Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Part 6

Chapter 63,328 wordsPublic domain

Die Pflegeeltern waren bei seiner Rückkunft gerade in der Kirche. Daß er fort, auf der Stelle fort müsse, darüber war er schon bei den gehörten Nachrichten von Franzens Arretirung mit sich einig; die Abwesenheit seiner Pflegeeltern schuf in seinem verderbten Herzen einen recht schändlichen Einfall, den Einfall, die gutherzigen Leute für die ihm so reichlich gespendeten Wohlthaten noch zu berauben. Unbemerkt von der Magd schlich er in die obere Stube, wo Geld und die beste Habe verwahrt war, erbrach den Schrank, nahm alles vorräthige Geld und was sich Werthvolles vorfand, zog sein bestes Kleid an und sattelte das Pferd. Gegen die Magd, die ihn neugierig um die Veranlassung seines heutigen Aufputzes und Rittes befragte, gab er vor, eilig auf das herrschaftliche Schloß zu müssen, um nach einem plötzlich erkrankten Pferde zu sehen, schwang sich auf und trabte auf dem Wege fort, der nach dem Schlosse führte. Im nächsten Walde schlug er den entgegengesetzten ein, verkaufte im Wirthshause, wo er übernachtete, sein Pferd, stahl einem neben ihm schlafenden Handwerksburschen die Brieftasche mit der Kundschaft, und eilte gleich nach Mitternacht nach Dresden zu, wo er bei einem Trödler seinen ländlichen Anzug gegen einen städtischen mit einer Geldaufgabe vertauschte, und die Frechheit hatte, auf die Hauptwache zu gehen, sich, wie die Kundschaft lautete, als einen Strumpfwirkergesellen aus dem Badischen anzugeben und um Einreihung in das Militär zu bitten. Der junge, hochgewachsene Bursche wurde gern aufgenommen und in dem Infanterie-Regimente des Generals von Röbel eingereihet, wo er drei Jahre stand, dann auf seine Bitte zur Artillerie kam.

War seine Aufführung auch nicht ganz unbescholten, so hatte er sich doch in den fünf Jahren seines Militärlebens keines schlechten Streiches schuldig gemacht. Er würde vielleicht ein recht wackerer Mensch geworden sein und Beförderung erhalten haben, hätte er nicht das Unglück gehabt, mit Susanna Strobel, der jungen Wittwe eines Grenadiers, bekannt zu werden, die eine Erzgaunerin und um so gefährlicher war, da sie ihre verbrecherischen Handlungen mit der größten Schlauheit ausübte und sich mit dem Heiligenscheine der Sittsamkeit und Rechtschaffenheit so zu umgeben wußte, daß sie allgemein als eine höchst achtbare Person galt und selbst bei sonst sehr mißtrauischen Menschen das größte Vertrauen genoß. Sie war in allen ihren Handlungen so klug und vorsichtig, daß Schöneck viele Monate mit ihr im allervertrautesten Umgange verlebte, ohne nur einen ihrer geheimen Umtriebe zu bemerken, bis sie selbst, mit Leidenschaft an ihm hangend, im Rausche der Sinnlichkeit sich in wahrer Gestalt zu zeigen anfing. Männer und Weiber, Bursche und Mädchen, die er oft bei seiner Geliebten antraf, fand er immer im Handel über seidene Tücher, Silberzeug und andere Sachen, und hielt diese Leute für Geschäftsverwandte, da die Wittwe eine Trödelbude hatte. Jetzt erst, als sie selbst ihn ganz zum Vertrauten ihrer Geheimnisse machte, erfuhr er, daß diese Tugendheldin eine Diebshehlerin, selbst das Mitglied einer ansehnlichen, ausgebreiteten Diebesbande sei, der sie das Geraubte verwahre, oft ganze Ladungen davon im Auslande verkaufe, während des Umherziehens auf Kauf und Tausch die besten Gelegenheiten zum Raub, zu Einbrüchen ausforsche und aus den Chochemer-Pennen[10] die Nachrichten an die Bande ergehen lasse. --

[10] Diebsherbergen.

