Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Part 14

Chapter 143,462 wordsPublic domain

Bei dem Gedanken, wie sehr Lips Tullians Freiheit dadurch verzögert werde, brach sie in lautes Weinen aus. Die Wirthin hörte ihr Schluchzen, sie eilte zum Troste, zur Hilfe herbei und forschte mit der liebevollsten Gutherzigkeit nach der Quelle so tiefer Betrübniß. Mariane vertraute ihr alles.

Schweigend eilte die Wirthin fort, kehrte mit 300 Thalern in verschiedenen Goldmünzen zurück, und drang ihr diese Summe auf. Mit der Rückgabe, meinte sie, habe es wohl Zeit, auch sei ihr nicht bange dafür, doch wünsche sie sehr, die Sache solle ihrem Manne verschwiegen bleiben, da er kein Freund des Ausleihens sei.

Noch an diesem Tage eilte Mariane auf die Meisterei, wo auch in der folgenden Nacht der Wirth mit seinem Einspänner sich einfand.

Lips Tullian wurde durch Marianens Muth und Schlauheit befreit. Glücklich erreichte er mit seinen Gefährten die Meisterei. Man gönnte sich kaum so viele Zeit, um das schon bereitete Mahl zu verzehren und einige Flaschen zu leeren. Wohlgekleidet und wohlbewaffnet eilte die kleine Bande fort, und beurkundete durch Mord und Brand, an den unglücklichen Einwohnern von Libert ausgeübt, die traurige Wahrheit, daß fast immer der Verbrecher, durch Gnade oder Gewalt über die Schwelle seines Kerkers tretend, mit erneuerter Gierde die abgerissenen Fäden eines lasterhaften Lebens zu einem neuen, dichten Gewebe verschlingt.

XXXI.

Marianes Eifersucht und Schlauheit.

Die braunen Dirnen, die sollten mir Im Wege stehen? -- Das merke Dir: Eh’ noch im Ost erglühn die Tages Stunden, Sind Eure Lieblinge schon längst verschwunden.

. . .

Mit Mariane und seinen sechs Vertrauten hatte Lips Tullian nach dem Liberter Brande in einem Walde bei Freiberg eine Schlucht, die beinahe unzugänglich war, zu seinem Aufenthalte gewählt. Hier beschloß er, einige Wochen in aller Zurückgezogenheit zu leben, um von hier aus die Nachricht von seinem Zuge nach Baiern zu verbreiten, um die Gerichte minder wachsam zu machen, und dann wieder freieres Feld für seine verbrecherischen Saaten zu haben.

In dieser Felsenschlucht wurde die Einrichtung einer Nomaden-Familie getroffen. Aus Zweigen flocht man Hütten, Sarberg, Eckold und Lehmann gingen als Fleischerknechte in die nächsten Dörfer, kauften ein paar Kühe, einige Schafe und Ziegen; Hentzschel lieferte Mehl, gedörrtes Fleisch und Hülsenfrüchte; Schöneck und Schickel verschafften einen tüchtigen Vorrath an Branntwein, auch ein Fäßchen mit Wein, und Lips Tullian versah die Küche mit Rehen, Hasen und Geflügel, woran es in diesem wildreichen Forste Ueberfluß gab.

Die Nomaden-Horde lebte in ihrer Art das köstlichste Wohlleben, und auch an der Befriedigung roher Sinnenlust gebrach es nicht in dieser Wildniß da Sarberg und Eckold, auf ihrem Viehkaufe unter eine Zigeunerbande gerathen, durch ihre männliche Schönheit und frohe Laune drei junge, schlanke Zigeunerdirnen so zu gewinnen wußten, daß die verliebten Dirnen nächtlicher Weile ihrer Gesellschaft entliefen und auf einem verabredeten Platze bei Sarberg und Eckold sich einfanden.

Die Dirnen waren schlau genug, schon in den ersten Stunden ihres Aufenthalts in der Felsenschlucht die fremde Gesellschaft ganz zu durchschauen, und schlossen sich desto inniger an selbe an, da sie in ihrer Schlechtigkeit sich gleichsam wohlgefielen, von einem gewöhnlichen Diebsgesindel zu einem tüchtigen Räubervölkchen, in moralischer Beziehung vom Regen in die Traufe gekommen zu sein.

