Part 15
Nur einer ist nicht zufrieden -- das ist der große, magere, weißlockige Hund. Der schnüffelt und schnobert, und wenn man ihn 'reinzieht, läuft er wieder hinaus. Auch das vorgesetzte Fressen rührt er nicht an. Die Urte muß ihm von dem mitgebrachten Hundekuchen was geben, sonst würde er am Ende verhungern.
Die Urte erklärt: »Das ist ein sibirischer Windhund, Barsoi genannt, aus einer ganz alten vornehmen Zucht mit einem Stammbaum, der reicht wohl hundert Jahre zurück.«
Sie hat ihn von einem russischen Grafen bekommen, der mit ihrem Freunde befreundet war und auch mit ihr. Er hat den Namen Petruschka, und alle lachen sehr, als sie ihn hören, denn Petruschka heißt »Petersilie«.
Erdme kann nichts den ganzen Tag lang, als die nach Hause gekommene Tochter ansehen und ansehen.
Wenn die auf dem harten Bretterstuhle sitzt -- einen besseren gibt es ja nicht -- und mit den dunkelroten Lippen lächelt und die goldenen Haare geben Feuerstrahlen um sie herum, dann ist der Erdme, als muß sie in einen finsteren Winkel kriechen und weinen und beten, daß Gott sie nicht strafen wolle für dieses allzu große Glück.
17
Der Urte -- die jetzt Ortrud heißt -- ist in der Kleinen Stube ein Lager bereitet, und Jons und Erdme wagen beim Aufstehen kaum, sich zu rühren -- aus Angst, sie möchten die Tochter erwecken.
Aber die läßt sich nicht stören. Die schläft in Frieden bis in den blanken Vormittag. Eine Stunde dauert ihr Anziehen, und wenn der Vater zum Essen vom Felde kommt, ist sie seit kurzem erst fertig.
Die Erdme hat Kaffee gekauft, das Pfund zu zwei Mark, und läuft zwischen Herd und Stubentür hin und her, um zu horchen, wann die Zeit zum Frühstück gekommen ist. Dann trägt sie ihr alles ans Bett und sieht mit Sorgen, ob die Urte sich's wohl schmecken läßt.
Wie ein Engelchen liegt sie da in ihrem weißen Spitzenhemd, mit dem ruscheligen Goldhaar und den Grübchen unter dem Halse, und die Ringe, die sie bloß zum Waschen abnimmt, blitzen wie rote und blaue Sonnen auf der gewürfelten Decke.
Dies ist die Stunde, in der sie was zu erzählen pflegt. Aber viel ist es nicht. Und lange Zeiten übergeht sie mit Schweigen. Daß sie weit in der Welt herumgekommen ist, weiß die Erdme schon aus den Briefen, aber was sie da überall getan hat, läßt sie im Dunkeln.
Viele Männer haben sie heiraten wollen, aber es ist nie etwas daraus geworden. Bei den Reichen und Hochgestellten haben die Eltern es nicht erlaubt, und den anderen hat sie selber den Laufpaß gegeben. Als sie in Königsberg Kellnerin war, sind alle Studenten hinter ihr hergelaufen. Viele haben sich duelliert, und einige haben sich totgeschossen. Schließlich hat sie das große Blutvergießen nicht mehr mit ansehen können und ist nach Berlin ausgerückt. Und dort hat das Leben erst recht begonnen.
Wenn die Erdme sie fragt, was sie in Zukunft zu machen gedenkt, lächelt sie mit ihren Blauaugen bloß so verschwommen ins Weite und sagt: »Mach dir keine Sorgen, Mamusze. Für eine wie mich liegt der Reichtum nur auf der Straße. Aber erst möcht' ich mich hier noch ein bißchen ausruhen.«
Und das tut sie auch gründlich. Niemals faßt sie mit an oder kümmert sich um was. Sie sitzt bald drin im Fensterwinkel, bald draußen auf der Gartenbank, blickt nach dem Himmel und lächelt. Nur ihre Kleider hält sie in Ordnung, steckt die Schuhe auf Leisten und bürstet und bügelt, und ihre Finger, die rund und lecker aussehen wie marzipanene Würstchen, führen die Nadel schnell und mit Ruhe.
