Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Part 9

Chapter 93,538 wordsPublic domain

Während der Dauer unserer Reise wurde eine Nichte des Herrn Förten von ihm in das Haus genommen. Ich sah die wunderholde Emilie und liebte sie. Auch sie theilte bald meine Empfindungen und gestand mir unter heißen Thränen eines gramerfüllten Herzens, daß ein reicher Kaufmann aus Antwerpen bereits bei ihrem Oheim, der Vaterstelle an ihr vertrete, um ihre Hand gebeten, und zwar noch keine entscheidende Erklärung erhalten habe, aber seines Reichthums und guten Rufes wegen der Zusage sicher sein dürfe.

Emiliens Geständniß erregte meine Eifersucht zur furchtbaren Leidenschaft. Ich fand in mir keine andere Idee, als daß ich oder mein Nebenbuhler aus dem Buche der Lebenden gestrichen werden müsse. Meine Freunde waren zahlreich, größtentheils aus den besten Häusern von Oldenburg. Ich vertraute ihnen meine Liebe zu Förtens Nichte und die Bewerbungen des Antwerpners. Die Hitzköpfe, dem hochmüthigen Fremdlinge das schöne, reiche Mädchen nicht gönnend, fachten die Flamme meiner Leidenschaft immer verderblicher an. Ich und mein Nebenbuhler geriethen in einem Caffeehause an einander. Der Streit entzündete sich auf’s Heftigste. Wir gingen mit zahlreicher Begleitung in den Garten, zwei Offiziere reichten uns ihre Degen und schon im ersten Gange röchelte mein Gegner sein Leben im strömenden Herzblute aus.

Die Gesetze gegen das Duell sind im Oldenburgischen äußerst streng. Der Tod auf dem Blutgerüste oder lebenslängliches Gefängniß wäre mein Loos gewesen. Vom Kampfplatze floh ich über die Grenze und bezog ein Stübchen in einem Dorfwirthshause. Meine Freunde hatten mir über die Leiche hin die Hand zum Schwure gereicht, das Möglichste für mich zu thun. Schon kamen einige zu mir mit einer bedeutenden Summe in Gold und mit jenen Papieren, welche mich als wandernden Schlossergesellen bezeichnen und meine Wanderung sichern. Sie übergaben mir ein Billet von Förten, worin er mir feierlich versprach, durch seinen Einfluß meine Verfolgung mittelst Steckbriefe zu hintertreiben; auch enthielt sein Billet den wohlmeinenden Rath, nach Prag zu gehen und dort in der Rolle eines Schlossergesellen zurückgezogen zu leben, bis er für mich Amnestie und freie Rückkehr in die Vaterstadt ausgewirkt habe. Ich vertauschte die Stutzerkleidung mit dem schlichten Handwerksrocke, hing das Felleisen auf den Rücken und wanderte unaufgehalten hierher.

Der liebe Gott hat mich in dieses Haus geführt und zu einer wackern Frau, der ich mich mit aller Gemüthsruhe vertrauen durfte. Behalten Sie mich bei Ihnen, aber nicht als Ihren Gesellen, sondern nur zum Scheine als Ihren Werkführer. Meine Wohnung in Ihrem Hause und was ich verzehre, und was der Geselle kostet, den Sie, statt meiner in Arbeit nehmen müssen, bezahle ich reichlich.

Sie kennen nun meine Verhältnisse und die Veranlassung zu meinem Aufenthalte in Prag. Erfüllen Sie meine Bitte, in Ihrem Hause unter scheinbarer Beschäftigung unbemerkt fortleben zu dürfen, bis meine Rückkehr in’s Vaterland eintritt. Erlauben Sie auch,“ -- hier zog er seine goldgefüllte Börse und zählte 20 Dukaten auf den Tisch -- „daß ich einen kleinen Theil meiner künftigen Schuld vorausbezahle.“

Die blanken Holländer, die Aussicht auf die Freigebigkeit des reichen Oldenburgers, der Gewinn am neuen Gesellen, Kost und Wochenlohn zu ersparen, alle diese Vortheile wären schon überwiegend genug gewesen, Frau Bieberich zur Erfüllung der Bitte zu vermögen, hätte nicht Philipps männliche Schönheit und die Hoffnung auf manche süße Stunde, die ihr aus seinen zärtlichen Blicken, aus dem Feuer, mit welchem er im Laufe und am Schlusse seiner Erzählung sie oft umschlang,[26] entgegen leuchtete, ohnehin für seine Wünsche auf das bewegendste gesprochen. Doch hatte sie weiblichen Takt genug, mit ihrer Erklärung zu zögern, in einer anmuthigen Haltung gleichsam darüber sinnend.

