Part 19
Die legte eines Tages die Arme um ihren Hals und sagte: »Mein Täubchen, du bist nun bei uns schon bald sechs Wochen, und ich habe dich wohl geprüft. Wenn ich dir sage, daß ich dem Jurris nichts Besseres wünsche als dich, so weißt du, wie ich gesonnen bin. Aber uns Frauensleuten spielen die Männer oft so schlimme Streiche, daß wir ins Unglück kommen und wissen nicht wie. Darum, sollte es dir vielleicht ebenso gehen, nimm deinen Mut zusammen und suche gutzumachen, was sich noch gutmachen läßt. Auf etwas Täuschung kommt es dabei nicht an, nur muß man den Knaben liebhaben, wenn man ihn täuscht.«
Wie die Mutter diese Worte gemeint hatte, vermochte Marinke nicht zu ergründen, aber gute Wirkung taten sie doch. Denn nun hörte sie auf, in Verzagtheit am Boden zu knieen, und sann darüber nach, wie sie dem Jurris wieder nahkommen könne. Leicht war das nicht, denn in den Garten ging er zum Feierabend nie mehr, und nie mehr wollte er einen Gang mit ihr machen.
Am nächsten Sonntag, so um die Dämmerstunde, hörte sie, wie er zum Alten sagte: »Ich bin schon lange nicht mehr am Ufer gewesen, ich muß einmal nach dem Kahn und dem Schuppen sehn.«
Wäre alles zwischen ihnen gewesen wie früher, so hätte er jetzt zu ihr gesagt: »Komm mit!« und wäre mit ihr an der Hand durchs Hoftor gegangen. Aber statt dessen schlich er sich um die Scheune herum und kroch durch die Zäune und blickte verstohlen zurück, ob es auch niemand bemerke.
Da sagte sie sich: »Ich tu's.« Und ging ihm nach. Aber sie ließ eine weite Entfernung, so daß seine scharfen Augen sie nicht erkennen konnten, sonst hätte er womöglich einen anderen Rückweg genommen.
Als sie wohl eine Viertelstunde gegangen war, setzte sie sich auf den Grabenrand und wartete.
Die Dunkelheit fiel herab, und rings um sie sangen die Heimchen.
Da schämte sie sich sehr, daß sie mit schiefen Gedanken im Kopfe hinter ihm herlief. Wäre es wie früher aus großer und reiner Liebe geschehen, so hätte sie sich kein Gewissen gemacht, aber nun die Not sie zwang, kam sie sich als eine Betrügerin vor. Dabei fühlte sie wohl, daß ihre Liebe zu ihm nur noch größer und reiner war. Aber es hätte ihr keiner geglaubt. Und auch sie selber glaubte es kaum.
So verging eine geraume Zeit, da hörte sie seine Schritte näherkommen. Beinahe wäre sie jetzt noch weggelaufen, aber sie zitterte so sehr, daß sie die Kraft zum Aufstehen nicht finden konnte.
Er blieb vor ihr stehen und fragte: »Wer ist da?«
Und sie fragte: »Wie kommst _du_ hierher?«
Da erkannte er sie und sagte: »Es wird dir zwar keiner was tun, aber Sitte ist es nicht, daß die Mädchen am Sonntagabend allein in den Wiesen herumlaufen.«
Sie erwiderte: »Was soll ich machen? Eine Freundin habe ich nicht, und der, der sich um mich kümmern sollte, der unterläßt es.«
Er fragte: »Meinst du mich?«
Und sie erwiderte: »Nein, ich meine den Jozup.«
Da setzte er sich neben sie und sagte: »Du hast Recht, Marinke, daß du mir Vorwürfe machst. Ich weiß, ich habe nicht gut an dir gehandelt, aber was sollte ich tun? Der Vater verlangt es so und hat mir einen schweren Eid abgenommen.«
Sie zuckte die Achseln und sagte: »Was ist ein Eid? Für dich schwör' ich fünftausend, und wenn sie zufällig falsch sind, dann lach' ich.«
Er antwortete: »Dies war kein gewöhnlicher Eid, wie man ihn etwa vor Gericht schwört. Der ging um _meinen_ Tod und um _deinen_ Tod, und zwei Lichter brannten rechts und links vom Gesangbuch.«
Sie sagte: »Dein Vater könnte auch was Besseres tun, als zwei Liebesleute zu ängstigen.« Und dann fragte sie ihn, ob es darum gewesen war, daß er sich bei jener Fahrt nach Augustenhof vor ihr versteckt hatte.
