Ludwig Fugeler: Roman

Part 4

Chapter 43,969 wordsPublic domain

In den Jahren, in denen dies alles geschah, wuchs ich zu einem großen, kräftigen Buben heran. Es ging mir überall gut, ich kann nichts von einer schweren Kindheit erzählen. Ich nahm es mit Seelenruhe und ohne viel Gedanken hin, daß die Meinigen für mich sparten und schafften; es war mir nichts Besonderes, daß meine Mutter und Heinrich Kilian allmählich ein paar alte abgerackerte Leute wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr wollten, als nach der Kirche, die sie nie versäumten, auf dem Bänklein vor der Haustür zu sitzen und sich von der Sonne anscheinen zu lassen. Die Mutter war ja viel jünger, als Heinrich Kilian, der schon unermeßlich alt war in meinen Augen. Aber dafür hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensnöten gekämpft und schwerere Lasten getragen als er, der nur die Bücherpakete auf der Achsel, aber nichts Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte sie nicht mehr in der Kirche, um dort hinter der Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und mit meinem alten Freund August Volland seltsame Geschichten über die Bilder der früheren Prälaten und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Schüler, bei dem es ohne allzugroße Mühe voranging, und der auch in den Freistunden ein Wort reden durfte und seinen Mann stellte. Die grüne Mütze saß mir kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich fühlte mich darunter als einer, dem das Leben eine schöne Sache ist.

Viel darüber nachzudenken, war nicht meine Art damals; ich lebte meine Tage dahin, wie sie kamen, und fand es ganz in der Ordnung, daß ich immer saubere Kleider und gute Stiefel hatte und daß auf dem täglichen Brot auch die Butter nicht fehlte. Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert. Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule bei einer Kleidermacherin in die Lehre. Diese gab ihr die Kost und ein weniges an Geld, und sie mußte dafür im ersten Jahre alle untergeordnete Arbeit tun, die Rocksäume mit Litzen einfassen und dergleichen, und außerdem die fertige Arbeit zu den Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal mit einem großen, in ein grünes Tuch geschlagenen Bündel auf dem Arm, in ihrem kurzen und unscheinbaren Kleidchen, und ich schlüffelte mit meinen Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als einem halbverlegenen Zunicken zu begrüßen. Sie nahm mir das weiter nicht übel, »weil Buben halt so sind,« und stellte ihre Jugend ebenso fraglos in den Dienst der strengen Pflicht, wie Luise es vor ihr getan hatte und immer noch tat.

Sie war zufrieden, etwa am Sonntag ein paar Stunden in einem billigen Fähnchen, mit einem hellen Band oder Spitzenkrägelchen geschmückt, mit der Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter zu wandern, der Musik zuzuhören und die heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu lassen und vielleicht dabei den einen oder anderen Gedanken daran auszuspinnen, daß auch ihr einmal irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen würden. Sie entwickelte sich aber in den dürftigen Sonnenstrählchen, die ihre Jugend trafen, wie ihre Schwester zu einem schlanken, hübschen, blühenden Geschöpf, dem auch eine natürliche Fröhlichkeit nicht fehlte, und es tönten in diesen Jahren oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern schliefen, am frühen Morgen oder am Abend, wenn sie ihre Ruhestätten aufsuchten oder verließen, die schwermütigen Lieder, die das Volk singt, wenn es fröhlich ist, oder es ging ein Geplauder und Lachen die steile Treppe hinunter, wenn ich an dunklen Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich der Schlüssel in der Haustür, und die Schritte und das Lachen ertönten auf der Straße, der Stadt und der Arbeit zu.

Es war alles gut und schön. Aber eines Tages, als ich beim Dunkelwerden von einer Streife durch den Frühlingswald nach Hause kam, einen großen Busch hellblauer Scillablüten in den Händen, da fand ich die beiden Schwestern und die Mutter miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich Kilian herumstehen, der auf dem harten Sofa mit dem blumigen Zitzüberzug lag mit geschlossenen Augen und schwer atmete.

Sie flüsterten miteinander, und als ich fragend von einem zum andern sah, da legten sie die Finger an die Lippen: »Still, Ludwig, stör' ihn nicht,« und sagten, daß der Doktor bald kommen werde.

Ich legte meine Scillablüten auf den Tisch und fühlte eine dumpfe Beklommenheit in mir. Wie konnte das sein, daß auf einmal etwas anderes war, als sonst? Es war so fremd und merkwürdig, daß Heinrich Kilian da auf dem Sofa lag und die Augen geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen und hatte ein Späßchen für mich gehabt oder eine Geschichte, die ihm in der Stadt über den Weg gelaufen war.