[26] Hierzu die Abbildung in diesem Hefte.

Philipp wurde immer feuriger; die Erglühende versuchte mit immer schwächerem Widerstande seinen heißen Umarmungen sich zu entwinden. -- Sie werden wohl eins geworden sein, denn von diesem Abend an konnte die glückliche Frau sich nicht in Aufmerksamkeiten für den neuen Werkführer genug erschöpfen.

XVIII.

Die Trennung von Prag.

Rasch bestell’ ich schon Den Reisewagen, der uns schleunigst soll Von dannen tragen in ein and’res Land.

~Th. Murdt.~

Nicht für gemeine Beutelschneidereien oder gewöhnliche Gaunerstückchen bestimmte sich nun Lips Tullian, Prag sollte ihm eine reiche Ausbeute geben.

Kirchenraub wurde von ihm und seinen Gesellen beschlossen. In der kurzen Frist von drei Monaten hatten sie in acht Kirchen eingebrochen und Monstranzen, Kelche, silberne Leuchter und andere Geräthe von vielem Werthe, wie auch eine Menge kostbarer Meßkleider geraubt. Der Gewinn dieser Beraubungen war so bedeutend, daß allein von dem Einbruche in einer am Liebenauschen Thore gelegenen Kirche, der ärmsten der beraubten, jeder der Räuber 350 Gulden als Antheil erhielt.

Die Aufmerksamkeit der Polizei wurde immer reger und die Vorsicht gegen Einbrüche mit strenger Wachsamkeit ausgeübt. Die Räuber wandten sich von den Kirchen zu den Privaten. Ein gräflicher Pallast auf dem Neustädter Ringe, ein andrer in der Fleischergasse und ein Kaufgewölbe auf dem Porschütz wurden mit eben so vieler Schlauheit als frecher Verwegenheit ausgeraubt.

Die bedeutenden Einbrüche und Beraubungen machten großes Aufsehen. Das Militair durchstreifte die Straßen der Stadt und die Vorstädte Tag und Nacht, die Wachtposten wurden vermehrt und alle Häuser von der Polizei durchsucht. Man griff so manchen Gauner und Dieb auf, aber die Hauptverbrecher hatten sich in ihren verschiedenartigen Schein-Erwerbungszweigen immer so fleißig im häuslichen Leben, so tadellos benommen, daß sie der Polizei bei Gelegenheit der Häuservisitationen vorzüglich gepriesen wurden.

In Prag war bei der gesteigerten Wachsamkeit für Lips Tullian und seine Genossen nichts mehr zu thun. Sachsen sollte nun der Schauplatz ihrer Verbrechen werden.

Lips Tullian äußerte gegen Frau Bieberich, daß ihm die Sehnsucht nach seinem Vaterorte alle Ruhe raube, daß er fest entschlossen sei, an der Grenze von Oldenburg seinen Aufenthalt so lange zu nehmen, bis ihm die Rückkehr dahin gestattet sei, daß er keinen frohen Augenblick habe, bis er wieder vaterländische Luft einathme.

Frau Bieberich war untröstlich. Die Neigung zu ihrem Philipp war zur unbezähmbaren Leidenschaft geworden. Sie warf sich vor ihm auf die Kniee und gelobte, ihr Haus, ihr Gewerbe, alle ihre Einrichtung zu verkaufen und das Capital in seine Hand zu legen, wenn er ihr gestatte, nur als Magd ihm zu folgen.

