Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)

Part 6

Chapter 63,596 wordsPublic domain

Fast ganz nackte Männer hoben den Schutt hervor; man dürfte wohl sagen, ganz nackte, weil so nichts vor den Blicken verborgen war, indem die Lumpen bald diesen, bald jenen Theil kümmerlich verhüllten. Ich war an den Anblick solcher Leute noch nicht gewöhnt; allein die kleineren und größern Mädchen schienen das nicht zu beachten, was in der Meinung des Europäers die Wohlanständigkeit so tief verletzen würde. Der Schutt wurde in, aus Dattelblättern geflochtene, kleine, runde Körbe geworfen, und so auf dem Kopfe weggetragen. Zugleich richteten es die Lastträger, um sie scherzweise so zu nennen, gar fein ein, dergestalt, daß der eine auf den andern warten konnte, damit ja wieder einige Augenblicke in süßem Nichtsthun dahinfließen. Man las auf den Gesichtern der Arbeiter, und auch alle ihre Bewegungen verriethen es, daß nicht die mindeste Lust zur Arbeit sie beseelte, und daß sie lediglich aus Furcht vor der Gewalt oder aus Zwang sich dazu anschickten. Viele in Alexandrien wohnende Europäer hegen die Ueberzeugung, daß ohne Peitsche und Stock der Araber von seinem Hange zum Müßiggange nicht loszurütteln und zur Arbeit zu bewegen wäre. So bald er etwas erspart habe, behaupten sie, lege er sich auf die Bärenhaut, und verthue oder vergeude wieder Alles. Uebrigens sorgt der Pascha mit väterlicher Theilnahme dafür, daß die Arbeiter nicht zu viel Geld in die Hände bekommen; denn die 30 bis 40 Para, welche er ihnen täglich in die Hand +preßt+, reichen kümmerlich für die allernothwendigsten Bedürfnisse hin. Würden +Mehemet-Ali+ und +Mahmud+ den abendländischen Fürsten darin nachahmen, daß sie, statt der Chiffres, ihre Köpfe auf der Silbermünze abprägen ließen, sie dürften gewiß nicht besorgt sein, daß sie in den Händen dieser egyptischen Arbeiter rothe Backen bekämen.

Leute. Bevölkerung.

Auf den Straßen ist es ungemein lebhaft. Die Budengassen (Bassar) sind theilweise gedrängt voll. Man darf sich mit Recht wundern, daß, bei allem Gedränge, die in ein bloßes Hemde gekleideten mohammetanischen Weiber den Franken selten berühren. Die bunte Kumpanei von so verschiedenen Menschen mit ihren abweichenden Sitten und Religionsformen, der bunte Wechsel von so verschiedenen Thierarten, als von Kameelen, Büffeln, Eseln, Pferden, hin und wieder das Knarren von Lastkarren (welche der Regierung gehören) wirkt beinahe betäubend. Nirgends traf ich mehr Getriebe und mehr Rührigkeit, als im Arsenale und in den Schiffswerften. Tief in die Nacht dauert der Lärm, und wenn das Getümmel der Menschen verstummt, so erhebt sich das Gebell der herrenlosen Hunde. Schwerlich wird dem Schlaflosen je eine feierliche Stille vergönnt.

Der arabische Alexandriner ist eine wahre Lärmtrompete. Er lernt laut; arbeitet er, so singt er. Wenn dreißig bis vierzig Arbeiter eine Last heben, so tönt nicht unangenehm für das Ohr der Chor der Menge, welcher dem Solo des Kommandirenden antwortet. Alle die Lärmereien sollen eine religiöse Bedeutung haben. So rufen die Mohammetaner gar oft ihren Propheten an, der auch +Hamma+ heißt.

