Part 9
Als ein überführter und geständiger Raubmörder hat er fast sein ganzes Leben im Zuchthaus zugebracht. Zuerst hat er einen zu Tode geschleift, mit dem er zusammen nächtlicherweile auf einem Wagen gefahren war, und zwar, indem er heimlich einen Lederriemen mit dem einen Ende um die Radfelge, mit dem anderen um dessen Arm geschlungen hatte. Dann, als er nach mehr als zwanzig Jahren freigekommen ist, hat er dasselbe Kunststück noch einmal probiert -- an einem Fuhrmann, den er auf stillstehendem Wagen betrunken im Walde vorgefunden hatte. Aber diesmal ist es ihm mißglückt, denn dabei war ihm die eigene Hand ins Rad hineingeraten. Darum hat er auch den Dusel gehabt, trotz der Wiederholung solch einer Untat noch einmal herauszukommen. Und nun haust er wie ein Dachs in seiner Kate, die er sich als junger Mensch gebaut und in der Zeit nach den Strafen mit allerhand geheimnisvollen Vorrichtungen gegen die Überschwemmung versehen hat. Worin sie bestehen, weiß keiner, denn niemals geht einer zu ihm hinein; von außen aber liegt an der Wand eine schräg dagegen geschaufelte Mistschicht, die bis zum Fenster hinauf alles verbirgt.
Die Erdme fürchtet sich nicht so leicht, und doch läuft es ihr einmal nach dem anderen kalt über den Leib. Und während der alte Raubmörder in seiner Sehnsucht nach Menschen dort auf dem Wege herumtanzt, erzählt sie so leise wie die anderen, mit was für fürchterlichen Worten er ihr die künftige Wassersnot ausgemalt hat.
Jons horcht hoch auf und tut dann dieselbe Frage, die ihr seit gestern wie ein Mühlrad im Kopfe herumgeht: »Wenn die wirklich einmal kommen wird, warum bauen wir uns erst hier an?«
Da nimmt der Witkuhn, der doch von weit her ist, das Wort und sagt beinahe feierlich: »Wir bauen uns hier an, weil wir arme Leute sind und eine Zuflucht nötig haben. Wo anders gibt man uns keine, sondern hetzt uns herum.«
Und dann erzählt er, wie schon zweimal das Hochwasser unermeßlichen Schaden verursacht hat und daß es für die Zukunft immer häufiger zu befürchten ist; denn das sei eben das Schlimme: durch die Urbarmachung sterbe das Torfmoos ab, und dann senke sich das Erdreich von Jahr zu Jahr. So werde der Segen der Arbeit selber zu einer Gefahr, die mit Vernichtung bedrohe, was im Schweiße seines Angesichts ein jeder sich geschaffen hat. »Aber darum arbeiten wir doch ruhig weiter,« sagt er zum Schluß und zieht den Rock enger, wie einer, der sich endlich geborgen fühlt, »denn wir lieben dieses Stückchen Erde, das für die anderen zu schlecht ist und wo uns darum keiner verfolgt. Und wir lieben auch die, die das gleiche mit uns tun und erdulden.«
»Und wir lieben auch den lieben Gott,« sagt der fromme Taruttis, »der Gutes und Böses über uns verhängt und nach dessen Ratschluß der Mensch sogar ein Mörder wird.«
Alle sehen erschrocken nach dem Wege hin, denn er hat lauter gesprochen als die anderen, aber da ist das graue Gespenst schon fort.
6
Wie macht man einen Herd? Wie baut man einen Ofen? Der Boden trägt ja nichts. Willst du ihm was Schweres anvertrauen, so gibt er nach und schluckt es langsam unter.
Aber der Witkuhn weiß Rat. Er kennt alle Nücken und Tücken des Moores. Und er ist immer da, wenn man ihn brauchen kann. Aber nicht etwa von selber kommt er. Wie ein furchtsamer Hund schleicht er sich um die Baustatt herum und wartet, daß man ihn herruft. Und ruft man ihn nicht, so geht er von dannen.
