Part 8
Verschwunden war das Mädchen, ehe Hentzschel im Stande war, seiner Retterin nur ein Wort des Dankes zu sagen. Eilig öffnete er den Bündel und fand darin einen vollständigen Anzug, eine Mütze und etwas Wäsche; schnell war sein Kerkerkittel abgeworfen und gegen die neue Kleidung vertauscht. Den Säbel unter dem Oberrocke verbergend, die Sackpistole in der Brusttasche, eilte Hentzschel fort, fest entschlossen, dem Wanderer, den er zuerst treffe, das Geld abzunehmen. Als der Tag zu grauen anfing, erkannte Hentzschel die Gegend und schlug gleich den Weg nach jener Richtung ein, die ihn an ein vertrautes Haus führte. Ein Bauer, der eine Kuh zum Verkauf trieb, mußte seine geringe Baarschaft an Hentzschel abgeben.
Nach drei nächtlichen Wanderungen -- den Tag hindurch weilte er wohlverborgen in den Wohnungen gleichgesinnter Freunde -- erreichte er die Gegend, wo, sicheren Nachrichten zufolge, Lips Tullian sich gerade jetzt umhertrieb. Willig nahm das gefürchtete Räuberhaupt den kräftigen, durch Worte und Aussehen sein Gewerbe ankündigenden Hentzschel auf, dessen Schlauheit und Muth ihm bald das Vertrauen seines Meisters und seiner Gefährten erwarb.
Nach einigen Monaten brachte ein Kundschafter die Nachricht, daß der Husaren-Bernhard durch das Rad hingerichtet, Johanna zum lebenslänglichen Zuchthause verurtheilt und Hentzschels Haus bis auf den Grund zerstört worden sei. --
Von diesem Augenblicke an ward Hentzschel der grausamste Wütherich. Justizbeamte, Gerichtsdiener und Frohnknechte waren die Gegenstände seines entmenschten Strebens. Mit einer Tollkühnheit, die nur die Geburt der Raserei, der höchsten Verzweiflung sein konnte, drang er in Amtsgebäude, in Frohnfesten und übte die schauderhaftesten Grausamkeiten aus.
Hentzschel war unter der schwarzen Garde der Verwegenste, der Unbezähmbarste, der Einzige, den selbst der schreckliche Lips Tullian in manchem Momente leidenschaftlicher Aufwallung fürchtete und der den Aufbrausenden nur mit Worten der Freundlichkeit und Sanftmuth zu beschwichtigen suchte, nie aber durch Strenge und Gewalt in die Schranken der Ruhe und Unterwürfigkeit zurück zu führen wagte.
XIII.
Die Schenke an der böhmischen Grenze.
Ist es möglich? Was -- der wagt’ es, Sich tollkühn in der Welt herum zu treiben, Der ausgelernte Mörder? --
~Th. Körner.~
In der einsam gelegenen Schenke am Sand, nicht ferne von der sächsisch-böhmischen Grenze, zechten drei Männer, aber nicht unter traulichem Geplauder, sondern bei lärmendem Gezänke. Der Wirth schaute aus dem niedrigen Fenster nach allen Richtungen, als wolle er neue Gäste erspähen, oder diese da gegen neugieriges Gehorche schützen.
„Heim Dich,“ -- rief der Wirth dem lautesten Schreier zu und schloß das Fenster -- „ein Aurech reibt an!“[15] --
[15] „Schweige! Ein Fremder kommt!“ (dieses und das folgende ist aus der rothwälschen, auch Gauner-, _vulgo_ jenischen Sprache.)
Ein hochgewachsener, schöner Mann, den weiten Mantel um sich geschlagen und die Mütze tief in die Stirne gedrückt, trat ein, maß Wirth und Gäste mit einem langen, scharfen Blicke, setzte sich an einen Nebentisch und forderte ein Glas Branntwein. Von der Seite schielten die drei Gäste auf den Fremden hin, und der abgehende Wirth gab ihnen einen bedeutenden Wink.