Für einen Patron wie Lips Tullian war das Anerbieten der Ueberlieferung solch eines Capitals nicht zu verwerfen. Dieses in Empfang zu nehmen und die Geberin bei schicklicher Gelegenheit sich vom Halse zu schaffen, war der Bösewicht gleich entschlossen.

Er heuchelte anfangs den tiefsten Schmerz über die Trennung von ihr, brach bei dem Anerbieten, ihm nach seinem Vaterlande zu folgen, in Entzücken aus, machte Einwürfe, die leicht widerlegt werden konnten und gestand dann unter erkünstelten Thränen, daß, fern von ihr, der Gram ihn tödten würde.

Die Sache war bald im Reinen. Lips Tullian wanderte mit seinem Reisebündel aus Prag. Frau Bieberich sorgte dafür, daß die Leute in dieser und der nächsten Straße sogleich wußten, der Werkführer der Wittwe Bieberich habe Prag verlassen, um in seiner Vaterstadt das eigene Gewerbe zu treiben und seine Verlobte zu ehelichen; daß er sich immer mehr übernommen, der Meisterin nicht mehr die gehörige Achtung erwiesen und ihr viele Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben habe.

Ein paar Wochen darauf zeigte Frau Bieberich den redseligsten ihrer Nachbarinnen einen von ihr selbst geschriebenen Brief, worin sie von ihrer kränkelnden, verwittweten, in Ungarn ansässigen Schwester aufgefordert wurde, Haus und Gewerbe zu verkaufen, zu ihr nach Pesth zu ziehen und dort ein sorgenloses Leben zu führen.

Als jetzt Frau Bieberich Alles verkaufte und Prag verlassen hatte, waren alle ihre Bekannten im festen Wahne, sie reise geradezu nach Pesth, zur kränklichen, kinderlosen Schwester, einer reichen Erbschaft entgegen. Niemand ahnte, daß die Schlaue mit raschen Postpferden über Saaz der sächsischen Grenze zueile, wo der geliebte Philipp an einem verabredeten Orte ihrer und ihres Geldes harrte.

XIX.

Die Entdeckung.

Ach! welches Unheil schafft das Himmelsfeuer, Das die Natur in unser Wesen goß! Es macht aus Engelherzen Ungeheuer Und bricht der Tugend letzte Schranke los.

~Seume.~

Banditen sind’s und ich -- ich bin ihr Hauptmann Und Du -- Du wirst nun eine Räuberfürstin.

~Th. Körner.~

Es war eine hübsche runde Summe, die Philipp aus den Händen seiner Freundin schon in der ersten Stunde ihres Wiedervereines empfing. Er dachte aber nun nicht mehr an seinen früheren Entschluß, sie um ihr Vermögen zu betrügen und dann die schändlich Getäuschte ihrem Schicksal zu überlassen. Der vertraute Umgang mit der wirklich sehr schönen, sehr feurigen Frau war ihm eine liebe Gewohnheit geworden.

Mariane -- so hieß sie - war immer heiter, voll guter Einfälle, sehr klug, eine vortreffliche Köchin und so aufmerksam auf ihres Philipps leiseste Wünsche, daß er selbst nun sehr davor bangte, sich von ihr verlassen zu sehen, wenn sie, was wohl nicht leicht verhütet werden konnte, den Schleier seines innern Lebens lüfte und in dem Geliebten einen Verbrecher erblicke.

Mariane fragte den Geliebten nicht, warum er, statt seine Reise nach der oldenburgischen Grenze fortzusetzen, statt dort in einem Städtchen einen angenehmen Aufenthalt sich zu wählen, hier in einem abgelegenen, armseligen Wirthshause verweile, warum Philipp so oft mit Leuten von verdächtigem Aussehen im geheimen Verkehre sei. Sie schien nichts zu beachten, für nichts Sinn zu haben, als für ihr Streben, dem Geliebten, so viel ihr möglich war, das Leben immer in die Rosenfarbe des Frohsinns, der Zufriedenheit, einer ungetrübten Ruhe mit weicher Hand zu kleiden.

