Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung

Part 5

Chapter 53,701 wordsPublic domain

Der Nebel hatte sich einigermaßen gelichtet, und der Mond machte einen schwachen Versuch, sich aus den Wolken herauszuringen. Am Gartenzaune des Bauern, der sie aufgenommen, standen ihre Pferde, dabei aber noch ein drittes, in dessen Sattel ein Reiter saß. Es war der Sohn des Bauern, und er sprach:

»Nehmt mich mit! Ich will ein Reiter werden wie Ihr, und dem deutschen Vaterlande dienen.«

Konrad reichte ihm die Hand.

»Weiß dein Vater drum?«

»Ja,« sprach in dem Augenblicke der Alte und trat näher -- »und auch seine Mutter weiß es. Reit' mit Gott, Friedel, und hilf uns bessere Zeit erkämpfen! Trag' ihn gut, und bring' ihn wieder, Liese!« -- Damit klatschte er leicht das Pferd auf den Schenkel, reichte seinem Jungen stumm die Hand, desgleichen den beiden Lützowern, und dann ritt der kleine Zug hinein in die Mainacht. Hannes aber stand am Gartenzaun und sah ihm nach, und Thränen rannen dem Jungen über die Wangen, daß er nicht mitkonnte.

Am Morgen trafen die Reiter in Neuhaldensleben ein, wo sich eben auch ein Kosakenpulk unter dem Obersten Timar eingefunden hatte. Die Lützower, die mit ihrer Beute freudig begrüßt wurden, brachten den Brief, welchen sie erlangt hatten, zu Lieutenant v. Reiche, und da Friedel, der Bauernbursche, wußte, daß sich etwa 80 Gendarmen in's Kloster Hadmersleben geworfen hatten, drängte Timar dazu, dieselben zu überrumpeln und aufzuheben.

Man war dazu um so mehr entschlossen, als gerade in den letzten Tagen manches geglückt war; durch kleine Streifpatrouillen war ein Mehltransport, eine französische Kasse und ein Trupp Pferde weggenommen und ein Courier aufgehoben worden, und das kleine Häuflein war in trefflicher Stimmung, als es von Neuhaldensleben ausritt. In der Nähe von Aschersleben hielt man Rast, da man erst gegen Abend den Überfall zu machen gedachte, und sattelte in einem Gehölz ab. So vorsichtig man dabei zu Werke ging, hatte man doch den Burschen nicht bemerkt, der, im Buschwerk versteckt, geschlafen hatte und nun erwachte. Mit finstern Blicken schaute er aus dem hohen Farnkraut hinüber nach den Reitern, die an ihm vorbeiritten, und da er Konrad Schmidt bemerkte, leuchtete es gehässig in seinen Augen auf.

Es war der Baumfrevler. Der war noch am Abend aus seinem Kellergefängnis entwischt und hatte sich trotz seines zerprügelten Leibes weitergeschleppt. Er kam von Hadmersleben, und im Augenblicke war es ihm klar, daß ein Anschlag gegen die dortigen Gendarmen geplant sei. Das wollte er verderben -- das sollte seine Rache sein!

So mühselig es mit ihm auch vorwärts ging, er hastete auf Feld- und Waldwegen weiter, und sah mit dem einbrechenden Abend das Kloster in Hadmersleben, dem er nun zueilte. Zur selben Zeit aber waren die Lützower und die Kosaken ebenfalls in die Nähe gekommen und hatten mit Leichtigkeit die sorglosen französischen Sicherheitsposten aufgehoben, und hofften auch des Klosters Herr zu werden.

Als die Dämmerung niedersank, ritten sie gegen dasselbe heran, in der Erwartung, um diese Zeit, da man das Vieh hereintrieb und die Knechte mit den Pferden aus der Schwemme kamen, das Thor nicht geschlossen zu finden, aber der Verrat hatte gut gearbeitet. Lieutenant Reiche sprengte mit noch einem Gefährten über die Brücke bis an's Thor und rief mit lauter Stimme, die Bemannung solle sich ergeben. Da krachten Schüsse aus den Fenstern, und an dem Ohre Reiches sauste die Kugel pfeifend vorüber.

