Part 21
Der Morgen erschien, und mit ihm der Gerichtsbeamte. Josephine hatte die ganze Nacht hindurch gebetet, und im Gebete sich neue Kraft zum Kampfe für Tugend und Reinheit erholt. Als der Gerichtsbeamte in das Gemach trat, erklärte sie ihm mit aller Würde ihrer tugendhaften Seele, bereit zu sein in ihr Gefängniß zurück zu kehren. Schweigend hatte sie der Beamte angehört. Auf einen Wink folgte sie ihm in einen fernen, fast nächtlich dunkeln, grauenvollen Kerker. -- „Dieses sei von nun an deine Wohnung, und ein Blick durch jenes Fenster überzeuge Dich, mit der Ruhestätte Deines Mannes in recht nachbarlichem Verein zu leben!“ -- sprach der Gerichtsbeamte mit eisiger Kälte und führte sie an das kleine, dicht vergitterte Fenster des Gefängnisses. Ein Blick durch das Gitter, und Josephine sank mit einem gräßlichen Schrei in die Arme des Gerichtsbeamten, und kreischte mit dem gellenden Laute des Wahnsinns: „Für sein Leben gebe ich mich dem Grafen hin!“ Bewußtlos wurde sie hinweggetragen.
In dem engen Hofraume vor dem Gitterfenster stand ein Mann von gräßlicher Gestalt, die Arme nackt bis an die Schultern, ein blinkendes Beil schwingend über Philipps Haupt, welches von einem Henkerknechte auf einen Block niedergedrückt wurde; nahe an dem Blocke war ein offenes Grab.
Das hatte Josephine gesehen, und den Knieenden, der einer von des Grafen Leuten und zu diesem grausamen Trugspiele in Philipps Kleidung vermummt war, für ihren zum nahen Tode bestimmten Gatten gehalten.
Josephine bestätigte nach Rückkehr ihrer Sinne, was sie in dem schauderhaftesten Momente ihres Lebens gelobt hatte. Ihr wurde dagegen Philipps Freiheit, seine Entfernung aus Polen und eine reiche Schenkung für ihn zugesichert. Der Gerichtsbeamte zeigte ihr die Summe, die für Philipp bestimmt war, und sie hatte Gewandtheit genug, jenen Zettel an Philipp dem Golde unbemerkt beizufügen. --
Der unerschütterliche Entschluß, sich zu tödten, ehe sie die Beute des Wolllüstlings werde, erzeugte in ihr den Gedanken, noch vorher die Flucht zu versuchen. Es gelang ihr, durch mühsam erkünstelte Zärtlichkeit die Begierde des Grafen dahin zu beschwichtigen, daß er ihr eine Frist von 14 Tagen gewährte, um, wie die Listige sich äußerte, die grausen Bilder der jüngsten Vergangenheit aus ihrer zu beklommenen Seele allmählig verbannen zu können.
Selbst der leiseste Versuch einer Flucht mußte an der Wachsamkeit scheitern, mit welcher der nicht leicht zu täuschende Graf jeden ihrer Schritte umgab. Zwei Frauen, bewährte Dienerinnen des Grafen und von ihm wohl unterrichtet, wichen Tag und Nacht keinen Augenblick von Josephinens Seite.
Schon dunkelte heran der Abend des Tages, an welchem die Unglückliche geopfert werden sollte; schon hatte Josephine ein unbemerkt beseitigtes Messer in die Falten ihres Gewandes verborgen, um, wenn der schreckliche Augenblick ihrer Entehrung nahe, das scharfe Eisen sich in die keusch bewahrte Brust zu stoßen, als ein heulendes Jammergeschrei die Hallen des Schlosses durchscholl. Mit dem Tode ringend, wurde der Graf von der Reitbahn in das Schloß getragen. Trotz den Warnungen seines Stallmeisters hatte er, vom unmäßig genossenen Weine erhitzt, ein junges, ganz wildes Pferd bestiegen. Das ungezähmte Thier, noch keines Reiters und keines Zwanges gewohnt, in der riesigen Kraft ausgebildeter, tobender Jugend, schleuderte den Grafen mit solcher Gewalt an die Steinwand der Reitbahn, daß die Brust zerschmettert wurde.
Kaum mehr der Sprache so viel mächtig, nach Josephinen zu verlangen, hatte er dieser nur wenige Augenblicke vor seinem Hinscheiden noch eine Rolle von 1000 Dukaten und einen werthvollen Schmuck dargereicht, sie mit den letzten Athemzügen seiner zermalmten Brust anflehend, ihm das Geschehene zu vergeben, und seiner im Guten zu gedenken. Von Josephinens Thränen benetzt, hauchte er in einem Blutstrome sein Leben aus.
