Litauische Geschichten

Part 14

Chapter 143,818 wordsPublic domain

Je wärmer die Tage werden, desto frostigere Nebel haucht das durchkältete Moor; je heller die Sonne scheint, desto mehr Elend bringt sie zutage.

Der Jons ist von seiner Lungenentzündung aufgestanden und schleicht am Stock wie ein nichtsnutziger Greis. Im Kreislazarett hat er gelegen, und Erdme mitsamt den Marjellen ist derweilen bei Fremden in Pflege gewesen.

Nun sich das Wasser verläuft, können die Moorleute endlich wieder zurück.

Aber Gott behüte uns vor dem, was sie da finden!

Das Wohnhaus, das Jons und Erdme vor fünfzehn Jahren erbauten, das steht zwar noch -- aber nur dem Scheine nach steht es. Wenn einer stark schüttelt, dann fällt die Kabache zusammen. Tritt man ein, so stinkt es nach Moder und Verwesung. Der Estrich ist aufgequollen, der Herd auseinandergespellt, und was von dem Ofen übrig blieb, sieht aus wie ein mächtiger Maulwurfshaufen. Die ganze Stube füllt es mit Lehm und mit Ziegeln bis in die Tischecke hin.

Ein Wohnen darin ist unmöglich.

Darum beschließt die Erdme, mit dem noch krankenden Mann und den Töchtern zum Stall hin überzusiedeln. Das Vieh ist von den Pionieren geholt worden, die an jenem Tage im Extrazug aus Königsberg kamen. Und das Pferdchen fand sich richtig auf dem Chausseedamm. Die müssen sich alle mit der linken Seite behelfen, die rechte, wo früher die Schweine hausten, wird Wohnung.

Jons ist mit allem zufrieden, aber die Marjellen wollen nicht 'ran. In einem Schweinestall zu wohnen, hätten Besitzerstöchter nicht nötig. Das sei eine Entwürdigung. Besonders wenn man dicht vor der Fräuleinschaft steht.

Doch das Bösesein hilft ihnen nichts, und der trostlose Zustand dauert nicht ewig. Denn dort, wo vor jenen Zeiten Jons und Erdme sich mühten, um mit Hilfe der Nachbarn aus vier Kieferstangen und vier Dutzend Schwarten ein Haus zu errichten, rücken eines Tages die Zimmerleute an, und langgestreckte Gefährte bringen Balken und Bretter.

Das ist nun freilich ein anderer Hausbau als damals! -- Der Raiffeisenverein hilft, und was noch fehlen mag, liegt auf der Sparbank.

Der Meister hat einen Grundriß gemacht für eine Große und eine Kleine Stube, für Kammern und Klete, und statt des lehmbeschmierten Ziegelgestells wird ein glitzernder Kachelofen herrlich erstehen.

In die gleiche Zeit fällt ein Ereignis, das den Stolz der Familie noch weiter in die Höhe hebt.

Das Unglück, das dem Moor widerfuhr, ist in der weiten Welt nicht unbemerkt geblieben. Die Zeitungen der Hauptstadt haben lange Schilderungen gebracht, und sowohl die rettende Arche Noah als auch die Frauenleiche im schwimmenden Bett sind beschrieben und abgebildet gewesen. Wenn die arme Frau Witkuhn, die auf Erden so lange und so still gelitten hat, vom Himmel herabschauen könnte, so sähe sie sich zu ihrem Erstaunen als eine Berühmtheit gefeiert.

In den großen Städten haben die schönen jungen Damen zugunsten der Überschwemmten getanzt, gegessen, gesungen und Theater gespielt. Haben Bonbons, Ansichtskarten, Hutnadeln, Schaumwein und Küsse verkauft und sind, wenn das Glück gut war, dabei zu einem Gatten gekommen.

Vor allem aber hat man seine Schränke durchwühlt und dabei vielerlei Sachen gefunden, die den ihrer Habe beraubten Moorleuten von höchstem Werte sein mußten: Festkleider von vor sechs Jahren, durchgescheuerte Unterröcke, zerpliesertes Pelzwerk, Sportjacken mit Mottenlöchern, vertanzte Seiden-, vertretene Lackschuhe, gespenstische Bademäntel und zu alledem Hüte für jede Jahreszeit, verblaßt, verbogen, verbeult, verregnet, aber jenen Hinterwäldlern gewiß der Inbegriff aller irdischen Pracht.

