Part 18
„Die drei Tage,“ -- begann Blondell und stieß mit seiner Frau auf eine nahe, bessere Zukunft an -- „die ich mit Lips Tullian außer dem Hause zubrachte, waren eine ergiebige Ernte. Lips Tullian hat das Glück gehabt, in allen Schenken, wo er zusprach, spiellustige Leute zu finden, immer dumme Teufel, denen mein gewandter Zögling auf die feinste Art die Börsen leerte. Mir war das Glück darin hold, daß ich dem Chevalier Ritton zwei falsche Wechsel von bedeutender Summe bei dem Juden Samuel Levi in blankes Gold umsetzte, zu seiner schnellen, geheimen Flucht eine Post-Chaise vor das Thor besorgte, und ihn wohl vermummt aus der Stadt und den scharfen Augen seiner lauernden Gläubiger brachte, wofür mich der Dankbare mit dieser Rolle von 100 Dukaten begabte.
Das war ein Coup zu rechter Zeit, denn sonst hätte uns der Flegel von Hauswirth für die rückständige Miethe vielleicht schon morgen auf die Gasse geworfen, und unsere Garderobe möchte wohl der gutherzige Trödler nicht um einen halben Thaler kaufen.
Morgen, liebe Canton, miethen wir eine bessere Wohnung, mit einer Hinterthüre in ein abgelegenes Gäßchen, auf einem mehr besuchten Platz, um unsere Geschäfte mit einiger Ostentation und mit größerm Umfange betreiben zu können, kaufen Meubles, Kleider, Wäsche, einige Nippes, und treffen unsere Einrichtungen so, daß wir in unserer Wohnung wieder Zusammenkünfte veranstalten können, die in diesem Hundeloche von Quartier für anständige Leute sich nicht machen ließen.“
Frau Blondell ward entzückt von dieser Rede. Nun hatte sie die glänzende, glückliche Aussicht, durch elegante Wohnung und elegante Kleidung wieder in ihre so liebe Sphäre zu treten, mit verbuhlten Frauen und begehrlichen Männern verkehren zu können, und zwar in der von ihr so wohl einstudirten Rolle einer gewandten und listigen Kupplerin.
Mit Verachtung sah sie auf das armselige Klüftchen hin, an dem sie viele Stunden so emsig geflickt und gestickt hatte, um am nächsten Abend das lange geruhte Geschäft wieder aufnehmen und einige lumpige Thaler erwerben zu können. Sie sah sich schon im Geiste als die hochgefeierte Freundin vornehmer Damen und Herren, und eine unversiegbare Goldquelle in ihren Säckel fließen.
„Auch mit Lips Tullian hätte ich Großes vor,“ -- fuhr Blondell fort und füllte die Gläser -- „aber das Gewissen -- das Gewissen.“
„Du und Gewissen!“ -- lachte die Trunkene und leerte ein volles Glas in einem Zuge -- „Was Lips Tullian von dir bereits gelernt hat, ging doch nur aus einem Lehrer hervor, der bei solchem Unterrichte das Gewissen bei Seite gestellt hatte.“
„Daß ich Lips Tullian mit Karten und Würfeln gewandt umgehen lehrte -- was man in der großen Welt _corriger la fortune_[36] nennt -- daß ich ihn im Oeffnen versiegelter Briefe und noch einigen Kleinigkeiten unterrichtete, dessen darf ich mich als der Ausübung einer Tugend, einer negativen, rühmen. Verliert der Spieler öfter, und nicht unbedeutend, so kommt er zur Besinnung, und von der verderblichen Spielleidenschaft zu einem geregelten Leben zurück, während der Gewinnende für nichts als für die Fortsetzung des Spieles Sinn hat, seine häuslichen Angelegenheiten, wie auch seine Gesundheit zerrüttet und trotz des gewonnenen Geldes zum Elend herabsinkt. Ich kenne einige, die mein kunstfertiger Lips Tullian so ausgesäckelt hat, daß sie, sonst leidenschaftliche Spieler, jetzt Karte und Würfel auf das unversöhnlichste hassen, und fleißige, ordnungsliebende Menschen sind. Auch das gewandte Oeffnen fremder Briefe führt oft große Verdienste um den Staat, um Familienwohl herbei. Dadurch wird so mancher Schleier gelüftet, worunter staatsgefährliche Menschen gegen die Regierung, ungetreue Beamte gegen ihre Herrschaft, liederliche Söhne und Töchter gegen das Vermögen, gegen die Ehre und die Lebensruhe ihrer guten Eltern machiniren. Was ferner“ --
[36] Das heißt wörtlich: Das Glück verbessern.