Aber Mariane hatte für die schlanken, fröhlichen hüpfenden Dirnen nur scheele Blicke und ein Herz voll Haß und Eifersucht. Es war ihr nicht entgangen, wie sehr diese verbuhlten Sprößlinge Asiens durch ihren lieblichen Gesang und ihr künstliches Zitterspiel ihres Lips Tullians Sinne aufregten. Sie sah die täglich gegen sie sich mehrende Kälte ihres sonst so feurigen Geliebten, sie sah, daß die Jugend, die frischen, üppigen Formen dieser selbst in ihrer dunkeln Farbe reizenden Dirnen ihrem Lips Tullian von Stunde zu Stunde gefährlicher wurden. Die Dirnen mußten um jeden Preis entfernt werden.

In einer Stunde, wo die Männer theils schliefen, theils auf Jagd und Vogelfang im Forste umherstrichen, bot sie jeder Zigeunerin 10 Goldstücke für das feierliche Versprechen, in diesem Augenblicke so unbemerkt als möglich diesen Ort zu verlassen, und nie wieder mit dieser Gesellschaft sich zu verbinden.

Der Glanz des blanken Geldes, die so lieb gewordene Gewohnheit des Umherschweifens von Land zu Land, von Ort zu Ort, das eintönige dieses Waldlebens machten die Dirnen rasch in Marianens Antrag eingehen. Sie nahmen die Goldstücke, stahlen zum Gratiale für genossene Bewirthung und erhaltene Geschenke, was sie in aller Geschwindigkeit unbemerkt an sich nehmen konnten, und verschwanden auf flüchtigen Sohlen.

Die Männer wütheten, als sie die feurigen Gegenstände ihrer rohen Begierden vermißten; Mariane eiferte am meisten über die schlechten, undankbaren Geschöpfe, deren Tänze, Gesänge und Zitterspiel ihr so manche Stunde erheitert, denen sie so viel Gutes erwiesen, und sich so an ihren erheiternden Umgang gewöhnt habe, daß sie nur mit recht bitterer Empfindung jetzt der Entflohenen gedenken könne.

XXXII.

Neue Unthaten der schwarzen Garde.

~Hedwig~. Gerechter Gott! Nein! nein! es ist unmöglich! Solch teuflisch Wüthen rast in keiner Seele, Die eines Menschen glücklich Antlitz trägt!

~Rudolph~. Bebst Du vor des Gedankens Riesenhülle, Und zweifelst Du, daß er zur Wahrheit würde? -- Du kennst mich schlecht, wenn Du Dir träumst, ich könnte Ein ~halber~ Teufel sein!

Es näherte sich die Zeit, in welcher Lips Tullian wieder in die Welt und auf die ersehnte Bühne neuer Verbrechen treten wollte. Schon lange waren die Landstraßen von Streifzügen und lauernden Dienern der Gerechtigkeit leer, dagegen wurden sie täglich belebter von Oelhändlern, vacirenden Jägern, Thierärzten, Kesselflickern, Scheerenschleifern, hausirenden Krämern, abgedankten Soldaten, Korbflechtern und verschiedenen wackern Leuten, die einer hochlöblichen Polizei so weit als möglich aus dem Wege gingen.

Sarberg, Hentzschel und Eckold waren es, die seit zwei Wochen sich an die Gränzen des Landes vertheilt, dort und da noch einen alten Kameraden aufgefunden und diesen mit der Nachricht von Lips Tullians Anwesenheit und seinen künftigen Unternehmungen wieder versendet hatten, um frühere Cameraden aufzusuchen, neue zu werben, und so schnell als möglich einzeln und verkleidet in der Waldschlucht um Tullians hochgefeierte Fahne sich zu sammeln.

Mit Mariane und sechs Genossen hatte Lips Tullian die Waldschlucht betreten; an der Spitze von mehr als 200 Gefährten trat er aus des Waldes Dunkel zu neuen Schandthaten hervor.

Die Bande hieß wieder die schwarze Garde und wurde wieder in gleichen Abtheilungen den Befehlen Eckolds, Sarbergs, Hentzschels, Lehmanns, Schönecks und Schickels untergeordnet. Lips Tullian umgab sich nur mit einigen; aber diese waren Leute, die ihre Verwegenheit, im Vereine mit der feinsten Schlauheit bei jeder Gelegenheit, und ihre Treue, ihr Stillschweigen, ihre Standhaftigkeit unter den gräßlichsten Martern der Folter schon oft und auf das zuverlässigste beurkundet hatten.