„Nun, Kamernschen, warum plötzlich so beducht?“[16] -- redete sie der Fremde, gleichsam höhnisch lächelnd, an. „Schon von weitem logte ich n’ Hamoren, als schefte ’s Uschbescheder voll Krächlingsfehlinger, und jetzt scheft euch ’s Merkelspiel verstiftelt. Charpenet ihr euch vor meinem Bekan sein?“
[16] „Nun, Kameraden, warum plötzlich so stille? Schon von weitem hörte ich einen Lärm, als wäre die Stube voll Zahnbrecher, und jetzt ist euch der Mund verstopft. Scheuet ihr euch vor meiner Gegenwart?“ --
Die Männer sahen sich an und schwiegen.
„Nun, bestieb’ ich Tschuve oder lau?“[17] donnerte ihnen der Fremde zu.
[17] „Nun, bekomme ich Antwort oder nicht?“ --
„Meint der Herr uns?“ fragte der eine, ihn flüchtig und unfreundlich anschauend.
„Könnt ihr noch fragen? Gegen Leute anderer Art würde ich wohl nicht ’s koschemer Loschem[18] gebrauchen,“ -- erwiderte der Fremde in recht verächtlichem Tone.
[18] Die Gaunersprache.
„Was ihr da gesprochen habt,“ -- fuhr ein Anderer auf und maß ihn mit drohenden Blicken -- „verstehen wir nicht. Es mag wohl eine recht saubere Sprache sein; wir aber sind ehrliche Leute, die sich damit nicht befassen, und jetzt Euch zur Erklärung Eurer zweideutigen Rede auffordern.“ --
„Armselige Wichte, ihr wollt mir eine Erklärung abfordern?“ sprach der Fremde mit höhnischem Gelächter. -- „Leute eueres Gelichters müssen sich geehrt fühlen, wenn ich sie meiner Ansprache würdige.“
Rasch sprangen die Männer auf, und die funkelnden Augen, die wild verzerrten Gesichter und die geballten Fäuste verkündigten den nahen Ausbruch von Thätlichkeiten. Ruhig und fest blickte der Fremde den Ergrimmten entgegen, die der Wirth durch einige, ihnen zugeflüsterte Worte schnell beschwichtigt hatte.
„Wirklich, für Gauner und Buschklepper seht ihr, dem Anzuge nach, zu reputirlich aus,“ -- fuhr der Fremde mit kalter Ruhe fort; „aber ihr sollt zur Ueberzeugung kommen, daß ich euch und euer Treiben und Walten besser kenne, als ihr glaubt. Einen wehrlosen Handwerksburschen niederzuschlagen und ihm das Felleisen zu rauben; ein Paar Schafe zu stehlen, in die Fenster eines abgelegenen Hauses zu steigen, worin Niemand als ein krankes Weib und ein Paar Kinder wohnen; im recht dichten Volksgedränge eine Uhr, eine Tabakspfeife, ein Sacktuch zu mausen: das sind die Heldenthaten, deren ihr euch zu rühmen habt. Auf eine höhere Stufe schwang sich bisher Euer Witz und Euer Muth nicht. Wäret Ihr nicht ein gar so erbärmliches Gesindel, ein so feiges Kleeblatt, so wären schon die 3000 Thaler, welche der Müller von Eimbeck vor Kurzem geerbt und in seinem Keller verwahrt hat, bereits in eurer Tasche. Tag und Nacht sinnt Ihr und der armselige Wirth da auf diesen Fang, aber umsonst, denn ein leeres Gehirn und ein jämmerliches Hasenherz müssen nur immer im Staube kriechen.“
Das war für den Wirth und seine Gäste zu viel. Sie sahen sich erkannt; sie befürchteten alles von einem Manne, der von ihrem Treiben und ihren Plänen so genau unterrichtet war. Hastig flüsterten sie unter einander, der Wirth riß ein Fenster auf, schaute nach allen Seiten und winkte ihnen. Sie sprangen auf, mit gezogenen Messern, zum raschen Todesstoße bereit.
Dem Fremden war das gefährliche Flüstern und Winken nicht entgangen. Im Augenblicke ward der Mantel zurückgeschlagen und die Mündungen einer gespannten Doppelpistole droheten ihnen entgegen.
