Part 6
Aus dem Buch „Die Schwarze Tante“, Märchen und Geschichten für Kinder (von Frau Professor Fechner in Leipzig), mit vierundvierzig der liebenswürdigsten Illustrationen, erschienen 1848 bei Georg Wigand, sind zwei Bilder zum „Himmelsmütterlein“ besonders reizvoll. Die sterbende Mutter nimmt Abschied von ihrem Töchterchen und ermahnt es, brav zu bleiben (Abb. 66), und weiter der Traum des Kindes (Abb. 67): das verstorbene Mütterlein erscheint dem in der dunklen Kammer eingesperrten Kinde, nimmt es zu sich auf den Schoß und erzählt ihm vom himmlischen Paradies. -- 1849 bis 1860 folgen die Illustrationen zur „Spinnstube“ und zu „Gesammelte Erzählungen“, ferner zu „Des alten Schmiedjakob Geschichten“ und zu den „Rheinischen Dorfgeschichten“, sämtlich herausgegeben von W. O. von Horn; im ganzen fünfhundertvierundsiebzig Zeichnungen. 1873 erschien der weitaus größte Teil derselben in einer Separatausgabe bei Sauerländer in Frankfurt am Main. Die Verlagshandlung hatte Richter alle Holzschnitte vorher zur Durchsicht eingesendet, der Meister zog mich zur Auswahl zu; für manches dieser köstlichen Blätter mußte ich eifrigst eintreten, um es der geplanten Ausgabe zu erhalten, und so haben denn schließlich vierhundertfünfzig Blatt die Revue passiert. Die Verlagshandlung berichtet bei dieser Ausgabe, daß Richter sich zu dem echt volkstümlichen, gemütreichen Ton der Hornschen Erzählungen so hingezogen fühlte, daß er sich bereits 1847 um deren Illustrierung selbst bewarb und mit ganzer Hingebung über ein Jahrzehnt dafür wirkte. Sein 1859 eingetretenes Augenleiden zwang ihn, die ihm lieb gewordene Arbeit aufzugeben. In der Vorrede schreibt Dr. Weißmann am 28. August 1873: „Wenn einer der Volksschriftsteller unserer Tage würdig gewesen, von Ludwig Richter illustriert zu werden, so ist es Horn. Hat doch kein Künstler das deutsche Volk in seiner Erscheinung verstanden und sein ganzes Gebaren in Leid und Freud, in ruhigem Behagen, wie in leidenschaftlicher Erregtheit, in der naiven Lust der Kindheit, in der herzigen Verschämtheit und Unbeholfenheit der Jugend, wie in der steifen Selbständigkeit und in der ehrwürdigen Entsagung des Alters dem Auge darzustellen gewußt, wie Ludwig Richter. ‚Traulich mit dem Volke verkehren,‘ sagt Horn an einer Stelle, ‚bringt reichen Lohn. O wieviel Tüchtiges und Treffliches umschließt das tiefe Gemüt des Volkes! Wieviel Poesie liegt da verborgen!‘ Das hat auch Richter erkannt, und wenn er vielleicht auch nicht in dem Maße, wie durch seinen Seelsorgerberuf der Dichter, eindringen konnte in das innere Leben, sein treues Auge und sein liebevolles Herz hat ihn nicht minder vertraut gemacht mit dem Volke.“ Von den uns zur Verfügung stehenden Handzeichnungen zu dieser Publikation bringen wir die Blätter Abb. 68 bis 76. Die beiden Zeichnungen zu der Geschichte „Jörjakob“, gezeichnet um 1860, sind von seltener Schärfe der Charakteristik und erschütternd im Ausdruck. Der Knabe am Bett der sterbenden Mutter, seine Hand auf die ihrige legend, lauscht schmerzbewegt ihren letzten Segensworten (Abb. 74). Und weiter dann die Frau und die Kinder am Bett des verstorbenen Mannes und Vaters (Abb. 75)! Der letzte Atemzug ist getan, die Seele aus dem Körper geschieden. Wie ist das Weib groß und echt und wahr gezeichnet, wie sie laut schluchzend, mit beiden Händen die Schürze vors Gesicht hält, und die Kinder, wie sie in ihrem Schmerze an der entseelten Hülle ihres geliebten Vaters knieen. Das Kleinste steht so unbeholfen und erstaunt neben der Mutter, wie Schutz suchend, das kleine Wesen begreift noch gar nicht, was vorgegangen ist. Dieses Blatt hat etwas von der Größe und Wucht und Charakteristik Rethelscher Art. Das prächtige, höchst geistreich leicht gefärbte Blatt „Unterredung“ (Abb. 77) ist möglicherweise eine Vorarbeit zu „Eine Geschichte, wie sie leider oft passiert“ aus den Spinnstubengeschichten von 1851.