„Laß mich zu gelegenerer Zeit Deine sophistische Rednergabe bewundern, und mich an Deinem frechen Witze ergötzen; nun aber sage, was Großes Du mit Philipp vorhast.“
„Du kennst die Wittwe Lehmann und das felsenfeste Vertrauen, welches sie, trotz der gehässigsten Einflüsterungen meiner vielen Feinde, zu mir gefaßt hat. Vor Kurzem ererbte sie ein Gartenhäuschen in der Rupprechtsau und will es nun für immer beziehen, aus purem Geiz, damit sie die Miethe in der Stadt erspare. Dagegen kämpft in ihr die Sorge für den bedeutenden Schatz, welchen sie an Diamanten, goldnen Uhren, Ketten, seltenen Goldmünzen und Silbergeräthen besitzt, und dessen Sicherheit sie in dem abgelegenen Gartenhäuschen zu gefährlich bedrohet glaubt. Ihr Geiz hat ihr bisher nicht gestattet, mehr als eine alte, begnügliche Magd zur Bedienung zu haben. Nun sucht sie, aus Furcht vor Dieben, einen jungen, kräftigen, muthigen Burschen, der reichlichen Lohn, die beste Pflege, aber die Verbindlichkeit haben soll, bei Tage das Gartenhäuschen nur äußerst selten zu verlassen, und des Nachts immer gekleidet und wachsam zu sein. Mich hat sie recht dringend gebeten, solch einen tüchtigen Schützer in ihre Dienste zu bringen. Gleich bestimmte ich in Gedanken diese Stelle für Lips Tullian. Der Bursche ist nun 17 Jahre alt, groß und kräftig, wie ein Mann, und im Dienste dieser furchtsamen, geistarmen Frau für uns ein reiches Kleinod, denn seiner Gewandtheit wird es ein Leichtes sein, von Zeit zu Zeit die Kleinodien, Goldmünzen und Silbergeräthe seiner überreichen Herrin aus ihren altväterischen Schränken in unsere modernen wandern zu lassen.“ --
„Diese Aufgabe möchte wohl nicht so leicht zu lösen sein, da sich von dem Geize, von der Furcht und dem Mißtrauen der Wittwe Lehmann mit Grund erwarten läßt, daß sie ihre festen Schränke wohl verschließt und die Schlüssel mit großer Sorgfalt bewahret.“
„_Ma chère Caton_, es scheint, daß Du mit einer neuen Kunstfertigkeit unseres wackern Lips Tullians noch nicht bekannt bist. Der kluge Bursche mochte wohl recht ernst in die Zukunft seines Lebens hinein geschauet und da erblickt haben, daß es für ihn sehr günstig sei, sich mit fremdem Eigenthume vertraut machen zu können, ohne die rohe Gewalt eintreten und Verdacht und Verrath sich gestalten zu lassen. Aus diesem klugen Hinblicke erschuf sich in ihm der Entschluß, ein Bischen im Schlosserhandwerke zu stümpern. Daher kam seit zwei Jahren sein uns befremdender, vertrauter Umgang mit allen Schlossergesellen von ganz Straßburg, und gleichsam tändelnd hat er sich bei seinem häufigen, mit Unbefangenheit und wie zum Zeitvertreibe gepflogenen Besuche der Schlosserwerkstätten so viele Kenntnisse und Fertigkeit gesammelt, daß er vor jedem Altgesellen dieser Innung in der Probe bestehen würde. Wie durch Zauberschläge werden die Lehmannischen Schätze aus ihren wohlverwahrten Behältern entschweben, und sich freundlich bei uns niederlassen!“ --
Die würdige Gattin belobte und billigte des heillosen Eheherrn speculatives Vorhaben, aber sie hatte dem lange vermißten Rebensafte so eifrig gehuldigt, daß Sprache und Haltung ihr zu versagen begannen und die Trunkene ihrem armseligen Lager zuwankte.
