Part 18
»Du hast kein Tuch,« sagte er, »du wirst Kopfschmerzen kriegen.« Und er holte eine Ölkappe hervor, die sollte sie aufsetzen. Aber sie wollte nicht, denn sie fürchtete, er werde über ihr Aussehen lachen müssen. Und das sagte sie ihm auch.
Aber da begann er schon im voraus zu lachen und rief: »Hundertmal reichen nicht, daß ich dich in der Ölkappe sehen werde.«
Und ohne sich zu besinnen, _was_ sie da sagte, entgegnete sie: »Aber dann werden wir auch verheiratet sein.«
Noch wie das Wort kaum heraus war, da schämte sie sich schon so sehr, daß sie sich am liebsten ins Wasser gestürzt hätte. »O Gott, o Gott,« dachte sie, »jetzt wird er mich für dreist und für zudringlich halten.« Und weil sie fühlte, daß sie ganz glutrot geworden war und immer noch röter wurde, drehte sie ihm den Rücken und machte sich klein.
Er -- vom Steuer her -- sagte: »Marinke, dreh dich doch um.«
Aber sie vermochte es nicht. Denn plötzlich stieg der Gedanke in ihr auf: »Es wird nicht sein -- es kann nicht sein. Es ist zu schön für mich -- und ich bin es nicht wert.«
Wie ein Herzbruch kam es über sie, so daß sie bitterlich zu weinen begann.
Der Jurris stand von seinem Platze auf und setzte sich neben sie, so dicht, daß ihr Rücken an seine Brust stieß.
Und er fragte sie, ob sie ihn denn wirklich nicht wolle, da sonst ja die Heirat kein Grund zu solchen Tränen sei.
Aber sie weinte nur um so heftiger.
Da schlang er von hinten her die Arme um ihren Hals, so daß ihr Kopf auf seine Schulter zu liegen kam. Sie drehte sich ein wenig nach ihm um, damit sie ihr nasses Gesicht nicht dem hellen Tage preiszugeben brauchte, und so lag sie an seine Jacke gedrückt und wurde wieder ganz still.
»Ach wenn er mich doch küssen möchte!« dachte sie.
Aber er küßte sie nicht.
Und dann war es Zeit, nach dem Netze zu sehen. Viel brachte der Fang nicht. Ein paar Bleie, ein paar Plötze. Das war alles. Aber sie kümmerten sich nicht darum, und schließlich lachten sie gar darüber.
Als sie den Wagen heimwärts fuhren, schob sie nicht mehr wie in der Frühe, sondern schritt an seiner Seite und zog mit ihm. Aber da es beim besten Willen auch jetzt nichts zu ziehen gab, legte er seinen freien Arm um ihre Hüfte, so daß er ihren Arm von der Deichsel abdrängte. Und darum gab es des Lachens kein Ende.
Doch zu Hause taten sie wieder ganz ernst, und als die künftige Schwiegermutter ihnen das Frühstück auftischte, wollte sie es nicht dulden und küßte ihr Ärmel und Rocksaum.
Da sagte die Enskene mit einem freundlichen Lächeln: »Was ihr gefischt habt, ist ja nicht viel, und doch hat mein Jurris einen guten Fang gemacht.«
Der alte Enskys aber ging mit mißtrauischen und ängstlichen Blicken um beide herum, so daß auch der Marinke wieder ganz angst ward.
»Ob er was weiß?« dachte sie.
Aber dann hätte er wohl nicht gewollt, daß sie »auf Prob'« ins Haus kam.
Und darum ging sie wieder beruhigt an ihre Arbeit.
4
In dieser Woche hatte der Jozup Wilkat eigentlich nichts mehr auf dem Hofe zu tun, denn das Milchabholen besorgte ein anderer. Aber trotzdem sah man ihn morgens und abends. Einmal hatte er sich einen Bohrer geborgt, den er zurückbringen mußte, ein andermal war ihm die Wagenschmiere ausgegangen, und schließlich kam er ganz ohne Grund, setzte sich neben den Jurris auf eine Deichsel und rauchte manchmal drei Pfeifen aus.
Daß man den jemals einen »Bedraugis« genannt hatte, war zum Verwundern.