„Zurück, die Messer zur Erde, die Köpfe entblößt[19]!“ schrie ihnen der Fremde mit wild rollenden Augen und in der stolzesten Haltung zu. „Ich ~Lips Tullian~ gebiete Euch rasche Unterwerfung!“
[19] Hierzu die Abbildung im dritten Hefte.
Die Messer klirrten zur Erde nieder, Hüte und Mützen flogen von den Köpfen; Schrecken und Freude drückten sich auf den Schelmengesichtern in starken Zügen aus. Einer schlich näher, und betrachtete den Fremden mit scharf prüfendem Auge. „Ja, so hat Dich der rothe Jonas beschrieben, der in Schlesien unter Deiner Bande war, ja Du bist Lips Tullian!“ rief er und warf jauchzend die Mütze an die Decke.
„Es lebe Tullian, er sei unser Bonherr[20]!“ brüllten die Unholde.
[20] Hauptmann, Anführer.
XIV.
Eine neue Räuberbande.
Banditen sind’s und Rudolph ist ihr Hauptmann.
~Th. Körner.~
Nach seiner Flucht aus der Köhlerhütte im Trebnitzer Walde hatte Lips Tullian, wie wir wissen, den Weg nach der sächsisch-böhmischen Grenze eingeschlagen. Im Anfang wanderte er nur des Nachts und kaum von mehr als frischem Quellwasser und Waldfrüchten lebend, bis er später, sich nunmehr sicherer wähnend und nichts mehr für sich fürchtend, auch den Tag zu seiner Wanderung zu Hilfe nahm. Im Ganzen aber blieben der Nacht seine Hauptmärsche aufbewahrt und den größten Theil des Tages brachte er mit Schlafen und Ausruhen in den Wäldern zu.
Da traf es sich, daß er nahe an der Grenze in den dichtbelaubten Aesten einer stattlichen Eiche übernachtete. Bald nach Tages Anbruch hörte er am Fuße seiner grünen Lagerstätte sprechen. Leise bog er die Zweige aus einander und sah unter sich drei Männer stehen, deren Aussehen, noch mehr aber ihr Gespräch in rothwelscher Sprache ihm gleich ihr Handwerk verrieth. Sie erzählten sich mit rühmender Redseligkeit ihre armseligen Gaunerstückchen, sprachen von dem vielen schönen Gelde auf der Eimbecker Mühle, mit der offenherzigen Erklärung, den Einbruch nicht zu wagen, und entfernten sich, noch immer in Klagen ausbrechend, solch’ einem herrlichen Fange entsagen zu müssen.
Bei seinem Eintritte in die Waldschenke am Sande erkannte Philipp das Kleeblatt auf den ersten Blick. Die feigen Wichte würden an ihm zum Mörder geworden sein, hätte sie nicht der, auch in den böhmischen Wäldern schon hochgefeierte Name: „Lips Tullian“ niedergedonnert.
„Ihr habt mich zu Euerm Bonherrn erhoben,“ begann Philipp, die zahlreiche Bande, aus einem Diebshehler und drei armseligen Schnapphähnen gebildet, mit dem Lächeln des Spottes beschauend -- „wohlan, ich will es sein, wenn Ihr Euch verpflichtet, mir Bursche zu werben, auf deren Köpfe und Muth hin man etwas Großartiges unternehmen kann. Kennt Ihr solche Kumpane?“
„Daran möchte es wohl nicht mangeln,“ erwiederte der Eine. „Gerade jetzt hausen in dieser Gegend der Sarberg, auch Studenten-Fritz genannt, der Schickel, _vulgo_ Brettbauer, Christian Eckhold, auch der schöne Böttiger heißend, ferner Hans Wolf Schöneck, Daniel Lehmann und der Kolmitzer Schneider Michael Hentzschel.“
„Ich erinnere mich,“ fiel Lips Tullian ein, „schon vom schwarzen Wenzel diese Namen mit großem Lobe nennen gehört zu haben. Warum macht Ihr nicht Gemeinschaft mit so wackern Leuten?“
„Offenherzig zu Dir gesagt, edler Tullian, darüber liegt die Schuld nicht an uns“, entgegnete der Gefragte ganz kleinlaut, „denn ich und meine Kameraden hier sind zu ihnen gegangen, haben ihnen unsere Gesellschaft angeboten, auch unter Sarbergs Commando einige Zeit mithanthieret; aber die Herren sind gar hochmüthig, halten zusammen, wie englische Kitte, schoben uns vor, wo die Baldoverei[21] oder das Kettenschieben[22] am gefährlichsten war, gaben nun vom besten Fange nur so etwas auf dem Spänchen, und zuletzt handgreiflich zu verstehen, daß wir ihnen überflüssig seien, weil wir nicht immer Lust hatten, an halsbrechenden Geschäften Antheil zu nehmen.“
[21] Ausspähung, Spioniren.