Es kostete dieser Susanna Strobel nicht viele Mühe, Schöneck zur Theilnahme an ihrem heillosen Gewerbe zu bereden, da er, durch seines Zeitalters Geistesfinsterniß und Duldungslosigkeit von den Mitteln zur Veredlung des Herzens, zur Erweckung eines wahren Sinnes für Religion, Arbeitsliebe und Pflichterfüllung ausgeschlossen, durch die Schwäche und Nachgiebigkeit seiner Pflegeeltern, durch den verführerischen Unterricht seines ersten Lehrmeisters, des grundverdorbenen Wasenknechts, und durch den verderblichen Umgang mit dem Jäger Franz schon zum Taugenichts, Gauner und Wilddieb, zum künftigen Auswurf der Menschheit auferzogen, und, so viel als möglich, in früher Jugend dazu ausgebildet worden. --

Schon mehrere kleine Diebstähle und Einbrüche hatte Schöneck mit Gewandtheit ausgeführt, als Susanna den Vorschlag zum Einbruche bei einem reichen Krämer im Hause des Oberhüttenverwalters Heig machte. An der Wachsamkeit des Krämers scheiterte die glückliche Ausführung des Einbruches. Die Rotte wurde versprengt. Schöneck, von zwei Scharwächtern verfolgt, konnte nicht mehr das hintere Pförtchen der Kaserne erreichen, zu welchem er sich schon seit langer Zeit einen Nachschlüssel verschafft und so einen geheimen Weg zu nächtlichen verbrecherischen Ausgängen sich gebahnt hatte.

Es gelang ihm, aus der Stadt zu entfliehen, er wurde aber schon am andern Tage, wegen Mangel an gehöriger Aufweisung und der Desertion verdächtig, von den Bauern aufgegriffen und in das Stockhaus zu Dresden abgeliefert.

Von der Theilnahme an dem versuchten Einbruche in den Krämerladen wußte sich Schöneck, ungeachtet er auf die Folter gebracht und mit den Daumenstöcken gefoltert wurde, durch das beharrlichste Läugnen und durch unerschütterliche Standhaftigkeit in Erduldung der Folterschmerzen vollkommen zu reinigen. Doch, der Desertion überwiesen, mußte er Spießruthen laufen und die Unkosten seiner Untersuchung durch Arbeit im Waisenhause, wohin er aus dem Stockhause in Ketten unter Aufsicht eines Soldaten täglich geführt wurde, wieder erstatten.

Die tägliche, schwere Arbeit, mit schlechter Kost verbunden, war dem an Nichtsthun und Wohlleben gewohnten Schöneck viel zu lästig. Ueberzeugt, nicht durch Gewalt, sondern nur durch List sich frei machen zu können, bewies er solch einen rastlosen Arbeitseifer und solch einen gehorsamen, demüthigen, reuevollen Sinn, daß ihm auf Befehl des Obercommissärs die Ketten abgenommen, bessere Lebensmittel gereicht, und manche Erleichterungen gewährt wurden. --

Alles dieses half ihm noch nicht zur Freiheit; für diese mußte etwas Großes gethan werden. Er legte in der vollen Scheune des Waisenhauses Feuer an, war unter den mit der Löschung beschäftigten der Allerthätigste, verschwand im Gewühle der herbeigeströmten Menge, und erreichte ungesehen und unverfolgt die Wohnung seiner Susanna. Schnell war der Züchtlingskittel gegen eine recht stattliche Bürgerkleidung vertauscht, von einem bei der Polizei Angestellten, dem vertrauten Freunde und Beschützer der schönen Wittwe Strobel, schon nach wenigen Stunden für Schöneck ein Paß mit dem Namen Gottlieb Kraus ausgefertigt, mit Susanna genaue Abrede genommen, und als der Tag angebrochen und die Stadtthore geöffnet waren, ging Schöneck, durch seine stattliche Kleidung und ein großes, schwarzes Pflaster auf dem einen Auge unkenntlich gemacht, wie ein lustwandelnder Bürger, langsam und unbefangen an der Wache vorüber zur Stadt hinaus.

