Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung
Part 14
Eine ernste Stimme sagte das Paßwort und fügte bei:
»Oberjäger Walther! Alles in Ordnung auf Vorposten?«
»Jawohl, Herr Oberjäger, nichts neues vor dem Feinde!« erwiderte Elise, der Alte aber sagte:
»Das ist ein unheimliches Wetter, solch' Stürmen und Blitzen und Donnern und dabei kein Tropfen Regen! In solchen Stunden stumm und müßig hart vor dem Feind zu liegen, ist unbehaglich, und ein Mann mehr in solcher Lage nicht zu verachten. Ich will euch ein wenig Gesellschaft leisten, Kinder.«
Den beiden konnte es recht sein, und während sie alle drei nun unverwandt in das Dunkel hinaus spähten, gegen Lauenburg hinüber, gingen leise Worte hin und her. Es waren indes einige Regentropfen gefallen, und dann schien es, als ob die schweren Wolken weiter zögen nach Süden zu. Die Posten vermochten wieder freier Ausschau zu halten, und der Oktobermorgen graute.
Walther mit seinem scharfen Jägerauge schien Befremdliches zu bemerken. Er ging bis hart an das Ufer des Flusses vor, kehrte dann rasch zurück und sagte:
»Wenn nicht alles trügt, so fahren die Schelme auf der Höhe da drüben Geschütze auf, und dann dürfen wir eines harten Angriffs gewärtig sein. Krause, eilen Sie nach der Schanze und machen Sie dem Grafen Nostiz Meldung; ich will indes mit Schweizer hier bleiben.«
Anna Lühring eilte von dannen, der Förster aber trat jetzt dichter an seinen jungen Gefährten heran und sagte, indes ihm die Stimme vor Erregung bebte:
»Nun weiß ich, wer Sie sind. Als der Blitz vorhin aufzuckte und Ihr Gesicht erhellte, da hat er mich einen Augenblick erinnert an Eleonore Prohaska, und ich wußte, daß auch Sie ein Weib sind -- Elise Wendler.«
Die so Angeredete griff nach der Hand des Alten:
»Um Gottes willen, schweigen Sie! Lüften Sie nicht den Schleier von dem, was verborgen bleiben soll, wahren Sie mein Geheimnis!«
»Ja, aber ich habe die Verantwortung für Sie und für Ihr Leben gegen Konrad Schmidt, er würde mir's niemals verzeihen, wenn Ihnen ein Unglück passierte, nachdem ich weiß, wer Sie sind. Kind, Kind -- alle Achtung vor Ihrem Mute, aber Weibersache ist's eigentlich nicht, sich herumzuschießen und herumzuschlagen, und daß ich mit Angst und Bangen einem Kampfe entgegensehe, solange Sie neben mir in diesem Rocke stecken, das dürfen Sie mir glauben.«
»Ist denn unser Blut zu schlecht fürs Vaterland?« sagte lauter, in aufwallender Begeisterung das Mädchen.
»Herrgott, nein -- aber so lang' es noch Männer giebt, bedarf es nicht der Weiber im Streite!« erwiderte beinahe unwirsch der Alte, indes er unausgesetzt nach den Lauenburger Höhen hinüberschaute.
»So denken Sie, der August Renz, die Eleonore Prohaska, wär' noch neben Ihnen, und was Sie der gegönnt haben, das gönnen Sie mir auch. Sie schweigen und lassen mich gewähren, ja?«
Sie hielt ihm die Hand hin, und grollend beinahe sprach er:
»Was will ich machen? -- 's ist auch jetzt nicht Zeit, weiter davon zu reden. Da drüben wird's unheimlich munter. Sehen Sie?«
Am andern Elbufer zeigten sich im Dämmerlicht des Morgens Truppen, und wenn nicht alles täuschte, lagen einige große Fähren bereit. Walther überlegte nicht lange; er riß sein Gewehr von der Schulter und gleich darauf krachte ein Schuß durch den stillen Morgen.