XXXXV.
Philipps erstes Debut.
Ja, fürwahr die Hölle bindet Fest, was einmal sie gefaßt. Wie die Nadel, wenn sie hat Den Magnet berührt, nach Norden Ewig ihre Spitze drehet, Kehrt, wer einmal bös gethan, Ewig seinen Sinn zum Bösen.
~Müllner.~
Wittwe Lehmann konnte sich nicht satt genug schauen an dem hochgewachsenem kraftvollen Philipp, der, von seinem Mentor vorher bearbeitet, gar schreckliche Dinge erzählte, wie er ganz allein schon die furchtbarsten Räuber gefangen und wie viele Einbrüche er durch seine Gegenwehr vereitelt habe. Bei diesen Gasconaden ließ der junge Spitzbube sein großes, feuriges Auge so gräßlich rollen, und schlug mit den nervigen Armen so heftig um sich, daß die gute Wittwe in ihm einen vom Himmel gesandten Schützer ihrer Habe sah, ihn auf der Stelle unter den vortheilhaftesten Bedingnissen in ihren Dienst nahm, und dem wortreich bedankten Freund Blondell ein Geschenk machte, welches mit ihrem ausgezeichneten Geize in auffallendem Widerspruche stand.
In träger Unthätigkeit, gut und überreichlich mit Speise und Trank bewirthet, und in den Nächten von Zeit zu Zeit seine Wachsamkeit recht schlau bemerkbar machend, hatte sich Philipp in kurzer Zeit das Vertrauen der Wittwe Lehmann begründet, und würde es auch verdient haben, wäre sein späteres Handeln mit dem bisherigen im Einklange gewesen.
Aber nun war der bereits an Ausübung schlechter Streiche zu sehr gewöhnte Bursche dieser Unthätigkeit überdrüssig. Er benutzte die Morgenstunde eines Sonntags, in welcher seine Gebieterin, wie gewöhnlich, die Kirche besuchte, und die Magd sehr beschäftigt war, durch das offene Fenster in das Schlafgemach der Wittwe zu steigen, den großen, wohlverwahrten Nußbaumschrank, der die reichen Schätze enthielt, mittelst seiner Instrumente zu öffnen, und so manches Werthvolle zu entwenden. Noch war er aus Klugheit in seinem Raube mäßig, um die Sache nicht gleich zu auffallend zu machen.
Sei es nun, daß die Wittwe ihre Diamanten, Uhren und Ketten vom feinsten Golde, ihre seltnen Goldmünzen und Silbergeräthe nie gezählt hatte, oder das Entwendete nicht vermißte; es ist Thatsache, daß Lips Tullian dreimal und immer reichhaltiger stahl und nie erscholl ein Zetergeschrei der Beraubten, ungeachtet es eine Lieblingsunterhaltung dieser Frau war, manche Stunde ihre Schätze zu betrachten und darin zu kramen.
Eines Morgens wurde Lips Tullian durch ein heulendes Geschrei der Magd aus dem Schlafe geweckt. Er eilte herbei und fand die Wittwe vor dem geöffneten Nußbaumschranke todt niedergestreckt. Seinen raubgierigen Augen schimmerten Edelsteine, Gold und Silber mit lockendem Glanze entgegen; schon keimte in der schwarzen Seele des 17jährigen Verbrechers der gräßliche Gedanke auf, die Magd zu erwürgen, und mit diesen reichen Schätzen zu entfliehen.
Aber das gellende Geheul der treuen, untröstlichen Dienerin hatte bereits einige Vorübergehende an das Fenster gelockt.
Unter diesen war ein Polizeibeamter, der auf der Stelle in das Gemach trat, Philipp nach einem Arzt sandte und das Gehörige verfügte.
