Part 19
In der letzten Nacht vor Philipps Abreise öffnete sich leise die Thüre.
Josephine schlich auf Socken an sein Bett, drückte ihm ein Billet in die Hand, einen langen, heißen Kuß auf den Mund, und schlüpfte aus dem Gemache. Philipp konnte den anbrechenden Tag nicht erwarten, er mußte gleich mit dem Inhalte dieses Billets bekannt werden. Eilig schlug er sich Licht an und las:
„Bei meiner heißen Liebe zu Dir, bei der Erhaltung Deines Lebens beschwöre ich Dich, nicht auf der von Dir hier so oft besprochenen Straße nach Brüssel zu gehen. Auf dieser Straße, im Walde von Sarlin, lauert man Dir auf, um Dich zu tödten und auszurauben. Diese Schenke ist die Herberge eines Raubgesindels, und mein verbrecherischer Stiefvater das Oberhaupt. Er hat in den Stunden Deiner Krankheit, wo Du ohne Besinnung lagst, Deine geheim bewahrten Schätze aufgespürt. Dich im Hause zu morden, wagt man nicht; Dein Tod ist im nächsten Walde an der Landstraße beschlossen. Um Gottes Willen, gehe nicht auf diesem Wege nach Brüssel, sondern auf dem entgegengesetzten. Würde ich entdeckt, die Geheimnisse dieses Hauses verrathen zu haben, so wäre grausamer Tod mein Loos. Auch ich fliehe, um nicht länger im Kreise dieser Unmenschen leben zu müssen. Schreibe vor Deiner Abreise nur den Namen des Ortes, wo Du Dich einige Zeit aufhalten wirst, auf ein Stückchen Papier und verbirg dieses im Strohe Deines Bettes. Nach einigen Tagen folge ich Dir, um mich nie wieder von Dir zu trennen. Ein Vermögen von 5000 Livres, welches ich von meiner Tante durch ein geheimes Vermächtniß erhalten habe, wird für den Anfang genügen, und Gottes Segen, Fleiß und Redlichkeit unsere Tage beglücken. Lebe wohl und vergiß nie, daß ich nur für Dich lebe. Der Himmel schütze Dich.“ --
Mit Entsetzen hatte Philipp den Mordanschlag gelesen. Er ging nun gleich mit sich zu Rathe, wie er den Mördern entrinnen könne. Da er mit dem Wirthe übereingekommen war, dessen Pferde bis nach Metz zu nehmen, und da er nun überzeugt sein durfte, daß der Fuhrmann ein Verbündeter der lauernden Raubmörder sei, so war es eine sehr schwierige Aufgabe, eine andere Straße einzuschlagen, ohne die Aufmerksamkeit der Verbündeten zu erregen, und zum Entwurfe eines neuen Mordplanes Veranlassung zu geben. Das Schlimmste war, daß er den Weg nach Metz gar nicht kannte, daher auch nicht wußte, ob der von Josephinen bezeichnete Wald nahe an Nancy liege.
Der Tag war bereits angebrochen, und Philipp zu keinem festen Entschluß gekommen. Er verließ das Bett, und sein erster Blick fiel auf eine Karte von Frankreich, die er schon so oft überschaut hatte, ohne daran zu denken, sich über seine Reiseroute zu orientiren. Rasch nahm er die Karte vor und fand zu seiner großen Beruhigung, daß der gefährliche Wald beinahe drei Meilen von Nancy entfernt, und dazwischen manches Dorf sei. Nun war er bald mit dem Plane zu seiner Rettung im Reinen.
Schnell barg er seine Kleinodien und Goldmünzen theils in dem Leibgurte, theils in seinem neuen Anzuge, steckte in die Seitentaschen ein Paar recht niedliche Taschenpistolen, die ihm Josephine geschenkt, aber im Hause zu verheimlichen gebeten hatte -- nun errieth er die Bedeutung und den Zweck dieses Geschenkes -- packte seine früher getragene Kleidung und die erkaufte Wäsche in einen kleinen, vom Wirthe erhandelten Koffer, und rief nach dem Frühstücke.