Die Lützower standen unschlüssig, während die Kosaken sich ängstlicher hinter eine Scheune zurückgezogen hatten. Oberst Timar aber hielt bei den Lützowern gegenüber dem Thor der Kirche und schien nicht abgeneigt zu sein, die Leute absitzen und stürmen zu lassen. Reiche hielt das für aussichtslos, und während sie noch darüber redeten, traf den Russen ein Schuß in den Unterleib und er sank vom Pferde. Die Seinen waren bestürzt, die Lützower unmutig, aber Reiche befahl den Rückzug. Den Franzosen rief man zu, daß man in der Nacht mit Verstärkung wiederkehren werde, und dann zog der kleine Trupp, den todtwunden Mann in der Mitte, ab. Ein lautes, höhnisches Lachen scholl ihnen nach, und eine Stimme rief: »Der Jakob zahlt die Prügel heim!«

Nur Konrad Schmidt und Friedel verstanden das Wort, und heißer Ingrimm erfaßte ihre Seelen. -- Unmutig, schweigend ritt die Schar, nachdem Timar auf einem rasch requirierten Leiterwagen gebettet war, gegen Seehausen zurück.

Wenige Tage später hatte sich die kleine Streifschar wieder mit Lützow vereinigt, welcher über die Elbe gekommen war und einen Zug durch den Thüringer Wald zu unternehmen gedachte, um auch hier mit Hilfe der patriotischen Bevölkerung die Etappenstraßen der feindlichen Armeen zu beunruhigen bezw. eine Volkserhebung herbeizuführen. Der Marsch ging über Ermsleben und Mansfeld gegen Weimar zu, das aber, ebenso wie die Umgebung, von französischen und polnischen Truppen besetzt war, und dem man ausweichen mußte. Im Dorfe Osmanstedt, wo man die Ilmenau überschritt, lagen 300 Franzosen, die aber so wenig wachsam waren, daß die Lützower ungehindert passierten.

Auch im Thüringerlande wurden kleinere Abteilungen und Patrouillen ausgesandt, um die Stimmung zu erkunden und feindliche Bestrebungen zu vereiteln, und so sehen wir in den ersten Junitagen unsere beiden Freunde wieder zusammen durch den freundlichen Bergwald reiten. Konrad Schmidt zog es nach seinem Heimatsorte, der in wenigen Stunden zu erreichen war, und Zander war gern mit einem Besuche desselben einverstanden. Es war in den ersten Nachmittagsstunden eines freundlichen Frühlingstages, als sie von einer Höhe das anmutige Dorf mit seinem alten Kirchturme liegen sahen, so friedlich und idyllisch, als ob gar kein Krieg in der Welt wäre. Es war eingehüllt in blühende Gärten, und ein blauer Himmel lag darüber.

Konrad pochte das Herz vor Lust, und er preßte die Hand des Gefährten, der den Druck verstand und warm erwiderte. Dann ließen sie die Pferde munter ausgreifen und erreichten bald den stillen Ort. Einen Jungen, dem sie vor demselben begegneten, und der neugierig die fremden Reiter ansah, fragten sie, ob Franzosen in dem Dorfe seien, und als er es verneinte, setzten sie ihren Weg fort.

Vor dem Thore des Gutshofes, an dem sie vorüberkamen, stand ein großer, starker Mann mit gerötetem Gesicht und grauen Haaren in einer Art Jagdjoppe. Der stutzte, wie er die beiden kommen sah, und hielt die Hand über die Augen. »Das sind doch Lützower,« murmelte er, indem er sich die leichte Mütze ins Genick schob.

Da rief auch schon Schmidts Stimme: »Guten Tag, Herr Bastian!« und der Angeredete trat rasch einige Schritte vor auf die Straße.

