Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Part 16

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Mit Freude erblickte Lips Tullian in dem freundlich begrüßenden Wirthe den nämlichen, der bei seiner Anwesenheit zu Prag hier die Wirthschaft getrieben hatte, und auch ihn erkannte der Wirth nach einem scharfen Beschauen, sich wohl erinnernd der hübschen Summe, die bei ihm der schmucke Schlossergeselle vergeudet hatte, daher sich der Ankunft des fröhlichen Gastes hoch erfreuend.

Ein traulicher Handschlag verbürgte stillschweigend die Erneuerung sonstiger Vertraulichkeit, und als der Wirth Lips Tullian fragte, wo er sein Gepäcke habe, hätte ihm dieser mit Bias antworten können: „_Omnia mecum porto._“ Er verständigte den Frager nur flüchtig, daß sein Koffer nachkomme, und erbat sich mit einem bedeutenden Winke ein apartes Zimmer, in welches ihn nebst Margarethen der Wirth schleunigst führte.

Das Zimmer war recht bequem eingerichtet, der Tisch gleich mit Wein und kalter Küche besetzt, und Lips Tullian nahm sich vor, hier einige Tage nur der Tafel und Ruhe sich zu ergeben, und dann erst den Verkauf seiner Kostbarkeiten zu besorgen, wie auch ein kleines Nebengeschäft zu versuchen, um Prag nicht ohne Gewinn zu verlassen. --

Am andern Morgen erzählte ihm der Wirth, daß er außerhalb der Stadt noch einen kleinen Gasthof besitze, wo sich Abends junge, reiche Leute versammelten, um in dem abgelegenen Gartenhause Hazardspiele zu treiben, da diese in der Stadt seit einiger Zeit sehr verpönt seien; übrigens werde dort Niemand zugelassen, für den nicht der Wirth selbst, in Beziehung auf Verschwiegenheit und Spielmittel, Bürgschaft leiste.

Lips Tullian, durch Verkauf seiner Kleinodien im Besitze einer sehr bedeutenden Summe, und von der Lust gereizt, wie in Spaa glänzend zu erscheinen, stattete sich und Margarethe mit Kleidern und Pretiosen aus, in welchen nur Reiche und Vornehme sich zeigen können.

Als Baron Horn mit Gemahlin, im Mecklenburgischen begütert, wurde er der Gesellschaft von dem Wirthe vorgestellt. In den vier Wochen seines Aufenthalts zu Prag besuchte er jeden Abend das Gartenhaus, im Wechsel des Gewinnes und des Verlustes, je nachdem er einen noch ärgern Betrüger als seinen Meister fand, oder ein kluges Benehmen gegen die argwöhnischen Mitspieler ihm Gewinn oder Verlust vorschrieb. Mit einer gewonnenen Summe von 430 Dukaten verließ er Prag.

XXXVIII.

Margarethens Untreue.

Des Mädchens Flamme währet, Bis Lunens Hochlicht zweimal wiederkehret; Dann sucht sie neuen Zeitvertreib.

~Seume.~

Unter Lips Tullians Spielgefährten zeichnete sich ein junger Mensch durch Schönheit, durch die heiterste Laune und ein fast ununterbrochenes Spielglück vorzüglich aus.

Schon in der ersten Nacht wurde Lips Tullian auf ihn sehr aufmerksam, da er recht gut bemerkt hatte, daß dieser gewandte Betrüger durch seine feinen Künste das Glück zu fesseln wisse. Gleich hatte Lips Tullian die Idee, sich näher an ihn anzuschließen, ihn zur Reise nach Wien zu bewegen, und zur gemeinschaftlichen Sache in den dortigen geheimen Spielhäusern.

Daß der junge Mensch sich Baron von Strahl aus Litthauen nenne, hörte er im Laufe der gesellschaftlichen Unterhaltung, von dem Wirthe aber in vertrauter Mittheilung, daß dieser Baron Strahl ein entlaufener Friseur aus Berlin, ein Matador unter den falschen Spielern und vielseitig zu gebrauchen sei.

Lips Tullian wünschte sich Glück, seinen Mann gefunden zu haben, und bald war unter beiden die innigste Freundschaft geschlossen.

