Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung

Part 17

Chapter 173,678 wordsPublic domain

Der alte Marschall hatte nicht viel Zeit, sich seine Stellung zu überlegen, auch blieb nichts übrig der Übermacht gegenüber, als der Rückzug nach dem Walde von Etoges, der allein Schutz und Deckung bieten konnte. Es war für Blücher und seine braven Soldaten ein bitterböser Tag. Seine geringe Reiterei war der französischen nicht gewachsen, und sobald diese auf freier Ebene sich erst entfalten konnte, stürmte sie wild und wütend gegen das preußische Fußvolk heran.

Das stand in enggeschlossenen Vierecken und erwartete die heranjagenden Reiter mit den blinkenden Helmen. Neben Walther befand sich Elise. Leise fragte dieser:

»Wird Ihnen bange, Schweizer?«

»Das Herz pocht mir heftiger, Furcht ist's nicht -- mit Gott!«

»Feuer!« erscholl das Kommando, Schüsse krachten, eine Wolke von Pulverdampf hüllte die Scene ein, dann sah man gestürzte Rosse und Reiter, aber die andern jagten unaufhaltsam heran, hinweg über die Leiber der gefallenen Genossen. Und nun kamen Augenblicke grauenvollen Getümmels. Elise fühlte plötzlich, wie sie heftig am Arme erfaßt und fortgerissen wurde durch den betäubenden Lärm. Und abermals dröhnte die Erde von Rosseshuf; die preußische Reiterei sprengte an, um der bedrängten Infanterie Luft zu schaffen. Und während die Kavalleriegeschwader wie zu dichtem Knäuel sich ballten, zog sich das Fußvolk langsam gegen den Wald. Unaufhörlich wirbelten die Trommeln, um bei der einbrechenden Dunkelheit die Bataillone zusammenzuhalten, und das Feuer der feindlichen Geschütze brach vernichtend in die Zurückweichenden ein.

Blücher selbst war in großer Erregung. Rings um ihn schlugen die Kugeln ein, eine Ordonnanz sank, zum Tode getroffen, an seiner Seite zusammen, aber mit pulvergeschwärztem Gesicht hielt der Alte und schien wohl gar in düsterer Verzweiflung den Tod suchen zu wollen.

Schweigend und ernst blieb sein Adjutant, Graf Nostitz, neben ihm; endlich sagte er zu dem Marschall:

»Wenn Eure Excellenz sich hier, wo noch nichts verloren ist, totschießen lassen, so wird die Geschichte auch nicht viel Rühmliches davon zu sagen haben.«

Blücher sah den Treuen groß an, dann erwiderte er: »Nun so lassen Sie uns weiter reiten!«

Endlich war der Wald von Etoges erreicht; der alte Marschall fand seine Fassung wieder, und wie er so neben seinem Pferde hinschritt, sah er Gneisenau, der gleichfalls trüb und ernst dreinschaute. Da sagte er:

»Na, Gneisenau, nun es heute nicht mit mir zu Ende gegangen ist, hat's damit auch noch lange Zeit; es wird nun schon wieder gehen, und wir wollen alles noch gut machen.«

Der Unglückstag hatte von 15000 Mann nicht weniger als 6000 gekostet und hatte den Rückzug der schlesischen Armee bis Chalons zur Folge. Aber es war kein mutloses, geschlagenes Heer, das zeigte sich auch in der Stimmung unserer Bekannten, die alle drei ohne jede Verwundung davongekommen waren.

