Part 20
Wieder unter dem Namen Mengstein erhielt Philipp von dem Criminalrichter einen Paß nach Brüssel, auch ein bedeutendes Geschenk, als Entschädigung für die ihm in der Klause geraubte Kleidung und Börse, deren Inhalt er auch nicht unbedeutend angegeben hatte; er war so klug, dem Criminalrichter den in der erbrochenen Kiste des Siedlers gefundenen Beutel zu verheimlichen, der über 200 Dukaten enthielt.
In Brüssel angekommen, wollte er sich noch so lange nicht für irgend etwas bestimmen, bis Josephine eingetroffen, oder ihre Ankunft nicht mehr zu hoffen sei. Ruhig lebte er in dem kleinen Gasthofe, versah sich mit anständiger Kleidung und feiner Wäsche, und ging nur aus, um die Merkwürdigkeiten dieser prächtigen Stadt zu beschauen.
Auf der Reitbahn lernte der Gouverneur der Stadt, Graf ~Hiller~, seine Kühnheit und seinen Muth bei Gelegenheit der Bändigung eines wilden Hengstes kennen, den niemand besteigen durfte, den aber Philipp zu seinem Willen zwang.
Der Gouverneur war entzückt hierüber und nachdem er nach Philipps Verhältnissen geforscht hatte, bot er ihm eine Stelle als Bereiter in seinen Diensten unter sehr günstigen Bedingungen an. Mit Freuden ergriff Philipp die dargebotene Gelegenheit und war mit seinem Loose ganz zufrieden, indem er durch treue Pflichterfüllung sich die Zufriedenheit seines Gebieters und die Liebe seiner Untergebenen zu erwerben wußte.
Lange Zeit war schon die Zeit dahin, in deren Laufe Philipp auf Josephinens Ankunft hoffen durfte. Mit der heißesten Sehnsucht verlangte er nach ihr. Nur das holde Bild dieser reizenden, sittigen Jungfrau umschwebte ihn. Er liebte sie mit der heißesten Liebe, er ehrte in ihr seinen guten Engel, der ihn vom Rande des zeitlichen und ewigen Verderbens mit milder Hand hinweggeführt, der ihm die heilige, beglückende Pforte des Guten geöffnet und alle Segnungen der Tugend und des Friedens in seine Brust gelegt hatte.
In sich versunken, das Herz voll Trauer und Wehmuth und Sehnsucht, lehnte er eines Abends am Eingange des Gouvernement-Palastes, und blickte mit süß-schmerzlicher Erinnerung einem vorübergehenden Mädchen nach, das einige Aehnlichkeit mit Josephinen hatte, als er seine Hand sanft ergriffen fühlte.
Er blickte auf, und neben ihm stand ein schlanker, hochgewachsener Knabe, mit sonnengebräuntem Gesichte, der ihn aus den schönen, blauen Augen recht freundlich anlächelte. Philipp beschaute den Knaben, der ihn gestört hatte in seinen Gedanken an Josephinen, mit zürnendem Blicke und fragte unwillig nach dessen Begehren.
„Kennst Du denn Deine Josephine nicht mehr?“ lächelte der Knabe ihm zu, und drückte sanft seine Hand.
Das war Josephinens Stimme, es war der freundliche Blick ihres seelenvollen Auges; das war ihre schwarze Lockenfülle, die den schöngeformten Kopf umfloß. Aber diese dunkle Farbe des sonst in den reinsten Alpenschnee und in Rosenblüthen getauchten Gesichtes? -- Diese männliche Kleidung? Wäre es möglich? -- Sein Herz sagte ihm, das Josephine ihm nahe sei, und er schrie laut auf vor Entzücken, als der Knabe ihn tiefer in die Vorhalle des Palastes führte, an seine Brust sank und ihn nochmals fragte: „Kennst Du Deine Josephine nicht?“
Der glückliche Philipp führte die Geliebte auf ihren Wunsch in einen Gasthof. Da sie aber durch die fast ununterbrochene Reise, auf der sie sich kaum einige Stunden Ruhe vergönnt hatte, noch so angegriffen war, so bat sie Philipp, ihr einige Stunden Ruhe zu gönnen und am andern Tage sie wieder zu besuchen, wo sie ihm dann ihre Schicksale seit ihrer Trennung erzählen wollte.