Nie besuchte Lips Tullian das Spielhaus, ohne von Margarethen begleitet zu sein. In einer höchst freien Kleidung, mit süßem Lächeln, mit feurigen Blicken und anmuthigen Bewegungen wandelte sie an der Seite junger Gecken und alter Thoren, die nicht des Spieles wegen hierher kamen, sondern mit den jungen gefälligen Aufwärterinnen ihr Geld und ihre Gesundheit verschleuderten, manche Stunde in den Gängen des Gartens auf und nieder, fachte in den Gemüthern der Sinnlichen die heißesten Begierden an, gab nie mehr als einen Kuß, eine Hoffnung für die Zukunft, und wußte auch bei aller Härte der Versagung ihre Verehrer so an sich zu fesseln, daß die Schlaue in kurzer Zeit sich im reichen Besitze von werthvollen Ringen, Perlen und Stoffen sah.

Es war Lips Tullians Anweisung, die verschwenderische Großmuth dieser Lüstlinge zu benutzen, und die gelehrige Schülerin übertraf seine Erwartungen.

Aber dieses trügerische Spiel währte nicht lange. Margarethe hatte für ihre freigebigen Verehrer bald kein süßes Lächeln, bald keine bezaubernden Küsse, bald keine beglückenden Hinwinke auf lohnreiche Zukunft mehr.

Ueber ihrer, bis zur Leidenschaft erwachsenen Liebe für den schönen, immer fröhlichen Strahl vergaß sie die huldigende Umgebung, ja, sie war von dieser Leidenschaft so beherrscht, daß sie Lips Tullian offen gestand, ihm nichts mehr sein zu können, als seine unerschütterliche Freundin, da ihr Herz, all ihr Sinnen, all ihre Träume sich nur dem Geliebten weihen.

Lips Tullian, nur ein roher Wollüstling, der nach gestillten Begierden auch die Reizendste mit Gleichmuth verließ, freute sich dieser Mittheilung, da er mit Zuversicht hoffen durfte, durch die Liebe und die Hingebung der reizenden Margarethe den jungen, sinnlichen Menschen mit immer festern Banden an sich zu fesseln.

Strahl wurde auch von Margarethens blühender Schönheit, von dem Zauber ihrer Anmuth, ihres lieblichen Frohsinnes und von dem Feuer ihrer Umarmungen so begeistert, daß er jeder Gesellschaft, jedem Genusse sich versagte, und nur für das Ideal seines Herzens lebte.

Daß Lips Tullian ihn so viele Stunden mit Margarethen allein ließ, daß er die Huldigungen nicht zu beachten schien, die der Liebende der Geliebten immer sichtbarer weihte, hielt er für Kälte des Ehemannes; er ahnte nicht in seinem Sinnenrausche, daß Lips Tullians Benehmen auf seine Pläne sich gründete.

Mit ihm und Margarethen reiste Strahl von Prag ab, in einem eleganten Wagen, den er um eine hohe Summe gekauft hatte, da Margarethe einst den Wunsch äußerte, recht bequem und glänzend die Reise nach Wien zu machen. Auch hatte der Gefällige, zu Margarethens Bedienung, in Prag ein Mädchen gedungen, welches die Reise nach Wien mitmachte und mit Strahl schon länger bekannt zu sein schien.

Lips Tullian war der nachsichtigste Ehemann von der Welt. Leckere Gerichte, gute Weine, ein trauliches Kosen mit Margarethens Mädchen, das sehr schön und gegen ihn nichts weniger als spröde war, nahmen den Schwelger zu sehr in Anspruch, um Margarethe und Strahl zu stören.

Margarethe äußerte den Wunsch, über Olmütz und Brünn zu reisen, um diese Städte zu sehen. Die Reise ging dahin. In Olmütz kaufte Strahl ein Paar schöne flüchtige Wagenpferde, mit denen er nun selbst fuhr, da, seiner Versicherung gegen Lips Tullian gemäß, kein Kutscher sich gefunden hatte, der ihm tauglich geschienen hätte. Es wurden nur kleine Tagereisen gemacht.