Walther aber hatte damals zu Elise geäußert:

»Mir hat's das Herz zersprengen wollen, als ich Sie so in Gefahr sah, und ich hab' aufs neue denken müssen, daß es doch besser wäre, wenn Sie den Rock auszögen.«

»Bin ich so weit durchgekommen, so wird's wohl auch glücklich weitergehen. Die Schauer des Schlachtfeldes habe ich überwunden, und das war mir das Schlimmste. Nicht selbst zu sterben, ist das Schwerste, sondern hundert um sich her sterben sehen, -- aber der Gedanke an das Vaterland hat mich stark gemacht.«

Und der Förster schwieg in Bewunderung der Heldengröße dieses jungen Weibes, das seine Schuldigkeit that wie jeder andere Soldat der schlesischen Armee. Die braven Truppen sahen zwar äußerlich nicht besonders vorteilhaft aus mit ihren abgerissenen Waffenröcken, ihrem abgeschabten Riemenzeug, ihren pulvergeschwärzten hagern Gesichtern, ihren abgehetzten magern Gäulen, aber es lebte eine Begeisterung in allen Herzen, die aller Anstrengungen und Entbehrungen spottete und die bei dem »vorwärts!« des greisen geliebten Führers Gefahr und Tod für nichts achtete.

Und Blücher drängte es, die Schlappe von Etoges wieder gut zu machen. Am 21. Februar stand er mit 53000 Mann in Mery, um hier sich mit Schwarzenberg zu einer entscheidenden Schlacht zu verbinden, aber dieser kam nicht, und den Alten erfaßte bitterer Unmut. Der Feind stand ihm gegenüber, und er sollte nicht losschlagen.

Es war ein kalter Tag, in ihren dürftigen Mänteln standen die Vorposten, und der heftig wehende eiskalte Wind machte es unmöglich, Wachtfeuer anzuzünden. Walther hatte das Kommando über die am weitesten vorgeschobenen Posten, unter denen sich auch Elise befand, und der Alte in seiner Besorgnis wich beinahe keinen Augenblick von ihrer Seite. Sie aber war frisch und wohlgemut, und es war bewundernswert, wie ihr Körper, auf dessen gesunde Entwickelung ihr Vater von Jugend auf gehalten hatte, sich den schweren Strapazen gewachsen zeigte.

Mit raschem Schritte bewegten sich die Posten auf und ab, dann und wann fielen vereinzelte Schüsse von den gegenüberstehenden französischen Plänklern, ohne daß man sich viel darum kümmerte. Da kam der alte Marschall daher mit seinem Adjutanten und dem General Valentini, um selbst die Stellung des Feindes zu erforschen. Der alte Feldherr fror, und Walther ließ auf seinen Wunsch an einer Böschung, die gegen die Heftigkeit des Windes wenigstens einigermaßen geschützt war, ein Feuer anzünden, freilich erlaubte er sich darauf aufmerksam zu machen, daß hier wohl auch feindliche Kugeln einschlagen könnten.

Blücher sah ihn mit seinen klaren, blauen Augen durchdringend an:

»Kümmert Er sich um die französischen blauen Bohnen? -- Er sieht mir nicht danach aus; nun, mich sollen sie auch nicht scheren!«

Damit ließ er sich am Feuer nieder mit seinen Begleitern und redete ruhig weiter mit ihnen, während unaufhörlich die Schüsse knatterten. Da ward es mit einmal lebendiger in der Vorpostenkette. Die französischen Plänkler, welche vielleicht die höheren Offiziere bemerkt hatten, machten einen raschen Vorstoß, Flintenkugeln schlugen in das Wachtfeuer ein, und in demselben Augenblick, da Valentini getroffen zusammensank, fühlte auch Blücher einen Schlag am Fuße. Da stand auch schon Walther vor ihm:

»Verzeihung, Excellenz, wenn ich es wage -- aber Ihr Leben ist zu kostbar für Tausende und für das Vaterland, als daß es durch eine Vorpostenkugel -- um Gottes willen, Excellenz sind verwundet!«

»Ruhig' Blut, Mann -- das glaub' ich noch nicht; Nostitz, führen Sie mich ein wenig seitwärts, der Mann da kann helfen!«

Und gemeinsam mit dem Adjutanten führte Walther den Marschall an eine gedeckte Stelle. Dieser aber sagte:

»Es ist nichts, Kinder, ich kann schon wieder auftreten, aber einmal nachsehen können wir ja!«

Da zeigte es sich, daß die Kugel den Stiefel aufgerissen hatte, und lächelnd sagte der Alte:

