Part 3
Gleichzeitig vertheilte er, während der übrige Truppenkörper die Füße bewegte, als ob er sich in Marsch gesetzt hätte, seine besten Schützen in die äußersten Vertiefungen des Felsens, und ließ Leitern herbeibringen, um sie über den Abgrund zu legen. Nach diesen Vorbereitungen ließ der Oberst plötzlich einige Feuertöpfe nach dem Vorsprunge jenseits des Abgrunds werfen, deren rothes Licht wie die Flamme des Vulkans den Theil der Höhle, wo die Räuber auf dem Vorsprung und in den Nischen versteckt waren, grell erhellte und den Soldaten ihre Feinde sichtbar machte.
Nun fielen hundert Schüsse auf einmal, und man sah fast sämmtliche Räuber, durch das plötzliche Licht geblendet und nun ihrerseits von unsichtbaren Feinden niedergeschmettert, wie Figuren bei einem Festschießen zu Boden stürzen. Nach einigen wenigen Salven war der Kampf zu Ende. Jedoch gelang es den noch am Leben gebliebenen Räubern zu entfliehen. Die meisten davon waren jedoch auf dem Platze todt geblieben.
Nachdem der letzte Schuß gefallen war, sammelten sich die Soldaten wieder; da zeigte sich erst, wie schrecklich ihre Reihen gelichtet waren. Sodann durchsuchten sie die Höhle auf’s genaueste. Am äußersten Ende derselben angekommen, prallte der Oberst, welcher mit mehreren Offizieren voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurück. Ein grausenerregendes Schauspiel bot sich seinen Blicken dar, vor welchem auch seine Mannschaft, stumm vor Schmerz und Wuth, zurückschauderte.
An der ganz von Blut gerötheten Felswand standen 40 Körper und eine gleiche Anzahl abgeschlagener Köpfe nach der Ordnung aufgestellt. Es waren dies die Leichname der wackern Soldaten des 65. Regiments, welche vor drei Wochen in die Höhle einzudringen versucht hatten, und denen von den Räubern die Köpfe abgeschnitten worden waren, sobald sie an das Ende des engen Ganges kamen.
Die zwölf gefangenen Räuber büßten nach nicht ganz drei Monaten auf dem Marktplatze der Stadt ihr Verbrechen auf dem Schaffot.
VI.
Lips Tullians Flucht und Rettung.
Beim Himmel, Herr! Sie setzen scharf euch nach, Durchsuchen jeden Busch ringsum im Thale; Ihr seid geächtet, vogelfrei erklärt, Preise stehen Auf eurem Haupt, gar hohe Preise, Herr!
~Friedrich Halm.~
Aus vielen Wunden blutend, erreichte Lips Tullian die Hütte eines Köhlers, der unter die Vertrauten der Bande gehörte und in der Nähe seines armseligen Häuschens einen sichern Versteck für umherstreifende oder verfolgte Räuber hatte, auch von der Bande zu Zeiten Geld erhielt, um für Zusprüche mit Lebensmitteln versehen zu sein. Der Köhler kannte heilsame Pflanzen, die er für des Verwundeten Wunden schnell herbeischaffte. Durch diese und sorgliche Pflege hatte er ihn schon nach einigen Tagen hergestellt.
Die Räuber hatten einen versteckten Ort mehrere Meilen von der bisher bewohnten Räuberhöhle zu ihrem Sammelplatze bestimmt. Er beschloß nun nach seiner Genesung, in der Nacht und auf den abgelegensten Wegen zu den Seinigen zurückzukehren. In einem zerrissenen Anzuge des Köhlers, Gesicht und Hände geschwärzt, eine Axt auf der Schulter, wollte er so eben seinen Versteck verlassen, als der Köhler mit lautem Wehklagen zu ihm hereinstürzte, gefolgt von seinem jammernden Weibe, das unter lautem Weinen erzählte, sie sei diesen Abend in Fichtenberg gewesen, habe dort von ihrer Base gehört, daß der neue Aufenthalt der Räuber im Forste Wildenfels von gefangenen Räubern sei verrathen, und beinahe die noch übrige ganze Bande von dem Trebnitzer Amte dort aufgegriffen worden.