Durch seinen Paß beglaubigt, und von Susanna mit 300 Thalern in Golde versehen, ließ sich Schöneck zu Mainsdorf im Brandenburgischen nieder, trieb einen Handel mit gewirkten Strümpfen, mit Hauben, Bändern und Tabak, ließ Susanna, die aus leidenschaftlicher Neigung zu ihm ihr gutes Diebsgewerbe in Dresden verlassen und eine nicht unbedeutende Summe ihm zugebracht hatte, mit seinen Waaren auf den Dörfern Handel treiben, vereinigte sich mit liederlichem Gesindel und stahl und raubte, aber mit solcher Klugheit und Vorsicht, daß der Strumpfhändler Gottlieb Kraus sowohl in Mainsdorf, als auch in ferner Umgebung für einen gar wackern Mann galt.

Unter Schönecks vertrauteste Raubgenossen gehörte Peter Blinder, der auch als Bandkrämer im Lande umherzog und einer der schlauesten und verwegensten Gauner war. Beide, sehr reizbar und jähzornig, geriethen sehr oft in Streit, der meistentheils sehr blutige Folgen hatte. So traf es sich, daß sie auf der Straße bei Hoyerswerda über eine Kleinigkeit in Wortwechsel kamen, sich schlugen und Schöneck, dem Blinder an Kräften weit überlegen, auf das Grausamste mißhandelte. Die Leute liefen von den Feldern herbei, von Blinder zur Hülfe angerufen, dem ein Auge eingeschlagen und der Kopf voll Löcher war.

Von Wuth gegen seinen barbarischen Peiniger außer sich, bat Blinder die herbeigeeilten Landleute, diesen Menschen, der als der Strumpfhändler Gottlieb Kraus umherziehe, aber jener, aus dem Stockhause zu Dresden entsprungene, durch Steckbriefe verfolgte Schöneck sei, gleich in Verhaft zu nehmen, und wohl zu verwahren. Blinder würde gewiß auch noch genauer über seines Kameraden verübte Thaten gesprochen haben, wäre er nicht aus Schwäche wegen des bedeutenden Blutverlustes ohnmächtig geworden. Schöneck und Blinder wurden von den Landleuten in das nächste Dorf gebracht, wo Blinder noch in der Nacht an den Folgen der erlittenen Mißhandlung starb, und Schöneck am andern Morgen, auf einen Wagen gebunden und von bewaffneten Bauern umgeben, in das Stockhaus zu Dresden abgeführt wurde.

Weder seine Flucht aus Dresden während des Brandes im Waisenhause, noch die Betreibung seines Strumpfhandels in Mainsdorf und sein Hausiren auf dem Lande läugnend, dabei aber im unerschütterlichen Stillschweigen über den Aussteller des falschen Passes und über seine vertrauten Verhältnisse zu Susanna Strobel auf das Hartnäckigste verharrend, hatte Schöneck allen ihm gefährlichen Verdacht früherer schwerer Verbrechen nach und nach beseitigt.

„Weil aber der Verdacht noch nicht zulänglich gewesen, daß die Herren Schöppen zu einer Peinlichkeit wider ihn gelangen können: so haben dieselben in dem eingeholten Urtheil, gar vorsichtig von ihm zugleich mit angemerket:

~Daß Schöneck, der allem Ansehen nach, viel Böses gestiftet, und annoch anzurichten geschickt ist, in sicherer Verwahrung eine Zeitlang, bis zu seiner Besserung enthalten, und dahin, woraus er eigenen Anziehen, _fol._ II. nach entkommen, wieder gebracht, auch zur Abarbeitung derer daselbst annoch rückständigen Unkosten angestrenget werden solle.~“

Auf besondern Befehl der Landesregierung wurde Schöneck nicht im Stockhause gelassen, sondern auf den Festungsbau gebracht.

