Litauische Geschichten

Part 11

Chapter 113,991 wordsPublic domain

Und sie sagt: »Zuerst nach Königsberg und dann nach Berlin. Denn diese kleinen Nester sind nichts für mich. Nicht einmal, was ein kleidsamer Hut ist, versteht man da. Auch muß ich des Abends die Schreibmaschine erlernen sowie die Schnellschrift, die man Stenographie nennt. Dann muß ich noch einmal aufs Land, das heißt auf ein Rittergut, um die Wirtschaft zu lernen und die Verwaltung. Wenn ich das ordentlich verstehe, gehe ich in ein großes Getreidegeschäft und mach' mich dort unentbehrlich. Vielleicht, daß der Prinzipal mich dann heiratet, weil er einsieht, daß ohne mich doch nichts mehr los ist. Aber im Grunde glaub' ich es nicht. Denn die Männer sehen mich nicht an.«

»Du bist ja noch so jung,« sagt die Erdme.

»Das ist wahr,« sagt sie, »Busen hab' ich noch gar nicht. Vielleicht werd' ich auch nie einen kriegen. Ich hab' immer gedacht, ich werd' durch das Mannsvolk in die Höhe kommen, aber das muß ich mir wohl aus dem Kopf schlagen. Und es wird ja auch so gehen.«

Und die Erdme lacht und sagt: »Du mit deinen fünfzehn -- was kannst du da Großes verlangen?«

»Um mich herum liebt sich schon alles,« gibt sie zur Antwort, »bloß mich wollen sie nicht.«

Und Erdme, die erst sehr neidisch gewesen ist, sieht auf die Wiege, in der Kopf an Kopf die Urte und die Katrike liegen, beide mit Lutschpfropfen im Munde, und denkt: »Euch wird es nicht so gehen, denn ihr habt von meinem Blut in den Adern.«

Und es ist, als ob die Ulele ihren Gedanken erriete, denn sie sagt seufzend: »Ja, wenn man so eine wäre wie du!«

»Was willst du damit sagen?« fragt die Erdme argwöhnisch. »Weißt du etwas von mir?«

»Das gerade nicht,« sagt sie, »aber -- aber --« Und sie druckst und druckst und kommt nicht zu Rande. Schließlich, wie sie gehen will, dreht sie sich noch einmal um und sagt: »Eine Bestellung ist es eigentlich nicht, das würde sie sich nicht getrauen. Aber wünschen tut sie gewiß, daß du es erfährst.«

»Wer? Was?« fragt die Erdme ganz erstaunt.

Also: die Frau Witkuhn hat zu ihr gesprochen wie zu einer Alten. Das Elend mit ihrem Manne reißt ihr das Herz aus dem Leibe. Wenn er nicht da ist, sitzt sie in Angst, er könne sich ein Leid antun. Und ob es keine Möglichkeit gebe, daß die Erdme sich seiner erbarme.

Die Erdme erschrickt. Wenn die eigene Frau sich wirklich so an der Natur und der Religion versündigt, dann muß es wohl schlimm stehen.

»Warum hängt er sich gerade an mich?« fragt sie. »Mädchen, die ihm gern einen Gefallen täten, laufen genug herum auf dem Moor.«

Die Ulele macht eine pfiffige Nase. »Das ist es gerade,« sagt sie. »Ursprünglich wäre ihm wohl jede die Rechte gewesen, aber wenn eine ihm nah kommt, schrickt er zurück. Früher, als ich noch dümmer war und nicht wußte, warum, da hab' ich mich ihm manchmal auf den Schoß setzen wollen, aber da hat er mich von sich gewiesen wie das höllische Feuer. Nun aber hat er seine Sinne auf dich allein gesetzt. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber ich meine, wenn der Jons nichts erfährt, könntest du ihm wohl einmal Mitleid erweisen. Wollte er mich, ich tät's, aber ich bin ihm wohl noch zu klein.«

Die Erdme fühlt, daß sie heiß wird von Kopf bis zu Füßen. »Du verstehst wirklich noch nichts davon,« sagt sie und schiebt die Ulele hinaus und nimmt auch keinen Abschied von ihr.