Der Jurris wußte nicht recht, wie er zu der neuen Freundschaft gekommen war, die eigentlich schon seit zwanzig Jahren hätte bestehen müssen, aber da sie ihm plötzlich vom Himmel fiel, ließ er es sich gefallen. Der Jozup, den alle für störrisch und abstoßend gehalten hatten, war gar nicht so schlimm. Er wußte Geschichten und Lieder die Menge, und wenn man die Auflösungen seiner Rätsel erfuhr, konnte man sich vor Lachen den Bauch halten.
Darum kamen auch die beiden Alten häufig dazu, und nur die Marinke machte sich ungern in seiner Nähe zu schaffen. Nicht daß er ihr einen Widerwillen eingeflößt hätte. Wenn sie ihn kommen und gehen sah mit seinen strammen Beinen und seiner pröpschen Kopfhaltung, gefiel er ihr immer ganz gut, aber die Herzbeklommenheit, die sie schon in Augustenhof manchmal befallen hatte, wenn er auf dem Milchwagen vorfuhr, verließ sie auch jetzt nicht.
Zuweilen dachte sie: »Der wird mir gewiß einmal ein Leid antun.« Aber ein bißchen Angst vor den Männern hatte sie ja wohl immer, seitdem sie erfahren hatte, wie wenig ein armes Mädchen vor ihrem starken Willen vermag.
Und sie brauchte auch nur nach dem Jurris hinüberzublicken, um zu wissen, wie gut geborgen sie war und daß jener ihr niemals würde zu nah kommen können.
Eines Spätabends beim Weggehen blieb der Jozup am Gartenzaun stehen und rief zu ihr herein: »Du, richt dich mal auf!«
Sie wollte erst nicht, denn sie zog gerade Mohrrüben aus der Erde für morgen Mittag, aber sie mußte es doch tun.
»Warum hältst du dich so weit ab von mir?« war seine Frage. »Ich beiß' dich nicht. Ich beiß' bloß in Rindfleisch.«
»Ich bin die Magd hier,« gab sie zur Antwort, »und ich habe zu tun.«
»Wenn du von Magd sprichst,« sagte er, »dann lachen die Hühner. Ich weiß am besten, wie bald du hier Herrin sein wirst.«
»Wenn du das weißt,« entgegnete sie, »dann wart hübsch, bis ich das Recht hab', mit dir zu reden.«
»Ich glaube nicht, daß dir Stummheit auferlegt ist,« sagte er, »und ich habe auch eine Bestellung an dich.«
Sie erschrak, aber sie nahm sich zusammen. »Wenn es wieder von Herrn Westphal ist,« entgegnete sie, »dann sag ihm nur, sobald die Reihe an uns ist, würde ich kommen -- und früher nicht!«
Aber diesmal war es was Anderes.
»Meine Mutter leidet an der Knochenkrankheit,« sagte er. »Sie hat gehört, daß du eine heilkräftige Hand hast, und bittet dich, sie ihr einmal aufzulegen. Bei _der_ Gelegenheit könntest du dir gleich unsere Wirtschaft besehn.«
Ihr wurde ganz heiß von dem allen.
»Wer das gesagt hat von meiner Hand,« entgegnete sie, »der erfindet sich Lügen, denn ich weiß nichts davon. Und was ich an eurer Wirtschaft zu sehen hätte, das weiß ich noch weniger.«
Damit bückte sie sich nach dem Gelbrübenbeet hinunter und sah ihn nicht mehr an.
Er stand noch eine kleine Weile, und ihr war, als fühle sie seine Blicke auf ihrer Haut; dann wünschte er »Guten Abend« und ging von hinnen.
»Mein Gott, mein Gott!« dachte sie. »Trachtet der auch nach mir?« Aber das konnte nicht sein! Würde er sich alsdann den Jurris zum Freunde ausgesucht haben?
Nach einer Weile hörte sie dessen Schritte den Mittelsteg herabkommen, und ihr Herz flog ihm entgegen. Sie dachte: »Wie kann man einen bloß so rasch liebhaben!« Aber sie blickte nicht auf und beklopfte die Möhren nur um so fleißiger.
