Part 15
Als Hentzschel und Schickel den gefangenen Jokel am Stricke herbei schleppten, erhob sich unter den gemeinen Räubern ein Freudengeschrei; es war aber nicht der Ausbruch der Freude, nun den Feind in seines Feindes Händen zu wissen, sondern der frohen Hoffnung, der Hauptmann werde Gnade für Recht ergehen lassen, und den Brauchbaren wieder in ihrer Mitte aufnehmen. Sie erstarrten vor Entsetzen, als Lips Tullian das Todesurtheil aussprach, sie jubelten laut bei dem Rufe der Gnade. Von Einem Geiste beseelt, von gleichem Verlangen beherrscht, Jokel an ihrer Spitze zu sehen, hatten sie in größter Schnelle geheime Abrede genommen, und den Ungar und Bastian abgesandt, um ihrem Lieblinge zu erklären, daß sie von nun an nur unter ihm dienen wollen, daher noch mehrere Gleichgesinnte unter den andern abwesenden Abtheilungen sammeln, und bei erster Gelegenheit Lips Tullian verlassen werden. Sie glaubten noch immer Bastian und den Ungar auf Werbung für Jokel, als dieser und ihre Abgesandten schon in ihrem schauderhaften Grabe den Tod der furchtbarsten Qualen, der gräßlichsten Verzweiflung gestorben waren.
Nur Einer unter Jokels eifrigsten Anhängern, der Welsche genannt, theilte nicht lange den Wahn der Uebrigen. Er hatte ein Gespräch zwischen Sarberg und Lehmann belauscht; worin Jokels erwähnt wurde, nur mit wenigen Worten, die ihm aber zur Genüge sagten, Jokel, Bastian und der Ungar seien nicht mehr unter den Lebenden. Er vertraute sich Niemandem; er allein wollte den Schleier dieses Geheimnisses lüften; die Sinnlichkeit sollte ihm ihre hülfreiche Hand bieten.
Der Welsche hatte eine Zuhälterin, die Sarberg im Stillen leidenschaftlich liebte. Dem scharfen Auge des Welschen entging Sarbergs heftige Neigung nicht. Er kannte seiner Dirne Schlauheit und Buhlerkünste; ihr allein vertraute er die erlauschten Worte, und auf sein Verlangen übernahm sie Sarbergs Ausforschung unter der Maske der Erhörung und der Gegenliebe. Sarberg hing an Lips Tullian mit beispielloser Treue; seinen Schwur, Jokels und seiner beiden Gefährten Ermordung als das tiefste Geheimniß zu bewahren, würde er nicht unter den allergrausamsten Händen der Folterknechte gebrochen haben; aber Liebe und Sinnlichkeit zerrissen die ehernen Bande seiner Treue, seines Schweigens. In einem unglücklichen Momente, wo die geübte Buhlerin seine Sinnlichkeit zur verzehrenden Flamme angefacht, wo er im Sinnenrausche alle innere Kraft, alle Besonnenheit verloren hatte, da entlockte ihm die schlaue Dirne sein Geheimniß.
Auf einem abgelegenen Platze sammelte der Welsche seine Vertrauten, und theilte ihnen das grausame Ende ihres Lieblings und ihrer wackern Kameraden mit.
Sie erstarrten. Die Erstarrung wurde zum heftigsten Ergrimmen, zur unbezähmbaren Wuth gegen Lips Tullian und seine Lieblinge.
Der Welsche wollte ihnen rathen, die Gelegenheit, wann Lips Tullian allein sei, abzulauern und ihn dann niederzustechen. Die Wüthenden hörten ihn nicht. Sie stürmten in das Haus, wo Lips Tullian mit Marianen und seinen Erwählten unter lärmender Fröhlichkeit zechten. Ein fürchterlicher Kampf begann.[35]
[35] Siehe die Abbildung.
Mehr als viermal überlegen waren Lips Tullians Feinde, aber sein und der Seinigen Muth hielt der Uebermacht die Wage. Säbel, Knittel und Messer vermochten nicht, die Angreifenden zum Siege zu führen; das Feuergewehr that es.
