Part 7
Er antwortete, die Rede Alutens nachsprechend, daß gegen Gottes allmächtigen Willen Menschenkraft ohnmächtig sei, und man müsse zufrieden sein, wenn man sich nichts vorzuwerfen habe.
Da legte sie plötzlich beide Hände auf seine Schultern, sah ihn lange mit den bohrenden Augen an, die sie jetzt immer machte, und sagte dann: »Schlaf bei mir, Miks Bumbullis! Dann werd' ich dir etwas erzählen, was zu wissen dir nottut.«
Er fühlte eine große Unruhe und antwortete: »Mir ist nach lockeren Streichen nicht zumut. Erzähl es mir auch so.«
»Nein,« sagte sie, »anders tu' ich es nicht.«
»Ich werd' es mir überlegen,« antwortete er und ging aus dem Stalle.
In derselben Nacht kam die Erscheinung wieder. Sie war in ihrem Hemdchen, hatte auf jeder Achsel einen Vogel sitzen und trug einen Stengel in der Hand, aber das war ein Schierlingstengel.
Er sagte der Alute nichts davon. Und als der Abend kam, sparte er wieder sein Essen auf, holte sich heimlich einen Topf und trug es darin zum Kirchhof hinaus.
Er war des Glaubens, das alles sei unbemerkt geschehen, aber hinter dem Hofzaun stand Alute und sah ihm nach.
Diesmal gab die Giltinne sich nicht so leicht zufrieden, denn das Kind erschien ihm auch in der nächsten Nacht.
»Es wird wohl wieder ein Hahn sein müssen,« dachte er, aber ein unbestimmtes Gefühl hielt ihn ab, Alute zu bitten, daß sie ihn schlachte.
Die Erscheinung kam immer wieder, und die Unruhe verließ ihn nicht mehr.
Da faßte er sich ein Herz, und während die Frau noch auf dem Felde war, ging er der Madlyne nach in die Kammer. Als sie ihn kommen sah, stieß sie einen Seufzer aus und faltete die Hände wie eine, die sich bereit macht, selig zu sterben.
So schlief er also bei ihr, und als ihr Kopf an seiner Schulter lag, da kam es ihm zur Klarheit, daß er immer und immer nur nach ihr verlangt hatte.
Sie weinte ohne Aufhören und küßte ihm beide Hände.
Und dann ermahnte er sie, daß sie nun ihr Versprechen erfüllen solle.
Sie kniete vor dem Bette nieder und flehte: »Verlange es nicht! Verlange es nicht!«
Aber er verlangte es immer wieder.
Da sah sie, daß es kein Entrinnen mehr gab, und erzählte ihm, auf welche Art Alute das Kind umgebracht hatte. Und sie würde nie und nimmer zu überführen sein.
In seinem ersten Zorn griff er nach Madlynens Halse, um sie zu erwürgen, weil sie die Tat nicht verhindert hatte.
Sie sagte: »Drück nur zu! Drück nur zu! Oben am Hühnerbalken kannst du die Schlinge sehen, mit der ich mich aufhängen wollte. Und wärst du nicht so plötzlich gekommen, hätte ich es auch getan.«
Da sprang er aus dem Bette und lief nach dem Schleifstein. -- -- --
Alute arbeitete noch in den Kartoffeln, da sah sie einen Menschen auf sich zustürmen, der halb angezogen war und eine Axt schwang.
Und als sie ihren Mann erkannte, da wußte sie sofort, was geschehen war und daß es ihr nun ans Leben ging.
Sie rannte schreiend nach der Richtung des Dorfes hin, und er mit der erhobenen Axt hinter ihr drein.
Aber sie wagte nicht, nach einem der verstreuten Höfe einzubiegen, denn sie wußte, daß kein Türschloß und keine Menschenhand ihn hindern würde, die Tat zu begehen.
So lief sie weiter, und der Raum zwischen ihr und ihm verkürzte sich immer mehr.
Da sah sie nicht fern das Haus des Gendarmen und erkannte gleich, daß sie sich für heute und künftig nur retten konnte, wenn sie dem alles gestand. Die Anstiftung würde ihr niemand nachweisen, und der Meineid war bald gebüßt.