Aber der Gedanke an den Nachbar geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sitzt der Jons ihr gegenüber, stumm und schwer, wie es seine Gewohnheit ist, dann sieht sie ihn immerzu an und denkt: »Soll ich -- soll ich nicht?« Und ihr Entschluß ist dann stets: »Nein, ich soll nicht.«

Aber wenn sie den Nachbar arbeiten sieht fernab auf dem Feld und sich sein feines, stilles Gesicht vorstellt und die zitternden Backenknochen, dann denkt sie doch wieder: »Ich soll.«

Und ihr Mitleid wird so groß, daß sie nachts von ihm träumt und bei Tage auf dem Grabenrand sitzt und ihm nachsieht. Dabei leidet natürlich die Arbeit.

Schließlich denkt sie: »Komm's, wie es will, geschehen muß was.«

Darum faßt sie sich eines Tages ein Herz und geht zu ihm 'rüber.

Als er sie kommen sieht, fällt ihm die Hacke aus der Hand. Er steht da und sieht sie an wie eine Himmelserscheinung, und dabei hat er sie doch immer vor Augen.

»Nachbar,« sagt sie, als hätte sie noch gestern mit ihm gesprochen, »willst du nicht einmal nach unserer Kuh sehen? Die frißt nicht.«

Er zieht die Klotzkorken über die nackten Füße und kommt. Er befühlt der Kuh den Leib, legt ihr die Hand auf die Schnauze und dreht die Augenhaut um. »Die Kuh ist gesund,« sagt er. Weiter nichts.

Die Erdme schämt sich und fühlt, wie sie zittert. Aber sie weiß, so ein Augenblick kommt nicht wieder. Darum ladet sie ihn ein, noch ein wenig in die Stube zu treten.

»Was soll ich da drin?« fragt er.

»Ich hab' schon lange einmal mit dir reden wollen,« sagt sie.

Er streift die Klotzkorken ab und tritt ein. Die Wiege hat sie vorher auf den Hof gestellt, damit die Kinder nicht zusehen.

Und jetzt stehen sie da und zittern beide.

»Nachbar,« sagt sie, »ich muß immer an die Stunde denken vor zwei Jahren, und mir ist, als habe ich dir ein Unrecht getan. Wenn ich es gutmachen kann, will ich es gerne.«

»Es ist nichts gutzumachen,« sagt er und bekuckt sich die Bilder.

»Setz dich auf die Bank, Nachbar,« sagt sie.

Er gehorcht, und sie setzt sich neben ihn. Mehr kann sie wahrhaftig nicht tun.

»Nachbar,« sagt sie, »du hast ein seltsames Wesen. Nicht bloß gegen mich. Dir muß irgend was geschehen sein. Das Beste wär' schon, du sprichst dich aus.«

»Jawohl,« sagt er, »das will ich.«

Und dann erzählt er ihr eine Geschichte, wie es ihm in der Jugend ergangen ist. Er ist ein froher Bursch gewesen, Besitzerssohn, ansehnlich und beliebt. Und die Mädchen haben ihn gern gewollt zum Heiraten sowohl wie zu dem anderen. Und eine -- die war wild und heimlich zugleich. Wie wohl die wildesten sind. Und nichts war ihr heimlich genug. Und eines Nachts im Finstern trafen sie sich unter dem Kadigbusch auf der Heide, wo sonst kein Menschenfuß hintritt. Da wollte sie ihm zu Willen sein. Aber plötzlich sind ringsum Lichter aufgetaucht von Jägern, die sich schon im Finstern auf eine Jagd begaben. Da hat sie zu schreien angefangen, daß er ihr Gewalt antue. Als ob sie am Speer stak, so hat sie geschrieen. Und so ist er ins Unglück gekommen. Das hat ihn verfolgt von Ort zu Ort und ist stets offenbar geworden, wenn er ein Führungsattest gebraucht hat oder als Zeuge vor Gericht hat stehen müssen. Schließlich hat er im Moor eine Zuflucht gefunden, wo mancher bestraft ist und keinem viel Schaden daraus erwächst. Der Moorvogt weiß es und seine Frau. Sonst niemand. Bei der Frau hat er Rettung gesucht, aber die ist ja schon lang' keine Frau mehr. Und sobald eine andere ihm zugelächelt hat, ist ihm sofort der Gedanke gekommen: »Sie wird schreien.« Immer hört er das Schreien. Und dann zittert ihm das Gesicht, wie es ihm damals gezittert hat, als er sich stumm und ohne Verteidigung hat abführen lassen. So vertattert ist er gewesen, und so ist er noch heute.

