Litauische Geschichten

Part 10

Chapter 104,072 wordsPublic domain

Die Kartoffelernte bringt zwanzig Scheffel. Davon kann neben ihnen noch ein Ferkelchen satt werden. An dem Giebelende, das fensterlos ist, erhebt sich alsbald ein Abschlag mit Schwarten als Dach und rohrgeflochtenen Wänden. Darin hat das Schweinchen Platz und später wohl auch eine Ziege, deren Milch man als Wöchnerin ungern entbehrt. Im Sommer nährt die sich selber am Wegrand, für den Winter aber muß vorgesorgt werden.

Das Heu rupft man sich, indem man in nächtlicher Finsternis hinter den Fudern daherläuft, die auf der Chaussee von den Wiesen kommen und Gott sei Dank bloß in kurzem Trab fahren -- sonst würde die Erdme in ihrem Zustand ihnen nicht folgen können. Das Verstreute sammelt man auf dem hinterher fahrenden Handwagen, so rasch es nur geht, denn unverschämte Diebe gibt es genug, die einem das sauer Erworbene vor der Nase wegschnappen wollen. Manchmal findet man die Plätze hinter den Fudern bereits von anderen Schatten besetzt; mit denen prügelt man sich herum, oder man einigt sich besser in Güte.

So wird allmählich der Bodenraum voll. Nur für die Heizung muß Platz bleiben. Um die zu beschaffen, hat man vom Moorvogt das Randstück eines Torflochs gepachtet und ist auch diese Pacht schuldig geblieben -- genau so wie jene. Denn der merkwürdige Mensch mahnt ja nicht. Warum soll man ihm also entgegenkommen?

»Er wird schon mahnen,« lacht die kleine Ulele. »Er hat ein dickes Buch. Darin steht alles geschrieben wie in dem Buch des ewigen Richters. Was ehrlich erworben ist und was nicht. Es steht alles darin.«

Der Erdme zittern die Knie, sie quiekt wie eine Maus und sinkt nach hinten zurück. Aber das hängt ja mit ihrem Zustand zusammen. Und so entschuldigt sie's auch bei der kleinen Ulele.

8

Der Winter kommt wie alles Schlimme früher, als man sich's denkt.

Eines Morgens zu Anfang November ist das Moor gefroren wie ein Brett. Bis dahin hat man im Kalten gelebt, aber nun geht es nicht mehr.

Der Handwagen des frommen Taruttis, der so viel Unfrommes mit angesehen hat, ist ihm zurückgegeben. Statt dessen dient nun die Karre, die Jons vom Markte gebracht hat.

Das Torfloch trägt eine Eisdecke. Die wiegt sich und klingt, wenn man auf dem Moore daherkommt. Die Torfziegel, die Erdme alle selber gestochen hat, stehen in viereckigen Haufen geschichtet. Obwohl sie sie mit Rohr bedeckt hat gegen den Herbstregen, trocken sind sie noch immer nicht. Aber wenn man ihnen gut zuredet, brennen werden sie doch, und der Qualm geht zum Schornstein hinaus.

Ja, Kuchen! Wie der Jons des Abends nach Haus kommt, findet er die Stube so voller Rauch, daß von der Lampe gar nichts zu sehen ist. Und auf dem Bett liegt die Erdme kraftlos und hustet.

Aber die kleine Ulele, die jetzt immer dabei ist, lacht und sagt: »An den Rauch gewöhnt man sich wie ans Grundwasser. Oben ersticken wir, unten versinken wir und sind ganz lustig dabei.«

Und sie hat Recht gehabt. Bald weiß man kaum mehr, ob es raucht oder nicht, wenn man's nur warm hat. Und das ist die Hauptsache.

Denn Tage brechen herein, so naß und so kalt, daß einem das Herz im Leibe erklammt, wenn man die Nase ins Freie steckt. Was schlimmer ist, der suppende Nebel oder der rotklare Frost, die fegenden Schneestürme oder der windstille Rauhreif, -- man weiß es wahrhaftig kaum; nirgends friert man so wie hier auf dem Moor. Die Kälte auf der Spitze des Monte Rosa muß dagegen ein Kinderspiel sein.

