Litauische Geschichten

Part 12

Chapter 124,077 wordsPublic domain

Nun kann sogar das dritte Hektar in Angriff genommen werden, zumal der am frühesten urbar gemachte Boden für Roggen bald reif ist.

Der Moorvogt gibt noch ein neues Stück Wiese dazu und verspricht sogar, den Jons bei der Entwässerung zu beschäftigen, wenn es ab und zu in der Wirtschaft zu still wird.

So ist für alles gesorgt, und die Zukunft liegt da wie ein blühendes Kleefeld.

Wenn Erdme bei ihrer Arbeit die schlammbespritzten Beine hebt und senkt, daß der federnde Grund schaukelt wie eine Wiege, und wenn das schwarze Wurzelwerk unter den Streichen der Hacke zerblättert, als wäre es Torfgrus, dann ist ihr zumut, als sei das ganze Moor nur geschaffen, um ihrem Glücke zu dienen. Und sie dehnt in lauter Wohlsein die starke Brust dem Gelingen entgegen.

Wenn es nur allen so ginge wie ihr! Aber ringsum sitzt Kummer genug. Von der hinfälligen Frau des Witkuhn gar nicht zu reden. Die wird sich vielleicht noch Jahre so schleppen, ohne daß Hoffnung kommt. Aber neben ihr lebt die junge Frau Smailus. Die ist sehnig von Gliedern und schafft auch, aber in ihrem Innern scheint sie noch kränker als jene.

Sie geht umher wie im Traum, gibt falsche Antwort, wenn man sie fragt, und ihre Brust hat nicht Milch für die Kinder.

»Was ihr fehlt, weiß ich lange,« sagt der Nachbar Witkuhn. »Die Moorkrankheit hat sie.«

Die Erdme fragt, was das ist.

Und er sagt: »Die Moorkrankheit kommt wie durch ein Gift, das aus dem Boden aufsteigt. Niemand weiß, wie es aussieht, und kein Doktor hat es gefunden. Es ist da und ist auch nicht da. Wie man will. Den einen wirft es nieder, dem anderen ist es Arznei. Und für den, der daran krankt, gibt es nur eine Rettung: 'raus aus dem Moor, rasch 'raus, ohne sich umzusehen. Aber für die meisten ist es zu spät.«

Was die Erdme einst der Ulele versprochen hat, das hält sie getreulich. Sie steht der gemütskranken Frau zur Seite, wo sie nur kann. Nicht bei der Arbeit. Die macht sie allein. Aber des Sonntags oder zum Feierabend -- denn Feierabend gibt es schon manchmal -- geht sie hinüber zu ihr, legt den Arm um ihre Schulter und sagt: »Komm, Nachbarin, wir wollen uns was erzählen.« Und sie führt sie die Sandnase hoch und in das Fichtengestrüpp. Da sitzt die kranke Frau am liebsten, denn es gemahnt sie an die verlorene Heide, von der sie herstammt.

Und dann seufzt sie und weint: »Ach, meine Heide, meine Heide!«

Die Erdme kann ihr die Heide noch so schlecht machen. »Ich bin ja auch von der Heide zu Hause,« sagt sie, »und weiß: schinden tut man sich dort nicht weniger als hier. Auf dem Sand gedeiht nicht einmal Roggen, und der Hafer sieht aus, als hat er die Schwindsucht. Und Fichten -- na ja -- die stehen ja dort höher. Aber Schatten geben sie auch nicht. Und vorwärts kommt man hier besser als dort.«

»Aber wenn dort das Heidekraut blüht,« sagt die Frau und starrt sehnsüchtig ins Weite, »und alles ist rot von lauter Blumchen, und die Hummeln singen drum 'rum, und die Luft ist warm, und unter dem Kadig liegt man geborgen so wie im Himmel! Aber hier friert man ja selbst im August und ist stets am Versinken. Vier Wochen sind's her, da ist mir mit einmal der Herd eingesunken -- vor meinen sehenden Augen ist er gesunken.«

»Dann ist er eben zu schwer gewesen,« tröstet die Erdme, »man muß ihm einen besseren Untergrund schaffen.« Und um die Frau aufzuheitern, erzählt sie ihr die Geschichte von dem großen, rotbärtigen Doktor, der immer kleiner und kleiner wurde, weil die Schemelbeine ihm unter dem Leibe versanken.