Der Wirth selbst brachte es, auch die Rechnung, die gegen Philipps Erwartung höchst mäßig war, aber doch eine bedeutende Summe betrug, da mit der Gasthof-Rechnung auch die für Arzt und Apotheke verbunden war. Bedeutende Auslagen voraussehend, hatte Philipp einige Tage vor seiner Abreise mehrere der seltenen Goldmünzen bei einem Juden um Silber-Münze umgesetzt. Er bezahlte die Rechnung, beschenkte das servile Hauspersonal großmüthig, und hätte den Wirth gern erwürgt, denn der Spitzbube geberdete sich beim Abschiede so demüthig und kriechend und heuchelte solch einen Schmerz über die Abreise des verehrtesten, unvergeßlichen Gastes, daß Philipp den Ausbruch seiner Wuth gegen den heuchlerischen Bösewicht nur mit Mühe bezähmte.
Josephine war nicht zu sehen. Schmerzlich vermißte Philipp den Scheideblick der holden, heißgeliebten Jungfrau, und mit einer recht wehmüthigen Empfindung bestieg er die alte Kutsche, die jetzt mit ihm schwerfällig dahin rumpelte.
„Halt, Kutscher, wir müssen umkehren!“ -- rief Philipp, als ein paar Meilen zurückgelegt waren.
„Halten -- umkehren -- warum?“
„Ich habe meine Brieftasche vergessen, worin sich mein Paß und andere höchst wichtige Papiere befinden, ohne welche ich die Reise nicht fortsetzen kann.“
„Ei, das ist fatal. Dadurch geht nicht allein sehr viele Zeit verloren, sondern auch die Pferde werden bei dem schlechten Wege und mit dieser schweren Karrete so abgetrieben, daß wir heute nicht die Hälfte der Station erreichen.“
„Weißt du bessern Rath?“
„Ja wohl, mein Herr. Wir haben noch eine kleine Strecke nach Montfort. Da bin ich bekannt, wie zu Hause. Im Augenblicke verschaffe ich Ihnen einen sichern schnellfüßigen Boten. Bis er zurückkehrt, haben die Pferde recht geruht, tüchtig gefressen, und wir können durch schnelleres Fahren die versäumte Zeit leicht ersetzen. Auch werden Sie mit einem Aufenthalte von einigen Stunden im Gasthause zu Montfort sehr zufrieden sein; man wird trefflich bewirthet, und ein Paar Mädchen sind da, so hübsch, so gutherzig -- Sie sollen es mir nachher wieder sagen.“
„Ich habe nichts dagegen, wenn du mir für einen zuverlässigen Boten bürgst. Fahre zu!“
Wenige Augenblicke nach der Ankunft in Montfort erschien ein als treu und flüchtig gerühmter Bote. Philipp schrieb ein Billet an den Schänkwirth. Der Bote trabte fort, um aus Nancy die Brieftasche zu holen, die Philipp wohlverwahrt bei sich führte. Nun ließ sich Philipp eine Flasche Wein geben, bestellte ein gutes Essen und befahl dem Kutscher, den Koffer in die Schlafstube des Wirthes zu bringen, um, wie er sagte, des werthvollen Inhaltes wegen unbesorgt sein zu dürfen. Als die Flasche zur Hälfte geleert war, äußerte er den Wunsch, die Umgebung von Montfort zu besehen, ließ sich vom Wirthe einen Punkt bezeichnen, welcher die schönste Aussicht gewähre, und bat, ihn von dort abholen zu lassen, sobald das Essen bereitet sei.
Langsam schlenderte Philipp der bezeichneten Gegend zu. Kaum sah er sich außerhalb des Gesichtskreises des Wirthshauses, als er die entgegengesetzte Richtung einschlug, und querfeld der Straße von Nancy nach Toul zu eilte. In unglaublicher Schnelle hatte er die erste Poststation erreicht, nahm auf der Stelle Courierpferde und fuhr Tag und Nacht bis nahe an die niederländische Gränze, die er, ohne das Grenz-Wachthaus vorübergehen zu müssen, irgend wo heimlich überschreiten wollte, da er zu der Gültigkeit des in Nancy ihm verschafften Passes kein rechtes Vertrauen hatte, und man in jener Zeit auf der niederländischen Grenze die strenge Einrichtung getroffen hatte, Jeden, dessen Paß nicht alle erforderlichen Bedingnisse erfüllte, entweder zurückzuweisen, oder gleich zum Soldaten zu pressen.