Auch die feinen Herren haben das ihre getan. Die einen haben alte Hochgebirgskostüme geliefert, weil ihnen etwas vom Hochmoor erinnerlich war. Die anderen haben weißen Flanell bevorzugt, weil so ein Moor doch nahe am Seestrand liegt. Aber fast alle haben dem ländlichen Wesen der Notleidenden entsprechend ihren Gaben den Charakter der Sommerfrische gegeben. Nur einzelne meinten, so auf gute Weise ihr altes Ballzeug loswerden zu können.

Kisten und Kisten wurden verfrachtet und gingen per Eilzug an den Heydekrüger Frauenverein. Endlich, endlich werden die armen, nackten Moorleute was anzuziehen kriegen!

Wie die Vorstandsdamen den bunten Tand vor sich liegen sehen, schlagen sie voll Entsetzen die Arme über dem Kopf zusammen und meinen, ihn ihren Pflegebefohlenen gar nicht erst anbieten zu dürfen. Sie kramen alles heraus, was sich allenfalls brauchen läßt, und wollen das andere verstecken. Aber da kennen sie unsere Moorleute schlecht.

Kaum haben die erfahren, was für Herrlichkeiten für sie ins Land geflogen sind, da stürmen sie den Schmidtschen Speicher und suchen mit List und Gewalt das Feinste des Feinen für sich zu erraffen. Wunder auch! Wer, der sein Lebtag mit schmutzigen Lumpen behängt den schwarzen Erdenschlamm knetet, wird es sich nehmen lassen, des Abglanzes fernher leuchtender Paradiese teilhaftig zu werden?

Ein neidisches Hadern erhebt sich um jeden flittrigen Fetzen. Wer was Warmes und Dunkles in Händen hält, fühlt sich verachtet, betrogen. Schandworte fliegen herum, und draußen kommen Tauschgeschäfte zustande, die wohl zehnmal zurückgehen und erst mit sinkender Nacht in einer Tracht Prügel ein Ende nehmen.

Auf dem Heimwege ziehen viele schon an, was das Glück ihnen zuschanzte, und haben ein Aussehen, als kämen sie stracks aus dem Tollhaus. Manche spiegeln sich nach jedem hundertsten Schritte im Wasser der Gräben, und alle fürchten sich voreinander, denn keiner ist sicher, ob ihm in der Dämmerung nicht was weggegrapscht wird. Den alten Raubmörder will einer gesehen haben, wie er, gegen einen Chausseebaum gelehnt, barhäuptig dastand und einen geheimnisvollen Zylinderhut bald auf der Brust plattdrückte, bald wieder nachdenklich hochknallen ließ.

Auch die Erdme und ihre zwei Töchter kommen reich beladen nach Hause. Sie haben die lichten und leichten Gewebe verschmäht und sich mehr an das Schwere und Feierliche gehalten, denn Erdme war ihres alten Schwures gedenk, daß ihre Kinder dereinst in Samt und Seide einhergehen sollen.

Und das können sie fortan wirklich.

Da ist unter anderem ein Kleid von himmelblauem Samt, tiefausgeschnitten und mit glitzernden Perlen bestickt.

Das soll die Katrike zur Einsegnung tragen und damit selbst die vornehmsten Töchter der Deutschen ausstechen, die immer zum Ärger des Volkes in weißen Mullkleidern um den Altar herumstehen.

Da die frühere Eigentümerin von mächtigem Leibesumfang gewesen sein muß, so können beim Zurechtschneiden so viele Breiten herausgenommen werden, daß sich auch für die Urte ein Staatskleid ergibt. Und als das fertig ist, bleiben noch immer Streifen und Flicken genug, daß Erdme die eigene Bluse reichlich damit besetzen kann.

So fahren sie also am Einsegnungstage alle drei in himmelblauem Samt zur Kirche. Und die Heydekrüger sind neidisch und lachen hinterher.