[22] Einbrechen bei Nacht.
„Der Löwe ekelt sich in der Gemeinschaft mit den Hasen,“ lachte Lips Tullian den Offenherzigen zu. „Ich will Euch unter mir dulden, auch leichte Arbeit und Verdienst geben, wenn Ihr mir einen dieser wackern Bursche verschafft. Nennt meinen Namen, und Keiner wird Euch zurückweisen.“
„Laß mich dafür sorgen,“ sprach der Wirth. -- „Ich kenne die Chochemer Penne[23], wo Sarberg und Hentzschel in jeder Woche zusprechen. Sie liegt nur vier Meilen von hier, und Nachmittags reite ich hin. Ich stehe Dir dafür, Lips, daß, wenn sie nicht gerade jetzt tiefer ins Land gegangen sind, Du noch in dieser Nacht, oder längstens in der folgenden mit den Beiden zur Unterredung kommst. Bis dahin soll es Dir in meinem Hause an guter Speise und gutem Getränke nicht mangeln, auch wirst Du Dich nach Ruhe sehnen. Ich kann Dir ein herrliches Bett in einer Kammer anbieten, wo Du vor Entdeckung sicher bist, wenn auch das ganze Haus von Schodern[24] durchstöbert würde.“
[23] Diebesherberge.
[24] Gerichtsdienern.
Willig nahm Lips Tullian das Anerbieten an. Er warf dem saubern Kleeblatte ein Paar Thaler zum Vertrinken hin und ging mit dem Wirthe, der ihn nach einer kleinen Stube führte, die so versteckt lag, daß ihr Auffinden auch wohl bei der genauesten Hausuntersuchung schwerlich gelungen wäre.
XV.
Der Einbruch in der Eimbecker Mühle.
In dunkler Nacht Da kommet sacht Die Schaar der Verweg’nen geschritten, Sie dringen in’s Haus mit wilder Gewalt, Zurück von den ehernen Herzen prallt Der Armen Flehen und Bitten.
~Gabert.~
Lips Tullian blieb hier in dieser Schenke mehrere Monate. Durch die Bemühungen des Wirthes wurde er zuerst mit dem Studentenfritz und dem berüchtigten, wilden Hentzschel bekannt. Es war dies ein würdiges Kleeblatt, das sich ihrer gegenseitigen Bekanntschaft nicht genug erfreuen konnte, und welches wohl geeignet war, bald der Schrecken und das Entsetzen einer jeden Gegend zu werden. Diese Beiden führten ihrem neuen Anführer nun auch noch die andern berühmtesten Gauner und Räuber zu, welche es in Sachsen gab; darunter waren die vorzüglichsten und bekanntesten: ~Schöneck~, ~Eckholdt~ (der schöne Böttcher), ~Schickel~ (der Brettbauer), und ~Daniel Lehmann~.