XXXXVIII.
Die gefährliche Einsiedlerklause.
Hegt er wohl Verdacht? Mißtraut er meinem Mitleid? -- Ja, beim Himmel, Er thäte recht; sein Werk ist abgelaufen, Sobald er über diese Schwelle tritt. Die Thüre, die er freudig sich geöffnet, Greift hinter ihm für immer in das Schloß; Kein Weg zur Freiheit und zum Leben, Nur schaudernd vorwärts zu der Schlachtbank.
~Th. Körner.~
„Der Allmächtige segne und beschütze Euch!“ -- sprach eine zitternde, schwache Stimme zu Philipp, der, in sehnsuchtsvolle Erinnerung an Josephinen versunken, mit gesenktem Kopfe dahin schritt. Er blickte auf und sah neben sich einen Eremiten mit einem wahren Apostelkopfe, dessen langer, eisgrauer Bart gegen die frische, gesunde Gesichtsfarbe des Greises sonderbar abstach. Schnell griff Philipp in die Tasche, und gab dem frommen Manne ein reichliches Geschenk. Jetzt erst bemerkte er, daß seine Versunkenheit ihn von dem Fußpfade hinweg und in ein schmales, von dicht bebuschten Höhen umgürtetes Thal geführt habe. Der Abend dunkelte schon tief herein, und Philipp, müde und nach Erfrischungen sich sehnend, fragte den Siedler, ob eine Herberge noch fern sei, und in welcher Richtung sie liege.
„Ihr möchtet wohl, edler Herr,“ -- sprach der Eremit -- „ein paar tüchtige Meilen zu wandern haben, bis Ihr die nächste Herberge erreichen werdet, und dort zu übernachten darf ich Euch wohl nicht rathen, denn die Bewirthung in dieser einsamen Waldschenke ist gar zu armselig, und der Aufenthalt für fremde Reisende größtentheils gefährlich, wegen des Gesindels, das mit dem Wirthe, ihrem Spießgesellen, häufig verkehrt. Ihr habt mich so reichlich begabt und mir, wozu ich ohnehin schon als Christ verbunden bin, dadurch die Pflicht auferlegt, Euch nach allen meinen wenigen Kräften dienlich zu sein. Gewähret mir, geehrtester Herr, die große Freude, Euch in meiner nahen Klause ein weiches Lager und ein gutes Gericht bereiten zu dürfen. Lebe auch ich nur von Wurzeln, Kräutern, Brod und Wasser, wie mir mein Gelübde befiehlt, so kann ich doch einem werthen Gaste guten alten Wein und eine leckere Speise auftischen. Die Edelleute in einem weiten Umkreise beschenken mich mit den besten Lebensmitteln, da sie wissen, daß ich, meine Gebetstunden ausgenommen, den ganzen Tag die Gegend durchstreife, um verirrte Reisende, wandernde Handwerksbursche, oder sonst arme Menschen, die des Weges sind, in meine Klause zu führen, um ihnen Obdach und Labung zu geben. Laßt meine Warnung von der Waldschenke auf dem Berge von Trillon nicht unbeachtet, meine Bitte um Annahme eines Nachtlagers in meiner stillen Klause nicht unerfüllt. Ihr sollt zufrieden von mir scheiden.“
Willig nahm Philipp des Siedlers Anerbieten an, und bald war die Klause erreicht, die am Ende des kleinen, einsamen Thales tief zwischen vorspringenden Felsen und in einem Kreise hoher, dunkler Tannen lag.