Ein Glück ist, daß, noch ehe der erste Schnee kam, der Zufahrtssteg angelegt und mit kleinen Birken und Quitschen bepflanzt ist, sonst würde der Jons, wenn er in der Finsternis heimkehrt, nicht wissen, wo er abbiegen muß, so verstiemt ist alles in Weite und Breite. -- Selbst das Fensterchen steckt manchmal tief unterm Schnee und muß am Morgen ausgeschaufelt werden, damit man weiß, daß es Tag ist.

Die Erdme geht nicht viel mehr ins Freie. Nur das Ferkelchen muß sie versehen, das prächtig gedeiht. Wenn man das schlachten dürfte, könnte man pökeln für Jahre. Aber so üppig leben wir nicht. Wir sind froh, wenn wir ab und zu einen Hering haben. Das Schwein wird, wenn es fett ist, an den Schlachter verkauft, und was dafür einkommt, bildet das Grundkapital für die künftige Kuh. Aber das sind noch Zukunftsträume. Fürs erste wollen wir mit der Ziege zufrieden sein.

Im Januar rückt sie an. Sie heißt Gertrud, frißt mit aus dem Schweinetrog und stößt, wenn man sie melken will.

Aber schließlich gewöhnt sie sich und gibt ihre Milch so großmütig her, wie nur eine kann, deren Haltung nichts kostet. --

Am schlimmsten in dieser schlimmen Zeit ist das Gefangensein. Man kuckt nach rechts -- man kuckt nach links -- alles ist weiß, alles ist weit, und nicht ein Fuhrwerk fährt auf dem Wege, um zu zeigen, daß es noch Dinge gibt auf der Welt, die anders aussehen als weiß. Die Häuser der Nachbarn stehen ja da, aber sie sind fast ganz in Schneefluchten versunken, und nur wo der Rauch sich niederschlägt, gibt's auf dem Dach einen graulichen Flecken.

Man kann sich kaum vorstellen, daß dort überall Menschen wohnen, denn niemals sieht man einen, und man geht auch nicht gerne hinüber.

Wäre die kleine Ulele nicht, man wüßte tagsüber kaum mehr, wie eine fremde Menschenstimme sich anhört.

Aber die kleine Ulele hat viel zu tun. Sie geht auf Freiersfüßen. Wenn sie zum Frühling eingesegnet wird, muß der Vater schon seine Frau haben. Denn dann will sie in die große Welt, ihr Glück machen. Sie weiß eine, die hat dreihundert Taler, und eine andere, die hat noch mehr. Aber an der hängen zwei Kinder, deren Vater sie manchmal besucht. Und die Ulele meint mit Recht, das werde Streitigkeiten geben, wenn sie selbst als Vermittlerin nicht mehr im Lande ist. Sie wird also wohl die erste wählen, aber der muß noch viel zugeredet werden, denn sie fürchtet, der Weg der Vorgängerinnen werde alsbald auch der ihrige sein.

So hat man seine Sorgen, auch wenn man noch Kind ist.

Von dem Nachbar Witkuhn hat Erdme seit Monaten nichts mehr gesehen, und die Hilfeleistung bei seiner Frau muß die kleine Ulele für sie mit übernehmen.

Es bleibt also nur der fromme Taruttis, an den man sich halten kann. An jedem Sonntagabend gibt's eine Versammlung bei ihm. Zu der kommen die Gebetsleute weit und breit, und manchmal sind Stube und Vorflur so voll, daß die Haustür offen stehen muß, und dann zieht der eisige Wind wie mit Peitschenhieben über die Köpfe.

Aber schön ist es trotzdem. Andächtige Lieder werden gesungen, Sündenbekenntnisse abgegeben, und meistens kriegt der heilige Geist einen oder den anderen zu packen, so daß er aufsteht und mit Zungen redet, während die anderen horchen und weinen. Das ist dann ein rechtes Sonntagsvergnügen.

Zu der Gemeinde gehören Jons und Erdme noch nicht, denn das Abtun des Irdischen ist wenig nach ihrem Geschmack. Aber sie werden als Gäste geduldet, zumal der Tag der Erleuchtung auch ihnen nicht ausbleiben kann.