Der Welsche schoß mit seiner Doppelpistole Sarberg und Eckold nieder, ein anderer Schuß machte Lehmann sinken.
Mit erneuerter Wuth drang nun der Haufe auf die kleine Schaar los; Lips Tullian sollte nicht getödtet, sondern unverletzt gefangen werden, um Jockels furchtbares Loos zu theilen. Jetzt sanken Schöneck und Schickel, jetzt stürzte Mariane, von einem furchtbaren Hiebe getroffen, mit gespaltenem Kopfe zur Erde. --
„Ergib Dich!“ -- brüllte ein Räuber und stürzte mit vorgehaltenem Stuhle auf Lips Tullian los. Er faßte den Stuhl mit riesiger Kraft, stieß den Räuber zu Boden, schlug furchtbar um sich, erreichte ein offenes Fenster und sprang durch dasselbe auf den Hof. Er floh querfeld dem Walde zu.
Die Räuber folgten ihm im schnellsten Laufe. Er hatte einen Vorsprung von kaum hundert Schritten; er erreichte den Wald und war gerettet.
Ohne Hut, mit nichts an Kleidern und Wäsche versehen, als was er am Leibe trug, und einige Thaler in der Tasche und blos mit seinem Säbel bewaffnet, dabei aus mehreren Wunden blutend, die ihm in der Hitze des Kampfes geschlagen worden, ungeachtet die Räuber seinen ganz unverletzten Körper ihrer allergrausamsten Rache opfern wollten, eilte Lips Tullian im Walde fort, vermied Fahrwege und Fußpfade und hielt nur auf Augenblicke in Dickichten an, um Athem zu schöpfen und zu lauschen, ob ihm noch Verfolgung drohe.
So war er einige Stunden mit großer Anstrengung dahin geeilt, als ihn seine Kräfte verließen und er an einer zufällig gefundenen Quelle niedersank, die ihm zur Reinigung seiner Wunden, zur Stillung des brennenden Durstes sehr wohlthätig wurde. Die Ermattung machte ihn bald einschlafen.
XXXV.
Die Ermordung eines Handwerksburschen.
Laßt uns nicht stille stehen, denn geschäftig sind Die Feinde rings, den Weg uns zu verschließen.
~Schiller.~
Sein Erwachen war nicht das angenehmste. Mariane, Sarberg, Eckold, Schöneck und Schickel hatte er unter den Schüssen und Hieben seiner Feinde niedersinken gesehen. Mit Recht mußte er befürchten, daß auch Lehmann, Hentzschel und seine übrigen Vertrauten die blutigen Opfer ihrer wüthenden Feinde geworden.
Auf eine Verbindung mit der Bande durfte er nicht mehr hoffen, nur zu gut kennend den Haß des Welschen und den Einfluß, welchen dieser tückische, gewandte Wohlredner auf die Bande hatte; ja Lips Tullian war überzeugt, selbst von seinen frühern Kameraden, denen er einst das Höchste ihrer Liebe, ihrer Treue, ihres Vertrauens gewesen, dem nächsten Gerichte verrathen oder überliefert zu werden, sobald er wieder zu ihnen zurückkehre.
Nach langer, ernster Selbstberathung bestimmte er sich dahin, seine noch übrigen, in der Felsenschlucht vergrabenen Kostbarkeiten zu sich zu nehmen, nach Wien zu gehen, und dort theils von den Mitteln, die ihm der Verkauf dieser Kleinodien gewähre, theils vom falschen Spiele so lange zu leben, bis sich ihm eine Gelegenheit biete, eine kleine, tüchtige Rotte zu sammeln und an ihrer Spitze den Pfad seiner bisherigen Industrie wieder zu betreten.
Für den Augenblick war ihm eine Kopfbedeckung und ein anderer Anzug das Nöthigste.
Das Glück begünstigte den Bösewicht. Lips Tullian hatte sich kaum von der Quelle entfernt, als er auf einen Fußpfad kam und von ferne einen Handwerksburschen mit hoch aufgepacktem Reisebündel daher kommen sah.