Philipp aß ein Gericht Fische und trank ein Glas Wein, wie er vielleicht nicht besser in einem der ersten Gasthöfe gefunden hätte. Wie Augenblicke flossen die Stunden hin, denn der Siedler, früher ein Kriegsmann und in der Folge viele Jahre auf der See, erzählte so angenehm, daß Philipp wünschte, die Zeit fesseln zu können, um die anziehenden Erzählungen des lieben Greises recht lange anhören zu können.
„Hätte ich doch bald über Eure werthe Gesellschaft die Erfüllung meiner täglichen Pflicht vergessen,“ -- sprach der Greis, als die Nacht einbrach, und eilte aus der Klause.
Gleich ertönte ein gellender Glockenklang. Der rückkehrende Einsiedler bedeutete dem fragenden Philipp, daß diese Glockentöne einigen, tiefer in den Bergen wohnenden Köhlern die Zeit zum Nachtgebete anzeige, wie auch durch diese Glocke die Stunde der Morgen-, Mittag- und Abendandacht bezeichnet werde.
Philipp war ein Freund von guten Weinen; er zechte tapfer und sah mit Vergnügen, daß sein gastlicher Wirth den herrlichen Rebensaft gern und reichlich spendete, während er selbst nur Quellwasser trank. So war die Mitternachtstunde herangekommen, und Philipp, dem der Kopf schwer zu werden anfing, äußerte seinen Wunsch nach einem Ruhelager.
„Dafür ist bereits gesorgt, edler Herr,“ sprach der Klausner, ergriff die Oellampe, öffnete die Thüre einer Nebenkammer und wies auf ein Lager von Moos hin, das nicht üppiger hatte sein können.
Von dem frommen Einsiedler mit Weihwasser besprengt und an der Stirne gekreuzt, wankte der Trunkene dem einladenden Mooslager zu.
Plötzlich wich der Boden unter seinen Tritten, und Philipp stürzte mit einem gräßlichen Schrei in eine Tiefe hinab. Des Siedlers gellendes Hohngelächter begleitete den Sturz.
Aller Kleider beraubt, das Haar am Hinterhaupte von Blute triefend, im nächtlichen Dunkel fand sich Philipp, als seine Besinnung wieder zurückgekehrt war. Er tappte umher und überzeugte sich bald, auf dem Grunde eines gemauerten, ausgetrockneten Brunnens zu liegen. Die Tiefe konnte nicht beträchtlich sein, da er jedes Wort, welches über ihm gesprochen wurde, deutlich hörte.
„Ich glaubte schon, daß Du ohne Fang heimgekehrt seist“ -- sprach ein tiefer Baß -- „da schon die Nacht hereingebrochen war, ehe Deine Glocke erscholl und uns das freudige Zeichen gab, einen Vogel in Deinem Garne zu wissen.“ --
„In diesem Quartale geht das Geschäft wacker,“ -- krächzte eine widerliche Stimme -- „das ist nun schon der dreizehnte, der bei lebendigem Leibe uns zu lachenden Erben macht.“ --
„Aber von Allen der Ergiebigste, ein wahrer Goldvogel,“ -- fiel jetzt die von Philipp wohlerkannte Stimme des Eremiten ein -- „denn sein Ledergurt strotzt von goldnen Uhren, Ketten, Diamanten und Münzen, vielleicht findet sich noch etwas in den Kleidern; ich habe mir nicht Zeit zum Nachsuchen genommen, da ich keinen Augenblick zögern durfte, den Fremden aus Verdün, den ich gestern hierher lockte, zu verscharren.“
„Das könnte ja jetzt auch mit diesem geschehen,“ -- bemerkte der Baß; -- „hat er sich nicht am Brunnengesteine die Hirnschale zerschmettert, so schlagen wir sie ihm ein, und dann Marsch unter die Erde.“
„Der Morgen ist bereits angebrochen,“ bemerkte der Eremit, „und schon gewöhnlich um diese Zeit schnüffelt der neue Jäger von Contry, ein mir recht fataler Kerl, in dieser Gegend umher. Führt mir auch heute das Glück einen neuen Kunden zu, so mag er sich zum alten freundlich betten und dann geht es mit dem Verscharren in einer Arbeit hin.“
„Jetzt bettle ich auf den Schlössern umher, um für den schwarzen Henri und seine wackern Gesellen irgend etwas auszukundschaften, Ihr dagegen seid regsam, Küche und Keller zu füllen; den Wein hat der gerupfte Goldvogel bis auf die letzte Flasche verschlungen und in der Vorrathskammer drohet den Mäusen der Hungertod.“
Die Mörder brachen auf, und bald herrschte in der Klause die tiefste Grabesstille.