Unter den Baugefangenen wurde bald darauf bekannt, daß der Räuber und Mörder Peter Pfützner in einigen Tagen auf dem Sande vor Alt-Dresden durch den Strang hingerichtet werde.

„Gott Lob, sie hängen meinen Hauptfeind auf!“ -- sagte Schöneck halblaut in der Gaunersprache vor sich hin. Ein Frohnknecht, der Gaunersprache kundig, hatte kaum diese Worte gehört, als er dem Ober-Profosen davon Anzeige machte. Dieser berichtete Schönecks Aeußerung dem Criminalgerichte. Auf der Stelle wurde Pfützner zum Verhöre vorgeführt, und zur aufrichtigen, ausführlichen Angabe alles dessen, was er von dem Leben und Uebelthaten des Baugefangenen Schöneck wisse, auf das Dringendste ermahnt. Pfützner erklärte, er habe mit Schöneck, als dieser unter dem Namen Gottlieb Kraus sich umhergetrieben habe, in tödtlicher Feindschaft gestanden, hätte sich aber wohl gehütet, gegen ihn auszusagen, um nicht für einen rachsüchtigen Menschen zu gelten. Da er aber von einem hochpreißlichen Criminalgerichte zur Angabe der Wahrheit aufgefordert werde, und sein Gewissen ihm ohnehin dieses Stillschweigens über Schöneck wegen die heftigsten Vorwürfe schon seit längerer Zeit mache, so wolle er nun mit der strengsten Wahrheitstreue und genauester Ausführlichkeit alles angeben, was er über Schönecks Thaten während der Dauer ihrer Kameradschaft auszusagen wisse.

Und nun gab Pfützner seine sehr inhaltreiche Aussage gegen Schöneck zu Protokoll.

Nach dem Verhöre wurde Schöneck zur neuen Untersuchung in das Stockhaus abgeliefert. Wie es ihm möglich geworden, sich von seinen schweren Ketten loszumachen und aus einem der tiefsten und festesten Kerker des Tag und Nacht wohl verschlossenen, von zahlreichen Wächtern und Hunden gegen Ein- und Ausbrüche sehr geschützten Stockhauses zu entrinnen, konnte nicht ergründet werden, da er nicht nur gegen seine Kameraden, sondern auch in der Folge bis an sein Ende gegen die Untersuchungsrichter ein Stillschweigen beobachtete, welches kein freundliches Zureden, kein Ernst, selbst nicht die grausamste Folter zu brechen vermochte.

Aus dem Stockhause hinweg wurde er mit Sarberg und Schickel bekannt, von Tullian zu seinem Raubgenossen gemacht und allmälig von ihm zur höchsten Höhe der Gewissenlosigkeit, der Raubgierde und der Grausamkeit geführt. In einem furchtbaren Kampfe gegen die Uebermacht von Soldaten, Jägern und Landleuten, gerade als Lips Tullian, nur noch mit Wenigen auf dem Platze, von zwei Grenadieren entwaffnet und fortgeführt wurde, schlug sich Schöneck mit Löwenmuth und Löwenstärke durch die dichte Reihe der Soldaten und Jäger, entriß Tullian den Grenadieren, und hielt den Haufen der Angreifer so lange zurück, bis Tullian einem Jäger den Hirschfänger entrissen und den das Kommando befehligenden Officier niedergestochen hatte. Der Tod des Anführers machte den blutigen Kampf stocken. Diesen Augenblick der Ruhe benutzend, gewannen Beide die nahen Gebüsche, und waren gerettet.

Diese muthige That, im Augenblick der höchsten Gefahr ausgeführt, machte Tullian zu Schönecks treuestem Freunde.

XI.

Daniel Lehmann.