»Wie hast du dich dann aber an mir vergreifen können?« fragt sie und lächelt ihn an.

»Das weiß ich selber nicht,« sagt er und streicht sich übers Gesicht.

»Nun, ich hab' doch _nicht_ geschrieen,« sagt sie und lächelt ihn immerzu auffordernd an.

»Aber -- abgewiesen hast du mich, und seitdem ist es schlimmer als je!«

Soll sie nun sagen: »Heute würd' ich dich _nicht_ abweisen?« Das kann sie nicht. Das bringt keine Frau über die Lippen. Bloß seinen Arm streichelt sie und sagt: »Armer Nachbar.«

Sie denkt, er wird sie nun umfassen, aber was tut er? Er zittert und rückt von ihr weg und stöhnt: »Laß man, mir hilft keiner mehr.«

»Gott wird helfen!« sagt sie, wie man sagt: »Guten Tag« und »Guten Weg«.

»Auch Gott hilft mir nicht,« schluchzt er und ringt die Hände. »Ich hab' zu ihm gebetet bei Tag und bei Nacht, er soll die große Zuneigung von mir nehmen, aber geholfen hat er mir nicht.«

»_Ich_ werd' für dich beten,« sagt sie. Sündigen möcht' sie viel lieber, aber man muß doch so tun.

Er in seiner Not greift den Gedanken auf wie der Hungernde den Knochen, den man zum Fenster hinauswirft.

»Ja, bet für mich, bet für mich, oder wenn du mir eine große Gnade antun willst, dann laß uns zusammen beten. Vielleicht daß Gott mich dann hört.«

Und richtig! Sie holt ihr Gesangbuch hervor und das von Jons, und jeder schlägt auf, und sie beten und beten.

Und siehe da! Immer frömmer wird ihr zumute. Sie denkt an die schlafenden Kinderchen draußen und an den Mann, der sich abschindet von früh bis spät, und bald begreift sie gar nicht mehr, daß sie eine so große Sünde hat begehen wollen.

Wie sie eine halbe Stunde gebetet haben, sagt sie: »Nun, Nachbar, fühlst du, daß es dir hilft?«

Er schüttelt bloß den Kopf.

Sie denkt: »Aber mir hat es geholfen.« Und nun -- ganz aufrichtig gesonnen -- redet sie ihm gut zu und meint, sie möchte ihm ja gerne den Wunsch erfüllen, aber es gehe nicht an. Die Kinderchen sind noch so klein, und der Jons hat sie alle dreie so lieb, wenn er es auch nicht recht ausdrücken kann. Aber vielleicht wird es später einmal anders werden, so daß sie sich dann wegen des Unrechts nicht mehr so zu schämen braucht. Es könnte ja sein, daß Jons einmal zu trinken anfängt und sie schlägt oder so. Dann würd' sie sich kein Gewissen draus machen.

Der Nachbar steht auf, tastet nach seiner Mütze und sagt im Gehen: »Ich werd' also warten.«

Und sie denkt: »Schade! Aber wer weiß, wozu es gut ist?«

10

Wenn _das_ Überschwemmung ist, das läßt sich ertragen!

Wohl stehen Hof und Garten zollhoch unter Wasser, auch ist der Knüppelweg zur Chaussee an vielen Stellen unbegehbar. Und der Estrich in der Stube fühlt sich an, als möchte er sich von neuem kneten lassen. Aber schließlich -- zu seinem Vergnügen lebt man nicht im Moor, und alles geht vorüber. Die Wege trocknen, über Hof und Gräben legt man Bretter, und der Estrich wird wieder glatt gewalzt.

So ist es nun im Märzenmonat schon zweimal gewesen, und die Erdme denkt nicht mehr mit Angst an die finsteren Prophezeiungen, mit denen der alte Raubmörder einst ihre Hoffnungen vergiftete.