Wenn er auch ganz verdeutscht ist, wie einer von den Deutschen benimmt er sich nicht, die immer eine große Schnauze haben und die Litauer als Vieh ansehen. Und er verkehrt auch nicht mit ihnen, soviel ihrer auch auf der Kolonie herumwohnen, denn die nimmt jeden auf, dem eine Heimat fehlt.
Seine Frau ist wirklich ein Kummergewächs. Schleppt sich 'rum und tut ihre Arbeit mit Wehklag'. Wenn die flinke Ulele nicht hülfe, wäre das nötigste oft nicht getan.
Und nun ist ja auch die Erdme da. Die knapst sich manche Viertelstunde ab, um für sie Hausarbeit zu tun, während der Mann draußen auf dem Felde ist.
»Wenn mein Kindchen noch lebte,« sagt sie, »dann könnte es mir schon in manchem behilflich sein.«
Aber das war ja schon in der Geburt gestorben und hatte dabei der Mutter den Leib zerrissen, so daß er nie mehr ganz heil ward.
Und nun kann sie ihrem Mann keine Frau mehr sein und ihrem Haus keine Wirtin.
Und dann ist noch das Unglück da, von dem _sie_ nicht spricht und _er_ nicht spricht und das man doch gleichsam riecht, wenn man dem Hof nur in die Nähe kommt.
»Ja also,« sagt der Witkuhn eines Tages, »den Herd baut man so: Man kauft sich« -- er sagt »kauft«, »holen« sagt er nicht -- »man kauft sich den Wurzelstubben von einer Tanne. Eine Kiefer darf es nicht sein, denn deren Wurzel ist geformt wie ein spitzer Pfahl und sinkt unter, als wäre er nicht gewesen. Eine Tanne muß es sein -- deren Wurzel hat Querläufer nach allen Seiten -- die legen sich wie Riegel vor, wenn der Stubben einsinken will. So trägt er vielleicht den Herd, und ein anderer trägt auch den Ofen.«
Der Jons streift also nachts durch die Wälder und sucht die Stellen, wo Tannen gerodet werden. Solche Stellen sind selten, denn die Tanne ist ein kostbarer Baum, nicht so gemein wie die Kiefer.
Er sucht, und er findet. Und wieder leiht der Taruttis den Handwagen, und beide ziehen aus bis nach dem Norkaiter Forst, wohl zwei Meilen weit. Der preußische Staat ist reich. Ob der einen Stubben mehr oder weniger hat, was macht ihm das? Und auch den zweiten kann er noch leidlich entbehren.
Aber noch mehrere müssen daran glauben, denn die Schlammschicht ist tief. Einer muß über den anderen gelegt werden, und dann erst hält der Grund so fest, daß man mit Ziegeln und Lehm darauf arbeiten kann.
Aber die Ziegel kann man leider nicht »holen«, denn der Herr Ökonomierat, dem der große Ringofen gehört, hält sich einen Wächter und hält sich auch Hunde. Ja, der kennt seine Leute.
Vielleicht versucht man es also mit Betteln. Denn weit und breit weiß jeder, welch ein guter und wohlmeinender Herr der Herr Ökonomierat ist.
Mit Zittern und Zagen stehen sie vor ihm in dem großen Saal, der mit Bücherregalen gefüllt ist von einem Ende bis zum anderen. Man kann sich nicht vorstellen, daß es so viele Bücher gibt auf der Welt. Aber es ist kein »Bagoszius« -- kein Geldprotz --, der zu ihnen spricht, sondern er ist freundlich und leutselig und wischt sich mit der Zunge über die Zähne und schmunzelt sie an. Aber seinen Augen ist nicht zu trauen. Die sehen einen durch und durch.
»Schenken werd' ich euch die Ziegel nicht,« sagt er, als sie ihre Bitte vorgebracht haben, »denn wer sich Häuser baut, der ist kein Pracher. Aber verkaufen werd' ich sie euch.«
Sie machen lange Gesichter. Dazu hätten sie ja einfach aufs Kontor gehen können.
»Und ich werde euch auch gleich den Kaufpreis sagen.«
Der Jons hält sein Beutelchen fest und denkt: Vielleicht probiert man es doch mit dem »Holen«.
Sie verstehen seine Frage erst nicht, obwohl er litauisch spricht, beinahe so gut wie sie selber. Zweimal muß er sie wiederholen. Da erst lachen sie hell auf.