„Ich wollte anfangs diese schreckliche Kunde nicht glauben,“ -- schloß die Köhlerin ihre höchst fatale Nachricht -- „konnte aber nicht lange an der Wahrheit dieser Kunde zweifeln, da, während wir noch sprachen, vier Leiterwagen durchs Dorf fuhren, und ich auf selben den schwarzen Wenzel, den langen Haneder, den Pferdbuben, Trolls Gustel und ihre Schwester erkannte. Hände und Füße der Gefangenen waren mit schweren Ketten belegt, und viele Soldaten, Gerichtsdiener mit großen Hunden, einige Jäger zu Pferde und Bauern mit Flinten, Mistgabeln und Knitteln umgaben die Wagen. Ich bitte Euch um alles, ungesäumt zu entfliehen, denn es sagen die Leute mit Bestimmtheit, daß in der ganzen Gegend die strengsten Nachforschungen vorgenommen werden.“ --
Lips Tullian war gleich entschlossen. Er wusch sich Gesicht und Hände, zog seine Kleidung wieder an, steckte die Doppelpistolen zu sich, hing seinen kurzen, scharfen Säbel um und hüllte sich in den weiten, feinen Mantel, den er auf dem Pferde des Jägers gefunden hatte. Er war zur Abreise gerüstet.
Der Köhler brachte ihm noch eine Zehrung in einer vollen Flasche Branntwein, Brod und Speck, überdieß einen Beutel mit 60 fl., welche er in jüngster Zeit zur Anschaffung von Lebensmitteln für einsprechende Kameraden aus den Zusammenschüssen der Bande erhalten hatte.
Daß der Köhler bei seiner Armuth und bei der Gewißheit von dem Unfalle der Bande diese Summe ausliefern wollte, ist ein Zug von Redlichkeit und Herzensgüte, der nur von einem tugendhaften Manne, aber nicht von einem Diebshehler hätte erwartet werden können. Lips Tullian trug noch die inhaltreiche Börse des Herrn von Liebenstein unangegriffen bei sich; er besaß eine nicht unbedeutende Summe von seinem Antheile an der jüngst geschehenen Beraubung eines sehr reichen Pächters, und war daher eher geneigt, dem armen Köhler zu geben, als von ihm zu nehmen. Unter den besten Wünschen dieser Leute verließ er gegen Mitternacht die Hütte.
Böhmen war das Land, wohin er eilte, anfangs aber nur in Nachtmärschen, und kaum von mehr als Quellwasser und Waldfrüchten lebend.
An der sächsisch-böhmischen Grenze trieben damals, wie ihm wohl bekannt war, mehrere verwegene Räuber ihr Wesen, es waren dies: ~Sarberg~, bekannt unter dem Namen der ~Studentenfritz~; ~Schickel~, der Brettbauer; ~Christian Eckhold~, der schöne Böttcher; ~Hans Wolf Schöneck~; ~Daniel Lehmann~ und der Kolmnitzer Schneider: ~Michael Hentzschel~. Diese raubten theils einzeln auf eigene Faust, theils in Verbindung mit einander; eine geschlossene Bande war es nicht. Diese aufzusuchen, war Lips Tullians Absicht, um sich diesen anzuschließen, sie zu vereinigen und sich aus diesen verwegenen Männern eine neue Räuberbande zu bilden.
Es dürfte daher wohl jetzt an der rechten Stelle sein, diese Leute etwas näher kennen zu lernen.
VII.
Sarberg,
genannt: =der Studentenfritz=.
Ein feindlich Schicksal stürmte durch mein Leben. Nein, nicht geboren ward ich, als ein Dieb In Waldesnacht mein Leben zu verdienen; Zu schönern Tagen zog das Glück mich auf, Und aufgezogen seiner Gunst vertrauend, Betrog es mich und ließ mich sinken.