Er sagte: »Ja«, und sie legte den Kopf auf seine Kniee und schluchzte. Sie dachte nicht mehr an das, was sie mit ihm vorhatte, nur sattweinen wollte sie sich.
Den Jurris kostete es große Mühe, sie wieder in die Höhe zu kriegen, und dann küßte er ihr die Tränen von den Backen und weinte mit ihr.
Sie wollte ihm wehren, denn sie dachte: »Ich taug' ja nichts mehr,« aber sie war so glücklich, wieder bei ihm zu sein, daß sie den Mut dazu nicht fand.
Als sie heimgingen, hatte jeder den Arm um des anderen Hüfte gelegt, und der Jurris sagte: »Jetzt ängstige ich mich nicht mehr vor dir, denn ich weiß, es _kann_ nichts Böses geschehen.«
Das gab ihr einen Stich durch die Brust, denn es _mußte_ ja was Böses geschehen. Heut' oder nächstens. Und ob es auf Tod oder Leben ging -- gleichviel.
Von neuem hub sie an, den Eid ins Lächerliche zu ziehen. Diesmal aber tat sie's mit guter Berechnung. Und sie küßte ihn wieder und wieder und merkte mit Freuden, daß er schwindlig wurde und wankte.
Als sie auf den Hof gelangten, war alles schon dunkel und still.
Er konnte sich nicht von ihr trennen, und sie dachte bereits, er würde bitten, ihn mit sich zu nehmen in die verschwiegene Stube, aber da riß er sich los und floh ins Haus, als säße der Böse ihm auf den Hacken.
Sie kniete vor ihrem Bette nieder, wie sie schon manche Nacht gekniet hatte. Und betete und rang mit sich und horchte ab und zu, ob die Klinke sich nicht bewegte.
Die Taglöhnerfrau schlief fest, aber selbst wenn die sie hörte, was tat ihr das noch?
Und dann stand sie auf. Und da er noch immer nicht kam, trat sie den schweren Gang an nach seiner Kammer.
7
Das war am Sonntag. Am Sonnabend darauf kam der Jurris zu dem Alten in die Stube und sagte: »Ich möchte dich in Gehorsam bitten, Vater, daß die Hochzeit etwas frühzeitiger stattfinden kann.«
Der Alte blickte von der Bibel auf, in der er las, und sagte: »Du hast wohl deinen Eid gebrochen?«
Und der Jurris erwiderte: »Ja, ich habe meinen Eid gebrochen.«
Da geriet der Alte in großen Zorn und rief: »Dafür strafe dich Gott!«
Der Jurris senkte den Kopf und sagte: »Gott wird mir vielleicht vergeben, denn es war gar zu schwer.«
Der Alte aber schrie: »Nein, Gott wird dir _nicht_ vergeben. Ebenso wenig, wie _ich_ dir vergebe, daß du mich in so große Ungelegenheit gebracht hast.«
Und er lief auf seinen Schlorren umher wie ein Rasender.
Nach einer Weile sagte er weiter: »Natürlich muß die Hochzeit früher stattfinden. So früh als möglich muß sie stattfinden, damit nicht vielleicht hinterher ein Stein auf mich geworfen wird. Aber das sage ich dir: Kummer und Drangsal werden mit euch zu Tische sitzen, und der Tod wird hinter euch stehen, weil du den Willen Gottes so wenig geachtet hast, und den Willen deines Vaters noch weniger.«
Da ging der Jurris traurig hinaus und sprach mit keinem ein Wort, nur daß er zur Marinke, die in Ängsten stand, im Vorübergehen sagte: »Er hat es erlaubt.«
Und alsbald erhob sich im Hause ein großes Rumoren, denn die Vorbereitungen zur Hochzeit sollten sogleich beginnen.
