Part 16
Die Erdme will dem Nachbar Witkuhn den Haushalt besorgen, aber das Kreuz ist ihr wie gebrochen von dem Streiche des Pfahls. Darum redet die Urte ihr auch zu, sich beizeiten ein Attest zu beschaffen wegen der künftigen Scheidung.
Um vier Uhr nachmittags wird drüben der gute Wagen angespannt, und Jons fährt weg, ohne das Gesicht nach ihr hinzudrehen.
Nun ist die Zeit da, herüberzuholen, was gestern zur Nacht nicht mitgebracht werden konnte.
Vor die Haustür, deren Schlüssel die Erdme bei sich trägt, hat der Jons zum Schutze vor Einbruch ein paar Bretter genagelt. Mit zwei Fingern kann man die losreißen. Es ist wahrhaftig zum Lachen.
Die Urte, die Katrike packen rasch ihre Sachen, und auch sie selber gibt an, was sie für Sonntags wohl braucht. Ebenso muß jeder sein Bettzeug haben, denn wie kann der Nachbar Witkuhn soviel Gäste versorgen?
Mag der Jons sehen, womit er sich zudeckt! Die Federbetten gehen mit, und so noch vieles andere, so daß der Handwagen des Nachbars viermal hochbeladen den Knüppelweg überquert.
Schwer wird der Abschied von den Kühen, die die Erdme nicht einmal melken kann, so weh tut ihr das Kreuz. Sie streichelt sie nur und wirft ihnen Heu hin und denkt: »Wie gut wär's, wenn ich sie drüben hätte!« Auch die Neue ist ihr bereits ans Herz gewachsen, und doch hat sie sie kaum schon gesehen.
Dann kriegen noch die Schweine ihr Futter, und dann geht es heim.
* * * * *
Gegen Mitternacht erhebt sich vor dem Hause des Nachbars ein furchtbarer Lärm. Schwere Schläge fallen gegen die Läden, und des Jons betrunkene Stimme schreit: »Ihr Diebe! Ihr Räuber! Kommt 'raus! Ich schlag' euch tot, ihr Räuber! Das verhurte Weib zuerst! Und dann ihren« -- »Liebhaber« sagt er nicht, es ist ein viel schlimmeres Wort, das er sagt. Und ebenso beschimpft er die Töchter und die Magd und droht, sie alle zu erschlagen.
Die Urte und die Katrike knien im Hemd an der Mutter Bett und kreischen bei jedem Schlage, der das Ladenholz zersplittern will. Und vor der Stubentür steht der Nachbar Witkuhn und ruft durchs Schlüsselloch, sie möchten ganz ruhig sein, er halte das Teschin in der Hand, und wenn der draußen einbräche, so sei es um ihn geschehen.
Aber schließlich entfernt sich der Wüterich, und auch das Winseln und Heulen Petruschkas verstummt nach und nach.
Am nächsten Morgen gibt es ein langes Gespräch zwischen dem Nachbar Witkuhn und der Erdme.
»Gestern dachte ich noch, du würdest zurückkönnen,« sagt der Nachbar, »aber heute seh' ich ein, daß die Brücke zerbrochen ist. Nun tu, was du für richtig hältst. Ich werde dir in allem zu Diensten sein, was dein Wunsch ist.«
»Ich weiß nicht aus, nicht ein,« sagt die Erdme.
Und der Nachbar sagt: »Ich habe es mein Lebenlang für das größte Glück auf Erden gehalten, daß du einmal meine Frau würdest. Aber nun mir plötzlich die Möglichkeit gegeben ist, daß es so werden könnte, da seh' ich ein, ich bring' es nicht übers Herz. Denn jeder wird sagen, wie Er es ausschrie heute nacht, daß wir in Buhlschaft gelebt haben alle die Jahre.«
»Beinahe wär' es ja so gewesen,« sagt die Erdme.
»Wenn es so gewesen wäre,« erwidert der Nachbar, »dann hätten wir längst kein Gewissen mehr und keine Scham und würden lachen, wenn die Leute mit Fingern auf uns zeigen. Aber nun schreck' ich schon zurück bei dem Gedanken, Ihm auf dem Weg zu begegnen.«
»Ich dränge mich niemandem auf,« sagt die Erdme gekränkt.
