicht hinauf auf einen Berg und zeigte ihr der Welt Herrlichkeit, -- jene Herrlichkeit, die man zu eignem Genießen haben kann, in der man sich selbst leben kann, sich sättigen in allem Angenehmen und Erfreulichen des Daseins? Führte er sie nicht hinweg aus der Alltagsniederung mit ihrer einseitigen, bittern Mühsal, mit den armseligen paar Aufgaben, die ihre Kraft aufgesaugt, sie gedemütigt und unfähig gemacht hatten zu eigner, breiterer Entfaltung? -- -- Und wieder schaute sie bei Tomasows Worten wie in lockende Weiten, in eine Landschaft hinein, seltsam fremd, seltsam vertraut, in der sie sollte ausruhen dürfen an labendem Glück, sich gehn lassen in süßer Ermattung, -- und seine Stimme verhieß ihr fort und fort: wolle nur, und all dies ist dein --.

Sie überschritten grade den Platz, als ein erster tiefer Glockenklang mit überwältigender Gewalt die Luft durchhallte. Unmittelbar darauf setzte das Geläute von mehreren großen Glocken ein. Es that den Menschen kund, daß die Feierzeit nahe, daß sie das Werkzeug niederlegen möchten und die Seele öffnen, auf daß auch sie feiere.

Und in Mariannens Seele wiederhallte es in einer lauten Bejahung: sie sehnte sich, zu feiern --.

Aber gleichzeitig klangen mit den Glockenklängen ganz andre Stimmungen als zuvor in ihr an, sie kam heim von ihren ungewiß schweifenden Träumereien, zurück in die Gegenwart ihres wirklichen Lebens, und -- wie zwei, die sie gewaltsam hatte vergessen wollen, -- schauten ihr die Gesichter ihrer beiden Kinder fragend daraus entgegen --.

Fragend, -- so wie heute morgen: Sophiens Gesicht dabei ein wenig verschmitzt, voll pfiffiger Erwartung, beinahe wie sie auch als kleines Kind ausgesehen hatte, wenn die Heimlichkeiten um Weihnachten begannen. Citas Augen fragten nicht mehr kindlich: bringst du mir auch was Schönes mit? Sie hatte sorgenvoll vor sich hingeblickt, -- zweifelnd fast, -- sie war beunruhigt durch das Benehmen der Mutter. Und wenn sie jetzt erfuhr, -- Cita --

Mariannens Herz that plötzlich einen starken, harten Schlag. Sie blieb stehn, wie atemlos: wenn Cita erfuhr -- und auch Sophie -- --, sie sah mit einem Schlage die beiden Gesichter verwandelt, bestürzt, ungläubig --, sie fühlte mit unwiderleglicher Deutlichkeit: dann erst entfremdeten sich ihr die Kinder ganz --.

Alles Entfremden bisher bedeutete, dagegen gehalten, noch wenig, -- wie weh es auch thun mochte, es mußte machtlos bleiben, solange die Mutter selbst nur ihren Mädchen dieselbe blieb. Auch wenn sie Tausende von Meilen weit fort von ihr gingen: sie entfernten sich weniger weit, als durch einen einzigen Schritt, den sie selber fort von ihnen that.

»-- Die Kinder --!« sagte Marianne unwillkürlich, mitten in Tomasows Worte hinein, und sie hob zum erstenmal den Blick zu ihm, -- ratlos, hilfeheischend. War er doch da, ging er doch neben ihr, -- er, der immer alles entschieden, bei allem helfend eingegriffen hatte.

Voll Zuversicht schaute sie zu ihm auf.

»Was ist denn mit den Kindern?« fragte er etwas brüsk, aus der Stimmung gerissen; seine Augen begegneten den ihren mit eigentümlichem, flackerndem Leuchten, »-- es handelt sich jetzt doch gar nicht um die Kinder.«

Mariannens Blick glitt rasch, betroffen von ihm ab. Wer half ihr von nun an in allen Fragen und Kämpfen? Er nicht mehr! Er half ihr nicht mehr gegen ihre eignen Schwächen. Bisher konnte er sich ihr so geben, wie sie ihn brauchte, um sich als Mensch hoch und höher emporzuringen. Jetzt, ohne alle Zurückhaltung, brauchte er sie selbst, brauchte sie ohne die Kinder. Wie weit, -- weit standen ihm da ihre Herzenssorgen --!