Das Aufgebot war bestellt beim Standesamt sowohl wie beim Pfarrer, und der Jozup erschien am hellen Vormittag auf einem mit Bändern geschmückten Pferde und selber mit Bändern geschmückt an Achseln und Hutrand. Dem reichte die Mutter eine lange Liste hinauf in den Sattel von allen den Gästen, die zu der Hochzeit zu laden waren.
Und die Marinke wurde geschickt, ihm den Festtrunk zu zapfen.
Als sie das Glas zu ihm hochhob, packte er es so gierig mit seinen Händen, daß sie die ihren nicht lösen konnte. Und so hielt er sie fest und sagte: »Wenn ich nun losreite, dann mußt du mit und kommst nicht mehr frei bis ans Ende der Welt.«
Und sie sagte erschrocken: »Dann wärst du ein schlechter Hochzeitsbitter.«
Er trank und sprengte lachend davon, sie aber fühlte seine Hände brennen bis gegen Abend.
Es war gerade die Zeit der Hafereinfuhr und des ersten Pflügens, aber beides mußte hintangestellt werden, weil es im Hause soviel zu tun gab.
Und die Leute im Dorf wunderten sich und sagten: »Die Marinke ist doch erst so kurze Zeit hier; sollten die beiden schon vorher miteinander gekramt haben?«
Es war ein Glück, daß der Alte durch keinen erfuhr, daß er gerade das Gegenteil davon erreichte, was seine Absicht gewesen war; er hätte sich sonst vielleicht den Schlag an den Hals geärgert. Der Jurris aber erfuhr's. Dem steckte es der Jozup nur allzubald.
Und obgleich im Grunde ja nichts dabei war, so grämte er sich doch immer noch mehr und dachte in seinem Herzen: »Sollte so das Unglück bereits beginnen?«
Und der Jozup bestärkte ihn noch und warf immer neue Kohlen ins Feuer.
Die Marinke hingegen tröstete ihn und sagte: »Wenn zweie sich liebhaben, für die gibt es kein Unglück und kein Verschulden, denen steht Gott zur Seite und nimmt den Eidbruch von ihrer Seele und noch viel Schlimmeres.«
Sie war nun wieder ganz obenauf, und wenn sie ihn heimlich im Arm hielt, vergaß sie alles, auch daß sie vor kurzem noch so große Angst gehabt hatte. Dabei arbeitete sie für dreie, und Töpfe und Eimer und Garben und was sie zu fassen bekam, flog wie Spielzeug durch ihre dankbaren Hände.
Der Jurris aber hielt's mit dem Müßiggang. Sie mochte ihm noch so viel zureden, seine Arbeit wurde nur halb getan, und wäre nicht glücklicherweise ein Scharwerker zu mieten gewesen, wer weiß, ob der Hafer nicht ins Faulen gekommen wäre. Dafür trieb er sich um so mehr auf dem Haffe herum. In einer Zeit, in der keiner, der Landwirtschaft hat, ans Fischen nur denken kann, machte er sich morgens und abends draußen zu schaffen.
Der Frühherbstregen setzte ein, und oft kam er naß bis auf die Knochen vom Ufer nach Hause. Aber im Käscher hatte er nichts. Nur auf das Draußensein kam es ihm an.
Die Marinke küßte ihm beide Hände und sagte: »Jurris, Jurris, es tut dir ja keiner was.« Aber auch das half nicht viel.
Eines Morgens wehte stark der »Aulaukis«, der Südwest, den die Fischer nicht mögen, besonders wenn Regen als Zugabe kommt.
Als die Marinke hinaussah, dachte sie: »Nun, heute wird er wohl nicht gefahren sein,« aber wen sie zum Frühstück nicht finden konnte, weder im Hof noch auf dem Felde, das war der Jurris.
Die Vormittagsstunden vergingen, und sie dachte: »Um Gottes willen, wo bleibt der Jurris?«
Und als er zum Mittagbrot noch nicht da war und auch die Mutter das Fürchten bekam, da hielt sie sich nicht länger, sondern sprang von der Mahlzeit auf und rannte hinaus und dem Strande zu.