»Das wird unsere Leute schneller munter machen, und die Schelme da drüben sollen wissen, daß wir nicht unvorbereitet sind. Knallen Sie auch los!«
Elise folgte dem Geheiß; ihre Wangen brannten, ihr Herz schlug rascher, und eine merkwürdige Kampfesfreudigkeit überkam sie. Noch zweimal hatte sie, dem Beispiele ihres Gefährten folgend, geladen, noch vier Schüsse waren nach der Elbe zu gefallen, von der Schanze her aber wurde es lebendig. Im Laufschritt kam es heran und bald war Graf Nostiz bei den zweien und übersah die Lage der Dinge. Es war kein Zweifel, daß die Franzosen einen stärkeren Angriff gegen Hohnsdorf unternehmen wollten. Am jenseitigen Ufer setzten sich jetzt einige Fähren in Bewegung, und gleichzeitig dröhnten die dumpfen Grüße der aufgestellten Geschütze.
Das Wetter hatte sich völlig verzogen, es war klar geworden, und man erkannte beinahe die Gesichter der Feinde, als sie in der Mitte des Flusses waren. Hinter kleinen Erdwällen, die schon vordem aufgeworfen waren, flach auf dem Boden, lagen die Lützower Jäger, und die feindlichen Geschosse sausten im Bogen über sie hin, wühlten sich in die Erde und sprangen meist, ohne einen Schaden zu thun. Als die erste Fähre in den Schußbereich kam, eröffneten die Lützower ihr Feuer, und nun krachte und knatterte es unheimlich durch den Oktobermorgen.
Der ersten Fähre folgte eine zweite und eine dritte, und es mochten wohl gegen 400 Mann sein, die gegen das kleine Häuflein in Hohnsdorf heranrückten. Die erste Fähre kam dem Ufer unaufhaltsam näher. Auch ihre Besatzung lag flach auf dem Boden des Fahrzeuges, aber da sie landen wollte, und ihre Mannschaft sich erhob, schlugen die Kugeln der Lützower so dicht und sicher ein, daß eine Verwirrung entstand, ein Drängen und Stoßen, wobei mancher hinabstürzte in die Fluten. Die erste Fähre war unschädlich gemacht, und indem sie zurückwich, wurden auch die andern zurückgedrängt. Am Lauenburger Ufer ordneten sich die Franzosen aufs neue und hatten zweifellos die Absicht, den Angriff zu wiederholen. Wiederum donnerten ihre Geschütze, Granatsplitter flogen umher und verletzten einige Leute, darunter den Grafen Nostiz, das aber entflammte erst recht den Mut des kleinen Haufens.
Nur Walther war es nicht behaglich; nicht um seinetwillen, sondern des jungen Blutes wegen, das er nicht von seiner Seite ließ und mit seinem eigenen Leibe zu decken bemüht war. Manchmal warf er einen Blick auf Elise, aber er schaute in leuchtende Augen und auf heiße Wangen, und zuletzt zog es doch beinahe wie Freude und Begeisterung in sein eigenes Herz ein, wenn er sah, wie furchtlos und mutig die Vaterlandsliebe auch ein schwaches Weib machen konnte. Gott würde sie schon in seinen Schutz nehmen -- das war's, womit er zuletzt sich getröstete, als eben wieder die französischen Fähren herannahten und das Geschützfeuer heftiger wurde.
Wiederum krachten die unermüdlichen Büchsen der Lützower, aber trotz alledem hatte die erste Fähre beinahe das Hohnsdorfer Ufer erreicht, da erkannte Walther auf dieser die Abzeichen eines höheren Offiziers. Er behielt sie scharf im Auge, und wie der Träger derselben sich bewegte und das Haupt ein wenig hob, krachte der sichere Schuß des Försters. Der Erfolg zeigte sich beinahe augenblicklich. Der Getroffene sprang auf, that einen Satz zur Seite, überschlug sich und stürzte in die Wellen. Mit seinem Falle kam Entsetzen über die andern. Wie in einem aufgescheuchten Ameisenschwarme wimmelte es auf der Fähre durcheinander, alle stießen und drängten, und in den dichteren Knäuel schlugen die Kugeln vom Ufer her ein. Die meisten Franzosen sprangen in das Wasser und suchten schwimmend die nächste Fähre zu erreichen, aber sie trugen auch dorthin Erregung und Verwirrung, und zum zweiten Male wendete man sich zurück gegen Lauenburg.