Hätte sie gewußt, was für ein Unheil sie damit anrichtet, sie hätte es lieber _nicht_ getan. Als sie das nächste Mal mit der Frau zusammenkommt, da krallt die sich an ihr fest und sagt: »Stell dir vor, Nachbarin, jetzt kann ich des Nachts gar nicht mehr schlafen, denn ich muß immerzu denken, daß die Bettfüße unter mir wegsinken, und das ganze Bett versinkt, und ich versink' mit.«

In ihrem Mitleid fällt der Erdme das Mittel ein, das der Nachbar Witkuhn die einzige Rettung genannt hat, und sie entschließt sich, die verängstigte Frau langsam an den Gedanken des Weggehens zu gewöhnen.

Ob ihr Mann, der Smailus, gut zu ihr ist.

Sie kann nicht klagen. Schläge kriegt sie keine, trinken tut er auch nicht, aber -- und nun legt sie den Mund ganz dicht an Erdmes Ohr -- »aber er wartet schon«.

»Worauf wartet er denn?« fragt die Erdme.

Da macht die Frau die Augen weit auf -- die richtigen Unglücksaugen macht sie -- und sagt ganz leise ihr großes Geheimnis: »Er wartet schon auf die Vierte.«

»Woher weißt du das?«

Sie weiß es nicht, aber das fühlt man.

Die Erdme wird dreister. »Da kannst du ihm aber behilflich sein,« sagt sie.

»Womit?«

»Indem du gar nicht erst wartest, bis sie dich 'raustragen. Dann bist du das Moor los und gehst auf die Heide.«

»Und die Kinder?«

Natürlich die Kinder! Als ob es für alles, was Mutter ist, einen anderen Gedanken gäbe.

»Die nimmst du mit.«

»Und dann?«

Ja dann! Die dreihundert Taler, die sie mitgekriegt hat, die stecken hier in der Wirtschaft. Das Väterliche hat längst der Bruder. Wenn sie nun wiederkommt -- ohne einen Groschen und ein Kind an jeder Hand, -- wer wird sie aufnehmen? Betteln kann sie gehen.

Die Erdme denkt: »Wenn das Herz ihr nicht längst gebrochen wär', würd' sie schon durchkommen.«

Aber so! Wie Recht hat der Witkuhn gehabt! Auch die gehört zu den meisten, für die es zu spät ist.

Da hört die Erdme auf, in sie zu dringen, und denkt: »Dann werd' ich sie also zu Tode trösten.«

Und das hat sie auch redlich getan. Ein Lungenhusten ist gekommen, und die Frau ist schwächer und schwächer geworden. Und erst, als gar nirgends mehr ein anderer Weg zu erblicken war als der, der auf den Kirchhof führt, da hat sie zu hoffen begonnen und hat Pläne gemacht. Der Smailus werde verkaufen, ihr zuliebe werd' er verkaufen -- genau so ist der Smailus! --, dann werden sie auf die Heide ziehen, und sie wird sich unter den Kadigbusch legen, wo es ganz warm und ganz trocken ist -- und dann wird sie schlafen und schlafen -- alle Angst und alle Müdigkeit wird sie ausschlafen.

Und darüber ist sie auch eingeschlafen. Aber es hat doch noch zwei Jahre gedauert. -- --

In der Nacht nach dem Tode, so gegen Zwölfe, da gibt es ein Klopfen an Baltruschats Haus. Sie ziehen sich an. Der Nachbar Smailus ist da und weint dicke Tränen. Es ist ihm so graulich zu Haus, und ob sie ihn nicht behalten möchten bis gegen den Morgen.

»Da hast du's, Nachbar,« sagt die Erdme. »Erst konntest du's nicht erwarten, und jetzt tut es dir weh.«

»Es ist nicht ums Wehtun,« sagt er, »aber ohne Frau kann man nicht sein. Wer wird mir jetzt die Schweine futtern und die Kuh?«

»Ich denk', die hast du schon lange gefuttert,« sagt die Erdme.