Schon als sie quer durch die Wiesen lief, erkannte sie: das war kein Wind mehr, das war ein Sturm. Und der Regen bohrte wie Hagelschlacken.
Die Tür des Schuppens schlug auf und zu, und der Handkahn war weg.
Vom Haffwasser ließ sich nicht viel erkennen, denn die Regenwolken strichen ganz niedrig darüber hin, aber die Strandwellen gingen so hoch, als wollten sie jeden auffressen, der ihnen zu nah kam, und das Rohr schrie, als hätte es eine Menschenstimme bekommen.
Die anderen Kähne waren alle zurückgeschoben, so weit, daß die Wellen sie nicht erreichen konnten, und die Marinke dachte bei sich: »Jetzt muß ich hinausfahren -- muß ihm entgegenfahren.«
Aber wenn sie einen Kahn bis an das Wasser herangebracht hatte, dann schlugen die Wellen ihn sofort zur Seite, so daß er beinahe kieloben lag.
Da sah sie ein, daß ihr Wille voll Unvernunft war und daß sie davon nur den Tod haben würde.
Und sie warf sich im nassen Sande auf die Kniee, wie sie es jüngst vor ihrem Bette oft getan hatte, und dachte es durch Beten zu zwingen.
Aber kein Kahn kam aus den Regenwolken gekrochen, und keine Menschenstimme rief: »Da bin ich.«
Ja, _eine_ Menschenstimme war da. Ganz plötzlich schallte sie ihr in die Ohren und sagte: »Was machst du?«
Und diese Stimme gehörte dem Jozup.
Da vergaß sie alles, was sie gegen ihn auf dem Herzen gehabt hatte, und hob die gefalteten Hände zu ihm auf und flehte ihn an, er möchte mit ihr hinausfahren. Für sie allein sei es zu schwer. Aber zusammen würden sie ihn schon finden.
Der Jozup fragte: »Seit wann ist er fort?«
Und sie erwiderte: »Seit in der Frühe.«
Da lachte er bloß und sagte: »Dann ist er längst wieder an Land und sitzt verschlagen wer weiß wo.«
Aber sie glaubte ihm nicht. Und er fuhr fort: »Denkst du denn, daß Menschen sich acht Stunden lang in so 'nem Wetter draußen herumtreiben können? Oder sich erst den Platz aussuchen zum Landen? Da ist es jedem egal, wo ihn der Sturm an den Strand wirft. Du aber komm ins Trockene, denn dir klappern ja alle Glieder.«
Und er führte sie in den Schuppen und schlug die Tür hinter sich zu, so daß sie fortan im Halbdunkel waren.
An den Wänden hingen die Netze, und über das Heu, das im Winkel lag, war der Mantel des Jurris gebreitet. Da hielt er sich wohl öfters versteckt, wenn alle ihn suchten.
Und sie streichelte den Mantel mit ihren erklammten Fingern und küßte den Saum und sagte: »Komm doch wieder! Komm doch wieder!«
Aber weinen konnte sie nicht mehr, denn sie hatte schon all ihre Tränen verschüttet.
Der Jozup stand daneben und biß sich die Lippen. Und dann sagte er: »_Warum_ soll er eigentlich wiederkommen? Es sind ihrer genug da, die bloß auf dich warten.«
Da drehte sie sich um und spie nach ihm.