Schon am andern Morgen flog voll Sehnsucht Philipp zu der Geliebten. In der niedlichsten Mädchenkleidung und mit dem frischen, blühenden Gesichte, das von der dunkeln Uebertünchung, mit welcher Josephine, zur größern Sicherheit ihrer Reize gegen lüsterne Zudringlichkeit, Gesicht, Hals und Hände gefärbt hatte, nicht mehr entstellt wurde, eilte sie dem eintretenden Philipp mit offenen Armen entgegen. Sie feierten ihr Wiedersehen mit aller Innigkeit einer tugendhaften Liebe, und als die ersten Wallungen ihrer liebenden Herzen in sanfter Ruhe sich aufzulösen begannen, wurde in beiden das Verlangen nach gegenseitiger Mittheilung rege.
Josephine erzählte:
„Ob mein Stiefvater unsere Gespräche belauscht, oder ob ihm meine Schwermuth nach Deiner Abreise das Geheimniß meiner Liebe verrathen hatte, kann ich nicht bestimmen. Daß er aber die feste Ueberzeugung nährte, Dein heimliches Entweichen aus dem Gasthofe zu Montfort und das Mißlingen seines Mordanschlages einem Winke von mir zurechnen zu dürfen, davon belehrte mich seine harte, oft grausame Behandlung von der Stunde an, wo der Knecht, sein Vermittler, mit der leeren Chaise und der Nachricht von Deinem Verschwinden zurückkehrte. Durch eine Thürspalte war ich Zeuge, wie der Stiefvater Deinen kleinen Koffer erbrach, mit Hast nach Deinem Gelde suchte, und bei seinen getäuschten Erwartungen gräßlich fluchte.“
„So geheim viele Schandthaten an Reisenden von meinem Stiefvater und seinen Raubgenossen ausgeübt wurden, so entgingen sie mir doch seit Jahren nicht. Ich rettete Manchen, den sie schon als sichere Beute betrachteten, durch glückliche Winke; es ist mir unbegreiflich, wie so viele Verbrechen begangen werden konnten, ohne die Aufmerksamkeit der Behörden, ohne selbst die der gewöhnlichen rechtlichen Gäste und der Nachbarn zu erregen. An jedem Morgen erwachte ich mit dem festen Entschlusse, zu entfliehen, aber ich wurde zu sehr beobachtet. Die Befürchtung von meiner Flucht war so groß, daß ich nie ausgehen durfte, außer in die Kirche, wo die alte Base, meines Stiefvaters innigste Vertraute, sich immer dicht anschloß; selbst in jener Stunde, wo Du an meinem Arme in das Gotteshaus gingst, war diese schreckliche Wächterin nur einige Schritte hinter uns, und ihre Nähe allein verhinderte mich, Dich schon damals in der Kirche auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen.“
„Hatte ich vor der Bekanntschaft mit Dir schon mit dem größten Eifer dahin gestrebt, aus diesem Lasterhause zu entfliehen, so war nach Deiner Abreise mein Streben noch viel eifriger. Tage und Nächte hindurch erschöpfte ich mich im Ersinnen eines Mittels zur Flucht, stundenlang betete ich mit der heißesten Andacht zu Gott, und Gott erhörte mein Gebet. Die Stunde der Rettung schlug.“ --
„Nach Deiner Abreise, fast immer in meinem Zimmer eingeschlossen, von der grundbösen Base mit Handarbeiten überhäuft, und bei dem mindesten Versehen auf’s Grausamste mißhandelt, mußte ich vor sechs Tagen so viele Wäsche verfertigen, daß ich voraus wußte, die ganze Nacht hindurch nähen zu müssen. Im Eifer der Arbeit entfiel mir der Fingerhut und rollte unter einen hohen Wandschrank, der dicht an der Mauer stand. Ich mußte mich ganz zu Boden strecken, um den weit hingerollten Fingerhut hervorholen zu können. Die Hand glitt mir aus und ich stieß an hölzernes Getäfel. Im Augenblicke kam mir der Gedanke, daß dieser Wandschrank eine Thür verberge. Aber wie sollte ich schwaches Mädchen diesen Riesenkasten zur Seite bringen? Ich versuchte es, und durch Gottes Hilfe gelang es mir, eine Oeffnung zu gewinnen, durch die ich mich an die Thüre drängen konnte. Die Thüre war verschlossen, und ich trat in eine ganz dunkle Kammer. Schnell holte ich mein Licht, fand die Kammer leer, aber eine aufwärts führende, schmale Treppe. Ich ließ das Licht zurück, schlich die Treppe hinauf, kam über einen langen, verbretterten Gang, und von diesem auf einen großen Getreideboden, welchen ich gleich als das unbewohnte Hintergebäude unseres Hauses erkannte.