»Das ist richtig,« sagt er, »aber sie war doch da.«

Und er sitzt und sitzt und trinkt einen Schnaps nach dem anderen. Und langsam wird er beredt. Was man beim Nachbar Smailus so nennen kann.

»Ich darf mich ja nicht beklagen,« sagt er, »denn das Sprichwort heißt: >_Der_ Bauer hat Glück, dem die Pferde stehen und die Frauen sterben.< Pferde hab' ich ja keine, aber von Frauen ist mir nun schon die dritte gestorben. Also hab' ich doch Glück. Aber so was ist leicht gesagt. Denn wo krieg' ich nun gleich die Vierte her?«

»Damit hat's ja noch Zeit,« tröstet die Erdme. »Laß sie doch erst unter der Erde sein.«

»Nein, damit hat's keine Zeit,« entgegnet er. »Die Trauerfrist werd' ich schon abwarten. Das versteht sich. Aber man muß sich doch umsehen. Und so eine, wie meine Dritte war, die findet sich nicht leicht. So sanft von Gemüt, und dreihundert Taler. Die hat mir auch noch die Ulele besorgt. Aber wo ist jetzt die Ulele?«

»Die Ulele ist doch leicht zu erreichen,« sagt die Erdme. »Die hat ja noch unlängst Wein geschickt zur Stärkung und Ölsardinen.«

Sie hat noch viel andere gute Sachen geschickt, die Ulele, aber die Ölsardinen haben der Erdme den stärksten Eindruck gemacht -- in Erinnerung an den Glanz ihrer Mädchenzeit.

Und sie schlägt vor, der Ulele am nächsten Tage eine Depesche zu schicken. Berlin ist ja weit, aber denkbar wär's immerhin, daß sie käme.

»Wieviel kostet so eine Depesche?« fragt der Smailus. Und ob er womöglich auch noch die Reise bezahlen muß.

Die Erdme beruhigt ihn. Das Geld für die Depesche werde sie auslegen und sich später von der Ulele entrichten lassen. Was aber die Reise belangt, so sei die ohnehin viel, viel zu teuer für ihn.

Da willigt er ein und gibt auch gleich den Umschlag mit ihrer Adresse.

Ulele heißt sie nicht mehr. Sie heißt Adele.

Und wie sie zwei Tage später auf dem Bahnhof zu Heydekrug ankommt, da steigt sie aus einem Abteil mit roten Polstern und ist überhaupt eine Dame. In ganz Heydekrug gibt es nicht so eine Dame! Ganz in Schwarz mit langem Schleier und noch einem Schleier und noch einem Schleier. Nie im Leben hat die Erdme so viele schwarze Schleier gesehen.

Sie traut sich gar nicht an sie heran, obgleich sie den Wagen selber kutschiert, der die Nachbarstochter heimfahren soll. Die muß erst kommen und sie in die Arme schließen. Und das tut sie vor allen den Leuten und schämt sich nicht im geringsten.

Von nun ist der Erdme alles egal. Sie denkt nicht mehr an die tote Nachbarsfrau, nicht an den Sarg, nicht ans Begräbnis -- wo sie doch selber alles herrichten soll, denn der Smailus ist wie ein hilfloses Kind, -- sie sieht bloß die Ulele.

Der Inbegriff von allem, was sie hat werden wollen und nicht geworden ist, das Abbild, das Vorbild von sämtlichen schönen Mädchen der Modebilder, die bei ihr an den Wänden kleben, das Feinste, das Höchste auf und über der Erde, Milda, die Göttin der Liebe, Laime, die Göttin des Glücks: das ist die Ulele. Keine Königstochter, keine Kellnerin kann so schön sein wie die Ulele.

Und sie spricht sogar Litauisch. Nie hat man solch eine Dame Litauisch sprechen gehört. Es geht zwar etwas humplig, aber es ist doch noch Litauisch.

Sie fragt gleich nach allem: »Wo ist der Vater? Wer macht den Sarg? Wer trägt mir Koffer und Kranz auf den Wagen?«

Einen Kranz hat sie mitgebracht mit dreißig Lilien, und es ist doch noch Winter.

Dann wünscht sie sofort zum Tischler Werdermann zu fahren, um den Sarg zu besehen. Und zum Fleischer Steil und zur Schmidtschen Destillation wegen des Leichenschmauses.