Die Erdme ist noch immer wie von einem Zauber befallen.
Was sie auch arbeitet, immer denkt sie an das heimgekommene Kind, macht sich in ihrer Nähe zu schaffen und schleicht um sie 'rum, bloß um sie still und andächtig zu betrachten. Oft ist ihr bange vor lauter Stolz, so daß sie sagen möchte: »Sei doch einmal wieder wie früher.« Aber sie weiß, das kann die Urte nicht mehr, dazu ist sie zu lange weggewesen und hat zu viel deutsche Lehrer gehabt. Denn daß sie Schönschreiben kann und Französisch, das hat die Urte erzählt, sogar Ballettstunden hat sie gehabt. Erdme weiß zwar nicht recht, was das ist, aber es muß wohl das Feinste sein, was auf der Welt gelehrt werden kann.
Manchmal nimmt sie den Jons bei der Hand und sagt: »Ach, freu dich doch! Freu dich doch!«
Aber er freut sich nicht. Ihm ist es ängstlich, mit der Tochter zusammenzusein, und er schämt sich vor ihr. Weiß nicht, was er mit ihr reden und wie er den Löffel halten soll, und das Brot schneidet er heimlich unter dem Tisch.
Anfangs hat sie ihn zu umschmeicheln gesucht, hat ihn »lieb Väterchen« genannt und so. Wie er aber nicht darauf einging und wegsah, ist auch sie ängstlich geworden und spricht bloß, was nottut. Es liegt noch nicht Übles zwischen ihnen, bloß fremd sind sie sich und werden sich fremder Tag für Tag.
Die Erdme sieht es mit Kummer. Das Herz will ihr zerbrechen bei seinem stillschweigenden Abseitsstehen, aber man kann ihn doch nicht zwingen, daß er sie lieb hat.
Ganz verrückt ist die Katrike. Die will der Schwester alles nachmachen und versteht es doch nicht. Putzt an den Nägeln, bepinselt die Lippen und wäscht das Haar mit Kamillen. Aber die Nägel werden bloß noch dreckiger, der Mund sieht aus wie ein Blutfleck, und das Haar steht ab wie vertrocknetes Krummstroh.
Nur das lange Bettliegen gelingt ihr ohne Beschwerde.
Die Erdme erkennt den Unterschied wohl und macht sich ihre Gedanken. Nicht daß sie die Katrike nun weniger liebte. Im Gegenteil, es ist wie ein Vorwurf für sie, daß die so vernachlässigt dasitzt und sich in rein gar nichts mit der Schwester vergleichen kann. Denn auch, wenn sie das Hellblaue angezogen und den großen Strohhut aufgesetzt hat, ist es noch immer wie Tag und Nacht.
Und sie zerquält sich, wie ihr zu helfen ist.
Die Schwestern stehen nicht schlecht miteinander. Die Urte unterweist die Katrike in allem, was sie wohl wissen will, und schenkt ihr Kämme und Rüschen und sonst alles mögliche Kleinzeug, so daß der Neid in ihr nicht hochwachsen kann.
Aber auch die Urte sieht ein, daß es nicht länger so mit ihr geht.
»Wenn du die Ulele wärst,« sagt die Mutter, »dann würdest du jetzt einen Mann für sie suchen.«
»Ich kann ebensoviel wie die Ulele,« sagt die Urte.
Und da sie's verlangt, wird eines Tages, als der Jons in die Wiesen gefahren ist, der kleine Tuleweit bestellt, der schon für hundert Vermittlungen seine Prozente gekriegt hat.
Der in seinem langen Pfarrersrock und den knallengen Hosen kommt forsch herein und denkt, er wird hier wieder einmal den spaßigen Onkel spielen; wie er aber die Urte zu sehen kriegt, die ihn in ihrer rosenfarbenen Fleischlichkeit ankuckt, da wird ihm schon ganz anders.
»Aus was für 'nem Himmel ist denn _das_ hierher geflogen?« fragt er.
Und die Urte sagt: »Nehmen Sie Platz, Herr Tuleweit.« Und sie, die Erdme, bringt von dem fremden, süßen Wein, von dem noch immer was da ist.