Ueber die Bevölkerung der Stadt konnte ich nichts Zuverlässiges in Erfahrung bringen. Jährlich sollen, nach einem eben so gut unterrichteten, als angesehenen morgenländischen Bewohner Alexandriens, im Durchschnitte dreitausend Menschen sterben. Es leidet kaum einen Zweifel, daß die Sterblichkeit in Alexandrien, dessen Lage allgemein für ungesund gehalten wird, groß ist. Lassen wir, wie in Rußland, den fünfundzwanzigsten Theil der Bevölkerung jährlich sterben, so erhalten wir eine Gesammtheit von fünfundsiebzigtausend Menschen. Jedenfalls steigt die Einwohnerzahl weit höher, als man sie in Europa glaubt. Uebrigens hat sie durch die letzte Pest (1834/5) bedeutend abgenommen, obwohl man, wie man mich versicherte, am Gedränge in den Gassen keinen Unterschied bemerke. Nach den Einen sollen unter dem Todesstreiche der letzten Pest 13,000, nach Andern selbst 20,000 Menschen gefallen sein. Man muthmaßt, daß die Regierung geflissentlich die Zahl der Gestorbenen minder groß (etwa 11,000) angab, und man will bestimmt wissen, daß manche in den Hütten an der Pest Verstorbene gleich unter denselben in die Erde verscharrt wurden, weil die Gesundheitspolizei gegen verpestete Hütten sogleich zu Maßregeln schritt, welche den Araber belästigten. Die Bevölkerung Alexandriens gleicht einem Polypen. Schneidet man ein Stück davon, alsbald wird das Verlorene wieder ergänzt. Wenn die arabische Bevölkerung der Stadt auch viel einbüßt, so wird der Verlust doch wieder in kurzer Zeit ersetzt, theils weil das arabische Weib gerne und leicht Kinder bringt, theils weil vom Lande immerfort Lückenbüßer einrücken. Es mag nebenbei die Bemerkung nicht überflüssig erscheinen, daß der Pascha seine Stärke in der größtmöglichen Vermehrung seiner Unterthanen sucht. Er thut ihr daher jeden Vorschub. So darf ein Seesoldat nicht ans Land gehen, wenn er kein Weib nimmt. Wie wenig wurzelfest ein solches Prinzip sei, könnte er von unsern Lehrern der politischen Oekonomie lernen. Hohl und trügerisch ist der Gewinn für das Ganze, wenn die Zunahme und der Verlust der Bevölkerung in gleichem Grade steigen. Eine klein scheinende Sache ist manchmal von großer Wichtigkeit, und hier +die Erhaltung der Bevölkerung+, und wollte der Pascha nach diesem Ziele ringen, so könnte er nicht nur über die gleiche, sondern selbst über eine intensiv stärkere Bevölkerung gebieten, sich nicht nur einen Theil seiner Laufbahn von Dornen säubern, sondern auch Andern tausend Unbilligkeiten und Ungerechtigkeiten, tausend Kümmernisse und Seufzer ersparen.

Der Ritt zur Beschneidung.

Was ist das für ein Reuter dort auf stolzem Rosse, den Bassar durchziehend? Was für eine gellende Musik? Was für ein rufendes, wogendes Menschengedränge, aus dem -- Salz gegen das Roß anstäubt? Ach, eine Komödieankündigung; mit solchen Ausposaunungen füllt man die Ohren in allen Krähwinkeln der Welt. O Wahnsinn, welcher dergleichen verdeutet! Das wohlaufgeputzte Kind, welches der Reuter auf dem Schooße hält, ist ein mohammetanischer Knabe, mit dem man an den Ort reitet, wo die Beschneidung vorgenommen werden +soll+. Freilich +soll+, +muß+ u. s. f., mögen nun seine Augen triefen von Krankheiten und naß sein vor Wehmuth. Was -- Wehmuth? Sein Weinen hört man ja nicht, weil das Ohr von Pauken und Tambour und Schalmeien übertäubt wird.

Die Mohammetaner halten auf der Beschneidung sehr viel. Erst wenn der Knabe beschnitten, ist er ein Moslim (Rechtgläubiger). Die Großen begleiten dieselbe mit sehr viel Gepränge. Die Beschneidung des nachherigen Sultans +Mehemet+ dauerte vom 21. Mai bis zum 30. Brachmonat 1582. Die abgeschnittene Vorhaut wurde in einer goldenen Schale der Mutter des Sultans, und das Barbiermesser blutig der Großmutter zugeschickt. Wenn man damit zugleich die Rohheit der türkischen Sitte bezeichnen möchte, so versteht sich von selbst, daß auch +Sauls+ Forderung (1. +Samuel+, 18, 26 und 27) in der Vorderreihe roher Sittenzüge steht.