Täglich ließ sie das Beste, was man in weiter Umgebung an Wein und Lebensmitteln finden konnte, durch eigene Boten herbeischaffen, bereitete leckere Gerichte und bot alle ihre gute Laune, alles Feuer ihres liebenden Gemüthes auf, das größtentheils einsame Stillleben in dieser wenig besuchten Schenke zu heitern Stunden zu gestalten.

Eines Morgens wurde Lips Tullian von seiner Schlafkammer in die Zechstube gerufen. Bald nach ihm kam auch Mariane herab und hörte von Philipp, daß er auf ein drei Meilen entferntes Dorf gehen werde, um dort einen Landsmann zu sprechen, der eben erst aus Oldenburg angekommen sei und ihm vielleicht einige Neuigkeiten von Bedeutung mittheilen könne.

Mit einem fast schmerzlichen Lächeln hörte ihn Mariane an, faßte seine Hand und bat ihn mit wehmüthiger Innigkeit, für sich recht aufmerksame Sorge zu tragen.

Das Auge voll Thränen, eilte sie fort. Befremdet blickte ihr Lips Tullian nach und in tiefem Nachdenken ging er an der Seite seines Gefährten hin.

Es war schon Nacht und er kehrte noch immer nicht zurück. Aengstlich harrend, die Trostworte der Wirthsleute nicht achtend, saß Mariane in der gästelosen Zechstube und blickte unter fallenden Thränen in die dunkle Nacht hinaus.

Der Hofhund schlug an, Tritte wurden hörbar und rasch ergriff sie das Licht, dem sehnsüchtig Erwarteten entgegen eilend. Sie öffnete die Hausthüre, sie starrte mit einem Schrei des Schreckens zurück; der Geliebte leichenblaß, ein blutiges Tuch um den Kopf, wankte am Arme seines Begleiters in das Haus. Mariane ergoß sich nicht in leere Klagen; mit Entschlossenheit und regem Eifer machte sie Anstalt, daß der Verwundete schnell auf seine Kammer und in das Bett gebracht wurde. Sie bat den Wirth, einen Boten nach dem nächsten Wundarzt zu schicken und verhieß die reichlichste Belohnung.

„Das wollen wir unterlassen, und zwar aus recht guten Gründen;“ -- sagte der Wirth mit kaltem Gleichmuthe: -- „Es wird nur so ein Fleischpuffer sein und den weiß meine Frau vielleicht besser zu behandeln, als ein Wundarzt. Sie hat sich in derlei Heilung recht tüchtig eingeschossen, und ich höre sie schon die Treppe herauf klappern. Gleich werden wir hören, was an der Sache ist.“

In diesem Augenblick trat die Wirthin in die Kammer, nahm Lips Tullian das blutige Tuch ab, wusch die Wunden aus, untersuchte sie genau und erklärte, daß keine gefährlich und dessen Blässe und Schwäche nur die Folge des Blutverlustes und des langen Ganges sei. Mit weicher, geübter Hand legte sie einen Verband auf und versprach sich von dem Schlafe, in welchen Lips Tullian während ihrer wundärztlichen Behandlung versank, die günstigste Wirkung. Sie ermahnte nun Alle, sich zu entfernen; Mariane erklärte, am Lager des Verwundeten zu wachen.

Schon nach einigen Tagen war Lips Tullian wieder hergestellt, doch sehr entkräftet. Auf die innig besorgte, jeden seiner Athemzüge belauschende Freundin sich stützend, ging er in’s Freie. Seine Stimmung war die eines Mannes, dessen Inneres von einem Geheimnisse unruhig bewegt wird, der nur durch Mittheilung dieses Geheimnisses wieder Ruhe finden kann und doch vor der Mittheilung bangt. In tiefem Schweigen und Sinnen vor sich hinstarrend, ging er an Marianens Arme langsam dem Gebüsche zu, wo er auf weichem Rasen, von lieblicher Kühle umflossen, sich mit ihr niederließ.