~Th. Körner.~
In dem Dorfe Hündorf des Fürstenthums Sagan war Sarberg geboren. Sein Vater, herrschaftlicher Verwalter, und seine Mutter, aus einer angesehenen Familie stammend, genossen den allgemeinen Ruf eines unbescholtenen Wandels.
Unter der weisen Sorge und der zärtlichen Liebe seiner biedern Eltern erwachsend, die für die Erziehung ihres einzigen Sohnes das Beste thaten, verrieth Friedrich schon in der Blüthe des Jugendalters recht viele Fähigkeiten, aber auch viele Neigung zu einem schwärmenden Leben, dabei einen Muth und eine Beharrlichkeit von seltener Stärke.
Zur Nachfolge im Amte seines Vaters von den Eltern und dem gräflichen Gutsherrn bestimmt, wurde Sarberg in Allem, was er für seine künftige Bestimmung zu wissen nöthig hatte, sorglich unterrichtet. Aber schon als Knabe von zwölf Jahren erklärte er mit eisernem Trotze, sein Leben nicht hinter den Pflügen, auf dem Kornboden, bei der Viehmast verleiern, sondern als Soldat oder Seemann einst große Dinge leisten zu wollen. Dieser Erklärung setzte sein Vater, der mit leidenschaftlicher Vorliebe an der Landwirthschaft hing, und sie für den wichtigsten und edelsten Zweig an dem Riesenbaume des menschlichen Wirkens hielt, das freundlichste Zureden, die herzlichste Ermahnung entgegen; diese wurden zum strengen Ernst, zur harten Behandlung, zur Androhung der Enterbung und des Fluches, als Friedrich mit aller Kälte und Festigkeit versicherte, nicht von dem Willen seines Vaters, sondern nur von seinem eigenen sich für seinen Stand bestimmen zu lassen.
In früherer Zeit der Gegenstand der zärtlichsten Liebe seiner Eltern, jetzt mit Geringschätzung, oft mit der rauhesten Härte behandelt, wurde der sonst offene Friedrich ein listiger Heuchler. Er begann mit Thätigkeit sich der Landwirthschaft anzunehmen, bei jeder Gelegenheit den Unterricht seines Vaters, den Rath erfahrner Landwirthe einzuholen und alles aufzubieten, was seine, nun so plötzlich erwachte Neigung zum landwirthschaftlichen Wirken im hellleuchtenden Lichte darzustellen vermochte. Ueber diese Sinnesänderung ihres Sohnes waren Vater und Mutter entzückt, aber bald sollten sie enttäuscht werden.
Friedrich war klug genug, recht wohl einzusehen, daß er ein hübsches Sümmchen nöthig habe, um beim Militär oder auf einem Schiffe unterzukommen, ohne als ein geldloser Wicht gleich bei seinem Erscheinen hintenangesetzt zu werden. Durch Beharrlichkeit in seiner laut ausgesprochenen Abneigung gegen die Landwirthschaft war er von allen Mitteln entfernt, sich Geld zu verschaffen; dadurch, daß er den Wünschen seiner Eltern schmeichelte und ihrem Willen ganz zu genügen schien, öffneten sich ihm wieder deren Herzen und Börsen.
Aber er begnügte sich nicht, seine wackern Eltern durch Heuchelei zu täuschen, um aus ihrer Casse zu schöpfen, sondern war bald schlecht genug, durch heimlichen Verkauf von Holz aus den herrschaftlichen Wäldern, durch Betrügereien im Kornhandel und durch manchen andern ehrlosen Gelderwerb sich nach und nach eine bedeutende Summe zu ergaunern.