_Ob_ sie singen können!
»Könnt ihr auch Märchen erzählen?«
Fünfhundert können sie erzählen. Tag und Nacht und noch einmal Tag und Nacht lang können sie erzählen.
»So viel will ich gar nicht wissen,« sagt er. »Singt mir zehn Lieder und erzählt mir zehn Märchen. Vielleicht daß ich was Fremdes darunter finde. Und dann könnt ihr euch Ziegel auf die Karre laden, soviel ihr braucht.«
Er gießt ihnen auch noch einen Schnaps ein, damit sie den nötigen Mut bekommen, und dann geht's los.
Die ersten drei kennt er, die dürfen sie gleich wieder abbrechen. Aber das vierte ist ihm neu, das schreibt er sich auf. Und von den Märchen, die die Erdme erzählt, schreibt er sich sogar zweie auf.
Dann gibt er ihnen einen Zettel für seinen Ziegelmeister, und damit haben sie sich Feuerstatt und Ofen ehrlich erworben. Der zugehörige Lehm muß ja freilich doch noch gemaust werden, aber den liefert zur Nachtzeit die Grube des Ökonomierats ohne viel Fragen, und das Strauchwerk, das als Halt in die Brandmauer gepackt werden muß, kann man sich ringsum von den Weidenbüschen schneiden.
So steigt die Mauer bald bis zur Decke.
Auf der einen Seite lehnt sich die Feuerstelle daran, auf der anderen der Ofen. Sehr schön sieht er nicht aus. Einer aus glasierten Kacheln würde sich sicher weit besser machen, und gerade steht er ja auch nicht, aber wärmen wird er vielleicht, wenn erst die Torfstücke drin prasseln.
Nun aber der Schornstein! Denn sonst erstickt man im Rauch.
Das Loch in der Zimmerdecke ist längst schon geschnitten. Wenn man nur weiter wüßte!
»Bei Schmidt auf dem Hofe,« sagt der Witkuhn, »liegt ein Haufen von rostigen Kannen. In denen ist früher Petroleum gewesen. Da kostet jede zehn Pfennig. Davon kauft euch ein Dutzend.«
Sie kaufen sich zehn und schmuggeln zwei noch mit durch.
Aber nun weiter!
Und der Witkuhn zeigt ihnen, wie man aus Latten eine vierseitige Röhre macht und sie mit dem Blech so dicht beschlägt, daß der Rauch durch die Ritzen nicht durchkann. Diese Röhre wird durch das Deckenloch geschoben und so hoch geführt, daß sie die Sparren noch überragt. Dann wird unten von Latten ein Mantel schräg darangenagelt, -- und siehe da! der Schornstein ist fertig.
Das Anheizen will ausprobiert werden. Ach, wie qualmt das -- und stinken tut es nicht weniger -- vor allem nach Leim und Petroleum, aber das wird sich schon legen.
Und als der Rauch sich einige Zeit besonnen hat, findet er schließlich den richtigen Weg und entfernt sich gefälligst dorthin, wo es schnurgerade in den Himmel geht. Wenn er es im Winter ebenso macht, ist die Stubenwärme gesichert.
Vorausgesetzt natürlich, daß Hauswand und Dach das ihrige tun. Die Hauswand -- das ist nun gar ein schwieriges Stück, und wäre der kluge Witkuhn nicht zur Stelle, man brächte sie niemals fertig.
Aber wie können kluge Leute so ängstlich sein? Er wartet ja bloß darauf, daß die Erdme ihn ruft. Aber bitten läßt er sich doch.
Die viereckigen Moorfladen, die man an die Bretterwand preßt, halten wohl fest, solange sie feucht sind; trocknen sie aber, so fallen sie ab, wie Sandbrocken fallen.
Da baut der Witkuhn aus dem Abfall der schlechtesten Latten noch eine zweite Wand -- fünf bis sechs Zoll von der ersten entfernt. Die ist ganz luftig, nicht dichter als etwa ein Zaun. In dem Raum zwischen den beiden sackt sich die Moorschicht und kriegt Halt und lernt auf sich selber beruhen.