Sie verließ mit Freuden alsbald ein Land, welches sie so grenzenlos unglücklich gemacht hatte.
Beinahe ein volles Jahr hatte Josephine auf Reisen zugebracht, und jede Gegend durchstreift, wo sie hoffen durfte, ihren Philipp oder doch wenigstens Nachricht über ihn zu finden. Alle Mühe blieb ohne Erfolg; spurlos war der verschwunden, an dem die Verlassene mit ganzer Liebe hing, und ohne welchen ihr kein froher Tag blühete.
Ungeachtet Josephine auf ihren Reisen sehr haushälterisch zu Werke gegangen war, so hatte sie doch eine bedeutende Summe gebraucht; sie würde, so lange ihr Geld gereicht hätte, das Aufsuchen fortgesetzt haben, hätte es ihr nicht höchst nothwendig geschienen, den größten Theil der Summe, welche des Grafen Reue und Dankbarkeit ihr in Geld und Juwelen zugesprochen hatte, sorglich bis zu Philipps Wiederfinden zu bewahren, um, wenn er dürftig sei, ihn gleich zur Antretung irgend eines Geschäftes unterstützen zu können. Jede Ruhe, jeden langen Aufenthalt an einem Orte scheuend, da sie einmal unerschütterlich an dem Gedanken hing, ihren Philipp ununterbrochen aufsuchen zu müssen, nahm sie Dienste bei hohen Herrschaften, aber nur bei solchen, von denen sie hörte, daß sie viel auf Reisen seien.
Jetzt war sie in die Dienste der Gräfin von Freienberg getreten, da ihr kund gethan wurde, daß der Graf mit seiner Gemahlin eine Reise von längerer Dauer in sehr entfernte Gegenden machen werde. Schon sehr nahe war der Tag der Abreise, als Philipp mit seiner kleinen Bande von den gräflichen Gerichtsdienern und Jägern aufgegriffen wurde.
In der Vorhalle des Schlosses stand Josephine hinter einer Säule des hohen Gewölbes, furchtsam auf den Hof hinausblickend, und mit Grauen die fremden Gestalten betrachtend, deren wilde Gesichter aus der dunkeln Flammengluth der Fackeln noch wilder hervortraten. Sie hörte den Befehl des Grafen, den Anführer der Bande in das sicherste Gefängniß zu bringen; sie warf einen scheuen Blick auf ihn. Josephine schauderte zusammen und ein entsetzlicher Schrecken durchzuckte sie, denn das war das Gesicht ihres Philipps, das war sein Gang, seine Haltung.
Wie Philipp zum Räuber geworden, ob er schuldig oder schuldlos sei, daran dachte sie mit keinem Athemzuge, das heißliebende Weib hatte in ihrer großen, muthigen Seele nur Raum für den Entschluß, ihn zu retten und mit ihm zu entfliehen. Noch nicht mit sich selbst einig, wie dieses zu bewirken sei, eilte sie auf ihr Zimmer, packte ihr Gold, ihre Juwelen, das Nöthigste an Kleidern und Wäsche ein, schlich mit dem Bündel in die Vorhalle hinab, verbarg ihn an einem sichern Orte, und kehrte dann zu ihren Geschäften zurück, um ihre Abwesenheit nicht auffallend zu machen, und während der Arbeit die Mittel zu Philipps Befreiung und Flucht zu ersinnen, womit sie auch bald zu Stande kam. Als die Herrschaft zur Tafel ging, besuchte Josephine, wie sehr oft geschah, die Frau des Kerkermeisters, welche durch Herzensgüte und tugendhafte Gesinnungen sich Josephinens innige Freundschaft erworben hatte. Mit dieser Frau war Josephine schon oft, selbst am späten Abende, zu den Gefangenen gegangen, um ihnen ein Stück Wäsche zu schenken, oder sie mit einer Speise zu erquicken. Josephine kannte die Lage aller Gefängnisse, daher auch dessen, worin ihr Gatte verwahrt wurde. Es war jetzt darum zu thun, den Schlüssel zu diesem Gefängniß und den zur kleinen Hinterthüre des Stockhauses an sich zu bringen. Es gelang ihr, ohne daß der Kerkermeister und seine Frau es bemerkten. Mit ihrem Raube, den sie nicht für eine Tonne Goldes gegeben hätte, eilte sie, als die Zeit des Aufhebens der Tafel herankam, in das Schloß zurück, besorgte ihre Arbeit mit großem Eifer, brachte die Gräfin zu Bette, und schlich, als im Schlosse allgemeine Ruhe herrschte, ihren Bündel unterm Arme, eine brennende Leuchte sorgfältig bedeckend, der Hinterthüre des Stockhauses zu. Geräuschlos öffnete sie die selten gebrauchte Pforte, leise das Schloß und die Riegel der Kerkerthüre. Das Uebrige haben wir bereits gesehen.