Gerade als seine Kasse in einem Zustande sich befand, der ihm die Mittel zur Erfüllung seiner geheimen Pläne gewährte, rückte ein Commando des österreichischen Dragonerregiments Mansfeld in Hündorf ein. Der commandirende Officier erhielt sein Quartier im Schlosse. Nun war Friedrich in seinem Elemente. Man fand ihn nur in den Ställen bei den schmucken Dragonerpferden, oder im Wirthshause unter den Reitern, die er schon als seine Kriegsgefährten betrachtete, ja sich schon im Schlachtgewühle in ihren Reihen, bald durch Belohnung seiner Tapferkeit an ihrer Spitze sah.
Der Wachtmeister des Commando, ein alter Kriegsmann, der dem Doppellümmel vorzüglich hold war, wurde von Friedrich zu seinem Vertrauten erwählt. Des Jünglings schöne, kräftige Gestalt, seine empfehlungsreiche Haltung, der Anstand und die Gewandtheit, womit er, ein von Jugend auf geübter Reiter, das wildeste Dragonerpferd tummelte, hatten das werblustige Gemüth des Wachtmeisters bald mit dem Wunsche erfüllt, solch einen herrlichen Rekruten in die Schwadron zu bekommen. Als ihm nun Friedrich vertraute, von dem heißesten Verlangen beherrscht zu sein, in die Reihen der Mansfeldischen Reiter zu treten, doch dieses nur heimlich geschehen könne, da sein Vater dazu nie seine Einwilligung geben werde; und wie nun Friedrich den Wachtmeister um guten Rath, um sein kräftiges Wirken zur Erfüllung so heißer Wünsche bat, und diese Bitte durch einige Goldstücke unterstützte, da versprach ihm dieser mit einem derben Fluche, alles anzuwenden, was solch ein schätzbares Verlangen nach dem Glücke, kaiserlicher Majestät zu dienen, zur Erfüllung bringen könne. Auf der Stelle ging der Wachtmeister zu seinem Offizier und vertraute diesem Friedrichs Wünsche, zugleich aber auch die Hindernisse von väterlicher Seite. Der Officier, ein kaltherziger, geldsüchtiger Patron, der, um seinen Säckel zu füllen, allen Eltern ihre Söhne entführt hätte, hörte kaum vom Wachtmeister, daß der junge Mensch Geld habe, als er Friedrich zu einer geheimen Unterredung in ein nahes Wäldchen beschied, das heiße Verlangen des Kriegslustigen noch mehr entflammte, dann plötzlich Berge von Hindernissen aufthürmte, aber diese gleich wieder in die lieblichste Ebene umwandelte, als Friedrich, den Geldsüchtigen durchschauend, ihm 50 Dukaten für die Einreihung in die Schwadron, jedoch auf sehr geheimen Wegen, pränumerirte. Der Officier gab sein Wort, ertheilte Friedrich den Rath, ein Geschäft aufzufinden, welches ihn einige Tage vor dem 27., wo die Schwadron wieder aus Hündorf abmarschire, vom väterlichen Hause entferne, und dann auf Seitenwegen voran zu eilen, so daß er in Frauenfeld, wo das Commando Rasttag halte, gleich bei selbem einrücken und mit abmarschiren könne.
Einige Tage vor dem Abmarsche der Dragoner gab Friedrich gegen seinen Vater vor, so eben von einem zuverlässigen Manne erfahren zu haben, daß in Liebrode -- er bezeichnete absichtlich einen, dem Marsche des Commandos in entgegengesetzter Richtung liegenden Ort -- eine bedeutende Anzahl spanischer Schafe verkauft werde, und ein sehr vortheilhaftes Geschäft zu erwarten sei, da der Gutsbesitzer, von seinen Gläubigern gedrängt, die Schafe um jeden Preis verkaufen müsse. Vater Sarberg, schon lange nach jenen herrlichen Merinos lüstern, und über seines Sohnes Betriebsamkeit hoch erfreuet, gab diesem eine bedeutende Summe in Gold und seine besten Wünsche mit. Da die Hin- und Herreise, wie auch der dortige Aufenthalt mehrere Tage erforderte, so fiel es nicht auf, daß Friedrich einen vollen Mantelsack an den Sattel schnallte. Auf seines Vaters bestem Reitpferde, durch Heuchelei und Betrug im Besitze einer reichen Goldbörse, zog Friedrich von dannen, einem Leben voll Verirrungen, Laster und Verbrechen, dem schmachvollen Lohne seiner Thaten entgegen.