Sie befiehlt und wirft das Geld hin, und alles ist da.

Das ist die Ulele.

Aber stolz ist sie eigentlich nicht.

Noch ehe die Begräbnisgäste kommen, hat sie all ihre Schleier abgetan und sieht nun in dem langen, schwarzen Kleide gar nicht viel anders aus als eine Deutsche auf dem Szibbener Kirchhof.

Und wie die Erdme sie fragt, warum sie das tut, da sagt sie: »Ich bin ein dummes Kalb gewesen. Ich hab' mich von euch bewundern lassen wollen, und darum hab' ich mir all das Gefunzel gekauft. Aber jetzt schäm' ich mich recht vor eurem bißchen Armut.«

Und sie streichelt der, die im Sarge liegt, die gelben, knöchernen Hände und sagt: »Die hab' ich allein auf dem Gewissen.«

»Wieso?« fragt die Erdme.

»Sie hat ja niemals zum Vater gewollt, und nur auf mein Zureden ist sie gekommen.«

Während der Leichenfeier hält sie die Kinder auf dem Schoß und wischt ihnen die Näschen, aber sie sorgt auch für den Vater, daß der in seinem Kummer nicht nach hinten geht und zu viel trinkt. Und jedem der Gäste schenkt sie ein Stückchen Seife.

Nachdem nun alles vorbei ist, bleibt sie noch weitere acht Tage, ist aber selten zu sehen. Und wie die Erdme sie fragt, wo sie eigentlich immer steckt, da gibt sie zur Antwort: »Ich muß doch den Kindern eine Mutter besorgen.«

Am Abend vor ihrer Abfahrt kommt sie und setzt sich mit der Erdme an den Feuerherd.

»Ich glaube, jetzt wird es auch ohne mich weiter gehen,« sagt sie. »Sie ist aus Pagrienen und kennt die Moorwirtschaft schon. Auch etwas Geld hat sie, und das übrige leg' ich zu. Aber das darf der Vater nicht wissen. Damit er sie richtig in Ehren hält.«

»Du bist wohl sehr reich?« fragt die Erdme bewundernd.

Sie lächelt und sagt: »Eigentlich bin ich ärmer als ihr, nur bei euch hat das Geld einen anderen Wert.«

Und dann erzählt sie der Erdme ihre ganze Geschichte.

Sie hat alles genau so durchgeführt, wie es einmal in ihrem Kopf entstanden war. Hat die Wirtschaft gelernt, die Buchführung und die Verwaltung und ist jetzt mit ihren zwanzig Jahren Geschäftsleiterin in einer Seifenfabrik. Daß es kein Getreide ist, wie es einst ihr Vornehmen war, sondern bloß Seife, macht kaum einen Unterschied.

»Und wird Er dich heiraten?« fragt die Erdme begierig, denn sie hat jedes Wort im Gedächtnis behalten.

Die Ulele macht den Zeigefinger naß und streicht sich über die Augenbrauen. Das tut sie oft, wenn sie nachdenkt.

»Das geht nicht so leicht, wie man sich's vorgestellt hat,« sagt sie und lächelt. »Denn meistens ist schon eine Frau da, und wenn die einen gar noch ins Haus zieht und auch sonst gut ist, dann begnügt man sich gerne damit, daß Er manchmal abends zu einem kommt und bis Mitternacht bleibt. Dann muß man Ihn heimschicken, damit die Frau nicht Verdacht schöpft.«

»Aber Er gibt dir doch, was du willst?« fragt die Erdme mit blitzenden Augen.

»Was ich will, gibt Er mir schon,« sagt die Ulele. »Aber viel darf es nicht sein, damit die anderen nicht denken, daß man sich 'rumtreibt.«

Das begreift die Erdme nicht recht. Sie würde gegrapscht haben ohne Unterlaß, ohne Bedenken. So was versteht sich von selber.