Primarschule.

Du gehst auf den Gassen. Du hörst einen Lärm, ein Brumsen und Sumsen. Auf einmal erblickst du eine Menge Kinder, die in einer offenen, über die Gasse nur wenig erhöheten Bude hocken[8], den Körper vor- und rückwärts bewegen, eine weiß bemalte, hölzerne Schreibtafel in der Hand halten. An einer Wand hockt der Schulmeister, und macht mit seinem Körper eben so komische Bewegungen. Er lehrt und ißt Bohnen zu gleicher Zeit.

Das ist eine Kinderschule. Nirgends sah ich die fröhliche Ausgelassenheit der Kleinen in höherm Grade als hier.

In Alexandrien gibt es mehrere Schulen. Ich glaube nicht, daß sie gesetzlich bestehen. Weil in den Schulen die Religion nach dem Koran gelehrt wird, so schickt der Mohammetaner aus religiösem Eifer die Kinder in dieselben. Der Schreiber wird unter dem Volke sehr geachtet. Mädchen nahm ich unter den Schülern nicht wahr.

Die Zeichenschule.

Ich begegnete im Arsenale einem Europäer, den ich um Auskunft fragte. Sein Aeußeres wollte eben nicht viel versprechen. Mit zuvorkommender Gefälligkeit führte er mich in ein Zimmer, wo etwa zwanzig ältere Zöglinge zeichneten, davon mehrere schon an zwei Weiber verheirathete. Mein Führer, aus Marseille gebürtig, stand der Schule, die er erst vor kurzem gegründet hat, selbst vor. Die Araber saßen auf Bänken vor Tischen, und die Muster lagen oder hingen vor ihnen. Mir schienen die Zöglinge Eifer an den Tag zu legen, und ihre Arbeiten, Laub- und Blumenwerk, z. B. für Tapeten, geriethen nicht übel. Der Zeichenlehrer eröffnete mir, daß der Araber viel Talente besitze, daß er aber zu sehr Schlaraffe sei, um sie anbauen zu wollen. Er bestätigte, was ich von Andern vernahm, daß er denselben nur durch strenge Zucht zur Arbeit und zum Fortschritte bringe. Von Stockschlägen faselte der Franzose ganz geläufig, als wäre er mit ihnen aufgewachsen. Der Mangel gründlicher Kenntniß in der arabischen Sprache stellt dem Lehrer viele Hindernisse in den Weg. Indessen bemüht er sich eifrig, diese Sprache in seinen Besitz zu erlangen, damit seine Mittheilungen leichter werden. Da der Lehrer selbst nicht gar viel Zeit im Schulzimmer zubringt, so sucht er sich durch eine Art +Lancasterschen+ Unterrichtes zu helfen. Während seiner Abwesenheit vertritt der beßte Zögling die Stelle eines Lehrers. Die Lehrlinge werden im Ganzen strenge gehalten. Des Mittags dürfen sie nicht ausgehen, und sie speisen im Zimmer. Eben hockten zwei auf dem Boden, und langten mit ihren Fingern eine Art Brei aus einem großen Teller heraus.

Der Pascha verbindet mit dieser Schule offenbar den Zweck, sich von dem Abendländer mehr und mehr unabhängig zu machen. Vielleicht sind die goldenen Tage des letztern in Egypten vorüber, so bald er den Pascha und seine Leute einen solchen Schatz gelehrt haben wird, daß die Anleitung und die Mithilfe des Fremdlings entübrigt werden können.

Weiberhändel.

Zum Troste der Europäerinnen gibt es auch in Afrika Weiberhändel.