Es wurden von diesen würdigen neuen Genossen Lips Tullians viele Berathungen gepflogen und Pläne geschmiedet, auch kleine Einbrüche gethan, aber nach Lips Tullians Plan wollte diese neue Bande diese Gegend und Sachsen, -- wie sie sich ausdrückten -- vorerst noch ~schonen~, und sich für spätere Zeiten aufsparen. Deshalb hatten sie beschlossen, alle nöthigen Zurüstungen zu einer größeren Reise zu machen, ihre Kassen reichlich mit Gelde zu versehen, sich falsche Legitimationen zu fabriciren und dann, wenn alles gehörig vorbereitet wäre, nach ~Prag~ aufzubrechen, wohin sie dann den Schauplatz ihrer Thaten zu verlegen gedachten. Lips Tullian hatte seinen neuen Genossen die Reichthümer dieser Stadt mit so lockenden Farben geschildert, daß alle mit Begeisterung und Sehnsucht dem Augenblicke entgegensahen, wo sie dort ihre Thätigkeit würden beginnen können.
Vorerst aber sollte noch zur Füllung ihrer Kassen ein Einbruch in die Eimbecker Mühle statthaben, wo, wie sie wußten, ein Schatz von 3000 Thalern zu heben war.
Der Wirth und jene drei armseligen Schlucker, welche Lips Tullian zuerst in der Schenke auf dem Sande hatte kennen lernen, machten die Kundschafter.
Es war eine stürmische, regnerische Nacht, welche zur Ausführung ihres Vorhabens bestimmt war. Die Mühle lag einsam in einem umwaldeten Thale, einige hundert Schritte von den übrigen Häusern des Dorfes entfernt. Der Wirth mit seinen drei Kumpanen machten die Wachen, von allen Seiten waren sie um das Haus herum in der Ferne aufgestellt, um alle Störung zu beseitigen und jeden unwillkommenen etwaigen Ueberfall bei Zeiten den übrigen Räubern zu signalisiren.
Lips Tullian machte hier für seine neuen Genossen sein Probestück.
Mit seltener Umsicht hatte er alle Anstalten getroffen und an ein Mißlingen des Unternehmens war daher so leicht nicht zu denken!
Die Müllersfamilie bestand aus ihm, einem alten Manne, einem erwachsenen Sohne, der aber verreist war, der Ehefrau des Ersteren und vier Mühlknappen. Es war bei solcher Anzahl zu erwarten, daß ein heftiger Widerstand geleistet werden würde; diesen so wenig schädlich als möglich zu machen, war daher die schwierige Aufgabe, welche sie zu lösen hatten.
Mit Leitern stiegen die mit der Gelegenheit des Hauses wohl vertrauten Räuber, Lips Tullian voran, in das erste Stockwerk ein; die Fensterscheiben waren schnell und ohne alles Geräusch zerbrochen, die Fenster erbrochen und die Räuber befanden sich im Hause, ehe noch Jemand ihre Anwesenheit nur ahnte.
Zuerst begaben sich nun hierauf die Räuber in das Schlafgemach des Müllers, den sie mit seiner Frau nach kurzem Widerstande, und ehe dieselben nach Hilfe rufen konnte, banden und knebelten und hierauf beide als unschädlich im Bette liegen ließen.
Dann ging es zu der Schlafstätte der vier Mühlknappen. Hier hatten aber die Räuber einen schweren Stand, denn diese waren von dem Lärmen wach geworden und kamen, bewaffnet mit Stöcken und alten Degen, ihnen entgegen. Es entspann sich ein ernster Kampf, der leicht für die Räuber hätte gefährlich werden können; aber Lips Tullian ersah sich einen günstigen Augenblick, unterlief den Kühnsten von den Feinden, packte ihn, warf ihn zu Boden und stieß ihm sein Messer in die Kehle. Die andern wurden ebenfalls bald niedergeschlagen. So gab es also nun zwei Leichen und zwei zum Tode Verwundete, während einige von den Räubern nur leicht verletzt waren.
Diese begaben sich nun in den Keller, wo der Müller sein Geld aufbewahrt haben sollte; doch so aufmerksam sie auch suchten und das Oberste zu Unterst drehten und wendeten und umgekehrt, sie fanden nirgends das Gesuchte und auch nirgends nur eine Spur davon.
Wüthend hierüber gingen sie zu dem Müller zurück, schleppten ihn, da er nicht gestehen wollte, wo er seinen Schatz verborgen habe, in den Keller und nöthigten ihn durch Schläge und Messerstiche, ihnen denselben endlich anzugeben. Er war verscharrt und mußte erst ausgegraben werden. In einer schweren hölzernen Kiste wurde er endlich, als schon fast der Morgen tagte, gehoben und mit ihm flüchteten nun die Räuber in Sicherheit. Der Müller blieb halb todt im Keller zurück.