Ein fröhliches, begeistertes Aufjauchzen, ein lautes, helles Hurra klang den Franzosen nach, die trotz alledem noch einen dritten Angriff versuchten, aber auch dieser ward durch das wirksame Feuer der Angegriffenen zurückgeschlagen. Da verstummten endlich auch die Geschütze von der Lauenburger Höhe; die Sonne, welche sich aus dem zerstreuten Gewölk herausgewunden, leuchtete milde über die Hohnsdorfer Schanze, hinter der sich die tapfern Verteidiger jetzt behaglich gelagert hatten und ihres Sieges sich freuten.
»Nun, hab' ich's brav gemacht, Herr Oberjäger?« frug Elise den Förster, der mit Wohlgefallen ihr frisches Gesicht betrachtete.
»Ja, das haben Sie, und Gott erhalte Ihnen Kraft und Mut und -- Glück,« sagte beinahe wehmütig der Alte.
»Aber nun versprechen Sie mir auch eins: Daß Sie gegen jedermann schweigen wollen von dem, was Sie wissen -- hören Sie, gegen _jedermann_? -- Ja?«
Sie reichte ihm die schmale Hand hin, die er zwischen seine beiden braunen Hände nahm:
»Was will ich denn machen? -- Ich hab' die Prohaska sterben sehen, und es war ein schöner, glücklicher Tod, und ich hab' dabei vergessen, daß es ein Weib war. Ich will's auch diesmal vergessen und will eben meinen, ich hätt' einen braven, jungen Kameraden, den ich freilich nicht von meiner Seite lassen darf, denn seit ich ihn kenne, bin ich für ihn verantwortlich, und wenn etwas schief geht, habe ich's mit Konrad Schmidt zu thun.«
»Er vor allem soll keine Ahnung haben davon, daß seine Braut ihr Blut nicht höher achtet, als er das seine. Also abgemacht, Herr Oberjäger!«
»Nun, in Gottes Namen -- abgemacht. Aber sagen Sie mir -- der andere, mit dem Sie gekommen sind, der ... der Krause -- ist wohl auch eigentlich kein Student?«
»Nein! _Sie_ sollen auch das noch wissen; es ist meine Freundin Anna Lühring aus Bremen, und was für mich gilt, das gilt auch für sie.«
Der Förster brummte etwas vor sich hin, aber zu antworten fand er eigentlich nicht Zeit, denn eben kam eine kleine Schar von Reitern von Bleckede her angesprengt. Walther und Elise hatten sich etwas seitab von den andern gelagert und mußten sie zuerst kommen sehen. Es waren Lützower, daran konnte kein Zweifel sein, und als der Förster schärfer hinsah, sprang er mit einmal auf.
»Das ist Konrad Schmidt! Nun sehen Sie, daß Sie weiter kommen, sonst stehe ich für nichts, und drehen Sie ihm hübsch den Rücken, wenn er vorüberkommt -- das heißt, wenn Sie's übers Herz bringen.«
Elise fühlte, wie das Herz ihr erregter schlug, aber ohne eine Erwiderung huschte sie fort und hielt nicht eher an, als bis sie unter einer abseits lagernden Gruppe von Kameraden sich befand. Walther aber war den Reitern entgegengetreten, und Konrad schwang sich, als er ihn erkannte, aus dem Sattel. Gleich darauf drückten sich beide Männer herzlich die Hände.
»Was führt dich denn her, Konrad?« fragte der Förster, indem er neben dem Freunde, der sein Pferd am Zügel führte, herging.