Manchmal fragt sie die Nachbarn, aber die scheinen ungern davon zu sprechen, und darum unterläßt sie es. -- -- --

Jetzt im vierten Jahre zeigt es sich, daß man stark genug ist, noch weitere Sprünge zu machen. Die Wiese liefert Heu genug, um eine zweite Kuh zu ernähren, und deshalb muß ein Stall gebaut werden. Der Abschlag am Giebelende reicht schon für die eine nicht aus, besonders wenn die Mastferkel an den Pfosten herumwühlen, so daß an manchem Morgen das ganze Dach der Kuh auf dem Rücken liegt.

Gespart ist ja, aber ob man ausreichen wird, ist zu bezweifeln. Und da zu gleicher Zeit wegen der Pachtung eines zweiten Hektars mit dem Moorvogt gesprochen werden muß, könnte man vielleicht aus dem Raiffeisenverein ein Darlehen von ihm erlangen.

Eines Sonntagnachmittags zu Anfang April stellen sie die Lampe hoch, verstecken die Streichhölzer, schließen die Kinder ein, und dann gehen sie zum Moorvogt.

Er hört ihnen schweigend zu und schlägt darauf sein großes Buch auf. Ach, dieses fürchterliche Buch! Je länger er darin liest, desto zittriger werden der Erdme die Beine, denn die Ulele hat ja einmal gesagt -- -- man wagt gar nicht auszudenken, was die Ulele gesagt hat.

Dann sieht er sie eine Weile an, gerade wie damals, und endlich macht er den Mund auf.

»Also alles in allem geht es euch gut?« fragt er.

Nun möchte ich den Landmann sehen -- ob litauisch oder deutsch, ob Bauer oder Graf --, der auf eine solche Frage mit einem schlichten Ja geantwortet hätte.

Sie fangen also alle beide fürchterlich zu klagen an. Die Nachtfröste im vorigen Herbst -- und die verschorften Kartoffeln -- und die wartungsbedürftigen Kinder -- und die Überschwemmung noch jüngst!

»Was wißt ihr von Überschwemmung!« sagt er, und ein bitteres, ein fast verzagtes Lächeln fliegt über sein starkes Gesicht.

»Jedenfalls geht es euch so gut,« fährt er fort, »daß ihr eine erhebliche Vergrößerung eurer Wirtschaft in Angriff nehmen könnt. Es kommt mir das nicht unerwartet, denn ich habe euch natürlich im Auge behalten. Das zweite Hektar ist euch bewilligt, und auch für das Darlehen werde ich eintreten. Nur -- nur --« er stockt und sieht sie wieder an, »nur scheint mir, daß ihr noch von der Bauzeit her dies und jenes in Ordnung zu bringen habt.«

Jons und Erdme werfen sich einen heimlichen Blick zu. Was kann er nur meinen?

Und er sieht sie immer weiter an mit starren, bohrenden Augen, als ob sie splinterfasernackig vor ihm stünden.

»O Gott, o Gott!« denkt die Erdme. Denn _was_ hat die Ulele gesagt?

Und das Versprechen fällt ihr ein, das sie sich am Abend ihrer Trauung im Matzicker Chausseegraben gegeben haben. Ach, wie bald ist das vergessen gewesen!

»Es scheint, ihr wißt nicht, was ich meine,« fährt der Moorvogt fort. »Geht also nach Hause und denkt darüber nach. Wenn ihr findet, daß ich Unrecht habe, dann kommt wieder, aber nicht früher.«

Damit sind sie entlassen.

In stolzer Hoffnung waren sie gekommen. Stillschweigend, mit gesenkten Köpfen gehen sie wieder heim.

»Allwissend ist Gott allein,« denkt die Erdme.

»Hier hilft bloß eines,« sagt schließlich der Jons, »daß wir nun doch noch unter die Gebetsleute gehen.«

»Warum?« fragt die Erdme. »Wir sind ja fromm genug.«

»Wenn man unter die Gebetsleute geht,« sagt der Jons, »kann man seine Sünden bekennen und alles gutmachen, ohne daß einem daraus ein Schade erwächst.«

»Gutmachen kann man auch so,« sagt die Erdme. »Wozu noch erst viel bekennen?«

»Das ist nicht das Richtige,« sagt der Jons.