LIII.
Lips Tullians letzte Schicksale.
Ich kann nicht rückwärts; vorwärts ist die Schuld, Ist das Verbrechen, vorwärts ist die Schande: -- Doch kann ich nicht zurück. Mich jagt das Schicksal, Mein Stern ging unter, der mich aufrecht hielt, Und tückisch stürzt die Nacht mich in den Abgrund, Und meine grade Straße führt zur Hölle!
~Th. Körner.~
Durch Josephinens Gold wieder mit stattlichem Anzuge und den Mitteln versehen, eine schnelle Reise im bequemen Wagen machen zu können, hatte Philipp an ihrer Seite Baiern erreicht.
Fest entschlossen, dem gefahrvollen Räuberhandwerke zu entsagen und in sicherer Einsamkeit nur der häuslichen Ruhe und seiner Josephine, die er immer mehr und wieder mit aller Kraft der frühern Leidenschaft liebte, zu leben, machte er ihr den Vorschlag, im Baierischen ein kleines, freundlich und angenehm gelegenes Grundstück zu kaufen, und dort dem Feldbaue sich zu widmen. Dies geschah so.
Hier lebte nun Josephine im süßesten Glücke, ohne zu ahnen, in ihrem geliebten Philipp einen Räuber und Mörder, in ihm den furchtbaren Lips Tullian zu umfassen. Schon in jener Gebirgsschlucht, wo er, von Josephinen aus dem Kerker befreit, an ihrer Seite die erste Freistätte gefunden hatte, begann er seine Erzählung von seinen seit ihrer Trennung erlebten Schicksalen. Diese Erzählung war das feinste Gewebe der schlauesten Erdichtungen, die rührendste Darstellung von Leiden und Kämpfen, aus welchen er immer als Tugendheld mit Strahlen der Glorie hervorging. Im Laufe der Reise gab er seine Erzählung nur stückweise, um sich nicht im Feuer längerer Mittheilung zu verwirren, um immer neue Mährchen zu ersinnen, und sie mit dem Kleide der höchsten Wahrscheinlichkeit zu umhüllen.
Es hatte Josephine beinahe zwei Jahre im wonnevollsten Genusse der Gegenwart gelebt, als Philipp, der bei seinem Leben im Gebirge, wo alles Jäger ist, auch ein Waidmann geworden, auf einige Tage sich vom Hause entfernte, um bei einem Förster einige Treib-Jagden mitzumachen.
Es befremdete ihn sehr, bei seiner Rückkunft nicht außerhalb des Hauses von Josephinen empfangen zu werden, wie sonst jedesmal geschah. Seine Befremdung ward zum höchsten Erstaunen, als ihm auf der Hausflur die Magd den Schlüssel zu den obern Wohnzimmern überreichte, mit der Nachricht: die Frau sei vorgestern Abends, nachdem sie lange mit einem fremden Manne gesprochen und ihr, ohne sonst etwas zu sagen, diesen Schlüssel übergeben habe, mit einem Bündel unter dem Arme von Hause fortgegangen und noch nicht heimgekehrt.
Philipp stürmte ins Zimmer; er fand alles unverrückt, vermißte kein Kleid seiner Frau, wohl aber den besten Theil ihrer Wäsche. Jetzt erblickte er auf dem Schreibtische einen versiegelten Brief. Mir Hast erbrach er ihn, und las:
„Kaum vermag meine zitternde Hand, Dir in diesen Zeilen zu sagen, daß ich ganz eingeweihet bin in die furchtbarsten Geheimnisse Deines schauderhaften Lebens. Wir beide können nicht mehr auf einem und demselben Lebenspfade wandeln. Den größten Theil des baaren Geldes habe ich dem Manne gegeben, der durch seine grauenvolle Erzählung den Frieden, das Glück meines Lebens auf immer vernichtete, auf daß er die gräßlichen Geheimnisse tief bewahre und Deine Freiheit und Dein Leben nicht gefährde. Ich gehe dahin, wo nur die tiefste Stille, die friedlichste Einsamkeit mir winken, und dort werde ich mit glühender Andacht für Deine Seele beten.