»Ein Rekognoszierungsritt. Wir kommen von Boitzenburg, sind bei Bleckede über die Elbe gegangen, und da wir hier schießen hörten, wollten wir sehen, was es gegeben hat.«
»Eine kleine Morgenarbeit. Die Franzosen haben uns einen Besuch machen wollen auf einigen Fähren, aber wir haben dankend abgelehnt. Wie steht's bei dem Korps?«
»Soweit gut, und müßig sind wir auch nicht; man munkelt jetzt von einem Plane des Generals Tettenborn, an die Weser vorzudringen und den Marschall Davoust von seinen Verbindungen mit Bremen abzuschneiden, ja eventuell einen Handstreich gegen letztere Stadt zu unternehmen -- freilich geht das alles ja im Geheimen. -- Nun, und Ihr?«
»Ja, wir und die Franzosen gucken einander, so zu sagen, in die Fenster -- 's ist mitunter etwas langweilig, und eine kleine Abwechslung, wie heute morgen, thut ordentlich wohl. Aber wenn man uns eine Handvoll Leute zur Verstärkung schicken wollte, könnten wir sie brauchen, das kannst du wohl an gelegenem Orte anbringen!«
»Das soll geschehen! -- Aber weißt du, alter Freund, daß du frischer und vergnügter aussiehst? ... Hast du von Jakob Nachricht?«
»Bis jetzt keine, aber ich habe eine Ahnung, daß er's ernst meint und mir fürder keine Schande machen will, wie dieser Kerl, der Bastian, seinem braven Vater thut!«
»Ja, der Bastian! ... Weißt du auch, daß er sich noch immer in der Gegend aufhält und sich benimmt wie ein Verrückter? Er ist bald da, bald dort gesehen worden, am meisten bei Wöbbelin, und soll wunderliche Reden führen, so daß man meinen könnte, er habe die Kugel gegen unsern Körner abgeschossen ...«
»Um Gottes willen -- so weit wird's mit ihm doch nicht gekommen sein?«
Konrad senkte den Kopf und schwieg. Sie waren auch bei den andern angekommen, die einigermaßen verwundert die Reiter anschauten, und Schmidt kommandierte seine Leute zum Absitzen und zur Rast. Dann meldete er sich bei dem Befehlshaber der Hohnsdorfer Schanze, und nachdem dies geschehen, suchte er wieder den alten Freund auf, an dessen Seite zu traulichem Plaudern er sich niederließ. Auch von Elise sprach er, und wie er schon längere Zeit nichts von ihr gehört habe; er nahm ein vertrocknetes Zweiglein aus seiner Brieftasche, schaute es an mit Wehmut und Freude, ahnte aber nicht, daß zur selben Zeit ein leuchtendes Augenpaar glücklich und sehnsüchtig an ihm haftete.
Im Laufe des Nachmittags kam noch eine andere Reiterschar von Artlenburg her. Die Leute waren nur teilweise uniformiert, aber sämtlich bewaffnet, und an ihrer Spitze auf einem starkknochigen Pferde ritt ein grauhaariger Mann. Es hatte nichts Befremdliches, und jeder wußte, daß es Freiwillige waren, oder Leute, die ein vermögender Mann, ein Grundbesitzer, für seinen König auf eigene Faust angeworben hatte. Als die Reiter an Walther und Schmidt vorüberkamen, sprang der Letztere plötzlich auf, und ein Erbleichen flog über sein gebräuntes Gesicht:
»Herr Bastian!« schrie er auf; der andere aber hielt seinen Gaul an, und da er Konrad erkannte, rief er:
»Gott zum Gruß, Herr Lieutenant, und da komm' ich selber mit meinen alten Knochen und bringe meinem König noch ein Dutzend brave Burschen mit; ich denke, daß man uns wird brauchen können. Ich hab's daheim nicht mehr ausgehalten, zumal ich von meinem Jungen nichts mehr gehört habe. Er lebt doch ... oder ist ihm etwas Menschliches passiert?«
Der alte Herr war im nächsten Augenblicke von seinem Gaul gestiegen, und sein frisches Antlitz war fahl geworden.