Lips Tullian sehnte sich nach Wien, und sah recht sauer, als Strahl bei der Ankunft in Brünn erklärte, hier eine volle Woche bleiben zu wollen, da er in der Nähe dieser Stadt einige Gutsbesitzer kenne, denen er schon lange seinen Besuch zugesagt habe.

Strahl war auch wirklich während des achttägigen Aufenthaltes in Brünn nur auf wenige Stunden sichtbar.

Endlich kam der Vorabend des Tages, mit dessen Anbruche die Reise fortgesetzt werden sollte.

An diesem Abende wurde Lips Tullian von Strahl heimlich gebeten, ihn, sobald Margarethe zu Bette sei, nach einem Kaffeehause zu begleiten, wo man vortrefflichen Punsch trinke und zwei allerliebste Mädchen nicht nur den Dienst der Hebe versehen, sondern auch als Gnidias reizende Priesterinnen dem Opfer sich weihen.

Solch eine Einladung von sich zu weisen, war Lips Tullian nicht gewohnt. Er ging mit Strahl, und nachdem sie Arm in Arm mehrere Hauptstraßen und eine Menge Seitengassen und Nebengäßchen durchwandelt hatten, blieb endlich Strahl vor einer Spelunke stehen, in welche Lips Tullian einzutreten zauderte, da er beim Laternenschimmer umsonst nach dem bezeichnenden Mohren mit der langen Gypspfeife und der Kaffeekanne oder nach einem Aushängeschild sich umgesehen. Strahl hob seine Bedenklichkeiten mit der Versicherung, dieser Eingang führe in das Hinterhaus, wo man recht artige Zimmerchen, und darin Punsch und Mädchen, wie auch recht angenehme, ungestörte Stunden finde, da der Billardsaal und die Gemächer des Vorderhauses, des öffentlichen Anstandes wegen, dergleichen Privatunterhaltungen nicht gestatten. Lips Tullian folgte seinem Freunde, fand ein recht trauliches Stübchen, ein paar schlanke, hochgeschürzte Nymphen in schamloser Kleidung und mit frechem Entgegenkommen, fand vortrefflichen Punsch und eine dieser Phrynen so anziehend, daß er unter ihren Liebkosungen unmäßig trank und sich bald um seine Sinne getrunken hatte.

XXXIX.

Lips Tullian wieder an der Spitze einer Räuberbande.

Laßt uns nicht stille stehen, denn geschäftig sind Die Feinde rings, den Weg uns zu verschließen.

~Schiller.~

Lips Tullian erwachte aus todtähnlichem Schlafe. Er sah, er hörte, er fühlte brennende Schmerzen am Kopfe, aber glaubte, noch immer von den Irrlichtern eines neckenden Traumes in betäubender Bewegung umtanzt zu werden. Nicht auf dem weichen Ruhebette des kleinen traulichen Gemaches, nicht in den Armen einer leichtfertigen Dirne fand er sich, sondern in einem spärlich erleuchteten Gewölbe, auf einem Strohlager, einigen wilden Gesichtern gegenüber, die sich auf dem Fußboden um eine Flasche gelagert hatten und eifrig zusammen sprachen.

Alles trat ihm zu lebendig, zu wirklich entgegen; er raffte sich zusammen, um den Armen dieses Traumgesichts sich mit Gewalt zu entreißen, er riß sich auf von seinem Strohlager, und die furchtbare Wirklichkeit empfing den Erstarrenden.

„Nun, Lips Tullian, hast Du endlich ausgeschlafen, damit wir ein vernünftiges Wort mit Dir sprechen können?“ lachte eine dieser Gestalten, und reichte ihm das volle Glas hin.

Lips Tullian war keiner Worte mächtig. Hier hörte er von einem Unbekannten sich Tullian nennen. Wie war dieser Name, wie war er selbst hierher gekommen?

