Part 9
Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe des Kirchhofeingangs, an dem ich zufällig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder so gute Freunde, daß ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern übrig sein. Während dort immer noch Trauer und Tränen umgingen, war hier längst Ruhe eingekehrt, und die Vögel bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den Gebeinen der längst Gewesenen entsprossen waren.
»Sehen Sie,« sagte Hertha vorstellend, als müsse sie mir die Bekanntschaft der Ruhenden vermitteln, »hier liegt ein alter Junggeselle oder doch wahrscheinlich ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, als er gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. Ich habe ihm schon einmal einen Syringenstrauß gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. Man sollte leben, so stark man kann, solange man da ist, denn nachher ist es zu spät, und man läßt nichts hinter sich.«
Ich sah sie verwundert an. Woher wußte sie die Lebensgeschichte dessen, der unter dem ganz bemoosten Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie kam aus ihrem jungen und blühenden Munde solche Erfahrungsweisheit?
»Da, sehen Sie!« Sie schob ein paar Zweige des Efeus, der von der Mauer hergekrochen war und das Grab umarmte, zurück.
»Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, hier gestorben Anno 1799, dem Gott gnädig sei.«
So hieß die Grabschrift. Die Buchstaben waren einmal ausgekratzt worden, das sah man, damit sie wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend ansah, ob sie das getan habe, schüttelte sie den Kopf.
»Das hat der Zeitler getan, der über den Ort hier gesetzt ist. Er kennt alle Begrabenen hier und weiß von ihnen, woher, das weiß kein Mensch. Er ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die Gelehrsamkeit studiert, aber es ist ihm etwas dazwischen gekommen, und er ist heimgekommen und hat angefangen, die Toten zu hüten. Sie seien so friedlich, sagt er, und hätten alles hinter sich, Dummheit und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut mit ihnen auskommen. Da ist er,« unterbrach sie sich und strebte vorwärts nach einer halbrunden Bank hin, die auf einem winzigen Hügel stand. Dort saß ein älterer Mann in ausruhender Haltung. Er trug Kopf und Schultern vorgeneigt und hatte die lässigen Hände zwischen die Knie gelegt; ein paar rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war es mir sogleich, als ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte, vielleicht vor langer Zeit, ich wußte aber nicht wann und wo. Das erinnerte mich an meine Kindertage, wo ich ein ähnliches Erlebnis hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und es war mir, als sähe ich etwas Altbekanntes und ließ es mir auch nicht ausreden, daß es in Wahrheit so sei. In solchen Fällen pflegte meine Mutter zu sagen: Du wirst es noch von damals kennen, als du das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich wußte nicht, ob sie das im Spaß oder im Ernst sagte und dachte auch nicht tiefer darüber nach.
Der alte Mann ließ ein paar ruhig betrachtende Augen auf mir liegen, und ich gab es ihm in meiner Verwunderung über das vermeintliche Wiederkehren von etwas längst Gewesenem heim, so sahen wir einander ins Gesicht, vielleicht nur ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in der Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns herzustellen.
Hertha sagte: »Ich bringe einen Besuch mit. Er ist mir unterwegs begegnet, er ist mein Nachbar,« und wir ließen uns links und rechts von dem Friedhofswächter auf der Bank nieder. Er reichte Hertha eine seiner Nelken, die sie begierig riechend an die Nase führte. »O, die sind von der jungen Frau Maibom,« sagte sie, den Duft erkennend, er aber schüttelte den Kopf: »Falsch geraten, sie sind von der Familie Gutekunst,« und ich merkte, daß sie von Gräbern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute. Der Abend war noch im Verlöschen mild und schön. Am Horizont waren Tücher ausgebreitet von bunten, allmählich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke läutete, im Gebüsch fing eine Nachtigall an zu schlagen, neben mir saß der Mann mit dem schmalen, bekannten Gesicht und drüben das junge, starklebendige Mädchen, es hätte alles heimelig und warm sein können. Aber unfern von uns war ein altes Grab aufgemacht, und es lag ein Häufchen gelber halbvermoderter Knochen dabei, die der Totengräber herausgeschaufelt hatte, und es war ein Gerüchlein von welkenden Kränzen vorhanden, die in der Nähe auf einem Haufen lagen, das alles mahnte mich diesseitigen Menschen an die Gegenden jenseits der Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte keineswegs die Absicht, Geister zu beschwören oder Vergänglichkeitsgedanken nachzuhängen, sondern sie stand blühend und freudig im Leben und hatte nur ein freilich merkwürdiges Mitleid mit den Toten, weil sie von dieser Welt fortgemußt hatten, auf der es doch so schön war; es konnte um sie herum kein spukhaftes Grauen aufkommen.