Der Arzt kam und erklärte einen Schlagfluß als die Ursache des plötzlichen Todes der Wittwe Lehmann.
Es mag wohl kein Zweifel sein, daß die Unglückliche jetzt so manches ihrer Kleinodien vermißte, strenge Heerschau hielt und vom Schrecken über die große Anzahl der Außreißer getödtet wurde.
XXXXVI.
Die erste Gefangenschaft.
Dem Bösewicht muß ein Kerker Hölle sein, Der Unschuld ist er nichts, als Eisen, Holz und Stein.
~Haug.~
Es mochten schon vier Jahre nach dem Tode der Wittwe Lehmann verflossen sein, als Lips Tullian eines Tages in einem Weinhause überreichlich dem Weine zusprach. --
Unter den von ihm geraubten Gegenständen befanden sich Ringe mit Diamanten, goldene Uhren, goldene Ketten und ein Paar Brustnadeln mit guten Steinen.
So eitel Philipp seit einiger Zeit war, da er von vielen lüsternen Frauen und Mädchen ob seiner Schönheit sich immer mehr gefeiert sah, und so gern er sich putzte, so war er doch klug genug, nie das Mindeste der geraubten Nippes als Schmuck an sich zu tragen, um keine Aufmerksamkeit und keinen Argwohn zu erregen. Heute hatte er reichlich gezecht; die Trunkenheit machte ihn jede Vorsicht vergessen und in übermüthiger Laune zog er eine werthvolle Repetiruhr hervor, gegen die Umhersitzenden prahlerisch sich äußernd, daß er diese Uhr um 20 Louisd’or gekauft habe, sie aber gern mit einem bedeutenden Verluste hingeben würde, da er an ihr kein Vergnügen mehr habe.
Flüchtig blickten die Weingäste darauf hin, nur einer erbat sie sich zum genauern Beschauen, um vielleicht einen Handel abzuschließen. Der Gast betrachtete die Uhr mit großer Aufmerksamkeit, bot 16 Louisd’or dafür, erklärte, nicht so viel Geld bei sich zu haben, solches aber in kurzer Zeit zu bringen, und ersuchte den Wirth, für ihn Bürgschaft zu leisten. Willig bürgte dieser und mit einem vornehmen Lächeln nickte Philipp seine Einwilligung dem Gaste zu, worauf dieser schnell mit der Uhr sich entfernte.
Bald erschien er, von einem Manne begleitet, dem er durch einen Wink Philipp bezeichnete. Der Mann näherte sich diesem und erbat sich mit gebieterischem Tone dessen Begleitung.
Erbleichend und mit bangen Ahnungen erkannte Philipp in dem unberufenen Bittsteller einen gefürchteten Satelliten der Justiz. Schweigend folgte er ihm, und sah mit Entsetzen, daß er den Weg nach dem Rathhause geführt werde.
Er wurde auf die Wachstube gebracht und nach einer Stunde, die er unter aufmerksamer Bewachung und dem strengen Gebote des Schweigens zubringen mußte, ertönte eine Glocke, und auf dieses Zeichen führte ihn sein Begleiter über eine Wendeltreppe in ein Gemach, worin er sich vor der Stadt Oberrichter sah. Von diesem wurde er gefragt, wie er zu dieser Uhr, die der Ober-Stadtrichter ihm vorzeigte, gekommen sei, und wie er sie als sein rechtmäßiges Eigenthum darthun könne.
Philipp stotterte eine Erzählung hervor, die aber so lückenhaft und an Widersprüchen so reich war, daß der den Verbrecher durchschauende Richter ihm zu schweigen und den Eintritt des Angebers gebot.