Irgend etwas in Marianne, irgend ein eben erst entfachtes, eben erst wiedererwachtes Sehnen des Weibes in ihr verschüttete sich wieder und wollte zagend erlöschen --.

Tomasow fühlte sofort, daß er einen Fehler begangen habe.

»Alles hat seine Zeit!« sagte er schnell und bestimmt. »Auch die Kinder haben ihre Zeit gehabt, wo Sie sich ihnen ausschließlich widmeten. Nun ist es endlich Zeit geworden, in diesem Punkt vernünftig umzulernen. Schließlich muß man eben wählen, ob man einander leben will und dem Glück, oder ob man von ihrem unreifen Willen abhängen will.«

Und mit größerer Dringlichkeit als vorher sprach er auf sie ein, indessen sie weitergingen im hallenden Glockengeläut, vorbei an den weißgoldenen Mauern der zahllosen Kirchen und Kathedralen. Und je länger er redete, desto mehr wurde es eine Apotheose des sorglosen Feierns und Genießens, wozu er sie einlud. Er suchte alles hervor, was er ihr schenken könnte, und alles ward immer wieder Genuß und Fest. Aber Mariannens Hand lag nur ganz leicht in seinem Arm, sie stützte sich nicht mehr auf ihn, sie sah unruhig aus, und aus ihrem Gesicht war die gläubige Zuversicht geschwunden.

Und Tomasow überfiel plötzlich eine zornige, bittere Ungeduld wider alles, was er da selbst zu Marianne sprach. Alle die Worte von Glück und Freude erschienen ihm unwahr und schal. Er begriff plötzlich, daß er, an Mariannens Seite, doch immer nach einem suchen würde, nach eben dieser emporschauenden Zuversicht, nach eben dieser gläubigen Anlehnung an ihn, als an einen Stärkern, Ueberlegenen, -- an den Herrn. Glück mit ihr genießen, das konnte nur heißen: ihr im Leben selber so hoch und stark als Mensch überlegen sein, wie er ihrs in einzelnen Stunden durch Verstand und Rat gewesen war --.

Tomasow verstummte.

Und Marianne merkte es kaum. Wie sie so an seinem Arm hinging, schienen ihr jetzt die Glocken über ihr mit den weithin hallenden Feierklängen nicht mehr dieselbe Sprache zu sprechen, wie die dringliche Stimme dicht an ihrem Ohr, -- aus einer andern Welt schienen sie zu reden, als dies halblaute überredende Raunen von Feiertagsglück und abgeworfenen Sorgen --. Und immer mächtiger wurden die Glockenklänge und immer verhaltener die zuredende Stimme, und endlich vernahm sie nur noch Glocken, -- Glocken allein -- --.

»-- Leben Sie wohl, Ma!« hörte sie unvermittelt Tomasow sagen, der stehn blieb. »Ich habe Ihre Antwort schon, noch ehe Sie eine Antwort in Worten gefunden haben. Und lassen Sie mich bekennen: Sie haben recht --«

»Tomasow,« fiel Marianne tief bewegt ein, »-- warum wollen Sie so -- --! -- Sie sind immer und immer mein bester, einziger, liebster Freund --«

»-- Gewesen!« ergänzte er rasch mit einem unmerklichen Lächeln, und dann, sich umsehend, trat er zur Seite. Es kam jemand von hinten her an ihnen vorbei und zog grüßend den Hut.

Hugo Lanz war es, der desselben Weges ging und Marianne hocherfreut begrüßte. Marianne mußte ihn Tomasow vorstellen.

