Ludwig Richter. Ein deutscher Maler und Hausfreund. Seine Lebensgeschichte für Jung und Alt erzählt

Part 2

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Sie haben dann auch in Paris noch einige Wochen geweilt. Was für bunte Bilder gab es erst dort zu schauen; was für üppige Lust lockte dort von allen Seiten, manchen unschuldigen Jüngling schon hatte sie in ihren Strudel gezogen. Unser Maler aber war gefeit durch einen Begleiter, den er zwar nicht erwählt, den er sogar gerne weggeschickt hätte, welcher aber Engeldienste versah: das war die Armut; und so kam er unversehrt nach Hause zurück, nach siebenmonatlicher Abwesenheit. Als er in Leipzig seinen ausbedungenen Künstlerlohn in 100 goldenen Dukaten vor sich auf dem Tisch blinken sah, nicht ohne einige freundliche Worte des Fürsten, da dünkte der junge Maler sich so reich wie noch nie, schenkte den Kindern, die im Grünen draußen spielten eben am Johannistage, gleich einige Silbermünzen und jubelte dabei in seinem Herzen: ich bin wieder frei! Die schöne Uhr, die er vom Fürsten erhalten, brachte er dem Vater von der Reise mit. Er selbst war um viele Erfahrungen reicher geworden und seinem Ziele ein gut Stück näher gekommen.

5. Ludwig Richter findet einen Schatz.

Richter konnte fortan sein Brot selbst verdienen. Er machte weitere Zeichnungen für Papa Arnold. Dazwischen brachte er seine ersten Ölbilder auf die Leinwand und studirte was er konnte, um sich fortzubilden. Sein großer Wunsch stand nach Italien, dem Sehnsuchts- und Heimatsland aller Künstler. Dort meinte er, müsse ihm eine große, letzte Förderung erblühen.

Eines Vormittags im schönen Mai des Jahres 1823 trat ganz unerwartet der gute Vater Arnold in das Richtersche Haus. Er rühmte wie hübsch Ludwigs Zeichnungen für sein Buch ausgefallen seien und wie gern dies Buch gekauft werde. Nun müsse aber auch für den Maler etwas rechtes getan werden zur weitern Ausbildung. Er wisse, daß sein Sehnen nach Rom gehe, so solle er nur bald sein Bündel schnüren und ihm die Sorge für das Reisegeld überlassen. Vorderhand wolle er ihm jährlich 400 Taler (M. 1200) auf 3 Jahre aussetzen, damit er ohne Sorgen studiren könne.

Richter wußte nicht wie ihm geschah. Tiefgerührt drückte er seinem Wohltäter beide Hände. Nicht lange danach schnürte er sein Bündel und wanderte südwärts über die Alpen gen Rom, -- Eisenbahnen gabs ja damals noch nicht, und auf Schusters Rappen sieht und lernt ein Künstler mehr als im Eilwagen. Die drei Jahre in der Fremde öffneten unserm Freunde allerdings eine ganz neue Welt und bildeten die eigentliche Hochschule für seinen spätern Beruf. Dazu fand er einen großen Schatz unterwegs, und davon muß ich jetzt noch erzählen.

Auf der Romreise blieb er einige Tage im schönen Salzburg, um Ausflüge zu machen. Allein unfreundliches Wetter verhüllte ihm die Reize des Gebirges und zwang ihn in sein Stüblein. Da saß er nun und ließ den Kopf hängen; in seiner Einsamkeit sehnte er sich um so mehr nach einem treuen Reisegefährten, einem Kunstgenossen womöglich, und hatte doch niemand finden können. Da klopft es an seine Tür, herein tritt ein älterer Mann, sehr sauber, und auf dem wettergebräunten Gesicht standen Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit geschrieben. Er erzählte, er sei Steuermann auf einem holländischen Schiff gewesen und habe Schiffbruch gelitten; nun müsse er über Land sich durchschlagen zu Weib und Kind in Holland. Das sagte er so treuherzig und bescheiden, daß der junge Maler ohne weiteres in die Tasche griff und dem Seemann forthalf. Der dankte freundlich, sah ihn lange an als möchte er dem Geber auch etwas Liebes erzeigen und sagte: »Ich habe einen langen Weg vor mir, aber ich habe einen guten Reisegefährten!« -- »O das ist ja ein Glück«, rief nun der andere lebhaft im Gefühl seiner Entbehrung, »wer ist es denn?« -- »Es ist der liebe Herrgott selber«, erwiederte der Seemann, ein kleines neues Testament aus der Brusttasche ziehend, »und hier habe ich seine Worte; wenn ich mit ihm rede, so antwortet er mir daraus. So wandere ich getrost, lieber junger Herr!«