»I, sieh da, Konrad! Na, das ist ja eine angenehme Überraschung! Was macht mein Junge?«

»Sitzt im Sattel wie wir und lauert den Franzosen die Gelegenheit ab; er ist munter,« war die Antwort, und nun parierten die beiden Reiter ihre Pferde vor dem Gutsbesitzer.

»Sie steigen doch bei mir ab und sind meine Gäste?« sagte dieser mit ehrlicher Freundlichkeit, aber Schmidt erwiderte:

»Ich muß nach dem Pfarrhofe!«

»Das versteh' ich wohl; nun, es geht dort ziemlich gut. Doch darf ich Sie nicht aufhalten, aber wenn Sie Vater und Mutter gesehen, dann rechne ich darauf, daß Sie mich auch aufsuchen. Ihr Pferd und Ihren Kameraden behalte ich gleich als Pfand da, denn die Tiere sind hier ohnehin besser untergebracht, als im Pfarrhause!«

»Das soll gelten, Herr Bastian!« rief Konrad und schwang sich, wie sein Freund, aus dem Sattel. Jetzt reichte er dem alten Herrn die Hand, stellte ihm Zander vor, den jener herzlich begrüßte, und nachdem ein lauter Pfiff einen Knecht herbeigeholt, der die Pferde übernahm, führte Bastian seinen Gast in sein Haus, wo auch seine Frau den Lützower freundlich begrüßte, Schmidt aber eilte hinter den Zäunen und den blühenden Hecken hin, wobei er freilich noch von manchem gesehen wurde, der die Kunde weiter trug: Pastors Konrad ist gekommen als Soldat.

Da lag das alte, stille Pfarrhaus in seinen grünen Gehägen, und Goldregen und Flieder blühten in dem kleinen Garten, und in der Laube saß eine bleiche ältliche Frau und ein Mann mit freundlich ernstem Gesicht. Da vermochte der Jüngling nicht an sich zu halten. Und während das Pförtchen unter seiner Hand knarrte, rief er auch schon aufjauchzend: »Vater -- Mutter,« und gleich darauf hielt er die blasse Frau im Arme, der die Thränen über die Wangen liefen, und der Pfarrer faßte nach seinen Händen. Zu beiden Seiten führten sie ihn dann, wie man es Kindern thut, nach dem Hause, wo Knecht und Magd zur Begrüßung kamen, und dann saßen sie zusammen um den reinlich gedeckten Tisch, und Allen ging die Seele auf.

Auch auf dem Gutshofe war herbeigeschafft, was Küche und Keller leisten konnten, und nachdem der erste Ansturm der mütterlich besorgten Fragen erledigt war, kam die Unterhaltung in ein anderes Fahrwasser. Die Not der Zeit und die Erhebung des deutschen Volkes! Das war es ja, wovon Allen das Herz überlief, und der Gutsherr zeigte sich als ein echter und rechter Patriot, und Zander gefiel der prächtig, einigermaßen derb-landjunkerliche alte Herr weit besser als dessen Sohn. Er erfuhr, daß man hier wie an andern Orten nicht müßig war, daß man den Volksaufstand vorbereitet und in einem verborgenen Schlupfwinkel Waffen zusammengebracht hatte, und nur der rechten Stunde harrte, um sich zu erheben.

So waren mehr als zwei Stunden vergangen, und Zander dachte eben daran, nach dem Pfarrhause zu gehen, um seinen Freund aufzusuchen, als unten im Hofe Pferdegetrab laut wurde. Bastian sprang an das Fenster, fuhr aber im nächsten Augenblicke erschrocken zurück.

»Chasseurs!« rief er.

Da sprang auch der Lützower auf und griff nach seiner Waffe. Der Gutsherr aber, rasch gefaßt, zog ihn mit sich fort nach einem anderen Zimmer, dessen Fenster, nach der Rückseite gelegen, offen stand.