Er blieb hinter ihr stehen und sagte: »Kannst du dir denn gar nicht genug tun? Es ist halbdunkel und Schlafenszeit, und du arbeitest noch immer.«
Sie stand auf und wischte das Schrapmesser an ihrer Schürze ab. »Du mußt nicht glauben,« sagte sie, »daß ich mich zeigen will vor dir oder den Eltern. Aber wenn ich daran denke, daß es vielleicht auch bald _meine_ Erde ist, auf der ich da kniee, dann wird mir der Abend zum Morgen und die Arbeit zum Spiel.«
Er sagte: »Wir haben uns immer noch nicht richtig miteinander versprochen.«
»Nein,« sagte sie, »das haben wir noch nicht.«
Und sie schickte sich an, den Korb mit den Gelbrüben ins Haus zu tragen.
Aber er nahm ihn ihr aus der Hand und führte sie den Mittelsteg weiter zu dem Eschenbaum, unter dem die Bank stand für Mittagsruh' und für Feierabend.
Dort unter den hängenden Zweigen war es fast Nacht, und wer einen auffinden wollte, den sah man schon lang' auf dem helleren Stege daherkommen.
Der Jurris stellte den Korb auf die Erde und setzte sich neben sie. Ihre Hand ließ er nicht los und nahm auch die andere dazu.
»Weißt du, was der Jozup heute gesagt hat?« begann er das Gespräch. »Wenn wir Hochzeit machen, möcht' er Brautführer sein.«
Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie Angst vor dem Jozup hatte, denn ihr war ja nichts Böses von ihm geschehen, und darum meinte sie nur: »So weit ist es ja noch nicht.«
Er antwortete: »Warum nicht? Wenn _du_ mich willst, _ich_ will dich. Ich hab' dich schon immer gewollt.«
Und sie erwiderte: »Ich will dich gern.«
Nun saßen sie eine Weile ganz still. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er lehnte die Backe an ihren Kopf. Und sie dachte: »Warum küßt er mich immer noch nicht?«
Nicht daß sie unzufrieden gewesen wäre oder ihn für linkisch gehalten hätte, aber sie hatte so große Sehnsucht nach ihm. Darum schob sie auch den Kopf sachte, ganz sachte immer weiter nach hinten, so daß erst ihre Backe auf seiner Backe und dann ihr Mund fast ganz auf seinem Munde lag.
Da mußte er es wohl tun, und es war wie ein Schaudern und wie ein Schlag. Und wie eine ängstliche Erinnerung war es und auch wie eine neue Angst.
Aber dann kam um so stärker die Seligkeit. Sie wußte nicht mehr, wieviel von ihrer Seele und ihrem Leibe noch ihr selbst gehörte, sie wollte ihm immer noch mehr von sich schenken und immer noch mehr die Seinige sein.
Doch da schien es ihr, als höre sie irgendwo rings ein Geräusch, und es war doch niemand den Steg heruntergekommen.
Darum sprang sie auf und sagte: »Komm. Es ist nicht mehr sicher hier.« Und wünschte ihm rasch »Gute Nacht« und lief stracks nach der Klete, wo ihre Kammer gelegen war.
Aber schlafen konnte sie nicht, denn sie dachte, es würde nicht lange mehr dauern, dann würde er nachgefolgt sein. In dem Nebenraum schnarchte die Taglöhnerfrau. Derentwegen hätte er es ruhig auf sich nehmen können.
Sie horchte und horchte nach der Türklinke hin, aber die rührte sich nicht. Statt dessen war es ihr, als ob draußen im Hofe leise, ganz leise Schritte sich regten, die zwischen Wohnhaus und Klete unaufhörlich hin und her liefen.
»Der Arme!« dachte sie. »Er traut sich nicht. Ich muß es ihm leichter machen.«
Und darum stand sie auf und öffnete sacht den oberen Teil der Tür nur eine Handbreit weit. Gott sei Dank, daß der Spalt nicht größer geriet! Denn als sie den Kopf für einen Augenblick durchgesteckt hatte, wurde ihr gleich offenbar, daß der, der da draußen im Sommernachtschein ruhelos umging, nicht etwa der Jurris, sondern sein Vater war, der wider Recht und Gewohnheit lauerte, damit, was sich liebte, nicht zueinanderkam.