»Und ich bin ein alter Mann,« sagt der Nachbar. »Ich möchte nicht, daß du mir fluchst, wenn du mich auf den Kirchhof trägst.«
»So bleibt mir als einziges,« sagt die Erdme, »daß ich in Ausgedinge zu der Katrike zieh', wenn die jetzt heiratet.«
»Ist es denn schon so weit?« fragt der Nachbar.
»Wenn ich alles hergebe,« sagt die Erdme und drückt die Hand gegen das Sparkassenbuch, das sie auf nackigem Leibe trägt, »dann ist es so weit.«
»Er wird das Geld schon gesperrt haben,« sagt der Nachbar.
»Vielleicht auch nicht,« sagt die Erdme, und weil sie sowieso nach Heydekrug muß wegen des Doktorattestes, wird sie auch gleich die Fünftausend abheben, die ihr nicht weniger gehören als ihm.
Der Nachbar beschafft ein Fuhrwerk, denn er selber hat immer noch keins, und wie sie aufsteigen will, muß sie von zweien gehoben werden, so verschwollen ist alles.
Als der Doktor sie untersucht hat, macht er ein ernstes Gesicht und sagt: »Schlimm genug sieht es aus, und schlimm wird auch, was ich schreiben muß, aber ich rat' euch trotzdem: Vertragt euch!«
Bisher ist der Erdme noch alles gewesen wie ein ängstlicher Traum, und oft hat sie gedacht: »Wenn er jetzt käme und sagte: >Laß gut sein< -- weiß Gott, ich ginge zurück.« Wie der Doktor aber sagt: »Es sieht schlimm aus,« da wird ihr Sinn wie von Stein, und sie denkt bloß, daß sie sich Recht verschaffen muß vor Gott und den Menschen.
Der Beamte der Sparkasse kennt sie seit langem und zahlt ihr das Geld ohne Bedenken. »Ja ja,« sagt er, »wenn man Töchter verheiraten will.«
Und da hat sie's auch schon in den Händen.
Die Katrike, die mitgefahren ist, denn sie selber kann sich nicht an- und nicht ausziehen, weiß sich vor Liebe gar nicht zu lassen. Sie nennt sie »Mamusze« und »Mammelyte«, was sonst nur die Urte sagt, und »Mane Baltgalwele« -- mein Weißköpfchen -- nennt sie sie, wie die alten Mütter in den Liedern heißen, ob auch ihr Haar noch fast braun ist.
Auf dem Heimweg denkt die Erdme immerzu, jetzt wird sie dem Jons begegnen, aber sie begegnet ihm nicht. Doch auf ihrer Wiese, die wohl fünfhundert Schritt weit auf der anderen Seite der Chaussee gelegen ist, sieht sie was Helles. Das ist die Petruschka. Die sitzt und bewacht ihn, denn er ist wohl wieder betrunken.
Von weitem schon hört man das Brüllen der Kühe. Die müssen verkommen, wenn man sie da läßt.
»Hast du Platz im Stalle für sie?« fragt die Erdme.
»Ich habe Platz für alles, was dein ist,« sagt der Nachbar.
Darum schickt sie auch gleich die Jette und die Witkuhnsche Magd hinüber, die Kühe zu holen.
Und die Katrike tanzt herum wie eine Besessene. -- Das Geld und das Vieh -- alles ist da. Nun kann geheiratet werden.
Und noch am selben Abend macht sie sich auf, zum kleinen Tuleweit zu gehen, damit er so rasch wie möglich alles in Ordnung bringt.
Die Urte will sie begleiten, um einen Abstecher nach Heydekrug zu machen, wo irgendwo am Spazierweg die jungen Herren von gestern schon warten. Sie ärgert sich bloß, daß die Petruschka nicht bei ihr ist -- dann wäre ihr Anblick zehnmal so vornehm gewesen. Und darum bleibt sie schließlich zu Hause.
Die Erdme liegt und zittert vor Angst, daß der Spektakel von voriger Nacht heut wegen der Kühe noch einmal losgehen wird.
Aber nichts regt sich fortan.
Sie muß im Bette bleiben wohl eine Woche lang, und wenn sie sich aufrichten will, kriegt sie ein Handtuch anzufassen, woran sie sich hochzieht.