Der Handwerksbursche verrieth durch seine große, kräftige Gestalt eine Körperstärke, mit welcher Lips Tullian, vom Blutverluste und dem langen, eiligen Marsche geschwächt, die seinige nicht messen zu können befürchtete.
Durch List mußte das Ziel erreicht werden. Er sah sich bisher von dem Reisenden noch nicht bemerkt. Schnell kauerte er sich unter einem Baume nieder, und begann zu stöhnen und zu wimmern.
Der Handwerksbursche wurde aufmerksam und schritt rascher heran. Als er einen Verwundeten sah, der wie ohnmächtig vor Schwäche und Schmerzen ächzte, fragte der Gutherzige mit recht menschenfreundlicher Theilnahme, ob er einige Hülfe leisten könne.
Lips Tullian bat mit leiser Stimme und den Geberden des Schmerzens und der Entkräftung, ihn nur einige Schritte tiefer in den Wald zu führen, wo er eine Quelle wisse.
Der Handwerksbursche warf seinen dicken, schweren Stachelstock nieder, und reichte Lips Tullian beide Hände, um ihm empor zu helfen. Lips Tullian that, als könne er ohne Hülfe nicht einen Schritt fortwanken. Er ließ sich den Stock geben, stützte sich auf den Handwerksburschen und wankte so mit schleppenden Füßen einige Schritte fort. Jetzt stand er, zog seine Uhr und ließ sie, als hätten seine zitternden Hände nicht mehr die Kraft, sie einzustecken, zur Erde gleiten.
Dienstfertig bückte sich der Handwerksbursche. Im Augenblicke hatte Lips Tullian den wuchtvollen Stachelstock geschwungen, und dem Arglosen solch’ einen mörderischen Schlag auf das Hinterhaupt gegeben, daß er entseelt aufs Angesicht hinstürzte.
Schnell riß Lips Tullian den Mantelsack an sich, fand darin einen fast neuen, vollständigen Anzug, feine Wäsche und manches gute Kleidungsstück. In wenigen Augenblicken war er umgekleidet, und der ganze Anzug paßte ihm vollkommen.
Nun durchsuchte er die Tasche des Todten, fand eine silberne Uhr, einen Beutel mit Geld und eine Kundschaft. Er zog den Ermordeten nackt aus, packte dessen Kleider in den Mantelsack, seine eigenen aber warf er ins nächste Dickicht, hing ihn auf den Rücken und zerschnitt und verstümmelte das Gesicht des Todten auf das Gräßlichste, daß man den Unglücklichen nicht wieder erkenne, vielleicht gar für ihn, Lips Tullian, zu halten veranlaßt werde, da er sich gleich vorgenommen hatte, das Gerücht von seiner Ermordung überall zu verbreiten, um auf seinen Wegen vor der Aufmerksamkeit der Behörden und ihrer Diener mehr gesichert zu sein.
Ungeachtet der Einbruch der Nacht nicht fern war, so eilte er doch nicht auf dem Fußwege fort, der ihn bald würde zu einem Dorfe geführt haben, sondern schlug eine andere Richtung ein, um Orte zu vermeiden, durch welche der Handwerksbursche gegangen sein mochte. --
XXXVI.
Die Wiedererkennung.
Wie viele Kämpfe mußten wir bestehn, Von wie viel Noth und Herzensangst ermatten, Wie viele Leichname hinopfern und bestatten, Eh’ wir uns hier in dieser Hütte sehn!
~Schiller.~
Schon oft hatte Lips Tullian in diesem Walde theils einzeln, theils mit einigen der Bande Nächte zugebracht, aber immer nur im Durchzuge, und wußte von der Lage und dem Umfange dieses Waldes nur so viel, daß er in gerader Richtung nach Osten beinahe zwei Tagereisen weit sich ausdehne. In dieser Richtung ging er nun fort, mit ziemlicher Eile, da das volle Mondlicht für seinen Marsch sehr günstig war.
Mit Anbruch des Tages stieß er auf eine Umzäunung, und eine armselige, dunkle Strohhütte, daneben ein Meiler, sagten ihm, daß hier ein Köhler hause.