Bei der Theilung fand man, daß die Beute größer war, als man gehofft hatte; es fanden sich über 4000 Thaler in der Kiste. Nun hatten sie die Mittel, ihre Reise nach Prag anzutreten, was denn auch in einigen Tagen geschah. Es war dies aber auch die höchste Zeit, denn der Einbruch in der Mühle und die Ermordung der Mühlknappen hatte die Justiz auf die Beine gebracht, welche ein Commando Landdragoner in diese Gegend absandten, um alles verdächtige Gesindel aufzugreifen und auf die Räuber zu fahnden.
Die Soldaten kamen eben daselbst an, als in der Nacht vorher Lips Tullian mit seinen Genossen sich über die böhmische Grenze begeben hatte.
XVI.
Lips Tullians und seiner Genossen Ankunft in Prag.
Es zieht die Räuber-Rotte Hinaus in alle Welt, Und dreimal weh den Fluren, Wo grimmig ein sie fällt.
~Döring.~
Im langen, blauen Oberrocke, das Haar schlicht zurückgekämmt, ein Felleisen auf dem Rücken, stand Lips Tullian mit gezogenem Hute und in demüthiger Stellung unter dem Thore von Prag vor dem gestrengen Visitator, der die Kundschaft des einwandernden Schlossergesellen, Philipp Mengstein aus Oldenburg, bedächtig durchlas, die Personal-Beschreibung und das Original mit viel geübtem Auge verglich und dann durch Handschrift und Siegel die Einwanderung in die Stadt und das Suchen nach Arbeit amtlich bewilligte.
Es war ein Kunststück Sarbergs, des gewandten Copisten und Siegelstechers, wodurch Lips Tullian mit einer Aufweisung ausgestattet wurde, welche selbst in Oldenburg als ächt würde gegolten haben. Lips Tullian ging nicht allein durch die Thore von Prag; auch Sarberg, Schöneck, Eckhold, Schickel, Lehmann und Hentzschel zogen einzeln in Prag ein, jeder als ein Mitglied irgend eines Gewerbes und durch Sarbergs künstliche Hand mit einem passenden Documente versehen. Alle fanden und erhielten Arbeit; Lips Tullian trat bei einer Schlosserwittwe als Geselle ein.
Hatte Philipp, so hieß hier Lips Tullian, auch früher zu Straßburg von seinen Freunden unter der Schlosserinnung so manches abgesehen und erlernt, was ihn, wäre er darin fortgefahren, zu einem geschickten Arbeiter gemacht hätte, so war doch durch Mangel an Uebung und Vervollkommnung jetzt sein Wissen nicht auf einer höhern Stufe, als der eines Lehrjungen. Bald überzeugte sich Frau Bieberich, seine Meisterin, daß sie an dem Oldenburger eine spottschlechte Acquisition gemacht habe, denn der Pseudo-Oldenburger war in seiner Profession beinahe weniger als ein Stümper, dabei arbeitsscheu und lieber in der Gesellschaft seiner liebenswürdigen Meisterin, als vor dem Ambos.
Die Kunden wurden täglich weniger, die Einnahmen geringer und Frau Bieberich, bei ihrem sehr belebten Geschäfte eines sehr fleißigen, kunsterfahrnen Gesellen höchst bedürftig, erklärte dem beinahe unbrauchbaren Philipp schon nach einigen Wochen, daß er sein Bündel zu schnüren und sich sonst wo Arbeit zu suchen habe.
Wittwe Bieberich, eine junge, schöne Frau, war lebenslustig, aß und trank gern gut, liebte den Putz und zürnte nicht, wenn ein hübscher Mann sich ihr traulich näherte und ihren Reizen huldigte.
Philipp hatte sie ganz durchschauet und durfte aus ihrem Benehmen die volle Ueberzeugung schöpfen, von ihr sehr ungern und nur deswegen aus der Arbeit gewiesen zu werden, weil er als Handwerker nicht das leisten konnte, was das Geschäft forderte.