Der Mann, von dem er so überraschend genannt wurde, mochte wohl das Dunkel, in welchem Lips Tullian mit unsicherm Schritte sich fortgriff, recht wohl durchschauet haben; er lagerte sich an des sprachlos Staunenden Seite und sagte also:

„Eine lange, lange Erzählung könnte ich Dir zum Besten geben, wie es so kommen mußte, daß Du hier bist; ich will Dich aber mit wenig Worten klug machen. Dein Freund, Baron Strahl -- sonst hatte er einen andern Namen -- und Deine treue Margarethe waren schon in Prag darüber Eines Sinnes, Dich von der Last Deines Goldes zu entheben, und mit ihrer Gegenwart Dich nicht länger zu incommodiren.

Strahl schlug vor, Dich auf der Reise betrunken zu machen, in der Kutsche zu erwürgen und Deine Leiche im nächsten Walde zu vergraben. Darum kaufte er zu Olmütz eigene Pferde und nahm keinen Kutscher an, damit Deine Ermordung um so unentdeckter geschehen könne. Margarethe ging in diesen Vorschlag nicht ein, und als Strahl darauf bestand, drohete sie, Dich zu warnen.

Jetzt besann sich Strahl, in dieser Gegend vor zwei Jahren angegriffen, und dann selbst für einige Zeit einer unserer Cameraden geworden zu sein. Er streifte in Brünns Umgebungen umher, fand und erkannte mich, vertraute mir sein Verlangen, Dich aus dem Wege geräumt zu wissen, und sagte mir zugleich, von Deiner Zuhälterin erfahren zu haben, daß Du der berühmte Lips Tullian seist. Ich erschrack vor Freude über diesen Namen, über Deine Nähe, über Deine Bekanntschaft. Ich würde Strahl ermordet haben, hätte er Dir Leides thun wollen.

Du sollst unser Bonherr werden, darüber war ich mit mir und meinen Cameraden gleich im Reinen, und als Strahl versicherte, Dein Reichthum sei zu bedeutend, um Dich den Aufenthalt in den Wäldern und in schlechten Kneipen, die Gefahren, die Anstrengungen unseres Handwerks für ein Leben voll Bequemlichkeit, Ueberfluß und Genüssen eintauschen zu lassen, so mußtest Du arm gemacht werden, um an unserer Spitze durch Deinen Muth und Deine Talente, durch unsere Treue, Anhänglichkeit und unsern Eifer wieder reich zu werden.

Die Sache war schnell gemacht. Strahl, durch mich unterrichtet, führte Dich in dieses Häuschen, dessen Besitzer mein Bruder ist. Trinken und Lieben, Deine schwache Seite, gaben Dich in unsere Hände.

Strahl, Margarethe und ihr Mädchen, schon seit Jahren Strahls geheime Zuhälterin, sind fort, Gott weiß, wohin, und mit ihnen Deine Habseligkeiten und Dein Gold.

Du hast die Wahl, unser Anführer zu werden, oder in diesem unterirdischen Gewölbe zu verschmachten!“ --

Die Wahl war nicht schwierig. Schon in der nächsten Nacht zog Lips Tullian mit den neuen Gesellen hinaus in die Wälder, in das wilde, blutige Räuberleben.

XXXX.

Lips Tullians abermalige Gefangenschaft.

Nur zu! Sie rücken Mit Schwert und Feuer auf uns an.

~Schiller.~

In einer Waldschlucht, zwei Meilen von Iglau, lag Lips Tullian mit seinen Gesellen um ein hochaufschlagendes Feuer herum, an welchem gesotten und gebraten wurde. Da gab es Geflügel aller Art, einige Schafe, ein paar Kälber, auch an Wildpret gebrach es nicht, und ein Fäßchen Branntwein versprach, das leckere Mahl zu würzen. Aber die Räuber hatten nicht allein für den Magen, sondern auch sonst für das Leben gesorgt. Einige ausgeraubte Kirchen, Edelsitze und Bauerhäuser hatten viele gute und werthvolle Sachen in diese Waldschlucht geliefert, und ein Säckchen mit Gold- und Silbermünzen erfreute die glückliche Bande.

Die Kochtöpfe wurden in den Kreis der Hungernden gebracht, die Braten vom Spieße genommen, und die Becher gefüllt. Gesang und Geplauder verstummte, und nur das Löffelgeklapper und Messergeklirre der Essenden unterbrach die Stille.