»Walther, bringe die Leute einstweilen unter!« bat Konrad, und der Förster verstand ihn. Er selber nahm die Zügel von Bastian's Pferde und forderte die andern auf, ihm zu folgen, Schmidt aber stand einige Sekunden schweigend vor dem Gutsherrn. Dieser stieß jetzt erregt hervor:
»Er ist tot! Sagen Sie mir's ruhig, Konrad, und Sie sollen sehen, daß ich's wie ein Mann trage -- ich hab' ihn ja fürs Vaterland gegeben und für meinen König. Freilich die Alte -- die Mutter -- wie sie's tragen wird! -- Nun, wo ist er geblieben?«
Schmidt griff tiefbewegt nach den Händen des alten Herrn und zog ihn sachte beiseite unter einen dichten überhängenden Strauch; dort sprach er dumpf und schweratmend:
»Ihr Sohn lebt!«
»Er lebt? -- Aber was ist's mit ihm? -- Um Gottes willen, was ist's? -- Denn es muß etwas sein -- es muß etwas Schreckliches sein, was Ihnen nicht über die Zunge will. Hat er eine Schlechtigkeit begangen?«
»Fassen Sie sich, Herr Bastian. Man hat ihm Feigheit vorgeworfen im Gefechte bei Göhrde, und die Kameraden haben nicht mehr mit ihm dienen wollen.«
Der Gutsherr wankte und Konrad mußte ihn stützen; sein Atem ging keuchend:
»Als Feigling ausgestoßen? -- Tierschinder -- Feigling -- mein Sohn!«
Er ließ das Haupt sinken, und Thränen rollten ihm jetzt über die Wangen. Konrad that der Jammer des braven Mannes in tiefster Seele weh, und er suchte ihn zu beruhigen. Jener aber sprach:
»Sie meinen es gut, recht gut -- aber was nützt das mir? -- Sehen Sie, ich kam her mit der Freudigkeit eines Jünglings und wollte nun Seite an Seite mit meinem Jungen kämpfen und, wenn es sein müßte, bluten, und mein Weib hat mich gehen lassen mit schwerem Herzen, aber doch als ein echtes, braves, deutsches Weib -- und nun darf ich nicht eintreten in ein ehrliches Korps, denn mein Name ist beschimpft, und jeder von den wackern Burschen, die ich mitgebracht habe, kann mich über die Achsel ansehen ... o mir bleibt nichts übrig, als eine Kugel in den Schädel, denn so kann ich nicht heimkehren ... ich müßte mich schämen mein Leben lang.«
In seiner Erregung riß er ein Pistol heraus und wendete es gegen sich, aber Schmidt fiel ihm in den Arm.
»Da sei Gott vor! So liegen die Dinge nicht, und daß Sie ein Ehrenmann sind, daran hat keiner ein Recht zu zweifeln. Aber auch Ihr Sohn ist nicht verloren. Wir haben's erlebt in diesen Tagen, daß der Sohn eines braven Kameraden, der noch viel tiefer gesunken war, als der Ihrige, sich wiederfand und nun im treuen Dienste des Vaterlandes steht ... und man darf in unsern Tagen an keinem verzweifeln, so lang er noch lebt.«
Bastian steckte das Pistol beiseite, und kleinlaut fragte er:
»Und wo ist der Junge?« --
»Ihn zieht's, wie es scheint, zu seinem alten Korps. Er ist wiederholt gesehen worden in der Gegend, verstört und krank ...«
Da erfaßte den alten Mann ein anderes Gefühl, das der Vaterangst und der Vaterliebe.
»Krank, sagen Sie? -- Wäre es möglich, daß die Krankheit ihn ängstlich, feige gemacht hätte? -- Glauben Sie das, daß es möglich sei -- dann könnte ja alles noch gut werden.«
Schmidt wollte dem erregten Vater nicht das letzte Fünkchen eines freundlichen Hoffens rauben; er bestätigte gern die Frage, und nun litt es Bastian nicht länger mehr, er wollte fortreiten und überall fragen nach seinem Jungen und ihn überall suchen. Seine Gefährten sollte Konrad mitnehmen und sie dem Major von Lützow zuführen. Nur mit Mühe konnte der Gutsherr bewogen werden, sich an einem einfachen Imbiß zu beteiligen. Dann stieg er in den Sattel, reichte mit stummer Innigkeit Konrad die Hand und trabte davon.