Die Marjellen aber nützen die Zeit und holen herüber, was für die Aussteuer irgend von Wert ist -- den großen Ecktisch und den buntblumigen Schrank und noch vieles andere.
Niemand hindert sie dran, denn morgens fährt er weg, und mit der Dunkelheit kommt er wieder, und die Petruschka läuft nebenher. Was er macht und wo er sich aufhält, weiß keiner.
Am fünften Tage von Erdmes Bettlägerigkeit tritt ein junger Mensch in die Kammer. Der hat einen deutschen Backenbart und schiefe, ängstliche Augen. Und hinterher schiebt sich mit heißem Gesicht und frisch gebranntem Strohhaar die Katrike. Sie ist fast einen Kopf größer als er und sieht aus, als möcht' sie ihn auf den Arm nehmen.
Das ist der junge Herr Schmidt, ihrer Tochter künftiger Bräutigam.
Er spricht die Erdme in stolprigem Litauisch an, und sie richtet sich auf und sagt auf Deutsch:
»Was Sie sich wohl denken, Ponusze! Wir reden das Deutsche genau so wie Sie. Und im Bett liege ich nur, weil ich das Gliederreißen habe. Gewöhnlich arbeit' ich wie sonst nur die Jüngste.«
Die Katrike und der junge Mensch sehen sich verstohlen an, woraus sie schließen muß, daß ihm die Tochter schon alles gesagt hat. Und noch etwas Anderes will sie daraus schließen, aber das drängt sie sofort von sich ab.
Er möchte am liebsten das Geld gleich mit sich nehmen, aber sie weiß, daß es ihr wohlgeborgen unter dem Leibe liegt, und erst müßte man sie totschlagen, ehe sie es hergäbe.
»In dem Kontrakt soll stehen,« sagt sie, »daß ich eine Altsitzerstelle bekomme mit so und so viel Korn und Kartoffeln und dem Recht, Hühner zu halten, und noch anderen Rechten, die ich alle bezeichnen werde. Sonst wird aus dem Kaufe nichts.«
Die Katrike fängt sofort an zu weinen und klagt sie an, sie steh' ihrem Glücke entgegen. Der junge Herr Schmidt aber sagt: »Es _wird_ auch alles in dem Kontrakte stehen, aber das ist ein ganz anderer Kontrakt als der, den ich mit dem Besitzer abschließen werde. Denn den geht es nichts an, was wir miteinander ausmachen wollen.«
Da sieht sie ein, daß der dumme Deutsche klüger ist als sie selbst, und schickt sich in das, was verlangt wird.
Aber erst will sie gesund sein und mit aufs Gericht gehen und alles bewachen können bis in das kleinste.
Die Katrike und der junge Herr Schmidt sehen sich schon wieder an. Dann aber geben sie sich die Hand und knien am Bette nieder und bitten um ihren Segen.
Sie weint und küßt und segnet die beiden, aber in ihrem Innern denkt sie dabei: »Ich will doch erst den Rechtsanwalt fragen.«
20
Der Moorvogt sitzt über seinen Schreibereien, und wenn einer am Chausseehaus vorübergeht, sieht er zum Fenster hinaus. Das ist seine Art, über die Leute, die ihm anvertraut sind, ins klare zu kommen. Aus ihrem Aussehen, ihrem Gang und der Stunde, die sie sich aussuchen, und den Lasten, die sie tragen, kann er genau erkennen, wie er mit ihnen dran ist, ob sie vorwärts kommen oder ob sie ins Lüdern geraten sind.
Der Moorvogt ist nun auch kein Jüngling mehr, und die dreißig Jahre, die er dem Moor geopfert hat, fangen an, seine Haare zu bleichen. Aber sein Auge sieht noch so scharf wie je, und noch immer hält er zweitausend Schicksale straff an der Leine.
Eines schönen Sommerabends sieht er den Jons Baltruschat zu Fuß nach Hause gehen, und doch ist er des Morgens im Leiterwagen vorübergefahren. Der Jons Baltruschat ist ihm schon seit einiger Zeit auffällig gewesen. Morgens macht er sich auf nach der Wiese, und abends fährt er betrunken zurück. Und der fremde weiße Hund, der dem Weibsbild von Tochter gehört, läuft nebenher.