5
Wider Recht und Gewohnheit! Gewiß. Denn wenn eine Braut, die »auf Prob'« ist, sich mit dem Bräutigam einig geworden ist, dann ziehen sie womöglich in eine Kammer, und keiner kümmert sich drum.
Aber hier geschah folgendes: Als am nächsten Vormittag der Jurris vom Felde kam, um kaltes Braunbier zum Trinken zu holen -- denn draußen beim Mähen und Binden starben sie alle vor Durst --, da fand er, als er den Rückweg antreten wollte, den Vater, der sich schon gern die Ruhe gönnte, wartend im Hausflur stehen.
»Komm doch mal 'rein,« sagte er.
Der Jurris stellte den Topf in den Schatten, und als er in die Stube trat, was sah er da?
Der große Tisch war mit einem weißen Handtuch bedeckt. Darauf standen zwei brennende Lichter, und zwischen ihnen lag das Gesangbuch.
Der Alte war barhaupt und hatte die Schlorren nicht an und sah furchtsam und heimlich aus.
»Nimm deine Mütze ab,« sagte er.
Der Jurris tat verwundert, wie ihm geheißen war.
Und der Vater fuhr fort: »Als die Marinke ins Haus kommen sollte, sagte ich zu dir: kennen lernen müssen sich die Menschen, die beieinander bleiben wollen ein Leben lang. Aber erst verlangte ich von dir das Versprechen, daß du ihr nicht zu nahe kommen wollest, solange die Hand des Pfarrers nicht auf eurem Kopfe gelegen hat. Und das gabst du mir auch.«
»Ich wußte nicht, wie das ist, Vater,« fiel ihm der Jurris ins Wort, »wenn die Braut einem so dicht nebenbei wohnt.«
»Und die Herren vom Gericht wissen es noch viel weniger,« gab der Vater zur Antwort, »denn es sind Deutsche. Und die Deutschen haben von Gott eine andere Vernunft bekommen als wir. So hat es sich vor etlicher Zeit auf dem Tilsiter Schwurgericht zugetragen, daß ein alter, ehrbarer Besitzer, der sein Lebtag nicht um Haaresbreite vom Pfade der Tugend gewichen war, ein Jahr Zuchthaus -- nicht Gefängnis, mein Sohn, sondern Zuchthaus -- gekriegt hat, weil sein Sohn und die Braut, die auch auf Prob' war, genau wie die Marinke, unter seinem Dache zusammen geschlafen haben. Er hat geweint und geschworen, es sei alles in Ehren geschehen, denn im Herbst sollt' ja die Hochzeit sein, und zu der Aust könnt' man zwei fleißige Händ' nicht entbehren; aber unbarmherzig, wie die Deutschen sind, haben sie dem alten Mann die Ehre genommen und haben ihn eingesperrt zusammen mit Räubern und Mördern.«
»Das kann nicht sein!« rief der Jurris voll Empörung. »Das wär' ja die schlimmste Gewalttat!«
»Die Deutschen nennen's Gerechtigkeit,« sagte der Vater, »und unter einander strafen sie sich genau so. Nun möchte ich aber auf meine alten Tage nicht auch in das Scheuchhaus kommen, denn Aufpasser gibt es ja überall. Und weil ich gestern abend gesehen habe, daß es so weit mit euch ist, weiß ich nur zwei Wege, mich vor Angst und Unglück zu retten: entweder ich schick' sie solang' zu den Eltern zurück --«
»Das geht ja nicht, Vater,« rief der Jurris entsetzt, »das würde aussehen, als wollten wir sie nicht haben.«
»-- oder du schwörst mir hier auf das heilige Gotteswort, daß du dich ihrem Leibe fernhalten wirst bis zu dem Tage der Hochzeit. Und niemand, selbst deine Mutter nicht, wird davon wissen.«
Das kam den Jurris hart an, aber was sollte er machen? Und er schwor zwischen den Lichtern, die Hand aufs Gesangbuch gelegt, was der Vater verlangte. Und daß, wenn er den Eid verletze, Gott ihn mit Drangsal und Tod heimsuchen wolle, das schwor er auch, genau wie der Vater es vorsprach.
