Part 5
Die Zeit der Abreise des Weinhändlers nahte heran, und noch hatte er sich keiner besondern Begünstigung der von ihm so leidenschaftlich geliebten Wilhelmine zu erfreuen. Jetzt sollten seine Wünsche gekrönt werden. In einer Nacht -- der Weinhändler wollte so eben zur Ruhe gehen -- pochte man an seine Thüre. Auf die Frage, wer noch so spät Einlaß fordere, tönte ihm eine Stimme entgegen, die er gleich für Wilhelminens erkannte. Der rasch Oeffnende traute seinen guten Augen beinahe nicht, als Wilhelmine nun mit Heftigkeit in das Zimmer drang, sich auf das Sopha warf, weinte, die Hände rang, dann seine Kniee umklammerte, und ihn um Schutz, um Hilfe anflehte. Der Weinhändler war außer sich, Wilhelminen zu seinen Füßen zu sehen, da er gar zu gern zu den ihrigen gelegen hätte. Er trug sie auf das Ruhelager, er nahm sie an seine Brust, er bat sie mit den süßesten Schmeichelworten, ihren Schmerz zu beschwichtigen, und sich ihm mit aller Offenheit zu vertrauen, da er sein ganzes Vermögen, selbst sein Blut willig hingebe, um ihr seine heißeste Neigung durch die That zu erproben.
Nun vertraute ihm Wilhelmine unter strömenden Thränen und mit leiser, fast zitternder Stimme, wie sehr sie von ihrem Manne mißhandelt werde, weil sie sich nicht den Umarmungen eines jungen, reichen Gutsbesitzers hingebe, der für den Genuß ihrer Reize eine sehr reiche Summe geboten habe. -- „Der Bösewicht, der ehrlose Verräther hatte die Frechheit, den wollüstigen Grafen in mein Schlafgemach zu führen und mir mit den unmenschlichsten Qualen zu drohen, wenn ich dem Grafen mich länger versage. Gott hat mir schwachem Weibe männliche Kräfte gegeben, durch die ich mich den thierischen Umklammerungen des Grafen, der rauhen Faust meines Gatten entriß, glücklich die Thüre erreichte, wo ich durch rasches Vorschieben des äußern Riegels mich vor Verfolgung sicherte, und so unaufgehalten aus dem Hause kam. Seit meiner Vermählung durch die Liebe zu meinen häuslichen Geschäften, zu genügsamem Stillleben, mit den Bewohnern dieses Fleckens beinahe nie in Annäherung gekommen, als im Tempel des Herrn; in diesem Orte, mit keiner Familie verwandt, würde ich ohne Obdach, ohne Hilfe umhergeirrt sein, hätte mir nicht eine tröstende Stimme Ihren Namen zugeflüstert. Ich weiß, edler Mann, daß Sie mich lieben, aber meine Grundsätze, mein Zartgefühl gestatten mir nicht, so lange ich Gattin bin, Ihnen mehr zu sein, als die treueste Freundin, eine kindlich liebende Tochter. Führen Sie mich fort von hier, weit, sehr weit, damit mich die Luft nicht mehr erreichen kann, von welcher dieser Bösewicht, dieses Ungeheuer von Gatten, umwehet wird. Dort will ich als die niedrigste Magd dienen und bei den härtesten Arbeiten werde ich mich als die Glücklichste fühlen und unter allen Leiden immer innig Ihrer gedenken, denn meine Tugend wird gerettet sein und nur Ihnen danke ich diese Rettung!“ --
Mit diesen erheuchelten Worten, im Wechsel des Pathos mit Schmerz, mit Zärtlichkeit, mit der sanftesten Hingebung gesprochen, schloß Wilhelmine ihr wohlerzähltes Mährchen.
