Litauische Geschichten

Part 23

Chapter 23931 wordsPublic domain

Nun traf es sich aber, daß damals in Nidden der Pfarrer Hoffheinz Seelsorger war, der jüngere Bruder des Superintendenten, den die Tilsiter heute noch preisen. Das war gleich diesem ein lebensfroher und gottgefälliger Mann, der die Litauer liebte, als wäre er einer von ihnen, und allen, die seines Schutzes bedurften, Ratschlag und Zuflucht bot, soweit sein Arm sich erstreckte.

Der sagte: »Sie scheint großes Leid erfahren zu haben. Darum laßt sie in Ruhe bis an den neunten Tag. Die Behörden werd' ich solange auf mich nehmen. Und ist sie erst wieder bei Kräften, dann will ich sie selber befragen.«

Das war das Richtige. Am neunten Tage trat er zu ihr an das Bett, schloß die Stubentür ab und verweilte bei ihr wohl an die zwei Stunden.

Und als er wieder herauskam, hatte der fröhliche Mann die Augen voll Wasser und sagte: »Hier hat Gott ein Wunder getan.«

»An uns auch,« sagte die Alte, »denn ohne sie wäre das Kind der Anikke schon unter der Erde.«

Von nun an dauerte es keine zweite Nacht mehr, da erfuhr der Jozup Wilkat, wo sein Weib geblieben war -- und mit ihr das Kind, das sie nach seinem Glauben ihm schuldete. Und weil er sich schämte, sie in den Tod getrieben zu haben, war er sehr froh und machte sich auf, sie heimzuholen -- sie und das Kleine.

Das aber war es gerade, wovor die Marinke zitterte bei Tag und bei Nacht und das zu verhüten der Pfarrer ihr hilfreich sein wollte.

Und er, der klug war wie einer, hatte Befehl gegeben, daß, wenn ein Mann im Dorfe herumfragte, wo die Kiekutis wohnten, bei denen die Fremde sich aufhielt, kein einziger es wissen dürfe -- nicht einmal der Schulze -- und daß man ihn, wenn er durchaus keine Ruhe gab, ins Pfarrhaus weise; da könne er's wahrscheinlich erfahren.

So kam es, daß der Jozup, der wütend von einem zum andern lief und alsbald erkannte, daß man ihn narre, schließlich einem Manne ins Angesicht sah, mit dem sich nicht so leicht umspringen ließ wie mit einem schutzlosen Weibe.

Ja, das Weib -- das sei ihm egal, das könne seinetwegen gehen, Filzschuhe wichsen, aber das Kind -- das Kind, das müsse er haben, tot oder lebendig.

Nun war der Pfarrer Hoffheinz aber ein guter Freund vom alten Settegast -- er hat ja später in zweiter Ehe auch dessen Tochter geheiratet --, das sagte er dem Jozup so nebenbei. Und daß, wenn auf diese Weise die Kürbisgeschichte ruchbar würde, von einem Verschulden der Frau nicht mehr die Rede sein könne, das sagte er auch.

Da wurde der Jozup alsbald ganz windelweich, ließ seine Ansprüche fahren und setzte für die Zeit nach der Scheidung auch noch ein Jahrgeld aus, so hoch, wie es einer Besitzersfrau zukommt.

Ohne die Marinke mit einem Auge gesehen zu haben, fuhr er zurück übers Haff -- zurück zu seiner Mutter, der Wölfin. Und nie mehr hat er einen solchen Angriff gewagt.

Die Marinke blieb bei den guten Leuten, die ihr fast so zugetan waren wie einst die Mutter Enskys, und nährte zugleich mit dem eigenen Kinde das fremde rosig und blank.

Und als ein Jahr darauf dessen Vater herbeigesegelt kam, nach ihm zu sehen, da fand er es nicht anders, als ob die tote Mutter noch lebte.

So geschah es fast von selber, daß die beiden sich miteinander versprachen.

Er hatte in manchem Ähnlichkeit mit dem Jurris, und das gefiel der Marinke am meisten.

Die Hochzeit wurde in Frieden und Stille begangen. Und still und friedlich leben die beiden noch heute.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

Anzeigen des Cotta'schen Verlages

Hermann Sudermann:

Gebunden Im Zwielicht Zwanglose Geschichten. 37. u. 38. Auflage M. 3.50 Frau Sorge Roman. 156.-160. Aufl. Mit Jugendbildnis » 5.-- Geschwister Zwei Novellen. 35.-37. Auflage » 5.-- Der Katzensteg Roman. 106.-115. Auflage » 5.-- Jolanthes Hochzeit Erzählung. 31.-33. Auflage » 3.50 Es war Roman. 59.-63. Auflage » 6.50 Das Hohe Lied Roman. 61.-65. Auflage » 6.50 Die indische Lilie Sieben Novellen. 21.-25. Auflage » 4.50 Litauische Geschichten Vier Geschichten. 1.-25. Auflage » 5.-- Die Ehre Schauspiel in vier Akten. 46.-48. Auflage » 3.50 Sodoms Ende Drama in fünf Akten. 27. u. 28. Auflage » 3.50 Heimat Schauspiel in vier Akten. 42.-46. Auflage » 4.50 Die Schmetterlingsschlacht Komödie in vier Akten. 11. u. 12. Auflage » 3.50 Das Glück im Winkel Schauspiel in drei Akten. 21. u. 22. Auflage » 3.50 Morituri Drei Einakter: _Teja_. Drama -- _Fritzchen_. Drama -- » 3.50 _Das Ewig-Männliche_. Spiel. 21. u. 22. Auflage Johannes Tragödie in fünf Akten und einem Vorspiel 31. Auflage » 4.50 Die drei Reiherfedern Dramatisches Gedicht in fünf Akten. 14. Aufl. » 4.50 Johannisfeuer Schauspiel in vier Akten. 29. u. 30. Auflage » 3.50 Es lebe das Leben Drama in fünf Akten. 24. u. 25. Auflage » 4.50 Der Sturmgeselle Sokrates Komödie in vier Akten. 15. Auflage » 3.50 Stein unter Steinen Schauspiel in vier Akten. 13. u. 14. Auflage » 3.50 Das Blumenboot Schauspiel in vier Akten und einem Zwischenspiel. 12. » 4.50 Auflage Rosen Vier Einakter: _Die Lichtbänder._ Drama -- _Margot._ » 4.50 Schauspiel -- _Der letzte Besuch._ Schauspiel -- _Die ferne Prinzessin._ Lustspiel. 2.-10. Auflage Strandkinder Schauspiel in vier Akten. 6.-10. Auflage » 3.50 Der Bettler von Syrakus Tragödie in fünf Akten und einem Vorspiel. 6.-10. » 4.50 Auflage Der gute Ruf Schauspiel in vier Akten. 6.-10. Auflage » 3.50 Die Lobgesänge des Claudian Drama in fünf Aufzügen. 6.-10. Auflage » 4.50 Die entgötterte Welt Szenische Bilder aus kranker Zeit Inhalt: _Die » 5.-- Freundin._ Schauspiel in vier Akten. -- _Die gutgeschnittene Ecke._ Tragikomödie in fünf Akten. -- _Das höhere Leben._ Lustspiel in vier Akten. 7. Auflage

Cotta'sche Gelbe Bibliothek Romane und Novellen