Aber heute kommt er zu Fuß. Auch schwanken tut er. Aber seine Gangart ist mehr wie die eines Kranken als die eines Betrunkenen.
Darum macht der Moorvogt das kleine Fensterchen auf, durch das früher die Stange mit dem Lederbeutel geschoben wurde, und ruft ihm nach: »Jons, komm doch mal 'rein!«
Der Jons erschrickt und tut, als hat er nichts gehört, doch wie der Moorvogt nicht nachläßt, da muß er sich wohl bequemen, kehrt um und tritt in das Zimmer. Die Petruschka mit ihm. Sie läuft sofort zu dem Moorvogt, steckt die Schlangenschnauze in seine Hand und schlägt die nassen Augen zu ihm auf, als will sie sagen: »Wenn _du_ nicht hilfst!«
Der Moorvogt braucht nur _einen_ Blick, um zu sehen: Der Jons ist so gut wie ein verlorener Mann; aber er weiß, große Worte verschrecken bloß und verschüchtern, darum sagt er gleichsam so nebenher: »Mir war doch, als bist du heut früh mit Fuhrwerk gewesen. Hast du das irgendwo stehen gelassen?«
»Ja,« sagt der Jons, »das hab' ich stehen gelassen.«
»Na, wo denn?«
»Auf -- der -- Chaussee.«
»Aber warum denn?«
»Ja -- na.« Mehr ist nicht aus ihm 'rauszukriegen.
»Dann wollen wir's doch gleich einmal holen gehen,« sagt der Moorvogt und greift nach der Mütze.
Aber der Jons will nicht. »Wenn es 'n Zweck hätt',« sagt er.
»Warum hat's keinen Zweck?«
»Weil das Pferd gar nich mehr da is.«
»Wo ist es denn?«
»Wer kann wissen?«
»Ach so,« sagt der Moorvogt. »Du bist betrunken gewesen, hast dich in'n Chausseegraben gelegt, und unterdessen hat's dir einer ausgespannt.«
»Wer kann wissen?« sagt der Jons.
»Und da gehst du hier vorbei und machst keine Anzeige? Möchtest du den hübschen Braunen gar nicht mehr wiederhaben?«
»Is ja alles egal,« sagt der Jons.
»Sonst war dir sowas durchaus nicht egal.«
»Da waren auch noch die Kühe da.«
»Sind die denn _nicht_ mehr da?«
»Nichts is mehr da. Die Schweine werden sie heute auch wohl geholt haben.«
»Wer denn?«
»Na, die Erdme und die Marjellen.«
»Und das läßt du dir ruhig gefallen?«
»Is ja alles egal.« Und dabei bleibt er.
Die Petruschka sieht immer zum Moorvogt auf, wie der Mensch zum rettenden Herrgott. Der streichelt ihr den hohlen Rücken, dessen Fell verfilzt ist und verschorft von Wunden und schwarzgrau. Und er sagt: »Wie kommt's, daß der fremde Hund sich an dich gewöhnt hat?«
»Das is so gekommen,« sagt der Jons.
»Weißt du, was deine Tochter für eine ist?« fragt der Moorvogt.
»Ich will es auch gar nicht wissen,« sagt der Jons.
Damit geht er.
Der Moorvogt telephoniert an alle Amtsvorsteher wegen des Braunen und hat dann eine schlaflose Nacht.
Am nächsten Morgen läßt er sich den Smailus kommen. Der bibbert am Krückstock, und seine Augen sind ganz und gar wie verglast, aber das kühne Polengesicht hat er noch immer, und sein Schnurrbart wölbt sich forsch, als will er den Moskauern demnächst eine Schlacht ansagen.
Doch Schlachten schlägt der nicht mehr. Dafür hat seine Vierte reichlich gesorgt. Wenn es Gott will und sie stirbt, die ist imstande und verleidet ihm vorher die Fünfte.
»Was ist also mit den Baltruschats los?« fragt der Moorvogt. Und nun erfährt er das Nötige.
»Warum bist du nicht freiwillig zu mir gekommen und hast es erzählt?«
Seine Frau hat es nicht gewollt.
»_Warum_ hat deine Frau es nicht gewollt?«
Der Jons hat ihr einmal eine Ziege gepfändet, und dafür muß sie sich rächen.