Sie roch an ihrer Nelke und sagte: »Gebt doch dem Herrn auch eine. Er steckt den ganzen Tag zwischen den Büchern, ich möchte nicht in seiner Haut sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt davon. Es ist aber bloß oben drauf, er kann auch lachen, ich hab's schon gesehen.«
Der Friedhofswächter gab mir eine der würzhaft duftenden Blumen. Es waren solche, wie sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie sie jetzt noch daheim vor meinem Kammerfenster blühten, wahrscheinlich wenigstens. War denn aber alles verhext heute abend und war etwa mein Kilian in den Zeitler geschlüpft, um mit mir Versteckens zu spielen und zu fragen: Kennst mich noch? Woher mir solche Gedanken kamen, weiß ich nicht, aber sie waren um den Weg und ich mußte, wie damals in den Spiegel, so heute mit einer halben Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des Zeitlers sehen, ob mir eine Erkenntnis komme, die mich ja freilich beim ersten Augenwink in die Flucht gejagt hätte, da, was man etwa im Traum gelassen oder freudig hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen, im Wachen jähes Entsetzen bedeutete. So unverrücklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen die Ordnung der Dinge beider Welten. In mein Schweigen hinein und das des Zeitlers schüttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden Dämmerung tönte wie ein spielendes Bächlein, und zu dem nach und nach meine Gedanken zurückkehrten unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn ich mich nüchtern besann, ohnehin ein Unsinn, was sie ausheckten.
»Ich verstehe nichts von Büchern,« hörte ich Hertha sagen, »man müßte mir's grad sagen, was darin steht, daß ich's nicht selber lesen muß.«
Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich, der allerlei bedeuten konnte, ein Lachen oder einen Zweifel, und Hertha fuhr fort:
»Ich bin nur froh, daß ich's mit den Blumen habe, es ist, wie wenn ich dazu auf die Welt gekommen wäre, daß ich das Kranzbinden treibe. Das kann ich nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's auch in den Fingern. Meine Frau paßt nicht dazu, sie hat erst in das Geschäft hineingeheiratet, das ist der Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn sie hat ein saures Gemüt. Sie hat als Kind einmal in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr geblieben. Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir. Die Leute kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin und gern lache. Es gibt auch nichts Schöneres, als den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Schöneres, und man weiß es bloß nicht. Heute habe ich eine Girlande machen müssen um ein Kindersärglein aus lauter Monatröschen und mit Immergrün. Da habe ich weinen müssen, weil es mich so gedauert hat, zu denken, ich könnte als Kind gestorben sein und wäre dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das muß ich sagen; von mir aus könnte jeder Tag hundert Stunden haben, es wäre mir keine zu viel.«
»Du Närrlein,« sagte der Zeitler, »was wär's denn dann mit dem Feierabend und dem Sonntag, wenn du so lange Tage haben willst?«
»Jaso, ja,« gab das Mädchen zu, »es ist nur gut, daß ich's nicht machen muß, es käme etwas Schönes dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag müßte geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist mir auch ganz recht, wie es ist, ich will es gar nicht anders haben. Gestern war das bucklige Fräulein Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock, und ich trug ihn hinüber. Da saß sie in ihrem schönen Wohnzimmer in einem seidenen Sessel, und ihr Bruder saß ihr gegenüber und las in der Zeitung, und die alte Magd Salome trug den Kaffee herein. Die haben's schön, aber ich möchte sie nicht sein, um kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergnügt und gerade Glieder hat, dann freut's einen, und alles kann noch kommen, was es Gutes gibt. Ich möchte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.«
»So sei jetzt auch einen Augenblick still,« sagte der Zeitler, »man kann ja mit keinem Steckelein dazwischenfahren, wenn du einmal anfängst, es läuft wie aus einem Brunnenrohr. Was weißt denn du davon, wie es gehen kann auf der Welt, und was weißt du von Glück und Unglück? Verheiratetsein kann ein Glück oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt drauf an, wie man es erlebt.« Er sagte es ein bißchen scharf und streng, und Hertha dauerte mich, denn ich dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher. Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus, denn sie lächelte vor sich hin und dann zu mir herüber, als ob wir beide besser wüßten, wie es wäre.
Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort: »Die Brigitte tauschte mit niemand, wenn man es ihr anbieten wollte. Heißt das, was sie in sich selbst und aus sich heraus geworden ist, gäbe sie nicht hin, wenn sie noch einmal ein Leben leben dürfte in einem schlanken Körper und mit allem, was man so gemeinhin Glückseligkeiten heißt.«
Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das Fräulein beim Vornamen nannte und weil er über ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie überhaupt zu kennen schien.
»Er ist bei Hagenaus,« sagte Hertha und deutete mit dem Kopf nach mir hin.
Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verhältnissen gefragt, nun sah er mich aufmerksam an und sagte: »Sie sind da in guten Händen«; er zögerte ein wenig und fügte dann hinzu, »zum wenigsten, was die Schwester betrifft, obgleich ich Herrn Kasimir nichts zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger als sie, die ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.«
Was er da sagte, erfüllte mich mit Begierde, mehr von den beiden und besonders von Fräulein Brigitte zu hören. Ich mag wohl auch den Zeitler bittend genug angesehen haben, denn er fing nach einigem Zögern wirklich an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte mitzuteilen. Woher er sie wußte, verlautete nicht. Ich muß glauben, daß er selber irgendwie an ihr beteiligt oder mindestens Zuschauer gewesen war; er vermied es aber, sich selbst zu nennen. Das sei immer so, sagte Hertha, er rede nie von sich.
Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet ohne Willen, denn er verfiel im währenden Erzählen in eine seltsam reiche und blühende Sprache, die deutlich genug sagte, daß er einmal in einer Welt gelebt habe und sie noch in sich trage, die von seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als einer Hinsicht.
Ich meine, ich höre ihn noch; es wird aber wohl bei mir anders herauskommen.
»Dort drüben,« sagte Zeitler, und deutete nach einem Marmorgrabmal, das zwischen einer Baumgruppe heraussah, »liegt oder lag eine junge, feine Frau, die der Tod an einem einzigen heißen Krankheitstag erwürgt hat. Sie hatte die Augen noch offen, als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr, sie waren, schon zugedrückt, langsam wieder aufgegangen, und es sah erschütternd aus, wie die erloschenen Sterne unbeweglich nach dem Kinderhäuflein hinschauten, dem sie noch lange hätten scheinen sollen. Das war die Mutter der Geschwister Hagenau. Sie war eine Waldbauerntochter gewesen, gesund, schön, lebensfreudig und heißblütig und dabei reich und von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten Hause mit Blut und Geld aufhelfen sollen. Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres sprühenden Lebens schien ganz und gar der jüngsten Tochter Brigitte aufbehalten gewesen zu sein, während die älteste und der um weniges jüngere Sohn dem Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gründlich belesen und mit allgemeiner Bildung versehen, aber etwas trocken und unlebendig war. Oder wenigstens so ungefähr wurde er geschildert. Doch soll er an der Frau unendlich gehangen haben und durch ihren Tod ganz gebrochen, und also doch nicht ohne Leidenschaft gewesen sein. Für die Kinder hatte er nach dem Tode der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlaßte ihre Schulbildung, wie es recht und üblich war und nahm eine Hausdame, die für Nahrung und Kleider und für das Hergebrachte an guten Sitten und was man so gemeinhin Erziehung nennt, sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach einiger Zeit heiratete, ohne daß sie viel für ihn gewesen wäre. Die arme Frau und Mutter hatte allen Grund gehabt, ihr Häuflein mit gebrochenen Augen noch traurig anzusehen, wenn man so sagen darf, denn es war nicht mehr viel Freudigkeit und Kinderglück im Hause. Einzig die jüngste Tochter, die auch im Äußeren das Abbild der Mutter war, schien Sonne und Lebenslust in sich selbst zu tragen und sich ihre Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie war von jedermann überzeugt, daß er sie liebe und Freude an ihr habe, und dieses glückliche Wissen um sich selbst, ließ sie hinwiederum auch allen Leuten strahlend und wie ein kleines Sönnchen entgegenkommen, dem sich in Wahrheit niemand ganz entziehen konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mädchen als stille, brave, pflichttreue Schülerin, die ihren Ehrgeiz darein setzte, alle Unterrichtsstoffe gründlich und unvergeßlich in sich aufzunehmen, der Knabe, der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, aber ohne sich dessen bewußt zu sein, als knurriger und verdrießlicher Sohn seines unfrohen Vaters, ohne rechte Blüte lang ins Kraut schießend. Er ärgerte sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, und besonders hatte er es auf die lachende Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er verspürte und genoß, ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und balgte er sich mit der Schwester herum und hatte hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur, um sie in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm besonders gut gefiel, oder auch, um ihr helles und unwiderstehliches Gelächter zu hören, wenn ihr sein nörgelndes Wesen komisch erschien.