Er ritt die Nacht beinahe bis an den Morgen, dann gönnte er sich erst einige Stunden Rast, aber bald begann er auf's neue seine Nachforschungen. Ja, man hatte seinen Sohn da und dort gesehen, überall hatte er verwirrte, sonderbare Reden geführt, überall getrunken und -- gebettelt: Dem Vater wollte es das Herz zerreißen bei solcher Nachricht, und das Mitleid überwog bei ihm noch den Abscheu. Die letzten Nachrichten, die er in Kraak erhielt, deuteten darauf, daß er gegen Wöbbelin sich gewendet habe, und dahin wandte sich auch der Gutsherr.
Der Abend war bereits hereingebrochen und der Mond war aufgegangen, der mit seinem milden Lichte die Gegend überflutete, als er an Wöbbelin herankam. Er sah den Ort drüben an der Straße liegen, still und friedlich, aber seitwärts von seinem Wege erblickte er auch zwei einsame Eichen, und er wußte, daß dort in deren Schatten sich einige Heldengräber befanden. In einer beinahe wehmütigen Stimmung ritt er darauf zu. Als er fast ganz herangekommen war, sah er, wie es sich im Schatten bei einem der Hügel regte, und er vermochte jetzt einen Menschen zu erkennen, der an einem Grabe wühlte und arbeitete. Eine seltsame Aufregung überkam Bastian, zumal jener, der auf dem weichen Grunde den Hufschlag des Pferdes nicht hören konnte, sich gar nicht stören ließ. Er stieg ab, schlang den Zügel seines Pferdes um einen Strauch, kam noch näher, und plötzlich, wie von einer schlimmen Ahnung ergriffen, rief er den Namen seines Sohnes. Da schreckte der Mensch auf dem Hügel auf, that einen lauten Schrei und wandte sein Gesicht her; dann sank er auf die Kniee und rief mit aufgehobenen Händen:
»Vater!«
Bastian war tief erschüttert.
»Hermann, du? -- Was machst du hier?« fragte er, indem er ganz nahe an den Knieenden herantrat. Dieser aber zeigte auf den zerwühlten Hügel und sagte irr und hastig:
»Den da wieder herausholen! Weißt du, wer hier schläft? -- Theodor Körner, der die schönen Lieder gemacht hat -- -- Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd ... ja, er war unser Stolz, er war ein prächtiger Junge ... und -- aber sprich's nicht weiter, hörst du! -- und ich bin's gewesen, der ihn erschossen hat!«
Und der Unselige heulte auf wie in tiefen Schmerzen, der Alte aber wurde von Grauen und Mitleid durchschüttert.
»Steh auf, Hermann, du bist krank ... komm, das alles ist ja nicht wahr, was du sprichst -- komm zu deiner Mutter!«
Unheimlich lachte der Bursche auf:
»Nicht wahr? -- O, es ist wahr -- bei Gadebusch ist's geschehen, aber ich hab's nicht gewollt, bei Gott, das hab' ich nicht gewollt! Warum haben sie mich weggestoßen wie einen Hund -- warum? -- Das Hähnchen, ja, das Hähnchen ... ihn hat's treffen sollen ... aber der Teufel hat die Kugel gelenkt ... der Teufel!«
Den Gutsherrn überrieselte ein kalter Schauer; daß etwas Fürchterliches geschehen sein mußte, war ihm ebenso klar, als daß sein Sohn krank war, und das stand fest, er mußte ihn mit sich nehmen, er durfte ihn hier nicht verkommen lassen in Irrwahn und Elend. So erfaßte er ihn am Arme, aber der Bursche riß sich los, und mit dem Schrei: »Ich lasse mich nicht fangen!« rannte er in wilden Sätzen davon.