Aber wer nicht lacht, das ist die Frau Pfarrerin.

Kaum kriegt sie die Katrike zu sehen, die lichterziehend und wie ein Paradiesvogel bunt in dem Haufen der Einsegnungskinder auftaucht, da packt sie sie an dem Samtschlafittchen und schiebt sie ins Pfarrhaus.

»Wie hat deine Mutter sich unterstehen können, Marjell, dich in solchem Aufzug vor den Altar Gottes treten zu lassen?«

Und sie will sie wahrhaftig nach Hause schicken.

Aber wie die Katrike bittet und weint, da fühlt sie ein menschliches Rühren, holt aus dem Schranke ein schwarzwollenes Tuch und wirft es ihr um die Schultern.

Und so kann sie denn eingesegnet werden.

Gleich auf einer der vordersten Bänke sitzen die Baltruschats, von neidischem Staunen umgeben. Nur des Jons muß man sich etwas schämen, weil er nicht fein genug ist.

Die Erdme fühlt sich wohl bitter enttäuscht, wie sie den Stolz der Familie zu schwarzer Unscheinbarkeit verdammt hinter dem Pfarrer herkommen sieht, aber sie tröstet sich bald.

Steckt auch der Glanz noch in schlichtem Futteral, er ist doch schon da. Und das ganze kommende Leben soll nur dazu dienen, ihn zu entfalten.

Sie umfaßt die Urte, deren Augen noch blauer sind als der Samt, den sie anhat, und denkt beim Singen und Beten an die künftigen Bräutigams.

Und der Jons denkt beim Singen und Beten an das wachsende Haus, dessen glatt behobelte Wände schon über das Moor hinleuchten.

Wer hätte vor jenen Jahren an so viel Pracht zu denken gewagt?

Und alles durch fleißiger Hände Arbeit aus dem Moorschlamm herausgeholt, der zäh und unfruchtbar über dem schwarzen Grundwasser lagert, bereit zu verschlingen, was sich ihm anvertraut.

Die Erdme faßt unter dem Tisch dem Jons seine zerarbeitete Hand und denkt: Hat es zwischen uns keinen Hader gegeben, als wir es schwer hatten, haben wir selbst die große Not einträchtiglich überstanden, -- wo sollte er herkommen, nun es leichter und leichter wird?

Und beide fühlen in Seligkeit, daß ihr Erntetag nah ist.

15

So! Nun mach' ich einen langen Atemzug -- der dauert volle zehn Jahre lang --, und dann erzähl' ich, was aus dem Jons und der Erdme und den zwei hoch hinaus wollenden Töchtern weiter noch wird.

Von der jüngeren, der Urte, ist freilich vorderhand nicht viel zu berichten. Als sie mit siebzehn Jahren nach Königsberg ging, um als Kellnerin einzutreten -- denn das sollte die Schwelle sein zu dem künftigen Glück --, da war sie ein appetitliches Marjellchen mit kornblumenblauen Augen und einem süßen Schnauzchen, rund und feucht wie eine betaute und gespaltene Pflaume; aber die Bilder von ihr, die sie inzwischen geschickt hat, zeigen, daß sie schlank und hoch geworden ist und überhaupt wie eine von den schönen Damen, die in dem früheren Hause an den Wänden klebten. Sie schreibt bald von der Pariser Weltausstellung, bald aus dem schönen Italien, sogar von der Spitze des Monte Rosa hat sie eine Ansichtskarte geschickt, obgleich einem dort von der großen Kälte die Finger erklammen.

Sie heißt jetzt auch nicht mehr Urte, sondern Ortrud, und auch Baltruschat heißt sie nicht mehr -- so ein litauischer Name ist viel zu gemein für sie --, sondern einmal schreibt sie sich Balté, ein andermal Baldamus und ein drittes Mal sogar wie der katholische heilige Balthasar.

Kurz: man weiß sich vor Stolz nicht zu lassen, wenn man ihrer gedenkt.

