Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Part 4

Chapter 43,543 wordsPublic domain

War Samuel auch ein roher, lasterhafter Mensch, so erwuchs in ihm doch gegen seine Mutter ein wirklich zärtliches Gefühl. Er schämte sich nicht ihrer Lumpen und ihrer durch Armuth und Kummer zerrütteten Gestalt. Mit Herzlichkeit reichte er ihr die Hand und drang in sie, sich an seinen Tisch zu setzen, damit er sie auf das Beste bewirthen, dann für bessere Kleidung sorgen und über ihre Unterkunft und künftige Ernährung mit ihr Rath halten könne. Das lehnte seine Mutter ab, die sich schämte, neben ihrem wohlgekleideten Sohne und seinen Zechgenossen in ihrem zerlumpten Anzuge Platz zu nehmen. Sie bat ihn um etwas Geld, um im nächsten Dorfe bei Schönfeld sich einige Tage bei einer Base aufhalten zu können, wo er sie heimlich besuchen und dann erfahren solle, was sie zur Begründung ihres künftigen Unterhalts bereits ausgedacht habe. Von dem Sohne reichlich beschenkt, eilte sie fort, kehrte aber schnell wieder zurück und bat ihn auf das Dringendste, gegen Jedermann ihr Dasein auf das Sorgfältigste zu verschweigen.

Als Samuel zu Hause angekommen, und Rechnung über Fracht und Ausgabe abgelegt war, ging er, unter dem Vorwande großer Müdigkeit, gleich nach Einbruch des Abends in seine Schlafkammer, stieg leise aus dem Fenster und lief dem Aufenthalte seiner Mutter zu.

„Lieber Samuel,“ -- sprach diese zum Eintretenden, und reichte ihm ein volles Glas Branntwein -- „ich habe ein Plänchen gemacht, durch dessen glückliche Ausführung mein Lebensunterhalt geborgen sein wird. Läuft auch etwas Schelmerei dabei mit, so bin ich nicht so einfältig, Gewissensbisse darüber zu befürchten; der alte Schickel hat Geld, ich aber keines, und noch dazu die trostreiche Aussicht, verhungern zu müssen, da ich zu schwerer Arbeit weder Kräfte noch Lust habe. Höre nun, was ich erdachte.“

„Schickel ist Dein Vater nicht, ungeachtet er in jener Zeit mit mir im Geheimen eine vertraute Bekanntschaft hatte, und wir uns gerade nicht Zwang anthaten. Aber jetzt soll er Dein leiblicher Vater werden, wenigstens im Wahne. Du besorgst, daß Schickel morgen Nachmittags hierher gehe. An einem klugen Vorwande, ihn zu diesem Gange zu bewegen, ohne daß er meine Nähe ahnet, wird es Dir nicht mangeln. Im Erlengebüsche am Mühlteiche lauere ich auf ihn, komme dann hervor und erkläre ihm mit aller Festigkeit, daß er Dein Vater und dadurch verbunden ist, sich mit mir abzufinden, außerdem ich geradezu die ganze Geschichte seinem Weibe entdecke und gegen ihn bei Gericht Klage führe. Ich kenne die Eifersucht seines Weibes und dessen Bosheit, Zanksucht und Unversöhnlichkeit. Es leben zwar beide, wie ich von der Base hörte, jetzt recht friedlich, aber der häusliche Friede wird schnell zu Krieg und Feuer, wenn so eine Kindsgeschichte wie eine zündende Kugel ins Haus fällt. Schickel ist älter geworden, an eheliche Friedfertigkeit gewohnt, und giebt lieber das Letzte im Geheimen hin, um Ruhe im Hause und keine höhnische Nachrede von der Nachbarschaft zu haben.“

„Nun habe ich Dir vertrauet, wie ich für mich sorgen will. Dein Geschäft sei, mir den Alten in die Erlengebüsche zu schaffen. Jetzt wollen wir trinken und gegenseitig unsere Schicksale erzählen!“ --

So verderbt und liederlich Samuel war, so erröthete er doch oft bei den Erzählungen seiner Mutter, die, vom Branntwein erhitzt und von aller Schamhaftigkeit verlassen, dem eigenen Sohne ihre unzüchtigen Verirrungen, Betrügereien, Gaunerstreiche und Diebstähle mit der frechsten Offenherzigkeit unter ausgelassenem Gelächter erzählte.