Zwei Jahre hatte Sarberg im österreichischen Dragonerregimente Mansfeld gedient und zum Wachtmeister sich aufgeschwungen, als er in der Trunkenheit den Offizier, der ihn arretiren wollte, niederhieb, ins Stockhaus gebracht und zum Tode verurtheilt wurde. Die Tochter des Stockmeisters, eine liederliche Dirne, schon seit längerer Zeit mit Friedrich im vertrautesten Umgange und mit dessen Besitze einer bedeutenden Geldsumme bekannt, versprach, ihn aus dem Gefängnisse zu befreien, wenn er ihr auf das Feierlichste gelobe, sich mit ihr bei erster Gelegenheit trauen zu lassen. Friedrich versprach ihr seine Hand, seine unveränderliche Dankbarkeit, das herrlichste Leben mit einem kräftigen Eide. Schon in der nächsten Nacht war Friedrich, von der schlauen Dirne als Barfüßermönch verkleidet, unaufgehalten an der ehrfurchtsvoll begrüßenden Schildwache vorüber durch das Stadtthor gegangen und bald an dem verabredeten Orte angelangt, wo die Befreierin in männlicher Kleidung seiner harrte, und, einen Korb auf dem Rücken, an der Seite des vermummten Barfüßers wohlgemuth dahin zog, für einen Knaben geltend, der den geistlichen Herrn begleite, um für selben die Geschenke der Landleute zu tragen.
Jenseits der Gränze wurden die Verkleidungen in einen Teich versenkt. Aus dem Korbe ging für Friedrich ein sehr stattlicher Anzug hervor, und Elisabeth war schnell im niedlichen Frauenkleide. Friedrich, der schon als Knabe von einem Formstecher in Hündorf von dieser Kunst so manches sich angeeignet hatte, schrieb für sich und Elisabeth in der nächsten Schenke einen wohlstylisirten Reisepaß, schnitt in festes Holz das Gerichtssiegel seines Grafen, und versah sich so mit einem Dokumente, welches allen Schein der Giltigkeit hatte und seine Reise ungehindert machte. --
Daß Friedrich Sarberg nach seiner Entweichung aus dem Stockhause bei einem Reiterregimente des Churfürsten von Brandenburg, dann im dänischen Regimente Rottenstein, zwei Jahre hierauf unter den Jordanischen Kürassieren als Fourier gestanden und sich da mit Elisabeth verheirathet, hierauf im Görzischen Regimente gedient, die Schlacht bei Binschof in Polen als Fahnenjunker mitgemacht habe und als Adjutant des Dragoner-Obristen Billitz aus dem Militär-Verbande getreten sei, gehet aus den Untersuchungsakten hervor, jedoch ohne klare Beleuchtung seines Wandels in jener Zeit, über dessen Unbescholtenheit er in seinen Verhören auf das Feierlichste sich verbürgte, immerhin zum gerechtesten Zweifel des Criminalrichters, der die Narben an Sarbergs Körper, von ihm als Folgen erhaltener Wunden im Kriege angegeben, nur gar zu gut als die Merkmale ausgestandener Tortur erkannte. Endlich gelang es doch, Sarberg zum Geständniß zu bringen, daß einige dieser Narben aus einer Tortur herrührten, in welcher man zu Hohenstein seinen Körper mit Wachslichtern gebrannt hatte, um von ihm die Anerkennung eines Raubmordes zu erzwingen, welchen er während seiner Kriegsdienste in Ungarn begangen haben sollte, daran aber ganz unschuldig gewesen sei.