Die Katrike allerdings -- die ist noch etwas im Rückstand. Sie hat keine Lust gehabt, sich ihr Glück aus der weiten Welt zu holen, und auch daheim läßt es warten, denn ihren Rittergutsbesitzer hat sie immer noch nicht. Woran das liegt, ist schwer zu sagen.

An Schönheit fehlt es ihr nicht. Etwas lang ist sie geraten -- das wissen wir schon --, und die Straßenjungen in Heydekrug schreien hinter ihr her: »Kiek -- die lange Latte!« Dafür ruft man sie zu Hause auch »Pusze, Pusze«, das heißt »Miesekatzchen«, und dieser liebliche Name macht viel wieder gut.

An Bildung fehlt es ihr auch nicht. Sie spricht ein sehr feines Deutsch und spitzt den Mund dabei, soviel sie nur kann. Sie sagt zum Beispiel: »Üch bün eune reuche Besützerstochter.« Und das soll ihr mal einer nachmachen!

Viel tun -- tut sie nicht. Hat sie auch nicht nötig. Dafür ist jetzt die Jette da, die Dienstmagd. Eine niederträchtige Kröt' übrigens. Die spottet der Katrike doch immer nach. Wenn sie über den Hof geht, faßt sie den Unterrock mit zwei Fingerspitzen, wackelt mit dem Hintern und dreht den Kopf wie ein Truthahn. Aber man kann ihr nichts nachweisen.

Zum Dienengehen ist die Katrike natürlich zu schade. Eine Stelle als Stütze oder Gesellschafterin müßte es sein. Aber sie will nicht. Sie will lieber vor dem kleinen Handspiegel sitzen und sich mit der Brennschere -- die hat ihr einmal die Urte geschickt -- die Haare in Wickel drehen. Manchmal ist alles so kraus und so fettig und so graugelb wie bei einem Mutterschaf auf der Scherbank.

Für das Überirdische ist sie sehr eingenommen. Sie liebt die Traumbücher und die Zaubersprüche und liest darin morgens und abends.

Viel hat sie unter den Flöhen zu leiden, und die bespricht sie fortwährend. An einem Ostermorgen ist sie sogar früh aufgestanden, hat splitterfasernackt das Haus ausgefegt und das Gemüll ebenso nackt über die Grenze getragen. Aber geholfen hat auch das nur für kurze Zeit. Die Jette meint, sie solle es machen wie sie und die Flöhe mit einem Spirituslappen betupfen, so daß sie nicht hoch können. Aber diese Fangart ist ihr zu umständlich. Darum versucht sie es lieber mit Zaubern.

Dem Jons paßt die Nichtstuerei der Katrike sehr wenig. Aber was soll er machen? Die Erdme stellt sich vor sie, wo sie nur kann. Barfuß gehen darf sie nicht, und die Hände zerreißen darf sie sich auch nicht, denn wenn der reiche Freier kommt und findet sie nicht wie ein Fräulein, dann zieht er sofort wieder ab.

Inzwischen ist der dicke kleine Tuleweit, der Allerweltsfreiwerber, schon zweimal im Hause gewesen, hat das Glockenspiel gezeigt an seiner Uhr und den Mohrenkopf auf seinem Spazierstock die Zunge ausstrecken lassen und was er sonst noch für Kunststücke weiß, aber die Bräutigams, die er anbot, waren bloß Kroppzeug. Nicht _ein_ richtiger deutscher Besitzer ist darunter gewesen. Aber die Erdme hat's ihm auch vergolten. Kaum soviel Schnaps bekam er vorgesetzt, um sich die Nase zu begießen.

Ja, die Erdme! Nun lebt sie mit dem Jons schon an die fünfundzwanzig Jahr. Sehr schön ist sie nicht mehr, und ihr Fleisch hat auch nachgelassen. Jetzt würde sich kein Nachbar mehr in sie verlieben. Hart und knochig ist sie geworden, und einen bösen Blick hat sie gekriegt von dem ewigen Sorgen und Bemißtrauen.