Der Betrügerin gelang es wirklich, den alten Schickel durch die ihm angelogene Vaterschaft, durch die Drohung der Entdeckung und der Klage bei Gericht so einzuschüchtern, daß er ihr zum Unterhalte jährlich 60 Thaler zusicherte, wofür sie das tiefste Stillschweigen geloben mußte.

Zwei Meilen von Schönfeld hatte Samuels Mutter in einem abgelegenen Häuschen, das einer kinderlosen Wittwe gehörte, Wohnung genommen. Die Wittwe, alt und gebrechlich, überließ ihr die Benutzung des kleinen, aus einem Gemüse- und Obstgarten, aus einem Krautfelde und zwei Aeckern bestehenden Grundstücks, wobei sich ein Paar Kühe und einige Schafe befanden, gegen die Verbindlichkeit, sie zu ernähren und bei eintretender Krankheit zu pflegen. Katharina hatte nun ihr gutes Auskommen, und das sonst so stille Häuschen wurde bald der Tummelplatz der Ausgelassenheit und der Schwelgereien, da Samuel in jeder Woche dort ein Paar Nächte zubrachte, stets begleitet von einigen liederlichen Dirnen und Cameraden, wo nun von dem Gelde, daß er durch Betrug gewann oder seinen Pflegeeltern abstahl, auf zügellose Weise geschwelgt wurde.

Jetzt starb Samuels Pflegemutter und der alte Schickel übergab Samuel seine ganze Wirthschaft, mit Vorbehalt einiger Grundstücke, die er verpachtete, und den Pachtschilling zu seinem Lebensunterhalte verwendete. Katharina, Samuels Mutter, wußte Schickel so zu kirren, daß sie ihn bewog, ihr die Geschäfte seiner Wirthschafterin zu übertragen. Sie zog in sein Haus, und bald wetteiferten Mutter und Sohn, sich in dem zügellosesten Treiben, in Völlerei und Arbeitsscheu zu überbieten. Der alte Schickel, dem es gar zu bunt wurde, und der, sonst ein ziemlich heilloser Patron, sich seit einigen Jahren an Ordnung und Wirklichkeit gewöhnt hatte, verwies anfangs zur Arbeitsamkeit und zu einem genügsamen, ehrbaren Leben. Seine Ermahnungen, seine Bitten wurden verhöhnt, die Wiederholungen mit den rohesten Beschimpfungen, sogar von Samuel, in Folge einer Aufreizung von seiner Mutter, mit grausamen Schlägen erwiedert, und Schickel, zuerst aus Aerger, dann immer eifriger aus überwiegender Neigung, nahm seine Zuflucht zur Branntweinflasche und trank sich nach einem Jahre in das Grab.

Samuel brauchte eine Hausfrau, aber auch das ärmste Mädchen versagte dem allgemein Verrufenen ihre Hand. Knechte und Mägde, in deren Innerem nur noch ein Funke von Zucht, Arbeitsliebe, Ehrbarkeit und Gottesfurcht glomm, gingen aus dem Dienste, und bald bestand Samuels Gesinde aus dem Auswurfe der dienenden Classe.

Es konnte nicht anders geschehen, als daß bei solcher Bewirthschaftung des Hauswesens und der Felder, bei solch einem schwelgerischen Leben die Schulden sich so häuften, daß von den Gerichten eingeschritten und das ganze Grundstück mit Einrichtung, Vieh und Fahrniß verkauft wurde.

Am Abende vor der Uebergabe des Grundstücks an den neuen Besitzer saß Samuel mit seiner Mutter, nun die einzigen Bewohner des beinahe leeren Hauses, bei der Branntweinflasche und zechten bis tief in die Nacht hinein, während sie immer in die heftigsten Verwünschungen sich ergossen, aber nicht über ihr höchst liederliches Leben, über ihre gar zu liederliche Wirthschaft, ihre unsinnige Verschwendung, sondern über das Gericht, von dem das Grundstück verkauft worden, und über die Leute, die es erkauft hatten.