Noch immer ist mir’s unbegreiflich! Rudolph Wagt’s, an der Grenze frei herum zu wandeln; Tausend Zechinen stehn auf seinen Kopf, In Fiume hängt sein Bildniß an dem Galgen, Und er lebt hier, als wäre nie sein Dolch In einem Menschenherzen warm geworden.

~Th. Körner.~

Unter allen Einwohnern des Dorfes Schönfeld galt der Häusler Lehmann für den frömmsten und thätigsten. Er war erst vor einigen Jahren, nachdem er, ein geborner Tyroler, den größten Theil seines Lebens mit Teppichhandel auf fast immerwährender Reise zugebracht hatte, in Schönfeld durch den Ankauf einer Häuslerwohnung ansässig, und durch Fleiß, Friedfertigkeit und Gottesfurcht bald so beliebt geworden, daß die reichsten Bauern des Ortes und der Umgegend ihn recht gern zum Schwiegersohne gehabt hätten. Aber Lehmann war schon verheirathet und Vater eines zehnjährigen Knaben, der mit seiner Mutter einige Zeit nach des Vaters Ansässigmachung in Schönfeld aus dem fernen Tyrol anlangte.

Daß diese Tyrolerfamilie in mancher Woche mehrere Tage nicht arbeitete, fiel der Gemeinde anfangs auf, wurde aber bald nicht mehr beachtet, als es allgemein bekannt wurde, daß Lehmann durch die Nachwehen seiner als Soldat erhaltenen Wunden oft längere Zeit an das Krankenlager gefesselt und dann immer der sorglichen Pflege seines Weibes und Sohnes höchst bedürftig werde. Auch erregte es im Dorfe anfangs Aufsehen, daß von Zeit zu Zeit, meistens nächtlicher Weile, fremde Leute, Männer, Weiber, junge Bursche und Dirnen in Lehmanns Behausung kamen, sich im Dorfe nicht sehen ließen, und bald wieder verschwanden.

Lehmann, der darüber manches ihm nachtheilige Gerede hörte, vertraute einem Nachbar, wie viele Kenntnisse er im Pflanzenreiche habe, wie er die Heilkräfte der Kräuter und Wurzeln zu benutzen wisse, schon unzähligen Todtkranken zum Lebensretter geworden, weit und breit als ein gar geschickter Arzt bekannt sei, und nun von Alt und Jung aus den fernsten Gegenden um Hilfe angesprochen werde, aber stets im Geheimen, damit die Aufmerksamkeit der Aerzte und Bader nicht erregt, und durch Brotneid ihm kein Hinderniß gemacht werde, den leidenden Menschen zu dienen. Der Nachbar gelobte mit Wort und Hand, Lehmanns vertraute Mittheilung als ein Geheimniß zu bewahren, aber schon in einer Stunde wußten alle Schönfelder, welch ein Wunderdoktor in ihrer Mitte hause. Man wünschte sich Glück zu diesem Mitbewohner, und Lehmanns Wissen und Thätigkeit wurden für Menschen und Thiere in Anspruch genommen.

Hätten die guten Einwohner von Schönfeld nur eine Ahnung gehabt, welch ein liederliches, verderbliches Gesindel die Familie Lehmann sei, so würden sie gewiß deren Ansässigmachung unter sich nicht geduldet haben. Lehmann, in der Nähe von Insbruck auf einem Weiler von liederlichen Eltern erzeugt und zur Gaunerei erzogen, wanderte schon als zwölfjähriger Knabe im Auslande umher, wo er Teppiche verkaufte, durch sein fertiges Zitterspiel und seine Nationalgesänge auf den Schlössern der Edelleute, in Gasthöfen, und besonders unter dem Landvolke sich bis zu seinem achtzehnten Jahre ein mäßiges Kapital erklimpert und ersungen hatte, bei fortschreitender Ausbildung seiner anziehenden Schönheit und rüstigen Gestalt, gerade in der herrlichsten Blüthe des Lebens, von lüsternen Weibern an sinnliche Genüsse gewöhnt, bei seinem arbeitslosen Umherschlendern mit allen, dem Müßiggange folgenden Lastern vertraut und, besonders aus innerer Hinneigung zum Bösen, so nach und nach zum vollkommenen Gauner, Dieb und Räuber sich aufschwang.