Als ihr Verfolger einsah, wohin sie steuerte, da ließ er von ihr ab, denn des Wachtmeisters Pistolen waren immer geladen. Er kehrte in seinen Fußtapfen um, und die Leute, die ihm gefolgt waren, gingen in großem Bogen um ihn herum.
Das Haus war jetzt so leer, wie er es bei seiner Heimkehr gefunden hatte. Auch nach Madlyne rief er umsonst.
Er zog sich einen warmen Rock an, steckte Geld in die Tasche, holte ein altes Gewehr hinter den Sparren hervor, das seit seiner Wilddiebszeit dort noch versteckt lag, und kroch auf dem Bauche von Graben zu Graben.
Als es finster geworden war, floh er über die Grenze. Rußland ist groß.
14
Der Gendarm erstattete die Anzeige.
Die Herren vom Gericht nahmen sich der Sache mit großem Eifer an. Ein Steckbrief wurde erlassen, Polizisten hielten Nachforschungen hüben und drüben, auch wurden Auslieferungsverhandlungen angebahnt, damit, wenn man ihn faßte, kein Aufschub entstand.
Alute, die trotz ihrer Selbstbezichtigung noch immer frei herumlief, lachte zu alledem und sagte: »Was gebt ihr euch für Müh'! Das Kind wird ihn schon holen gehn.« Sie hütete sich wohl, in ihrem Hause zu bleiben, und selbst für kurze Zeit ging sie nur in Begleitung hinein, denn sie fürchtete, daß Miks ihr dort auflauern würde.
Nacht für Nacht hielt sie sich mit dem Gendarmen und ein paar Männern, die dazu aufgeboten waren, hinter dem Kirchhofzaune versteckt. Die Männer wechselten ab, denn keiner konnte für die Dauer die Nachtwachen vertragen. Sie aber war immer zur Stelle. Bei Tage streifte sie herum wie ein wildernder Jagdhund. Wo und wann sie schlief, wußte keiner.
Wenn einer von den fremden Gendarmen, die den hiesigen jede zweite Nacht ablösen kamen, gegen Morgen hin frierend und mißmutig sagte: »Ich denke, wir stellen die vergebliche Arbeit ein, denn er müßte schön dumm sein, uns freiwillig in die Arme zu laufen,« dann wehklagte sie und flehte mit erhobenen Armen: »Erbarmen, Pons Wackmeisteris! Ich weiß, das Kind wird ihn schon holen gehn, -- wird ihn schon holen gehn.«
Was sie aber nicht wußte, war, daß zu gleicher Zeit und gar nicht weit vom Kirchhof Madlyne im Graben lag -- dicht an dem Wege, der von der Grenze her auf das Dorf zuführte. Sie hielt sich heimlich in dem Hause eines früheren Bewerbers auf, dessen Frau ihr dankbar war, weil sie ihn nicht genommen hatte. Und allabendlich, wenn es dunkel wurde, schlich sie sich hinaus auf Wache für den Fall, daß er vorbeikommen sollte.
Manchmal war es noch kalt, und manchmal regnete es, aber sie fror nicht und ließ sich ruhig durchweichen. Nur gegen den Schlaf anzukämpfen fiel ihr schwer. Darum legte sie sich gewöhnlich eine ihrer Klotzkorken auf den Kopf, die ihr gegen die Kniee fiel, wenn sie ihn einschlafend nach vorn überneigte. Und von dem Schmerze wurde sie dann wieder ganz wach.
Ab und zu ließ vom Kirchhof her ein leises Stimmengeräusch oder ein Säbelklirren sich hören; ab und zu, wenn der Wind danach stand, zog auch ein Tabaksgeruch über sie hin. Dann lachte sie höhnisch und schüttelte die Fäuste in das Dunkel hinein. Solange sie wachte, war keine Gefahr.
Aber in einer Nacht -- es mag die vierzehnte oder fünfzehnte ihres Dienstes gewesen sein --, da muß der Schlaf sie doch überwältigt haben, oder aber er war nicht auf dem Wege, sondern quer über die Felder gegangen, denn plötzlich hörte sie auffahrend vom Kirchhof her Knallen und Männergeschrei. Und die Stimme Alutens mischte sich keifend darein.