Sie beschließen also, den frommen Taruttis zu besuchen und zu sehen, ob es lohnt, sich in die Gemeinde der Erleuchteten aufnehmen zu lassen.

Der fromme Taruttis empfängt sie mit Freuden.

»Ich habe schon oft gebetet,« sagt er, »daß ihr den Weg zum Heile finden möget, und nun ist mein Gebet erhört.«

So mager und so sanft sieht er aus wie ein Sendbote des Herrn. Und seine Augen leuchten wie zwei weinende Sonnen. Er ruft auch die Taruttene, die ihnen Schmand mit Glumse vorsetzt. Sie ist nun ganz hutzlig geworden und will gleich zu singen anfangen. Sie hält es schon gar nicht mehr aus. Aber er beruhigt sie. Damit habe es bis zur nächsten Versammlung Zeit. Erst müsse ein Sündenverzeichnis hergestellt werden. Und bei dem öffentlichen Bekenntnis werde die ganze Gemeinde Gott auf den Knieen um Vergebung anflehen. Das habe noch immer geholfen.

Jons und Erdme sehen sich an. Sie haben es zwar oft schon mitgemacht, aber nun sie selbst daran glauben müssen, wird es ihnen doch fürchterlich sauer.

Der Taruttis legt auch gleich ein Blatt Papier auf den Tisch, macht eine römische Eins und sieht sie erwartungsvoll an. Da nimmt die Erdme das Wort und sagt: »Damit das Bekenntnis ganz vollständig wird, wollen wir uns vorerst im einsamen Kämmerlein gehörig kräftigen. Sonst könnte es geschehen, daß etwas fehlt, und das würden wir uns niemals verzeihen.«

Der fromme Taruttis lobt den Ernst ihrer Bestrebungen und ladet sie zu der nächsten Versammlung. Und dann gehen sie heim.

»Nein,« sagt die Erdme entschieden, »damit die Leute hernach mit Fingern auf uns weisen: >Da seht das verstohlene Pack<. Das könnte mir passen.«

Der Jons meint zwar schüchtern, man könne das Bekenntnis so undeutlich sprechen -- besonders wenn man zu zweit ist --, daß niemand was Rechtes versteht. Aber die Erdme bleibt fest. »Unsere Kinder sollen einmal in Samt und Seide gehen,« sagt sie, »für die muß vorgesorgt werden.«

Auf alle Fälle machen sie jetzt das Verzeichnis. Der Mann, dem sie die Saatkartoffeln ausbuddelten, bekommt die erste Nummer. Und dann folgt eine sehr lange Reihe. Einzelnes bietet Schwierigkeiten. Wem zum Beispiel sollen sie das Heu für die Ziege ersetzen, das sie im Dunkel der Nacht aus den fahrenden Fudern zupften? Oder: Wem hat der Jons Schaden getan, als er mit dem Abgebrannten wegen der Türen und Fenster den heimlichen Handel abschloß? Denn was eine Versicherungsgesellschaft ist, wer kann sich das vorstellen? Und dann das Allerschlimmste: die Veruntreuungen auf dem Holzplatz, auf dem der Jons ja heute noch arbeitet! Der Möbeltischler ist nicht der Einzige gewesen. Gar manchem, der eine offene Hand hatte, ist beim Verladen eine oder die andere Planke mehr auf den Wagen geschmissen worden. Und der Aufseher hat dann den Rüffel gekriegt.

Schlimme Sache! Schlimme Sache!

Trotz alledem gehen sie ans Werk. Der Jons bringt Postanweisungen und Linienpapier, und nun schreiben sie einen Brief nach dem anderen, gerade so, als ob sie wirklich bei den Gebetsleuten eintreten wollten ... Und das tun sie aus Klugheit, denn sie wissen, deren Sündenbekenntnisse werden von den Deutschen mit Lustigkeit, von den Litauern mit Andacht aufgenommen und niemals weiter verfolgt. Aber in zweifelhaften Fällen vermeiden sie der Sicherheit halber, ihre Namen anzugeben.

Einer der Briefe lautet so:

»Wehrter Herr Hahn!