Nicht in Sachsen, sondern auch über die angrenzenden Länder ergoß sich nun dieser Räuberstrom mit seinen verheerenden Fluthen.

Das Jammergeschrei der Unglücklichen aus höhern Ständen, wie unter dem Landvolke, die nicht nur beraubt, sondern oft auf den Tod mißhandelt wurden, die Klagen der Priester über die Plünderungen ihrer Kirchen ertönten von allen Seiten. Es wurde Militär ausgesandt, die Edelleute und Beamten setzten sich an die Spitze der Jäger und Bauern; das Land wimmelte von Streifen, aber auch die allerthätigsten Bemühungen führten nur höchst unbedeutende Resultate herbei, da an der Schlauheit, der Vorsicht, dem Muthe und den raschen Bewegungen der Räuber die regsten Anstrengungen der Obrigkeiten und ihrer Beistände scheiterten.

Noch waren nicht zwei Jahre seit Lips Tullians Entweichung aus der Kasematte von Dresden verflossen, als die Bande schon 43 Kirchen, 28 Edelhöfe, 62 Mühlen und Bauerhäuser, selbst 5 landesherrliche Schlösser ausgeplündert, 87 Pferde gestohlen, eine unzählige Menge von Reisenden beraubt, 4 Weiler in Asche gelegt, und mehrere Menschen mit unmenschlicher Grausamkeit gemordet hatten.

Das Entsetzen, welches diese Rotte von Bösewichtern weit und breit durch das ganze schöne Sachsenland verbreitete, hatte den höchsten Grad erreicht, Niemand konnte sich mehr in seinem Hause für sicher halten, selbst nicht hinter den wohlverwahrtesten Schlössern, denn der schwarzen Bande widerstand kein Schloß, kein Riegel, kein festes Gebäude.

XXXIII.

Jockel’s Tod.

Feigherzige Vorsicht, fahre hin! Auf nichts Als blutige Vergeltung will ich denken.

~Schiller.~

Lips Tullians Greuelthaten wurden durch eine Handlung gekrönt, vor deren Gräßlichkeit auch der Gefühlloseste zurückschaudert.

Eines Tages hatte sich Lips Tullian mit Eckold, Sarberg, Schöneck, Lehmann und deren untergeordneten Räubern in einer Diebsherberge an der böhmischen Grenze eine Zusammenkunft gegeben, um über die Beraubung eines Klosters in der Nähe von Prag sich zu berathen, und gleich zur Ausführung ihrer Uebereinkunft zu schreiten. Sie saßen mit Mariane in der obern Stube und zechten, während die gemeinen Räuber in der untern, auf der Hausflur, im Garten und in der Scheune sich gütlich thaten. Es entstand ein Lärmen, ein Geschrei; das Getöse kam die Treppe herauf; es war das Gelärm einer wilden Freude.

Die Thür ward aufgerissen und Hentzschel und Schickel schleppten den gebundenen Jockel herbei. Diesen beiden war es gelungen, Jockel aus der Mitte einiger Gauner, mit denen er auf seine Hand Geschäfte machte, sich heraus zu holen, und ihn vor Lips Tullian zu bringen, der wegen Marianens Beraubung einen hohen Preis auf Jockels Einfangung gesetzt hatte.

Kalt und frech starrte Jockel auf Lips Tullian hin, der ihn mit zornigflammenden Blicken ansah und das Todesurtheil über den Gefangenen aussprach. Jetzt fiel Jockels Blick auf Marianen, die, bei der verhaßten Erscheinung von einer tief verletzenden Erinnerung erfaßt, bleich und zitternd vor sich hin schaute.