„Was Teufel,“ -- lallte die trunkene Furie und stieß das geleerte Glas mit Heftigkeit auf den Tisch, -- „wir, die rechtmäßigen Besitzer, sollen dieses bequeme Haus mit seinen schönen Stuben, Kammern und Stallungen räumen und so einem fremden Gesindel Platz machen? -- Komm, Samuel, wir packen das Bischen, das uns die verdammte Justiz noch übrig gelassen hat, in ein paar Säcke und ziehen jetzt ab. Damit wir aber bei unserer nächtlichen Wanderung in dieser Dunkelheit nicht über Stock und Steine fallen, so werde ich ein Lichtchen anzünden, an dem man sich noch einige Tage hindurch wärmen kann. Ist hier unseres Bleibens nicht mehr, so soll es auch für Andere nicht wohnlich sein. Auf, Samuel!“ --

Um das gehörig aufzufassen, was das entsetzliche Weib thun wollte, hatte sich Samuel schon zu sehr um seine Sinne getrunken. Mit geschäftiger Hand packte Catharina die armseligen Reste des frühern Ueberflusses in zwei Säcke, und Samuel, dem sie zu seiner Ermunterung ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet hatte, hockte die Säcke auf und taumelte zum Hause hinaus.

Schon war er eine Strecke gegangen, als er seine Mutter vermißte. Er wandte sich zurück, da sah er am Scheuerdache ein Flämmchen aufschlagen; das Flämmchen wurde zur Flamme, zum prasselnden Feuer. Mit unwillkürlichem Schauder blickte der Ernüchterte auf das lichterloh brennende Haus hin. -- „Hilfe! um Gotteswillen Hilfe!“ tönte ihm das gellende Gekreisch seiner Mutter entgegen, die am Fenster des obern Geschosses die Hände nach ihm ausstreckte. Samuel warf die Säcke ab und stürzte dem Hause zu. In vollen Flammen stand die Treppe; nur ein Sprung aus dem Fenster konnte die Mutter retten. Er rief ihr zu, es zu thun; sie hatte nicht den Muth dazu, bis die Flamme die Stube ergriff. Jetzt wagte sie den Sprung. Ihre Stunde hatte geschlagen. Mit zerschmettertem Kopfe röchelte die Mordbrennerin zu ihres Sohnes Füßen das verbrecherische Leben aus.

Wie von allen Geistern der Hölle verfolgt, floh Samuel über Felder, Wiesen, durch Sümpfe dahin, bis er ohne Bewußtsein niederstürzte.

Von einer kräftigen Faust zum Leben aufgerüttelt, sah sich Samuel in einer ganz unbekannten Gegend und einem Manne gegenüber, dessen geschwärzte Gestalt und der schwere Hebebaum auf den breiten Schultern ihm den Kohlenbrenner verkündigten. Als Samuel sich mit Mühe gesammelt hatte, folgte er dem Köhler, der, ohne nach seinen Verhältnissen zu fragen, ihn zu einem Morgenimbiß in seine nahe Hütte einlud.

Auf dem Wege dahin überzeugte sich Samuel, daß er in seinem überreizten Gemüthszustande einen Weg von mehreren Meilen zurückgelegt haben müsse, da der Köhler und sein Weib von einem Orte, der Schönfeld heiße, nicht das Mindeste wußten.