Die Nähe eines Köhlers war ihm nicht unangenehm, da Leute dieses Standes entweder größtentheils die Vertrauten der Gaunerbanden sind, oder den Erzählungen und Angaben fremder Leute solch’ einen vollen Glauben schenken, daß man von Menschen, welche alles für blanke Wahrheit nehmen, allgemein sagt: sie haben einen Köhlerglauben.
Ueberdieß glaubte er in der armseligen Hütte eine Engelswohnung zu erblicken, da er vor Hunger, Durst und Ermattung sich kaum mehr fortschleppen konnte.
Unentschlossen, ob er den Schlaf der Hüttenbewohner stören, oder deren Erwachen hier abwarten solle, lehnte er sich an die Umzäunung und musterte aus Neugierde und zum Zeitvertreib die Kundschaft des armen Handwerksburschen.
Hatte er in seiner Raub- und Mordbegierde übersehen, daß der Handwerksbursche wirklich viele Aehnlichkeit mit ihm habe, so fand er diese in der hier aufgeführten Personalbeschreibung. Die Größe der Gestalt, die Farbe der Haare, der Augen, die Gesichtsbildung waren so bezeichnet, als hätte er selbst dem Kundschaftsschreiber zum Muster gesessen; auch das Lebensalter traf auf ein Paar Jahre zusammen, und Christoph Feller mußte gerade ein Schlossergeselle sein, auf daß Lips Tullian mit dem Wenigen, was er von diesem Handwerke wußte, doch in großer Sicherheit seine Wanderung antreten konnte. Er hätte die Kundschaft nicht um eine hohe Summe hingegeben.
In der Köhlerhütte wurde es rührig. Die Thüre that sich auf, und eine hohe, schlanke Mädchengestalt im allerfreiesten Anzuge, eilte mit leichtem, zierlichem Gange, ein Wassergefäß tragend, dem Brunnen zu. Lips Tullian machte sich durch ein kleines Geräusch bemerkbar.
Das Mädchen hielt an, betrachtete ihn aufmerksam, ließ den Eimer fallen, sprang, wie ein flüchtiges Reh, über die Verzäunung, und lief mit offenen Armen auf Lips Tullian zu. Sie drückte ihn mit dem Lächeln einer sehr großen Freude an ihren üppigen Busen, sie gab ihm heiße Küsse und nannte den Ueberraschten unter den zärtlichsten Liebkosungen ihren lieben, lieben Tullian.
Der Dirne entging dieses Erschrecken nicht; sie beruhigte ihn aber schnell, als sie sich ihm nannte. Nun erinnerte sich Lips Tullian an Fräulein Margarethe, so wurde sie bei der Bande genannt, weil sie die außereheliche Tochter eines Adeligen war.
Kaum vierzehn Jahre alt, von der liederlichen Mutter zu allen Lastern gebildet, war Margarethe schon die Zuhälterin eines Mitgliedes der schwarzen Garde.
Lips Tullian, der schöne, kräftige Mann mit der stolzen, ehrfurchtgebietenden Haltung, das Haupt einer mächtigen Bande, war für Margarethe das Ideal der Erhabenheit, ein Wesen ihrer tiefsten Verehrung, ihrer innigsten Bewunderung, immer mehr ihrer heißesten Liebe. Wo sie sich ihm nahen konnte, trat sie ihm entgegen, um den Mann ihres Herzens zu sehen, um von ihm einen freundlichen Blick, ein Lächeln, ein gütiges Wort zu erhaschen.
Lips Tullian, nur reife, rüstige Gestalten für seine Sinnenlust liebend, übersah das Kind. Aber Mariane, den Geliebten immer mit Argusaugen bewachend, durchschaute die Wünsche und die Bemühungen der jungen Dirne.
Von Eifersucht gefoltert, machte sie durch ein vertrautes Weib aus der Bande Margarethens Buhlen auf die Neigung seiner Dirne zum Hauptmann aufmerksam; sie wußte Eckold in ihr Vertrauen zu ziehen und ihn dahin zu verleiten, daß Margarethe als eine geheime Kundschafterin des Gerichts angeklagt und ihre heimliche Ermordung beschlossen wurde.