Der Weinhändler wußte nicht, ob er sich freuen oder mit ihr trauern sollte. Das Wesen seiner heißesten Wünsche zu dieser Stunde, im freien, buhlerisch geordneten Nachtgewande, das mehr verrieth als verbarg, dicht an seiner Seite, oft im Laufe der Mittheilung an seinem stürmisch pochenden Herzen zu sehen; entzückt durch die Hoffnung, sich bald zur letzten Stufe seines heiß ersehnten Ziels aufzuschwingen, sank er durch den Redeschluß voll Keuschheit und Tugend, den der Leichtgläubige für baare Münze nahm, aus seinem geträumten Himmel recht unsanft zur kalten Wirklichkeit herab. Doch tauchte in ihm die Hoffnung schnell auf, von der Zukunft, durch sein Geld, durch die Darbringung aller möglichen Opfer, durch kupplerische Gelegenheiten einer lange währenden Reise das zu erlangen, was ihm jetzt die Gegenwart mit den ersten Eindrücken des Abscheues gegen ihren Mann, mit dieser, vielleicht noch nie versuchten Anhänglichkeit an die Pflichten der ehelichen Treue und an die Macht des Zartgefühles ihm verweigere. Schnell besonnen verhieß er Wilhelminen die herzlichste Hilfe, bestimmte den Tag seiner Abreise mit ihr, und gelobte auf das Feierlichste, sie bis dahin so verborgen zu halten, daß ihr Aufenthalt in diesem Gasthause auch noch so spähenden Augen entgehe.
In Eile weckte er den Wirth, der, des Schuldenbuches wegen, dem reichen Weinhändler in allem auf das Eifrigste zu Gebote stand, und vertraute diesem geradezu, wie höchst unglücklich die edle, tugendhafte Frau Eckold sei, wie fest er beschlossen habe, sie zu retten, und wie er nun verlange, daß sie bis zu seiner Abreise höchst verborgen in diesem Hause leben könne.
Der Wirth, ein durchtriebener Schelm, der Frau Eckold genau kannte und bei dem Lobe ihrer Tugenden beinahe in lautes Lachen ausgebrochen wäre, war gleich entschlossen, den Irrwahn und die tolle Leidenschaft seines großmüthigen Gläubigers zu irgend einem Vortheil zu benutzen, zerfloß beinahe in Thränen über die Leiden der keuschen Dulderin, und eilte mit dem Weinhändler und Wilhelminen in aller Stille nach seinem Hinterhause, wo er im dritten Geschosse ein freundliches Zimmerchen öffnete, und auf das Heiligste versicherte, Wilhelmine werde hier, wenn sie sich nicht am Fenster zeige, Jahre lang unentdeckt wohnen können, da Niemand, als seine Frau, die verschwiegenste Seele, für ihre Bedürfnisse und ihre Bedienung sorgen werde.
Schon nach einer Stunde wußte Eckold den Augenblick der Abreise des Weinhändlers mit Wilhelminen, daß dieser seinen Einspänner selbst lenke, wohin die Reise gehe, und in welchem Orte das erste Nachtquartier gehalten werde. Wilhelmine hatte, als sie sich allein sah, diese Nachricht mit Bleistift in ihre Brieftasche geschrieben und diese Eckold zugeworfen, der, wie verabredet war, das Haus umschlich.
Kaum war der Tag, welchen der Weinhändler zu seiner Abreise festgesetzt hatte, mit seinem ersten Leuchten angebrochen, als der Einspänner den Gasthof zur Sonne verließ. Man sah nur den wohlbeleibten Weinhändler in der Chaise, da Wilhelmine, um den Glauben ihres Führers an die Gefahr einer Verfolgung noch mehr zu bestärken, sich unter das Spritzleder niedergekauert hatte. Rasch ging es außerhalb des Thores nun auf der guten Landstraße fort, und früher war der Gasthof, in welchem Mittagsruhe gehalten werden sollte, erreicht, als Wilhelmine im Stillen es wünschte, da ein Zettel, welchen sie in der Nacht vor der Abreise mittelst eines Bindfadens auf ein Zeichen ihres Mannes heraufgezogen hatte, ihr den Wald angab, in welchem der Weinhändler geplündert, und daher, nach Eckolds Verlangen, die Ankunft in diesem Walde bis zur eingebrochenen Nacht von ihr verzögert werden sollte. Dieses mußte geschehen. Schon war das Mittagsmahl eingenommen, das Pferd abgefüttert und dem Hausknechte vom Weinhändler der Befehl zum Einspannen gegeben, als Wilhelmine mit einem gebrochenen Schrei langsam vom Stuhle glitt. Man trug sie auf ein Bette, man schleppte in Hast alles herbei, was man zur Belebung der Ohnmächtigen aufbringen konnte. Der Weinhändler hätte in diesem Augenblick eine Hand voll Gold für die Hülfe eines Wundarztes gegeben. Wilhelmine war nach einer Stunde wieder aus ihrer Ohnmacht erwacht und zur Fortsetzung der Reise vollkommen hergestellt, als sie berechnet hatte, daß der Wald nach dieser Verzögerung nicht vor Einbruch der Nacht erreicht werden könne.