»Und was hat sie ihm gepfändet?«
Der Smailus lacht schadenfroh. »Das ist gar nicht zu zählen,« sagt er. Überhaupt _das_ Weib! Aber davon will der Moorvogt nichts wissen.
»Glaubst du, daß die Erdme mit dem Witkuhn mal was vorgehabt hat?«
Diese Frage ist ihm zu schwer. Daß seine eigenen vier Weiber ihm treu gewesen sind, das weiß er, bei den anderen kann man niemals drauf schwören.
»Aber bemerkt hast du nichts?«
Nein, bemerkt hat er nichts. Und darum wird er entlassen. -- -- --
Der Moorvogt ist sich noch ungewiß. Soll er die Erdme in dem Witkuhnschen Hause besuchen oder soll er sie zu sich bestellen? Da sieht er sie eben vorbeigehen. Sie lahmt zwar noch, und Kreuz und Kopf trägt sie bewickelt, aber kriechen kann sie doch schon.
»Du -- komm mal 'rein!«
Sie steht da und sieht ihn böse an.
»Schöne Geschichten hör' ich von dir.«
Sie schweigt und sieht ihn böse an.
»Nach fünfundzwanzigjährigem Leben -- schämst du dich nicht?«
Da legt sie los: mit dem Zaunspfahl hat er sie geschlagen -- beinahe das Rückgrat hat er ihr gebrochen -- mit Schmutznamen hat er sie belegt -- ihren ehelichen Wandel hat er bekotzt -- die ehr- und tugendsamen Töchter hat er mißhandeln wollen, und was das Schlimmste ist, das Vieh hat er verhungern lassen, so daß sie es nur durch Rüberholen mit knapper Not errettet hat.
Der Moorvogt sieht sofort: die Sache liegt schlimm für den Jons, und _sie_ ist eine Furie geworden. Mit gut Zureden wird der nicht beizukommen sein. So versucht er es also mit böse: »Weißt du, was ich jetzt tun werde? Ich werd' dich durch den Gendarm in die Kaluse bringen lassen.«
Aber sie lacht ihn nur aus. »Das können Sie ja. Bloß morgen werd' ich schon wieder bei Ihnen vorbeigehen.«
»Wenn du dich nur nicht irrst.«
»Warum soll ich mich irren? Er hat ja keinen Antrag gestellt. Und er wird auch gar keinen stellen. Denn hier unter der Wiste hab' ich das Doktorattest. Darin steht geschrieben, wie schlimm es gewesen ist und daß ich nur durch ein Wunder am Leben bin. Wenn einer in die Kalus' fliegt, dann ist er es. Und ich zieh' jetzt zu meiner älteren Tochter. Die wird eine reiche Besitzersfrau. Und morgen wird sie das Aufgebot bestellen kommen. Und wenn ich erst hier 'raus bin, dann kann man mir sonst was.«
Das ist nicht Trotz mehr, das ist offene Auflehnung. Im Laufe der Jahre haben nur wenige ihm so entgegenzutreten gewagt.
»Was du eben gesagt hast, Erdme Baltruschat, das will ich nicht verstanden haben. Aber eins prophezei' ich dir: der Tag wird kommen, und er ist gar nicht weit, da wirst du dich glücklich preisen, bei dem Jons noch einmal unterkriechen zu können. Wir wollen hoffen, daß er dich dann auch aufnimmt.«
Sie beißt die Zähne zusammen und schwört bei Gott dem Allmächtigen: »Eher geh' ich und ertränk' mich im Torfloch.«
Und damit humpelt sie wieder hinaus nach Heydekrug zu, wo der Rechtsanwalt ihr raten soll, wie sie sich sichert, wenn Tochter und Schwiegersohn, denen sie alles opfert, sie übervorteilen wollen.
21
Das Geld muß hergegeben werden. Da ist nichts zu machen. Denn ohne Anzahlung kommt das Grundstück nicht in ihren Besitz. Es wird aus Vorsicht auf den Namen der Tochter geschrieben, damit der junge Herr Schmidt vor der Hochzeit nicht etwa noch abschnappt.
Die Kühe und die Schweine und alles, was vom Hausrat herübergetragen ist, sollen mit in die Wirtschaft kommen, denn es fehlt ja nicht weniger als alles.