1849 erscheinen „Musenklänge für Deutschlands Leierkasten“ mit vierundzwanzig Zeichnungen von kernigem, fast derbem Humor -- und weiter die hochkomischen, gesund und kraftvoll charakterisierten Gestalten der „Sieben Schwaben“.
Um 1850 folgen unter anderm die drei schönen Radierungen zu „Deutsche Dichtungen mit Randzeichnungen deutscher Künstler“ (Düsseldorf, Buddens), „Frühlingslied des Recensenten,“ das letzte von den bekannten Frühlingsliedern Uhlands, dessen letzte Strophe lautet:
„Daß es keinen überrasche, Mich im grünen Feld zu sehen! Nicht verschmäh’ ich auszugehen, Kleistens Frühling in der Tasche“
(Abb. 78). Junge schmucke Mädchen schöpfen Wasser am Brunnen unter blühenden Fliederbüschen, aus jung belaubten Buchenmassen heraus tritt der Recensent: „Störche kommen und Schwalben“, drohend hebt er den Finger: „Nicht zu frühe, nicht zu frühe!“ Weiter folgt das „Schlaflied“ von Tieck. Unter schattigem Busch, vom Wandern ermüdet, schlafen ein Mann und eine schlanke junge Frau; aus dem im Mittagssonnenschein träumenden Walde ziehen Rehe zum Quell in moosigem Gestein. -- Das dritte Blatt behandelt auch ein Gedicht von Tieck aus dessen „Verkehrter Welt“ (Abb. 79). Am Waldesrand am Fuße einer mächtigen alten Buche sitzt eine Hirtenfamilie, ein junger Hirt bläst auf einer Schalmei, in den dichten Wald fallen einzelne Sonnenlichter. Diese Radierungen sind von großer Gewandtheit in der Nadelführung und besonders das letzte Blatt kraftvoll und energisch in der Wirkung. Unsere Abbildungen sind nach Probedrucken aufgenommen.
1850 folgen zwei Holzschnitte für die Bibel von Cotta, zu der auch Rethel so hervorragende Zeichnungen lieferte; die letzteren sind leider in der neuen Ausgabe weggelassen worden. Diese Rethelschen Blätter gehören zu dem Bedeutendsten, was auf diesem Gebiete geschaffen worden. Solche kernige Bibelbilder dürften unter keinen Umständen dem deutschen Volk, schon aus erzieherischen Rücksichten, vorenthalten werden.
Hieran reihen sich 1850-1854 vierzehn Zeichnungen zu Shakespeares dramatischen Werken, bei Duncker erschienen, und das „Märchenbuch für Kinder“ von Ferdinand Schmidt (Otto Wigand), mit sechs sehr anmutigen Bildern.
1850-1854 erscheinen: „Was bringt die Botenfrau“ und „Nach Belieben, Kraut und Rüben“, „An der Krippe zu Bethlehem“, „Knecht Ruprecht“, „Die Familienlieder“, „Kreuz und Grab des Erlösers“ u. a. von J. T. Löschke, mit zusammen hundertundsechzig Holzschnitten. Die mit R. Heinrich bezeichneten Lieder in „Familienlieder“ sind von des Meisters Sohn in jungen Jahren in Musik gesetzt. Aus der „Botenfrau“ folgen die Abbildungen 80 und 81.
1851 erschienen C. Andersens Märchen mit sechzehn Zeichnungen, von denen wir Abb. 82 bringen, und Hebels alemannische Gedichte, ins Hochdeutsche übertragen von R. Reinick, mit fünfundneunzig Zeichnungen. Letztere zählen zu den hervorragendsten Illustrationen des Meisters. Wir geben davon die Abbildungen 83-90. Die ersten vier sind zu der Geschichte „Der Karfunkel“. Abb. 90 „Der Sperling am Fenster“ ist von des Meisters Tochter Aimée geschnitten.