Von der schwülen Tageshitze und dem langen Wege ermattet, schleppte das Pferd langsam die Chaise dem Walde zu. Sanft schlummerte der Weinhändler, der, als Nachmittags nochmals angehalten wurde, im Entzücken über Wilhelminens zärtliche Freundlichkeit schon auf ein wonnevolle Zukunft dem alten Burgunder gar zu tüchtig zugesprochen hatte. Aber unsanft wurde er aus seinem süßen Schlummer geweckt und erstarrte vor Schrecken, als er sich von einem Manne mit schwarzgefärbtem Gesichte gewaltig ergriffen sah. Er wollte um Hülfe rufen, sogar eine Gegenwehr versuchen, aber Wilhelmine, gleichsam ihn schützend, oder aus der höchsten Furcht, hatte ihn mit beiden Armen kräftig umklammert, und ihr Gesicht so dicht an seinen Mund gelegt, daß er sich nicht zu bewegen und nicht zu schreien vermochte. Im Augenblicke waren von dem schwarzgefärbten Manne die Hände des machtlos sich Sträubenden fest zusammengeschnürt, und als Wilhelmine, wie aus einer Ohnmacht rasch aufschreckend, sich hastig aufrichtete, hatte ihm der Räuber mit gewandter Bewegung ein breites Tuch um den Mund geschlungen. Er wurde aus dem Wagen geschleppt, und Wilhelmine, ihre Rolle fortspielend, floh in die Gebüsche. Der Weinhändler lag im Graben und Eckold -- welcher Leser wird nicht gleich in ihm den Räuber vermuthet haben? -- nahm in Hast die wohlgefüllte Chatulle aus dem Kutschensitze, durchsuchte die Seitentaschen, und wollte eben den kleinen Koffer vom Packbrette losbrechen, als ein Schuß fiel und er im Arme verwundet wurde.
Eckold hatte, mit dem Straßenraube noch nicht ganz vertraut, beim Binden der Hände den Knoten nicht fest genug geschürzt. Es gelang dem Weinhändler, die Hände frei zu machen, und seiner Sackpistole sich zu bemächtigen. Unglücklicherweise war er kein geübter Schütze, und nur ein leichter Streifschuß erfolgte.
Eckold, wie er im Laufe seiner Untersuchung oft und auf das Feierlichste betheuerte, hatte bei diesem Straßenraube nicht die Absicht gehabt, den Weinhändler zu ermorden, sondern nur auszuplündern, dann festgebunden, mit verstopftem Munde tiefer in den Wald hinein zu schleppen und dort seinem Schicksale zu überlassen, das Pferd aber mit der Chaise auf entgegengesetzter Richtung in den Wald zu lenken, und in einem Dickicht niederzustechen. Bei aller Wahrscheinlichkeit, daß die Nacht, selbst der größte Theil des folgenden Tages hingegangen sein dürfte, bis der Weinhändler durch Köhler oder Harzsammler gefunden worden wäre, würde er der Gefahr, als Raubmörder entdeckt worden zu sein, durch gewonnenen Vorsprung entwichen sein.