»Hier springen Sie hinaus -- es ist nicht hoch, und unten ist ein Sandhaufen -- eilen Sie zum Pfarrhaus und bleiben Sie dort mit Schmidt versteckt, ich hoffe, der Besuch bleibt nicht lange. Nur schnell fort -- ich will schon die Burschen aufzuhalten suchen!«

Im nächsten Augenblicke hatte Zander den Sprung gethan und eilte nun an den Zäunen hin, während Bastian sich zu den Franzosen begab. Es waren zwölf Reiter mit einem Offizier, und dieser fluchte und wetterte in allen Tonarten. Einige von den Soldaten waren abgesessen und eben im Begriffe, ihre Pferde nach den Ställen zu führen, der Lieutenant aber verlangte Quartier und Lebensmittel für seine Leute. Wie Bastian, der sich nur unvollkommen französisch auszudrücken vermochte, noch mit ihm verhandelte und ihn mit seiner festen Würde zu beruhigen suchte, kam einer der Chasseurs hastig aus dem Stalle und brachte das Sattelzeug der Lützower.

Darüber entstand eine neue heftige Erregung, und Bastian selbst war einen Augenblick bestürzt.

»Feinde im Hause!« schrie der Franzose, -- »wo sind sie -- heraus damit!« Und mit dem blanken Säbel fuchtelte er dem Gutsherrn vor dem Gesichte herum. Der hatte bereits seine Fassung wieder; er sprach fest:

»In meinem Hause sind keine deutschen Soldaten, keine Preußen, und die Pferde gehören mir; das Sattelzeug habe ich vor langer Zeit gekauft.«

Der Offizier ließ sich nicht täuschen. Er gab seine Befehle, und im nächsten Augenblicke begaben sich vier der Chasseurs in das Haus, um es einer gründlichen Durchsuchung zu unterziehen, vier andere besetzten zu Pferde alle Ausgänge des Gutshofes, und die andern blieben zurück mit dem Offizier bei Bastian, der seine volle Ruhe wieder gewonnen hatte in dem Gedanken, daß man im Hause nichts finden werde.

So war es auch. Nach einiger Zeit kamen die Soldaten zurück mit ihren Meldungen, der Lieutenant begann aufs neue zu fluchen und zu wettern und wollte eben den Befehl auch für die andern geben, abzusatteln, als einer der Chasseurs, der das Haus nach der Rückseite zu umritten hatte, eilig die Mitteilung machte, daß dort ein Fenster im Obergeschoß geöffnet sei, darunter in einem Sandhaufen die deutliche Spur sich finde, daß Jemand herabgesprungen sei, und in dem weichen Boden, der von dem Regen des vorhergehenden Tages noch nicht fest geworden, die Abdrücke von schweren Stiefeln sich fänden.

Bastian wurde einigermaßen bleich; der Offizier, zorniger als zuvor, schnaubte etwas von »Verrat« und von »Füsilieren lassen« und befahl in der That, den Gutsherrn zu fesseln. Nun war auch dessen Frau herbeigekommen, die schluchzend in Thränen ausbrach, aber Bastian beruhigte sie mit festen, milden Worten. Indes ward der Gutshof neuerdings von allen Reitern besetzt, damit niemand hinaus konnte, und fünf Chasseurs unter einem ältern, bärtigen Unteroffizier folgten der Spur, die an den Gartenzäunen entlang führte.

Im Erdgeschosse des alten Pfarrhauses saßen drei glückliche Menschen, die Eltern im Anschauen des prächtigen, kernfrischen Sohnes versunken, und dieser, Herz und Augen voll Begeisterung und mit beredtem Munde, erzählte von der gewaltigen Bewegung im deutschen Lande, die nur mit leichten Wellen in diese stillen Waldwinkel hereinbrandete.

Auch hier verging die Zeit wie im Fluge, und die kranke Mutter schien von Minute zu Minute mehr aufzuleben; die bleichen Wangen hatten sich gerötet, und aus den hellen Blicken redete Stolz und Glück. Da wurde plötzlich die Thür hastig geöffnet; im Eingang stand ein hochgewachsener Lützower, dem die Erregung auf dem Antlitz stand, barhäuptig und tief atmend, und ehe noch die andern ihrer Überraschung und ihrem Erschrecken Ausdruck geben konnten, rief er:

»Verzeihung! -- Konrad, es sind Chasseurs im Dorfe, auf dem Gutshofe!«

Die drei an dem Tische waren aufgesprungen, und mit raschem Griffe hatte Konrad seine Waffe an sich gerissen und den Tschako aufgesetzt.