Kaum hatte Samuel einige Bissen genossen, als er sich so ermattet fühlte, daß er vom Stuhle sank. Der Köhler und sein Weib schleppten ihn nach einer Kammer auf eine Strohschütte, wo er schon nach einigen Augenblicken im tiefen Schlafe lag. Es war schon Nacht, als er erwachte. Aus der Tiefe scholl ihm Gemurmel und Gläsergeklirre dumpf entgegen. Neugierig, was da unter ihm vorgehe, kroch er in der Kammer umher, hörte in einer Ecke das Geräusch aus der Tiefe viel deutlicher und fand nach sorgfältigem Suchen in der Bodendiele einen beweglichen Pflock. Leise zog er diesen in die Höhe, ein Lichtstrahl drang ihm entgegen, und er sah durch die Oeffnung an einem Tische seinen Hauswirth mit fünf Männern und drei Weibspersonen essen und zechen. Das Aussehen der Männer, die schamlose Kleidung, die frechen Gebehrden der Dirnen, da und dort aufgehangene Waffen und zwei große Fanghunde, die an den zugeworfenen Knochen nagten, überzeugten ihn auf den ersten Blick, daß dieses unterirdische Gemach die Zechbude einer Räuberbande sei.

Jedes Wort vernahm er nun deutlich, und das Blut stockte ihm in den Adern, als er den Köhler zu seiner Genossenschaft sagen hörte: „Es bleibt also dabei, daß wir den fremden Kerl todtschlagen. Ohne Zweifel ist er ein Fleischmann[7], deren jetzt viele zum Verderben der tuften Tschoren[8] umherlauern. Entrinnen kann er nicht, also frisch hinauf und den Hund todtgeschlagen, so haben wir nichts mehr zu befürchten!“

[7] Spion der Gerichte.

[8] Wackeren Diebe.

Der Schrecken, die Angst schufen in Samuel einen raschen Entschluß. -- „Was nützt Euch mein Tod?“ -- rief er durch die Oeffnung der Gesellschaft zu -- „während Ihr von meinem Leben gewiß Vortheil ziehen könnt. Nehmt mich in Eure Kameradschaft auf, und Ihr sollt es nie bereuen, mich zu Eurem Gefährten gemacht zu haben!“ --

Ueberrascht blickten alle nach Oben. Sie flüsterten zusammen. Der Köhler holte Samuel in die Versammlung. Er schwur den Eid der Treue und ward ein Mitglied der Räuberbande.

Als diese nach einem Jahre bis auf ihn und den Köhler ergriffen wurden, machte er mit diesem jenseits der Grenze gemeinschaftliche Sache, stahl, raubte, brannte und mordete und erschlug den Köhler in einem Streite über die Theilung geraubter Waaren.

Den Beinamen: „Brettbauer“ erhielt er, weil er in Böhmen einen Bauer, der ihm bei einem Einbruche mit einem Beile eine tiefe Kopfwunde schlug, an Händen und Füßen an ein Brett genagelt und in der Moldau ersäuft hatte.

IX.

Christian Eckold, der schöne Böttiger.

Die Damen mit ihrem Doppelgesicht, Halb Höll’, halb Himmel, ein Ganzes nur nicht, Sie gruben künstlich vom Körper aus Den Geist aus seinen Wurzeln heraus.

~J. G. Seidl.~

Schon in seinem zehnten Lebensjahre elternlos, wurde Eckold von einem Verwandten, dem Böttiger Lohr, an Kindesstatt angenommen, sehr christlich erzogen, in der Profession des Pflegevaters unterrichtet und zum künftigen Erben bestimmt. Eckold gab die besten Hoffnungen, lernte fleißig und führte ein unbescholtenes Leben. Als Lohr durch einen furchtbaren Brand sein Haus verlor, und, von einem stürzenden Balken tödlich verwundet, bald nach dem Brande starb, verkaufte Eckold, der noch in den letzten Lebensstunden seines Pflegevaters von ihm zum alleinigen Erben durch eine gerichtliche Handlung ernannt wurde, die Brandstätte, behielt sich die auf ihn übergetragene Gewerbs-Ausübung vor, versteuerte sie gleich auf mehrere Jahre und trat die Wanderschaft an.

Von dieser zurückgekehrt, begann er gleich sein Gewerbe auszuüben und gewann durch Fleiß und Redlichkeit schon in wenigen Jahren so viel, daß er, ohne Geld aufborgen zu müssen, ein recht geräumiges Haus kaufen konnte. --

Eine alte Base von ihm, die ein kleines Vermögen besaß, hatte bisher seine Wirthschaft geführt. Nun aber fühlte Eckold von Tage zu Tage immer mehr die Wahrheit des Spruches, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist.