»Warum speist du mich an,« sagte er, »da ich doch einstmals dein Mann sein werde?«
Und sie sagte: »Laß mich hinaus. Ich habe schon lange gewußt, was du für einer bist.«
Aber er drückte sie auf den Mantel zurück, und indem er ihre Hände hielt wie in Klammern geschroben, sagte er folgendes: »Du betest da immerzu, er möchte doch wiederkommen, aber wenn ich jetzt als sein Freund mein Gebet mit dem deinen vereinigen wollte, dann würde es lauten: er soll _nicht_ wiederkommen. Und er _wird_ auch nicht wiederkommen. Wenigstens als Lebendiger nicht. Und darum gehörst du schon mir, und das will ich dir gleich beweisen.«
Sie rang mit ihm und schrie: »Vergreife dich nicht an mir, denn ich trage ein Kind von ihm.«
Aber er lachte sie aus: »Du willst ein Kind von ihm tragen? Hat er mir doch oft genug von dem Eid vorgeklagt, den er dem Vater hat ablegen müssen. Der Schlappschwanz kehrt sich an Eide! Ich aber kehr' mich an nichts und will tausend Tode sterben, wenn ich dich kriegen kann.«
Und sie rang weiter mit ihm und schrie: »Ich trage ein Kind von ihm!«
Und er sagte mitten im Ringen: »Wenn es die Wahrheit wäre, daß du ein Kind trägst, dann ist es nicht von ihm. Gott wird schon wissen, von wem es ist.«
Da brachen ihr die Arme mit einmal entzwei, und sie fiel hintenüber und wußte von nichts mehr.
Als sie sich wieder aufrichtete, stand die Tür offen, und niemand war da außer ihr.
Unter ihr lag noch immer der Mantel des Jurris. Den streichelte sie von neuem und küßte den Saum, aber sie dachte dabei: »Mir ist ganz recht geschehen.«
Und sie betete nun auch nicht mehr, er möchte wiederkommen. Hätte sie ein Gebet gehabt, so würde es gelautet haben wie das von dem Jozup: »Er soll _nicht_ wiederkommen.«
So ohne Mut und so voll Scham war ihre Seele.
8
Im nächsten Frühling bekam die Marinke einen Knaben. Der sollte einmal die Enskyssche Wirtschaft erben, denn außer weitläufiger Verwandtschaft war keiner als Erbe da.
Die Marinke war den Winter über im Hause geblieben und durfte um den Ertrunkenen trauern, als ob ihn der Pfarrer ihr angetraut hätte. Und niemand in der Gegend nahm Anstoß daran, denn die Hochzeit war ja bestellt gewesen. -- Bloß daß nun ein Begräbnis daraus wurde.
Und die Enskene, die beinahe ihre Schwiegermutter geworden wäre, ehrte sie wie ihres Sohnes leibliche Frau, ja selbst der Alte war immer gut zu ihr, aber das geschah um des Enkelsohnes willen, den er von ihr erwartete.
Vor den Gerichten hatte er keine Angst mehr, denn er fühlte sich durch den Eid, den er dem Sohne abgenommen hatte, hinreichend gesichert auch über dessen Tod hinaus.
Der Jozup war während des ganzen Winters nur dann im Hause zu sehen gewesen, wenn er die Milch abholte, und Marinke hatte sich wohl gehütet, ihm zu begegnen.
Aber einmal geschah es doch. Sie kam gerade vom Melken, da stand er breit in der Stalltür. Hinter ihr ging mit den Eimern die Magd. Um derentwillen mußte sie tun, als ob nichts vorgefallen war.
Er bot ihr die Hand und sagte: »Ich halte mich fern von dir, aber wenn die Zeit gekommen ist, wirst du ja wissen, wo du hingehörst.«
Und ohne Widerspruch ging sie an ihm vorüber, denn daß sie ihm verfallen war, daran zweifelte sie nicht.
Und so sehr hatte sie sich an den Gedanken gewöhnt, daß sie die alte Wilkene, die das Haus bisweilen besuchte, bereits als zukünftige Schwiegermutter betrachtete.
Aber freundlich war die durchaus nicht mehr.
Wenn sie an ihrem klappernden Stock über den Hof gehumpelt kam, gab es der Marinke stets einen Stich durch das Herz, und sie dachte in ihrem Innern: »Bin ich erst in dem Wolfsnest drin, dann werde auch ich das Hemd auf den Schultern mit meinen Tränen waschen.« Denn so heißt es in dem alten Liede.
Manchmal kam ihr wohl der Gedanke, sich nach der Entbindung ins Elternhaus zurückzubegeben; aber wie man sie aufnehmen würde, wenn sie mit dem Kinde auf dem Arm um Unterkunft bat, daran gab's nicht den mindesten Zweifel. Im übrigen wäre auch das vergebens gewesen. Der Jozup hätte sie auch von dorther geholt.