Und die Urte sagt weiter: »Sie sehen es mir vielleicht nicht an, Herr Tuleweit, daß ich aus diesen kleinen Verhältnissen stamme, aber das macht nichts.« Und dann lobt sie ihn, weil ihr bekannt ist, daß er bei seinen Vorschlägen immer das Richtige trifft.
Er bedankt sich und dienert.
»Nun bin ich aber drauf und dran,« sagt sie weiter, »eine große Partie zu machen. Eine wirklich große Partie. Und da wär' es mir natürlich angenehm, wenn ich durch meine Schwester nicht in Verlegenheit käme. Ein Deutscher müßte es sein, und sein Eigenes müßte er haben, so daß man sagen könnte: >Meine Schwester ist an einen Gutsbesitzer verheiratet.< Das würde dann schon den richtigen Eindruck machen.«
Die Erdme denkt: »Sie ist noch klüger als die Ulele.« Und der ganze Herr Tuleweit schwimmt wie Öl auf Zuckerwasser.
Was an seinen bescheidenen Kräften liege, das werde sicher geschehen, aber letzten Endes sei es ja leider Sache der Mitgift.
»Natürlich, natürlich,« sagt die Urte. Und wäre sie schon verheiratet, so würde es ihr auch nicht darauf ankommen, die Schwester reichlich auszustatten. Aber für jetzt müßte man schon mit etwas Bescheidenem vorlieb nehmen.
»Was heißt bei Ihnen >bescheiden<?« fragt der kleine Herr Tuleweit und dienert nicht mehr.
Der Erdme schlägt das Herz hoch. Was wird sie sagen?
Und sie sagt: »Nun, etwa fünftausend Mark.«
Fünftausend Mark hat der Jons auf der Sparbank. Die hat er mit ihr in zwanzig Jahren zusammengekratzt. Aber die kann die Urte nicht meinen. Die sollen ihnen ja Stütze und Zuflucht sein für das kommende Alter. Gewiß will sie aus eigener Tasche geben, was fehlt. Und es fehlt womöglich noch mehr, denn der Herr Tuleweit macht eine hängende Nase und sagt, bei einem so kleinen Anerbieten werde man leicht behandelt wie ein nichtsnutziger Schwätzer, aber er wolle schon sehen, er wolle schon Rat schaffen und hoffe auf spätere reiche Belohnung.
Damit trinkt er sein Weinglas leer und verspricht, in acht Tagen wiederzukommen.
»Willst du die Fünftausend wirklich aus Eigenem geben?« fragt die Erdme voll Dankbarkeit.
»Sehr gern wollt' ich sie geben,« sagt die Urte und lächelt; »nur, wenn ich sie hätte, dann braucht' ich sie selber.«
»Wo sollen sie denn aber herkommen?«
»Von da, wo der Vater sie hingetragen hat,« erwidert die Urte. »Ist es nicht schon genug, daß ich auf meine Hälfte verzichte?«
Die Erdme will reden, aber ihr ist, als sitzt ihr ein Klumpen Heede im Schlund.
Alles soll hin! Alles soll weg! Bloß damit die Katrike ein Nest kriegt.
Und die, die solange in der Kammer gelauert hat, kommt begierig gelaufen.
»Wer wird es? Wer ist es? Wieviel Hufen hat er? Wieviel Pferde stehen im Stalle? Wieviel Rindvieh weidet am Ufer?«
Da kriegt die Erdme die Sprache wieder. »Wenn es um _den_ Preis geht, dann schlag dir die Heirat nur aus dem Kopf. All sein Gespartes gibt der Vater dir nie.«
Und die Katrike heult und wälzt sich am Boden. Ihren Besitzer will sie nicht lassen. Der ist ihr versprochen, seit sie ein Kind war. Der kommt ihr zu. Der gehört ihr zu eigen.
Der Erdme dreht sich das Herz im Leib um. Ihr Kind ist im Recht. Nie ist von was Anderem die Rede gewesen. Nie hat sie selbst es sich anders gedacht.
Sie hebt die Katrike auf und liebkost sie und verspricht ihr das Blaue vom Himmel.
Der Jons kommt aus den Wiesen, sieht die dickgeweinten Gesichter und wundert sich. Aber fragen tut er nichts. Das hat er sich lange schon abgewöhnt.