Durch den Schuß war der Weinhändler rettungslos verloren, da er zugleich auch die Binde vom Munde gebracht hatte und nun aus Leibeskräften um Hülfe schrie. Diese Landstraße wurde immer stark begangen und befahren; Eckold war keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher. Nur ein rascher Mord konnte ihn jeder Gefahr entreißen. Schnell und mit aller Kraft stieß er sein scharfes Messer dem Weinhändler in die Kehle, in die Brust, warf die geraubten Sachen wieder in die Kutsche, und trieb das Pferd gerade in den Wald hinein, wo er, vom Mondlichte begünstigt, eine weite Strecke zwischen den Bäumen dahin fuhr und an einem dichten Gebüsche still hielt.
Jetzt erst dachte er an die Leiche, die, im Straßengraben liegend, leicht gesehen werden konnte. Er schlich sich zurück, hatte aber nicht die Kraft, den schweren Körper fortzubringen. Zu seiner Hülfe eilte Wilhelmine herbei, die im nächsten Gebüsche alles mit angesehen hatte. Nur mit aller Anstrengung vereinter Kräfte gelang es ihnen, die Leiche aus dem Graben zu bringen und in die Gesträuche zu schleppen. Eine volle Börse, Uhr und Kette von großem Werthe, ein kostbarer Brillantenring und ein reiches Taschenbuch war die Beute des Raubmörders, der die Leiche mit Moos, Reisig und Laub bedeckte und dann, von Wilhelminen gefolgt, der Chaise zueilte.
Von beiden wurde nun Rath gehalten, dessen Resultat war, das Pferd ein Paar Stunden ruhen zu lassen, dann einen fahrbaren, nach entgegengesetzter Richtung führenden Waldweg zu suchen und darauf fortzueilen, bis ein Ort erreicht werde, wo man Pferd und Chaise unter einem schicklichen Vorwande verkaufen, und von da mit Extrapost nach Baiern, vor der Hand dem ersten Reiseziele, so schnell als möglich sich begeben könne.
In den Taschen der Chaise fanden sich einige Flaschen Wein, auch Schinken und Brod. Eckold, mehr auf Labung des Pferdes denkend, um es wieder zur Eile antreiben zu können, als auf sich selbst, ließ von Wilhelminen ein großes Brod in kleine Stücke schneiden, und selbe dem hungrigen Pferde reichen, worauf er ihm eine ganze Flasche Wein eingoß; dann tränkte er es aus einer tiefen Pfütze, die in der Nähe war, und ließ sich nicht die Mühe gereuen, einen grasreichen Platz aufzusuchen, wohin er das Pferd führte, und es mit kurzgebundenen Beinen weiden ließ. Als er aus dieser Pfütze sich die schwarze Farbe vom Gesichte und das Blut von den Händen gewaschen hatte, trank und aß er mit Wilhelminen so fröhlich, als laste nicht das geringste Vergehen auf seiner Seele.
Die Uhr des ermordeten Weinhändlers zeigte die zweite Morgenstunde an, und die Reise wurde angetreten.
Nach vielen Schwierigkeiten, oft in Gefahr zwischen enge stehenden Bäumen, oder in aufstoßenden Dickichten nicht mehr fortzukommen, wurde mit anbrechendem Tage ein breiter, viel befahrner Waldweg gefunden und nach einigen Stunden ein einsam stehendes Gebäude erreicht, welches gegen Süden von prachtvollen Gärten umschlossen, gegen Norden von den Riesenbäumen eines weit auslaufenden Parks geschützt, das stattliche Aussehen eines sehr reichen Edelsitzes hatte. Es war das Jagdschloß des Herrn von Brand, der gerade am Schloßthore stand, als Eckold heranfuhr. Gleich hatte dieser die Frechheit, dem Edelmann Pferd und Wagen zum Kaufe anzubieten, wobei er die Nothwendigkeit, sehr eilig zu reisen, durch ein recht wohl ersonnenes Mährchen darthat. Mit wenigen Worten schloß Herr von Brand den Kauf und erfüllte auch die Bedingung, die Reisenden in seiner Kutsche und mit seinen Pferden auf die nächste Poststation zu schaffen.