„Die Hoffnung auf die Möglichkeit, hier einen Ausgang zu finden, ermuthigte mich, meinen Weg fortzusetzen. Der Mond, dessen Strahlen durch die Fensteröffnungen und das zerrissene Dach drangen, ließ mich eine Treppe finden. Leise stieg ich hinab, immer tiefer, bis ich in ein zu ebener Erde gelegenes Gewölbe kam, das durch Eisengitter und eine Eisenthüre nach außen verwahrt war. -- Ich stand am Grabe meiner Hoffnungen, denn Gitter und Thüre spotteten meiner Flucht. In der Verzweiflung faßte ich unwillkürlich ein Gitter und rüttelte mit aller Kraft daran, und siehe: die morschen Stangen brachen. Ich schwang mich durch die Oeffnung, und stand bald auf der Gasse, es war grade um Mitternacht. Glücklich gelangte ich aus Nancy bis zu meiner Amme in das Dörfchen Ribont, die mir seit dem Tode meiner Tante mein geheimes Erbtheil aufbewahrt. Sie kleidete sich rasch an, und eilte mit mir fort. Als der Tag anbrach, sammelte sie auf einer Wiese Kräuter, drückte den Saft aus, und überstrich mir Gesicht, Hals und Hände. Der Spiegel des nächsten Baches zeigte mir meine Umwandlung in einen schwarzbraunen Buben.
„Glücklich erreichten wir Resiers, wo meine Amme einen wackern Bruder hat, dem sie mich übergab. Ich mußte einige Stunden ruhen und Erfrischungen nehmen, dann fuhr er selbst mich mit seinen Pferden nach Verdun. Hier erhielt ich von der treuen Seele mein Vermögen und die Kleider ihres vor einem Jahre verstorbenen Sohnes und wurde jene Umwandlung mit mir vorgefunden, in der Du mich fandest, als ich hierher kam.
Von Verdun aus fuhr ich mit Postpferden bis hierher, und die Furcht, von meinem unmenschlichen Stiefvater verfolgt zu werden, ließ mir unterwegs keine Ruhe und Rast.“
Philipp war überaus glücklich über die Rettung der Geliebten, mit einem unbeschreiblich süßen Gefühle hatte er Josephinens Erzählung gehört. Der Gedanke, das Wesen seiner heißesten Liebe in seinen Armen zu haben, und dem seligen Augenblicke entgegen sehen zu dürfen, mit diesem süßen Wesen bald auf immer vereint zu sein, erfüllte sein Herz mit dem höchsten Entzücken. Unter zärtlichen Küssen und mit Freude strahlenden Augen erzählte er nun seine Schicksale. Es drängte ihn, Josephinen recht bald ganz die Seine nennen zu können, und stellte sie deshalb seinem Herrn, dem Gouverneur, vor, den er inständigst um seine Unterstützung zur Erwirkung der gerichtlichen Erlaubniß, mit Josephinen verbunden zu werden, bat. Zugleich überzeugte er diesen, daß Josephine ein baares Vermögen von 5000 Livres und er 200 Ducaten besitze. Der Gouverneur sicherte seine Verwendung zu und in Kurzem waren Beide getraut.