Eines Mordes wegen, den er in der Gegend von München begangen hatte, verfolgt und in Baiern nicht mehr sicher, floh er nach Oesterreich, ließ sich bei einem ungarischen Infanterieregimente anwerben und machte einen Feldzug mit, worin er verwundet und in der Folge wegen wirklich guter Aufführung und bewiesener Tapferkeit zum Unteroffizier befördert wurde.

Lehmann war einer der schönsten Männer im Regimente, dabei ausgezeichnet reinlich, sehr gewandt, schlau, und ein vorzüglicher Redner. Diese Eigenschaften veranlaßten den Regiments-Commandanten, ihn dem Offizier, der auf Werbung nach Nürnberg beordert wurde, beizugeben. Lehmann war gegenwärtig, wie der Bediente des Werbeleutenants den Koffer packte; er sah die vielen Goldrollen und Thalersäcke; er wurde von solch einer Begierde nach diesem vielen Gelde hingerissen, daß seine, beim Regimente bethätigte, aber nur auf Sand gebaute Moralität durch den Windstoß der Habsucht plötzlich eingestürzt und auf ihren Trümmern der Plan eines schweren Verbrechens gebildet wurde.

Lehmann jauchzte im Stillen, als er hörte, daß der Offizier ohne Bedienten reise. -- Im nächsten Städtchen, wo sie Nachtquartier hielten, versah sich Lehmann mit Opium. Einige Tagereisen von Nürnberg stellte er sich so krank, als wäre er nicht im Stande nur noch einige Stunden zu fahren. Der Offizier, um seinen schönen, klugen, wohlberedten Werbegehülfen höchst besorgt, ließ im nächsten Wirthshause an der Landstraße anhalten und sich ein Zimmer mit zwei Betten geben, wohin Lehmann, die äußerste Schwäche erkünstelnd, getragen werden mußte. Das Wirthshaus lag ganz einsam, und der Offizier fand keine Unterhaltung, als die ihm die Flasche, seine liebste Freundin, gewährte, mit der er sich auch so innig befreundete, daß er schon bei Einbruch des Abends, seiner Sinne kaum mehr mächtig, das letzte Glas, in welches Lehmann unbemerkt eine tüchtige Dosis Opium gethan hatte, langsam leerte, und gleich darauf in todtähnlichem Zustande auf sein Lager gebracht werden mußte.

Einige Stunden nach der Ankunft im Wirthshause hatte Lehmann versichert, sich wieder besser zu fühlen, und schlich im Hause umher, gute Gelegenheit zur Ausführung seines Unternehmens zu erspähen.

Kaum war der bewußtlose Officier zu Bette gebracht, als Lehmann in die Zechstube hinabstieg, sich ein reichliches Nachtessen auftischen ließ, ein Paar Flaschen Wein ausstach und vor der Rückkehr in das Schlafzimmer dem Fuhrmann gebot, nicht eher sich zur Abreise anzuschicken, als bis der Officier selbst Befehl dazu gebe, der, nach seiner Aeußerung, hier gehörig ausschlafen wolle.