Glücklich hatte Eckold Regensburg erreicht, wo er in der Rolle eines reichen Edelmanns aus Sachsen erschien, eine prachtvolle Wohnung miethete, einen Jäger und Koch, und Wilhelmine eine Kammerjungfer und zwei Stubenmädchen in Dienste nahm. --
Die Chatulle des ermordeten Weinhändlers enthielt in Gold die Summe von 11,000 fl., und noch eine größere die Brieftasche in Wechseln _au porteur_.
Aber diese bedeutende Summe war schon in dem kurzen Zeitraume von drei Jahren durch unsinnigen Aufwand bis auf einige hundert Gulden durchgebracht. Spurlos verschwand der sächsische Pseudo-Edelmann nächtlicher Weile aus Regensburg, aber noch fortlebend im süßen Andenken geprellter Gläubiger und seiner Dienerschaft, die den Lohn eines Jahres bei der reichen Herrschaft stehen hatte.
Von nun an, wie die Untersuchungsacten angeben, wurden Eckold und Wilhelmine zu den verworfensten Bösewichten. Sie betrogen und stahlen, wo sich Gelegenheit fand, einige Zeit ohne Gehilfen, traten dann in eine Bande und trieben Straßen- und Kirchenraub, Brandstiftungen und Mord.
Es wurde im Jahre 1708 zu Leipzig in der grünen Planke auf der Petersstraße ein gewaltsamer Einbruch und sehr bedeutender Raub begangen. Die Polizei durchsuchte alle Gasthöfe, und alle verdächtigen Häuser. In einem derselben fand man Eckold mit Wilhelminen. Sie hatten keinen Paß, konnten sich über einen stabilen Aufenthalt, über den Besitz rechtlicher Erwerbsmittel nicht im Geringsten ausweisen, wurden als verdächtig arretirt und in sehr strenge, abgesonderte Haft gebracht, da man bei Beiden Dietriche und Feilen fand. Durch einen Mitgefangenen wurde Eckold als Theilnehmer an diesem und andern Diebstählen angezeigt.
Eckold läugnete mit unerschütterlicher Festigkeit und gab nie die geringste Blöße. Der Schöppenstuhl zu Leipzig erkannte über ihn die Folter. Ohne die geringsten Merkmale eines Schmerzes erduldete er die härtesten Qualen. Er wurde für ein Jahr in das Zuchthaus verurtheilt und dort zu leichten Arbeiten verwendet. Schon nach einigen Tagen entsprang er beim Straßenkehren den Wächtern, fand in der Nähe von Eilenburg Wilhelminen, die bei seiner Ablieferung in das Zuchthaus auf freien Fuß gestellt worden, als Zuhälterin des Walachen Peters, eines höchst berüchtigten Räubers, ermordete diesen aus Eifersucht und mißhandelte Wilhelmine so unmenschlich, daß sie einige Tage darauf an den Folgen der Mißhandlung starb.
An der böhmischen Grenze wurde Eckold ein Mitglied der Bande des Lips Tullian und zeichnete sich durch alle jene furchtbaren Eigenschaften, mit welchen ein vollkommener Gauner, Räuber und Mörder ausgestattet sein soll, bald so sehr aus, daß ihn Tullian seiner innigsten Cameradschaft würdigte.
X.
Hans Wolf Heinrich Schöneck.
Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.
~Jean Paul.~
Es war im Winter des Jahres 1675, als mit einbrechender Nacht ein junges, kräftiges Weibsbild in die Zechstube des Gasthofes eines nahe bei Eisleben gelegenen Dorfes trat, eine große, wohlversiegelte Schachtel der Wirthin übergab und sie recht dringend bat, selbe gleich dem Dorfrichter zustellen zu lassen. -- „Diese Schachtel,“ -- sagte sie zur Wirthin -- „hat mir der Thorschreiber in Eisleben mitgegeben und so schnell als möglich an euern Dorfrichter abzugeben geboten. Ich selbst würde sie ihm recht gern übergeben und dürfte gewiß eines guten Trinkgeldes sicher sein, da, wie mich der Thorschreiber versicherte, in dieser Schachtel ein gar angenehmes Geschenk sich befinde; aber soeben fährt ein Fuhrmann hier durch, der mich nach meinem Orte mitnimmt, und diese gute Gelegenheit darf ich nicht versäumen!“ -- Kaum hatte die Wirthin die Schachtel übernommen, als das Weibsbild auch schon aus der Stube verschwunden war.