LI.
Der Aufenthalt in Polen und Philipps erster Mord.
O ich fühl’ es, dieses Weib, Wenn ihr sie schnell nicht meinem Blick entzieht, Ruft Sünd’ in’s Dasein, außerordentlich, Wie ihre Schönheit; einzig, wie sie selbst.
~Friedr. Hebbel.~
Drei Jahre hatte Philipp in Brüssel gelebt. Es waren die schönsten, die seligsten Tage seines Lebens. Durch strenge Pflichterfüllung, durch einen unbescholtenen Wandel hatte er sich Vertrauen und Achtung erworben, und seine und Josephinens Liebe war so innig, und ihre Herzen fühlten sich in einem so reinen, ununterbrochenen Genusse des innern Friedens und der häuslichen Glückseligkeit, daß sie gar keine andern Wünsche kannten, als daß es immer so bleiben möchte.
Jetzt starb der Gouverneur Graf von Hillmer. Sein Neffe und Erbe, ein junger Wüstling, der in Paris, in London, in Wien sein Geld und sein Leben verschwelgte, flog, auf die Nachricht von seines Oheims Tode, aus Wien herbei, nahm die reiche Erbschaft in Empfang, verkaufte alle Einrichtung, Pferde und Wagen, lohnte die Dienerschaft ab, und eilte mit seinem, beinahe unermeßlichen Vermögen dahin, wo sich ihm die reichsten und mannigfaltigsten Genüsse boten.
Philipp hatte sein und seiner Josephine Vermögen im Laufe dieser Zeit, wo sich durch den Pferdehandel viel gewinnen ließ sehr vermehrt. Philipp verstand dieses Geschäft. In zwei Jahren hatte er sein Capital verdoppelt, und in den drei folgenden durch Unglücksfälle, betrügerische Lieferanten, durch die Entweichung seines Hauptgläubigers und durch ein schnell ausgebrochenes, furchtbar um sich greifendes Feuer, welches die schönsten und theuersten seiner Pferde vernichtete, kaum mehr so viel im Vermögen, um mit Josephinen einige Monate hindurch ohne Nahrungssorgen leben zu können.
Grade in dieser Zeit hielt sich zu Brüssel der Graf Wiczenik, ein reicher Pole, auf, der seine vielen Güter in der Gegend von Pyzdey hatte. Er lernte Philipp kennen, überzeugte sich von seinen Kenntnissen, und trug ihm eine Stallmeisterstelle mit einem sehr beträchtlichem Gehalte an. Freudig ging Philipp in den Antrag ein und sah dem Wiedergewinn seines verlornen Vermögens mit Zuversicht entgegen, da ihm der Graf seine bedeutende jährliche Lieferung von Remonten für die preußische leichte Reiterei gegen eine sehr mäßige Pacht überließ.
Auch in Polens Steppen, auf dem prachtvollen, aber sehr einsam gelegenen Schlosse des Grafen lebten Philipp und Josephine wieder so glücklich, wie sie in Brüssel gelebt hatten.
Drei Monate lebte Philipp an der Seite seiner Gattin und in seinem neuen Berufe auf dem gräflichen Schlosse recht froh und glücklich. Nach und nach aber wurde Josephine betrübt und Philipp fand sie oft mit verweinten Augen. Vergeblich bat er, ihm ihren geheimen Kummer zu entdecken, sie erklärte dies für Heimweh nach ihrem Vaterlande und für Launen, über die sie sich keine Rechenschaft geben könnte. In dieser Zeit übergab ihm der Graf die Oberleitung seiner beiden Gestüte, welcher neue Beruf seine Zeit so in Anspruch nahm, durch vieles Hin- und Herreisen, daß er oft viele Tage und Wochen lang seine Josephine nicht zu sehen bekam. Ihr immer zunehmend seltsames verschlossenes und trauriges Wesen fiel ihm aber immer mehr auf und er gewann die Ueberzeugung, daß ein tiefer, geheimer Schmerz mit scharfem Zahne an den Fäden ihres Lebens nage. Da warf er sich vor ihr nieder und flehte sie an mit der ganzen Gewalt seiner heißen Liebe, ihm ihr Geheimniß zu erschließen. Nun vermochte Josephine nicht länger zu schweigen. Mit erlöschenden Blicken vertraute sie ihm, daß Graf Wiczenik ihr schon seit längerer Zeit entehrende Anträge mache, ja, daß er sich erfrecht habe, sie einst in sehr früher Morgenstunde in ihrem Bette zu überfallen, und es ihr nur geglückt sei, durch den kräftigsten Widerstand und durch die Erscheinung der Mägde, die ihr heftiges Geschrei um Hilfe herbei geführt habe, sich seinem wüthendem Anfalle zu entreißen.