Nach ein paar Wochen kann man die Latten wieder entfernen. Nur zur besseren Sicherung läßt man ein paar zwischen Dachwand und Erde geklemmt, denn es werden die Winterstürme kommen, und der Sturzregen wird wühlen und der Rauhfrost klaffende Spalten hindurchziehen.
So warnt der kluge Witkuhn, der alles weiß und alles kennt, und sieht an Erdme vorbei, und das Kinn zittert ihm so, daß die Zähne oft klirren.
Wenn sie mit ihm allein ist -- und das geschieht fast alltäglich --, dann hat sie stets ein Gefühl aus Mitleid und Neugier gemischt, zu dem noch was Anderes hinzukommt, das ihr das Herz beklemmt. Es ist, als hätte sie Angst vor _seiner_ Angst, denn Angst hat er immer, das ist ganz klar. Wenn man nur wüßte, wovor. --
Aber dem Jons sagt sie nichts. Sie will sich den guten Nachbar erhalten.
Nach der Hauswand das Dach!
»Jons, bring Rohr!« Es können auch Binsen sein -- oder beides zusammen. -- An Rohr und Binsen ist die Gegend wahrhaftig nicht arm, wenn auch das Moor selbst sie nicht liebt -- oder sie nicht das Moor, was auf dasselbe herauskommt. Ein Strom wächst ringsum aus dem anderen, und alle sind sie mit Röhricht umstanden.
Dem Taruttis sein kleiner Handwagen hat leichte Last, wenn er hochgetürmt vom Rußufer daherkommt, und der Gendarm fragt nicht viel, denn daß man sich dergleichen nimmt, wo man es findet, versteht sich von selber.
In der Julihitze trocknet das Rohr auch leicht, so daß man bald ans Dachdecken gehen kann. Der Taruttis borgt seine Leiter, die Querstangen werden genagelt, und nun steht Erdme Tag für Tag hoch auf den Sprossen und legt ein Bündel dicht neben das andere und preßt es zusammen und besichelt die Enden. Und unten lauert die kleine Ulele und reicht ihr zu, denn eine Mannsperson kann man dazu nicht brauchen, es sei denn der eigene.
O Gott, o Gott, du glaubst es nicht! Nun sieht es schon bald aus wie ein Haus. Aber noch fehlen die Türen, die Fenster -- kein Mensch kann sich ausdenken, was alles noch fehlt.
Doch wer den Jons etwa für dumm nimmt, der irrt sich. Eines Tages bringt er zwei Fenster an, hellblau gestrichen und sogar mit Glas drin, nur daß die Rauten gebrochen und die Rahmen angekohlt sind. Vorige Nacht hat es nämlich in Trackseden gebrannt. Darauf ist er zu dem Besitzer gegangen und hat gesagt: »Verkauf mir den Kram für zwei Stof Schnaps. Dem Versicherungsinspektor erzählst du, es ist dir beim Retten verschwunden, und dann kriegst du neues dafür.«
Dem Abgebrannten leuchtet der Vorschlag ein, er hilft sogar dem Jons in der Nacht darauf die noch stehenden Türgerüste ausbrechen und auf den Handwagen laden.
Das Schlimme ist nur, sie riechen auf zwanzig Schritt nach Feuersbrunst, und wer ihm begegnet, der lacht ihn an, denn er denkt, er habe es aus dem Brandschutt gestohlen.
So kann man selbst bei dem ehrlichsten Handel in schweren Verdacht kommen.
7
Wenn gegen Mitte August ein Fremder quer durch das Moor die Lynckerstraße heruntergeht und dann links um die Ecke biegt, so fragt er wohl seinen Begleiter: »Wer hat sich das hübsche kleine Hauschen gebaut?«
Und wenn der Ortskenntnis hat, so antwortet er: »Das ist der Losmann Jons Baltruschat, der mit seiner jungen Frau im Frühling zugezogen ist.«
Und der Fremde sagt wohl: »Das müssen fleißige Leute sein.«
Aber durch die himmelblaue Tür darf er bei Jesu Leibe nicht eintreten, denn drin sieht es fürchterlich aus. Nichts ist getan, rein gar nichts. Nicht einmal die Ritzen, die zwischen den Schwarten klaffen, und die Astaugen darin sind richtig verschmiert, und überall hängen die Fasern der Moorschicht.