Der Kontrakt wird unterschrieben, und das Geld ist weg -- so schnell, wie man eine Fliege in der Hand sterben läßt. Den Kauftrunk spendiert die Erdme, aber gemütlich ist er nicht. Der bisherige Besitzer behauptet, er hätte sein Hab und Gut wegwerfen müssen, und der junge Herr Schmidt ist der Ansicht, die Hälfte des Preises wäre auch noch reichlich gewesen. Daß es zum Prügeln nicht kommt, daran ist nur die Urte schuld, die nach beiden Seiten schöne Augen macht und dadurch das Schlimmste verhindert.
Hierfür belohnt sie sich, indem sie hernach noch ein bißchen spazieren geht, wobei sie alsbald die jungen Herren mit den Schmissen trifft, die ihr vorsichtig folgen, bis man sich auf der leeren Chaussee freundschaftlich einigen kann.
Die Katrike will mit dem jungen Herrn Schmidt über Nacht zu den Schwiegereltern fahren, was ihr nicht zu verdenken ist, und darum geht die Erdme allein nach Hause.
Nach Hause? -- Als ob sie ein »Zuhause« hätte -- das soll erst morgen kommen. Denn für morgen hat der Rechtsanwalt den Ausgedingevertrag bereitgelegt. Darin steht aufs genaueste geschrieben, was ihr bis zu ihrem seligen Tode zukommen wird -- ja sogar für die Zeit _nach_ dem Tode hat sie gesorgt. Nicht weniger als zehn Fladen und sechs Achtel Bier müssen den Begräbnisgästen vorgesetzt werden, und das Kreuz auf ihrem Grabe muß aus Gußeisen sein.
So ist alles aufs beste geordnet. Aber wohl ist ihr doch nicht zumut. Wenn jetzt zum Beispiel der Jons des Weges käme, wie könnte sie ohne ein Wort an ihm vorübergehen?
Da ist nun die lange Brücke, die über die Sumpfniederung führt! Und sie muß des Frühlingstages gedenken, an dem sie vor fünfundzwanzig Jahren mit Jons zum Moor hinauszog. Da kuckten die Kuhblumen vergnügt aus dem blauen Stauwasser, und sie sagte zu ihm: »Wie die Blumchen da vorwärts kommen, ohne zu ertrinken, so werden auch wir vorwärts kommen.«
Genau so sagte sie. Ihr ist, als wäre es gestern gewesen.
»Aber was hilft das Vorwärtskommen,« denkt sie, »wenn einem zuguterletzt alles wieder zunichte wird.«
In ihrer Unwissenheit hat sie gemeint, sie seien längst über den Berg, und Hader könnt's gar nicht mehr geben; da ist er mit einmal da gewesen wie der Dieb in der Nacht und hat alles -- aber auch alles -- zunichte gemacht.
Übrigens: eine Wut hat sie auf die Katrike, die ihr das Geld aus den Händen riß! Kaum einmal warten konnte die Kröt', bis sie die Wiste aufgehakt hatte!
»Aber morgen,« denkt sie, »morgen wird alles festgemacht werden.« Aus dem Hause wird sie keiner fortekeln können, dafür hat der Rechtsanwalt schon gesorgt, und das Brautpaar hat wohl oder übel seine Zustimmung geben müssen.
Bloß daß die Unterschrift fehlt. Morgen um elf werden sie sich wieder in Heydekrug treffen, und übernächsten Sonntag kann dann die Hochzeit sein.
Wie sie beim Nachbar anlangt, ist ihr zumut, als muß sie sich wieder krank hinlegen, so zerschlagen fühlt sie sich. Aber das kommt nicht vom Rücken her, das ist das Herzweh, weil sie alles hergeben muß.
Der Nachbar erkennt ihren Zustand wohl und redet ihr Trost zu. Aber was kann er viel sagen?
Zwei Stunden nach ihr kommt die Urte. Sie hat heiße Backen und sieht verjucht und verjachert aus. Sie ist dem Moorvogt begegnet, und der unverschämte Kerl hat sie angehalten und verlangt, sie soll ein Führungsattest beibringen. Was der sich wohl denkt?