Da erscholl hinter Lips Tullians Rücken ein lautes Lachen, und als er jetzt zurück blickte, meinend, einer der Kameraden wolle ein tolles Stückchen erzählen, und durch eigenes Gelächter die Versammlung auf seinen Witz aufmerksam machen, da entsank ihm im Schrecken der ersten Ueberraschung das Messer.

Es waren die drohenden Mündungen einer Doppelbüchse, in die er sah. Und die Mündungen von Büchsen und gezogene Hirschfänger waren der verderbliche Kreis, den Soldaten und Jäger, rasch hinter den Bäumen hervor tretend, um die erstarrte Gesellschaft geschlossen.

Einer der Räuber sprang auf; im Augenblicke stürzte er, von einer Kugel in die Brust getroffen, entseelt nieder.

„Wer sich vom Flecke bewegt, ist des Todes!“ -- herrschte der Mann mit der Doppelbüchse den Räubern zu. Ketten klirrten, Hunde knurrten, und Gerichtsdiener traten in den Kreis, entrissen den Räubern Pistolen, Messer, Säbel und Knittel, legten ihnen Fuß- und Handschellen an, und trieben die Gefesselten mit Stockhieben zum Aufbruche an.

Einige Bauern, mit blassen Gesichtern und scheuen Tritten kamen auf den Ruf des Anführers aus den Gesträuchen hervor, und folgten, mit dem Raube beladen, den Dahinziehenden.

Die Nacht dunkelte heran, als Lips Tullian mit seinen Cameraden durch das gewaltige Thor eines festen Bergschlosses in den innern Hofraum trat, wo ein stattlicher Mann, die Begleitung mit großem Lobe, die Bande mit furchtbaren Drohungen begrüßend, den Befehl gab, die Räuber einzeln in die sichersten Gefängnisse zu bringen.

Einer der Gerichtsdiener bezeichnete ihm Lips Tullian als den Hauptmann der Räuber, und der Schloßherr bestimmte für diesen das tiefste Gefängniß und die schwersten Ketten. Lips Tullian wurde viele Stufen hinab in einen finstern, dumpfen Kerker gebracht, und mit einem Leibringe belegt, dessen Kette mit der der Fußschelle an einem Ringe in der Mauer befestigt wurde.

Schlaflos, im Ersinnen der Mittel zur Rettung sich erschöpfend, zählte Lips Tullian die dumpfen Schläge der Thurmuhr, und so eben war der letzte Schlag der Mitternachtstunde verklungen, da deuchte es ihm, an seiner Kerkerthüre Geräusch zu hören.

Die Riegel rasselten, das Schloß klirrte, die Thüre that sich auf, ein helles Licht drang in das Rabendunkel des Gefängnisses, und eine hohe, schlanke Frauengestalt, das Gesicht von einem dichten Schleier umhüllet, eine hochlodernde Fackel in der Linken, schritt im feierlich langsamen Gange auf ihn zu.

Die Gestalt stand; sie hob die Fackel, sie warf den Schleier zurück, und starrte schweigend mit scharfem Blicke auf Lips Tullian hin.

„Geist meiner Josephine!“ -- stöhnte der Bebende, und sank bewußtlos zurück.

XXXXI.

Der Lieutenant Schönknecht.

Traute Heimath meiner Lieben, Sinn’ ich still an Dich zurück. Wird mir wohl -- und dennoch trüben Sehnsuchtsthrähnen meinen Blick.

. . .

Nachdem uns hier Josephine, eine Erscheinung aus Lips Tullians früheren Jahren aufgestoßen ist, dürfte es nun wohl an der Zeit sein, einen Rückblick auf dessen Jugendverhältnisse zu werfen.

Wir beginnen mit seinem Vater bei der Belagerung von Wien im Jahre 1698.

Im Dragonerregimente Lothringen zog der Wachtmeister Michael Schönknecht unter Johann Sobieski vor das von den Türken belagerte und hart bedrängte Wien.