Doch lange darf die Schande nicht dauern.
Vor allem der Fußboden! Viele wohnen ja auf dem nackten Moor, und das soll sogar trocken halten und im Winter gar nicht so kalt sein. Aber da kennt ihr die Erdme schlecht! Neuer Lehm wird im Finstern geholt und ein Estrich gewalzt, auf dem man tanzen könnte zu Fastnacht. Dann werden die Wände verklebt, und dann kommt das feinste: der Bildschmuck. Überall in den Heydekrüger Läden sind wunderschöne, bunte Bilder ausgehängt. Die preisen Zichorienpulver und Chinawein und Malzextrakt und Hühneraugenringe in der Uhr und tausend andere nützliche Sachen. Und immer kommen neue Plakate. Die alten aber, die auf dem Speicher herumliegen, die bettelt man sich zusammen. Und die jungen Gehilfen lachen und holen sie gern. Außerdem war doch -- Erdme besinnt sich genau -- in der Rumpelkammer der Frau Schlopsnies ein Haufen alter Blätter aufgestapelt mit Ansichten aus allen fünf Erdteilen. Der Niagarafall und die Pariser Weltausstellung und die Spitze des Monte Rosa und so noch manches andere.
»_Liebe_ Frau Schlopsnies, _gute_ Frau Schlopsnies, ich hab' mich so sehr nach Ihnen gebangt! Und wenn ich ein Mädchen kriege, möcht' ich's fürs Leben gern nach Ihnen benennen.«
Und dabei weiß sie gar nicht, wie die Frau Schlopsnies mit Vornamen eigentlich heißt. Aber die Blätter bekommt sie geschenkt, sogar die Kupferstiche aus einer Modenzeitung sind dabei, die Frau Schlopsnies sich einst gesammelt hat, als sie noch keine alte Schachtel war und als Kellnerin hochkommen wollte.
Die sind noch so gut wie neu. Und wenn die Erdme wirklich einmal Töchter kriegt, dann müssen sie genau so angezogen gehen wie alle diese schönen Damen, die einem das Herz vor Neid im Leibe umdrehen.
Und nun wird die Stube geschmückt! Bild neben Bild geklebt, und die buntesten kriegen die vornehmsten Plätze. Schließlich sind ihrer so viele, daß man den Niagarafall wegschmeißen muß, und die Spitze des Monte Rosa schon deshalb, weil es da oben so kalt ist.
So schön wie bei den Baltruschats ist es wohl nirgends. Der Taruttis hat ja auch Bilder geklebt, aber die sind bloß griesgrau und stammen aus Kindergeschichten und heiligen Büchern. Und bei Witkuhn hängt nur das Kaiserpaar mit dem Bismarck darunter, genau wie im Zimmer des Moorvogts.
Dem Witkuhn hat sie noch nichts gezeigt. Die Tage werden kürzer, und darum getraut sie sich nicht, ihn zum Helfen zu holen. Aber wie die Zimmerdecke gedichtet werden muß, da braucht sie ihn doch. Denn wenn der Jons heimkommt, dann ist es schon immer fast dunkel.
Erst will er gar nicht hereinkommen -- gewiß hat er wieder mal Angst --, aber als er die Farbenpracht sieht, da geht doch ein Lächeln -- ein Lächeln der Freude natürlich, daß es so schön ist -- über sein stilles Gesicht.
Und der Erdme wird das Herz voll von Dankbarkeit.
»Ohne dich, Nachbar,« sagt sie, »hätten wir's nie so weit gebracht.« Und sie legt ihm die Hände auf beide Schultern.
Da plötzlich klappt er vor ihr zusammen wie ein Taschenmesser, sinkt auf den Bock, wo der Kleistertopf steht, schlägt die Hände vors Gesicht und weint.
»Was ist? Was ist?« fragt sie erschrocken.
Und weil sie ihn trösten will, beugt sie sich zu ihm nieder und streichelt ihn.