„Also sterben muß ich,“ -- sprach Jockel eintönig und wild blickend -- „sterben durch die Hände meiner Kameraden, weil ich dieser Metze dort ein paar Ringe nahm; weil ich mich selbst für meinen Antheil an der Beuchling’schen Beute entschädigte, wo ich so schändlich verkürzt worden! -- Ich bettle nicht um mein Leben, es wäre mir ja zur Schande, unter einem Bonherrn zu stehen, der solch einer Lumperei wegen, aus Gefälligkeit gegen seine Metze, einen wackern Kameraden mit barbarischem Gleichmuthe dem Tode hingiebt. Aber mein letztes Röcheln soll noch ein Fluch über mich selbst werden, daß ich nach jener Stunde, in welcher Deine treue Buhlerin in meinen Armen sich im Genusse der Wollust bis zur Ohnmacht erschöpfte, ihr nicht das Messer in die Brust stieß, nicht das schwarze Herz durchbohrte, welches in der wildester Lust für mich schlug, und mich dann an den betrogenen Buhlen verrieth!“ -- Lautlos glitt Mariane von ihrem Sitze nieder; das Entsetzen ob der höllischen Verleumdung, die Vorstellung von ihrem sichern Tode unter der mordenden Hand des furchtbar eifersüchtigen Lips Tullians raubten ihr das Bewußtsein.

Mit des Grimmes schrecklichstem Ausbruche riß Lips Tullian die Bewußtlose empor, goß ihr ein volles Glas in das bleiche Gesicht, und als sie jetzt die Augen aufschlug, fragte er die Bebende mit gezücktem Messer: „ob Jockel wahr gesprochen habe?“ Sarberg und Schöneck fielen ihm in den Arm, Mariane stürzte zu seinen Füßen, und wimmerte unter strömenden Thränen das Geständniß: „Jockel habe sie um Mitternacht durch die Lüge einer höchst nöthigen, nur ganz unbelauscht ihr zu vertrauender Warnung vor drohender Gefahr in die Gebüsche gelockt, dort plötzlich nieder geworfen, ihr das Messer auf die Brust gesetzt und schreckliche Martern und den Tod gedrohet, wenn sie sich ihn verweigere. Was mit ihr geschehen sei, könne sie nur ahnen; das Entsetzen vor dem Anblicke dieses Scheusals, das Gefühl ihrer Ohnmacht gegen den mit der Wuth seiner wildesten Lust Anstürmenden habe sie ihrer Sinne beraubt; erst mit den Strahlen der Morgensonne sei sie wieder ihres Bewußtsein mächtig geworden.“ Mit dem feierlichsten Eide bekräftigte Mariane ihre Aussage.

Nun stürmten Lips Tullians Freunde auf ihn ein mit herzlichen Bitten, Marianens Worten zu glauben, sie verbürgte sich für die Wahrheit ihrer Aussage, da die ganze Bande sie als treuste Zuhälterin, Jockel dagegen als den heftigsten Wollüstling, als einen tückischen, verläumderischen Ränkeschmieder kenne.

Lange schwieg Lips Tullian, gräßlich vor sich hin schauend. Jetzt wandte er sich zu Jockel.

„Wer hat Wahrheit gesprochen, Du oder Mariane?“ -- donnerte er dem tückisch Lächelnden zu. Jockel schwieg. „Ich schenke Dir Leben und Freiheit, wenn Du mir mit dem Eide unseres Bundes schwörst, daß Mariane nicht willig, sondern im bewußtlosen Zustande sich Dir ergeben habe!“ -- fuhr er mit gemäßigtem Tone fort --

„Ich bin ein gutherziger Narr, der ein gar dankbares Gemüth hat,“ -- lachte Jockel frech auf. „Es war eine zu schöne Stunde, die ich genoß, und dafür soll die Unschuldige nicht länger leiden. Es ist wahr, Mariane sank hinten über, wie ein geknicktes Schilfrohr, als ich ihr ganz kurz und barsch erklärte, sie müsse auf der Stelle sterben, wenn sie nicht nach meinem Willen thue. Es wäre mir freilich lieber gewesen, wenn sie mich auch ein Bischen lieb gehabt hätte, und in meinen Armen nicht zur Salzsäule geworden wäre, aber es machte sich doch!“

„Du bist frei,“ -- sprach Lips Tullian, und schnitt mit seinem Messer Jockels Stricke durch -- „aber fort, in diesem Augenblicke fort, und treffe ich Dich noch einmal, so hängst Du am nächsten Baume!“ --

Jockel sprang die Treppe hinab, und lachend, lärmend, fluchend folgten die Räuber mit raschen Schritten dem Enteilenden.