Merkwürdig, diese Rede des einfachen Mannes traf das Herz des jungen Künstlers wie ein Pfeil und der Stachel davon blieb lange darin stecken. Hatte er doch mit dem lieben Gott bisher noch wenig oder nichts sich zu schaffen gemacht und eine Bibel noch niemals gesehen. Dieser arme Mann aber sprach und sah aus, als kenne er Gott recht wohl, als stehe er im lebendigsten Verkehr mit ihm, daher auch sein getroster Mut. Und er fing an, ihn um seinen Schatz, das Büchlein zu beneiden.

Wenige Tage darauf führte ihn die Reise durch das Zillertal. Von einem Unwetter überfallen, mußte er in einer bescheidenen Dorfschenke Halt machen. Er fragte die Wirtin, ob sie nichts zu lesen habe. Unter den Büchern, die sie ihm in ihrer Schürze bringt, lauter Andachtsbücher, findet er eins, das bei seinem Papa Arnold verlegt war, demselben der ihm das Geld zur Reise gegeben. Das ist ihm wie ein Gruß aus der Heimat; er blättert darin und findet die Abschiedsreden Jesu aus dem Evangelium Johannis. Es war ihm ganz neu, daß man solche längere Reden Jesu besitze. Da vernahm er zum ersten Male die wunderbaren Worte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote. Und ich will den Vater bitten und er soll euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich. Diese Worte ergriffen ihn wie Glockentöne aus dem Walde, wie Klänge aus einer andern Welt. Obwohl er ihren Sinn nicht verstand, hörte er ein leises Echo in seinem Innern und das treuherzige Gesicht des alten Steuermannes tauchte wieder auf vor seiner Seele.

Monate vergingen. Richter schien in Rom am Ziel seiner Wünsche. Natur und Kunst boten im alles, was er für sein Studium brauchte; auch fand er Kunstgenossen und Freunde genug. In der Tat, er war glücklich. Und doch, was war das für ein Heimweh in seiner Brust? Warum überwältigte ihn zuweilen das Gefühl, als ob ihm alles fehle? Und er kam sich vor wie ein einsamer Schiffer, der ohne Steuer und Kompaß von Wind und Wellen getrieben wird, am Himmel Nacht und kein leuchtendes Sternlein. Da fiel im einst ein merkwürdiges Buch in die Hand: Stillings Jugend- und Wanderjahre, darin fesselte ihn ein Wort und traf ihn ins Herz; es lautete: »Wenn der Mensch nicht dahin gelangt, daß er Gott mit einer starken Leidenschaft liebt, so hilft ihn alles nichts, und er kommt nicht weiter.«

Aber wie sollte er zu solcher Liebe gelangen? Diese Frage bewegte ihn unausgesetzt viele Tage lang. Und Gott sandte ihm einen Freund zur Hilfe. Ein junger Maler, Ludwig von Maydell war aus Schweden kürzlich nach Rom gekommen. Richter fühlte sich sogleich wunderbar zu dem schlichten, festen, fleißigen Manne hingezogen. Am Sylvesterabend des Jahres 1824 hatte er ihm versprochen von 10 Uhr ab bei ihm zuzubringen. Zur verabredeten Stunde suchte er ihn auf und findet ihn nicht gleich. Schon lenkt er seine Schritte in die nächste Straße wo viele junge Künstler sich zu einem lustigen Feste versammelt hatten; schon erblickt er die leuchtenden Fenster und hört ihren Gesang, da schaut er nochmals zurück zu den beiden Dachfenstern, hinter denen der ernste Freund wohnte. Ein geheimer Zug des Herzens entschied für diesen. Er versuchts noch einmal, dringt durch das Dunkel der schmalen Gänge und Treppen durch und findet Maydell in der Küche, den Tee bereitend. Lachend über Richters Irrfahrt, führt er ihn in die Stube, wo noch zwei andere junge Maler warteten. Bald saßen die vier bei traulichem Gespräche um den Tisch. Zuletzt um Mitternacht las Maydell auf Bitten der andern den 8. Psalm.