Und dann brachte er das warm gewordene Braunbier aufs Feld hinaus.
Die Marinke, die in Rock und Hemde schwer atmend dastand, griff nach dem Krug, als ob er ein Glückstopf gewesen wäre. Aber ihm war, als tränke sie Trübsal daraus.
Nachher zur Mittagspause, als die Mäher alle im kargen Schatten zweier Weidenstümpfe lagen, rückte er so weit von ihr ab, daß sie sich erstaunt nach ihm umsah; aber sie dachte, daß es der Leute wegen geschehe, und darum beruhigte sie sich wieder.
Auch beim Nachhausegang schritt er nicht etwa an ihrer Seite, sondern machte sich mit den kleinen Steinen zu schaffen, die in den Wagenspuren lagen.
Und immer und immer wich er ihr aus, so daß sie schließlich ganz krank war.
Aber sie hatten sich ja miteinander versprochen. Darum zweifelte sie auch nicht an seiner aufrichtigen Meinung, und nur die große Sehnsucht nach ihm war es, die sie krank machte.
So kam der Montagabend heran, an dem der Enskyssche Wagen zum ersten Male wieder die Milch der fünf Wirte nach Augustenhof zu bringen hatte. Seit langem war ausgemacht worden, daß Marinke mit dem Jurris mitfahren solle, um dem Verlangen ihres früheren Brotherrn nicht länger entgegenzustehen.
Sie könne mit leichtem Herzen fahren, sagte sie zu ihrer künftigen Schwiegermutter, denn sie habe die Bücher aufs genaueste geführt, und nur ein Irrtum des Schweizers, der ihr Nachfolger war, könne schuld daran sein, daß etwas nicht stimmte.
Aber in Wahrheit war das Herz ihr schwer -- wenn auch nicht wegen der Bücher.
Sie schmückte sich mit Sorgfalt, flocht bunte Bänder durch die Zöpfe und legte ein seidenes Gürtelband an, dessen Sprüche sie selber eingewebt hatte. Und wenn sie daran dachte, daß sie nun zwei Stunden lang in der roten Dämmerung mit dem Jurris allein durch die Welt fahren sollte, so verschwand alles andere, wovor ihr wohl bangte.
Aber siehe da! Als die Stunde des Einsammelns kam, war der Jurris nirgends zu finden. Die Milchgefäße der Wirtschaft standen aufgeladen, und auch die der anderen Wirte warteten sicher schon lange, aber alles Rufen nach ihm blieb vergeblich.
»Dann wirst du wohl allein fahren müssen, mein Täubchen,« sagte die Schwiegermutter.
Sie erschrak sehr und weigerte sich. Und viel mehr Tränen weinte sie, als die kleine Fahrt wert war.
Da kam auch der Alte herzu, und wie er nun einmal war, fing er sogleich zu quengeln an. »Was machst du für ein Wesen?« sagte er. »Es scheint, daß du dich fürchtest, weil du mit Pferden nicht umzugehen verstehst.«
Das kränkte die Marinke natürlich aufs tiefste, denn den Litauer oder die Litauerin möchte ich sehen, die die Pferde nicht wie ihre Gespielen betrachten. Das Reiten und Fahren können sie alle womöglich noch früher, als sie das Gehen gelernt haben.
Darum erwiderte die Marinke auch nicht ein Wort, sondern biß nur die Lippen zusammen, stieg auf und fuhr vom Hofplatz herunter.
Der Schwiegermutter tat es leid, daß ihr Mann so häßliche Reden geführt hatte, und deshalb ging sie hinter dem Wagen her, um, wenn es sich machte, der Marinke was Tröstliches mit auf den Weg zu geben.
Aber sie holte sie nicht mehr ein, und nur von weitem konnte sie sehen, daß, als der Wagen bei den Wilkats hielt, die Alte trotz ihrer gichtbrüchigen Glieder flink auf die Achse stieg und die Marinke abbutschte, wer weiß wie sehr.