»Ich eilte grade zu Ihnen, gnädige Frau,« bemerkte Hugo Lanz, »um Ihnen eine für mich freudige Nachricht mitzuteilen --«

»Das trifft sich in der That gut,« meinte Tomasow etwas heiser, »daß ich mithin die gnädige Frau in Ihrer Begleitung lassen kann. Mein Weg führt hier leider nach andrer Richtung.«

Marianne reichte Tomasow die Hand, zögernd, fast zitternd.

»-- Aber doch auf Wiedersehen sehr bald --?« fragte sie mit nicht ganz beherrschter Stimme.

»Gewiß, gnädige Frau: sobald sich einmal gute Bekannte bei Ihnen versammeln, dann gestatten Sie mir vielleicht, auch dabei zu sein,« entgegnete er mit leichter Betonung dieser Antwort, beugte sich über ihre Hand, grüßte Hugo Lanz und entfernte sich, in die nächste Straße einbiegend.

Marianne ging statt vorwärts wieder zurück, ohne recht zu wissen und zu sehen, wo sie ging. Ein Angstgefühl umklammerte sie dumpf: sie konnte nicht fassen, daß das ein Abschied für das Leben gewesen war.

Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, um sich Hugo Lanz zuzuwenden, dessen offnes Gesicht von Freude geleuchtet hatte, der aber jetzt ernst und still aussah, weil er sie so seltsam ernst vor sich hin gehn sah.

Er erzählte dennoch froh: »Soeben erst hab ich die Erlaubnis ausgewirkt, den nächsten Winter noch ganz frei zu bleiben, -- und ich werde ihn hier zubringen. Meine Verwandten haben mich aufgefordert, bei ihnen zu wohnen. Und schon die Aussicht, Sie und Ihre Familie besuchen zu dürfen --«

»Das freut mich innig,« bemerkte Marianne leise, »doch werden Sie im nächsten Winter nur noch mich wiederfinden, -- nicht mehr meine Töchter. Auch Sophie geht fort, folgt der Schwester ins Ausland.«

Hugo Lanz blickte Marianne mit aufrichtigem Schreck ins Gesicht. Die kleine Familienscene, der er beigewohnt hatte, stand vor ihm, Mariannens strahlendes Glück zwischen ihren Kindern, -- auch dessen, was ihm Sophie mitgeteilt hatte, entsann er sich.

»-- Ganz allein bleiben Sie --?« entfuhr es ihm voll Mitleid und in unwillkürlichem Unwillen.

Marianne wiederholte mechanisch: »-- Allein --,« und sie nickte bejahend. Aber das dumpfe Angstgefühl in ihr verstärkte sich dabei, als risse es sie mit jedem Schritt gewaltsamer hinein in etwas Endloses, Grenzenloses, -- wie in eine leere, gähnende Unermeßlichkeit, wo ihre Kinder und der Freund und alles, was ihr lieb gewesen war, alles Warme, alles Trostvolle, alles Hilfreiche, weiter und immer weiter zurückwich, -- unerkenntlich geworden schon, -- unaufhaltsam, unerreichbar -- --.

Und mit dunkelm Grauen stieg in ihrer Seele eine Erinnerung auf an abgrundtiefe Einsamkeit, aus der sie doch nur die Hand des Freundes und der Blick ihrer Kinder gerettet hatte, -- und sie fühlte, daß das dunkle Grauen nahe und näher über ihrer Seele zusammenschlug, -- als würde sie unbarmherzig dahinein gestoßen von derselben Hand, von denselben Blicken, die sie einst rettend festhielten, -- und als fände sie diesmal nie mehr, -- nie mehr hinaus --.

Marianne nahm nichts mehr deutlich wahr, die Dinge ringsum schienen ihr langsam zu entschwinden, sich in sich selbst aufzutrinken, unterzugehn in einem chaotischen Nebel. Einförmig nur und erschütternd laut hallten fort und fort die Glocken über ihr, -- hallten um sie, -- hallten in ihr, -- begruben sie wie unter einem Mantel von dröhnenden, besinnungraubenden Tonwellen, -- ließen alles an ihr erbeben unter der Gewalt des einen unerbittlichen Klanges, -- drangen auf ihre zitternde Schwäche ein, wie mit läutenden Unendlichkeiten -- --