»Wenn ich schau den Himmel, Deiner Finger Werk, Den Mond und die Sterne, die Du bereitet, -- Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, Und das Menschenkind, daß Du Dich sein annimmst?«

Aus den einfachen warmen Worten, die die Freunde daran schlossen, merkte Richter, daß sie hatten, was ihm noch fehlte: Der Glaube an Gott und Christum war der Mittelpunkt ihres Lebens und Strebens. Stillbewegt hörte er zu. In dieser Nacht ging eine große Umwandlung mit ihm vor. Als die Freunde zum Schluß den alten schönen Choral anstimmten: Nun danket alle Gott -- da konnte auch unser Ludwig Richter freudigen Herzens mitsingen. Und als am Neujahrsmorgen die Sonne ihre ersten Strahlen in Richters Kämmerlein sandte und der Ton des Morgenglöckleins vom benachbarten Kirchlein in sein Fenster drang -- erwachte er aus tiefem Schlafe mit dem Gefühl eines unaussprechlichen Glückes, das ihm zu Teil geworden, Friede und Freude erfüllte sein Herz, er fühlte sich wie neugeboren und es war ihm als müsse er die ganze Welt an sein Herz drücken. Wie ein Blitz durchdrang ihn das Bewußtsein: »ich habe Gott, ich habe meinen Heiland gefunden, nun ist alles gut, nun ist mir ewig wohl.«

Es läßt sich denken, daß er von da an mit Maydell durch innigste Freundschaft verbunden blieb bis an sein Ende. Zeitlebens hat er Gott gedankt für den Schatz, den er damals bei jenem Freunde gefunden. Im Alter schrieb er einmal am Sylvesterabend in sein Tagebuch: Heut um die Mitternacht wird es fünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert, daß ich in Rom mit Maydell beisammen war und mir in der Finsternis, die mich mit Bangen erfüllte, ein helles Licht ausging. In jener Nacht fand ich den Weg zu Gott und zu unserm Herrn Jesu Christo.

So ists gekommen, daß Richter später nicht blos ein großer Maler, sondern auch ein frommer Maler ward.

6. Auf der Höhe des Lebens.

In Rom malte Richter sein erstes großes Ölgemälde und sandte es seinem Wohltäter, dem Vater Arnold, zum Dankgeschenk. Ein zweites Bild das er nach Dresden schickte, wurde von der dortigen Kunstakademie sehr ehrenvoll aufgenommen und belohnt. Richter war ein großer Künstler geworden. Am 1. April 1827 trat er den Heimweg wieder an. Sein treuer Freund in Rom, der evangelische Gesandtschaftsprediger Rothe, machte ihm ein eigentümliches Geschenk zum Abschied, das von liebevoller Fürsorge zeugte. Er bescheerte ihm nämlich ein -- feines schwarzes Hündlein, das ihm als Reisegefährte dienen sollte. Gar treuherzig sah der kleine Spitz bei der Vorstellung zu seinem neuen Herrn auf, setzte sich auf die Hinterpfoten und streckte süßsauer lächelnd die Zunge heraus. Piccinino hieß das Hündchen, wurde aber im deutschen Land später einfach Pitsch gerufen. Es sollte dem fußreisenden Künstler, dem eifrigen Läufer als Hemmschuh dienen, damit er sich nicht wieder wie auf der Herreise durch Gewaltmärsche krank mache; der Freund wußte, daß der warmherzige Richter dem Tierchen keine Strapazen zumuten werde.

Was für eine Freude, als der Sohn endlich wieder im Elternhause in Dresden anlangte. »Sieh da, Ludwig der Römer! Nun schön willkommen!« so rief ihm der Vater entgegen. Ludwig mußte aber jetzt auf eigenen Füßen stehen. Er mietete eine kleine Wohnung für sich und nun gings an ein fröhliches Schaffen.

Noch im selben Jahre feierte unser Maler seine Hochzeit mit Gustchen -- Auguste -- Freudenberg von Dresden, die er schon lange geliebt. 27 Jahr lang war er mit ihr aufs innigste verbunden, ein reiches, schönes Familienleben wurde ihnen bescheert.