Im Branntweinrausche bestätigte Lips Tullian das Todesurtheil, und Margarethe wäre das Opfer der grausamsten Eifersucht geworden, hätte sie nicht das Glück gehabt, das morsche Gitterfenster des Kellers, worin sie verwahret wurde, zu durchbrechen und unbemerkt zu entfliehen.
Der Köhler, bei welchem sie jetzt lebte, fand sie, vor Hunger, Durst und Ermattung beinahe am Rande des Grabes, kaum mehr zu flüstern fähig, in der Nähe seiner Hütte unter einem Baume. Er trug sie unter sein Dach, gab ihr Nahrung und Pflege, und nahm die Verlassene als Tochter und Wirthschafterin an, da sein Weib und seine Kinder schon lange hinübergegangen waren. Aus einer liederlichen, arbeitsscheuen, buhlsüchtigen Dirne wurde Margarethe unter der väterlichen Leitung des gutherzigen, frommen Köhlers ein arbeitsames, sittiges Mädchen, das einfache Stillleben, die Ruhe, die Einsamkeit des Waldes immer mehr liebend und den kleinen häuslichen Geschäften, der Pflege ihrer wenigen Blumen und dem schuldlosen, süßen Umgange mit der Natur sich aus voller Seele widmend.
So waren beinahe vier Jahre verflossen, aber die Erinnerung und die sehnsüchtigen Wünsche, Lips Tullian, den Gegenstand ihrer heißesten Liebe, wiederzusehen, noch immer nicht ganz ihrem Herzen entschwunden. --
Da stand der Mann vor ihr, dessen Bild sie in der Tiefe ihrer fühlenden Seele so lebendig und so treu bewahrt hatte.
Das Mädchen war so reizend, daß der sinnliche Lips Tullian kein Verlangen nach Labung, keine Schwäche fühlte. Er tauchte die begehrenden Augen in die reiche Fülle des fast unverhüllten Busens, der üppigen Formen, des blühenden Gesichtes voll Liebreiz; seine Küsse, seine Umarmungen wurden immer feuriger, und Margarethe, trunken von der Wonne des Wiedersehens, wäre schon in diesem Augenblick das willige Opfer des Aufgeregten geworden, hätte nicht die rufende Stimme ihres Nährvaters sie ihrem Sinnentaumel entrissen.
Hastig flüsterte ihr Lips Tullian die Weisung zu, ihn als einen Blutsverwandten, der von ihrem Aufenthalte in dieser Köhlerhütte gehört habe, und vor seiner Wanderung ins Ausland zum Abschiedsbesuche gekommen sei, dem Alten bekannt zu machen.
Der schlichte, treuherzige Waldmann glaubte alles, was Margarethe über ihren Vetter mit geläufiger Zunge ihm erzählte, reichte Lips Tullian wie einem alten Bekannten, mit einem herzlichen Gruße die kohlenfarbige Hand und forderte gleich mit dem gutmüthigsten Ungestüme, daß der willkommene Vetter seiner guten Pflegetochter einige Tage bei ihm weile und mit dem sich begnüge, was Armuth und guter Wille bieten könne.
Lips Tullian wäre gern Jahre lang in dieser ärmlichen Hütte geblieben, die ihm Margarethens Nähe und die Hoffnung auf so manche süße Stunde schon jetzt zu einem Eden machten.
Es war am Morgen des dritten Tages, als der Köhler, der schon mit der Morgenröthe in den Wald gegangen war, verdrüßlich zurückkam, und Margarethen gebot, ihm seinen Sack, in welchem er jederzeit bei längerer Entfernung vom Hause Lebensmittel mit sich trug, mit Brod, geräucherter Wurst und Branntwein zu versehen. Zugleich erzählte er, auf dem Arbeitsplatze von den herrschaftlichen Jägern aufgesucht, und zum Streifzuge gegen die Tullian’sche Bande befehligt worden zu sein, mit dem Beisatze, daß längstens in einer Stunde die noch aufgebotenen Köhler, wie auch die Jäger und Gerichtsdiener sich hier zur Versammlung einfinden werden.