Denn es ist gar nicht auszusagen, wie viele ihnen ihr bißchen Wohlstand beneiden und ihnen jede erdenkliche Heimsuchung an den Hals wünschen. Schon manches liebe Mal hat sie einen Zauberbesen in den Quitschen hängen gefunden, und wie oft der weiße Hexenspeichel an den Zaunlatten hing, ist gar nicht zu zählen. Einer hat sogar bei dem katholischen Pfarrer in Szibben für den Jons eine Totenmesse bestellt; es hat ihm aber, Gott sei Dank, nichts geschadet, außer daß er das Reißen bekam.

Der Jons ist ein ziemlich alter Mann geworden. Sein Haar ist grau, und sein Gesicht sieht aus wie ein dürrer Kartoffelacker bei Nachtfrost.

Was hat der Mann aber nicht alles in seinem Kopfe! Allein das viele Geld zu verwalten! Denn es liegen fünftausend Mark auf der Sparbank. Und die Wirtschaft wird staatsmäßiger Jahr für Jahr.

Das Wohnhaus mit seinen gehobelten Wänden glänzt in der Sonne wie Silber, und der massive Schornstein zeigt jedem, der es versteht, was der Moorgrund schon aushalten kann. Auch drinnen ist alles aufs beste. Der Herd steht noch an der alten Stelle, aber der Hausflur, in dem er den Platz hat, ist hoch und weit und voll von bemalten Türen.

Links geht's in die Große und in die Kleine Stube und rechts in die Kammern. In keinem litauischen Hause kann es geräumiger sein. Wollte ich erst den Hausrat schildern, die Kaiserbilder in goldenen Rahmen und den glasierten, doppelten Ofen, -- von der Tapete mit ihren blanken Sternchen gar nicht zu reden, -- weiß Gott, ich würde kein Ende finden! Winklig zum Stall ist jetzt auch noch eine Scheune gekommen mit Wagenschauer und Anklapp zum Trocknen des Torfes. Der Garten hat einen richtigen Staketenzaun, und nicht bloß Raute und Riechblatt wachsen darin und was man an Buntem wohl liebhat, sondern auch Möhren, Salat und mannshohe Schoten, wovon man essen kann, soviel man nur will, selbst wenn man Dienstags Körbe voll auf den Markt bringt.

So sieht es jetzt bei den Baltruschats aus, und keiner der Nachbarn kann sich mit ihnen vergleichen.

Übrigens: der fromme Taruttis ist tot. Die Taruttene auch. Beide starben am gleichen Tage, und als man ihnen die Leichenhemden anzog, hat der Flachs in der Leinwand noch einmal zu blühen begonnen. Überall saßen die blauen Sternchen. So fromm sind sie beide gewesen.

Der alte Raubmörder hat richtig seine Pension gekriegt, und als er zu Grabe getragen wurde, sind ihm nicht weniger als drei Gendarmen gefolgt. Ob aus Hochachtung oder zur besseren Bewachung, hat niemand zu sagen gewußt.

Der lange Smailus ist nun auch schon alt. Seine Vierte, von der niemand was Gutes weiß, soll sich schließlich an ihm krank geärgert haben, und wenn das Glück es will, kommt er dazu und nimmt sich noch eine Fünfte. Die Ulele schreibt ein paarmal im Jahr, und die Seife, die sie schickt, riecht immer noch schöner. Sie hat längst ihren Oberbuchhalter geheiratet. Der ist Teilhaber an der Fabrik, und die beiden Besitzer vertragen sich prächtig. -- Da sieht man, was ein tüchtiges Mädchen kann!

Und der Nachbar Witkuhn? Mein Gottchen, wie ist der zusammengefallen! Eine Dienstmagd besorgt ihm den Haushalt, und er selber robotet von früh bis spät mit krummem Puckel und unkräftigen Armen und sucht aus dem Boden herauszuschlagen, daß er gerade zu leben hat.

Aber raten und helfen, das tut er noch immer, und sieht an der Erdme noch immer vorbei, und das Kinn zittert ihm. Doch das ist nun ganz und gar seine Gewohnheit geworden, das wird wohl so bleiben, bis auch das andere stille steht.

Wie ein treuer Wächter ist er, der heimlich über den Weg hin aufpaßt, und wenn er gleich fremden Reichtum behütet, nicht danach fragt, ob ihn selber friert oder schläfert.