»Und dann ist auch noch der Oberbuchhalter da,« fährt die Ulele fort, »der mich durchaus heiraten will. Der darf natürlich nichts ahnen und niemand. Darum muß man immer hübsch einfach sein. Nun ist die Frage: soll ich darauf hinarbeiten, daß Er ihn als Teilhaber annimmt, oder mach' ich mit diesem ein Seifengeschäft auf? Das erstere wäre mir lieber, denn dann bliebe ich in der Fabrik. Aber gleich von Anfang an zwei Männer -- das ist mir zuviel. Und schließlich kommt's einmal 'raus, und die ganze Blase platzt auseinander. Ich werd's aber trotzdem wohl tun, denn ich lieb' die Fabrik wie mein Kind.«

»So hast du also doch durch das Mannsvolk dein Glück gemacht,« sagt die Erdme mit Stolz.

Die Ulele schüttelt den Kopf. »Dann sieht die Geschichte ganz anders aus,« sagt sie. »Stöckrig bin ich geblieben, und Busen hab' ich richtig auch heute noch nicht. Und wenn Er bei mir ist, reden wir vom Geschäft viel mehr als von Liebe. Durch Tätigkeit hab ich's gemacht und durch Nachdenken, -- aber natürlich: das Mannsvolk muß mithelfen, sonst bleibt man im Mustopf.«

Zum Abschied küßt sie die Erdme und küßt auch die Kinder. Und jedem schenkt sie ein Stückchen Seife, die riecht noch schöner als die beim Begräbnis.

An demselben Abend, nachdem Erdme die Kinder zur Ruhe gebracht hat, kniet sie an ihren Betten nieder und schwört bei Gott und bei dem Erlöser und dem Heiligen Geist, daß die ebenso fein und ebenso vornehm werden sollen wie die Ulele, die jetzt Adele heißt.

Und die sollen _gerade_ durch das Mannsvolk ihr Glück machen.

12

Von der Katrike und der Urte hab' ich noch gar nichts erzählt.

Die sind nun schon längst zwei große Mädchen, gehen in die Schule und lernen ein vornehmes Deutsch. Und die Erdme spricht auch nur noch Deutsch mit ihnen, denn sie sollen ja in die weite Welt hinaus, dorthin, wo die Menschen nicht einmal wissen, daß es Litauer gibt. Sie ist unerbittlich, wenn sie das »h« nicht aussprechen können, und wie sie's endlich gelernt haben, da verwechseln sie »Ecke« und »Hecke« und sagen »der Uhn at Heier gelegt«. Und manchmal weiß die Erdme es selbst nicht.

Tagtäglich hält sie ihnen vor, daß sie zu was Besserem geschaffen sind, als sich hier von dem Moorschlamm die Beine verderben zu lassen, denn das Moor beizt und macht Schrunden und Risse. Darum sollen sie in den Kartoffeln nur arbeiten, wenn die knappe Zeit es dringend verlangt. Am liebsten schickt sie sie in die Wiese. Dort dürfen sie auf den Heuhaufen liegen und den Schwalben nachgucken, soviel es ihnen gefällt. So wie die Schwalbchen werden sie auch einmal in andere Gegenden ziehen, aber heimkehren zum Nestbau, das werden sie nicht. Dafür sind sie zu schade.

Und die beiden Marjellen nutzen die Freizeit nach Kräften. Sie treiben sich weit und breit im Moore herum und entdecken allsommerlich neue Gebiete.

Der Fremde, der solch eine Öde durchwandert, wird nicht leicht glauben, wieviel es darin zu entdecken gibt. Da steht mit einem Male ein Birkengebüsch -- von fern sah es nach gar nichts aus, aber steckt man die Nase hinein, dann ist es voll von heimlichen Wundern. Rauschbeeren wachsen darin, die sind giftig, aber gerade darum ißt man sie gern, denn sie schmecken noch schöner als die Blaubeeren, denen sie ähneln, und sie machen die Sinne wirr und heiß, so daß man taumelt und einschläft. Und der ledrige Porst treibt Büsche, in denen man sich verstecken kann, noch besser als in dem kitzelnden Heu.

Und manchmal findet man Blänken und Teiche -- nicht die viereckigen mit dem kohlschwarzen Steilrand, die durch Torfstechen künstlich gemacht sind -- o nein doch -- diese hier stehen seit Erschaffung der Welt und stechen von weitem ins Auge wie verborgene Spiegel, die einer im Sonnenlicht hin und her dreht.