Ich lag unter dem Fenster, über einem Bassar. Auf einmal wendete sich eine Mohrin kreischend und, mit einem Schäufelchen drohend, rasch gegen einen Türken. Das Weiße des Auges gegen die Schwärze der Haut, wie das Licht gegen den Schatten, abstechend, warf den lebhaften Glanz der Gemüthsbewegung. Der Türke stand in stolzer Ruhe; fest heftete er seinen Blick an das Weib. Auf einmal fiel ein minder schwarzes Weib der ersten in diejenige Hand, welche das Schäufelchen hielt. Die Weiber wetteiferten mit Lärmen. Was für ein Ende wird der Auftritt noch nehmen? Wie treffen doch die zierlichen Europäerinnen und die plumpen Afrikanerinnen den gleichen Punkt, ob auch nicht so +haargenau+; denn in Europa raufen sich Weiber die Haare, hier dagegen greifen sie nicht nach dem Kopfe, sondern halten sich einander die Hand, oder kneipen und reißen an den Kleidern. Daß die auf einander erbosten afrikanischen Damen mehr nach dem in der Gemüthsaufwallung gepreßten Herzen greifen, ist es etwa instinktmäßiger? Ich glaube nicht, daß, wenn es keine Männer gäbe, die Welt aussterben, sondern bloß, daß die übrig bleibenden Weiber von einander aufgerieben würden, nämlich zuerst die guten von den bösen, dann die bösen von den bösesten. Und das habe ich nicht nur schon im Stillen gedacht, sondern ich wollte es auch vor Männiglich sagen, wozu es freilich keines Muthes bedarf; denn sollte ich mit meinem harten Urtheile irgend eine Schöne zum Zorne aufregen, so bin ich überzeugt, daß sie sich selbst, im Schmucke desselben, vor dem Mann mißfiele, und daß sie ihn viel lieber an einer schwachen Mitschwester entlüde.

Es kam, um zu unserm Spektakel zurückzukehren, Polizei dazwischen, und so nahm der Handel flugs ein Ende. Natürlich wurde ich an der Fortsetzung meiner nicht ganz unangenehmen Beobachtung gestört.

Geld und Geldnoth.

Eine englische Guinee gilt 100 Piaster (Krusch); 40 Para (Medi) machen einen Piaster aus. Beiläufig 8 Piaster kommen einem Gulden Reichswährung gleich. Die egyptischen Goldmünzen sind 10, 9, 4 und 3 Piasterstücke. Diese letztern empfehlen sich wegen ihrer Kleinheit wenig. Man darf ordentlich auf der Hut sein, um sie nicht zu verlieren. Die Silbermünzen sind 1, ½, ¼ und ⅛ Piaster, selbst ein Para. Es gibt übrigens auch ¼, ¼ Piaster und 1 Parastück in Kupfer. Dieß die Hauptmünzen. Man könnte wohl noch mehr angeben, wenn man weitläufiger sein wollte.

In Alexandrien ist Noth an Scheidemünze, so daß bisweilen für das Wechseln von 4 Piaster in Gold ohne Anstand 10 Para abgezogen werden. Ich war einmal genöthigt, einem Araber, der meine Sprachen nicht besser als ich seine verstand, so viel Para zu bezahlen. Anfänglich glaubte ich freilich hintergangen worden zu sein, weil eine so beschaffene Ordnung von Unordnung mich allzusehr befremdete. In Kaffee- und Wirthshäusern tritt gewöhnlich der Fall ein, daß man nicht quitt rechnet. Bald bleibt der Wirth, bald der Gast schuldig. Einmal konnte der Wirth mir keine kleine Münzen zurückgeben, und erklärte, mit Annahme der Zahlung zu warten. Wie staunte ich über das gastwirthliche Zutrauen, welches das Morgenland so lieblich verkündiget. Man fasse sich wohl, dieses Zutrauen ging auf den Stelzen der Münznoth. Ein andermal blieb ein Kaffeewirth, aber ein Grieche, mir eine Kleinigkeit schuldig. Die Begehr nach Scheidemünze fällt, wenigstens dem Fremden, ungemein beschwerlich; man muß gleichsam auf dieselbe Jagd machen, indem man jede Gelegenheit auffängt, um eine größere Münze auszugeben, die beim Umwechseln kleinere zurückwirft. Dazu kommt noch eine andere Unbeliebigkeit, daß schwierig zu erkennende falsche, oder gebrochene und beschädigte Münze im Umlaufe ist, welche nicht angenommen wird.