Nachdem Sarberg das Dragonerregiment des Obersten Billitz verlassen, vorher aber seine Elisabeth, mit ihrer freudigsten Einwilligung um 30 Dukaten an einen alten, reichen Weinhändler abgetreten hatte, ging er nach Danzig, handelte dort anfangs mit Pferden, dann mit Räucherwerk und Flachs, gewann viel Geld, trieb dabei falsches Spiel mit Würfeln und Karten, verlor aber all sein Vermögen an einen viel gewandtern Betrüger, erstach diesen in der Wuth der Verzweiflung, und floh in die Wälder, wo er sich an eine Räuberbande anschloß, einige Mal in Haft gerieth, theils durch Ausbrechen aus den Gefängnissen, theils durch das hartnäckigste Leugnen sich frei machte, dann ohne Genossenschaft stahl, Straßenraub und Mord ausübte, endlich, wie wir alsbald sehen werden, mit Lips Tullian sich vereinigte, und die Ehre genoß, an der Spitze der Vertrauten dieses Verbrechers zu stehen.
Den Beinamen: „Studentenfritz“ hatte er erhalten, seiner Fertigkeit im Schreiben und seiner Geschicklichkeit in Verfertigung von Stempeln und Petschaften wegen, da in jenen Zeiten der ungebildete Mensch Alles Student hieß, was sich durch Fähigkeiten und Künste dieser Art über das Gemeine erhob.
VIII.
Samuel Schickel, der Brett-Bauer.
Ha! gräßlich wird es Tag in meiner Brust! Ich Rasender, daß ich von Glücke träumte! -- Fahr’ hin, du letzter Glaube an die Menschheit! -- Welt, wir sind quitt! Du hast dein Spiel verloren!
~Th. Körner.~
Im sächsischen Dorfe Schönfeld, zur Gerichtsbarkeit des Amtes Frauenstein gehörig, lebte ein Fuhrmann, Christoph Schickel, der zwar nicht unter die reichen, wohl aber unter die vermögenden Leute gehörte, den größten Theil des Jahres mit seinen vier Rappen über Land war und sich nie lange zu Hause aufhielt, da sein Weib eben nicht den sanftesten Charakter, dabei eine wahre Leidenschaft zum Widerspruche hatte, vorzüglich aber, sobald ihr Mann in’s Haus trat, ein unerschöpfliches Klagelied über ihre Kinderlosigkeit anstimmte, oft mit beißenden Bemerkungen über des Mannes eheliche Kälte ausgestattet, wo es dann auch nicht an sehr trivialen Anspielungen auf Ausschweifungen während des Umherziehens im Lande und des Aufenthaltes bei hübschen Wirthsfrauen und Mägden gebrach. Christoph Schickel, mit einer wahren Fuhrmannsnatur begabt, dabei durch den steten Umgang mit der rohesten Volksklasse eben nicht sehr verfeinert, begrüßte meistentheils bei seiner Heimkunft die klagende, widersprechende, giftig anspielende Ehefrau mit der Peitsche und wiederholte öfters im Laufe seines Aufenthaltes zu Hause dieses Fest des zärtlichen Wiedersehens.
In der ganzen Umgegend von Schönfeld war die Sehnsucht der Frau Schickel nach einem süßen Pfand ihrer ehelichen Liebe recht wohl bekannt, und als sie sich nun auch gegen die Schönfelder Klatschschwestern äußerte, selbst ein fremdes Kind annehmen und mit der herzlichsten Mutterliebe erziehen zu wollen, so kam eine Dirne aus Schönfeld ihren Wünschen zuvor, indem diese wegen ihrer Schwangerschaft aus dem Hause der Eltern verstoßen und von dem armen aber herzensguten Dorfhirten aufgenommen, ihr neugebornes Kind in Lumpen hüllte, der Frau Schickel nächtlicher Weile vor die Thüre legte und sich auf und davon machte, nachdem sie dem Hirten vertraut hatte, welches Geschenk sie der kindersüchtigen Kärnerin hinterlassen habe.