XXXXIX.
Die Rettung.
Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus mancher Fahr und Noth.
~Schiller.~
Jedes Wort dieser raub- und blutgierigen Unholde war für Philipp ein Stück aus der Folterkammer, ein Todes-Urtheil. Aus dem nächtlichen Dunkel dieser Wolfsgrube tauchte immer schimmernder ein scheußliches Todtengerippe auf, und immer näher streckte sich nach ihm aus die vernichtende Hand des gräßlichen Skelets. Er sah nicht länger die Möglichkeit der Rettung, er sah sich nur als die sichere Beute eines grausamen Schicksals. In dumpfer Verzweiflung, nicht mehr die Schmerzen des wunden Hauptes fühlend, lag er in seinem engen, naßkalten Raume. Jetzt dachte er an jene Stunde, wo er an Josephinens Arme das Gotteshaus betreten, wo er aus der Tiefe eines reuevollen Gemüthes mit inniger Andacht gebetet, wo er sich durch sein Gebet Trost und Kraft und Ermuthigung von oben geholt hatte. Er warf sich rasch auf seine Kniee, und empfahl seine Seele in die Hände des Schöpfers, und flehete um Stärke für die nahe Stunde eines höchst leidenvollen Todes. --
Er hatte gebetet, und neue Wunderkraft floß durch sein ganzes Wesen. Es war, als ob eine Engelstimme ihm zuflüsterte: „Vertrau’ nebst Gott auf dich; die Rettung ist nahe.“ -- Diese himmlische Stimme gab ihm Muth und Kraft zu handeln. Er griff um sich her und fand so manchen Stein der Brunnenmauer morsch. Mit rascher Hand machte er Oeffnungen, in welche er die Füße setzen konnte. Von Stufe zu Stufe schwang er sich höher, bis er mit dem Kopfe an die Brunnendecke stieß. Er versuchte alle seine Kräfte, diese empor zu heben, aber ihre Schwere und Festigkeit widerstand seinen angestrengtesten Bemühungen. Unermüdet, das Möglichste versuchend, gelang es ihm, ganz oben am Rande einen Stein auszubrechen. In diesem Augenblicke erfaßte seine Hand in einer Fuge einen langen, starken, locker eingeklemmten Eisenstift. Nun ging die Arbeit rasch vorwärts. Die ausgebrochenen Steine rollten in die Tiefe, und bald schimmerte ihm durch die Spalten der Breterdecke Licht entgegen. Die Decke war morsch. Durch einen kräftigen Druck sprengte er ein Bret aus den Nägeln, und die Oeffnung hatte Raum genug, daß er sich durchzwingen konnte. Jetzt stand er in der Mörderkammer, die sich oft aufgethan hatte, um die Opfer der grausamsten Geldgierde in die Grabestiefe versinken zu lassen, und die auch für ihn ihren gräßlichen Rachen aufgesperrt hatte.
Mit verhaltenem Athem lauschend, blieb er einige Augenblicke ruhig. Nun schlich er in das Gemach der Klause. Sein erster Blick fiel auf eine Axt, die auf dem Tische lag. Der Besitz dieser Waffe ließ ihn auch die allenfallsige Rückkehr des Siedlers und seiner Blutgesellen ohne Furcht erwarten, doch eilte er, sich in Stand zu versetzen, die Klause schnell verlassen zu können. Er war im bloßen Hemde, und irgend eine Bekleidung war ihm vor allem das Nöthigste. Schon hatte er die ganze Klause durchstöbert, ohne etwas zu finden, als es in der kleinen Vorrathskammer unter seinem Tritte wie hohl erklang. Der Boden der Kammer war mit Backsteinen gepflastert, doch schien Philipp, als wären die Steine nicht gehörig zusammengefügt. Er sah recht genau nach und fand eine auffallend weite Fuge. Mit Leichtigkeit hob er einen Stein aus, dann wieder einen, dann mehrere, und sah nun im Grunde eine verschlossene Kiste. Er sprengte sie mit der Axt, und fand nebst verschiedenen Kleidungsstücken eine vollständige Capuzinerkutte mit dem Gürtelstricke, ein Paar Sandalen und einen langen, falschen Bart. Schnell entschlossen, in dieser Vermummung fortzuwandern, suchte er nach seinen Kleidern, fand diese nicht, wohl aber einen Beutel mit Geld.