Dieser erschien, und wiederholte seine dem Stadt-Oberrichter schon früher vorgetragene Aussage: „Er sei, wie allgemein bekannt, ein Uhrmacher, habe schon seit vielen Jahren die Uhren der verstorbenen Wittwe Lehmann zu besorgen gehabt, und diese erst ein Paar Wochen vor dem Absterben der Wittwe ausgebessert; auch wisse er, daß, nebst noch einigen Uhren, gerade diese von den Erben vermißt werde, indem die Wittwe Lehmann ein genaues Verzeichniß über ihre werthvollen Effekten geführt, am Schluß jedes Monats darin jeden erkauften Gegenstand aufgeführt, übrigens aber, wie zu allgemein bekannt sei, nie eine einmal erkaufte Sache wieder verkauft oder vertauscht habe.“
Philipp war wieder so viel zur Besonnenheit gekommen, seine vorige Erzählung als unwahr zu erklären und mit hartnäckiger Frechheit zu behaupten, die Wittwe Lehmann habe ihm einige Tage vor ihrem plötzlichen Tode diese Uhr als eine Belohnung für seine treuen Dienste zum Geschenke gemacht. Der Stadt-Oberrichter erklärte, die Sache streng zu untersuchen, und gebot dem Polizeidiener, Philipp in das Gefängniß zu führen.
Der Weg dahin ging über einen langen, düstern, abgelegenen Gang. Philipp hatte wieder seine volle Besonnenheit und seinen frühern Muth gesammelt; es ward ihm klar, daß, einmal über die Schwelle des Gefängnisses getreten, er nur von dieser über die des Zuchthauses trete, daß ihn nur eine rasche That, eine schnelle Flucht retten könne. Mit scharfem Auge maß er von der Seite seinen Begleiter, er fühlte sich, ihm an körperlicher Kraft überlegen zu sein. Mit der schnellsten Bewegung und mit riesiger Stärke faßte er den Arglosen an der Kehle und warf ihn mit solcher Gewalt zu Boden, daß vom Kopfe und aus dem Munde des Hingeworfenen das Blut strömend floß.
Ohne das Innere des Rathhauses zu kennen, eilte Philipp mit beflügelten Schritten gerade zu, fand eine schmale, abwärts führende Treppe, und am Ende derselben einen hoch umbauten Vorhof mit einem verschlossenen Pförtchen.
Fest entschlossen, das Schloß des Pförtchens zu erbrechen, bückte er sich eben nach einem Steine um es damit zu zertrümmern, als das Pförtchen von außen aufgeschlossen wurde, und durch selbes eine Weibsperson mit gefüllten Wassergefäßen eintrat. So unbefangen und langsam, als habe er ein Recht zum Gange durch dieses Pförtchen, ging Philipp an der Wasserträgerin vorüber, grüßte sie freundlich und schlug das Thürchen in das Schloß. Nun eilte er im raschen Laufe dem nächsten Thore zu, erreichte glücklich die Barriere und sagte seiner Vaterstadt und seinen vortrefflichen Großeltern für immer Valet.
XXXXVII.
Josephine.
Liebe kann trösten, helfen, retten, Liebe zersprengt die stärksten Ketten, Stürzt die höchsten Mauern um.
~Kotzebue.~
Der Abend war hereingebrochen, und eine Postchaise mit einem Reisenden rasselte an Philipp vorüber. Im Augenblicke hatte er sich auf das leere Packbrett geschwungen. Von seinem Sitze aus hörte er mit geheimer Freude, wie der Reisende den Postillon durch das Versprechen eines sehr guten Trinkgeldes zur schnellen Fahrt ermunterte, mit der Aeußerung, daß höchst dringende Geschäfte ihn bis zur Ankunft in Nancy nicht den kürzesten Aufenthalt gestatteten.
Vor der nächsten Poststation sprang Philipp vom Packbrette, eilte während des Umspannens voran, schwang sich dann wieder auf seinen Sitz, und trieb es so bis vor die Thore von Nancy.
Unbemerkt schlich er, während der Reisende am Thore in Frage genommen wurde, an der Wache vorüber, und spähete nun begierig nach dem Aushängeschilde eines nahen Gasthofes, denn er hatte die wohlfeile Fahrt auf Kosten seines Magens gemacht und war von seinem steinharten Sitze so durchgerüttelt, daß er nur mit Mühe sich fortschleppte.