Da begann Mariane mit sanfter Stimme: „Ich weiß, was Dein Inneres so heftig beunruhigt; ich weiß, daß Du nicht der bist, als welcher Du früher mir entgegentratest. Klar wie eine ungetrübte Spiegelfläche ist mir Dein inneres und äußeres Sein. Offen gestehe ich Dir, daß Schrecken und Grauen mit kalter, tief verletzender Hand mich rüttelten, als die Nebelwolke, welche die Wahrheit Deines Lebens so dicht umhüllte, vor meinem scharfen, tief dringenden Auge zu zerfließen begann und die nackte, furchtbare Wahrheit mich anstarrte; aber eben so offen sei Dir gestanden, daß meine Liebe zu Dir zu innig, zu unerschütterlich ist, um vor dieser gräßlichen Wahrheit zu fliehen. Ist es Dir möglich, den Pfad, den Du wandelst, zu verlassen, so werde ich täglich auf meinen Knieen und mit Thränen der süßesten Wonne dem Allmächtigen dafür danken; stehet es aber im Buche Deines Schicksals mit unzerstörbarer Schrift geschrieben, dieser Pfad müsse von Dir fortgewandelt werden, so kann mich nichts von Dir losreißen, und bis an den letzten Hauch ihres Lebens wird Deine treue, liebende Mariane Dir zur Seite sein!“

Lips Tullian glaubte zu träumen, als er solche Worte hörte. Es war ihm kein Zweifel mehr, daß Mariane mit seinen wahren Verhältnissen vertraut sei; sie selbst hatte ihn über die gefürchtete Stelle der Enthüllung seines Geheimnisses mit freundlicher Hand schnell und wohlthuend hinweg geleitet, und diese Sprache gab ihm die beglückende Ueberzeugung, daß die Liebe Mariane mit dem Muthe begeistert, ruhig und fest an der Hand eines Mannes zu wandeln, dessen Liebe nicht die Gefahren, nicht die Anstrengungen, nicht die grauenvolle Zukunft überwiegen könne, von denen sie sich nun an seiner Seite bei jedem Athemzuge umkreiset sah. Er fühlte sich so sonderbar ergriffen, daß er keine Worte hatte, sie aber mit Blicken betrachtete, aus welchen ihr seine Ueberraschung, seine Freude, sein Dank im freundlichsten Lichte entgegen schimmerten.

Frau Bieberich hatte mit ihrem Pseudogesellen Philipp seit dem Augenblicke, wo er ihr das oldenburgische Mährchen zum Besten gab, in dem allervertrautesten Verhältnisse gelebt. In einer schlaflosen Nacht sah sie aus dem Fenster, hörte die Hausthüre leise öffnen und sah eine dunkle Gestalt mit stillen, flüchtigen Schritten dahin eilen. Das konnte Niemand anders als Philipp sein, denn außer ihm, ihr und einer Magd hatte sie gerade jetzt keine Einwohner im ganzen Hause, und der Geselle lag schon einige Tage krank.

Die Furie der Eifersucht ergriff sie mit ihrer Schlangenfaust, aber selbst unter den schrecklichsten Qualen dieser Empfindung blieb die starke Frau an den folgenden Tagen in ihrem bisherigen Benehmen gegen Philipp sich ganz gleich; sie wollte den Treulosen in den Armen ihrer Nebenbuhlerin überraschen und sich dann furchtbar rächen. Jede Nacht lag sie am Fenster in männlicher, dunkler Kleidung, ein scharfes Messer in der Brusttasche.

So hatte sie einige Nächte geharret, als um Mitternacht die Gestalt sich wieder aus dem Hause schlich. Auch sie war im Augenblicke auf der Straße und folgte dem Dahinschreitendem so leise und vorsichtig, daß er keinen Späher vermuthete.

Philipp, den sie bei der Biegung um eine Ecke, wo das Licht einer Laterne sein Gesicht beleuchtete, deutlich erkannt hatte, wurde in der Nähe einer Kirche von zwei Männern empfangen, mit denen er sich, so rasch und aufmerksam Mariane ihm gefolgt war, plötzlich verlor.

So ging es noch öfters, und jederzeit an einer Kirche war er ihren scharfen Blicken wie verschwunden.