Da wußte sie: sie hatten ihn.
Weinend lief sie auf den Lichtschein los, der plötzlich aufgeflammt war.
Und da sah sie ihn auch schon kommen. Zwei Männer brachten ihn geführt, und Alute tanzte um ihn herum, indem sie ihm die Zähne zeigte und die Zunge ausstreckte.
In seinem Gürtel hing der Oberteil einer breithalsigen Flasche, die wohl beim Kampfe mitten durchgeschlagen war. Darin war das Opfer für die Giltinne gewesen, mit dem er dem Kinde noch einmal die ewige Ruhe hatte erkaufen wollen.
Madlyne warf sich ihm in den Weg und küßte die eisernen Ringe, in die sie seine blutigen Hände gesteckt hatten.
Er sah gleichsam mitten durch sie hindurch und schritt weiter -- seinem Schicksal entgegen.
Jons und Erdme
1
Am Osternachmittag sitzen im Chausseegraben nicht weit vom Matzicker Walde zwei Liebesleute -- der Jons Baltruschat und die Erdme Maurus.
Ach du gütiger Gott, was sich nicht alles lieben will auf Erden! Selbst die Aller-, Allerärmsten, die kaum das nackte Leben haben, möchten ein Nest bauen.
Der Jons ist das, was der Litauer einen »Antrininkas« nennt, der »Knecht eines Knechtes«. Das sagt wohl genug.
Und die Erdme hat unter den Deutschen ihr Glück machen wollen. Vorläufig dient sie als Abwaschmädchen in dem Schlopsniesschen Gasthaus nicht weit vom Bahnhof, das die Leute in Heydekrug meistens das »Hotel Lausequetsch« nennen. Mit Unrecht übrigens, denn in der letzten Zeit hat es sich sehr gehoben. Sogar die besseren Viehverlader verkehren bisweilen darin.
Ausgeputzt sind sie beide. Der Jons hat seine blanken Kirchgangsstiefel an und die schwarze Tuchjacke mit dem türkischen Halstuch. Und die Erdme -- die ist nun gar eine Feine! Litauisch trägt sich die doch nicht mehr! Sie hat ein weißes Zephirwollentuch um den Kopf geknüpft und eine halbseidene Bluse an, die hinten zuzuhaken ist. Die hat ihr einmal die Kellnerin geschenkt, weil sie ihr in ihrem Fortkommen hinderlich war.
Jung, stark und hübsch sind sie beide. Aber das ist auch alles. Eltern mit Haus und Hof haben sie nicht. Überhaupt -- wo sie herstammen, davon reden sie lieber gar nicht.
Die Erdme hat nicht viel Zeit. Denn um acht kommen die Handwerksburschen, die bringen Feiertagsfladen von der Walze mit und wollen reine Teller haben. Es geht da auch sonst sehr üppig zu. In der Küche werden jetzt sogar Ölsardinen gehalten, und das Öl darf man hinterher austrinken.
Der Jons fühlt sich dadurch gedemütigt. Wie wird eine Frau, die an so vornehme Lebensart gewöhnt ist, später neben ihm aushalten wollen?
Aber die Erdme beruhigt ihn gleich. Was hat das alles zu sagen gegen einen eigenen Besitz? Denn mit dem Besitzersein fängt das Leben doch erst eigentlich an.
Der Jons ist ganz ihrer Meinung. Jawohl -- aber wie? Die Vögel, die ringsum Halme suchen, die haben's leicht. Denen liegt der Baustoff frei auf der Straße, und für ihren Nestplatz brauchen sie auch nichts zu zahlen.
Die Erdme, die einen fixen Geist hat, redet ihm Mut zu. Und so ganz ohne Vermögen sind sie ja beide nicht mehr. Nun holen sie rasch ihre Beutelchen vor und breiten die Schätze neben sich aus, geben aber sorgfältig acht, daß beide nicht untereinander geraten. Denn das kann erst nach der Trauung geschehen, wenn die Gütergemeinschaft erklärt ist.
Das Häufchen der Erdme ist viel größer als seines, so groß, daß er beinahe argwöhnisch wird und nach dem Ursprung fragt. Sechsundsechzig Mark, die kriegt man nicht leicht zusammen.