Starr vor Entsetzen hatte Philipp Josephinens Klage gehört; es ward ihm jetzt klar, warum ihn der Graf so sehr mit Geschäften überhäufe -- daß es geschehe, um den lästigen Gatten zu entfernen. Sein Entsetzen ward zum furchtbaren Zorn; er riß eine Pistole von der Wand, um den Lüstling, der seine Ehre schänden, seine und des edelsten Weibes Lebensruhe auf immer zerstören wollte, niederzuschießen.
In diesem verhängnißvollen Augenblicke trat der Graf in das Zimmer. Josephine bebte vor Entsetzen zurück.
„Elender Wollüstling!“ brüllte der rasende Philipp, und, von seinem Schusse getroffen, stürzte der Graf wimmernd zur Erde.[37] --
[37] Hierzu die Abbildung im 4. Heft. „Der erste Mord.“
Der Schuß rief die gesammte Dienerschaft zusammen. Beim Anblicke des bluttriefenden, hingestreckten Gebieters bebten sie zurück in unthätiger Erstarrung; sie erriethen schnell, was da geschehen; Philipps todtbleiches Gesicht, das wild-glasige Auge, die losgebrannte Pistole in der schlaff herabhängenden, zitternden Hand, sprachen die That klar aus.
„Bringt mich aus dieser Mordhöhle und jenen in des Thurmes tiefsten Kerker!“ -- stöhnte der Graf seinen Dienern zu.
Auf sanften, sorglichen Händen wurde er in das Schloß getragen, Philipp in das grauenvollste Gefängniß des Thurmes geschleppt und mit schwerer Kette an einem Mauerringe angeschlossen.
Philipp erwartete in seinem Kerker nichts zu wissen als den Tod. Da öffnete sich nach mehreren Wochen zur ungewöhnlichen Stunde eines Abends seine Kerkerthüre. Nicht der Wärter, sondern ein Mann von riesiger Gestalt und furchtbarem Aussehen trat mit einer brennenden Fackel in das Gefängniß, löste Philipps Fessel, vertauschte dessen beinahe vermodertes Gewand mit einem reinlichen Anzuge, verband ihm die Augen, drohte mit dem Tode beim ersten Laute, und führte ihn ins Freie. Ein gellender Pfiff, und ein Wagen rollte flüchtig daher.
Philipp wurde hineingehoben, und im scharfen Trabe ging es dahin.
Am zweiten Morgen erreichte Philipp auf diese seltsame Weise die schlesische Grenze. Philipp mußte hier aussteigen. Man gab ihm einen Beutel mit Geld und die Warnung, wenn ihm sein Leben lieb sei, nie mehr die Grenze von Polen zu betreten. Schnell wandte der Wagen um und rollte zurück. Bald war er den Augen des nachstarrenden Philipps entschwunden.
In dem Geldbeutel schimmerte ihm ein Zettel entgegen, worauf er Josephinens Schriftzüge entdeckte. Diese schrieb:
„Der Graf war nur leicht verwundet, aber schon im Augenblicke seines Falles Dein Tod beschlossen.