Zählen wir doch nichts zu den Unmöglichkeiten. Vielleicht rührt die Scheidemünznoth vom +Kometen+ her, den ich in Egypten gerade zum ersten Male, als einen hübschen, langen Schweif, in der nördlichen Himmelsgegend zur Sicht bekam. Im Kaffeehause erregte diese Erscheinung plötzlich ernstes Rufen, lautes Lärmen, eiliges Laufen, anders nicht fürwahr, als wäre Feuer ausgebrochen. Wenn der Schwanzstern nun dieses zu bewirken, und, wie es denn bekannt ist, Krieg und Pest heraufzubeschwören vermag, wie soll er die Leute nicht auch in die Klemme des kleinen Geldes treiben können? Uebrigens bin ich selbst froh, daß die Sterngucker den Spaß dort ungefähr errathen haben; denn mich bangte nicht wenig, der Komet werde gar ausbleiben, dieweil er aus dem Wirrwarr der Himmelspropheten sich etwa nicht herauszufinden wisse, die in der Festsetzung des Tages oder der Nacht für das Stelldichein so nicht einig werden wollten oder konnten.

Das Schiff der Wüste.

Auf Alexandriens Boden reichten auch die vielen Kameele meiner Neugierde Nahrung dar. Zu Lande werden meist auf dem Rücken dieser Vierfüßer die Lasten fortgeschafft. Wie ein Faden spinnt sich eine lange Reihe von Kameelen oft mitten durch das Menschengedränge in den Gassen, eines hinter das andere gebunden. In ein weitfenstriges Netz von Stricken werden größtentheils die Lasten aufgeladen; so Steine, so Säcke, so Anderes. Das hohe Kameel bewegt sich in gemessenen langen und eher langsamen Schritten, während der niedrige Esel mit seinen kurzen Füßen trippelt. Der Fuß des Kameels ist wie das Pendul einer Thurmuhr, der Fuß des Esels wie dasjenige einer Taschenuhr. Und noch mehr Gegensatz. Das Kameel ernst, der Esel flatterhaft; das Ohr des großen Kameels klein, des kleinen Esels groß. Es macht Spaß, diese zwei Thiere neben einander zu sehen.

Anleitung für den Reisenden.

Langt man im Hafen an, so fährt der Kapitän in seiner Schaluppe ans Land. Ergreift man nicht gleich diese Gelegenheit, so holt man später auf einer der Barken, die im Hafen jederzeit bereit liegen, die Effekten, höchstens für einen Piaster. Zu Lande wird das Gepäcke von den Mauthbeamteten untersucht, welche einen Piaster von mir forderten. Ein Lastträger bringt für einen Piaster das Gepäcke bis ins Logis. Eine größere Last würde man am beßten auf Esel oder auf Kameele laden, und auch auf letztern kostet die Fortschaffung des Gepäckes nicht viel. Ehe ich das Zimmer im Wirthshause zu den drei Ankern (welches sonst dem kostspieligeren zum goldenen Adler nachgesetzt wird) bezog, fand ich mich mit dem Wirthe ab. Das Zimmer war geräumig, mit der Aussicht auf einen Bassar, das Bett rein; die Flügelthüren mußten mit einem Vorlegeschloß gesperrt werden.