Zweimal hat es Tauzeit gegeben und Regen und Weststurm. Dann hat der Schnee sich gelöst, und die Welt ist zu Torfschmutz geworden. Dann riecht es nach Rauch und nach Pferdeurin, und doch sind gar wenige Pferde ringsum. Nur der Wohlhabende kann sich eins halten.

Aber Jons und Erdme wissen, daß, wenn die Zeit erfüllt ist, ihnen ihr Pferdchen nicht fehlen wird. Jahre und Jahre kann es dauern, aber kommen wird es gewiß, genau wie das Fettschwein gekommen ist, um das der Schlachter schon lange herumstreicht.

Aber vorerst wird was Anderes kommen -- etwas, das einst in Samt und Seide gehen wird und wofür der Sohn eines Gendarmen schon längst nicht mehr gut genug ist. Ein großer Besitzer muß es sein, wie die reichen Herren der Niederung, die hundert Kühe halten und deren Käsereien mit Dampf betrieben werden. Billiger macht die Erdme es nicht, wenn selbst der Jons mit sich handeln läßt.

Um Mitte März kann das Kleine schon da sein. Und der März steht vor der Tür. Die Sonne bohrt Pockennarben tief in den Schnee, und wenn mittags die Eiszapfen tropfen, klingt es wie Frühlingsmusik.

Eines Tages kommt die Frau des Witkuhn. Mühselig schleppt sie sich ins Haus. Die Erdme ist noch ein Wiesel dagegen.

»Nachbarin,« sagt sie. »Ich weiß, deine Stunde wird bald kommen. Ich hab' eine Bitte an dich.«

»Was für eine Bitte?« fragt die Erdme.

»Sieh mich an,« sagt sie darauf. »So quiem' ich nun schon an die zehn Jahr. Und die Wirtschaft kann nicht gedeihen. Hätte der liebe Gott ein Einsehen, so würd' er mich zu sich nehmen, damit der Witkuhn sich nach etwas Besserem umsehen kann. Aber so werd' ich ihm zur Last liegen, wer weiß wie lange.«

Sie weint, und die Erdme sagt zu ihr, was man so sagen kann.

»Darum sollst du mir das Versprechen geben,« fährt sie fort, »daß du es bei der Hebamme nicht bewenden läßt, sondern dir auch den Doktor bestellst aus Heydekrug oder aus Ruß.«

»Um Gotteswillen!« schreit die Erdme ganz erschrocken. »Das kostet zehn Mark!«

»Das haben wir auch schon überlegt,« meint die Nachbarin, »und der Witkuhn hat gesagt, wenn ihr es noch knapp habt, die zehn Mark gibt er mit Freuden.«

Die Erdme wird heißrot, denn sie denkt an das, was im Frühherbst passiert ist. Und sie sagt: »Dank deinem Mann, Nachbarin, aber soviel haben wir selber. Nur sollt' es für die Kuh gespart bleiben.«

»Die Kuh kann krepieren,« sagt die Witkuhn, »und dann spart man sich eine neue. Aber wenn man selbst zuschanden ist, dann spart man sich keine mehr.«

_Die_ Wahrheit leuchtet der Erdme ein, und sie gibt das Versprechen. Sie kann es ruhig tun, auch für den Jons. Nur wie es mit dem Fuhrwerk werden wird, weiß sie noch nicht. Denn wenn der Doktor sich selbst eins bestellt, so kostet es weitere zehn Mark. Aber Witkuhn hat auch dafür schon Rat geschafft. Er hat mit einem der besseren Besitzer gesprochen, und der wird sein Pferdchen gerne hergeben, wenn es erst so weit ist.

Und jetzt ist es so weit. Die Erdme liegt und schreit wie ein Tier. Seit Stunden folgt eine Wehenwelle der anderen und will ihr das Gedärm aus dem Leibe reißen.

Da tritt ein deutscher Mann an ihr Bett, anzusehen wie ein rotbärtiger Riese -- Perkuhn, der Donnergott, muß so ausgesehen haben --, und blickt aus großen, rollenden Gottesaugen auf sie herab und sagt mit einer Stimme, bullrig und gut wie abziehendes Ungewitter: »Na--a? Kommt es denn immer noch nicht?«

Nein, es kommt immer noch nicht. Und kommt auch die ganze Nacht hindurch nicht. Wenn eine Wehe heranjagt, dann kriegt sie seine Knie zu fassen und kneift sich darin fest, daß er lachend schreit: »Wirst du wohl loslassen!« Aber sie kneift nur noch fester.