Auch im Auffinden eines für seine Lage geeigneten Gasthofes hatte ihn das Glück begünstigt. Der Gasthof war eine Kneipe der niedrigsten Art, wo der Wirth den Fremden nicht mit fatalen Fragen nach Paß oder Ausweisung molestirte, sondern jedes, auch noch so verdächtigen Zuspruchs froh war und seinen, oft von der Justiz etwas befeindeten Gästen durch Rath und That aus allen Verlegenheiten möglichst half, wenn er nur bei seinen Schützlingen klingende Münzen witterte.
Philipp sah in der Zechstube Gesichter, bei deren Anblick brave Leute die Hände nicht aus der Tasche gebracht hätten. Aber Philipp fühlte sich wohl und ruhig im Umkreise dieser Galgen-Physiognomien, deren ähnliche er größtentheils zu seiner vertrautesten Gesellschaft in den Straßburger Kneipen gezählt hatte. Zufrieden setzte er sich an ein leeres Seitentischchen, forderte eine Flasche Wein, vom besten, der in diesem Hause sich finde, bestellte ein gutes Mahl, ein eigenes Zimmer mit Bett, und reichte dem Wirthe einen Doppel-Louis, mit dem Ansuchen, ihm Münze zu geben, da er damit nicht versehen sei. Beim Anblicke des blanken Goldstückes wurde der freundliche Wirth noch freundlicher und Philipp mit der größten Aufmerksamkeit bedient.
Auf seinem Zimmer vertraute er dem Wirthe, in Paris als Offizier bei der Garde gestanden, im Duell einen Kameraden niedergeschossen und deswegen die Flucht ergriffen zu haben; er sei, außer diesem Anzuge, ohne Kleider und ohne Wäsche, jedoch hinlänglich mit Gelde versehen, um reichlich zu bezahlen, wenn ihm nur das Nöthige schnell beigeschafft werde. Schon in einer Stunde sah sich Philipp im Besitze eines ganz neuen, vollständigen Anzuges und feiner Leibwäsche, auch, unter dem Namen Mengstein, mit einem Passe nach Brüssel versehen, den ihm der Wirth durch seine geheime Verbindung mit einem geldfeilen Sicherheitsbeamten verschafft hatte.
Alles dieses nahm eine bedeutende Summe in Anspruch, die aber für Philipp nur eine Kleinigkeit war.
Von seinem Raube bei der Wittwe Lehmann hatte er blos das Silbergeräthe an Blondell abgeliefert, gegen welchen er die Entwendung der Diamanten, Uhren und Goldmünzen verheimlichte und dessen Begierde darnach immer durch Verheißungen zu beschwichtigen wußte.
Er kannte sein Leben und die Gesetze zur Genüge, um zu wissen, daß er keine Stunde sicher sei, von der Hand der Gerechtigkeit erfaßt zu werden; er mußte jeden Augenblick einer schleunigen Flucht gewärtig und daher im Besitze der Mittel sein, unverzüglich und in ein fernes Land fliehen zu können. Daher trug er die geraubten Sachen immer bei sich, theils in seinen Unterkleidern eingenäht, in einem Ledergurte, den er um den bloßen Leib trug; nur einige der seltenen Goldmünzen hatte er, mehrere Stunden von Straßburg und auf verschiedenen Plätzen gegen Gold verwechselt, um sowohl für die gewohnte schwelgerische Lebensweise, als auch für den Fall einer schnellen Flucht mit baarem Gelde versehen zu sein.
Nur eine Nacht in Nancy zu bleiben, und dann nach den Niederlanden zu eilen, war Philipps Entschluß, der aber an einem heftigen Fieber scheiterte, welches ihn eine Stunde vor seiner Abreise so plötzlich und mit solcher Gewalt ergriff, daß er ihm erliegen zu müssen befürchtete. Beinahe einen vollen Monat mußte er ärztliche Hülfe gebrauchen, und dann noch aus Mangel an Kräften zwei Wochen zur Erholung in dieser Schenke weilen.