Kaum hatte Richter seinen Hausstand begründet, so erhielt er einen Ruf als Lehrer an die Zeichenschule in Meißen mit einem Jahresgehalt von M. 600. -- Das war freilich zum Leben viel zu wenig, aber es war doch etwas sicheres, und das ist für einen angehenden Künstler viel wert. Daneben hoffte er durch Verkauf von Bildern das Nötige zu verdienen. So zog er freudig in das schöne Meißen, dessen malerische Lage im Elbtal, 5 Stunden nördlich von Dresden ihn längst entzückt hatte. Die Zeichenschule befand sich auf der das Städtchen hoch überragenden Albrechtsburg, einem in gotischen Stil kunstreich erbauten Schlosse; auf hoher Wendeltreppe stieg man zu den herrlichen Räumen der Kunstschule hinan, wo die Plätze der jungen Zeichner sich wie »Sperlingsnester am Hochaltar« ausnahmen und den weitesten Ausblick auf Stadt und Strom boten. Richter selbst wohnte in einem altertümlichen hohen Haus gegenüber; und das trauliche Heim belebte sich bald auch durch Kinderstimmen. Das älteste Töchterlein Marie wurde geboren, als gerade vom Turm der Choral geblasen wurde: Nun danket alle Gott. Danach folgten Heinemännel (Heinrich) und Aimée. Wie manchmal hat des Vaters Stift der Kinder frohes Spiel und der Mutter treue Fürsorge gezeichnet; und das gelang ihm noch viel besser als Landschaften zu malen. Er merkte, daß die Darstellung deutschen Familien- und Volkslebens sein eigentliches Gebiet sei. So entstanden in Meißen die ersten der sinnigen herzerfreuenden Bilder, die Richter zum Liebling des deutschen Volkes und besonders der Kinder gemacht haben. An langen Winterabenden saß der Maler oft mit den Kindlein am Ofen, erzählte Geschichten und zeigte Bilder. Zuletzt greift er auf ihr Verlangen und Betteln zum Stift und zeichnet vor ihren Augen die Erlebnisse des Tages, macht auch wohl noch lustige Verslein dazu, die sich den Kindern wie von selbst einprägen. Wie jauchzten die Kleinen, wenn sie unter des Vaters Händen die Gestalten gleichsam hervorwachsen sahen, wenn sie forschten und errieten, was für ein Bild sich wohl aus den einzelnen Linien entwickeln werde. In Erinnerung an diese schönen Abendstunden und an die Freude seiner eigenen Kinder hat Richter später seine Bilderbücher »Fürs Haus« herausgegeben -- vielleicht das Beste was er dem deutschen Hause geboten hat.

Manche Sorgen und Krankheit der geliebten Frau trübten die Meißner Zeit für unsern Künstler; er hat sie scherzend die sieben magern Jahre Pharaos genannt, weils oft knapp herging in seinem Haushalte. Aber sein lebendiges Gottvertrauen und froher Mut hielten ihn aufrecht -- und zur rechten Zeit wurde er nach Auflösung der Meißner Zeichenschule 1835 als Akademielehrer nach Dresden berufen an des pensionirten Vaters Stelle. So durfte Richter von schwerer Last befreit, wieder in seine geliebte Vaterstadt zurückkehren, und neue Schaffenslust entfalten. 1841 erhielt er den Professorentitel. Auch wurden ihm noch zwei herzige Töchterlein, Helene und Lieschen bescheert. Warme Liebe umgab ihn zu Hause; seine Schüler hingen voll Verehrung an ihm; seine Kunst brachte ihm mehr und mehr Gunst und Erfolg, er war ein glücklicher Mann und hatte die Höhe des Lebens gewonnen.

Von allen Seiten bekam er Aufträge und sein Stift konnte zeitweise den vielen Wünschen und Bestellungen nicht nachkommen. Viele der Zeichnungen hat seine Tochter Aimée in Holz geschnitten sowie deren Mann, der treffliche August Gaber.

Wäre Richter, wie er ursprünglich sich wünschte, ein Landschaftsmaler geworden und geblieben, so hätte er für reiche Leute, hohe Herren und für Gemäldegalerien Bilder geliefert, und hätte dort für seine Kunstwerke gewiß Anerkennung und Bewunderung gefunden -- dem Volke aber, dem einfachen Manne und der Kinderwelt wäre er unbekannt geblieben. Durch die Holzschnitte jedoch, mit denen er die verschiedensten Volks- und Jugendbücher illustrierte, ist er ein rechter Hausfreund geworden. Gott hat ihm eine wunderbare Gabe verliehen, anschaulich, verständlich und dabei mit viel Humor und Liebenswürdigkeit das tägliche Tun und Treiben der Menschen in Haus und Hof, in Feld und Wald, in Lust und Leid, darzustellen, als einer der alles selber erlebt und empfunden hat.