Und sie ärgerte sich noch, denn sie dachte: »Was hat die alte Wölfin ihr Maul an der Marinke abzuwischen?«
Eine Stunde später sah sie den Jurris wieder zum Vorschein kommen. Er sei auf dem Haff gewesen, nach den Aalreusen zu sehen, sagte er zu seiner Entschuldigung. Und als sie ihm Vorwürfe machte und weiter in ihn drang, erwiderte er nur noch: »Frage den Vater.«
Aber der wußte von gar nichts. Und beide Männer gingen zur Ruhe.
Sie hingegen konnte nicht schlafen, ehe die künftige Tochter wieder zu Hause war.
Darum bereitete sie das Abendbrot, setzte sich unter den Lindenbaum, ließ auch die Lampe brennen am Herd und schloß nur die Tür gegen die Mücken.
Der Mond ging auf, und der Nachtwind streichelte sie gleichwie ihr Slinka, der alte Kater. Sie wartete und wartete, aber die Marinke kam nicht.
Endlich gegen halb zwölfe hörte sie einen Wagen langsam, langsam näher knarren. Die Räder mahlten, und die Achsen schlackerten.
»Sie wird eingeschlafen sein,« dachte sie, »und die Pferde machen es sich zunutze.«
Aber als sie sie auf dem Sitzkasten sah, mit großen Augen nach dem Mond hinstarren, und dann absteigen ohne »Wie geht's?« und »Guten Abend«, da wußte sie, sie hatte nicht geschlafen, sondern ihr war etwas geschehen.
Sie liebkoste sie und sagte: »Du bist müde, mein Tochterchen, darum iß einen Bissen und lege dich nieder. Ich selbst werde ausspannen statt deiner.«
Und die Marinke ließ es auch zu.
Als die Mutter hereinkam, saß sie am Herde und kaute. Aber es war, als täte sie's nur, weil man es ihr befohlen hatte. Jetzt, da das Lampenlicht auf ihr lag, ließ sich erkennen, daß sie von Gesicht ganz weiß war, bloß daß unter den Augen zwei Flecken brannten.
Die Mutter umarmte sie und sagte: »Gestehe, was dir begegnet ist.«
Und sie erwiderte immer ins Leere hinaus: »Es hat nicht gestimmt.«
»Um wieviel hat es nicht gestimmt?« fragte die Mutter.
Sie besann sich einen Augenblick und erwiderte dann: »Mehr als funfzig Mark sind es, die fehlen.«
Da lachte die Mutter und sagte: »Die schick' ich noch in der Frühe und lege funfzig als Zinsen dazu. Die kann sich der Wieszpatis sauer kochen.«
Und die Marinke entgegnete heftig: »Um das Geld ist es nicht. Das hat er mir gleich geschenkt. Der Verdacht ist es -- die Schande ist es, daß der Schweizer nun sagen wird: >Eine lüderliche Kröt' ist vor mir im Amte gewesen.< Oder er sagt gar noch Schlimmeres.«
Die Mutter schalt sie, daß sie sich mit so unnützen Sorgen abgab, aber in ihrem Innern freute sie sich darüber, daß Gottes Gnade ihrem Jurris eine so rechtschaffene Frau hatte bescheren wollen.
Und sie sagte: »Morgen fahr' _ich_ mit der Milch, und wenn ich deinen Herrn Westphal seh', dann sag' ich ihm ordentlich die Meinung, weil er ein ehrliches Mädchen in schändlichen Ruf gebracht hat. Ja, das werd' ich tun und fürcht' mich nicht im geringsten.«
Als sie das sagte, hatte die Marinke zuerst ein sehr erschrockenes Gesicht gemacht. Dann aber lächelte sie ein weniges, wie man zu Kinderworten wohl lächelt. Dem Herrn Westphal trat kein Mann und keine Frau mit Vorwürfen unter die Augen. Dem nahte man höchstens mit einer Bitte im Munde.
Nicht ohne Grund nannten die Leute ihn weit und breit den »Wieszpatis«. Das heißt auf deutsch »König und Herrscher«. Und der liebe Herrgott heißt auch so.
6
Am nächsten Morgen benahm sich die Marinke fast wieder so wie gewöhnlich.