Die Erdme, deren Gewissen nicht das reinste ist, geht ihm aus dem Wege, so viel sie nur kann, aber begegnen muß sie ihm doch, und schließlich versucht sie's mit Vorwürfen.
»Du hast kein Herz für deine Töchter,« sagt sie, »und du achtest sie wie einen Strick um den Hals.«
Er fragt: »Wer hat dir das zu wissen getan?«
Und sie sagt: »Das ersieht man aus deinem Benehmen. Schon die Katrike hast du nicht leiden mögen, und seit die Urte wieder da ist, ist es noch schlimmer. Du bist eben ein Kúmetis« -- ein gemeiner Mann -- »und bleibst ein Kúmetis, und alles Hochgeborene ist dir zuwider.«
Er sagt: »Ich habe nie erfahren, daß du von besserer Herkunft wärest als ich. Als wir anfingen, Pracher waren wir da alle beide.«
»Ich habe doch wenigstens meine Betten gehabt,« entgegnet sie drauf, »und sechsundsechzig Mark hatt' ich auch, aber du hattest so gut wie gar nichts.«
Und er sagt: »Zu meinem bißchen habe ich zwei Jahre Arbeit gebraucht, aber wo du deine Reichtümer herhattest, darüber weiß man nichts Rechtes.«
Ihr ist, als schlägt ihr einer mit der Axt vor die Stirn. »Ich habe dir vorgerechnet auf Heller und Pfennig,« sagt sie, wie mit Blut übergossen, und wendet sich ab.
Sie ist nun so wütend auf ihn -- sie könnt' ihn beinahe vergiften.
18
Acht Tage später ist der kleine Tuleweit wieder da. Er hat einen, der wäre nicht abgeneigt. Schmidt heißt er, ist aber nicht verwandt mit dem Kaufmann in Heydekrug. Sein Vater hat eine verschuldete Wirtschaft nicht weit von Mineiken, und er ist der Dritte von Fünfen, hat eben gedient und hält bereits Umschau unter den Töchtern der Gegend. Ob man nach deutscher Art sich mit ihm treffen wolle. Auf dem Markt oder auf dem Gericht oder sonst irgendwo, als käm' es durch Zufall.
Die Erdme versteht von diesen Sachen nichts, aber ihre Tochter, die Urte, will alles schön in die Hand nehmen.
Beim nächsten Pferdemarkt soll es geschehen. Dort wird der junge Herr Schmidt einen Schimmel seines Vaters am Halfter führen, und die Schwestern sollen herzutreten und ihn bewundern. Und was dann folgt, wird Herr Tuleweit bestens besorgen.
Das wird von nun durch und durch geredet, stundenlang, tagelang. Für die drei Frauensleute gibt es rein nichts mehr sonst auf der Welt. Kaum daß die Hausarbeit notdürftig besorgt wird zwischen all dem Getuschel.
Der Jons geht still nebenher wie ein Fremder. Wenn er nicht einen neuen Freund bekommen hätte, wäre er im Leben noch nie so mutterseelenallein gewesen.
Und dieser Freund ist Urtes weißer, vornehmer Hund. Du glaubst es nicht, wie sich das langsam gemacht hat. Zuerst hat er auf dem Hof gestanden und ist still zur Seite gewichen, wenn ihn einer hat anrühren wollen. Keinen hat er angeknurrt oder gar angefletscht, aber wer ihn zu streicheln meinte, der griff in die Luft. Ins Haus hat ihn keiner 'reinholen können, selbst seine Herrin, die Urte, nicht, und wenn sie ihn am Halsband hereinzog, dann ist er wohl mit ihr gegangen, aber beim nächsten Wupp war er schon draußen. Einen Schlafplatz hat er sich ausgesucht dort, wo in dem offenen Abschlag die Arbeitswagen stehen und etwas Heu immer verstreut liegt. Dorthin hat die Urte ihm auch sein Fressen gebracht, und da lag er und blickte still um sich.