Mit freudiger Neugierde einem unerwarteten Geschenke entgegen sehend, öffnete der Dorfrichter die Schachtel. Ein allem Anscheine nach erst vor einigen Tagen geborenes Kind, in elende Lumpen gehüllt, vor Kälte fast erstarrt, war des Ueberraschten angenehmes Geschenk. Die Frau des Dorfrichters, bei vielen schlimmen Eigenschaften auch von einer wüthenden Eifersucht beherrscht, argwöhnte eine höchst frevelhafte Verletzung der ehelichen Treue, gab dem bis zur Knechtschaft an Unterwürfigkeit gewöhnten Ehemann eine tüchtige Ohrfeige und zugleich mit einem furchtbaren Blicke die strenge Weisung, den Bankert auf der Stelle aus dem Hause zu schaffen, außer dem das schlimmste Strafgericht erfolge. Schweigend und an unbedingten Gehorsam gewöhnt, schloß der Dorfrichter die Schachtel, nahm sie unter den Arm, warf den Mantel um und eilte aus dem Hause.
„Wohin mit dem Kind?“ -- fragte sich selbst der Richter vor der Thüre. Dem kinderlosen Wasenmeister es zu übergeben und heimlich alle halbe Jahre einige Thaler zur Beköstigung beizutragen, war der schnelle und glückliche Einfall, worüber er sich um so mehr freute, da dieses Kind gewiß ein unehliches, mithin, nach den Begriffen und Gebräuchen jener finstern Zeiten, der Aufnahme in irgend eine Innung nicht fähig, wohl aber zum künftigen Lehrling und Knecht eines Wasenmeisters ganz geeignet sei, da Leute dieses Standes, im Geiste der dort vorherrschenden Intoleranz und Befangenheit, auch als unehrlich angesehen und bei keinem Handwerke zugelassen wurden.
Willig nahm der gutherzige Wasenmeister den hülfelosen Wurm auf, und sein nicht so gutherziges Weib glättete schnell die gefurchte Stirne, als die Geldsüchtige von dem Dorfrichter einige Thaler und die feierliche Versicherung eines gleichen halbjährigen Zuschusses, wenigstens für die ersten Jahre, erhielt.
Als die Wasenmeisterin das Knäblein aus den zerlumpten Windeln nahm, fand sie einen am Halse des Kindes mit einem Bindfaden befestigten Zettel, worauf mit großen, schlecht geschriebenen Buchstaben stand: „Dieses Büblein ist getauft, und heißt Hans Wolf Heinrich Schöneck.“ -- Der Dorfrichter war außer sich vor Freude, als er diese Worte las. Nun hatte er einen gültigen Beweis seiner Unschuld an dem Dasein dieses Kindes. Ueber Hals und Kopf rannte er nach Hause, hörte, vielleicht zum ersten Male seit seiner Verheirathung, den Befehl zur schnellen Anzeige, wohin der Bankert gebracht sei, nicht mit gebührender Aufmerksamkeit an, und las die inhaltreichen Worte mit seinem kräftigen Basse so laut und so oft vor, daß er die gellende Stimme seiner zürnenden Ehehälfte überschrie und endlich den Sieg errang.
Außer ihm, seiner Ehefrau und den Wasenmeisterleuten wußte im Dorfe Niemand etwas von dieser erfreulichen Bescheerung. Die Dorfrichterin, bis zur Aufgeblasenheit stolz auf den guten Ruf und die Würde ihres Mannes, ging noch in dieser Nacht zu Wasenmeisters, trug ihnen das sorgsamste Stillschweigen, zugleich die Ersinnung einer glaubhaften Angabe über die Erscheinung des Kindes auf, und unterstützte ihr Anliegen mit einem großmüthigen Geschenke. Die Wasenmeisterin erklärte auf der Stelle, das Kind mit dem frühesten Morgen zu ihrer, vier Meilen von da verheiratheten Schwester tragen und es einige Monate dort lassen zu wollen, worauf dann die Schwester bei hellem Tage und mit großer Oeffentlichkeit das Kind hierher bringen sollte, als wäre es eines der ihrigen, um hier an Kindes Statt aufgenommen zu werden.