Josephine, des Wirthes Stieftochter, ein schönes, sanftes, stilles Mädchen, pflegte des Kranken mit der liebevollsten Sorgfalt. Sie wachte, während des gefährlichsten Zustandes, ganze Nächte an seinem Lager, und als Philipp wieder fähig war, seine sorgliche Pflegerin genauer zu beobachten, überzeugte er sich mit einem recht angenehmen Gefühle immer mehr, daß diese Sorge um ihn, der thränenreiche Schmerz bei seinen Leiden, die herzliche Freude über seine herannahende Genesung, die innigen Blicke, mit denen ihr blaues, sanftes Auge stets auf ihm ruhete, das Zittern ihrer Hand, wenn er sie in die seinige schloß, und die Thränen, die, so oft er von seiner Abreise sprach, über die erbleichenden Wangen flossen, aus einem warmen, liebenden Herzen kamen.
Auch er fühlte von Stunde zu Stunde eine heißere Neigung für die schöne, sanfte, liebende Josephine. Philipp hatte die Blüthen seiner Unschuld in den Armen lüderlicher Dirnen abgestreift; aber er hatte noch nie geliebt. Josephinens keusche, schweigende Liebe goß auch in seine Brust dieses himmlische Gefühl, und eine bessere, immer lauter werdende Stimme sagte ihm, daß nicht Sinnlichkeit, sondern eine tugendhafte, innige Neigung zu einem unentweihten Wesen des Lebens höchstes Glück sei.
Er gestand Josephinen die Gefühle seines Herzens. Mit einem süßen Erröthen sank sie an seine Brust und das Geständniß ihrer heißen, treuen Liebe floß über die keusche Lippe der holden Jungfrau.
Die Liebe that Wunder. Philipp, von zarter Jugend an durch schlechte Erziehung, durch die Verführung und die verderblichen Beispiele eines lasterhaften Blondell, durch eigene, immer mehr erwachsende Neigung zum Bösen, schon in der Blüthe des Lebens ein Bösewicht, ein Verbrecher, ein höchst gefährlicher Mensch, begann nun, so oft er von Josephinens frommen, seelenvollen Augen hinweg einen Blick auf seine Vergangenheit warf, immer mehr vor sich selbst zurück zu schaudern. Er fluchte der Vergangenheit, er gab sich mit heiß bereuendem Gemüthe den tugendhaftesten Vorsätzen hin; er wankte am ersten Tage, da er das Krankenlager verlassen konnte, an Josephinens Arm in die Kirche, und der Verbrecher, der seit seinen Schülerjahren nie das Haus des Herrn besucht, nie an Gott gedacht hatte, betete nun mit der tiefsten Inbrunst, und strömende Thränen verbürgten die Innigkeit seines Gebetes, seiner Reue, seiner frommen Entschlüsse. Mit noch nie gefühlter Ruhe seines Innern verließ er das Gotteshaus.
Je näher der Tag seiner Abreise heranrückte, desto schwermüthiger wurde Josephine. Laut weinend und heftig zitternd warf sie sich oft in seine Arme. Auch Philipp war bei dem Gedanken der Trennung von Josephinen außer sich; er fühlte ohne ihren Besitz nie glücklich werden zu können. Doch ward ihm immer klarer, daß nicht nur der Schmerz über das nahe Scheiden, sondern auch ein schwerdrückendes Geheimniß Josephinen so untröstlich, und das sanfte, stille Mädchen oft wie zur wüthenden Wahnsinnigen machte.
Dies war immer der Fall, so oft in ihrer Gegenwart der Wirth in Philipps Stube trat. Da erbleichte sie, hörbar schlugen ihre Zähne zusammen, gräßlich starrte sie nach dem Stiefvater hin, und schon einigemal hatte sie ein scharfes Messer gefaßt, mit einer Heftigkeit, mit so wilden, drohenden Geberden, die Philipp befürchten ließen, jeden Augenblick in ihr eine Mörderin zu sehen.
Aus diesem furchtbaren Hasse gegen den Stiefvater ahnte Philipp ein schreckliches Geheimniß; auch bemerkte er seit dem Tage seines ersten Ausganges, daß, sobald Josephine nur einige Augenblicke bei ihm war, der Stiefvater oder die Mutter, oder eine alte Base unter irgend einem Vorwande eintraten; er rechnete diese Störung des Vaters oder der Base blos einer tugendhaften Sorge für die Unschuld Josephinens zu.