Ich habe Dich gerettet, ich habe meine Tugend, meine Seligkeit, mein Leben für Deine Freiheit hingegeben. In dem Augenblicke, als man Deine Fesseln löste, ward ich das verzweifelnde Opfer der wildesten Sinnlichkeit. Wenn diese Zeilen in Deiner Hand sind, habe ich bereits vollendet. Der Dolch ist geschliffen, die Hand zuckt nach ihm. Lebe wohl, vergieb meinem Mörder, und bete für Deine Josephine.“ --
Mit einem schrecklichen Gefühle hatte Philipp Josephinens Worte gelesen; es war das Gefühl des heftigsten Schmerzes. Aber der Schmerz wurde immer gewaltsamer hinweggestoßen von der Wuth der Verzweiflung. Rasend sprang Philipp auf, warf sich auf die Kniee und schwur mit brüllender Stimme den gräßlichen Eid: „von diesem Augenblicke an nur dem furchtbarsten Hasse gegen die Menschheit anzugehören, und die versengende Glut dieses Hasses und der Rachsucht in den Thränen der Beraubten, in dem Blute der Ermordeten zu kühlen.“
Was Philipp Schönknecht geschworen, hat Lips Tullian schauderhaft erfüllt.
LII.
Lips Tullians Befreiung.
So folge mir zur Freiheit und zum Leben -- Beginn es neu an meiner Hand. Sei nur dem Glück, der Freude hingegeben, Du, dem der Tod allhier am nächsten stand!
. . .
Wir kehren zurück in das Gefängniß, wo ganz unvermuthet Josephine ihrem Philipp erschien[38].
[38] _pag._ 338.
Josephine öffnete ein Fläschchen, rieb Philipps Schläfe, flößte ihm einige Tropfen ein, und bald kehrte das Bewußtsein zurück.
„Fasse Dich. Ich bin Josephine, Dein treues Weib, das gekommen ist, Dich zu retten. Laß uns von dannen eilen!“ -- flüsterte sie dem Zitternden zu, der seine Sinne noch nicht ganz gesammelt und noch nicht klar aufgefaßt hatte, was da geschehe. Josephine wiederholte ihre Worte, sie beschwor ihn, keinen Augenblick zu versäumen; mit kräftiger Hand zog sie ihn von der Erde empor, und als der Morgen anbrach, waren beide schon viele Meilen vom gräflichen Schlosse entfernt und eine Gebirgsschlucht, von himmelhohen Tannen dicht umgürtet, gab für den ersten Augenblick den Flüchtigen eine sichere Freistätte.
Von Josephinen erfuhr er über ihre Schicksale seit seiner gewaltsamen Entführung aus dem gräflichen Schlosse in Polen Folgendes:
Nachdem die Dienerschaft den Grafen Philipp in den Kerker abgeführt hatte, ließ der Gerichtsbeamte Josephine in ihrem Hause streng bewachen.
Schon nach einigen Stunden herrschte wieder laute Freude in dem Schlosse; der Arzt hatte den Ausspruch gethan, des Grafen Wunde sei nicht tödtlich, selbst nicht gefährlich, und nach einigen Tagen die vollkommene Genesung mit Zuversicht zu erwarten.
Die Verwundung war nicht mächtig genug, in dem strömenden Blute die Flamme der Begierde nach Josephinens Besitz zu vernichten. Kaum hatte der Graf das Krankenlager verlassen, als sein Erstes war, Josephinens Wache zu entfernen, und zu ihr zu gehen. Er fand sie sehr leidend, kaum kräftig genug, ihm entgegen zu wanken, zu seinen Füßen niederzusinken und um Gnade für ihren Gatten zu flehen.
Rasch hob der Graf die Knieende empor, trug sie unter den süßesten Schmeichelworten auf das Sopha, setzte sich an ihre Seite, und bot nun alle Macht der Beredtsamkeit, alle Künste der Verführung auf, sie für seine Wünsche geneigt zu machen. Er überreichte ihr eine Urkunde, worin Josephine als die Herrin einer beträchtlichen Besitzung erklärt wurde, und betheuerte mit einem feierlichen Schwure, Philipp aus dem Gefängnisse zu entlassen und mit einer sehr reichen Summe nach dessen Vaterlande zu senden, wenn sie nur einige Jahre mit ihm als seine vertrauteste Freundin leben wolle. Die edle tugendhafte Frau wies jedes Geschenk, jede noch so lockende Zusicherung mit strengem Ernste zurück; sie flehte nur um die einzige Gnade, sie mit Philipp ohne alle Habe im allerdürftigsten Zustande dahin ziehen zu lassen, da sie an der Seite des geliebten Gatten das erbettelte Brod freudiger genieße, als die leckersten Gerichte im verbrecherischen Wohlleben.