Da ich den Herrn Jesus gefunden und er mich eretet hat aus allen meinen Sünden. Bezeugt mir der Heilige Geist Gottes mein Ibelthat. Um mit Gott und Menschen ins reine zu komen, soll ich mihr reinigen wie auch der Herr Jesus rein war. Der Herr zeiget mir, daß ich auch Ihnen währent meinem Hausbau beschädigt habe indem ich aus Ihrem Walde Holz stahl. Ich biete um Vergebung der Schuld, das sie mir nicht vor dem Throne Gottes verklagen wirde. Darum läge die 30 Mark für den Wert des Entwändeten Matirials. Der liebe Gott ist selber Richter und weis am bästen den Weg. Er hat meinem Gewissen soviel geurteilt. Ich biete nochmals um Verzeihung und vergebung der Schuld, das ich Frieden mit Gott häbe und mein Gewissen mich nicht verklagen wirde. Der Herr Jesus hat mir schon vergäben, als er am Kreuze auf Golgatha das Wort ausrief Es ist volbracht.

Achtungsvol J. Baltruschat.«

Und ein anderer lautete so:

»Hochgerter Herr!

Als ich in einen neien Abschnit meines Lebens mich mit meinem Gott versähnen wolte, fand ich unter den verbannten Gegenstenden, das ich mich auch an Ihnen vergangen habe. Zwar glaubte ich früher das wen man von einen reichen Herrn Kleinigkeit stiehlt, keine Sünde ist. Komme daher ihnen dankbar um Vergebung zu bieten, wenn Sie so gütig sind. Ich befand mich vor langer Zeit bei meinem bauen in großer Verlegenheit und da ging ich hin und holte mir aus ihre Grube den Lähm gleichwie es Gott gefiel. Daher sände Sie gefälligst 10 Mark. Biete wenn möglich um Sündenvergebung.

Hochachtend ein Nachbar.«

Diese beiden Briefe, den frömmeren und den weltlicheren, nehmen sie sich zum Muster und richten danach die übrigen ein.

So schreiben sie noch manchen Brief und berechnen genau die Beträge, die sie den Empfängern schuldig sind.

Der Abgebrannte, zu dem der Jons geht, um zu erfahren, an wen er sich wegen des Ersatzes zu wenden habe, wohnt in einem nagelneuen Hause. Dessen Türen und Fenster sind tausendmal schöner als die, die er damals beiseite geschafft hat. Er lacht zuerst fürchterlich, als er aber hört, daß Jons zu den Gebetsleuten gehen will, sieht er gleich ein, daß es sein muß, und gibt ihm genaueste Auskunft.

So bliebe also nur noch das Holzgeschäft übrig, denn das Ziegenheu kann auch von selber gefallen sein. Aber das Holzgeschäft!

»Das deutsche Schwein kann Wind auf dich kriegen und zeigt dich am Ende noch an,« warnt die Erdme. »Selbst ohne Unterschrift kann es dir schlecht gehen.«

Das sieht er auch ein und schreibt darum zur Sicherheit den Namen eines anderen Arbeiters, der vor kurzem nach Rußland zu den Holzfällern gegangen ist und der ebenso gemaust hat wie er. So reinigt er zugleich auch dessen Gedenken, was als eine doppelte Guttat angesehen werden muß.

Als die Briefe und die Postanweisungen weg sind, wird ihnen beiden sehr wohl zumut. Die Ersparnisse haben sich zwar erheblich vermindert, aber statt dessen hilft ja der Moorvogt.

Darüber vergessen sie ganz, daß sie auf der nächsten Versammlung der Gebetsleute das Sündenbekenntnis ablegen sollen.

So kommt der Sonntagnachmittag heran. Sie sitzen vergnügt vor der Tür. Er raucht seine Pfeife, sie riecht an einem Marienblatt, und die Kinder spielen um sie herum. Da hören sie mit einem Male einen feierlichen Gesang.

»Es wird ein Begräbnis sein,« meint die Erdme.

Aber der Gesang kommt immer näher, und was sehen sie? Der fromme Taruttis und zwei andere fromme Männer gehen zwischen den Kartoffeln geradeswegs auf sie zu, und jeder hält sein Gesangbuch in der einen Hand und sein Schnupftuch in der anderen, und eine Mütze hat keiner auf.