Mein Paß war von der Polizei in Triest mit nicht mehr Umständlichkeiten nach Alexandrien visirt, als reisete ich von dort nach Venedig, und der Kapitän händigte am Orte der Bestimmung ihn selbst dem österreichischen Konsul ein. An das Reisen nach Egypten binden sich überhaupt keine polizeiliche Schwierigkeiten. Nachdem mein Paß in meinem Kantone ausgefertigt war, wurde er einzig dem österreichischen Gesandten bei der schweizerischen Eidgenossenschaft zum visiren übersandt, weil ich in Europa keinen andern als österreichischen Boden beschreiten wollte. Die Polizei abgerechnet, fiel er hier weder in die Hände eines Konsuls, noch sonst Jemandes. Als ich mich beim österreichischen Konsulate in Alexandrien anmeldete, eröffnete es mir, daß es mir den Paß nach Kairo unterschreiben werde, wenn ich hinauf reisen wolle, und daß ich ihn dann abholen könne. Das Visum erhielt ich „gratis“, und ich mußte nur einem egyptischen Angestellten, welcher sich auf der Konsulatskanzlei befand, für einen Vorweis bei der Douane am Mahmudiehkanale einen oder zwei Piaster, so wie den Douaniers selbst, welche auf eine den Fremden sehr belästigende Weise die Effekten durchsuchen, wiederum einen kleinen Tribut bezahlen. Manche bedecken den Statthalter mit Ruhm wegen seiner Liebe zu den Abendländern, und die gleichen Abendländer dürfen bloß den Fuß auf Egypten setzen, und er benützt, wie es am Tage liegt, jede Gelegenheit, um ihnen das Geld aus der Tasche herauszudrücken. Als Arzt hatte ich nur meine nothwendigsten Effekten mit einer Zugabe weniger Arzneien bei mir, und demungeachtet mußte ich den Inhalt des Felleisens in Alexandrien zweimal untersuchen lassen.

Wer sich mit Empfehlungsschreiben versieht, thut wohl daran. Die meinigen leisteten mir wesentliche Dienste, was ich auch dankbar anerkenne. Ich stellte mir etwas schwer vor, daß ich, als Ankömmling auf Afrika, in Mitte arabischer Zungen mich zurecht finden werde. Mein Erstes war, durch einen Araber geführt, meine Empfehlungsschreiben an einen Schweizer aus Schaffhausen abzugeben. Ich fand ihn -- einen Freund; ich fühlte mich in seiner Nähe so traulich wie zu Hause. Er ertheilte mir zu Allem Anweisungen, deren ich so sehr bedurfte. In der Gesellschaft der Herren +Ott+, +Wehrli+, +Wyß+, Korvettenkapitäns +Baumgartner+, welche Schweizer sind, und des Oberarztes der Marine, ~Dr.~ +Koch+ aus München, hatte ich erfreuliche Gelegenheit, die nöthigen Erkundigungen einzuziehen.

Wenn man einen entferntern Gegenstand besehen will, so bedient man sich am beßten eines Esels. Fiacres gibt es gar nicht und im Ganzen äußerst wenig Gefährte. Man kann aber auch zu Fuß gehen, was ich meistens that, und selten wurde ich von den Eseltreibern bestürmt. Diese fangen eigentlich nur an, in Jemand zu dringen, oder sich in den Weg zu stellen, und ihn so aufzuhalten, wenn sie ihm anmerken, daß er einen Esel sucht. Alsdann ist er augenblicklich von zwölf- bis zwanzigjährigen Leuten umringt, welche, laut lärmend, sich anbieten und so nahe sich andrängen, daß sie Einem die Kleider verunreinigen. Das unverschämte Andrängen war mir immer höchst widerlich, selbst wenn ich dadurch im beengten Raume nicht gehindert worden wäre, den mir beliebigen Esel und Treiber auszuwählen. Man schwingt sich endlich auf ein Thier, bloß um die Stürmer los zu werden; denn sobald man auf dem Esel sitzt, ändert sich die Szene, als wäre ein Licht ausgeblasen, -- gänzliche Stille tritt plötzlich ein. Außer dieser Kriegslist schützt auch noch die Peitsche vor der Unverschämtheit. Einige Male folgten mir Eseltreiber, Esel voran, mit dem ermüdenden: ~Volete un’ buon’ burrico?~ weit nach. Ich kehrte rasch um, und dann wandelte ich wieder vorwärts. Es half wenig. Die Drohung mit der geballten Faust wies zu guter Letze die Meister in der Zudringlichkeit zurecht.