Und -- was tut er? Er umschlingt ihre Hüften und küßt ihr den Rock und küßt ihr die wehrenden Hände und will sie gar zu sich niederziehen.
»Nicht doch, Nachbar,« sagt sie mit einem Blick auf den Kleistertopf, »so was mußt du nicht tun.«
Und er sagt, sie solle sich seiner erbarmen, sonst muß er ins Torfloch.
»Schade, Nachbar,« sagt sie und lacht, wie sie immer gelacht hat, wenn sie einer hat haben wollen, »schade, daß du nicht früher gekommen bist. Als Mädchen nahm ich's nicht so genau. Da hat mich bald der geliebt und bald jener. Aber jetzt, wo wir uns so quälen müssen, der Jons und ich, da würde ich mich vor ihm schämen, wenn er des Abends nach Haus kommt. Außerdem, wenn du's wissen willst, in anderen Umständen bin ich wohl auch.«
Da steht er langsam auf, greift nach der Wand, sich festzuhalten, und geht hinaus wie betrunken.
Dem Jons sagt sie auch hiervon nichts, denn innerlich hat sie den Nachbar gern. Und um so gerner, seit sie weiß, daß er so an ihr hängt. Und weil ihr ist, als habe sie was an ihm gutzumachen, so hält sie es mit der Frau und hilft ihr, wo sie nur irgend kann. Ihr eigenes Tagwerk kommt zwar dabei oftmals in Rückstand, aber über das Schwerste ist sie ja weg. Und die Frau kann kaum noch den Eimer tragen, wenn sie vom Melken kommt. Zur Dienstmagd aber reicht es auch dort nicht.
Und die Frau sieht sie immer mit großen, bittenden Augen an, als will sie was sagen. Aber sie sagt es nicht, soviel die Erdme auch nachhilft.
Was kann es nur sein, was sie will? Manchmal denkt die Erdme: »Jetzt weiß ich's.« Aber das geht wider Natur und Religion, und darum wirft sie es weit von sich weg.
Der Nachbar wagt sich ihr nun gar nicht mehr in die Nähe, und wenn er vom Felde kommt und hört auf dem Hof ihre Stimme, kehrt er lieber noch einmal um. Sie möchte ihm manchmal entgegengehen, aber das sähe ja aus, als ermuntere sie ihn, und darum läßt sie es lieber.
Das Haus ist nun so weit, daß es bezogen werden kann, aber alles Geräte fehlt. Nur die Bank an der Giebelwand, die in jedem litauischen Hause steht, ist gleich beim Bauen festgemacht worden.
Und der Jons kommt immer später. Er sagt, er habe Überstunden, aber das glaubt sie ihm nicht.
Der Winter steht vor der Tür, und noch ist die Bettstatt nicht da und auch kein Tisch und kein Kasten.
Sie mahnt ihn tagtäglich, er solle nun zimmern, aber er schüttelt bloß immer den Kopf.
»Mein Gott, mein Gott,« denkt sie, denn sie geht mit der Katrike -- so wird es heißen, wenn es ein Mädchen ist -- nun schon im vierten Monat.
Ein Glück ist noch, daß die Kartoffeln gedeihen. Wie andere heimlich nach einem vergrabenen Schatze sehen, ob er noch da ist, so geht sie wohl dreimal am Tage zum Acker und kuckt sich erst um, ob niemand am Weg ist, und dann kniet sie rasch nieder und scharrt an _der_ Stelle und jener, nicht mehr, als ein Hündchen mit dem Vorderfuß klaut, -- und siehe da! überall sagt ihr ein junges Knollchen: »Labsriets« und »da bin ich«. -- Jetzt sind sie wie Walnüsse so groß und nach vierzehn Tagen schon, wie Katrikes künftige Fäustchen sein werden, und so wachsen sie immer noch weiter.
Aber der Jons tut, als gehe es ihn nicht das mindeste an. Für nichts hat er Sinn und Verstand, und nicht einmal den Wochenlohn liefert er ab. Er kommt und geht -- das ist alles.
Da fängt sie an zu glauben, er habe sich nicht weit vom Wege was Liebes angekramt -- und da sitzt er nun wohl die Abende über und wird sie zum Winter verlassen.