Vom Widerstande noch mehr entflammt, entschloß sich der Graf, seinen Gerichtsbeamten, den er als einen höchst schlauen Menschen kannte, in das Vertrauen zu ziehen, und diesen für sich handeln zu lassen. Sogleich nachdem dies geschehen war, wurde Josephine aus ihrer freundlichen Wohnung in ein dunkles, schauerlich einsames Gefängniß geführt, wo sie nur eine Strohschütte, und Wasser und Brod fand.
Sie wurde vor den Gerichtsbeamten zum Verhöre geführt, und schon nach dem dritten erklärte ihr der rauhe Richter mit zermalmender Kälte, daß der Tod durch Henkershand das Loos ihres Gatten, jahrelanges, hartes Gefängniß das ihrige sei, und nur Leben und Freiheit in der Hand des gebietenden Grafen ruhe.
Vom tiefsten Schmerze ergriffen, von Leiden gefoltert, die ihre zerfleischte Seele zu gewaltig niederdrückten, lag Josephine auf ihrer Strohschütte, die Hände wund ringend, durch keine lindernde Thräne aus dem erlöschenden Auge erquickt, da öffnete sich zur ungewöhnlichen Stunde ihre Kerkerthüre, der Wächter trat ein, brachte einen Korb mit reiner Wäsche und bat Josephinen mit freundlichen Worten, sich dieser Wäsche zu bedienen und seiner baldigen Rückkehr zu harren. Es war das erste Wort, das Josephine aus dem Munde ihres gefühllos-stummen Wächters hörte; zum ersten Male seit ihrer Verhaftung empfing sie reine Wäsche. Unter sanftem Weinen kleidete sie sich um, und ein ganz besonderes Gefühl bewegte ihr Inneres, als der rückkehrende Wächter sie mit freundlichem Lächeln einlud, ihm zu folgen.
Ueber den langen, gewölbten Gang hin wankte sie an seiner Seite in ein helles, reinliches, mit Geräthen für die Bequemlichkeit wohleingerichtetes Gemach. Von einem kleinen Tischchen am hohen Bogenfenster winkten ihr feine Gerichte und ein Krystallbecher mit Wein entgegen. Auf die Bitte des Wächters erquickte sie sich mit Speise und Trank, und in diesem Augenblicke über die zu heftigen Anforderungen der Natur ihre Lage vergessend, seit so vielen Tagen, bei fast ungenießbarem Brod und übelriechendem Wasser, fast dem Verschmachten nahe, würde sie Mahl und Wein mit Heißhunger verschlungen haben, wäre nicht gerade, als sie am Tischchen sich niederließ, der Gerichtsbeamte eingetreten, und seine Aufmerksamkeit dahin gerichtet gewesen, die Entkräftete nur mäßig und in kleinen Zwischenräumen die lang entbehrte Erquickung genießen zu lassen.
Der Gerichtsbeamte tröstete sie und machte ihr für ihre und ihres Gatten baldige Begnadigung die süßesten Hoffnungen; aber schon am andern Tage rückte derselbe mit seinen schimpflichen Anträgen deutlicher heraus.
Mit Abscheu bebte die Tugendhafte vor dem Kuppler des lüsternen Gebietes zurück, doch schauderte sie zusammen, als der Gerichtsbeamte aus dem Tone der feinsten Schmeichelei in den einer kalten Härte überging, ihr schonungslos eine Bedenkzeit nur bis zum folgenden Tag zugestand und im Falle ihrer hartnäckigen Weigerung, die Rückkehr in eine vieljährige Gefangenschaft bei Wasser und Brod, ein gräßliches Leben bei Grabesstille, auf faulendem Stroh, in Gesellschaft von Unken und Gewürme, ankündigte.