»Hätten wir nur unsere Pferde!« rief er unmutig und wollte hinausstürzen, aber die andern hielten ihn zurück.

»Es sind ihrer zu viele,« sprach Zander, und während die Mutter besorgt und ängstlich die Hand auf den Arm des Sohnes legte, fand der Pfarrer seine Ruhe.

»Hier bleibt nichts übrig, als sich zu verbergen, und ich denke, im Pfarrhause seid ihr am sichersten. Hier suchen sie euch nicht, und wenn ihr auch gesehen worden seid, hier ist kein Verräter im Dorfe. Die Reiter fouragieren wohl auch nur und ziehen dann weiter -- darum nur ruhig' Blut!«

Den beiden Lützowern war es unbehaglich, sich verbergen zu sollen, aber sie erkannten auch, daß dies unter solchen Umständen das Beste sei, und nun ward beraten, wo man sie am sichersten unterbringen könne. Der Vater war für ein Kellerversteck, die Mutter für die Räucherkammer, aber wenn die Franzosen wirklich in das Haus selbst gerieten, dann waren diese beiden Orte erfahrungsmäßig die ersten, welche man durchsuchte. Da machte der Pfarrer den Vorschlag, sie sollten Kleider von dem Knechte anziehen, und dieser, der ganz zuverlässig war, sollte ihre Uniformen im Stalle oder an einem andern geeigneten Orte verbergen.

Der Knecht war ein braver, treuer Mensch und mit Feuereifer bei der Sache. Er wußte im Stalle ein kleines Versteck, und wenn das mit Stroh und Mist bedeckt würde, mochten die Franzosen umsonst die Uniformen suchen; die beiden aber sollten sich für Freunde des Knechts ausgeben, die gekommen wären, ihn zu einer Hochzeit einzuladen. Der Bursche hatte auch Überlegung genug, die Vorder- und Hinterthür des Hauses zu verriegeln, indes die beiden in einer kleinen Kammer im Erdgeschoß ihre Umwandlung vornahmen. Sie kamen indes dabei nicht weit, denn kaum hatten sie die Röcke abgelegt, als auch der Knecht erschien mit dem Schreckensrufe:

»Sie sind da! Gebt schnell eure Röcke und zieht meine Jacken an!«

Dabei riß er die Uniformstücke an sich und eilte mit denselben wie mit den Waffen fort ... er wußte freilich in diesem Augenblicke nicht recht, wohin, aber er eilte die Treppe hinauf nach den Bodenräumen. Indes donnerten fast gleichzeitig die Schläge der Franzosen an die Vorder- und Hinterthür.

»Nach der Räucherkammer!« rief die Mutter entsetzt noch den beiden zu, indes der Pfarrer, mühsam seine Aufregung bekämpfend, die Eingangsthür öffnete und den Chasseurs entgegentrat.

Zander suchte den Freund mit sich fortzuziehen, die Treppe hinauf, aber schon auf den untersten Stufen blieb derselbe stehen, um zu lauschen. Er hörte die Stimme eines Franzosen:

»Hier sind preußische Soldaten, gebt sie heraus!«

Der Pfarrer erwiderte ruhig:

»Hier sind keine preußischen Soldaten!«

»Das werden wir sehen! ~Allons!~ Wir werden das Haus durchsuchen.«

»Um Gotteswillen komm!« flüsterte Zander -- »wir holen unsere Waffen, und findet man uns, so verkaufen wir uns teuer!«

Aber Konrad horchte weiter; das war die Stimme seiner Mutter.