Der einzige, der nie versucht hatte, ihm mit Locken und mit Betatschen zu nahe zu kommen, war der Jons. Dazu schien ihm der Hund zu fein und zu herrschaftlich. Aber siehe da! Eines Frühmorgens, wie der Jons als erster aus dem Hause trat, um zur Arbeit auf das Moor zu gehen, wer ist da in etlicher Entfernung vorsichtig hinterhergeschlichen und hat sich zukuckend auf die Grabenkante gelegt? Und wer ist da stillschweigend geblieben ohne Trunk und ohne Frühstück, bis der Jons zum Mittagessen nach Hause ging? Und wer ist allmählich näher gekommen und hat sich mit leisem, langem Bisse das Brot aus den Fingern geholt? Und wer ist schließlich sogar, wenn der Jons in die Wiesen fuhr, mit kugelnden Sprüngen dem Wagen vorausgetollt und hat bei ihm Wache gehalten stundenlang, bis er beladen zurückkehrte?
Die Urte wundert sich des Todes, aber Windhunde sollen ja immer untreu sein, sagen die Leute. Und darum läßt sie ihn ruhig dem Vater; nur wenn sie spazieren geht auf der Chaussee nach Heydekrug oder nach Ruß hin, dann nimmt sie ihn mit sich, damit die Begegnenden etwas zum Staunen haben.
Bis Heydekrug ist es fast eine Stunde, aber das macht nichts. Denn dort sieht man doch Menschen, die stehen bleiben und aufgeregt hinterherraten, weil sie das plötzliche Wunder nicht zu fassen vermögen. Und Urte fühlt sich als Ortrud und als Botin der größeren Welt, die erst mit Berlin ihren Anfang nimmt und auf die alle sehnsüchtig hinstarren, denen im Hinterwalde zu hausen bestimmt ist.
Bisweilen trifft man auch junge Männer mit Schmissen, die sicherlich in Königsberg studiert haben und denen man vielleicht einmal auf dem Schoße gesessen hat.
Denen wirft man gelegentlich einen lockenden Blick zu und bringt sie zum Rasen. Denn irgend eine Kleinigkeit fürs Herz muß man doch haben in der torfschwarzen Öde.
Nur an dem Hause des Moorvogts geht man ungern vorbei. Man weiß es nicht, aber man spürt's in den Gliedern, daß dort hinter den Fensterscheiben zwei Augen forschend und unbestechlich sie und ihr Leben durchmustern. -- --
So kommt der große Vieh- und Pferdemarkt heran, auf dem die Besitzer von weit und breit zu Kauf und Trunk sich treffen.
Der Jons hat in der ersten Frühe eine Kuh hingebracht, die demnächst stehen soll und die darum eingetauscht werden muß.
Die Schwestern melden sich erst, als er weg ist, denn mit dem Vater zusammen einzuziehen, hätte die Hochachtung der anderen nicht sehr gefördert. Wenn alles gut geht, gleitet man im Gedränge an ihm vorbei und braucht ihn nicht einmal anzureden.
Die Katrike wird heute von der Urte extra zurechtgemacht. Sie darf die Haare nicht brennen und die Lippen nicht färben, und das Miesekatzchen faucht, die Schwester sei nichts weiter als neidisch. Aber die lächelt nur und ist nicht einmal böse, wie zwei Paar ihrer schneeweißen Handschuhe auf den Pranken der Schwester zerplatzen.
Dann ziehen sie los, und die Erdme weint und betet hinter ihnen her.
Der Vormittag vergeht in Arbeit und Bangen.
Gegen zwei kommt der Jons zurück. Er hat einen guten Handel gemacht. Die neue Kuh gibt laut Bescheinigung zehn Liter, und kaum einmal zuzahlen hat er dürfen.
Aber in freundlicher Stimmung ist er nicht. Er schlingt finster sein Mittagbrot und fragt mit keinem Wort nach den Töchtern.
Dann geht er hinaus zu der Petruschka, die heute früh hat angebunden werden müssen, weil sie bei dem Kuhhandel durchaus zugegen sein wollte.
Erdme sieht, wie er den langen, spitzen Kopf in seine Arme nimmt und leise zu ihm herniederredet.