Ohne seinen Entschluß, sich zu verehelichen, laut werden zu lassen, spähete er mit forschenden Blicken unter den Schönen seines Geburtsortes umher.

Ueberall fiel sein Auge auf freundlich ihm zulächelnde Gesichter; er hätte nur wählen dürfen, und selbst der stolzeste und angesehenste Familienvater im ganzen Flecken würde dem schönen Böttiger -- so nannte man ihn seiner ausgezeichneten männlichen Schönheit wegen -- nicht die Hand der Tochter verweigert haben, da Eckold bei seinem ausgebreiteten Gewerbe, seiner rastlosen Thätigkeit und seinem untadelhaften Wandel, im schönen Vereine mit einem sehr liebenswürdigen Benehmen, aller Herzen gewonnen hatte.

Schon schwankte er zwischen zwei schönen und reichen Mädchen, als ein Augenblick eintrat, der sein Herz mit aller Macht der Liebe erfüllte und ihn jene Beiden vergessen ließ.

Es war an einem recht angenehmen Abend, als der junge Drechslermeister Blank, Eckolds einziger Freund, ihn abholte, um im Wirthshause eines nahe liegenden Dörfchens sich bei einem Glase Bier und unter traulichem Geplauder von der harten Tagesarbeit zu erholen. In die Nähe des Dörfchens gekommen, hörten sie jammernde Stimmen und sahen viele Leute vom Felde hinweg der Landstraße zueilen. Auch sie eilten dahin und fanden eine umgestürzte Kutsche, aus der man soeben eine jämmerlich schreiende Frau hervorzog, mit welcher sich besonders ein schlankes, hochgestaltetes Mädchen sehr eifrig beschäftigte. Die Frau hatte durch den gewaltsamen Sturz des Wagens den Arm gebrochen, auch mochte sie sich sonst sehr schwer verletzt haben, denn sie erbleichte plötzlich und schien eine Leiche zu sein. Trostlos, die Hände ringend, lag das Mädchen auf ihren Knieen und beträufelte die Ohnmächtige mit den Thränen ihres heißen Schmerzes. Gaffend standen die Landleute umher und murmelten unter einander.

„Bringt doch schnell eine Trage herbei mit einem Bette!“ sagte Eckold zu einem der Umstehenden und drückte ihm Geld in die Hand. Auf der Stelle lief dieser mit einigen in’s Dorf und kehrte bald mit einer hochbepolsterten Trage zurück. Unterdessen hatte Eckold aus dem nahen Bache seinen Hut mit Wasser gefüllt und das Gesicht der Bewußtlosen damit sanft gewaschen, wobei ihm das Mädchen mit zärtlichem Eifer Hilfe leistete. Behutsam wurde die nun wieder hochathmende und aufblickende Frau von Eckold und seinem Freunde auf die Trage gehoben und in das Wirthshaus geschafft, wohin auch die von den Landleuten emporgerichtete Kutsche folgte. Auf Eckolds Zureden bespannte der Wirth seinen Korbwagen und fuhr im raschen Trabe nach dem Flecken, um den dortigen Wundarzt zu holen.

Jetzt, als die Kranke in dem reinlichen, freundlichen Oberstübchen des Gasthauses auf ein weiches Bett gebracht war und gleich zu schlummern anfing, jetzt erst betrachtete Eckold das Mädchen. Er konnte sich nicht erklären, wie er bisher dieses reizende Wesen übersah. Solch ein jugendlich blühendes Gesicht mit dem süßesten Liebreize, solche herrliche Formen hatte er noch nie gesehen. Der Funke eines ihm bisher unbekannten Gefühles tauchte in seinem bewegten Innern auf, und dieser Funke wurde immer mehr zur süß belebenden Flamme. Er mußte sich Gewalt anthun, das Stübchen zu verlassen, als jetzt das Mädchen ihm mit wenigen aber innigen Worten für den geleisteten Liebesdienst dankte und durch eine Verneigung und ein schweigendes Hinblicken auf die Schlummernde die Bitte, allein gelassen zu werden, zart andeutete.