Aber hinzukommen ist schwer. Von Humpel zu Humpel muß man springen, sonst versinkt man womöglich im Schlamm, und wer einen dann noch herausholt, wie kann man das wissen? Aber ist man erst da, dann hat man Freude genug. Ringsherum kriecht wohl Nadelgestrüpp, wie Knäuel von Schlangen durcheinandergewunden. Darin klettert man 'rum und genießt das eigene Fürchten. Und noch was weit, weit Schöneres gibt es. Das ist der Rasen, der in das Wasser hineinwächst und auf dem man sich schaukeln kann, noch lustiger als zwischen zwei Birken. Aber fix muß man sein und das Fliegen verstehen, denn der Rasen schwimmt oben auf, und will man verweilen, dann sinkt er schwer in die Tiefe. Auch sind seine Ränder sehr böse gesinnt. Denn nie kann man wissen, wie weit er hält. Mit einem Male kann das Wasser an einem hochspritzen, und wie man dann 'rauskommt, das weiß man noch weniger.

Aber das macht nichts. Bisher hat man sich immer gerettet. Zwei so'nen Moorkröten wird das Moor doch nichts tun. Das wär' ja noch besser.

Im Winter freilich ist's schlimm -- wenn man zur Schule muß und der Frost durch die Handschuhe durchbeißt, als wären sie leinene Lappen. Und in den Schlorren erfrieren die Füße. Da muß die Mutter zur Nacht Terpentin auflegen. Das brennt wie das höllische Feuer.

Und schlimmer noch ist der Schneesturm, wenn man die Hand vor den Augen nicht sieht und vom Wege abkommt, ohne daß man es merkt, und plötzlich im Schnee steckt bis über die Achseln.

Dann möchte man wohl gerne zu Hause bleiben wie die anderen, deren Eltern ein solcher Gang zu gefährlich erscheint. Aber wie nachsichtig die Mutter sonst wohl auch ist, hierin kennt sie kein Mitleid.

»Die Schule _muß_ sein,« sagt sie, »denn wenn sie nicht lernen, können Besitzerstöchter niemals ihr Glück machen.«

Daß sie Besitzerstöchter sind, hören sie morgens und abends und bei jeder Gelegenheit. Keine Prinzessin kann öfter an den Vorzug ihrer Geburt erinnert werden als sie. Auch daß sie einmal in Samt und Seide gehen werden, wissen sie längst und putzen zunächst an den Lumpen herum, die zum Schulgang immer noch taugen. Aber ihre Sonntagsröcke sind fein -- bunter Kattun aus dem Hoffmannschen Laden, mit weißen Spitzen besetzt -- dreißig Pfennig das Meter. Und blanke Schuhe haben sie auch und Zwickelstrümpfe, die hat die Mutter selber bestickt.

Der Vater läßt es gehen, wie es geht; nur wenn sie mithelfen sollen und die Mutter meint, sie brauchen es nicht, dann trumpft er gelegentlich auf. Und dann muß sie klein beigeben. Wer weiß, ob er ihr sonst nicht eins überrisse.

Vom Vater wissen sie wenig. Meistens hockt er des Abends stumm auf der Ofenbank, oder, wenn er sich mit an den Tisch setzt, dann nimmt er ein Blatt Papier vor und rechnet.

Viel hat er zu rechnen, und viel hat er zu tun.

Das vierte Hektar ist nun schon gepachtet und damit der Höchststand erreicht. Das Pferd ist auch angeschafft, fährt Kartoffeln zu Markte und bringt von der Wiese Grünfutter mit. Es ist eine braune, struppige Kragge mit Spatbeinen und einem hohlen Kreuz, aber es hat immerhin achtzig Taler gekostet, und die will es verdienen. Darum läuft es trotz seiner vierzehn Jahre noch immer mit Ehrgeiz, und wenn man neben dem Leiterwagen einen Spazierwagen hätte, grüngestrichen mit einem Lehnensitz, man könnte sich unter den Herrenleuten schon sehen lassen.

Aber solche Sprünge machen wir lange noch nicht. Wir sammeln Pfennig für Pfennig und tragen das Geld auf die Sparkasse. Erst muß das Pracherhaus heruntergerissen und statt seiner ein anderes aufgebaut werden, wie es die Großbesitzer haben, mit Kammer und Klete, mit Kachelofen und Dielen unter den Füßen.