Schöneck wuchs auf, wie er aufwachsen konnte in jenen Zeiten, wo das Kind eines Wasenmeisters von dem Besuche der Schule, von der Erlernung einer Profession ausgeschlossen und von den meisten Menschen nicht des Umganges gewürdigt wurde. Was der alte Wasenmeister noch vom Lesen und Schreiben wußte, lernte Schöneck von ihm, und erhielt von der Pflegemutter einen höchst nothdürftigen, oberflächlichen Unterricht in der Religion. Zur Arbeit herangewachsen, hatte er den Wasenknecht zum Lehrer, und von diesem wilden, liederlichen Burschen in den Anfangsgründen der Unsittlichkeit und vieler verderblichen Laster eingeweihet, bildete er sich schon in früher Jugend zu dem vor, was er in der Folge ward.
Wie in andern Ländern, so herrschte auch in diesem ein alter, selbst jetzt noch auf vielen landesherrlichen und edelmännischen Besitzungen herrschender Gebrauch, daß der Wasenmeister die Jagdhunde der Herrschaft füttern und bei Treibjagden führen mußte. Bei solchen Jagden wurde Schöneck mit einem der Jäger des Gutsherrn bekannt und von diesem nicht, wie es sonst Sitte war, verächtlich, sondern vielmehr recht freundlich behandelt.
Der im Bewußtsein der Niedrigkeit und Ehrlosigkeit seines Gewerbes fast menschenscheue Schöneck fühlte sich durch des Jägers freundliches Benehmen geehrt und ermuthigt; er wußte sich kaum vor Freude zu fassen, als der Jäger Franz ihn eines Tages mit Flinte, Waidtasche, Pulver und Blei ausrüstete, in den Forst, auf die Felder mitnahm und dort in der Behandlung des Gewehres, im Laden und Schießen unterrichtete. Schöneck, ein flinker Bursche, war bald der beste Schütze in der ganzen Umgegend.
Der Jäger Franz machte Schöneck zum sichern Schützen und immer mehr zum kundigen Waidmann, um aus dessen Kunstfertigkeit für sich so manchen Vortheil zu ziehen. Ein Heuchler, ein frömmelnder, diensteifriger Mensch vor seiner Herrschaft, war Franz da, wo es so ziemlich unentdeckt sein konnte, ein Spieler, Trunkenbold und Wollüstling.
Der knappe Sold, das geringe Schußgeld reichten nicht hin für sein liederliches Leben; die Wilddieberei sollte ihm die Mittel zur Befriedigung seiner Lüste reichen. Darum bildete er Schöneck zum sichern Schützen, zum gewandten Waidmann, um an ihm einen tüchtigen Gehülfen bei der Wilddieberei und einen vertrauten Verkäufer des erlegten Wildes zu haben.
Drei Jahre hatte diese verbrecherische Freundschaft gewährt, und Schöneck von seinem Antheile an dem verkauften Wilde ein hübsches Sümmchen erübrigt, als er eines Tages, da er auf einem Weiler eine gefallene Kuh abholte, den eben vom herrschaftlichen Schlosse zurückgekehrten Bauer seinem Weibe erzählen hörte, daß an diesem Morgen der Jäger Franz auf einem Wilddiebstahle sei ertappt und gleich in Ketten gelegt worden; auch kenne man schon den saubern Patron, der Franzen Mithelfer bei seinen Wilddiebereien gewesen sei. Hier warf der Bauer einen durchbohrenden Blick auf Schöneck, der diesem zur Genüge sagte, wie es um ihn stehe. So schnell als möglich lud er die Kuh auf den Karren, und fuhr im scharfen Trabe der Meisterei zu.