In der Bohnenlaube des lieblichen Blumengartens, seinem Lieblingsplatze, saß Eckold seinem Freunde Blank gegenüber in tiefem Sinnen, nur des Mädchens holde Gestalt vor seinen trunkenen Blicken, noch immer lauschend nach den verklungenen Tönen der Silberstimme. Die Wirthin kam mit Erfrischungen und Eckold erwachte aus seinen Träumen, denn die redselige Frau war gleich nach den ersten Begrüßungen bei der Fremden und ihrer Tochter. Mit geläufiger Zunge erzählte sie, daß die Fremde, wie soeben der Kutscher ihr vertrauet habe, die Wittwe eines vor Kurzem an der böhmischen Grenze verstorbenen Försters sei, sich nun nach Preußen, ihrem Vaterlande, begebe, und während der Reise recht schmerzlich über ihre Lage geklagt habe, da sie durch die lange Krankheit ihres Gatten um all ihr Erspartes gekommen und bei so geringer Pension dem bittersten Elende ausgesetzt sei, wenn es ihr nicht gelänge, einen reichen Anverwandten, den ihr Gatte durch seine Heftigkeit auf das Tiefste gekränkt hatte, wieder zu versöhnen und von ihm unterstützt zu werden.

Bis tief in die Nacht hinein, was bei Eckolds geregelter Lebensweise fast nie geschah, blieb er in der Laube, voll Verlangen, das reizende Mädchen nochmals zu sehen und zu sprechen. Unerfüllten Verlangens und in recht wehmüthiger Stimmung kehrte er mit Blank wieder zurück, denn die Wirthin hatte ihm mit großer Betrübniß gesagt, daß die arme Frau in sehr gefährlichem Zustande sich befinde, da nach des Wundarztes Versicherung nicht nur der Arm gebrochen, sondern auch ein innerer, sehr edler Theil verletzt sei. --

Noch vor Anbruch des Tages hatte die Försterin in einem Blutsturze ihr Leben ausgeströmt.

Wilhelmine Bornfeld -- so hieß die Försterstochter -- war nach drei Monaten die Ehefrau des Böttigermeisters Eckold, der in dem ersten halben Jahre seiner Ehe einen Engel zu umfassen glaubte, aber dann von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag immer mehr zur qualvollen Ueberzeugung kam, in diesem geträumten Engel einen sehr gefallenen an seiner Seite zu sehen. Nachlässigkeit im Hauswesen, Abscheu vor Arbeit, Putzsucht, Eitelkeit, unbezähmbarer Widerspruch, wochenlanges Maulen und unersättliche Sinnlichkeit waren die beglückenden Eigenschaften, welche allmälig wie die üppigen Blumenblätter einer giftigen Pflanze vor den Blicken des schrecklich Getäuschten sich entfalteten.

Nach drei Jahren einer Ehe, die auf Eckolds Moralität den allerverderblichsten Einfluß hatte, da er, überzeugt von der Unmöglichkeit der Besserung seiner Frau, die Lust zur Arbeit, die Liebe zur Ordnung, zu einem nüchternen, pflichtgetreuen Leben immer mehr verlor, den nagenden Gram meistens in hitzigen Getränken ersäufte, in der Trunkenheit mit liederlichen Dirnen ganze Nächte verschwelgte, oder in Spielhäusern geplündert wurde, hatte Eckold durch seine zerrüttete Hauswirthschaft solch eine Masse von Schulden aufgehäuft, daß er sein schönes Haus verkaufen mußte, nach Bezahlung seiner Schulden nicht mehr als 460 Gulden übrig hatte und voraussehen konnte, bald den Bettelstab ergreifen zu müssen, da er alle seine Kunden verloren, auch aus schon zu liebgewonnener Liederlichkeit gar nicht mehr Lust und Kraft hatte, sich durch erneuerte Arbeitsliebe und Moralität die Achtung, das Wohlwollen seiner Mitbürger wieder zu erwerben und den Aufschwung seines Gewerbes dadurch herbeizuführen.