Für Philipp war das Austreten aus diesem Hause die allerfatalste Sache. Frau Bieberich genoß einen guten Ruf, er hatte sich unbescholten betragen, dadurch das Vertrauen seiner Meisterin und der Nachbarschaft gewonnen, durfte also versichert sein, so manchen seiner Raubpläne in dieser Stadt auszuführen, ohne daß man in ihm nur einen Mitwisser der Verbrechen ahnen möchte.
Er mußte in diesem Hause bleiben, um seine Stückchen, die er aus kluger Vorsicht bisher unterlassen hatte, mit Sicherheit beginnen und treiben zu können; er durfte auch nicht länger säumen, da seine Genossen, der langen Unthätigkeit überdrüssig, größtentheils vom Gelde entblößt waren und ihm bei ihrer letzten geheimen Zusammenkunft in einer liederlichen Winkelkneipe mit derbem Fluche erklärt hatten, sich von ihm loszusagen und auf ihre Rechnung Geschäfte zu machen. Er schritt nun an’s Werk. --
XVII.
Die schöne Schlosserswittwe.
Es braust die Leidenschaft in aufgeregten Wellen: Das ihnen anvertraute Schiff Wird an dem scharfen Felsenriff Die aufgestürmte Wuth erbarmungslos zerschellen.
~Tiedge.~
„Wertheste Frau Bieberich,“ -- begann Lips Tullian an dem ihm gegebenen Feierabende[25], als er mit der Meisterin ganz allein und vor Störung sicher war, -- „ich muß Ihnen nun reinen Wein einschenken, und daß ich es in meinen Verhältnissen thue, werden Sie bald als einen Beweis meines Vertrauens anerkennen.“
[25] In der Handwerkssprache bezeichnet der Ausdruck: „Feierabend geben“ -- die Entlassung aus der Arbeit.
„Ich bin ein Schlosserssohn aus Oldenburg, habe auch die Schlosserei zu erlernen angefangen, aber darin es nicht weit gebracht. Mein Vater starb, als ich ein Bursche von 14 Jahren war. Meine Mutter, im Besitze eines prachtvollen Hauses und eines bedeutenden Capitals, wollte sich nicht wieder vermählen und ihre Tage in Ruhe hinbringen. Aus manchem Aerger über die Miethsleute verkaufte sie das Haus und bezog mit mir eine kleine, angenehme Wohnung. Meine Mutter ist eine herzensgute, gegen mich, ihr einziges Kind, allzu schwache Frau. Als ein 14jähriger Bube beherrschte ich sie, ihren Willen, ihre Kasse, that nichts, als die Reitbahn, den Fechtsaal und die Gesellschaft junger Wüstlinge besuchen, fand bei meiner gefüllten Börse und meiner oberflächlichen Bildung auch in vornehmen Häusern Zutritt und wußte mir den Ruf eines gebildeten, liebenswürdigen Menschen zu erwerben. Das Mutterauge war von dem Glanze der vornehmen Gesellschaften, in welchen ich mich froh und gewandt bewegte, zu sehr geblendet, um in ihrem Sohne den arbeitsscheuen Taugenichts, den Verschwender zu sehen. Sie lebte äußerst einfach, um von ihren reichen Zinsen mir geben zu können, ohne daß sie die Kapitale angriff.
Ich hatte das Glück, den reichen Banquier Förten aus einem reißenden Flusse im Augenblicke der höchsten Gefahr zu retten. Von da an stand mir sein Haus, sein Herz und seine Börse offen. Sein Sohn sollte einige Jahre auf Reisen gehen. Ich hatte so sehr das Vertrauen der Eltern gewonnen, daß sie mich zum Begleiter, gleichsam zum Aufseher ihres Lieblings erwählten. Beinahe vier Jahre währte unsere Reise, und ich darf kühn sagen, alle Pflichten, die ich als Aufseher des jungen Menschen hatte, streng erfüllt zu haben. Erst vor drei Monaten kamen wir wieder in Oldenburg an.