16

Der Jons und die Erdme sitzen im Garten zwischen den eingefaßten Beeten und haben sich lieb -- denn es ist ihr Silberner Hochzeitstag.

Fladen ist gebacken worden und ein Mohnstriezel, aber außer der Katrike weiß keiner, weshalb.

Die Katrike hat ihnen einen Myrtenkranz aus Silberpapier schenken wollen, hat auch schon Maß genommen und so, aber dann ist es doch unterblieben, weil das Besorgen zu schwer war.

Und es ist gut so, denn nun kann es kein Gerede geben unter den Leuten.

Die liebe Frühlingssonne sticht ihnen auf die dünnbehaarten Köpfe. Jons nimmt die Mütze, die neben ihm auf der Bank liegt, und setzt sie ihr auf. Sie muß furchtbar lachen, denn solch einen Scherz hat er in all den fünfundzwanzig Jahren nicht gemacht. Und sie fühlt so recht im innersten Herzen, wie sehr sie ihn lieb hat.

Fünfundzwanzig Jahre sind sie nun fleißig und glücklich nebeneinander hergegangen, und nie hat ein Zank ihren Frieden gestört. Betrunken hat er sich nie -- außer bei Hochzeiten natürlich und ab und zu wohl am Markttag, aber das gehört ja zum Leben, -- und geschlagen hat er sie auch nicht.

Sie hat einen guten Mann gehabt, und dafür dankt sie ihm mit Tränen. Und auch er weint ein bißchen, denn so ein Tag kommt nicht wieder.

Und sie gedenken des jungen Pfarrers mit den Traumdeuteraugen und der zwei Trauzeugen, die auch am Sonntag nach Mist rochen. Und der Abendstunde im Matzicker Chausseegraben gedenken sie auch und sehen sich um, ob niemand sie hört.

»Denkst du daran,« sagt die Erdme, »was wir uns damals alles gelobt haben? Leicht war es nicht, es zu halten, aber nun haben wir es doch getan, denn nie hat ein Hader unseren Frieden gestört.«

Und er sagt: »Das ist dein Verdienst.«

Sie sagt: »Deins ist es auch.«

Und sie freuen sich, wie zweie wohl tun, denen ein guter Streich geglückt ist wider Erwarten.

»Gott sei gelobt!« sagt die Erdme; »jetzt sind wir über den Berg, denn was kann uns nun noch Böses geschehen?«

Und er sagt: »Ein Dreck kann uns geschehen.«

Bei der Hand gefaßt sitzen sie noch ein Weilchen im blanken Sonnenschein und denken: »Schöner kann es eigentlich gar nicht mehr kommen.«

Aber es kommt doch noch schöner! Viel schöner kommt es.

Als sie gerade wieder an die Arbeit gehen wollen wie alle Tage, da bemerkt die Erdme, daß ein Wagen auf der Knüppelstraße daherfährt, ein Herrschaftswagen, wie er hier selten zu sehen ist.

Und Jons erkennt die zwei Braunen aus der »Germania« und denkt natürlich, es sind Herren von der Regierung, die im Moor nach dem Rechten sehen wollen.

Aber wie der Wagen immer noch näher kommt, erkennen sie beide, daß keine Herren darin sitzen, sondern bloß eine Dame. Und eigentlich sitzt sie auch nicht, sondern steht und hält einen weißen Sonnenschirm in der Hand -- mit dem winkt sie und winkt sie und winkt.

»O Jezau!« sagt die Erdme und fällt wie leblos auf die Bank zurück.

Da biegt der Wagen auch schon nach dem Zufahrtsweg ein und hält vor dem Hoftor.

Die Katrike kommt aus dem Hause gestürzt, Brennschere und Seidenpapier noch in der Hand, und rings um die Stirn sitzen die gewickelten Knötchen.

Also wirklich: es ist die Urte, die jetzt Ortrud heißt. In einem feinen graukarierten Wollenkleide springt sie aus dem Wagen, und hinter ihr her springt ein Hund, wie ihn noch nie eines Menschen Auge sah. Mit schneeweißen Locken, größer noch als ein Wolf und magerer als ein Schmalreh.