Josephine.“
Der erste Gedanke, den Philipp nach entwichener Erstarrung wieder zu fassen vermochte, war nicht eine Erinnerung an Josephinen, eine Sehnsucht nach ihr, ein heißer Schmerz über ihre Entfernung; es war der Gedanke, den Verräther aufzusuchen, um die heiße Flamme der Rachsucht in seinem Blute zu kühlen. Er stürzte eine Flasche Wein aus, warf die Doppelbüchse über und eilte aus dem Hause, nachdem er sich bei der Magd in Ausforschung über Aussehen und Kleidung des fremden Mannes erschöpft hatte.
Nach den sorgfältigsten und mühsamsten Aufsuchungen fand er am Abende des dritten Tages, nicht fern von einer abgelegenen Waldschenke, einen Kerl im Gebüsche schlafen, in dem er den rechten Mann zu finden hoffte. Sanft wendete er den Schlafenden nach der Seite, und erkannte auf den ersten Blick in ihm den böhmischen Wenzel, seinen Bekannten von Schlesien her, der nur fast durch ein Wunder damals in Trebnitz dem schon für ihn gezücktem Henkerschwerte entgangen und später in Sachsen einer von Lips Tullians listigsten und hartherzigsten Raub- und Mordgesellen gewesen war. Daß dieser bei Josephinen an ihm zum Verräther geworden sei, daran hing Philipp mit festem Glauben, der zur Ueberzeugung ward, da Aussehen und Kleidung ganz mit der Angabe der Magd übereinstimmten, ohne Wenzel zu fragen, wie er in diese Gegend, wie er zu Josephinen gekommen sei, und warum er ihn verrathen habe, dazu gab ihm seine wild brennende Sucht nach Rache nicht Besonnenheit und nicht Geduld. Mit einem schnellen Blicke umherspähend, ob Niemand in der Nähe sei, stieß er dem Schlafenden sein Messer ins Herz.[39] Mit dem Lachen gräßlich befriedigter Rache eilte der Mörder von der Leiche hinweg.
[39] Siehe die Abbildung.
Schon nach einigen Tagen hatte Philipp sein Grundstück verkauft, den Erlös in Geld umgesetzt, und mit Postpferden eilte er Sachsen zu, fest entschlossen, das Raub- und Mord-Handwerk noch gräßlicher zu treiben, als er es getrieben hatte.
An der Gränze verließ er die Postchaise, um zu Fuße desto leichter umherstreifen und die abgelegenen Diebeherbergen besuchen, auch in Wirts- und Köhlerhütten nach frühern Kameraden umherspähen zu können.
Als Jäger gekleidet, mit Doppelbüchse, Waidtasche und Hirschfänger ausgerüstet, ging er nach der Stadt Freiberg. Am Thore wurde er von dem Examinator angehalten und nach seinem Passe befragt. Philipp äußerte in stolzen, trotzigen Worten seinen Unwillen, daß man ihn hier anhalte und nach seinem Passe befrage, ungeachtet er fast in jeder Woche zweimal mit Wildpret in die Stadt komme, wo ihn fast jedermann als den Förster des nahe wohnenden Herrn von Hartenstein kenne. Er ging fort, ohne die Gegenrede des Examinators abzuwarten, der aber, mit dieser Erklärung nicht zufrieden, ihm nacheilte und mit Arretirung drohte. Philipp ließ sich in seinem Gange nicht aufhalten, sprang von der Straße hinweg in ein Haus, und suchte durch eine Hinterthüre zu entfliehen. Der Examinator war ihm auf der Ferse. Das Haus hatte keine Hinterthüre, der Hofraum lief in einen finstern Winkel aus. Dort warf Philipp den Examinator zu Boden, und stieß ihm den Hirschfänger in den Leib.[40]
[40] Hierzu die Abbildung im 12. Hefte.
Aus dem Fenster des Erdgeschosses hatte ein Weber die Mordthat gesehen. Er und seine Gesellen, mit Aexten, Hämmern und Gabeln schnell bewaffnet, eilten an die Hausthüre, um dem Mörder den Ausgang zu verwehren. Man schrie um Hülfe, nach der Wache. Schnell hatte sich eine Volksmenge gesammelt. Mit dem bluttriefenden Hirschfänger, mit gespannter Doppelbüchse stürzte Philipp hervor, fest entschlossen, Freiheit und Leben mit Blutströmen zu erkaufen, oder nur über Leichen hinweg ins Gefängniß geschleppt zu werden.