»Das ist freilich schlimm, wir haben mehr Doktors als Schusters bei uns!«

Jetzt wandte er sich zu Walther, um ihm für seinen Beistand zu danken, und plötzlich erregt, sprach er:

»Er blutet ja selber, Mann!«

Der Förster merkte erst jetzt, daß an seinem linken Ärmel Blut war, aber er hob den Arm, bewegte ihn im Kreise und sagte:

»Das kann nicht schlimm sein, Excellenz -- ich kann noch dreinschlagen damit!«

»Na, da schlage Er in Gottes Namen drein, an Gelegenheit wird's nicht fehlen. Wie heißt Er denn?«

»Oberjäger Walther, zu Befehl!«

»Na, mein lieber Oberjäger Walther -- Gott befohlen und schön' Dank!«

Er reichte ihm die Hand, steckte sein Pfeifchen in Brand und ging mit Nostitz weiter. Der Förster aber eilte zu seinen Leuten, welche ohne Mühe, im Verein mit herbeigeeilten Russen, den Feind wieder zurückgedrängt hatten. Seine Augen suchten Elise, und sie leuchteten freudig auf, als er dieselbe unverletzt sah. Auch sie kam auf ihn zu und erschrak über das Blut an seinem Arm. Im Augenblick hatte sie mit aller Zartheit und Vorsicht den Ärmel abgestreift, die Wunde, welche unbedeutend war, untersucht und verbunden, und Walther sagte:

»'s ist doch schade, daß Sie nicht im Lazarett Ihre Dienste thun, dort fehlt es wohl an solchen Händen. Soldaten haben wir brave und geschickte, aber Pflegerinnen für unsere Verwundeten, daran fehlt's!«

Elise schwieg, aber das Wort klang ihr noch lange seltsam in der Seele nach.

Blücher rückte nun auf eigene Faust gegen Paris vor, Napoleon stets hinter ihm her, voll Begierde, »den alten tollen Husaren« zu schlagen, und dieser beschloß die Schlacht anzunehmen, die auch bei Craonne und Laon geliefert wurde.

Die Gegend war für des Marschalls Absichten günstig; auf einem hohen Berge, der ziemlich steil aus einer weiten, freien Ebene emporragt, liegt die von festen Mauern umgebene Stadt Laon, um den Fuß des Berges ziehen sich wie Außenwerke vier Dörfer hin, und durch die Ebene geht ein kleiner Bach. Alle diese Punkte hatte der alte Feldherr wohlbesetzt, und die feste Stadt bildete das Centrum seiner Stellung.

Noch ehe die Morgennebel des 10. März sich lichteten, brachen die Franzosen auf und stürmten sowohl gegen die Dörfer, als gegen Laon selbst. Blücher hatte die ganze Nacht in rheumatischen Schmerzen gelegen, und eine Augenentzündung machte ihm schwer zu schaffen, so daß er beinahe kleinlaut wurde und Gneisenau viel zu thun hatte, ihn zu trösten und zu beruhigen. Aber mehr als Worte that der beginnende Kanonendonner, der wie ein Gruß seiner braven, kämpfenden Soldaten ihm ans Ohr drang und ihm wenigstens vorübergehend Kraft und Frische wiedergab.

Gegen Mittag stand er auf der Höhe von Laon und blickte hinaus in die Ebene, wo sich die Nebel verzogen hatten, wo die Waffen heraufglänzten und aufsteigender Pulverdampf die Stellungen markierte. In drei Abteilungen rückten die Franzosen unter Napoleon selbst, unter Marmont und Mortier heran, und der alte Feldherr beschloß, um jeden Preis die Verbindung derselben zu hindern und den Hauptschlag auf seinem eigenen linken Flügel zu führen, wo seine Preußen standen unter York und Kleist.

Napoleon vermochte nicht mit dem gewünschten Nachdrucke vorzugehen, da er noch immer auf das Eintreffen Marmonts rechnete, dem er Befehl auf Befehl sandte, seinen Marsch zu beschleunigen, ohne zu wissen, daß seine Ordonnanzen samt und sonders von Kosaken abgefangen worden waren. Ärgerlich und verdrossen sah er den Abend hereindämmern, ohne einen wesentlichen Vorteil errungen zu haben, und namentlich ohne Aussicht, den festen Stützpunkt der Blücherschen Stellung, Laon, gewinnen zu können.