So neigte sie sich also in Demut vor dem kommenden Schicksal, und nur die bösen Augen der Alten machten ihr Angst.
Eines Tages sagte die Mutter zu ihr: »Was will die alte Wölfin immer von dir? Du willst ja nichts von ihr.«
Aber was der Jozup wollte, davon ahnte sie nichts.
Und eines späteren Tages -- der kleine Jurris mochte acht Wochen gewesen sein -- da kam er in Sonntagskleidern zu ungewohnter Stunde und setzte sich neben die Wiege, die gerade ohne Aufsicht neben der Haustür stand.
Die Mutter, die heraustrat, erschrak sehr, denn beim ersten Blicke hatte sie den Mann, der sich tief über das schlafende Kleine beugte, gar nicht erkannt.
Er richtete sich auf und sagte: »Der Tote ist mein Freund gewesen, und ich habe sein Kind bis heute noch nicht gesehen.«
Und die Mutter sagte: »So sieh es dir ordentlich an.«
Aber er tat nichts dergleichen, sondern fragte sogleich: »Habt ihr auch schon daran gedacht, ihm einen Vater zu geben?«
»Sein Vater liegt im Grabe,« sagte die Enskene, »und einen anderen braucht es nicht.«
»Nun, da wird seine Mutter wohl auch noch ein Wort mitzusprechen haben,« entgegnete er, »oder glaubt ihr, daß ihr sie ihr Leben lang als Magd bei euch behalten könnt?«
»Das Kind in der Wiege,« sagte sie, »wird künftig einmal Herr auf diesem Hofe sein, und die du meinst, halt' ich wie meine Tochter. Im übrigen glaube ich nicht, daß dich dies alles was angeht.«
»Dies geht mich nur insoweit was an,« erwiderte er, »als die Marinke demnächst meine Frau werden soll.«
Die Enskene erkannte sogleich, wie wenig Macht ihr über die einstige Braut ihres Sohnes gegeben war. Aber sie wollte es ihm nicht zeigen, und darum sagte sie: »Deine Werbung ist mir so willkommen, daß ich Lust hätte, meinen Mann zu rufen, damit er dich von dem Hofe weist.«
»Ich _habe_ gar nicht geworben,« entgegnete er, »denn ihr Vater wohnt ja wo anders.«
Da gab sie sich drein, setzte sich ihm gegenüber und weinte.
Und er wartete schweigend, bis die Marinke vom Felde kam.
Die Mutter ging ihr entgegen und sagte: »Schick ihn fort, so daß er nie wiederkommt.«
Sie getraute sich nicht, ihn anzublicken, wünschte ihm kaum »Guten Tag« und nahm dann das Kind aus der Wiege, um es zu stillen.
»Da hast du ja ein schönes Kind,« sagte er, »und ich will hinfort sein Vater sein.«
Sie neigte den Kopf und entgegnete leise: »Kannst du nicht wenigstens warten, bis die Trauerzeit um ist?«
Da rang die Mutter die Hände und schrie: »Du ermunterst ihn ja!«
Sie antwortete nichts, sondern hakte die Wiste auf und reichte dem Kinde die Brust.
»Pfleg es mir gut,« sagte er mit einem Lachen und schritt nach dem Hoftor.
Von nun an gab es trübe Tage im Hause. Die Mutter weinte, der Alte schalt, und beide verlangten, sie solle nicht von ihnen gehen.
»Hier hast du's wie eine Prinzessin, aber dort in dem Wolfsnest werden die Wölfe dich fressen mit Haut und mit Haar.«
So ging das Lied immerzu.
»Oder glaubst du, sie werden dir jemals verzeihen, daß das Kind dem Jurris sein Kind ist? Jetzt wird ja offenbar, warum die Alte dich anglupt, als schlepptest du ein ganzes Gehetz von Bankerts mit dir herum.«
So ging eine andere Weise.
Die Marinke sagte nur immer: »Habt Geduld, bis die Trauerzeit um ist.«
Der Alte aber war nicht faul, sondern fuhr zum Rechtsanwalt zweimal in der Woche, denn er wollte den Enkelsohn in den Händen behalten.