»Dann steck' ich das Haus in Brand,« denkt sie, »und zieh' hinüber zum Nachbar.«
Aber eines Abends so um die Michaeliszeit -- da kommt nach Sonnenuntergang ein Einspänner den Weg entlang -- beladen mit allerhand Zeug -- man weiß nicht recht was. Und neben dem Fuhrmann sitzt einer -- der hat so breite Schultern wie Jons -- und sieht auch sonst aus wie Jons -- und schließlich ist es auch Jons.
Und der Wagen hält vor dem Zufahrtssteg und tut, als will er aufs Moor einbiegen. Aber das trägt ja noch nicht. Das Pferd hat keine Schuhe an und würde versinken bis an den Leibgurt.
Und wie sie herzuläuft -- um Gotteswillen, was sieht sie da? Hoch auf dem Wagen steht ein Schrank, schön grün gestrichen mit roten und gelben Blumchen, und eine Bettstatt ebenso grün, und ein Tisch mit kreuzweisen Füßen, und sogar -- man kann es nicht fassen, ob auch das Abendrot draus in die Augen sticht wie mit feurigen Nadeln -- ein Spiegel ist da! -- Wahrhaftig, in goldblanker Leiste ein Spiegel!
Die Erdme denkt, sie muß in die Erde sinken, und das wäre auf dem Moor auch gar nicht so schwierig.
»Ist das für uns?« schreit sie ihn an.
Er lacht, wie er seit Wochen nicht mehr gelacht hat, und reicht ihr den Spiegel herunter. Sie solle ins Haus gehen, sich rasch das Haar zurechtmachen, sie sehe ja aus wie die Hexe, die Rágana selber.
Und sie kuckt in den Spiegel -- der spiegelt zwar nicht -- aber es ist doch ein Spiegel.
Der Schrank wird gleich in die Stube gestellt, aber die Bettstatt muß auseinandergenommen werden, denn die Tür ist zu schmal, und der Tisch geht erst recht nicht hindurch. Aber schließlich steht alles an seinem Platz, und der Fuhrmann kriegt seinen Freitrunk.
Nur schade! Stockfinster ist es geworden. Selbst die Blumchen der Schranktür sind nirgends mehr zu erkennen.
Da sagt der Jons: »Was du wohl denkst! Das Schönste ist immer noch draußen.«
Er geht, und sie wartet gehorsam. Nie im Leben hat sie gedacht, daß man so klein dastehen könne neben dem eigenen Mann.
Da läuft ein Lichtschein über sie her. Und was bringt er getragen? Eine Lampe. Eine richtige Petroleumlampe mit Glasbehälter und Glocke, wie sie im Hoffmannschen Laden im Schaufenster stehen. Selbst in der Wirtsstube der Frau Schlopsnies hat es das niemals gegeben. Dort hatten sie alle bloß blecherne Schilder.
Der Fuhrmann fährt ab, und der Jons steht da und läßt sich bewundern.
Wie hat das zugehen können?
Ja, wie hat das zugehen können? Die Bretter sind aus der Sägemühle, das ist klar. Aber weiter? Als der Tischler Kuntze sich auf dem Holzplatz seinen Bedarf aussuchte, hat Jons ihn gefragt, wie man wohl am besten zu einer Einrichtung kommen könne. Da hat der Tischler sich erst umgesehen und dann gesagt: »Wer mir beim Aufladen behilflich ist, so daß ich nicht etwa zu kurz komme, dem werd' ich nach Feierabend zur Hand gehen und ihm zeigen, wie er es macht.« Nun, der Tischler Kuntze ist _nicht_ zu kurz gekommen. Im Gegenteil. Und zum Dank dafür hat der Jons sechs Wochen lang in seiner Werkstatt arbeiten dürfen bis in die Nacht hinein. Dann hat er noch zwanzig Mark zuzahlen müssen für Licht und für Ölfarbe, und noch heute können sie 'rüberziehen und im eigenen Heim wohnen wie jeder Besitzer.
So tüchtig ist der Jons und so gescheit. Es müßte wirklich mit unrechten Dingen zugehen, wenn zwei solche Eheleute nicht vorwärts kämen.
Und sie kommen vorwärts.