Er hoffte, am andern Morgen mit aller Macht angreifen und die Entscheidung zu seinen Gunsten herbeiführen zu können, aber er ahnte nicht, daß sein unermüdlicher alter Gegner noch während der Nacht einen Hauptschlag gegen ihn führen wollte.

Tiefes Schweigen lag über der Ebene von Laon, nur vereinzelt hallte da und dort ein Schuß, die Wachtfeuer brannten, und die rote Lohe des brennenden Dorfes Athies leuchtete gegen den Himmel. Die Nacht war sternklar. Da marschierten auf der Straße gegen Athies einige preußische Bataillone in tiefer Stille, ohne Trommelschlag daher und gelangten ohne Aufenthalt in das von den Feinden besetzte Dorf, in welchem eben zwei Abteilungen ihr Nachtquartier suchten. Erstaunt und erschreckt sahen diese mit einmal vor sich und neben sich feindliche Uniformen und starrende Bajonette. Ehe sie noch Widerstand leisten konnten, waren sie auch schon geworfen, und erst hinter dem Dorfe, in einem kleinen Gehölz begannen sie einigermaßen sich zu sammeln und gegen die Nachrückenden zu feuern. Die stille Nacht wurde mit einem Male laut und lebendig, von allen Seiten erklang die preußische Feldmusik, brausende Hurrarufe erschallten, und der nächtliche Kampf war in vollem Gange. Es gab für die Anstürmenden kein Halten und keinen Widerstand. Umsonst sausten die Kartätschen in ihre Reihen, in dichtgeschlossenen Gliedern drangen sie vor, sprengten mit Bajonettangriffen die feindlichen Bataillone auseinander, und hinter ihnen brausten die Reitergeschwader heran und ritten ganze französische Regimenter nieder, noch ehe diese sich zu sammeln vermochten.

Walther und Elise waren im nächtlichen Getümmel auseinander gekommen. Hinter Athies draußen befand sich die letztere mit einem Häuflein Kameraden auf der Verfolgung des flüchtigen Feindes. Wie einst Eleonore Prohaska, so hatte auch sie, als neben ihr der Tambour stürzte, dessen Trommel ergriffen und schlug unaufhörlich zur Attacke. Eine Schar preußischer Reiter kam zur Unterstützung herbeigesprengt. Aus einem kleinen Gehölz, in das sich französische Infanterie geflüchtet, blitzten Schüsse, einige Pferde überschlugen sich, aber mit dem Bajonett wurde auch das Gehölz genommen, und bald gab es keine Franzosen mehr ringsum. In eiliger Flucht wandten sich diese in der Richtung gegen Soissons, und nur die Reiterei blieb ihnen noch auf den Fersen.

Elise war todmüde; jetzt erst fühlte sie die furchtbare Abspannung nach der gewaltigen Anstrengung des letzten Tages und dieser Nacht, und sie mußte sich einige Augenblicke niedersetzen auf einem zerwühlten Feldrain. Der Mond war aufgegangen und leuchtete über das Gefilde, das einen grauenhaften Anblick bot, so daß das Mädchen ein Schauer überrieselte. In der Ferne verhallten noch Schüsse, in der Nähe aber sah man Tote und Verwundete, Menschen und Pferde bei einander.