Zu „Der arme Mann im Toggenburg“, herausgegeben von E. Bülow, ist das reizende Titelblatt, Abb. 91. Wir fügen hier eine leichte Porträtzeichnnng nach Richter von Eduard Bendemann aus dieser Zeit ein (Abb. 92).
1853 folgt „Bechsteins Märchenbuch“ (bei Georg Wigand), mit einhunderteinundsiebzig Bildern, die in Deutschland die freudigste Aufnahme gefunden und noch heute alles überstrahlen, was nach dieser Seite hin geschaffen wurde. Zu bedauern ist, daß die unvergänglichen, durch die Brüder Grimm gesammelten Märchen unserem Richter nicht zum Illustrieren übergeben wurden; das wäre ein Werk geworden, wie kaum ein zweites in Deutschland. Wie mag es gekommen sein, daß sich die Fäden dazu nicht knüpfen ließen? Wir geben aus Bechsteins Buche eine farbige Vervielfältigung nach einer Originalzeichnung „Dornröschen bei der Alten im Turmstübchen“ (Abb. 93). Wer Handzeichnungen von Richter gesehen, wird sich durch die liebenswürdige Art des Vortrages gewiß angezogen fühlen. „Nie ein Strich zuviel, nie einer zu wenig. Das ist die echte Bescheidenheit in der Kunst“, sagt Otto Ludwig, der Dichter des „Erbförsters“. Einfach, schlicht ist seine Zeichnung, aber geistvoll und lebendig. Er liebt es, seine Zeichnungen mit leichten Tönungen zu versehen, und versteht mit knappen Farbenandeutungen ein reizvolles und voll befriedigendes Bild hervorzuzaubern. Oft unterstützt er die leichten Farbentönungen mit wenigen Federstrichen. Weiter folgt die Hirtenszene zu dem Schluß des reizenden Märchens: „Der Müller und die Nixe.“ Auf einsamer Bergeshöhe über dem stillen Wald beim aufgehenden Vollmond sitzen Hirt und Hirtin; der Hirt bläst die Flöte, die Hirtin lauscht den Tönen und gedenkt jenes Abends, an dem sie am Weiher beim Vollmond auf der goldenen Flöte geblasen und -- die verzauberten jungen Jägersleute erkennen sich wieder (Abb. 94). Sehr anmutig ist die Knabenfigur „Goldener“, wie schauen seine Augen so träumerisch unter dem lichten Haar hervor (Abb. 95)! Voll köstlichen, liebenswürdigen Humors ist der Holzschnitt „Der kleine Däumling kehrt mit seinen Brüdern ins Elternhaus zurück“ (Abb. 96). Das die Tür mit Blumengewinden schmückende anmutige Mägdlein ist zum „Mann ohne Herz“, unsere Abbildung 97 eine spätere Wiederholung „Zum Geburtstag“ in „Altes und Neues“. -- In den beiden Blättern „Rotkäppchen im Walde, Blumen pflückend“ (Abb. 98), und „Hänsel und Gretel“ (Abb. 99) zeigt er seine Meisterschaft im Zeichnen mit der Feder.
Im November 1853 wurden Richter und sein Freund J. Schnorr zu Ehrenmitgliedern der Münchener Akademie ernannt; er schreibt darüber, wie es ihm eine ganz besondere Freude mache, daß solche Ehrung ihm gerade von München zuteil wird. In demselben Jahre zeichnet er für seinen Sohn Heinrich, der in Leipzig Musik studierte und bei Georg Wigand wohnte, aus Scherz eine Musikkapelle, einen Kapellmeister und zwölf Musikanten, stark aufgetragene, tolle Gestalten; Wigand ließ diese Blätter, als er sie zu Gesicht bekam, ohne weiteres in Holz schneiden. Diese Gestalten tauchen in seiner Erinnerung 1868 (Abb. 170) wieder auf.