Erbleichend und zitternd blickte Margarethe auf Lips Tullian hin, der aber Besonnenheit genug hatte, die thätige Wachsamkeit der hochpreislichen Obrigkeit höchst lobenswürdig zu finden, zugleich aber erklärte, seines Bleibens dürfe hier nicht länger sein, weil er sonst befürchten müsse, bei dem Meister, der ihn zur Arbeit verschrieben habe, zu spät einzutreffen.
Während des Packens seiner Habseligkeiten, wobei sich Margarethe sehr geschäftig zur Hülfe anließ, flüsterte sie ihm zu, um die Hütte zu gehen, und am Holzstalle ihrer zu harren.
Lips Tullian nahm Abschied und hatte alle Mühe, dem Alten, der sich ihm zur Begleitung bis zur Martersäule, von wo aus der Weg nach der Landstraße nicht mehr verloren werden könne, aufdringen wollte, von diesem Vorhaben abzubringen.
Er ging an den bezeichneten Platz. Nach einigen Augenblicken kam Margarethe, legte eine Leiter an und bedeutete Lips Tullian durch Winke, das Bodenloch des Holzstalles zu erklettern, und sich dort bis zu ihrer Wiederkunft sehr ruhig zu verhalten. Als er oben war, verbarg sie schnell die Leiter und schlüpfte in die Hütte.
Lips Tullian hörte aus seinem Verstecke das Herankommen vieler Menschen, hörte oft seinen Namen mit den heftigsten Verwünschungen nennen und wurde sehr unruhig, als die Leute sich unter einander erzählten: es sei im Umkreise einiger Stunden solch ein Zusammenfluß von Militär, Jägern, Gerichtsdienern und Bauern, daß die ganze Gegend von Streifzügen wimmle.
Es wurde ihm wieder besser zu Muhte, als eine kräftige Stimme den Aufbruch gebot und bald hatte sich das Geräusch der Dahinziehenden in der Ferne verloren.
Margarethe gab ihm ein Zeichen, herabzukommen. Er wartete nicht das Anlegen der Leiter ab, sondern schwang sich behend von dem Balken herab. „Du mußt fliehen, auf der Stelle fliehen,“ -- sagte Margarethe, zog ihn in die Hütte, riß einen Schrank auf und packte Kleider und Wäsche in einen Bündel -- „aber ich fliehe mit Dir. Willst Du, daß ich bleibe, so tödte mich, denn ohne Dich wäre mein Leben ein ununterbrochener Tag der Trauer, des Schmerzes, der höchsten Sehnsucht nach Dir. Ich bettle, ich stehle, ich morde für Dich, meine Seligkeit opfere ich Dir auf, aber ich muß in Deiner Nähe sein. Ich führe Dich einen Weg, wo kein Späher Dich ersehen, kein Häscher Dich fangen wird. Ich kenne den Weg in jene Gegend, wo Du, wie Du mir gestern vertrautest, verborgene Schätze besitzest, sehr genau, da ich gerade in jener Gegend schon zweimal mit meinem Nährvater war, der dort eine kleine Erbschaft erhob. Fast immer durch Wälder leite ich Dich. Da, wo man Dörfer und Weiler nicht umgehen kann, darfst Du mit deiner Kundschaft ohne Besorgnisse wandern; ich nehme, um kein Aufsehen zu erregen, andere Wege, und wir einigen uns wieder an bestimmten Orten. So, das Wenige, was ich besitze, ist nun in diesem Bündel, jetzt laß uns die Reise antreten!“ --
Schweigend hatte Lips Tullian Margarethens ihm wohlgefällige Rede gehört, es wäre ihm gar zu schwer geworden, sich von der reizenden Dirne zu trennen, und ihre Schlauheit, ihren Muth und Gewandheit recht gut erkennend, glaubte er überzeugt sein zu dürfen, daß ihre Gesellschaft für ihn einst sehr vortheilhaft werden könne.