Zuerst, wie er gestanden hat, ist er weit höher gewesen als die Decke des Zimmers; nur ganz gebückt hat sein Kopf darunter Platz gehabt, und auch jetzt, wie er neben dem Bett auf der Hocke sitzt, erscheint er noch immer so groß wie etwa ein Pferd. Aber dann ist es ihr, als wird er langsam kleiner und kleiner. Mit jeder Nachtstunde wird er kleiner. --

Wie es gegen den Morgen geht, denkt sie mit einmal: »Für zehn Mark wird er das gar nicht machen.« Und sie fängt vor Angst und Ungeduld zu weinen an, weil es so teuer wird.

Er wiederum denkt, daß es die ausgestandenen Schmerzen sind, die ihr die Tränen zum Fließen bringen. Und wie er ihr tröstend die Hand beklopft, da ist er schon ganz klein.

Und mit einem Male kriegt er das Übergewicht und kippt mit seinem mächtigen Schmerbauch nach hinten zurück, so daß die Beine hoch in der Luft herumrudern.

Da weiß sie, was es ist. Die Lehmschicht und der Moorboden haben dem mächtigen Körper nicht standhalten können, und die vier Beine der Hocke sind unter ihm in die Tiefe gesunken.

Und da befällt sie ein Lachen. Sie lacht und lacht, und aus dem Lachen heraus kreischt sie hell auf, denn ihr Leib wird plötzlich in Stücke geschnitten, und -- wupp! -- ist die Katrike da!

Nachher, wie er gehen will, dreht der Jons demütig die Mütze in der Hand und fragt ihn, was es wohl kostet.

Da sieht er sich in der Stube um, besieht den grünbunten Schrank und den goldrahmigen Spiegel und sagt: »Nun, nun, ihr scheint ja ganz wohlhabende Leute zu sein. Gebt mir also« -- der Erdme steht das Herz still vor Angst -- »gebt mir also -- drei Mark.«

Und die Erdme denkt jubelnd: »Wenn das so billig ist, krieg' ich nächsten Frühling ein zweites.«

9

Man müßte lügen, wollte man sagen, daß das nun folgende Jahr für den Jons und die Erdme kein gesegnetes gewesen sei.

Das Schwein wird gut verkauft, und die Kuh zieht ein. -- Sie ist die klügste, die schönstgefärbte, die milchreichste Kuh, die es auf Erden je gegeben hat. Die Milch muß morgens und abends zur Sammelstelle getragen werden und bringt manchen nützlichen Groschen. Das Schlimme ist nur, daß es an Futter fehlt, denn auf dem kalklosen Moor kommen die Wiesen erst, wenn es Jahre und Jahre bebaut ist, und seine Bewohner helfen sich dadurch, daß sie im Umkreis -- bis über den großen Strom hin -- jedes Rasenstück pachten, das irgend zu pachten ist.

So geht auch Jons auf die Suche, findet aber nichts, was nahe genug gelegen wäre, daß man das Heu auf der Karre heimschaffen könnte.

In all den Sorgen muß also wohl oder übel der Moorvogt heran, der ja am besten Bescheid weiß.

Sie tun also so, als hätten sie _kein_ schlechtes Gewissen, stecken für alle Fälle die schuldig gebliebene Pacht in die Tasche und gehen zu ihm.

Er sieht sie lange und nachdenklich an, schlägt dann ein großes Buch auf -- das Buch gewiß, in dem all ihre Sünden stehen -- und sieht sie darauf wieder an.

Erdme gibt dem Jons einen heimlichen Stoß, und er denkt: »In Gottes Namen.« Damit zieht er die Pachtschuld aus der Tasche und legt sie auf den Tisch. »Schad' um das schöne Geld,« denkt die Erdme. Aber wenn man so angesehen wird, was kann man da machen?

»Es war Zeit,« sagt der Moorvogt -- weiter nichts -- und schreibt ein Zeichen in das Buch.