Als der Todestag des Jurris sich eben gejahrt hatte und sein Grab von frischen Blumen noch voll war, erschien der Jozup von neuem auf dem Hofe.
Diesmal hatte er es so einzurichten gewußt, daß er die Marinke allein sprach.
Sie kam mit einem Wäschekorb von der Bleiche und lief ihm gerade in die Arme.
»Ich habe deinem Willen nicht entgegengestanden,« sagte er, »und Geduld bewiesen ein Jahr lang. Aber nun ist sie zu Ende, und darum frage ich dich: Wann wirst du mir das Jawort geben?«
Sie schaute um sich, wie sie der Antwort entgehen könne, aber niemand war weit und breit.
»Deine Mutter ist mir böse gesinnt,« sagte sie. »Und du wirst zu ihr stehen gegen mich.«
»Meine Mutter ist dir böse gesinnt,« entgegnete er, »weil sie sich ärgert, daß du ein fremdes Kind ins Haus bringen wirst. Daß es mein eigenes ist, darf sie nie erfahren, sonst würde sie's ausschreien bis hinter Prökuls.«
»Es _ist_ auch nicht dein eigenes!« rief sie. »Das weißt du, und wenn du es nicht weißt, dann schwör' ich es dir.«
Aber er lachte sie aus. »Der gute Jurris ist tot,« sagte er. »Darum will ich so tun, als hättest du Recht. Wenn du aber denkst, ich würde zu ihr stehn gegen dich, dann kennst du mich falsch. Ich bin nach dir ausgewesen wie ein Verrückter, seit ich dir auf Augustenhof die erste Kanne vom Wagen gab. Ich habe mit meiner Mutter die Sache beredet bei Tag und bei Nacht, aber die verfluchten Enskys sind fixer gewesen als ich. Ich hab' ihnen den Hof anzünden wollen über dem Kopf, -- ich habe den Jurris -- na, nun ist egal, was ich wollte mit deinem Jurris. Aber hast du dir nie gedacht, warum ich da saß Abend für Abend neben ihm auf der Deichsel? Hast du geglaubt, daß ich ein Augenschmeißer bin und weiter sonst nichts? Ich hab' kein Wort von meinem Zustand zu dir geredet, denn schaliges Bier lieb' ich nicht, und den Bettler beißen die Hunde. Aber das hättest du wissen müssen, daß du mich entzweischneiden kannst mit dem Hackmesser, und ich würde noch nicht den Finger heben gegen dich. _Ich_ sollte zur Mutter stehn gegen dich? Ja, Marjell, was dachtest du von mir?«
Wie er das sagte, geschah es zum ersten Male, daß sie ihm recht in die Augen sah. Und es war, als spritze Feuer daraus, und es war, als sei eine Wendezeit gekommen und jage sie auf unbetretene Wege.
Ihre Seele wand sich vor ihm und konnte seinem Willen doch nicht entweichen.
»Die Eltern werden es nicht zugeben,« sagte sie, um doch etwas zu sagen.
»Welche Eltern? Deine oder dem Jurris seine?«
»Meine sind froh, wenn sie mich los sind,« entgegnete sie, »aber diese hier lassen mich nicht mehr weg.«
»Wenn der Habicht kommt, fliegt selbst die Krähe vom Neste, und um zwei solche Grasmücken sollt' ich mich kümmern?«
»Sie haben das Kind zum Erben bestimmt. So ein Glück kommt nicht wieder.«
»Ich habe ihm auch einen Hof zu vererben, wenn ich das will.«
»Hier geht es nicht nach deinem Willen, das weißt du sehr gut. Denn eigene Kinder kommen zuerst.«
Der Jozup war rasch von Begriffen. Er sah gleich ein: wenn er nicht drohte, kam er zu nichts.
»Na, gut,« sagte er, »dann muß ich doch wohl meiner Mutter erzählen, was zwischen uns passiert ist an jenem Sturmtag, als dem Jurris sein Kahn koppheister schoß. Was weiter geschieht, dafür wird _sie_ dann schon sorgen.«