Sie selbst, um dem Geliebten jede Bequemlichkeit zu bereiten, besorgte sein Wohnzimmer. Eines Morgens, als Philipp eben in dem Scheingeschäfte seiner Werkführerstelle ausgegangen und Mariane mit der Reinigung seines Wohnzimmers beschäftigt war, bemerkte sie, daß am Schlosse des Faches, worin er sein Geld und sein Bestes bewahrte, der Schlüssel stecke. Im Augenblicke kam ihr der Gedanke, dieses Fach genau zu durchsuchen, ob es nicht Briefe von irgend einer Nebenbuhlerin enthalte. Sie fand keine Briefe, wohl aber Stücke Gold, Silber, mehrere gute Steine und noch Manches, was deutliche Spuren trug, einer Kirche angehört zu haben.

Das schon länger umlaufende Gerücht von bedeutendem Kirchenraube, Philipps Ausgehen in tiefer Nacht, seine Zusammenkünfte, sein Verschwinden in der Nähe von Kirchen und diese Trümmer von kostbaren Kirchengeräthen -- alles, alles war inhaltreich, war bezeichnend genug, um durch dieses die bis zur Ueberzeugung rasch sich gestaltende Vermuthung zu erregen: Philipp sei mit einer Räuberbande verbrüdert.

In der Folge fand sie in diesem Fache mittelst eines Nachschlüssels, den sie aus Neugierde sich verschaffte, Gold und Silberzeug mit gräflichem Wappen, das Portrait einer Dame in Brillanten gefaßt, werthvolle Hals- und Armbänder, mehrere Ringe mit Edelsteinen und erkannte unter diesen Gegenständen so manche als jene, die in dem öffentlichen Verzeichnisse der aus den gräflichen Palästen und den Kaufgewölben geraubten Gegenstände sehr kennbar bezeichnet waren.

War auch das innere und äußere Leben dieser Frau seit früher Jugend nicht ein Gebilde der reinsten Tugend, der unentweihtesten Sittlichkeit, des edelsten Zartsinnes, so hatte sie doch immer so gelebt, daß sie auf die Achtung, auf das Vertrauen guter Menschen Ansprüche machen durfte. Nie hatte sie sich den leisesten Wunsch nach ungerechtem Besitze fremden Eigenthums erlaubt; sie haßte nichts so sehr, als die Bevortheilung, die Beeinträchtigung eines Menschen, und durch sie war manche gewissenlose Rechnung ihres geldsüchtigen Gatten ausgeglichen.

Und diese Frau beherrschte so schnell ihr Erschrecken, ihren Abscheu, alle die schwer verletzten Empfindungen, welche sie bei der Ueberzeugung, Lips Tullian sei ein Räuber, schauderhaft ergriffen hatten. Nur Eine qualvolle Stunde bereitete ihr diese Ueberzeugung. Die Gegenwart mit dem schrecklichen Gefühle der tiefsten Selbsterniedrigung der verlornen Ehre, des sündhaften Vereines mit einem Diebe, mit einem Kirchenräuber, die Zukunft mit dem gräßlichen Bilde dieses Verbrechers im unterirdischen Gefängnisse, in klirrenden Ketten, auf dem Blutgerüste versanken immer tiefer in den Wogen ihrer unbezähmbaren Leidenschaft für diesen Mann, für den ihr ganzes Wesen zu einer unzerstörbaren Flamme der allerheftigsten Neigung geworden war.

Lips Tullians längerer Aufenthalt in dieser einsamen Grenzherberge, sein geheimnisvolles Treiben mit Leuten von verdächtigem Aussehen, ihre auffallend fremdartige Sprache, die Verwunderung und der Bündel mit Geld, silbernen Löffeln, Hutschnallen und einer goldnen Uhr, den Mariane in Philipps Rocktasche fand, sagten ihr zur Genüge, wie sehr Philipp das in Prag geübte Handwerk auch hier übe.

Und doch schauderte sie nicht zurück. Die Unglückliche war taub für jeden Zuruf des Gewissens, der Tugend, der Menschenwürde; sie hörte nur die Sirenentöne der Leidenschaft, der Sinnlichkeit, und, alles Bessere in sich zerbrechend, nicht vor den dunkeln Windungen der Zukunft bangend, gab sie sich mit entzügeltem Gemüthe dem wilden Strome ihrer Leidenschaft hin.