1854 wurde die „Christnacht“ (Abb. 100) als Vereinsblatt des sächsischen Kunstvereins beendet. Eine köstliche Radierung, die größte, die aus Richters Hand hervorgegangen! In dieser poetischen Komposition klingt der ganze geheimnisvolle Zauber der deutschen Weihnacht wieder. Hoheitsvoll und lieblich und rein, wie Engel von Fiesole, obwohl etwas vollblütiger als die des liebenswürdigen Fra Angelico, schweben zwei größere Engelgestalten in reicher fliegender Gewandung, den brennenden Christbaum in stiller, dunkler Sternennacht zur Erde bringend. Unter den Zweigen des Baumes, in einem von Fruchtgewinden umschlossenen, von lieblichen kleinen Engeln getragenen Körbchen, auf weißem Linnen liegt das Christkind -- eins der Englein schüttet als „Knecht Ruprecht“ seine Gaben herab. Unten in der Stadt weihnachtlich erleuchtete Fenster, der Pfarrer schreitet hinab zur Kirche zur Weihnachtsandacht, vom Turm ertönt Gellerts Lied. „Dies ist der Tag, den Gott gemacht, sein werd’ in aller Welt gedacht.“ -- Um zu erkennen, wie gesund Richter empfindet und darstellt, vergleiche man mit seiner „Christnacht“ den Christbaum des Düsseldorfer Künstlers Theodor Mintrop; hier sehen wir ein ganzes Aufgebot von Engeln, eine ganze „Konzertkapelle“, eine Reihe von Engeln verteilt Spielwaren an Kinder, eine andere Reihe ist sogar mit der Anfertigung der Spielwaren beschäftigt! Wie weiß unser Meister dagegen mit sicherem Blick in seiner Darstellung das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden und Maß zu halten!
Das lange und angestrengte Arbeiten an dieser so vollendet ausgeführten Kupferplatte griff des Meisters Augen sehr an, von dieser Zeit datiert sein Augenleiden.
1851-1855 erschien bei Georg Wigand in Lieferungen „Beschauliches und Erbauliches“ mit achtunddreißig Zeichnungen. Wir nennen daraus die herrlichen Blätter „Lob des Weibes“, „Aller Augen warten auf dich“, die überaus humoristischen Darstellungen vom „Tischlein deck’ dich, Esel streck’ dich, Knüppel aus dem Sack“; von letzterem ist das Schlußbild (Abb. 102). „Ehre sei Gott in der Höhe“ (Abb. 101) ist eine Erinnerung an die Meißener Zeit, wie Abb. 100; am Weihnachtsabend singen Kinder vom hohen Stadtkirchturm herab Weihnachtslieder in die dunkle Nacht hinaus. Wie mag unser Richter mit seinem „Gustchen“ am offenen Fenster oben am Afraberg dem lieblichen Gesange gelauscht und an dem Lichterschimmer auf dem Turme sich erfreut haben! -- „Was ihr getan habt dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan“ (Abb. 103). Eine Mutter mit ihrem Töchterchen besuchen eine arme, kranke Frau. Liebreizend ist die Kindergruppe, das Mädchen, welches dem Kinde die mitgebrachten Kleider anziehen will und das staunende Kind. Lustig und heiter ist das Bild „Der Schäfer putzte sich zum Tanz“ (Abb. 105). Anmutig tanzt die schmucke Maid mit ihrem Liebsten, mit einem Jauchzer hebt der zweite Bursch seine Tänzerin in die Höhe, der dritte kommt singend mit seinem Mädel und mit seinem Maßel; der kennt den Spruch: „Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ Anmutig ist das Blatt „Kinderlust“, von dem wir eine farbige Reproduktion geben (Abb. 104). „Ich habe mein Feinsliebchen so lange nicht gesehen“, höchst behaglich und lauschig mutet das Plätzchen an dem gotischen Türchen der Mühle an, wo die schämige Müllersmaid dem schmucken Jäger die Hand reicht. Er streicht mit seiner Rechten über ihr blondes, welliges Haar. Jägers Teckel sitzt etwas abgewendet blinzelnden Auges da, ihn geht’s halt nix an. Die Müllersfrau oben am Fensterchen hebt wie drohend den Finger, es scheint aber so ernst nicht gemeint, sie hat doch ihres Mädels Schatz gern (Abb. 106). Die Darbietungen Richterscher Muse in dieser Heftform, mit „Beschauliches und Erbauliches“ beginnend, halte ich, so groß und hochbedeutend auch sonst seine Tätigkeit als Illustrator ist, und in der er wohl noch unübertroffen dasteht, für seine größten Leistungen; er hat hierin so recht eigentlich für die weitesten Kreise des deutschen Volkes gewirkt, hier wirklich Nationales geschaffen und Samen ausgestreut, der gewiß tausendfältige Frucht getragen und noch tragen wird in der deutschen Familie, im deutschen Hause. Das Erscheinen dieses Heftes bezeichnet wieder einen Wendepunkt in seiner Künstlerlaufbahn. Er seufzt über das Hetzen und Jagen der Verleger beim Illustrieren und freut sich, daß er seine Stoffe jetzt sich selbst wählen und freier arbeiten und gestalten kann. Er tritt auf die höchste Stufe seiner künstlerischen Tätigkeit, reicht seinem Volk die schönsten Blüten seiner Muse. Die Zeit von 1848 bis 1859 ist als des Künstlers eigentlicher Höhepunkt zu betrachten.