Da hörte sie ein tiefes Stöhnen, daß sie zusammenschrak. Unfern von ihr erhob sich von der Erde der Leib eines Mannes, der wohl teilweise unter seinem Pferde lag. Das Mondlicht rieselte über das bleiche Gesicht -- es war Jakob Walther. Im nächsten Augenblicke befand sich Elise an seiner Seite. Er erkannte sie:

»Herr Schweizer -- Gott Lob, Sie sind's! -- Haben wir gewonnen?«

»Ja, wir haben gesiegt!«

»Hurra!« schrie der offenbar Verwundete laut und jauchzend -- »Hurra -- und wenn's jetzt ans Sterben gehen soll.«

»So schlimm wird's nicht werden, Kamerad. Wo sind Sie denn getroffen?«

»Ach, die Wunde thut's wohl nicht -- ich hab' einen Schuß im rechten Bein, aber mein braves Thier, das sie mir zusammengeschossen haben, ist auf mich gestürzt ... wenn ich nur erst darunter hervor wäre -- aber ...«

Er sank wieder erbleichend und bewußtlos zurück, Elise jedoch sprang empor und schaute einen Augenblick ratlos umher. Sie selbst war zu schwach, um hier helfen zu können, sie mußte Kameraden herbeirufen. So eilte sie über das Blutfeld. Da sah sie eine kleine Schar im Mondlicht herankommen, vielleicht eine Sanitätskolonne. Sie eilte darauf zu und erkannte Walther. Auch der hatte sie erblickt, und sein altes, ehrliches Gesicht glänzte vor Freude.

»Dem Himmel sei Dank, Schweizer, da sind Sie! Was hab' ich mir für Sorgen gemacht -- --«

»O jetzt nichts von mir! Da drüben liegt einer, um den handelt sich's!«

»Wer ist's? -- Jakob!«

»Ja wohl, er liegt unter dem Pferde ...«

»Tot?«

»Gott Lob, nein -- aber verwundet am Beine!«

»Vorwärts, Kameraden -- 's ist mein einziger Junge!« sprach er mit rührender und ergreifender Schlichtheit -- »helft mir ihn retten!«

Nach kurzer Frist standen sie bei dem Bewußtlosen. Der Vater hob ihm das blasse Gesicht empor und horchte nach seinem Atem. Dann nahm er seine Feldflasche und netzte ihm daraus die Schläfe und die Lippen, die andern aber waren bereits bemüht, den Leib des getöteten Pferdes hinwegzuheben, und eben, da ihnen dies mit großer Anstrengung gelungen war, öffnete Jakob die Augen und sah groß und irr umher.

»Junge, mein guter Junge!« sagte der Alte, -- »wie ist dir?«

»Hurra -- wir haben gesiegt, Vater!« schrie dieser, und den Männern, die dabei standen, rieselten bei solcher Begeisterung die Thränen über die gebräunten Wangen. Das rechte Bein des Verwundeten war im Unterschenkel zerschmettert, und der Förster verhehlte sich nicht, daß sein einziger Sohn ein Krüppel geworden sei -- fürs Vaterland. Aber jetzt galt kein Zaudern und Erwägen. Auf einige Musketen, über welche Mäntel gebreitet wurden, legte man den Verwundeten, und so wurde er gegen Laon getragen, wo man ihm ärztliche Hilfe verschaffen konnte.

Walther aber ging an seiner Seite, hielt ihm die Hand und führte ihm ab und zu die Feldflasche an die Lippen, so daß der Verwundete leise sagte:

»Vater, bist du nun wieder ganz gut?«

Der drückte ihm wärmer die Hand und sprach gerührt:

»Sei ruhig davon, mein braver Junge -- du hast mehr gethan, als ich.«

* * * * *

Napoleon hatte nach der Niederlage bei Laon in Soissons seine Streitkräfte wieder geordnet und sich gegen Rheims gewendet, wo er eine russische Heeresabteilung unter St. Priest schlug. Von hier aus erließ er eine Proklamation an die Franzosen, in welcher er sich den Sieger von Laon und Rheims nannte und verkündete, daß er im Begriffe stehe, die Verbündeten über den Rhein zu werfen. Er befahl, die Nationalgarden zu versammeln, um die Trümmer des geschlagenen Feindes anzugreifen und zu vernichten, wo man sie finden würde, und dieser Befehl fand besonders in der Gegend von Rheims, wo der thatsächliche Sieg Napoleons seinen Eindruck nicht verfehlt hatte und wo die Einwohner des waldigen und gebirgigen Landes ohnehin leichter zum Aufstand neigten, weitgehenden Gehorsam.