Der Jons ist ganz geschwollen von dem plötzlichen Bewußtsein seiner Rechtlichkeit und sagt mit Würde: »Die Pacht fürs zweite Jahr wird auch bald da sein.«

»_Das_ wär' nun nicht nötig gewesen,« denkt die Erdme, aber weil es doch mal heraus ist, will sie sich auch nicht lumpen lassen und setzt hinzu: »Es fällt uns ja schwer, aber unsere Verpflichtungen erfüllen wir pünktlich.«

Der Moorvogt kneift die Lippen ein, als will er ein Prusten verstecken, und der Erdme wird sehr verdrießlich zumut. Man weiß mit dem Manne nie, wie man dran ist.

Er breitet eine große Plankarte aus und fragt dann: »Wieviel Kartoffelland nehmt ihr dieses Jahr in Arbeit?«

»Wenn's Glück gut ist,« sagt die Erdme, »wird die Hälfte von dem Gepachteten fertig.«

Er wiegt langsam den Kopf, sieht sie wieder eine Weile an und sagt dann: »Für ordentliche Leute hab' ich immer noch ein Stückchen Wiese bereit, das nicht zu weit liegt.«

»O Gott, o Gott,« denkt die Erdme. »Wie erträgt der Mensch so viel Glück? Erst die Wiese und dann auch noch gelobt werden.«

»Außerdem,« fährt der Moorvogt fort, »ist der Fiskus bereit, Ansiedlern, die sich bewähren, zur Verbesserung des Bodens mit einigem Kalkmergel unter die Arme zu greifen. Das gibt dann die doppelte Ernte.«

Das wird der Erdme zu viel. Sie kriegt das Heulen, rennt hinaus und rennt schnurstracks nach Hause. Der Jons kann sehen, wo er bleibt. Dann wirft sie sich über die Wiege der kleinen Katrike und erzählt ihr die ganze Geschichte. Und daß das Fräulein Tochter nun ganz sicher einmal in Samt und Seide gehen wird, erzählt sie ihr auch.

Wie der Jons nachkommt, der inzwischen alles festgemacht hat, fällt ihr ein, daß der Moorvogt, wenn er sie so sehr belobt, von ihren nächtlichen Fahrten unmöglich was wissen kann. Die kleine Ulele hat sie gewiß umsonst in Angst gejagt. Und ihr gutes Gewissen kennt keine Grenzen.

Unschuld liebt Blumen. Der Garten muß angelegt werden, sonst wird's für den Sommer zu spät. Zu Staketen ist das Geld noch nicht da, Weidenruten tun's auch. Wenn die bloß nicht immer von neuem losgrünen wollten. Tag für Tag muß man die jungen Triebe abschneiden, sogar die Brandmauer zwischen Kochherd und Ofen schlägt noch einmal aus, weil die Ruten, die ihr den Halt geben sollen, sich in dem Glauben befinden, sie seien zu neuem Wachstum in den fetten Lehm hineingepackt.

So will alles leben und gedeihen, selbst wenn es längst tot ist. Und der Jons und die Erdme sollten _nicht_ gedeihen, in denen doch Leben steckt für zehne?

Sonnenblumen, Krauseminze, Schnittlauch und Fenchel werden gesät, vor allem aber die Raute, die Mädchenblume, die Brautblume. Denn wenn die Katrike heiratet, muß sie sich ihren Kranz aus dem eigenen Garten winden. Das schickt sich für eine Besitzerstochter nicht anders. -- --

Um dieselbe Zeit macht der Vater Uleles zum dritten Mal Hochzeit. Die Kleine hat viel Plage gehabt, und erst die Überzeugung, die sie der künftigen Stiefmutter beibrachte, daß sie selbst einmal etwas sehr Reiches werden wird, hat, als sie noch zögerte, den Ausschlag gegeben.

Sie ist eine hübsche Person zu Ende der Zwanzig mit einem gutherzigen und gekränkten Gesicht. Und wie sie dasitzt in ihrem schwarzen deutschen Kleide und einer Jettbrosche unter dem Halse, sieht sie aus, als ob sie gekommen wäre, ihr eigenes Begräbnis zu feiern. Aber die kleine Ulele weicht ihr nicht von der Seite und erzählt ihr immer aufs neue, wie herrlich hier alles bestellt ist und was für vornehme Gäste die Stube erfüllen und daß es für ihre dreihundert Taler eine bessere Verwertung nicht gebe.