Sie macht sich viel an ihrem Koffer zu schaffen, aber zu der ermatteten Mutter ist sie voll Zärtlichkeit und besteht darauf, daß der Nachbar einen Wagen besorgt und sie morgen selber nach Heydekrug fährt. Denn der weite Gang zwei Tage gleich nach einander könnte zu viel für sie sein.
Spät abends kniet sie noch vor der Mutter Bett und streichelt und küßt ihr die Hände und bittet ihr alles ab, was sie ihr Böses getan hat und weiter noch tun muß. Die Erdme weiß zwar nicht, was sie meint, aber von solcher Weichherzigkeit ist sie heut, daß sie den Kissenbezug ganz naß weint.
Und morgens, wie sie mit dem Nachbar davonfährt, fängt die Urte von neuem an, gerade so, als wär' es ein Abschied für immer.
Heut achtet sie nicht darauf. Sie hat nur Augen für drüben. Ob nicht der Jons sich irgendwo sehen läßt. Aber drüben ist alles leer und still. Auch keine Petruschka blitzt irgendwo auf. Freilich, blitzen tut die nicht mehr, denn die ist jetzt dreckig, wer weiß wie.
Pünktlich um elf hält der Wagen vor dem Rechtsanwaltshaus. Sie denkt, die Brautleute schon lauernd zu finden, aber keiner ist da. Auch um halb zwölfe noch nicht und um zwölfe ebensowenig.
Der Rechtsanwalt hat auf dem Gerichte Termin und sagt im Vorbeigehen, jetzt müßte sie warten bis zwei, denn früher käm' er nicht wieder.
Und wie er um zwei wiederkommt, sind die Brautleute noch immer nicht da.
»Jetzt ist Büroschluß bis um halb vier,« sagt er. »Inzwischen können sie immer noch kommen.«
Der Erdme, die auf der Schwelle sitzt, tut seit langem das Kreuz weh, und der Nachbar redet ihr zu, in die nächste Schenke zu gehen. Dort kann sie sich wenigstens ausstrecken. Aber sie will nicht. Sie könnte das Brautpaar am Ende verfehlen.
Der Nachbar kauft ihr Semmel und Schnaps, und dann geht es ja wieder.
Wie die Uhr sechs schlägt, kommt der Bürovorsteher heraus und sagt, für heute sei es nun leider zu spät, aber der Schriftsatz liege ja da und der Herr Rechtsanwalt werde morgen oder auch sonst wann zur Beglaubigung gerne bereit sein.
So fahren sie wieder zurück. Die Erdme hat das Kopftuch um Mund und Backen gebunden und redet kein Wort. Was soll sie auch reden? Man muß sich ja fürchten zu denken -- um wieviel mehr noch zu reden!
Auch dem Nachbar ist die Kehle erfroren. Und so kommen sie an.
Was sie da finden, glaubt keiner. Ich kann es euch zehnmal erzählen, ihr glaubt es mir doch nicht.
Die Kühe sind weg. Die Schweine sind weg, die Betten sind weg. Auch der andere Hausrat von drüben ist weg. Die Urte ist ebenso weg. Und selbst die kröt'sche Marjell, die Jette, ist weg.
Dem Nachbar Witkuhn Seine, die ein ordentliches Mädchen ist, sieht die erschreckten Gesichter und fängt hell zu weinen an. Sie haben gesagt, es geschehe im Auftrag der Erdme, sonst hätte sie den Nachbar Smailus gerufen oder sonst wen -- und sie schielt hinüber nach Baltruschats Haus.
Was bei Jesu Namen _ist_ also geschehen?
Bald nach elfe ist ein Leiterwagen vorgefahren. Darauf haben die Brautleute gesessen und haben erklärt, sie wollten jetzt alles überführen, was in die künftige Wirtschaft gehört. Und die Mutter wäre schon dort, um einzurichten, und käme nur später noch einmal, die eigenen Sachen zu holen.
Und dann haben sie vorne das Hausgerät aufgeladen und hinten die Schweine. Und die Kühe haben sie angebunden, und so sind sie davongefahren. Und die Urte hat ihr noch fünf Mark geschenkt für die gute Bedienung.
Ja richtig! Zwei Briefe haben sie auf den Tisch gelegt. An wen die sind, weiß sie nicht, denn Aufschrift hat keiner.