Die Erdme wird zwar etwas verlegen, aber sie kann doch Auskunft geben. Das goldne Zwanzigmarkstück, das den Hauptstock bildet, hat ihr einmal ein Betrunkener geschenkt, der hernach verhaftet wurde. Doch das macht ja nichts, wieder abgefordert hat es ihr niemand. Und auch das übrige ist nicht etwa der Lohn für Gefälligkeiten, wie sie Bräutigams nicht gerne sehen, sondern redlich verdient von ehrbaren Gästen, die höchstens einmal in die Küche kommen, um ein ehrbares Mädchen zu kneifen, wo es sich kneifen läßt. Zuguterletzt hat sie ein reicher Viehhändler durchaus an Kindesstatt annehmen wollen und sich erst nach vielem Zureden damit begnügt, ihr neun Mark funfzig zu schenken, denn mehr hat er gerade nicht bei sich gehabt.
Das alles ist also in guter Ordnung, aber die lumpigen fünfundzwanzig Mark, die er sich in zwei Jahren -- und mit was für Opfern! -- von seinem Lohne erspart hat, können sich daneben nicht sehen lassen.
»Ach was,« sagt die Erdme, »zusammen sind das einundneunzig. Und für hundert kann man sich schon ein Haus bauen.«
»Ja wo?« fragt er. »Etwa im Monde?«
»Durchaus nicht im Monde, sondern sogar ganz nah' von hier. Auf der anderen Seite von Heydekrug, nach Ruß zu, wo im Rupkalwer Moor die Kolonie Bismarck liegt.«
»Ach so, in Kolonie Bismarck, wo die Diebe und die Mörder hausen,« meint er, denn in gutem Ruf steht sie nicht, die Kolonie Bismarck.
Die Erdme wird ärgerlich. Erstens gibt es Diebe und Mörder überall, und zweitens kommt es zunächst darauf an, daß man ein Haus über dem Kopfe hat. Dort ist man sozusagen beim preußischen Staat zu Gaste, der Grund und Boden vergibt, und einen vornehmeren Herrn kann sich keiner erdenken.
Er zweifelt noch immer, daß es möglich ist, für hundert Mark ein Haus zu erbauen, aber sie weiß es genau.
»Natürlich, nachhelfen muß man ein bißchen,« sagt sie und lacht ihm verstohlen zu. »Nachhelfen tut ein jeder, und der Moorvogt weiß viel, wo es herkommt.«
Nun lacht auch er, und der Entschluß wird besiegelt.
Wie sie aufstehen und die Kleider abgeklopft haben, betrachten sie einander und finden, daß sie ein Paar sind, das sich sehen lassen kann.
Er -- straff, breit, knorrig, mit wagerechten Trageschultern und zwei Fäusten, die nicht mehr loslassen, wo sie einmal zugepackt haben.
Sie -- eine richtige Scharwerksmarjell, hochbusig mit federnden Armen und Schenkeln von Eisen, mit flinkem Halse und blanken Backen, in denen zwei Augen listig und lustig Nähe und Ferne nach Beute durchmustern.
Zwei richtige Lebenskämpfer, bereit, dem Schwersten Stand zu halten und das Widrigste mit Schlauheit zu umgehen.
2
Zuerst der Moorvogt.
Der Moorvogt ist der unumschränkte Herrscher der Kolonie, der zweitausend Lebensschicksale sorgsam und strenge an obrigkeitlicher Leine führt. Über ihm steht nur noch die Generalkommission; doch wer und was das eigentlich ist, ahnen nur wenige.
Drei Tage später gehen sie also zum Moorvogt.
Mit List und Gewalt haben sie sich beide aus ihren Dienststellungen freigemacht. Die Erdme hat sich von ihrer Herrin eine Scheuerbürste an den Kopf werfen lassen und hierauf mit einer Anzeige wegen Körperverletzung gedroht, so daß sie schließlich mit dem Zeugnis auch noch ein Schmerzensgeld bekommen hat, und der Jons, der weniger gerissen ist, hat seinem Brotherrn bloß einen etwaigen Totschlag in Aussicht gestellt, falls er ihn nicht auf der Stelle abziehen lasse. Manchmal hilft das, manchmal geht es auch schlimm aus. Aber diesmal hat es geholfen.