Die andern machten so ernste und bestürzte Gesichter; es roch in der Stube nach Hoffmannstropfen und Kräuteressig, und Lotte Meister kam herüber und wurde ganz still, als sie in die Stube trat, Sie hatte ihr Mariele auf dem Arm und hielt ihm das Mäulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen, und sie schüttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes von der Sache denke.

Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt und bekam das Nachbarskind mit. Da standen wir im Vorgärtchen, das der Heinrich erst gestern umgegraben hatte. Es roch nach frischer Erde, in der Rabatte guckten schon da und dort grüne Spitzen heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer Wind an den Häusern hin, und alles war so lebendig da draußen, aber drinnen im Haus war es anders. Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot daliegen sehen, still und bleich und mit wächsernen Händen; alles war mir noch gegenwärtig: Glockengeläute, Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung. Nun war es mir, als trete der Tod durch unsere eigene Tür, und das war schauerlich genug. Aber daß der Heinrich Kilian dann nicht mehr da sein könnte, das konnte ich mir noch nicht denken, denn er war immer dagewesen, schon lang vor mir.

Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging rasch weiter, und ich dachte hinter ihm drein, daß ich kein Doktor sein möchte, denn überall, wo er hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen könne er doch nicht. Das machte, daß bei uns armen Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz schweren Fällen geholt wurde, wo dann freilich gegen den Tod kein Kraut gewachsen war. Ich stand noch trübsinnig herum und sah ins Wetter, da kam meine Mutter zu mir heraus und sagte: »Du sollst zum Kilian kommen, er will dich.«

»Stirbt er?« fragte ich, und sie nickte kummervoll mit dem Kopf: »Wird wohl so sein,« sagte sie. Und dann erfuhr ich, daß er in der Stadt von einem Lastwagen überfahren worden sei, grad über den Leib seien ihm die Räder gegangen. Man sehe gar keine Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es auch bös. Sie wußte nicht, wie es hatte zugehen können, aber das wußte sie, daß er noch heim verlangt hatte, nicht ins Spital. Das erzählte sie in den nächsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn die Nachbarn kamen, denn das durfte man wohl wissen, daß der Kilian hier eine Heimat gehabt hatte.

Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in der mein Freund jetzt im Bett lag. Er sah zum Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm sonst ganz fröhlich um sein heiteres Gesicht herumstand, sah düster und wild aus, weil das Gesicht selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er ließ seine Augen mühsam nach mir hingehen, als ich zu ihm trat und regte die Lippen, um etwas zu sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und das leise Flüstern, das er hervorbrachte, verlor sich in seinem Bart. Noch ein- oder zweimal probierte er es, dann ließ er's sein und schickte noch einen Blick zu mir herüber, der deutlich sagte: »Da ist nun eben nichts mehr zu machen; ich habe dir noch etwas mitteilen wollen, aber das muß ich nun für mich behalten.«

Mich packte ein ängstliches Grauen, das war noch größer als das Leid, das ich empfand über sein Hingehen, und kam davon, daß ein Mensch daliegen mußte mit einem Gedanken in sich, den er gern aussprechen wollte, und für den es keine Brücke mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der Mutter rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus, es war mir, als ob ich nun auch stumm sein müsse, weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich die Hände meines Freundes, die fest verschlungen ineinander auf der Bettdecke lagen, auseinander taten. Das geschah nicht wie von einem Willen diktiert, sondern es sah aus, als ob sich mit den Händen auf einmal alles Leben löse und nun still und müde daliege, weil es nicht mehr weiter könne, und als ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren habe in allem, was den alten Heinrich Kilian betreffe. Währenddiesem kam meine Mutter herein mit einem geöffneten Champagnerfläschchen, mit dessen Inhalt sie den Sterbenden erquicken wollte. Als sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte, stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, daß hier nichts mehr zu stärken sei.

Das Glas floß über von dem schäumenden Wein, und die Mutter, die das doch nicht mitansehen konnte, tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich auf dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und Hände ihres alten Pfleglings mit dem Naß, vor dem sie um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine große Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden Händen verging er vollends und atmete tief und leise aus.

Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gefühl des schmerzlichen Abschieds hingeben, wie die Mutter und die beiden Schwestern, die in ein herzliches Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gemüter ausbrachen. Ich mußte mich damit quälen, was es wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen, und ich wußte nicht, sollte ich froh oder traurig sein, daß er es nicht mehr hatte aussprechen können, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen, das wachte nun mächtig auf.

Der Tag, an den ich denken mußte, lag um vier Wochen zurück. Ich hatte dem Kilian am Abend vorher abgebettelt, daß ich seine große silberne Uhr in der Schule tragen dürfe, weil alle andern Buben auch Uhren hatten. »Am Sonntag allemal, da kriegst du sie wieder, da gehört sie dir,« hatte ich gesagt; denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken Nickelkette. Er war nicht recht damit einig gewesen. »Du wirst mir doch nicht großartig werden, Ludwig,« hatte er gesagt, »silberne Uhren am Werktag, behüte Gott, das ist für Herrenleut', aber nicht für unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.«

Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er konnte mir nichts abschlagen.

Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der Kette und hatte den Kittel offen, daß man sie deutlich sehen mußte und ging mit meinen Kameraden nach der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und dergleichen kaufen konnte. Zwei oder drei waren drin, ein paar andere, zu denen ich auch gehörte, standen unter der Ladentür und warteten auf ihr Herauskommen. Es war einer dabei, den ich schon lang gern zum Freund gehabt hätte, ein kleiner, gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem Künstlerhause stammend, der tat allerlei Sprüche über die Vorübergehenden und brachte uns so zum Lachen, daß unsere Kameraden im Laden drin neugierig die Hälse streckten, um zu sehen, was da Lustiges vor sich gehe.

Währenddem kam auf der andern Seite der Straße mein Heinrich Kilian daher, schwer mit Bücherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem auf der Achsel saß, so daß er den Kopf stark auf die Seite legen und immer wieder drehen mußte, um eine erträgliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem Spaßmacher sogleich auf, er fing in seiner sprühenden Laune an, den Gang und die Haltung des alten Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm noch mit weiterem Material zu dieser Vorstellung entgegen, indem dem Schwerbeladenen ein anderes Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt, und er sich unter starken Verrenkungen bücken mußte, dasselbe aufzuheben. Bei dieser mühsamen Bewegung nun geschah es, daß die alte, geflickte Hose, die ihm meine Mutter längst hatte wegsprechen wollen, hinten nachgab und einen großen, klaffenden Riß bekam. Er befühlte den Schaden verdutzt und kopfschüttelnd und ging dann, überschüttet von dem Bubengelächter, das von der anderen Straßenseite herüberscholl, weiter bis zu einem schmalen Nebengäßchen, in dem er verschwand, wahrscheinlich um sich dort in irgendeinem Hause notdürftig ausbessern zu lassen. Das war nun ein großes Gaudium für den Witzbold und die ins Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber war übel zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette über meine Schülerbrust gespannt und trug seine Uhr in der Tasche und lachte mit den andern über ihn, denn ich konnte es nicht lassen, ich mußte lachen, so schändlich ich mich auch empfand, und tat, als ob er mich nichts anginge. Als er verschwunden war, machte ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den Kopf aus den Büchern erhob, als Heinrich Kilian am Feierabend kam und gut und freundlich wie immer war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich gleich, und ich schüttelte, so gut es ging, mein übles Empfinden ab durch allerlei Entschuldigungen, die ich in mir selbst vorbrachte.

Aber nun lag er da und hatte die Augen für immer geschlossen, und vorher hatte er sich noch gemüht, mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob es nicht doch _das_ gewesen war?

Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander ins Glatte zu kommen, keine; ich mußte nun mein Leben lang so an ihn denken, und wer weiß, wie er an mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere Sache mit dem Totsein, es gab da so allerlei Möglichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete mich. Das war eine schwere Sache.

Zwei Tage lang ging ich mit bösem Gewissen herum, stumm und bedrückt. Ich muß bleich ausgesehen haben, denn meine Mutter fragte mich, ob ich krank sei, und ich hörte sie zu Lotte Meister sagen: »Es geht ihm näher als er zeigen mag; er hat auch viel verloren, es ist kein Wunder.« Und dann fügte sie mit einiger Befriedigung bei, daß ich doch ein gutes Gemüt zu haben scheine, und daß sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in Sorgen meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe mit mir und ich nicht an meiner Seele Schaden leide durch die Standeserhöhung, in die sie mich selber hineingestellt habe durch die höhere Schule.