Lips Tullian, der mit einer wirklich sehr heftigen Neigung an dieser Frau hing, war nun unbeschreiblich glücklich, sie in sein Geheimniß eingeweihet und ihre Liebe zu ihm so tief gewurzelt zu sehen. Nun hielt ihn nichts mehr in dieser Gegend fest, um so mehr als Hentzschel und Lehmann von ihrem Kundschaftszuge nach Sachsen mit sehr günstigen Nachrichten zurückgekehrt waren. Sarbergs künstliche Feder und Siegelfabrikation wurden wieder in Anspruch genommen. Ein Paß, ein Trauschein gingen aus seiner betrügerischen Hand hervor, und als ein ehrbarer Bandkrämer mit seiner eben so ehrbaren Ehefrau zog Lips Tullian in das Sachsenland. --

XX.

Der Raub des Brautschatzes der jungen Gräfin von Beuchling.

So oft er einen Schatz erspähte, wie flammte Lüstern sein Auge! wie tobte sein Herz! wie schwellt ihm den Busen Blut- und Beutebegier!

~Kosegarten.~

Es war nicht mehr die kleine Gesellschaft, aus Sarberg, Schöneck, Eckold, Schickel, Lehmann und Hentzschel gebildet, welche Philipp als Häuptling befehligte; mehr als hundert Gauner, Diebe, Räuber, Mordbrenner und Mörder hatten schon in den ersten Monaten seiner Ankunft auf sächsischem Boden zur Fahne des mächtigen Lips Tullian geschworen.

Er gab der Bande militärische Eintheilung, formirte sechs Corps, stellte jedes unter die Befehle eines der benannten Vertrauten, und nannte die Bande, über die er selbst den Oberbefehl führte, die schwarze Garde.

Bald ward dieser Name in Sachsen nur mit Bangigkeit und großen Besorgnissen genannt, der Name Lips Tullian war der Schrecken des Landes. Einbrüche in Kirchen und Häuser, Ausplünderung der Reisenden, Angriffe auf Postwagen, Gelderpressungen durch Drohbriefe und Brandstiftungen reiheten sich in himmelschreiender Folge.

Die Bande war im ganzen Lande vertheilt, Lips Tullian mit Mariane größentheils auf Kundschaft, wo sein Handel mit Bändern und den damals so beliebten italienischen Waaren, seine geschmackvolle, feine Kleidung, sein gebildetes Betragen ihm Zutritt in den besten Häusern verschafften, deren Verhältnisse in klingender Beziehung, so wie Gelegenheit zum Einbruche genau zu erforschen, ihm bei seiner Schlauheit keine schwierige Aufgabe war.

In einem Umkreise von einigen Meilen hatte er seine Niederlage in vertrauten Häusern, wo er von Woche zu Woche von seinen Unteranführern Nachricht über die Geschäfte der Bande, über ihre künftigen Unternehmungen erhielt. Gab es einen Angriff oder Einbruch, wo Tollkühnheit an der Spitze stehen mußte, so eilte er dahin, überzeugt, daß seine Gegenwart und sein Beispiel auch den Feigsten seiner Gesellen ermuthigte.

Mehr als ein Jahr hatte er unter den größten Anstrengungen hingebracht, jetzt wollte er sich einige Ruhe gönnen. Er übergab Sarberg das Obercommando, und ging mit Mariane nach Dresden, wo er eine abgelegene Wohnung bezog, zwar zurückgezogen lebte, dabei aber sich in seiner häuslichen Zurückgezogenheit einem schwelgerischen Wohlleben hingab.

Die Ruhe behagte ihm nicht lange; er hatte sich zu sehr an eine verbrecherische Regsamkeit gewöhnt. Es war das Erste, daß er Häuser auskundschaftete, worin verbotene Spiele um hohes Geld getrieben wurden. Er wußte in solche Häuser sich Eingang zu verschaffen, und man empfing den anständigen Fremden mit seiner gefüllten Goldbörse recht freudig.