In dieser Gegend war es, wo wir Lützow mit seinen zwei Eskadronen antreffen, der wieder die Fühlung mit der schlesischen Armee suchte. Eines Abends kam er von Somme Py her und ritt mit seinen Leuten gegen Vouziers. Es war bitter kalt und begann zu dunkeln. Die Straße in dem Orte war eng und die Reiter trabten zu zweien langsam und vorsichtig daher; Schmidt und Zander befanden sich in der Vorhut. So gelangten sie durch die stille, menschenleere Gasse bis an die Brücke, welche über die Aisne führt, und sahen mit einmal vor derselben ein Aufblitzen von Waffen und eine größere Ansammlung von Menschen. Es war kein Zweifel, daß auch hier, dem Befehl Napoleons gemäß, sich die Nationalgarden aufgestellt hatten, um den nach ihrer Meinung versprengten preußischen Reitern den Weg zu versperren.

Da galt kein Besinnen. Ein rasches Kommandowort erklang, und im nächsten Augenblicke schon sprengte die Vorhut mit verhängten Zügeln und hochgeschwungenen Waffen gegen die Franzosen. Diese warteten den Anprall nicht erst ab, sondern stoben nach allen Seiten auseinander, und die beiden Eskadronen passierten ohne Anstand die Brücke. Aber nicht weit hinter derselben war die Straße durchschnitten worden von einem ziemlich tiefen Graben, und Mann für Mann mußte seitwärts denselben durchreiten, bis man an das Ende des Durchschnitts kam.

Die Reiter waren unmutig und müde, die Pferde abgehetzt, und Lützow verkündete, daß man im nächsten Orte unter allen Umständen Rast halten werde. Es war das Dorf Chêtres, das man nach ungefähr einstündigem Ritte erreichte. Es lag auf einer Anhöhe, und in seiner Mitte befand sich ein altertümliches, von einer Mauer umgebenes Schloß. Der ganze Ort war still, und in dem Schlosse waren alle Fenster dunkel, die Jalousien herabgelassen und alle Thüren geschlossen.

Die beiden Eskadronen sattelten ab, die eine rückte auf den geräumigen Schloßhof, die andere blieb auf dem Platze außerhalb desselben. Einige Biwaksfeuer wurden angezündet und die Pferde gefüttert, Lützow aber rief einen Burschen in dunkler Blouse, der an der Mauer lehnte und unverwandt das Treiben anschaute. Derselbe kam näher. Es war ein blasses Gesicht, von wirrem Haar umgeben, mit unruhigen Augen. In französischer Sprache gebot ihm der Major, den Maire des Orts herbeizurufen. Der Bursche bejahte, trat dann aber noch näher an Lützow heran und sagte erregt:

»Herr, nehmen Sie sich in acht; das Schloß gehört dem alten General Alix; er ist drin, hat sich verbarrikadiert und wartet nur auf ein Zeichen des Angriffs von außen, um die Feindseligkeiten zu beginnen.«

Ehe der Major noch weiter fragen konnte, war der Bursche verschwunden unter den Lützowern. Als er an einem der Biwakfeuer vorüberkam, an welchem Schmidt und Zander saßen, blieb er einen Augenblick stehen und sah die beiden mit seltsamen Blicken an, im nächsten Momente aber huschte er weiter.

Zander war eilig aufgesprungen.

»Konrad, hast du das Gesicht dieses französischen Bauernburschen gesehen?«

»Jawohl und es hat mich beinahe erschreckt; es erinnerte ...«

»An Bastian,« fiel der andere erregt ein.

»Ja -- aber das ist doch unmöglich -- wie käme Bastian hierher?«

»Du magst recht haben, aber seltsam bleibt die Ähnlichkeit.«

In diesem Augenblicke kam Lützow heran.

»Ich höre, das Schloß ist besetzt; wir müssen rekognoszieren, ob man nicht verstohlener Weise eindringen könnte.«

»Ich will's versuchen, wenn der Herr Major es gestatten,« sagte Zander.