Der große Smailus dagegen streicht seinen rundbogigen Schnurrbart, sieht kühn in die Weite und berichtet jedem, der es längst weiß, dies sei nun schon seine Dritte. Und hernach, wie er betrunken ist, setzt er hinzu, wenn daraus eine Vierte und Fünfte würde, ihm wäre es ganz recht. Aber da hat ihn die Ulele bald beiseite geschafft.

Abends spät, wie viele der Gäste schon weg sind und die verlassene junge Frau aus dem Brautwinkel mit großen Augen zur Tür sieht, als möchte sie rasch wieder anspannen lassen, da nimmt die kleine Ulele die Erdme beiseite und sagt: »Ich wollte eigentlich jetzt gleich nach der Stadt, um das Nähen und die Putzmacherei zu erlernen, denn das muß immer das erste sein, weil man zugleich die Abendschule besuchen kann. Aber ich seh' ein, ich kann die Stiefmutter, bis sie ein Kindchen hat, nicht ganz allein lassen. Darum will ich fürs erste in Heydekrug bleiben. Von dort wutsch' ich des Abends manchmal herüber und red' ihr gut zu. Dich, Erdme, aber bitt' ich, daß du oft um sie bist. Der Vater meint es nicht schlecht, aber sein Wesen könnt' sie verschrecken.«

Und die Erdme verspricht es und denkt: »Zusammen mit der kranken Witkuhn sind es schon zwei. Die Katrike noch gar nicht gerechnet.«

Dann setzt sie sich auch gleich neben die junge Frau und erzählt, wie verzagt sie einmal gewesen ist, als sie aufs Moor hat hinausziehen sollen, und wie sie jetzt gar nicht mehr weg möchte.

Und die junge Frau meint traurig: »Aber deiner war jung und war auch kein Witmann.«

Dagegen läßt sich nichts sagen. Darum küßt sie sie bloß und hält ihr die Hände. Und langsam beruhigt sie sich und ißt von dem dickbezuckerten Fladen.

Der Witkuhn ist auch da -- ohne die Frau --, aber er spricht die Erdme nicht an. Sie muß selbst auf ihn zugehen und ihn an frühere Zeiten erinnern.

»Es war doch so hübsch, Nachbar,« sagt sie, »darum komm nur immer herüber. Was nicht sein soll, das hab' ich vergessen.«

Er sagt: »Du bist gut gegen die kranke Frau und darum auch gut gegen mich. Ich bete für dich am Morgen und Abend, aber kommen -- das kann ich nicht.«

Sie ärgert sich, daß es nicht nach ihrem Willen gehen soll, und nimmt sich vor, ihn nächstens kirre zu kriegen.

Wie sie nach Hause gehen, der Jons und sie -- sie führt ihn natürlich, denn hätt' er sich nüchtern gehalten, so wär's eine schlechte Hochzeit gewesen --, da sieht sie auf dem Weg den grauen Schatten herumlaufen, der voriges Jahr, als sie das Haus gerichtet hatten und nun gemütlich ausruhen wollten, mit seinem Getanze dazwischen gefahren war.

Sie denkt an die Worte des frommen Taruttis und denkt auch an die Wassersnot, vor der sie manch liebes Mal zittert, wenn sie voll Stolz ihr wachsendes Eigen besieht. Sie weiß nicht, wie es geschieht --, sie hätt' es auch nicht für möglich gehalten, aber sie muß das Stück Fladen hervorziehen, das sie heimlich eingesteckt hat, und es ihm hinreichen. Und sagt: »Da nimm, Nachbar, und wenn _du_ Hochzeit machst, gibst du mir auch was.«

Er greift zu wie ein Verhungernder und prustet und faucht und läuft rasch davon, als muß er den Raub in Sicherheit bringen.

Doch sie kann sich der Guttat nicht freuen. Denn sie denkt, er werde nun ein Recht an sie haben und verlangen, daß sie mit ihm redet, wenn er des Wegs kommt. Und es redet doch sonst niemand mit ihm. Selbst der fromme Taruttis tut es nicht.