Frau Schickel war anfangs sowohl gegen das Kind, als auch dessen unberufene Geberin sehr erbost, jedoch bald, trotz ihres sonst langwährenden Zürnens, durch den Anblick des wohlgestalteten, kräftigen Kindes besänftigt, und als nun auch ihr Ehemann bei seiner Heimkehr von einer Magdeburger Fahrt das gar hübsche Büblein mit freundlichem Auge betrachtete, auf seine Arme nahm und herzte und kußte, und als nun Frau Schickel über die Erfüllung ihres liebsten Wunsches allmählich die üble Gewohnheit des Wiederbellens und der beißenden Bemerkungen ablegte, so begann von Tag zu Tag der Friede und die Eintracht in diesem Hause einheimischer zu werden, und beide Eheleute liebten den Findling um so mehr, da er ihnen gleichsam zum Spender häuslicher Ruhe, Zufriedenheit und Friedfertigkeit geworden war. Gleich nach der Taufe, wobei ihm der Name Samuel gegeben wurde, gingen die Schickel’schen Eheleute zum Amte und ließen über ihre Erklärung, den Findling an Kindes Statt anzunehmen und einst alle ihre Habe auf ihn zu vererben, eine gerichtliche Urkunde aufnehmen.
Alles, was in einer Dorfschule an Unterricht ertheilt werden kann, lernte Schickels Pflegesohn mit großem Eifer und entwickelte recht viele Fähigkeiten. Der Schule entwachsen, wurde er in der Landwirthschaft unterrichtet, begleitete aber schon von seinem vierzehnten Jahre an den Nährvater auf seinen Fahrten und leistete, an körperlicher Kraft und Größe beinahe ein Jüngling, dabei wachsam, klug und geschäftslustig, recht gute Dienste.
Das Umherziehen auf dem Lande, der fast ununterbrochene Aufenthalt in Wirthshäusern, wie auch die so viel gesehenen Beispiele der Sittenlosigkeit, des Betruges, der Rohheit, des Karten- und Würfelspiels, der Völlerei und Unzucht, untergruben immer mehr Samuels Moralität, die ohnehin nicht auf Felsen gebaut war. Noch nicht volle siebzehn Jahre alt, hatte der schöne, kräftige Bursche schon die Schule der Unkeuschheit und der damit verschwisterten Laster durchgemacht, überbot die tüchtigsten Trinker, betrog im Spiele mit Karten und Würfeln, im Handel und Wandel, bestahl seine Pflegeältern und begann sich zu einem um so gefährlichern Bösewicht auszubilden, da er die Verstellungskunst im höchsten Grade besaß und zu heucheln und gleißen auf das Meisterhafteste verstand.
Eines Tages saß Samuel in einer Schenke bei Dresden, wohin der Pflegevater ihn mit einer Ladung von Pferdehäuten gesandt hatte, und ließ sich vorsetzen, was gut und theuer war. Während er es sich recht wohl schmecken ließ und dabei einige Burschen seines Gelichters mit Bier und Branntwein bewirthete, trat eine armselig gekleidete Weibsperson an seinen Tisch und bat um ein Almosen. Samuel zog eine Hand voll Geld aus der Tasche und warf der Bettlerin mit prahlerischer Gebehrde einen Thaler hin. Sie dankte, betrachtete Samuel mit einem langen, höchst freundlichen Blicke und setzte sich dann an einen gegenüber stehenden Tisch, wo sie bei ihrem Kruge Bier Samuel nicht aus dem Auge ließ. Bald darauf ging dieser in den Stall, um nach den Pferden zu sehen, und unbegrenzt war sein Erstaunen, als die Bettlerin in den Stall trat, die Thüre verschloß und mit den Worten: „Grüß Dich Gott, lieber Sohn!“ -- auf ihn zueilte. Aber bald war er überzeugt, seine Mutter vor sich zu sehen, da ihm diese alle Umstände genau angab, von ihrer Kindheit und ihrem Leben in Schönfeld an bis zum Augenblicke, wo sie ihn, einige Stunden nach seiner Geburt, an der Thürschwelle des Fuhrmanns Schickel ausgesetzt hatte.