In der Nähe der Kaiserstadt angekommen, bemächtigte sich Sobieski der vortheilhaften Posten, sprengte eine Anhöhe hinan, beschaute mit seinem guten Fernrohre die Verschanzung des Großvezirs, und sagte zu seiner Umgebung: „Er hat eine üble Stellung gewählt. Ich kenne ihn, er ist unwissend, und doch eingenommen von seinen Talenten. Der Sieg ist unser, aber wir werden keine Ehre von diesem Siege haben.“ --

Was der Sieger von Choczim zu seinem Gefolge gesagt hatte, durchflog auf raschen Schwingen sein Heer, und die Krieger, stolz, unter einem Sobieski fechten und gegen die gehaßten Feinde ihres Glaubens die tödtende Waffe schwingen zu dürfen, jubelten freudetrunken der nahen Schlacht entgegen.

Sobieski hatte wahr gesprochen. Es war kein mit Ehre gekrönter Sieg; es war das Metzeln einer vom panischen Schrecken bis zur schändlichsten Feigheit gelähmten Horde; es war die wilde Flucht eines sich auflösenden Heeres, das in seiner Furcht und Verwirrung sogar die geheiligte Fahne Mohammeds vergaß, welche Sobieski mit einem Briefe an den Papst sandte, worin die Worte vorkamen: „Ich bin gekommen, ich habe gesehen, und Gott hat gesiegt!“ --

Nur ein türkischer Haufen theilte nicht die wilde Flucht und die Schande der Uebrigen. Es war die Reiterei, welche sich zwar in rascher, aber schön geordneter Bewegung zurückzog, oft gegen den verfolgenden Feind Front und Angriff machte und dann wieder in ächt ritterlicher Haltung den Rückzug fortsetzte.

Graf Hardegg, Obrist des Dragonerregiments Lothringen, freute sich des Muthes und der kriegerischen Festigkeit der Reiterei, da durch sie seinen Reitern die ehrenvolle Gelegenheit ward, als brave Soldaten mit den wackeren Gegnern zu messen. Schon zweimal hatten die Lothringer einen höchst tapfern, furchtlosen Angriff gemacht; jetzt war der Obrist fest entschlossen, die türkische Reiterschaar zu fangen oder zu vernichten. Furchtbar war der Angriff, eben so der Widerstand. Es kam zum blutigsten Handgemenge. Schon schwebe der Obrist, von den Seinigen abgeschnitten, in der Gefahr, gefangen oder getödtet zu werden, als sich Wachtmeister Schönknecht zu ihm durchhieb, einem Spahi den Pallasch durch den Leib rannte, einem andern den Kopf spaltete, und mit Kraft und Gewandtheit unter den Osmanen metzelte, daß sich der Obrist bald außer Gefahr, zugleich aber auch den braven Schönknecht, aus unzähligen Wunden blutend, vom Rosse sinken sah.

Wachtmeister Schönknecht wurde nach Wien zurückgebracht, aber nicht in das Lazareth, sondern in den gräflich Hardegg’schen Palast, welchen die Mutter des Obristen mit ihrer Familie bewohnte. Die ehrwürdige Dame pflegte des Verwundeten mit einer Liebe, einer Sorgfalt, mit einem Eifer, wie man nur des eigenen geliebten Kindes pflegen kann; sie glaubte, für den Lebensretter ihres Sohnes nicht genug thun zu können. Auch der Obrist besuchte den Verwundeten täglich, und sicherte ihm die reelsten Beweise seiner Dankbarkeit zu.

Noch auf dem Krankenlager wurde der Wachtmeister Schönknecht zum Lieutenant im Dragonerregiment Lothringen befördert. Aber bald überzeugte er sich mit tiefem Schmerze, daß ihn eine unheilbare Lähmung am Fuße, Folge eines Lanzenstiches, für den Feld- und Garnisondienst untauglich mache. Er erhielt Pension und von dem Obristen Grafen von Hardegg ein Geschenk von 4000 Dukaten.