»Ich habe einen kranken Sohn im Hause -- jede Erregung, jede Störung kann ihm den Tod bringen ...«

Konrad ward es seltsam zu Mute; seine Mutter, die jede Unwahrheit wie die Pest verabscheute, ließ sich zu einer solchen herbei, um ihn zu retten -- welche furchtbare Überwindung mußte sie dies gekostet haben ... und doch wie ungeschickt war sie im Lügen! Als ob ein solches Wort die Franzosen abhalten könnte!

»Wir werden mit aller Rücksicht suchen« -- sprach der Chasseur mit einer ironisch klingenden Höflichkeit, und was jetzt geschah, vermochte Konrad nicht zu sehen. Er sah nicht, wie seine Mutter in unüberlegtem und thörichtem Widerstande die Arme vor der Thür ausbreitete, und wie der Vater, der wohl die Absicht seines Weibes erkannte, den beiden wenigstens Zeit zum Umkleiden zu verschaffen, sich vergebens bemühte, ihr durch Zeichen und Zuflüstern kundzuthun, wie sie mit ihrem Gebahren mehr schade als nütze -- er hörte nur die Worte der Frau:

»Hier herein geht der Weg nur über mich!« dann die Erwiderung des Franzosen: »Wenn Sie es nicht besser wünschen,« und gleich darauf einen lauten schmerzlichen Aufschrei seiner Mutter. Da vermochte er sich nicht zu halten; gewaltsam riß er sich von dem Freunde los, und im nächsten Augenblicke stand er an der Thür. Er sah seine Mutter auf dem Boden liegen, seinen Vater über sie gebeugt, und wußte, daß der Franzose sie roh und gewaltsam niedergestoßen hatte, als sie ihm den Weg verwehren wollte. Ihm schwand auch der letzte Rest der Überlegung, und voll Wut stürzte er sich gegen den Chasseur, der eben eindringen wollte.

»Elender Bursche -- das meiner Mutter?« schrie er und würgte dann mit seinen Fäusten den Franzosen, der sich bemühte, ihn abzuschütteln. Er drängte ihn hinaus in den Hof, und die übrigen Chasseurs waren im ersten Augenblick so verdutzt, daß sie wie erstarrt standen. Dann aber kam Leben in alle Beteiligten, und mit großer Schnelle spielte sich das nun Folgende ab.

Entsetzt hatte die Mutter bei dem Selbstverrat des Sohnes sich emporgerafft und wurde von dem Vater umklammert, den jetzt ein kaltes Entsetzen erfaßte, aus dem Hause war Zander herbeigesprungen, der auf jede Gefahr hin den Freund nicht im Stiche lassen mochte, trotzdem er wie dieser wehrlos war. Einer der Franzosen schrie, auf die verräterischen Beinkleider der beiden Lützower weisend: »Das sind sie!« Der Chasseur, welchen Konrad gepackt hatte, riß sich los, sprang zurück, zog in Wut und Aufregung sein Pistol, in demselben Moment aber hatte auch die Frau sich losgerissen aus dem Arme des Gatten und warf sich schützend vor den Sohn. Da krachte der Schuß, und ohne einen Laut, in's Herz getroffen, brach die opferfreudige Mutter an der Brust Konrads zusammen.

Der that einen Aufschrei wie ein zum Tode verletztes Tier, und während der Pfarrer herzusprang, sank er selber neben der teuren Toten nieder und küßte ihr die Hände und schluchzte ... unbekümmert um alles andere.

Das Ereignis blieb selbst auf die Franzosen nicht ohne Eindruck. Sie standen regungslos und wagten nicht, den Sohn von der Mutter hinwegzureißen oder sich an Zander zu vergreifen, der sich zu dem Freunde niederbeugte und ihm den Arm um die Schulter legte.