Der Vater eilte hinterdrein, fortwährend rufend und bittend. Da erst erinnerte er sich seines Pferdes; mit keuchender Brust lief er zurück, schwang sich in den Sattel und jagte dem Flüchtigen nach. Er hatte nur seinen Schatten noch gesehen, aber bald schien er ihn erreichen zu können. Da durchschnitt ein breiter, steil abfallender Graben das Gelände. In demselben verschwand Hermann, aber bald darauf kletterte er an der andern Seite empor und rannte mit wildem Hohngelächter einem nahen Walde zu. Der alte Herr jedoch erkannte, daß er hier die Verfolgung aufgeben müsse, und todestraurig ritt er langsam wieder zurück.
Bei den zwei Eichen hielt er an. Er stieg ab und trat an den Hügel Theodor Körners. Der Mondschein sickerte durch die Zweige und streute silberne Flocken über das Grab des jungen Helden, und Bastian wurde es wehmütig zu Sinne. Warum konnte sein Sohn nicht dieses Schicksal haben? -- Er hätte um ihn geweint, aber Thränen des Schmerzes und des Stolzes zugleich! Er stand lange in tiefer Bewegung, dann brach er einen Eichenzweig und legte ihn auf den Hügel nieder, auf dem er die Erde wieder geglättet hatte, schwang sich auf das Pferd und ritt nach Wöbbelin, um dort Nachtrast zu halten.
Am andern Morgen begann er wieder die Nachforschungen nach seinem Sohne, aber er vermochte seine Spur nicht mehr zu finden.
Neuntes Kapitel.
Siegesfreuden.
Nebel wogten über das Elbthal und das Thal der Boitze, und der Oktobermorgen brach grau und kühl an. Hornsignale und Trommelklang gingen durch das Lager des Generals Tettenborn bei Boitzenburg, und die hier gesammelten Truppen stellten sich in Marschordnung. Jetzt setzte sich der General an die Spitze der etwa 800 Kosaken, die den Zug eröffneten, und nun ging es hinein in den grauenden Tag. Hinter den Kosaken ritt der alte Rittmeister Fischer, der ab und zu sich vergnügt den weißen Bart strich, denn wenn es zu einem frischen, waghalsigen Handstreiche ging, war er stets guter Dinge, und mit den 400 braven Reitern hinter sich, unter denen auch Schmidt und Zander sich befanden, fürchtete er sich vor dem Satan nicht; es steckte in dem Alten etwas vom Blute des wackeren Marschall Vorwärts, des prächtigen Blücher. Dann marschierten etwa vierthalbhundert Mann Lützower Infanterie unter Lieutenant Müller. Unter ihnen war Walther und die beiden Freundinnen, denn das Hohnsdorfer Kommando war teilweise abgelöst und durch andere Truppen ersetzt worden. Den beiden Mädchen aber schlug das Herz höher, denn es sollte ja gegen Bremen gehen und dieser Stützpunkt den Franzosen entrissen werden. Das Reichesche Jägerbataillon und einige reitende Geschütze vervollständigten die kleine Armee, die frohgemut, wenn auch mit großer Vorsicht ihres Weges zog gegen Bleckede, wo sie die Elbe übersetzte, und dann in Eilmärschen weiter über Bienenbüttel und Soltau nach Visselhövede.
Der Weg war nichts weniger als gut. Stundenlang ging es durch pfadlose Heide, dann wieder durch sumpfiges Moorland, und dazu kam, daß es regnerische Tage waren, so daß besonders die Geschütze nur mit den größten Schwierigkeiten weitergebracht werden konnten, und daß die von der Infanterie requirierten Wagen auf den grundlosen Wegen teilweise stecken blieben.
So hatte man Verden erreicht, aber trotz aller Ermüdung ward doch nur eine kurze Rast von drei Stunden gegönnt und noch in der Nacht sollte der Marsch gegen Bremen fortgesetzt werden. Walther sorgte in dieser kleinen Frist nicht für sich, sondern für die beiden Mädchen, um die er manche Sorge schweigend trug; er verschaffte ihnen ein gutes Abendbrot, ein bequemes Lager, während er selber mit seinem treuen Hunde selbst in diesen Raststunden den Schlaf nicht suchte. Bald erklangen auch die Signale wieder, und der Marsch ging hinein in die rauhe, nebelfeuchte Nacht.