Das Beste wäre, man versicherte so hoch, wie es geht, und steckte das Gekrassel dann an. Aber zwischen Versicherung und Brand müßten anstandshalber zwei Jahrchen liegen oder auch drei, sonst steigt einem womöglich der Staatsanwalt auf den Puckel. Versichern kann man ja immerhin schon des Stalls und des Viehzeugs wegen, das immer besser gedeiht und das auf dem Markte Preise kriegt, wie man sie niemals geträumt hat.

Ach, wie schön ist die Welt, wenn man darin vorwärts kommt und der liebe Gott seine Hände sichtbarlich ausstreckt, um Haus und Familie zu hüten!

Dann ist auch das Frommsein leicht, und die Kirchfahrt wird ein Vergnügen. Schon weil einen die Leute ansehen und sagen: »Das ist der Jons Baltruschat mit seiner Frau und zwei Töchtern. Der fing einmal ganz klein an und hat unlängst eine Belobigung bekommen für Mastvieh.«

Der Taruttis freilich ist böse. Er kommt nicht mehr, und keiner geht jemals zu ihm.

Bis endlich die Erdme sagt: »Ich muß ihm die Kinder bringen, damit er sieht, wer wir sind.«

Und sie putzt die Urte und die Katrike aus, steckt ihnen Kämme ins Haar und Schleifen unter den Halsrand und geht mit ihnen hinüber.

Er ist nun ein Greis, und die Taruttene pappelt wer weiß was.

»Nachbar,« sagt die Erdme, »du hast uns einmal Obdach gegeben, als wir jung waren und arm. Jetzt geht es uns gut, und darum kommen die Mädchen schön Dank sagen.«

Die Urte, die auch schon zwölfe ist, küßt ihm die Hand, und die Katrike will nicht, aber sie muß.

Der fromme Taruttis scheint inzwischen ganz übersinnig geworden. Er muß erst nachdenken, wer sie wohl sind, dann sagt er: »Ja ja -- ja ja. Der Mensch ist boshaft von Anbeginn und bösen Trachtens voll. Und keine Reue hilft und keine Demütigung und kein Gebet. Darum soll er sich züchtigen mit Geißeln und den Kopf im Staube bergen vor seinem Gott.«

Die Erdme sagt gekränkt: »Wenn ich gewußt hätte, daß du so nachtragend bist, Nachbar, dann wär' ich nicht zu dir gekommen.«

Er versteht sie erst nicht und besinnt sich von neuem. Dann sagt er: »Es will mir scheinen, Nachbarin, du beziehst meine Worte auf dich, während ich doch nur mich selber im Sinne habe.«

»Wieso?« fragt die Erdme verwundert.

»Es gab einmal einen Tag, an dem habt ihr mich und meine gottgefälligen Freunde mit Kränkung von dannen gehen heißen. Da habe ich Lieblosigkeit gegen euch aufgesammelt in meinem Herzen und habe euch Übles antun wollen. Ich habe zwar nie gewußt, wie, und wenn ich es gewußt hätte, hätte ich es auch nicht gekonnt, aber daß ich bösem Willen eine Herberge geben konnte in meiner Seele, das ist eine schwere Sünde. Die bitte ich Gott ab, indem ich sie dir abbitte, Nachbarin.«

Und da geschieht das Wunderbare: der arme alte Mann kniet mühsam vor ihr nieder und hebt die Arme zu ihr auf, so daß sie Arbeit genug hat, ihn wieder hochzuziehen.

Die beiden Marjellen aber lachen sich eins und machen, daß sie hinauskommen. Und wenn Jahre nachher eine der anderen einen Schabernack spielt, dann verlangt sie von ihr noch dazu, daß sie niederkniet und Abbitte leistet, sonst sei sie kein gottgefälliges Mädchen.

Und dann vertragen sie sich und lachen immer aufs neue.

Aber über Einen lachen sie nicht. Der geht als der Baubau -- »der Baboszius«, wie die Litauer sagen -- durch ihre ganze Kinderzeit. Vor dem zittern sie, wenn sie nur an ihn denken.