Das will ihr das Herz abdrücken. Sie geht hinter ihm her und sagt: »Mit dem unvernünftigen Tier sprichst du, aber mir, deiner Frau, gönnst du kein gutes Wort.«
Und er sagt: »Ich habe die beiden Marjellen getroffen, ausgeputzt und mit fremden Männern. Als sie mich sahen, haben sie den Kopf zur Seite gedreht. Ist das nicht etwa genug?«
Sie nimmt natürlich die Töchter in Schutz. »Wer kann seine Augen überall haben?« sagt sie.
Aber er bleibt dabei. Sogar umgekehrt hätten sie sich, ob er nicht endlich schon weg sei.
»Und _wenn_ auch,« sagt sie. »Was kann _ich_ dafür?«
Da läuft ihm die Galle über, und alles, was er in sich verborgen hat seit Jahren, kommt ans Tageslicht.
»Was du dafür kannst?« schreit er. »Du hast zwei Faulenzerinnen erzogen, zwei Rumtreibersche hast du erzogen, die kein Verlangen tragen nach Arbeit, die bloß Pyragge essen wollen und sich den Rücken wundschlafen bis Mittag -- die es mit den Deutschen halten und ihren Vater achten, als wär' er ein Schnodder. Soviel kannst du dafür, wie die Stute kann, daß ein Fohlen aus ihrem Leibe kommt und nicht eine Ziege!«
Die Erdme denkt an das, was sie neulich heruntergeschluckt hat. Eine so zornige Rede darf sie nicht ohne Antwort lassen.
»Schon einmal hast du mit mir Hader gesucht,« sagt sie, »aber da kommst du gerad' an die Rechte.« Und dann wirft sie ihm vor, daß sie es war, die den ganzen Wohlstand geschaffen hat, daß er nichts Anderes gewesen ist als ihr Knecht, der nach ihren Anordnungen gearbeitet hat fünfundzwanzig Jahre lang und den jeder andere Knecht ersetzen kann, wenn es ihr paßt, ihn zu mieten.
Die Augen schwellen ihm zu und glupen nach rechts und glupen nach links, als sucht er was und kann es nicht finden.
»Was du sagst, mag wohl so sein,« sagt er, »nur in einem könnt' er mich nicht ersetzen, nämlich dir jetzt eine gehörige Tracht Prügel zu geben.«
Und da er nichts Anderes sieht, reißt er den Pfahl aus der Erde, an dem die Petruschka angebunden ist, und schlägt damit die Erdme über den Rücken.
Sie schreit und fällt in die Knie und nimmt die flachen Hände als Stütze. Die Jette, die grienend zugehört hat, schreit auch und springt auf ihn zu, ihm den Arm hochzuhalten, denn der Pfahl ist zu dick, als daß menschliche Glieder unter ihm ganz bleiben könnten.
Darum wirft er ihn auch weg und holt aus dem Stalle die Peitsche. Die Petruschka läuft winselnd neben ihm her und leckt ihm bittend die Hände, aber er achtet ihrer nicht, schlingt die hanfene Schnur um den Stiel und läßt ihn im Bogen durch die Luft hinpfeifen.
So kommt er zurück; dorthin, wo die Erdme noch kniet.
Aber da steht mit einem Male der Nachbar Witkuhn vor ihm da -- bleich und zusammengefallen wie immer -- umpusten könnte man ihn --, aber in seiner rechten Hand hält er das Teschin, mit dem er sich sonst die Spatzen vom Kirschbaume schießt.
Ihm das Gewehr zu entreißen, wär' leicht, aber was dann? Wie kann man sein Weib noch bestrafen, wenn zweie dazwischenstehen?
Drum bleibt er ruhig und sagt: »Nachbar, hast du mal was von Hausfriedensbruch gehört und Bedrohung mit tödlichen Waffen?«
Der Nachbar Witkuhn antwortet nicht und stellt sich so vor die Erdme, daß er sie mit dem Leibe deckt.
»Ich fordere dich also auf, meinen Grund und Boden zu verlassen -- zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male.«
Der Nachbar Witkuhn rührt sich nicht. Sein rechter Zeigefinger liegt dicht vor dem Abzug.