Doch daß die Urte mager ist, kann man nicht sagen. Einen Busen hat sie -- der ist kein Leichenbrett! Und der Veilchenstrauß im dritten Knopfloch wiegt sich wie auf der Schaukel. Und die blauen Kornblumenaugen hat sie noch immer, aber goldene Haare hat sie inzwischen gekriegt und Lippen so rot wie Rübensaft.

Nachdem die Erdme sie abgeküßt hat, da kniet sie vor ihr und befühlt das Kleid und betastet die Schuhe, und wie sie das Kleid ein wenig hebt, was kommt da zum Vorschein? Ein Unterrock von lauter -- du wagst es gar nicht auszusprechen, nicht auszudenken wagst du es! -- ein Unterrock von lauter Seide, von resedagrüner, ruschelnder, klingender Seide.

Wie wenn der Wind durch die Quitschen geht, so klingt bei jeder Bewegung die Seide.

Der Jons steht eingeklemmt zwischen Hoftor und Zaun und traut sich an die hochgeborene Tochter gar nicht heran. Sie muß ihn selber bei der Hand nehmen und aus dem Winkel hervorziehen. Und sie küßt auch ihn, aber man sieht: sehr gerne tut sie es nicht.

Die Katrike ist rasch einmal ins Haus gelaufen, sich die gebrannten Wickel auszukämmen, und wie sie wiederkommt, hat sie das Rotgeblümte an und möchte auch für sich was Bewunderndes hören, doch das sagt ihr heut keiner.

Der weißgelockte Hund, von dem man glauben könnte, man zerbricht ihn, wenn man ihn anfaßt, steht in der Mitte des Hofes, sieht mit erstaunten Menschenaugen um sich und streckt den witternden Schlangenkopf bald nach rechts und bald nach links, als kann er sich nicht erklären, wie er plötzlich in eine so schlecht riechende Gesellschaft geraten ist. Den belfernden Köter, der mit seiner Kette wie verrückt über die Bude springt, würdigt er keines Blickes. --

Der Koffer wird ausgepackt. Es ist ein lackglänzender Lederkoffer, hoch wie ein Haus und wohlriechend wie russische Gurten.

Und wenn die Urte sich bückt in ihrer vollbrüstigen Anmutigkeit und ihrer rundhüftigen Ruhe, dann weiß man, daß sie die Männer führen kann, wie man die Lämmer zu Markte führt.

Der Jons bekommt einen Tabakskasten, der ist von poliertem Holz und hat silberne Einlagen. Auch etwas zum Essen bekommt er, und das soll noch viel feiner sein als Ölsardinen. Es sieht aus wie schwarze, runde Graupenkörner und schmeckt nach gesalzenen Fischen.

Für die Erdme kommt ein dunkles Seidenkleid zum Vorschein mit einem Spitzeneinsatz und Rüschen am Hals und an Ärmeln. Und auch die Katrike kriegt ein Kleid, ein hellblaues Jungmädchenkleid mit einer Tüllbluse und einem hellgelben Strohhut dazu, der biegt sich und federt, wenn man ihn anrührt.

Und das Allerschönste hab' ich noch gar nicht genannt: das ist der Silberkranz. Kein Silberkranz aus Papierblättern, wie ihn die Katrike beinahe geschenkt hätte, sondern aus wirklichem schweren, klirrenden Silber, und ein gleiches Sträußchen noch außerdem, dem Jons ins Knopfloch zu stecken.

Von nun an ist's mit den Heimlichkeiten vorbei. Die Erdme muß das seidene Kleid anziehen und den silbernen Myrtenkranz aufsetzen, Jons bekommt das Sträußchen wirklich ins Knopfloch gesteckt, und nun sitzen sie beide im Brautwinkel, trinken fremden, süßen Wein und lassen sich's gut sein.

Die Töchter sind um sie herum, und sogar die Jette, die abscheuliche Kröt', tut sich lieblich, wer weiß wie. Sie hat aber auch eine grüne Schürze geschenkt gekriegt und Wollenschuhe, damit sie des Morgens nicht klappert.