1849-1851 lieferte Richter für Georg Scherers „Alte und neue Kinderlieder“ zehn Radierungen auf Zink und eine auf Kupfer („Der Schnitzelmann von Nürnberg“), die in späteren Auflagen, 1863 und 1873, weil ausgedruckt, durch Holzschnitte ersetzt wurden; weiter zeichnet er 1854-1875 zu Scherers „Deutschen Volksliedern“ (späterer Titel: „Die schönsten deutschen Volkslieder mit ihren eigentümlichen Singweisen“) dreißig Blätter für Holzschnitt. Zu der 1855 bis 1858 erscheinenden „Deutschen Geschichte in Bildern von ~Dr.~ F. Bülau“ (Dresden bei Meinhold und Söhne) zeichnet Richter drei Blätter, von denen wir in Abb. 107 einen Entwurf zu „Otto I. an der Nordsee“ geben. 1853 zum 14. November zeichnet er sein erstes Enkelchen (Abb. 108) dem Schwiegersohn Gaber und schreibt darunter das Verschen:
Das Margaretli bin ich genannt, noch winzig klein, wie euch bekannt, werd ich erst ein groß Jungferli sein, wird mich Großpapa wohl besser konterfein.
1857 skizziert er dasselbe Enkelchen, das, wie es scheint, keine rechte Lust zum Sitzen hat, noch einmal (Abb. 109); sein Wort hat aber der Meister nicht gehalten. Wohl versuchte er um 1870, die inzwischen zum Jungfräulein herangereifte Enkelin wieder zu zeichnen, aber seine Augen versagten, und es blieb bei einem Versuch.
1853-1856 zeichnet er vierzig Blatt zum Goethe-Album. Für Goethe hatte er stets eine besondere Vorliebe, er hat ihn frühzeitig schätzen und verstehen gelernt; er reiste selten, ohne einen Band Goethe „mit im Täschel“ zu haben. Die Bilder zum Goethe-Album sind alle unvergleichlich schön, und man weiß eigentlich nicht, wo anfangen, um zu schildern. Wie poetisch ist das Plätzchen, wo’s Liebchen sitzt, in dem Bilde „Ist sie das?“ Und weiter Schäfers Klagelied: „Da droben auf jenem Berge“ und Jägers Abendlied: „Im Felde schleich’ ich still und wild“, das Frühlingsorakel: „Du prophetischer Vogel du“ und der Schatzgräber: „Holde Augen sah ich blinken“ (Abb. 110). Die Spinnerin: „Als ich still und ruhig spann“ und Edelknabe und die Müllerin: „Wohin, wohin? schöne Müllerin?“ und „Junggesell und der Mühlbach“: „Wo willst du, klares Bächlein, hin so munter?“ Und weiter „Der Müllerin Verrat“,
„Da drang ein Dutzend Anverwandten herein, ein wahrer Menschenstrom, da kamen Vettern, guckten Tanten, es kam ein Bruder und ein Ohm“,
und dann „Der Müllerin Reue“. Wie muten uns diese Bilder so wohltuend an! Zu den hervorragendsten dieser Bilder gehören die Zeichnungen zu „Hermann und Dorothea“, von denen wir Abb. 111 bringen: „Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg über das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend.“ Es atmet dieses Blatt die friedliche Stille und Behaglichkeit der kleinen Stadt! Trefflich sind die Bilder zu „Götz von Berlichingen“: „Schreiben ist ein geschäftiger Müßiggang“ (Abb. 112) und „Es war einmal“ (Abb. 113). Wie lauschig ist das behagliche Turmstübchen, und von welcher Anmut das Figürchen der Maria! Wie ist das alles deutsch gedacht und empfunden!