In wenigen Augenblicken war er zum Capuziner umgewandelt. Ein Brod und ein Fläschchen mit Branntwein, das er in der Tischlade fand, waren ihm sehr willkommen. Er steckte den Fund zu sich, schlang ein Tuch um seine Kopfwunde, zog die Caputze darüber tief in die Augen, barg die Axt unter den langen Mantel, trat nun, vorsichtig umherspähend, aus der Klause und schlug seinen Weg nach dem nahen Walde ein.
Ohne zu wissen, in welcher Gegend er sei, wo zu Brüssel liege und ob er in diesem Walde einen gebahnten Weg finden werde, eilte er immer geradezu, fand glücklich nach ein paar Stunden einen Fahrweg, fühlte sich aber nun von den Folgen der nächst vergangenen Ereignisse, von dem angestrengten Gange unter der drückenden Schwere der Capuzinerkutte, und von der Schwüle des Tages so angegriffen und ermattet, daß er in das nächste Gebüsch am Fahrwege kroch, und bald in den tiefsten Schlaf verfallen war.
Es begann schon zu dunkeln, als Philipp erwachte, und zwar einen brennenden Schmerz in der Kopfwunde, sich aber sehr gestärkt fühlte. Mit der schönen Empfindung wahrer, kindlicher Dankbarkeit gegen den allbarmherzigen Gott warf er sich auf seine Kniee, und pries seinen himmlischen Retter aus tiefbewegtem Herzen, gelobte alles Gute und flehete um eine leitende, bewahrende Vaterhand auf dem Pfade der Tugend. Unter Thränen freudiger Rührung hatte er innig gebetet. -- O, wäre er doch immer der fromme, vertrauende, nach dem Guten strebende Mensch geblieben! --
Nachdem sich Philipp mit Brod und Branntwein gelabt hatte, wanderte er fort, unbekümmert, wohin dieser Fahrweg führe, da er sich kräftig genug fühlte, bis zum ersten Orte, und wenn er auch viele Meilen entfernt liege, ununterbrochen fortzuwandern, zumal da die liebliche Kühle der einbrechenden Nacht und das strahlende Licht des Vollmondes die Wanderung recht angenehm machten.
Er war lange gegangen; jetzt sah er sich am Ende des Waldes und vor sich eine weite Fläche, von des Vollmondes magischem Lichte überflossen, und aus den Silberwellen der Matten und Fluren schimmerte ihm der hohe, weiße Thurm einer Kirche entgegen. Die Thurmuhr schlug, er zählte 10 Schläge und eilte dem Orte zu. Es war das große und volkreiche Dorf Contry, welches er betrat.
Nahe am Eingange des Dorfes kündigte sich ihm ein stattliches Gebäude durch mehrere davor aufgefahrne Frachtwagen, und durch die Beleuchtung und das Gelärme im Erdgeschosse als einen Gasthof an. Er trat in die Zechstube. Wie mit einem Zauberschlage machte Philipps Eintritt alle Schreier, Sänger und Sprecher verstummen. Alles fuhr auf, riß die Hüte ab, und verneigte sich tief vor dem Eintretenden. Philipp konnte sich diese allgemeine Devotion nicht erklären; er dachte im Augenblicke nicht an seine hier hochgefeierte Capuciner-Kutte, und besann sich erst darauf, als ihn die Wirthsleute mit einem ehrfurchtsvollen: „Hochwürdiger Herr Pater“ begrüßten. Philipp erbat sich einen Führer nach der Pfarre, wohin der Wirth selbst alsogleich ihn geleitete.