»So thun Sie's in Gottes Namen, aber vorsichtig.«

»Ich gehe mit!« sagte Konrad, und der Major fügte bei:

»Nehmen Sie für alle Fälle noch zwei oder drei von der Mannschaft mit sich!«

Schon nach kurzem umgingen fünf Männer leise das Schloß von allen Seiten. An der hintern Front desselben trafen sie zusammen, und hier öffnete einer unbemerkt ein Fenster, das ganz im Schatten lag. Sie stiegen vorsichtig ein, schlichen sich lautlos durch einen Korridor und standen dann vor einer verschlossenen Thür. Sie rüttelten daran, aber vergebens. Da befahl Konrad, mit aller Vorsicht ein Fach der Thürfüllung auszubrechen, was mittels der Waffen bald geschehen war. Einer von den Reitern schickte sich an, durch die Öffnung hineinzukriechen, aber mit einem Aufschrei fuhr er wieder zurück:

»Ich bin gestochen!«

Eine Sekunde lang erwog Schmidt, was zu thun sei -- ob man die Thür einschlage und den Kampf aufnehme, aber dazu hatte er keine Ordre, und rasch gebot er den Rückzug. Ein Schuß hallte durch den Korridor ihnen nach, aber ohne zu treffen, und glücklich kamen alle fünf wieder ins Freie. In diesem Augenblicke begann durch die Jalousieen ein heftiges Flintenfeuer und schreckte die Reiter in ihrem Biwak auf.

Lützow stand mit dem eben eingetroffenen Maire auf der Freitreppe des Schlosses und geriet in Zorn und Unmut; er befahl der Eskadron, die im Schloßhofe lag, gegen das Gebäude vorzugehen, was auch unverzüglich geschah, aber das Fenster an der Rückseite war wie alle andern jetzt fest verschlossen und die Schüsse der Verteidiger krachten unheimlich durch die Nacht, während diesen selbst nicht beizukommen war. Schon hatte Lützow befohlen, Äxte herbeizuschaffen, um das Thor einzuschlagen, als die ausgestellten Feldwachen eilig die Nachricht brachten, daß starke Nationalgardenabteilungen heranrückten. Da blieb nichts übrig, als den Platz zu räumen.

Die Eskadron vor dem Schlosse draußen war schon bei dem ersten Schusse aufgesessen, sie ließ die andere aus dem Schloßhofe jetzt an sich vorbei und folgte als Arrieregarde. Es war völlig dunkel geworden, und unheimlich blitzten aus verschiedenen Fenstern Schüsse auf, hinunter in die enge Dorfgasse und auf die in raschem Trabe hinziehenden Reiter. Da erfaßte den Major der Zorn und er gebot, einige Häuser in Brand zu stecken, was auch trotz der Bitten des Maires, den man als Führer mitgenommen hatte, geschah.

Unheimlich loderte der Feuerschein auf, aber es war nicht der einzige, der nächtlicher Weile die Gegend erhellte. Kaum hatten die Reiter das Dorf hinter sich, als sie es auf allen Höhen ringsum aufleuchten sahen und erkennen mußten, daß die Bevölkerung der ganzen Gegend sich erhoben habe, um ihnen den Fortmarsch unmöglich zu machen. Der Weg, auf dem sie ritten, war enge, rechts stieg eine steile Bergwand empor, links zogen sich dichte Hecken hin, so führte er hin nach dem Dorfe Chesnes. Am Eingange der Dorfgasse sperrte ein Verhau von gefällten Bäumen und Geröll den Pfad, und Lützow hielt einen Augenblick an, um den Maire zu fragen, ob man nicht einen andern Weg einschlagen könne. Da dieser es verneinte, so wurde mit Säbelhieben die Hecke links durchbrochen, und durch die Öffnung ritten die Reiter zu zweien, um von der Seite her wieder in die Dorfstraße zu gelangen. Man war auf weichen Wiesengrund geraten, mußte über einen morastigen tiefen Graben, über den die Brücke abgebrochen war, erst einen Übergang mit in der Nähe gefundenen Brettern herstellen, und konnte sich jetzt erst der Dorfstraße nähern.