So wandern sie also wohlgemut auf der Rußner Chaussee zur Kolonie Bismarck hinaus, die bald hinter dem Szlaszner Kirchhof beginnt und sich so weit ins Moor hinausstreckt, daß man ihr Ende nirgends absehen kann.
Als sie an der langen Brücke sind, die über die Sumpfniederung führt, bleibt die Erdme an dem schwarz-weißen Geländer stehen und zeigt auf die Kuhblumen hinunter, die ihre buttergelben Köpfe aus dem Überschwemmungswasser stecken, und sie sagt: »Wie die Blumchen da vorwärts kommen, ohne zu ertrinken, so werden wir auch vorwärts kommen.«
Und der Jons meint dasselbe.
Als sie aber vor dem ehemaligen Chausseehause stehen, in dem jetzt der Moorvogt wohnt, da fällt ihnen doch das Herz in die Schuhe.
Der Moorvogt ist ein starker Mann gegen die Vierzig, mit ernsten Augen und einem Munde, der ungern zu lächeln scheint. Eigentlich hart sieht er nicht aus, aber seine Rede ist scharf und gemessen. Angst muß man schon darum vor ihm haben, weil er so mächtig ist.
»Also anbauen wollt ihr euch?«
»Jawohl.«
»Seid ihr verheiratet?«
Das sind sie nun eigentlich nicht, aber das Aufgebot kann jeden Augenblick bestellt werden. Jetzt gleich, wenn er will.
»Sind die Papiere in Ordnung?«
Alles tragen sie bei sich, vom Taufschein an.
»Sind die nötigen Mittel da?«
Ob die da sind! Und mit zaghaftem Stolze ziehen sie ihre Beutelchen. Das Goldstück, das bei ihr obenauf liegt, scheint ihm einen großen Eindruck zu machen, denn zum ersten Male geht ein Lächeln über sein Gesicht.
Und er greift nach Mütze und Hakenstock und sagt: »Kommt mit.«
Dann geht er ihnen voran auf einer Straße aus Knüppeln und Lehm, die geradeswegs von der hohen Chaussee weg ins Moor hinunterführt. Das sieht nun freilich fürs erste nach allem aus, nur nicht nach einem Moor. Rechts und links nichts wie Kartoffeläcker und Siedlungen bis in den grauen Dunst hinein. _Die_ Häuser haben etwas mehr als hundert Mark gekostet! Da reichen selbst tausend nicht! Und ringsum Ställe und Schuppen! Und Gärten sogar -- die Zäune mit Ölfarbe gestrichen! Und jeder Zufahrtsweg hat seine kleine Allee, aus Quitschen und Birken -- weiß wie Schnee und schnurgerade.
Das Herz wird ihnen immer schwerer, aber zu reden wagen sie nicht. Sonst wären sie vielleicht noch umgekehrt. Denn wie kann man je daran denken, solche Herrlichkeiten sein eigen zu nennen?
So gehen sie wohl eine halbe Stunde lang. Eine Wirtschaft folgt der anderen, ein Ackerfeld dem anderen. Nur hie und da auf höherem Boden, wie aus Versehen stehen geblieben, ein Gebüsch von krüppeligen Fichten, die kaum einmal die Kraft haben, Nadeln zu tragen.
Dann allmählich verändert sich das Bild. Die Wohnhäuser werden ärmlicher -- demütiger, möchte man sagen --, die Wirtschaftsgebäude hören auf, und statt der beackerten Felder breiten sich kahle Moorheiden aus bis ins Endlose hin, von viereckigen schwarzen Teichen unterbrochen, die vom Torfstechen übriggeblieben sind. Auf denen sprießt ein junges Sumpfgrün. Sonst ist alles braun vor ihnen her. Wie beschorft ist alles.
Der Moorvogt hat den ganzen Weg über kein Wort zu ihnen gesprochen. Jetzt wendet er sich um und sagt: »Hier könnt ihr euch nun eine Baustelle aussuchen.«
Und er geht ihnen voran, seitwärts auf den Moorboden hinaus, der unter ihren Füßen quatscht und einsinkt. Und wo der Moorvogt den Stock einstößt, bleibt ein wasserglänzendes Löchelchen übrig.