1855 erscheint, von seinem Schwiegersohn A. Gaber herausgegeben, „Die Christenfreude“, eine Sammlung von geistlichen Liedern mit einundvierzig Bildern von Richter, die übrigen sind von Jul. Schnorr und Carl Andreä. Der Tod seiner Frau -- sie starb 1854 -- lastete schwer auf ihm, es weht uns ein schwermütiger Ton aus diesen Bildern entgegen; innere Anfechtung wechselte in ihm mit gläubigster Christenhoffnung. Die Liedertexte wählte er selbst, sie sind von tiefer Glaubensfreudigkeit durchdrungen; dem Maler merkt man die niedergedrückte Stimmung seiner Seele an: „Es fehlt mir immer etwas, und ich sehe mich manchmal um, als müßte es von außen kommen, was die schmerzhafte Lücke im Herzen gemacht hat, und sie wieder heilen; aber dann besinne ich mich, und der Loschwitzer Friedhof und der noch kahle Sandhügel steht mir vor Augen. Und da heißt es ‚Glauben‘. Sichtbar ist der Tod, unsichtbar das Leben geworden,“ so schreibt er am 4. November, an welchem Tage vor siebenundzwanzig Jahren er seine Auguste zum Altar führte. Sich selbst zeichnet er in dem Bildchen (Abb. 114) zu dem melancholischen Herbstlied von Heinrich Albert:
„Der rauhe Herbst kommt wieder: Jetzt stimm’ ich meine Lieder In ihren Trauerton, Die Sommerlust vergehet, Nichts in der Welt bestehet: Der Mensch muß endlich selbst davon.“
Auf dem kleinen Friedhof sitzt der tief gebeugte Meister am Grabhügel seiner Frau. Der Wind weht die letzten Blätter von den Bäumen, am Himmel steht die feine Sichel des zunehmenden Mondes, ein langer Zug von Wandervögeln strebt nach dem Süden, Herbstzeitlosen sprossen im Grase. Das Bildchen ist mit so wenig Strichen, so schlicht und einfach gezeichnet, und wie berührt es uns innerlichst, wie mitempfindet man des Meisters wehmütige Stimmung. Es ist tiefpoetischer Volksliederton, der uns auch hier wie so oft aus seinen Schöpfungen so wohltuend und sympathisch entgegenklingt.
Voller Innigkeit und edler Anmut sind auch die übrigen Bilder, von denen wir zwei in Nachbildungen nach Handzeichnungen bringen: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ (Abb. 115); hier zeichnet der Meister sich wieder selbst im Kreise der Seinen bei der Hausandacht, und zu Paul Flemmings herrlichem Liede: „Ein getreues Herz zu wissen, hat des höchsten Schatzes Preis“; die Abb. 116 ist nach einer späten Wiederholung aus „Altes und Neues“. Weiter folgen die Holzschnitte zu Matthias Claudius’ Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ (Abb. 117), zu: „Jesu, komm doch selbst zu mir“ (Abb. 118), zu: „Es kostet viel, ein Christ zu sein“ (Abb. 119) und zu: „Müde bin ich, geh zur Ruh’“ (Abb. 120). Zur „Christenfreude“ zeichnete auch Julius Schnorr die schöne Komposition für das Lied: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt!“ Unser Meister erzählte oft, wie Schnorr in Rom in der Kapelle der preußischen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol, damals der einzigen protestantischen Kirche in der Tiberstadt, mit anderen jungen Künstlern als Kirchensänger bei den Gottesdiensten mitgewirkt und als Vorsänger gerade dieses Lied mit so ergreifender Innigkeit und Gläubigkeit gesungen habe. Diese Komposition malte Schnorr in späten Jahren noch als sein letztes Ölgemälde.