O Gott, wie wird ihnen da! Weglaufen können sie nicht, und Ausreden haben sie auch nicht.

Der Jons in seiner Verlegenheit heißt sie willkommen und fragt, ob er den werten Gästen vielleicht einen Schnaps anbieten kann. Wo er doch wissen muß, daß die Erleuchteten geistige Getränke nicht zu sich nehmen.

Der fromme Taruttis tut, als hat er die Frage gar nicht gehört, und sagt: »Teurer Bruder und geliebte Schwester. Die Stunde des Segens ist da. Die Pforten der Himmelsstadt sind aufgetan! Folget uns nach Jerusalem, wo ihr alsbald in weißen Kleidern dastehen werdet zur rechten Seite des Herrn.«

Der Jons, der wie vor den Kopf geschlagen ist, will richtig schon gehen, aber die Erdme hält ihn gerad' noch am Ärmel.

»Lieber Nachbar und ihr anderen geehrten Gäste,« sagt sie und macht ein scheinheiliges Gesicht, »seit wir unseren Entschluß kundgetan haben, prüfen wir uns unaufhörlich, aber es will uns gar keine Sünde einfallen. Nun müßten wir uns jedoch schämen, so selbstgerecht vor euch zu erscheinen, wo doch ein jeder sonst sein Bündelchen auspackt. Darum lasset uns Zeit, ein Monatchen oder ein Jahrchen -- oder noch mehr, damit wir ein gehöriges Bekenntnis zusammenkriegen. Vielleicht sündigen wir inzwischen auch noch was Neues, und das ist dann gleich ein Abwaschen.«

So einfältigen Glaubens der fromme Taruttis auch sein mag, -- daß diese freche Person sich lustig macht, das sieht er doch ein.

»Warum seid ihr denn zu mir gekommen?« fragt er sie ganz verdutzt.

»Ihr seid ja auch zu uns gekommen,« gibt sie zur Antwort.

Darauf wissen die frommen Männer nichts zu erwidern und heben sich wieder von hinnen. Und Jons geleitet sie bis an den Grenzgraben, dorthin, wo das Brett 'rüberführt.

Wie er zurückkommt, sieht er, daß Erdme die beiden Kleinen im Arm hat und liebkost.

Dann läßt sie sie fallen, hebt beide Fäuste hinter den Weggehenden her und ruft ganz laut:

»Meinen Töchtern die Heirat verderben, das wär' euer ganzer Segen, ihr Schufte!«

Der Jons ist beinahe erschrocken. Nie hätte er gedacht, daß sein Weib so böse sein kann.

11

Über den Nachbar Witkuhn scheint etwas wie Frieden gekommen. Er weicht der Erdme nicht mehr aus, bleibt ruhig zu Hause, wenn sie der kranken Frau beispringt, und kommt herüber, so oft es nottut. Ohne ihn wäre der Stall gar nicht zustande gekommen. Der ist nun viel prächtiger als das Wohnhaus und bietet Platz für zwei Kühe und zwei Schweine und sogar -- der Himmel bewahr' uns vor Hochmut! -- sogar für ein künftiges Pferd.

Der Nachbar Witkuhn weiß, daß er selber es nie so weit bringen wird. Um so eifriger ist er darauf bedacht, daß Jons und Erdme dahin gelangen.

Der Ankauf der zweiten Kuh ist auch sein Werk. Eine Holländerin ist sie, wollstirnig mit einem schwarzen und einem weißen Auge. Und Milch gibt sie -- man schämt sich zu sagen, wieviel Milch sie gibt, aber die an der Ablieferungsstelle, die wissen's.

Jetzt kommt des Abends schon manchmal Butter auf den Tisch, und die Kleinen trinken frische Milch, soviel sie nur mögen.

Im Frühling des fünften Jahres geschieht das Große, daß Jons seine ständige Arbeitsstelle aufgeben muß, denn Erdme schafft es nicht mehr, selbst wenn er die Freistunden noch so sehr ausnutzt.

Der Sägemühlenbesitzer schenkt ihm zum Abschied zehn Mark und eine Kiste Zigarren wegen der Ehrlichkeit, die er immer bewiesen hat, im Gegensatz zu anderen, die sich jetzt in Rußland herumtreiben.