Da endlich macht der Jons seinem bedrückten Herzen Luft und fragt beinahe schreiend: »Kann man denn hier überhaupt bauen?«
Der Moorvogt weist mit seinem Stocke zurück und in die Runde: »Die haben alle einmal so gebaut,« sagt er. »Das Trockenmachen ist eure Sache.«
Jons und Erdme sehen sich an und denken: »Was die anderen gekonnt haben, müssen wir auch können.« Und so suchen sie sich aufs Geratewohl einen Platz für Haus und Ackerland und sind dabei immer dem Weinen nahe.
Der Moorvogt umgeht mit ausgreifenden Schritten die ungefähr in Betracht kommende Fläche. »Diese Parzelle,« sagt er dann stehen bleibend, »gibt euch der Staat zur Bewirtschaftung. Sie wird natürlich genau ausgemessen werden und ist dann einen Hektar groß. Geht es euch gut, so dürft ihr später noch drei weitere dazu pachten. Auf dem Rückwege kommt bei mir an und gebt eure Unterschrift. Bis dahin überlegt es euch. Braucht ihr einen Rat, so bin ich dazu da. Viel Glück und guten Morgen!«
Damit gibt er ihnen die Hand, und weg ist er.
Nun stehen sie da und sehen sich wieder an.
Ja oder nein?
Nein -- dann müssen sie zurück in Dienst -- in einen härteren vielleicht, vielleicht auch niedrigeren, obgleich das kaum noch möglich ist, und die Hoffnung auf Haus und Herd versinkt für Jahre. Wozu sind sie jung und übervoll von unverbrauchten Kräften, die sich sonst für Fremde erschöpfen müssen? Also ja -- dreimal und tausendmal ja.
»Was die anderen gekonnt haben, müssen wir auch können,« wiederholt der Jons noch einmal laut, und die Erdme wiederholt es auch. Und damit sind sie fertig.
Das Nötigste, woran sie denken müssen, ist, sich für die nächsten Monate ein Obdach zu besorgen.
Sie gehen also an die ersten zwei Leute heran, die sie auf dem Acker arbeiten sehen, und sagen: »Wir wollen uns in der Nähe anbauen. Könnt ihr uns wohl so lange eine Kammer vermieten?«
Der Mann, der sanftblickende Augen hat und dem um das magere, bartlose Gesicht langes, graues Haar bis auf die Schultern fällt, sieht sie lange an und fragt dann: »Seid ihr verheiratet?«
Erdme lügt rasch »ja«, denn sie überlegt sich, daß ihr wahrhafter Stand, mag er noch so kurze Zeit andauern, ihnen bei allen Gutgesinnten Hindernisse bereiten würde.
Und die Frau, die auch nicht mehr jung ist und die so aussieht, als muß sie immer Senf aufschmieren, hat aber keinen Senftopf, die sagt: »Wir sind nämlich Gebetsleute. Wer nicht nach den Geboten des Herrn lebt, den nehmen wir nicht auf.«
Erdme sagt: »Auch wir wollen uns den Erleuchteten zuwenden,« denn sie weiß sofort, daß sie beide durch dieses Bekenntnis Freiwohnen erlangen werden.
Betten wird sie mitbringen, und so ist für Unterschlupf gesorgt.
Dann kehren sie wieder beim Moorvogt an.
Er hat einen großen Bogen ausgefertigt, sieht noch einmal ihre Papiere durch, und dann gibt Jons die Unterschrift.
Der Moorvogt ist zugleich auch der Standesbeamte und trägt sie als Brautleute in die Register ein.
Jons denkt an die Unwahrheit, die Erdme vorhin ausgesprochen hat, und fragt: »Die Zeit ist knapp. Werden wir als ledige Leute schon einziehen dürfen?«
Der Moorvogt lächelt, wie er damals getan hat, als er ihr Vermögen besah, und sagt: »Die Aushängebogen liest keiner.«
Damit sind sie entlassen.