Als Lehmann nach leisem Umherschleichen im Hause sich ganz überzeugt hielt nun seien alle Bewohner dieses Gasthofes im tiefen Schlafe begraben, öffnete er den Koffer des Lieutenants, bekleidete sich mit dessen bestem Civilanzug, packte in seine geräumige Geldgurte alles, was er an Gold- und Silbergeld, an Uhren, Ringen und sonstigen Kostbarkeiten bergen konnte, füllte seine Taschen mit der feinsten Wäsche, steckte die Reisepistolen des Officiers zu sich, und hing dessen Säbel um. Mit dem Raube beladen, schlich er aus dem Zimmer, verschloß es leise und sorgfältig, kroch unter den Fenstern von zwei bewohnten Gemächern dem Brettergange zur Hintertreppe zu und diese hinab, erstieg auf einem Balken, den er auf seiner ausspähenden Wanderung zu diesem Behufe unbemerkt dahin gebracht hatte, die hohe Hofmauer, schwang sich in die Aeste eines Apfelbaumes, glitt an dessen Stamme zur Erde nieder und eilte so schnell als möglich nun gerade auf der Straße nach Nürnberg fort.

Auch die Zukunft mit klugem Sinne beachtend, und sich auf unerwartete Ereignisse vorsehend, hatte er die wichtigsten Papiere über die Werbeangelegenheit des Officiers zu sich gesteckt. Er war so frech, auf der nächsten Station, die er im eilenden Gange bald erreicht hatte, den Posthalter wecken zu lassen, diesem, unter Vorlegung seiner Papiere, das Geheimniß zu vertrauen, daß er auf der Verfolgung eines mit kaiserlichen Geldern entwichenen Kriegscommissärs begriffen, sein Reitpferd aber eine Meile von da aus Ermattung niedergestürzt, und er dadurch gezwungen worden sei, den Weg hierher in größter Eile zu Fuße zu machen, um mit Extrapost Nürnberg schleunigst erreichen und dort die wirksamsten Anstalten zur Arretirung des Kriegscommissärs treffen zu können. Der Posthalter konnte in seinem Diensteifer nicht eilig genug sein, die wichtige Reise durch sein flüchtiges Gespann zu befördern.

Im Fluge ging es von Station zu Station, ohne nur einigen Aufenthalt in Nürnberg, dem Sachsenlande zu. Als der Postillon der letzten Station an der sächsischen Grenze durch das Schmettern seines Hornes den Beamten und die Diener der Grenzmauth an den Schlagbaum gerufen hatte, sah man sich vergebens nach dem Reisenden um. Lehmann war im letzten Hölzchen leise aus der Postchaise gestiegen und durch Gebüsche, über Felder und Wiesen hin, schon lange auf sächsischem Grunde, als noch immer der Postillon und das Mauthpersonal über dieses sonderbare Verschwinden des Reisenden sich die Köpfe zerbrachen.

Bald trat Lehmann in seiner Nationaltracht als Teppichhändler, als Gauner und Dieb auf, heirathete in Schwaben eine schöne Dirne aus einer Gaunerfamilie, lebte zehn Jahre theils von dem seinem Officiere geraubten Gelde, theils von den Erträgnissen verbrecherischer Thaten, und kaufte sich dann in Schönfeld an, da ihm viele Gauner diesen Ort als vorzüglich geeignet zur Diebshehlerei und zur geheimen Verbindung mit den zahlreichen, größtentheils in jener Gegend umherziehenden Räuberbanden auf das beste empfohlen hatten.

Daß Lehmann schon in seiner Jugend oft viele Monate mit reisenden Zahnärzten und Marktschreiern, die nebst ihren Quacksalbereien das Diebeshandwerk trieben, herumgezogen war, besonders, daß er mit dem Erzgauner Samuel Fritsch, _vulgo_ dem alten Zahnarzt, einem geschickten, aber wegen Liederlichkeit und Veruntreuung aus österreichischen Diensten entlassenen Spitalarzte länger als ein Jahr in vertrautester Gemeinschaft gelebt und von dessen ärztlichem Wissen sich vieles angeeignet hatte, leistete ihm jetzt wesentliche Dienste. Bald hatte er als Arzt das Vertrauen der Schönfelder und der Landleute in weiter Umgebung im höchsten Grade erworben, und es möchte demjenigen recht übel bekommen sein, der ihrem Wunderdoktor nur durch das leiseste Mißtrauen gegen seine gar hochgerühmte Rechtlichkeit verletzt hätte.