Das ärgerte und entzückte ihn dann zu gleicher Zeit; er ließ aber weder das eine noch das andere merken, sondern tat gleichgültig und als ob es ihm zu wenig wäre, darauf zu horchen. In ihrem zwölften Jahr war Brigitte ein schlank aufgeschossenes Mädchen mit prachtvollen Zöpfen, die sie lang herabhängend trug, und mit einem Ausdruck in dem blühenden Gesichtchen, als ob sie von weitem die vollen Ströme des Lebens rauschen höre und sich anschicke, darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt dessen aber wartete ein dunkles Meer der Leiden auf sie, und das Rauschen war ein herannahendes Gewitter, das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte und die Sonne auslöschte, ehe sie noch im Mittag stand.«
Hier unterbrach sich der Zeitler, für einen Augenblick aus der Vergangenheit auftauchend, und merkte selbst, daß er in einer Weise zu uns redete, die wir nicht bei ihm gesucht hätten, und die auch bei ihm selbst zurzeit nicht üblich war. Er nahm eine der Nelken zwischen die Lippen, und es war mir plötzlich, als habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem Bild so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir nur der Name nicht ein.
»Kurzum,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, als habe er wie ein Maler nach einem andern Pinsel gesucht oder als Musiker eine andere Saite aufgezogen, »die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der sie zu dem verwachsenen Geschöpf machte, das sie jetzt ist, und ihr ganzes Leben umkehrte. Es ist schon lang her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht mehr sagen, aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem Nachbargarten. Die Brigitte saß in einer Schaukel, die zwischen zwei Bäumen angebracht war; sie schwang sich leicht spielend hin und her und plauderte daneben mit den Nachbarsmädchen. Da trat der Kasimir hinzu und fing an, die Schaukel zu stoßen, daß sie hoch und immer höher hinausflog. Vielleicht gefiel es ihm, daß die schwarzen Zöpfe so lustig tanzten, vielleicht auch hatte er sein unholdes Vergnügen daran, daß die Brigitte rief: >Laß sein, ich will nicht so hoch!<, kurzum, er stieß mit aller Kraft, daß die Schaukel mit dem schönen Vogel drin an die vollen Kronen der Bäume anstieß und zwischen den Zweigen hindurchrauschte. Das Mädchen wurde blaß und bekam Angst, was sonst nicht in seiner Art lag, und bat flehentlich ums Aufhören, aber der fünfzehnjährige Flegel hatte seiner Lust noch nicht Genüge getan, oder was es war; als die Brigitte außer sich herunterrief: >Laß los, oder ich springe heraus!<, gab er, der es natürlich nicht glaubte, noch einen letzten, wilden Stoß drein, um dann aufzuhören, und in dem Augenblick flog das Mädchen durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. Die Schaukel aber kam ledig zurück und schwang sich, in den Ringen knarrend, noch eine Weile hin und her, bis einer hinging und sie anhielt.