Mit der Predigt des nahen Sonntags beschäftigt, ging der Pfarrer in seiner Studirstube auf und nieder, als ihm die Ankunft eines Capuciners gemeldet wurde. Schnell eilte er dem geistlichen Mitbruder entgegen, wurde aber sehr überrascht, da Philipp sich ihm als ein gewöhnliches Weltkind ankündigte und sein gräßliches Abenteuer aus der Nacht in der Mordklause erzählte. Auf der Stelle ließ der Pfarrer den Dorfrichter rufen, und theilte ihm Philipps Aussage mit. Man kam anfangs dahin überein, ungesäumt einen Boten mit schriftlichem Berichte an das nächste Crimminalgericht zu senden, als sich Philipp antrug, die Anzeige persönlich zu machen, wenn vorher seine Wunde gehörig verbunden, er mit Speise und Trank erquickt und nach dem Sitze des Crimminalgerichts gefahren werde.
Das Anerbieten fand Beifall. Es wurde nach dem Wundarzte geschickt, der Dorfrichter ging, seinen eigenen Wagen mit seinen besten Pferden bespannen zu lassen, und in der Küche wurde schnell ein gutes Nachtessen bereitet.
Der Pfarrer wollte das Mönchskleid nicht länger am Leibe eines Weltmenschen profanirt sehen. Philipp erhielt dafür von dem Priester einen vollständigen, recht guten Anzug, durch den Wundarzt einen schmerzstillenden Verband seiner Wunde, aus den schnellen Händen der geschickten Köchin ein leckeres Mal mit trefflichem Weine, und fuhr nach einer Stunde an der Seite des Dorfrichters dem Criminalgerichte zu. --
Schon auf der Flucht aus der Klause war Philipp fest entschlossen, zur Zerstörung dieser Mordhöhle das Möglichste aufzubieten. Ungeachtet er vermuthen konnte, daß man in der Gegend umher, gewiß auch am Sitze des Gerichtes, diese Klause, in örtlicher Beziehung wenigstens, kenne, so wollte er doch ihres Wiederfindens recht sicher sein. Von seinem Eintritte in den Wald an bis zur großen Buche am Fahrwege, wo er im Gebüsche der Ruhe pflog, hatte er in kleinen Zwischenräumen die Bäume mit seiner Axt bezeichnet. Er hatte dadurch eine sehr kluge Vorsorge getroffen, denn der Criminalrichter wußte von keiner Siedlerhütte in seinem ganzen Gerichtsbezirke. Ein Wagen wurde, als Philipp seine Anzeige geschlossen hatte, schleunigst mit wohlbewaffneten Häschern besetzt, in einer leichten Chaise fuhr der Criminalrichter mit Philipp voran; es mußte der Weg über Contry genommen werden, da sich Philipp von da aus am besten orientirte. Mit Tagesanbruch war die Buche am Fahrwege erreicht. Man setzte ab; still und eilig ging es nun durch den Wald, Philipp an der Spitze.
Der Wald war zu Ende, und die Felsengürtung sichtbar, in deren Winkel die Klause lag. Der Criminalrichter ließ dieselbe umringen; man sprengte die Thüre; es fand sich alles, wie Philipp angegeben hatte, aber kein Siedler, und immer mehr die Ueberzeugung, daß der Mörder für immer entflohen sei, denn alles, was leicht hinweg gebracht werden konnte, war verschwunden.
Der Criminalrichter ließ den Brunnen verschütten und in die Klause Feuer werfen. Bald war die Mordhöhle bis auf den Grund niedergebrannt.
L.
Zusammenkunft mit Josephinen.
Wo bleibst Du? -- Meine Arme strecken Sich liebevoll nach Dir in leerer Luft, Das Auge, das nur Deine Züge sucht, Kehrt traurig aus der düstern Dämmrung wieder. Was bist du für ein räthselhaft Gefühl, Du zitternde Erwartung naher Freude.
~Th. Körner~.