In einem halben Tage kann man das Sehenswürdigste finden. Man reitet zuerst zu den Katakomben, wo Leute aus den arabischen Hütten den Wißbegierigen unter die Erde führen. Von da zu dem Garten +Ibrahim-Paschas+, mit den Blicken über den See Mareotis. Weiter zu der Pompejussäule, zu den Obelisken und zuletzt zum Pharus. Für den Ritt nach den Katakomben, zur Pompejussäule und zu den Nadeln +Kleopatras+ gibt sich der Eseltreiber mit vier Piaster zufrieden. Vielleicht verdienen auch die Ruinen der Athanasiuskirche und der Katharinakirche besehen zu werden.

Die Nilfahrt nach Kairo.

Linkische Lastträger; seichter Kanal; ~licentia poetica~; Kornspeicher; Fruchtbarkeit des Nilthals; possirlicher Hühnerhandel; eine Abendunterhaltung; das Schlachten eines Lammes; Gewandtheit der Barkenknechte; die reisende Familie; Truppe nackter Kinder; Einerlei der Aussicht; Kaffeewinkel; Bewässerung des Landes; seltsame Schiffsladung; Pyramidenanblick; Telegraphen; Bulak; ~hôtel de l’Europe~.

+Freitags den 16. Weinmonat.+

Ich schied von Alexandrien. Aus Rücksicht für die gute Gesellschaft mit einem Dragoman der französischen Regierung und einem jungen, piemontesischen Kaufmanne reisete ich nicht eher ab, wie ich vorhatte, ja ich ließ mich sogar lieber während dieses Tages bis gegen Abend ins Wirthshaus einsperren. Denn da die Cholera immer weiter um sich griff, und der Wirth keine Maßregel dagegen versäumen wollte, so unterstellte er sein ganzes Haus der Quarantäne. Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, ob die neue Ordnung der Dinge, z. B. der Einkauf von Lebensmitteln, das Parlamentiren vom Rastelle aus bei dem Besuche eines Freundes, mich mehr betrübte oder belustigte. Noch wunderlicher kam es mir vor, wie der italienische Wirth mich als Verpesteten behandelte, weil ich über Nacht Brechen und Anderes litt, und eine Zeitlang mich wirklich von der morgenländischen Brechruhr ernsteren Grades befallen glaubte. Die mit Reiswasser gefüllte Flasche übergab der kummervolle Italiener nicht mir unmittelbar, sondern mittelst eines vor meiner Zimmerthüre stehenden Geschirres, in welches die Flasche ging. In das Weise der Menschen flicht sich auch manchmal so viel Thörichtes, daß man oft nicht weiß, wo der Verstand aufhört oder anfängt.

Ich sorgte für einen kleinen Vorrath an Lebensmitteln, auch Holz, und zwar kaufte ich dieses nach dem Gewichte. Die eine Fürsorge ist vergeblich, und nur für Leckergaumen räthlich. Ueberall am Nil bekommt man gutes Brot, Hühner, Eier, auch Reis, und in den meisten Dörfern Milch, Alles in geringem Preise. Einzig Zitronen, Zucker und Rhum mögen nebst Kohlen und einem Kochofen dienen. Ich kann voraussetzen, daß der über Meer Gelangte auch ein Bett mit sich schleppe.

Von zwei Arabern wurde mein Gepäcke aus der Ankertaverne nach dem Mahmudiehkanal getragen, aber täppisch oder träge genug, indem dieselben, im Schweiße gebadet, die Bürde bald los- bald zusammenbanden, jetzt niederlegten, dann aufnahmen. Ich traf eben da meine Reisegefährten. Es sollte mein Gepäcke nur noch unter den bekannten Förmlichkeiten die Zolllinie überschreiten; ich bestieg das Fahrzeug, und wir stießen in den Kanal. Der Wind blies günstig. Bald verschwand die Pompejussäule aus unsern Augen -- und der Tag.

+Den 17.+

Die Ufer des Kanals sind niedrig, oft wüst, genußarm. Der Kanal ist schmal, hie und da seicht, und Manche glauben, daß in kurzer Zeit der immer mehr anwachsende Niederschlag des Nilschlammes ihn unschiffbar machen werde. Dergestalt würde das glänzende Unternehmen +Mehemet-Alis+, den Nil mit der See Alexandriens zu verbinden, in Schatten sinken, nachdem es in aller Welt so hochgepriesen war.