Doch ihre Sorge ist unnütz gewesen. Nie hat er sie anzuhalten versucht, und manchmal ist er vor ihr sogar auf die Seite gegangen. -- -- --

Die Erdme hat mächtig zu tun. Kind und Kuh verlangen Wartung, eines so viel wie das andere. Und ein Ferkel ist auch wieder da.

Der Frau des Witkuhn fällt das Melken sehr schwer, und die junge Frau Smailus muß eingewöhnt werden, sonst läuft sie womöglich wieder davon.

Jetzt sieht die Erdme erst, was sie an der kleinen Ulele gehabt hat. Aber klein ist die schon lange nicht mehr. Wenn sie zum Sonntagsbesuch kommt, dann trägt sie ein Fräuleinskleid und einen Strohhut mit Blumen. Sie nimmt die Stiefmutter unter den Arm und setzt sich mit ihr in das Kieferngestrüpp, das nicht höher ist als der Vater und dessen Nadeln büschelweis stehen wie Haare auf Warzen.

»Ach, wie ist es schön, so in einem grünen Walde zu sitzen,« sagt sie dann, »und die gesegnete Flur zu erblicken!« Und dabei zeigt sie nach den struppigen Kartoffeln und auf das brandige Moor, auf dem nichts weiter wächst als Torf in kohlschwarzen Haufen.

Und alsbald hat sie die junge Frau für acht Tage wieder getröstet.

Eines Sonntags sagt sie zur Erdme: »Gott sei Dank, jetzt wird sie's leichter haben, denn es ist zugesät bei ihr.«

Mit dem Leichterhaben irrt sie sich freilich. Oft muß die Erdme heran, der traurigen Frau den Kopf zu halten, wenn sie sich weinend erbricht und immer nach Hause will.

Und auch bei der Erdme ist es wieder so weit. Da heißt es, sich dreifach zusammennehmen und sich nichts merken lassen, sonst geht die Wirtschaft den Krebsgang.

Der Jons hat neben der Taglöhnerarbeit jetzt auch für die Wiese zu sorgen. Die Karre nimmt er des Morgens meist mit und schiebt sie des Abends mit Grünfutter beladen nach Hause. Dazu kommt noch die Heuaust, das Mähen, das Wenden, das Inhaufenbringen und Wiederausstreuen, wenn der Regen alles durchweicht hat.

Man kann es wohl verstehen, daß er maulfaul wird und kaum Antwort gibt, wenn man ihn fragt. Wäre die kleine Katrike nicht da, gäb's wenig Unterhaltung im Hause. Aber die lacht schon, macht Brummchen und zappelt, solange man Zeit hat zum Spielen.

Die Kartoffeln bringen in diesem Jahr funfzig Scheffel. Davon darf man sogar verkaufen. Milchgeld, Taglohn, Ertrag des Schweines kommen dazu. Man kann fürs nächste Jahr an eine weitere Pachtung denken.

Der zweite Winter vergeht wie der erste. Nur daß die Erdme ein Spielzeug hat und daß die Ulele den Kopf nicht mehr zur Tür hereinsteckt.

Im April kommt die kleine Urte zugereist. Ganz leicht und plötzlich ist sie gekommen. Der Doktor hat gar nicht geholt werden brauchen.

Nun sind es schon zweie, und darum wird Schluß gemacht. Das Nötige hat die Erdme als Mädchen gelernt.

Die Jahreszeit ist für die Entbindung günstig gewesen. Noch bleibt Zeit genug für die Frühjahrsbestellung. Am neunten Tage nach der Geburt hat die Erdme schon wieder bis an die Knie im eiskalten Schlamm gestanden. So ein Kerl ist die Erdme.

Nicht so leicht hat es die junge Frau Smailus gehabt, aber daran ist ihr Herzweh wohl schuld. Was wäre erst ohne die Ulele geworden! Mit einem Male ist sie dagewesen, hat Hebammendienste getan, hat das Kind gewartet so gut wie die Mutter und hat dabei noch in den Büchern gelesen.

Eines Tages kommt sie zur Erdme und sagt: »Nun wird es wohl gehen, daß ich weg kann. Wenn ihr das Kleine nicht hilft, hilft ihr nichts auf der Welt.«

Die Erdme fragt sie, wo sie eigentlich hin will.