Er wanderte fort, und fröhlich und tändelnd hüpfte die leichtfertige Dirne, aus dieser stillen, frommen Hütte, und gedachte nicht mehr der Wohlthaten ihres Nährvaters, der guten Vorsätze, denen unter seinen Lehren sich ihr Herz geweihet hatte, und schied ohne Thränen von dem Orte, wo ein großmüthiger, gottesfürchtiger Greis drei Jahre hindurch ein Vaterherz für die Verlaßne gehabt hatte.
Die Felsenschlucht in der Oberlausitz wurde erreicht, der vergrabene Schatz gehoben, und Lips Tullian beschloß, nach Böhmen zu gehen, Prag zu meiden und dann durch einen Theil von Mähren die Richtung nach Wien zu nehmen.
XXXVII.
Lips Tullian und Margarethe in Prag.
Er seine alten Plane aufgegeben? Ich sag’ euch, daß er wachend, schlafend mit Nichts anderm umgeht.
~Schiller.~
Was noch von den Kleinodien aus dem Raube in dem gräflich Beuchling’schen Palaste zu Dresden Lips Tullian in der Felsenschlucht gefunden hatte, war von großem Werthe, aber Lips Tullian würde es gern tief unter dem Preis dahingegeben haben, hätte er gleich baares Geld dafür bekommen.
Mit einem Reichthume in seinen Taschen, der die Wohlhabenheit einer ganzen Familie hätte begründen können, war Lips Tullian jetzt in der Lage, kaum für sich und Margarethe den nöthigsten Lebensunterhalt beschaffen zu können.
Das wenige Gelt, welches er bei seiner Flucht gehabt hatte, die unbedeutende Baarschaft des erschlagenen Handwerksburschen, und der Erlös aus dem Verkauf der beiden Uhren war in der kürzesten Zeit dahin, denn Lips Tullian aß und trank gern das Beste, und nichts war ihm zu theuer, wonach ihm gelüstete.
Auch mußte er drei Tage in einem Dorfwirthshause bleiben, da Margarethe im muthwilligen Springen über einen breiten Graben den Fuß verstaucht hatte.
Als ein Reisender ohne Kutsche, ohne Gefolge irgend Jemand eine Schnur orientalischer Perlen, einen Ring mit großen Brillanten vom ersten Wasser, ein juwelenreiches Armband zum Kaufe anzubieten, wäre höchst unklug gewesen, da wohl eine strenge Frage würde gedrohet haben, wie ein wandernder Schlossergeselle zum Besitze dieser höchst werthvollen Kleinodien gekommen sei.
So gern Lips Tullian Prag vermieden hätte, so mußte er doch dahin gehen, wohl wissend, daß es dort Leute genug, besonders unter den Juden, gebe, denen er ohne Furcht vor lästigen Fragen seine Sachen anbieten könne.
Zur Bestreitung der Reisekosten wurden nun Kleidungsstücke von Wirthshaus zu Wirthshaus verkauft; Margarethens Reisebündel und sein Felleisen lieferte die Mittel zu manchem leckern Gerichte und mancher guten Flasche Wein. Selbst das Felleisen mußte noch für die Schwelgerei in der letzten Nachtherberge vor Prag hingegeben werden.
Nicht von dem mindesten Gepäcke belästigt, gleichsam wie von einem Spaziergange heimkehrend, schlichen Lips Tullian und Margarethe durch die dunkle Thorwölbung der uralten slavischen Stadt.
Das kleine, verwitterte, dunkle Wirthshaus zum blauen Fuchs, in einer wenig belebten Gasse der Altstadt gelegen, nahm die Reisenden auf.
Unter den vielen Winkelschenken in Prag, wo das Gesindel Zuflucht findet, kannte Lips Tullian aus seinem frühern Aufenthalte den blauen Fuchs als eine vollkommene Raubhöhle, wo in der Zechstube jeden Abend einige recht wackere Bürger sich bei der Flasche, beim mäßigen Kartenspiele und mit traulichem Geplauder vergnügen, während im Hintergebäude ein Paar kellerartige Gewölbe von liederlichen Hausvätern und feilen Dirnen, von verdächtigen Reisenden und lichtscheuem Gesindel belebt sind.