»Ich weiß nicht, wie lang ich noch da bin,« sagte sie, »und weiß oft nicht, ob ich nicht etwas Dummes angerührt habe mit dem Buben; ich habe gemeint, es müsse so sein, weil ich's dem Mann versprochen habe, daß ich alles tun will für ihn. Jetzt geb's der liebe Gott, daß er recht wird, denn ich muß ihn grad laufen lassen, er ist einen halben Kopf größer als ich, und ich bin ein einfältiges Weib.«

Was Lotte darauf sagte, hörte ich nicht mehr, denn beide Frauen gingen miteinander zur Türe hinaus, und ich saß in dem Alkoven hinter dem alten Vorhang auf einem Stuhl und wußte nicht recht, was mit mir anfangen.

Die Mutter kam wieder herein und setzte sich auf die Bank, die am Fenster hinlief; sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und sah still vor sich hin mit einem Ausdruck von Müdigkeit und Ergebung, wie ihn Menschen bekommen, die sich ein ganzes, langes Leben hindurch immer in das, was ihnen auflag, schicken mußten und denen dieses Sichschicken die einzige Waffe war im Lebenskrieg. Mich aber überkam es, ihr zu sagen, daß ich recht werden wolle und gut und daß sie meinetwegen ohne Sorge sein solle. Ja, es trieb mich ein starkes Verlangen dazu, auf ihren Schoß zu sitzen, wie als kleines Kind und ihre Hände um mich herum zu spüren, warm und gut. Dann hätte ich vielleicht auch von mir getan, was mich Heinrich Kilians wegen beklemmte, denn ich fand nicht recht den Weg daraus heraus.

Aber ich war nicht gewöhnt, zärtlich zu sein und fand auch das Wort nicht, das ich gern gesagt hätte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven heraus in die Stube, und als mich die Mutter sah, sagte sie: »Bist du da drin gewesen und hast alles gehört?«

Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich in ihr Gesicht sah, da war es so voll von einer großen Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte meinen Kopf auf den Tisch und ließ meine Tränen, die ich bisher immer noch verschlossen gehabt hatte, laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so wohl dabei, wie schon lange nicht mehr. Es war, als ob ein Bach aus meinem Innern breche und alles mit sich fortnehme, was übel und schwer darin gelegen war, und als ob meine Mutter alles wisse, was mich angehe, ohne daß ich ein Wort sage, bloß weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl auch so gewesen sein.

* * * * *

Ich wollte, ich hätte sie länger gehabt, es hätte meiner Jugend gut getan.

Ich weiß nicht. Vielleicht hätte ich alle meine Torheiten dennoch begangen, auch wenn sie dagewesen wäre, denn sie hätte mich nicht davor behüten können, wenn ich in der Welt draußen war. Und vielleicht hätte ich ihr weh getan, wie den andern. Ich möchte so gerne denken, daß ich den Weg zu ihr gefunden hätte, wenn ich mir verweht und verlaufen vorgekommen wäre, und daß ich ihr zuliebe manches besser gemacht hätte, als ich es tat. Es ist umsonst, daß ich mich darüber besinne.

Es muß ja alles so recht sein, wie es ist.

Als ich konfirmiert war und am Sonntag in einem neuen dunklen Anzug und mit einer gestärkten Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und einzigenmal in meinem Leben einen Ausflug mit ihr. Er geschah zu einem entfernten Vetter auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen hatte. Wir zogen am frühen Maimorgen aus und sahen die Stadt und die Türme und den Fluß im Nebel liegen und schritten selber durch den Nebel, der bald rosig durchleuchtet wurde von der durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz reiselustig zumute, und meine Mutter machte Schritte neben mir her wie ein junges Mädchen vor lauter Freude am Dasein und an der Reise mit mir.

Dann saßen wir in der Bahn und fuhren nach Blaubeuren, und sie hatte tausend Dinge zu bestaunen und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen, deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt erfragte, und mit denen sie sich ohne weiteres einig fühlte, als mit solchen, die einen seltenen, schönen Sonntag in der Freiheit genießen.

Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen, das saß mit einer scheuen Glückseligkeit im Schatten eines mächtigen, breitschultrigen Mannes von exotischem Äußern, der an allen erdenklichen Stellen von goldenen Knöpfen, Ketten und Ringen erglänzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing bereits an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das er »drüben« angenommen hatte, wieder mit schwäbischen Brocken zu vermischen. Sie war seine Mutter und war ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren, weil er jetzt auf Besuch heimkam, und sie fühlte sich wie auf einer Himmelfahrt, da sie nun mit dem stattlichen Sohn ihrem Dorf entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins Gespräch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, daß sie ihren Ludwig auch etwas Rechtes werden lasse, er müsse nur sagen, was er im Sinn habe, und daß es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad Amerika sein müsse, indessen, wie es Gottes Will' sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah mich das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte, kopfnickend an und dachte wohl, freilich, so einer, wie ihr Johann, wachse nicht an jedem Hag, aber recht werden könne ich immerhin, schon der Mutter zulieb, und der mächtige Amerikaner sagte: »+Well+« und strich sich den Bart, daß die Ringe an seinen Fingern erglänzten. Ich war froh, als wir ausstiegen und wieder für uns waren.

Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell von den beiden abkommen. Sie waren am Bahnhof von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren Gäulen abgeholt worden und verschwanden vor uns in einer weißen Staubwolke, als wir sachte, Schritt vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem Blautopf auf die Höhe der Alb hinaufführt.

»Das Gefährt ist nicht ihr eigen,« sagte meine Mutter. »Es gehört ihrem Nachbar. Der hat es entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem Amerikaner. Sie hat es auch mühsam gehabt vorher, aber seit fünf Jahren hat ihr der Sohn immer Geld geschickt, da hat sie sich eine Güte antun können.«

Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter und hätte gern noch mehr gesagt. Aber sie wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder sie traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren mit ihren Gedanken, so ging sie neben mir her, ohne es auszusprechen, wie sie es von mir auch erhoffe, daß ich einst ihr Alter schmücke und erleichtere.

Mich trieb es an, ihr große Dinge zu versprechen, denn ich konnte es nicht leiden, daß mich der Amerikaner etwa ausstechen sollte. Aber ich wußte noch nicht, wo bei mir der Glücksbaum wachsen würde, von dessen Zweigen ich meiner Mutter die Taler herunterschütteln konnte, und um das Gespräch auf etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt, fing ich an, meiner Mutter die Geschichte von der schönen Lau zu erzählen, die ich kürzlich gelesen hatte.

Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und wichtig, so daß mir die Sache selber im Erzählen noch viel lebendiger wurde als zuvor.

Tief unter uns lag das Städtlein mit Kloster und Kirche friedlich hingelegt bei dem tiefen, dunklen Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden waren mit einem leisen Grauen, weil es gar so unergründlich tief hinabging.

Nun sahen wir nur noch die Bäume, deren grüne Wipfel sich über ihm zusammen zu neigen schienen, und sahen die junge Blau, die hell und fröhlich durch grüne Wiesen ging, als ob sie nicht erst vorhin aus ihrer wundersamen Quellenheimat ausgeflossen wäre. Die nackten Felsen standen trutzig um das Tal herum, aber die Sonne legte einen Glanz auf sie, daß sie zu scheinen anfingen, und der Himmel stand hoch und heiter über dem Ganzen.

Und die schöne Lau stieg aus ihrer blauen Tiefe herauf und trug ihr schweres Herz zu den Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das ihr so nötig war. Als alles gut ausgegangen war, atmete die Mutter tief auf. »Gott Lob und Dank,« sagte sie, »wenn's auch bloß ein Märlein ist, mich hat die arme Frau doch gedauert; ich weiß gut, wie es ist, wenn's einem nicht ums Lachen ist. Als ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate vor deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer gewesen, das ist nicht zum Aussagen. Da hab' ich immer gedacht: Lieber Gott, laß nur mein Kind kein schweres Gemüt kriegen. Gelt, du hast keins, Ludwig, ich meine einmal nicht. Wenn ich dich habe lachen hören und gesehen, daß du lustig bist, dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.«

Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar ums Herz. Es war mir auch, als ob ich in eine unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der mein Leben herausgeflossen sei, und ich spürte eine dunkle Zärtlichkeit für diese Frau, anders als je zuvor. Aber ich ließ nichts davon merken.

Als wir höher stiegen, atmete sie mühsam und schwer und blieb immer wieder stehen, um sich den Schweiß abzuwischen, dabei sah sie blässer aus, als ich sonst an ihr gesehen hatte.

»Ich weiß nicht, es ist mir nicht ganz recht,« sagte sie. »Mich deucht, ich höre ein Fuhrwerk; wenn ich das erwarten könnte und ein Stück weit aufsitzen, das wäre gut. Du könntest derweil weitergehen, dir tut das Laufen gut, du hast junge Füße und ein junges Herz.«