Von Trauer ist sein schönes Familienleben nicht verschont geblieben. Unter den blühenden Rosen des reizend gelegenen Gartenhauses am Haldenschlag erkrankte die älteste Tochter Marie und entschlief nach heißem Kampf, erst achtzehnjährig. Aus jenem großen Leid stammen Richters ergreifende Zeichnungen zu den Liedern: »Es ist bestimmt in Gottes Rat«, und »Es ist ein Schnitter der heißt Tod«, sowie von dem Nachtwächter am offenen Grabe, mit dem bedeutsamen Worte »Marie« auf dem Grabkreuz daneben.

Noch schwerer war der Schlag, der Richter im Sommer 1854 traf, da ihm ganz plötzlich seine treue Hausfrau von der Seite gerissen wurde.

Seine eigenen Kräfte hatten schon begonnen abzunehmen infolge Überanstrengung in Dresden. Im nahen Loschwitz an der Elbe hatte er sich ein hübsch an den Bergeshang gelehntes Bauernhaus gekauft, wo er stillen Sommeraufenthalt mit den Seinen liebte. Im Jahre 1874 erschien sein letztes Werk. Ein einzelnes Blatt aus dem gleichen Jahr trägt seine eigenhändige Unterschrift: Meine letzte Zeichnung L. Richter. Ein Augenleiden, infolge der feinen Zeichen- und Radierarbeiten, hatte dem fleißigen Künstler Halt geboten.

Er benutzte die Muße, um seine Jugenderinnerungen aufzuschreiben. Er hat sie zum Teil seinem Sohne Heinrich diktiert und es ist ein herrliches Buch daraus geworden, das Jedermann nur mit Genuß lesen kann. Als Richter seines Augenlichts zuletzt ganz beraubt war, wurde er von seinen Freunden vielfach bemitleidet. So meinte einmal einer von ihnen, als der Meister im Garten auf und ab ging: ob es ihm, der so viel Sinn für die Herrlichkeit Gottes in seinen Werken gehabt habe, nicht recht schwer sei alle die Blumenpracht jetzt nicht mehr bewundern zu können? »O«, sagte der edle Mann lächelnd, »wenn ich mich so in der schönen Natur ergehe, finde ich gar mancherlei blühende Blumen. Ich überdenke da mein langes Leben und pflücke in so viel herrlichen Erfahrungen ein Blümlein ums andere, bis es am Ende ein großer Strauß wird von lauter Gnadenerweisungen meines Gottes und Heilandes, -- an dem sich mein inneres Auge nicht satt sehen kann.«

An mancherlei Ehrungen hat es dem großen Künstler nicht gefehlt. Der alte Kaiser Wilhelm I. setzte ihm 1876 einen Ehrensold aus von jährlich Mk. 3000. Die Stadt Dresden ernannte ihn zum Ehrenbürger. Am 80. Geburtstag wurden ihm zahllose Liebes- und Ehrenbezeugungen von allen Seiten, darunter auch ein glänzender Ordensstern von seinem sächsischen Landesherrn, zu Teil.

Er blieb der schlichte bescheidene Mann, der er immer gewesen. Bevor er sich früh an den Arbeitstisch setzte, las er den Seinen den Morgensegen. Ein bequemer brauner Hauspelz war sein täglich Kleid. Enkel und Urenkel hat er gesehen und fröhlich mit ihnen gescherzt. Am 19. Juni 1884 beschloß er sein reiches gesegnetes Leben in seiner Vaterstadt Dresden. Sie hat ihn im Denkmal verewigt auf der berühmten Brühlschen Terrasse, freundlichen, sinnenden Blickes schaut der Meister in die Ferne, das Skizzenbuch bereit auf seinem Schoß; um den Sockel aber spielen Eidechse und Farrenkraut. Er selbst hat gern unter sein Bild, unter den gütigen, geist- und gemütvollen, von weißem Haar umwallten Kopf, die Worte gesetzt:

»Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's was wir uns von Gott erbitten sollten.«

Und wir setzen dazu:

»Selig sind die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.«

Anmerkungen zur Transkription

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