»Gut,« sagt der Jons, »ich geh' jetzt zum Rechtsanwalt, der wird die Anzeige erstatten. Aber die Peitsche nehm' ich mit, und treff' ich unterwegs die beiden Marjellen, dann werden sie die Prügel kriegen, die ihrer Mutter noch zustehen.«
Die Erdme schluchzt hell auf und sinkt dann völlig zu Boden. Er aber kehrt sich nicht daran und geht seiner Wege ...
Er ist bei keinem Rechtsanwalt gewesen, und die beiden Marjellen hat er auch nicht getroffen. Er hat mit der Petruschka auf einem Heuhaufen geschlafen, und wie er morgens um die Abfutterungszeit zu Hause angelangt ist, da hat er das Nest leer gefunden. -- Keine Frau, keine Töchter, keine Magd.
Die sitzen alle drüben beim Nachbar. Man kann ihre Stimmen hören über den Weg hin.
Und das Sparkassenbuch ist auch weg.
Von allem, was gestern zu ihm gehörte, ist bloß der fremde Hund da, der aus traurigen Menschenaugen zu ihm aufblickt, als wolle er die Übeltat gutmachen, die man ihm angetan hat und die im Grunde genommen seine eigene Übeltat ist.
19
Dreiundzwanzig Jahre hat der Nachbar Witkuhn auf die Erdme gewartet.
Und nun sie da ist, ist er ein alter Mann.
Er sitzt und sieht sie an und sieht sie wieder und wieder an. Sie ist die Schönste, die Jüngste, die Kräftigste geblieben, aber er ist ein alter Mann.
Ihre Töchter läßt er lachen und laufen und schwatzen, wie sie nur mögen, und achtet ihrer nicht. Sie sind ihm wie zwei fremde Tiere, die die Erdme mitgebracht hat und denen er Obdach geben muß, weil sie nun einmal zu ihr gehören. Und die Jette wirtschaftet draußen mit seiner Magd.
Die Urte und die Katrike haben gestern Großes erlebt, und das erzählen sie immer von neuem: Kaum daß der junge Herr Schmidt sie gesehen hat, da ist er gleich ganz hingenommen gewesen. Zuerst hat er freilich gedacht, die Urte sei ihm als Zukünftige bestimmt, und da hat er sich zurückziehen wollen, denn er ist sich nicht gut genug erschienen für sie; wie er aber gehört hat, daß die Katrike es ist, da hat er um so freudiger zugegriffen und hat mit ihnen beiden und dem Herrn Tuleweit in der »Germania« gesessen bis in den späten Nachmittag. Herr Tuleweit weiß auch schon eine Wirtschaft für ihn, die mit Fünftausend Anzahlung wohl zu haben wäre, nur das Viehzeug müßte beschafft werden, denn sein Vater gibt ihm rein gar nichts.
Wie vom Viehzeug die Rede ist, da horcht die Erdme hoch auf, denn von ihrem Eigenen her kommt kläglich das Brüllen der Kühe, die nicht gemolken, vielleicht auch nicht gefuttert sind in der Frühe.
Darum sagt sie der Jette, sie soll mit einem Eimer hinübergehen. Die wehrt sich erst, denn sie glaubt, sie kriegt Prügel, aber schließlich tut sie's doch, und wie sie zurückkommt, erzählt sie, der Wirt habe auf der Häckselbank gesessen, den Kopf in die Hände gestützt, und die Petruschka vor ihm, und keines habe sich auch nur nach ihr umgesehen.
Und die Urte erzählt weiter: Um drei nachmittags habe der junge Herr Schmidt weggemußt, aber am Nebentisch -- da hätten ein paar vornehme junge Herren gesessen mit Schmissen und goldenen Kneifern, die wären schon lange bemüht gewesen, sich mit ihnen bekannt zu machen, und hätten ihr zugeprostet und so. Und schließlich wären sie alle zueinander gerückt und hätten fröhlich getrunken bis an den Abend. Den kleinen Herrn Tuleweit hätten die fremden Herren erst für den Vater gehalten; als sie aber hörten, daß er bloß ein Heiratsvermittler sei, da wäre des Neckens kein Ende gewesen, so daß er nichts Besseres zu tun gewußt habe, als bald zu verschwinden. Und von nun an sei es erst recht hoch hergegangen.
Und sie kichern und blinzen sich zu und kommen mit Heimlichtun nicht zu Ende.