Nun aber bleibt noch eins zu ordnen, das wichtigste von allem -- außer dem Pfarrer natürlich, bei dem das Aufgebot bestellt werden muß. Das ist für Jons, sich eine regelrechte Arbeit zu beschaffen, damit durch den Tagelohn für den künftigen Unterhalt gesorgt wird und ab und zu noch ein paar Groschen in die Baukasse kommen.
Man hat die Wahl zwischen der Torfstreufabrik und der Sägemühle, die beide jetzt zum Frühling Leute brauchen. Jons wählt die Sägemühle, weil er hoffen kann, dort am ehesten Gelegenheit zu billigem oder -- wenn das Glück es will -- auch kostenlosem Holzerwerb zu finden.
Sie gehen also den langen Weg nach Heydekrug zurück, -- und siehe da! kaum nachgefragt, da hat er auch schon die Zusage in der Tasche, daß er am nächsten Morgen antreten kann.
Zwei Mark pro Tag -- so viel hat er in seinem ganzen Leben noch nicht verdient.
Als die Dunkelheit gekommen ist, überlegen sie sich, daß noch nie ein Tag da war, der sie ein so großes Stück im Leben weiterführte. Aber er hat sie auch sehr hungrig gemacht. Und da sie beileibe kein Geld ausgeben wollen und zum Betteln zu jung und zu anständig aussehen, so scharren sie sich auf dem Weg nach dem neuen Zuhause ein paar Saatkartoffeln aus einer Miete, was gewiß eine große Sünde ist, aber der Besitzer hat noch genug, und so geschieht niemandem ein Schade.
Die Taschen voll kommen sie heim, und als sie beim Abkochen ein andächtiges Abendlied singen, schenkt ihnen der fromme Wirt sogar noch ein Stückchen Speck dazu.
3
Der Entwässerungsgraben ist das erste. Ohne den geht nichts.
Erdme hat ihn fast allein gezogen. Denn wenn Jons auch um drei aufsteht, um fünf muß er ja auf dem Weg zur Sägemühle sein, und abends ist sein Helfen auch nicht viel wert. Dann hängen ihm die Arme immer wie Säcke am Leibe.
Aber Erdme -- die schafft es. Sie steht bis zu den Knieen im eiskalten Wasser und sticht und gräbt und gräbt und sticht -- quer durch das widerspenstige Wurzelwerk, das manchmal durch keine Menschenkraft bezwingbar scheint.
Der fromme Taruttis -- so heißt der Wirt -- sieht von weitem ihr maßloses Mühen, und da sein mitleidiges Gemüt es ihm befiehlt, so läßt er oft die eigene Arbeit im Stich und kommt, ihr über die schwersten Stellen hinwegzuhelfen.
Dafür aber sieht sich Jons zu seinem bitteren Ärger genötigt, die kostbaren Freistunden des Sonntags mit Singen und Beten zu verschwenden. Frommsein ist gewiß eine schöne und notwendige Sache, aber man muß Zeit dazu haben. Sonst wird es zur Landplag'.
Die Arbeitsgelegenheit in der Sägemühle hat sich übrigens als ein Glücksfall erwiesen. Denn aus den Gesprächen mit den Fuhrleuten kann man auf unauffällige Weise tagtäglich erfahren, in welchem Walde und an welcher Stelle geeignetes Holz zu nächtlicher Abholung bereit liegt.
Aber Jons ist nicht der Mann dazu, sich mit gebundenen Händen irgend einem Aufseher auszuliefern, dem es beliebt, ihn anzuhalten.
Die erste der kräftigen vier Kieferstangen, die als Eckpfeiler eines zu erbauenden Hauses nun einmal unentbehrlich sind, kauft er sich für blankes Geld von einem Besitzer, der wegen leidiger Hypothekenzinsen ein schönes Eckchen seines Waldes niederlegt. Dabei bekommt er einen regelrechten Kaufschein, den er fortan als Schirm und Schutz in seiner Tasche mit sich führt. Und als er mit Erdme in der übernächsten Nacht einen zweiten Stamm nach Hause bringt, der nicht ganz so rechtsgültig erworben ist, da kann er sich des guten Gewissens erfreuen, das solch ein Stückchen Papier seinem Träger verleiht.