Es war mit einem Male tiefstille geworden, und in die Stille hinein klang naher Hufschlag. Der weiche Boden hatte denselben gedämpft, so daß man ihn erst merkte, als die Reiter schon da waren, und aufschreckend erkannten die Franzosen die ernsten Uniformen von Lützower Husaren. An ihrer Spitze ritt ein Offizier mit gebräuntem Gesicht und weißem Bart, der einen seltsamen, unheimlichen Sarraß in der Hand schwang -- der alte Fischer. Er rief:

»Ergebt euch! Werft die Waffen weg, wenn ihr Pardon wollt!«

Der französische Unteroffizier sah einen Augenblick sich um, dann erkannte er angesichts der Überzahl der Feinde, daß kein anderer Ausweg sei, und in der nächsten Sekunde flog sein Säbel klirrend zu Boden. Die andern Chasseurs folgten seinem Beispiel, und nun stiegen einige von den Lützowern ab. Da erst sah Fischer, wen er vor sich habe und was hier geschehen war.

»Schmidt, Zander! Um Gottes willen -- was ist hier?«

»Seine Mutter!« sagte Zander dumpf, Konrad aber sprang jetzt auf, sah mit irrem Auge umher und stürzte sich dann abermals auf den Franzosen, der den Schuß gethan. »Den da -- diesen einen überlaßt mir, daß ich ihm die verruchte Hand abschlage, die diese That gethan, und daß ich mit seinem eigenen Pistolenkolben ihm den Schädel zerschmettere!«

Er hatte mit Riesenkraft den Chasseur niedergeworfen und zerrte ihn jetzt zu der Leiche heran, bei welcher noch immer der Pfarrer kniete, Fischer aber rief:

»Schmidt -- das ist unwürdig -- losgelassen, Lützower Reiter, ich befehl's!«

Da erhob sich Konrad; seine Brust bewegte sich heftig, seine Hände zitterten, aber fest aufgerichtet, dienstlich stramm stand er vor seinem Vorgesetzten.

»Die Sache wird ehrlich untersucht werden, und wenn's ein Meuchelmord ist, dann wehe ihm! Jetzt aber sagt: Sind noch mehr Franzosen im Orte?«

»Etwa ein halb Dutzend noch auf dem Gutshofe,« sprach Zander, und nach wenigen Augenblicken trabte das kleine etwa 20 Mann starke Detachement, von welchem nur vier Mann zur Bewachung der Gefangenen zurückblieben, nach dem Gutshofe.

Eine Viertelstunde später war Rittmeister Fischer wieder da; von den überraschten Franzosen war nicht einer entkommen, Bastian aber, der noch dazu die Freude hatte, seinen Sohn wiederzusehen, hatte die Lützower gastlich aufgenommen und bewirtet. Fischer brachte in seiner rauhen Weise Trost: Das sei eben der Krieg, und wie hundert Mütter ihre Söhne opfern müßten, so müsse auch ein Sohn seine Mutter verschmerzen können; auch sie sei für das Vaterland gestorben. Und Konrad wurde ruhiger und vermochte jetzt sogar seinen Vater zu trösten, der unendlich gebeugt war.

Im Gutshof aber hatte der wackere Besitzer nicht nur nach den Reitern, sondern auch nach den Pferden gesehen; auch sie sollten auf das Beste versorgt werden. Bei dem Rosse, das seinem Sohne gehörte, blieb er stehen. Das Tier fraß ohne die freudige Gier der andern, und zuckte manchmal zusammen.

»Dem Gaul fehlt etwas,« sprach er zu seinem Sohne, der mit ihm ging und nun einigermaßen verlegen schien, und trat ganz nahe an den Braunen heran, um ihn zu streicheln. Da bemerkte er, daß derselbe gedrückt und aufgerieben war, und eine Röte des Unwillens stieg ihm ins Gesicht.

»Hermann, wie behandelst du dein Pferd? -- Bist du ein schlechter Reiter oder ein Tierschinder? -- Das erste glaub' ich nicht, und das andere möcht' ich nicht glauben. Das Pferd ist der gute Kamerad des Soldaten, und der Reiter, der auf sein Pferd nicht hält, ist ein Schandkerl. Sieh' den Braunen an! Du hast ihn wundgeritten und nun läßt du ihn hier stehen, ohne etwas zur Linderung zu thun, und packst ihm den Sattel wieder auf die Wunde? Pfui ... daß ich daran denken muß, wie du den armen Hund mißhandelt hast!«