Mit tiefem Abscheu hatte Eckold, als seine Frau ihre mit seiner Gewandtheit so vielfach umschleierten Neigungen und Laster zu enthüllen begann, sich anfangs von ihr abgewandt. Verachtung und Haß waren die Gefühle, von denen er gegen die liederliche Gattin beherrscht wurde. Jetzt, selbst abgewichen von der Bahn des Guten, aus einem arbeitsamen, redlichen, tugendhaften, religiösen Manne ein Faulenzer, Säufer, Wollüstling, Schwelger und Betrüger geworden, kehrte er mit erneuerter Leidenschaft, mit aller heißen Lust wilder Begierde zur Gleichgesinnten zurück. Der Giftbaum, auf Wilhelminens fruchtbarem Boden üppig emporgewachsen, hatte seine wurzelnden Zweige in des Gatten empfängliche Seele gesenkt, aus welcher immer kräftiger die verschwisterte Giftpflanze emporstieg, um gleiche Früchte zur Reife zu bringen. Durch Wilhelminens Unterricht und Anreizungen war Eckold so tief gesunken, daß er sogar anfing, zum Diebe zu werden. Ein silberner Löffel, von ihm in einem Weinhause gestohlen, wo er nach langer Zeit wieder einmal, des Scheines und des öffentlichen Geredes über sein Müssiggehen wegen, eine Arbeit vornahm, war das Probestück des angehenden Gauners, und auf einem Jahrmarkte in einem nicht fernen Städtchen hatte er durch Entwendung mehrerer Sachen von Werth sich schon als einen sehr gewandten Schockgänger[9] beurkundet. Sonst im Spiele betrogen, wurde nun er der Betrüger. Ein höchst fertiger Falschspieler, in frühern Zeiten von Eckold mit der tiefsten Verachtung vermieden, jetzt sein trauter Herzensfreund, gab ihm sehr eifrigen Unterricht, wie man Karten und Würfel mit Vortheil zu behandeln habe; der gelehrige Schüler betrog bald den wohlerfahrenen Lehrer.

[9] Budendieb.

Die kleinern und auch schon größern Diebstähle, mit der größten Schlauheit und an fern gelegenen Orten ausgeführt, auch der Gewinn im falschen Spiele mit Karten und Würfeln hätten zu Eckolds und seiner Frau Ernährung, wie auch zur Bestreitung sonstiger Ausgaben zur Genüge hingereicht, wären nicht Ausschweifungen und Völlerei die Götzen gewesen, denen sie mit Leidenschaft huldigten. So kam es, daß auch die 460 Gulden, jener armselige Rest einer bedeutenden Habe, schon nach einigen Monaten beinahe bis auf den letzten Thaler vergeudet waren.

Gerade in dieser Zeit des höchsten Mangels der Eckold’schen Eheleute fiel die Ankunft eines Weinhändlers, der in dem Gasthause zur Sonne, das Eckolds Wohnung gegenüber lag, ein Zimmer bezog. Wilhelmine war wirklich noch so reizend, daß sie selbst in der kältesten Menschenbrust eine Neigung zu entflammen vermochte, besonders da sie mit ihrer seltenen Schönheit einen höchst gebildeten Anstand und bezaubernde Liebenswürdigkeit -- wenn sie liebenswürdig sein wollte -- sehr glücklich vereinte. Der Weinhändler, ein Graukopf, aber ein höchst sinnlicher Mensch, hatte Wilhelmine kaum am Fenster gesehen, als er gleich alles aufbot, die nähere Bekanntschaft dieser so schönen Frau zu machen. Das ganze Versetzstück, wo dort die Sinnlichkeit, hier die Geldgierde in den mannigfaltigsten Verwebungen nach ihrem Ziele strebten, leitete Eckold, der auf die unbefangenste Weise, und als wäre er ganz blind bei des Weinhändlers auffallenden Bewerbungen um die Gunst seiner Frau, die Freundschaft des Sinnetrunkenen bald gewonnen hatte. Der Weinhändler besaß viel baares Geld, und Eckold dachte nun an nichts mehr, als wie er die Goldstücke seines Freundes sich anzueignen vermöge.