Schönknecht war in Straßburg geboren. Bald nach dem Beginnen seines ruhevollen Lebens fühlte er solch eine Sehnsucht nach seiner Vaterstadt, daß er sich entschloß, ungesäumt dahin zu reisen, und dort seine Tage hinzubringen. Aber seine Sehnsucht sollte nicht so schnell gestillt werden. Das Militär-Gouvernement schlug Schönknechts Gesuch, in Straßburg sich häuslich niederlassen zu dürfen, mit der Bedeutung ab, daß er seine Pension im Inlande zu verzehren habe. Obrist Hardegg ward zum Vermittler; durch seinen Einfluß und seine Verwendung erhielt Schönknecht für seine Pension ein nicht unbedeutendes Capital. Mit Extrapost flog er in ununterbrochener Reise der heiß ersehnten Heimath zu.

Als Betteljunge hatte Schönknecht in seinem zehnten Lebensjahre Straßburg verlassen; mit Gold und Rang kehrte er nun zurück. Er fand seine Eltern im Grabe, und nicht die mindeste Nachricht über seinen Bruder, der, schon vor ihm aus Straßburg gegangen, in der Folge zu Hamburg als Matrose sich eingeschifft hatte.

Lieutenant Schönknecht hatte auf seiner beflügelten Postreise den Plan zur Einrichtung seiner künftigen Lebensweise entworfen, und kaum in Straßburg angekommen, beschäftigte er sich schon mit dessen Ausführung, die um so einfacher und leichter war, da das _dolce far niente_, von ihm ein wohl verdientes Ausruhen von frühern Mühseligkeiten betitelt, nun den Cyclus seiner Tage gestalten sollte. Er schlief, aß, trank und rauchte Tabak.

Von frühester Jugend an im steten Kampfe mit einem Leben voll Mangel, Anstrengungen, Gefahren, Ruhelosigkeit und einer freiheitslosen, despotisch gegängelten Stellung war er, nun Herr seiner Zeit und seines Willens, über ein reiches Capital gebietend, im Besitze kräftiger Gesundheit, und sich stolz fühlend auf den ehrenvoll gelähmten Fuß, unbeschreiblich glücklich. Er lebte einen Tag wie den andern, und konnte, seinem Gefühle und seinen Begriffen nach nicht glücklicher leben.

XXXXII.

Schönknechts Verheirathung.

Im Gewebe unsers Lebens spielen Plan und Zufall eine große Rolle.

~Schiller.~

Zwei Jahre hatte Lieutenant Schönknecht in Straßburg sein Pflanzenleben abgeleiert, als ihm Schalk Amor ins Ohr raunte, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Und als unser Hagestolz dem unberufenen Mentor recht unwillig die Thüre weisen wollte, da führte ihn dieser mit schelmischem Lächeln an das Fenster, zeigte auf eins des gegenüber stehenden Hauses, und entfloh unter schadenfrohem Gelächter.

„Der kleine, geflügelte Spitzbube will mich zum Besten haben,“ -- brummte Schönknecht vor sich hin. -- „In alle Fenster dieser alten Knallhütte habe ich schon bei meiner Morgenpfeife geschauet und nichts gesehen, als den buckligen Hausbesitzer mit seiner alten Megäre, einen Windbeutel von Friseur und drei Weibstücke, die mehr Ansprüche haben, in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberge den Kehraus zu tanzen, als eine Liebesflamme anzufachen. Warte nur, loser Junge, ich werde dich“ --

Der Nachsatz erstarrte ihm auf den Lippen, die Pfeife entglitt seiner Hand; er wußte nicht, ob er wache oder träume. Aus dem nämlichen, von Amor bezeichneten Fenster, aus welchem sonst nur die widerliche Fratze des liederlichen Pudergottes, oder dessen grundhäßlicher Frau Gemahlin ihm entgegengrinzte, lächelte ihm plötzlich ein Mädchengesicht entgegen, so allerliebst, so freundlich, wie er noch nie eins gesehen zu haben glaubte.

Das Mädchen grüßte so traulich herüber, als kenne man sich schon seit Jahren; sie sprach ein paar Worte über das Wetter -- der Lieutenant glaubte Sphärenmusik zu hören -- sie hüpfte vom Fenster das Zimmer hinunter, und Schönknecht, der dieses ganz übersehen konnte, sah die schlanke, üppige Gestalt, die leichten, reizenden Bewegungen einer Oreade.