Sie küßte der Mutter den Ärmel und gab dem Jurris die Hand. Aber warum er sich gestern versteckt hatte, danach fragte sie nicht. Sie fragte überhaupt nichts mehr, sondern ging still an die Arbeit.
Die Tage verflossen. Der Roggen kam trocken herein, und Erbsen und Gerste nicht minder. Es war ein Jahr, gesegnet, wie wenige sind. Keine Trespe und kein Brand, nichts Ausgewintertes und nichts Enthülstes.
»Die Laumen meinen es gut mit uns,« sagte die Mutter, »seit das Kind bei uns wohnt.«
Und der Vater sagte: »Wenn nur nicht --« Aber das weitere verschwieg er.
Zwischen der Marinke und dem Jurris wurde es nie mehr so, wie es gewesen war. Sie gingen wohl freundlich nebeneinander her und sprachen auch, was der Augenblick brachte, aber zusammen allein zu sein, das suchte der eine nicht und auch nicht der andere.
Und jeder grämte sich auf seine Art.
Wenn die Marinke sich unbeobachtet glaubte, dann hing sie mit fragenden und ängstlichen Blicken an seinem Angesicht, und er wieder ging um sie 'rum wie ein Dieb und scheute sich, sie zu berühren.
Auch von der kommenden Hochzeit war nie mehr die Rede. Höchstens daß die Mutter einmal von der Aussteuer sprach und zu wissen begehrte, was das Elternhaus ihr wohl mitgab.
Der Jozup kam Tag für Tag. Wenn der Feierabend nahte, dann war er da. Und beide Freunde saßen vorm Pferdestall und rauchten oder aßen unreife Äpfel.
Einmal, als die Marinke das Rindvieh von der Weide heimtrieb, tauchte der Jozup neben ihr auf und begann ein Gespräch.
»Hast du auch schon den Schwiegereltern das Stück Brautleinwand geschenkt,« sagte er, »und Rautenblüte hineingelegt?«
»Warum sollt' ich das?« fragte sie. »Ich bin die Magd hier und sonst nichts.«
»Das hast du mir schon einmal gesagt,« erwiderte er. »Es ist Zeit, daß du freundlicher zu mir wirst, denn ich bin drauf und dran, dir die Hochzeitsgäste zusammenzubitten.«
»Ich weiß von keiner Hochzeit,« erwiderte sie.
Er stieß ein Gelächter aus. »Aber im Leibe sitzt sie uns schon, als hätten wir Tollwasser gesoffen. Ich lieg' bis zum Morgen und denk' an die Braut und die Brautnacht und soll doch bloß der Brautführer sein. Vom Jurris red' ich nicht, der schwitzt Öl vor Angst, wenn er daran denkt, die Junggesellenschaft zu verlieren, aber du, mein Tausendschönchen, du siehst mir nicht danach aus, als ob dir sehr davor graute, über ein Heunetz geworfen zu werden. Bloß er tut es nicht, der ehrbare Bräutigam. Vielleicht nimmt er sich einen Vertreter.«
Der Weg war schmal, darum mußte sie das lästerliche Gerede anhören, und als sie es ihm gerade verweisen wollte, da kam ihr mit eins der Gedanke: »Vielleicht weiß er mehr von mir, als mir gut ist; sonst könnte er gar nicht so dreist sein.«
Und sie fürchtete sich so sehr vor ihm, daß sie nur den Kopf senkte und ihn reden ließ, was er wollte.
Auch dem Jurris sagte sie nichts, obwohl sie innerlich wünschte, er möchte ihn mit der Peitsche vom Hof hinunterjagen.
Und bald darauf kamen Tage voll neuer Herzensangst. Die drückten noch härter als alles, was vordem gewesen war.
Sie lief von der Arbeit weg und versteckte sich in der Scheune, um in den Garben nach Brandkörnern zu suchen, sie irrte im Dorfe umher, ob nicht irgendwo ein Sadebaum sich über den Zaun hinstreckte, und ihre Füße waren verbrüht von kochendem Wasser.
Nachts lag sie auf den Knieen und betete, aber bei Tage machte sie freundliche Augen. Mit denen täuschte sie alle, nur die Schwiegermutter täuschte sie nicht.