Beinahe blutlos und sehr kurz war der Kampf; ein gigantischer Schmiedegeselle, aus dem Hinterhause hervorstürzend, umfaßte Philipp von rückwärts mit einer Kraft, die jede Bewegung, jede verzweiflungsvolle Anstrengung des Wüthenden hemmte. Im Augenblicke war er entwaffnet und gebunden.
„Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!“ -- brüllte er mit des ohnmächtigen Grimmes wildester Heftigkeit. Denn er hatte früher oft geäußert: „Freibergs Spießbürger sollen mich lebendig nicht gefangen kriegen!“ In sprachloser Ueberraschung, mit scheuen Blicken bebte das Volk bei diesem Namen vor dem gefesselten Tiger zurück. Keiner der Vielen hatte den Muth, dem Gefürchteten sich zu nähern. Jetzt stürzte die Wache herbei, den Gefangenen nach dem Stockhause abzuführen, und der Kolben unsanfte Berührungen machten den zögernden Gang des sich Sträubenden zum immer raschern Doppelschritte.
Es war am 14. November 1711, als Lips Tullian auf einem Wagen geschlossen, von einem Husaren-Commando umgeben, auf dem Festungsbaue zu Dresden ankam, und in dem Gefängnisse, die Mohrenkammer genannt, mit Fuß- und Handketten, mit Hals- und Leibring angeschmiedet wurde.
Im Laufe eines Jahres hatte er fünfmal die Tortur erduldet, ohne irgend ein Verbrechen bekannt zu haben. Als er eines Tages in das Verhörzimmer geführt wurde, starrte er auf der Schwelle mit heftigem Erschrecken zurück.
„Haben sich die Gräber aufgethan und ihre Beute ausgeworfen?“ stöhnte er mit bleichen Lippen, und streckte die zitternden Arme gerade aus, gleichsam von sich abwehrend die grauenvollen Gestalten, aus deren todtbleichen Gesichtern ihm gräßliche Erinnerungen wie quälende Gespenster entgegentraten. Sarberg, Eckold, Lehmann, Schöneck, Schickel und Hentzschel hatte er in jenem wilden Kampfe mit der rebellischen Bande leblos an seiner Seite niederstürzen gesehen, und jetzt standen sie ihm gegenüber, jetzt riefen sie ihm Gruß und Namen entgegen.
Es währte lange, bis er sich wieder gesammelt, bis er sich überzeugt hatte, daß sich das Reich der Todten geöffnet habe, daß es Lebende seien, deren Nähe ihn wie Leichengeruch anwidere. Aber als der Richter ihm nun sagte, eben diese Männer haben reuemüthig gestanden, was sie und Lips Tullian, ihr Hauptmann, gethan; als er hörte, daß seine vertrautesten Freunde zu seinen Anklägern, zu seinen Verderbern geworden seien, da durchbohrte er die Verräther mit tödtenden Blicken, da schüttelte er grimmig seine Ketten.
„Ich will bekennen, was ich gethan, aber diese Schurken sollen nicht die Früchte ihres Verrathes, ihrer Heuchelei, ihrer erbärmlichen Schwäche genießen. Und wenn das Erbarmen des Fürsten auch schon eine Gnadenschranke von Erz um ihr Leben gezogen hat, so reißen meine Geständnisse diese Schranke nieder, und jauchzend schleppe ich diese Räuber und Mörder auf das Blutgerüst!“ -- So brüllte Philipp dem Richter zu, und mit des Hohnes und der Verachtung eisiger Kälte blickte er auf die todtbleichen Gestalten hin. --
Tullians Geständnisse begannen. Zwei Tage und eine Nacht, nur von Zeit zu Zeit durch eine Ruhestunde unterbrochen, dauerte das erste Verhör.
Ueber Tullian, über Sarberg, Eckold, Schöneck, Schickel, Lehmann und Hentzschel sprach im Monat Oktober 1714 der Schöppenstuhl zu Leipzig die Strafe mit dem Rade vom Leben zum Tode aus, die in der Folge von dem Landesfürsten gemildert wurde.
Lips Tullian und die mit ihm Verurtheilten wurden am 8. März 1715 auf dem großen steinernen Gerichte bei Alt-Dresden enthauptet und ihre Körper auf das Rad geflochten.
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