Aber Lips Tullians Vertraute umschlossen ihn mit zürnenden Blicken und machten ihm die heftigsten Vorwürfe, daß er den Schänder seiner treuen Mariane nicht mit eigener Hand niedergestochen habe. Sie überboten sich an Bemühungen, dessen Zorn und Rachsucht aufs Aeußerste zu entflammen. Sie forderten mit dem heftigsten Ungestüme Jockels Tod, da er durch Marianens Beraubung, durch diese Beraubung eines Mitgliedes der Bande, nach ihren Gesetzen das Leben verwirkt habe.

Sarberg, ein tüchtiger Redner, schilderte die Größe dieses Verbrechens und Marianens Leiden, und die Schande für die Unglückliche, welche durch den Mund der vielen Zuhörer bald unter der ganzen Bande zum Tagsgespräche und ein Gegenstand allgemeiner Verhöhnung werden müsse, mit so hinreißenden Worten, daß Lips Tullian, vom Weine erhitzt, durch seiner Freunde heftige Zusprache aufs höchste gereizt, von Rachsucht entflammt, die rasche Wallung seiner Großmuth verfluchte und mit gräßlich rollenden Augen brüllte: „100 Dukaten demjenigen, der mir Jockel schafft!“ -- Im Augenblicke sah er sich mit Marianen allein.

Der Tag dämmerte heran, als Sarberg in Lips Tullians Stube schlich, ihm Stillschweigen zuwinkte, und mit flüsternden Worten zur Folge einlud.

Leise stiegen sie die Treppe hinab, Lips Tullian lauschte einen Augenblick an der Thüre der Zechstube, und hörte, mit aufwallendem Zorne, wie die trunkenen Gesellen auf Jockels Wohl anstießen, wie sie den wackern Kameraden hoch leben ließen, und ein Pereat über den brüllten, der an Jockels Austritt aus der Bande die Schuld trage.

Schon hatte Lips Tullian mit seiner Linken die Thürklinke gefaßt, schon die Rechte nach dem Säbelgriffe ausgestreckt, um mit blanker Klinge unter die Meuterer zu stürzen, und sie seinen Muth und seine Macht fühlen zu lassen, als Sarberg ihn heftig zurückstieß, und mit Gewalt ins Freie führte.

„Die Stimme Deines Schutzgeistes hat Dir die Aufforderung zu Jockels Verfolgung in den Mund gelegt,“ -- begann Sarberg mit halblauter Stimme, sich scheu umsehend, ob Niemand lausche -- „denn sonst wärest Du bis morgen Jockels Gefangener und über Dich der Stab gebrochen. Höre!“

„Als wir zu Jockels Verfolgung Dich verließen, vertheilten wir uns. Ich und Eckold eilten auf die Lichtenfelder Meisterei zu, weil wir wußten, daß Jockel dort seine sicherste Zufluchtsstätte habe. Wir kamen an, sahen durch eine Spalte des Fensterladens Licht in der Stube, und am Tische bei einer Branntweinflasche Jockel mit dem Ungar und dem langen Bastian sitzen. Ich und Eckold sahen uns bedenklich an, denn auf freiem Felde hätten wir gern mit ihnen angebunden, aber hier zu befürchten gehabt, gleich beim Eintritte in die Stube niedergeschossen zu werden, da gerade diese drei uns schon lange Verderben gedrohet haben. Eckold wollte Dich herbeiholen, als wir beim Mondlichte zwei Gestalten über die Wiese daher eilen sahen, und bald in diesen Schöneck und Lehmann erkannten. Auf ein Zeichen von uns hielten sie schweigend an und folgten uns unter die Weiden, wo wir ihnen Jockels Anwesenheit in der Stube mit dem Bastian und dem Ungar bekannt machten, zugleich aber auch unsere Befremdung äußerten, Niemand von den Hausleuten, und auch die Hunde nicht gesehen zu haben. Als ich die Kameraden nun aufforderte, ihre Meinung zu sagen, wie wir am schnellsten und unbemerktesten in die Stube dringen könnten, versicherte Lehmann, hier am besten Bescheid zu wissen, führte uns an den Weiden hin an die kleine Scheune, und quäkte wie ein Frosch. Das Thürchen der Scheune that sich auf, und eine Dirne, die gerade dem Bette entstiegen zu sein schien, trat heraus. Lehmann flüsterte mit ihr, und winkte uns in die Scheune. Die Dirne -- sie ist schon lange Lehmanns geheime Zuhälterin -- erzählte, daß der Meister mit den beiden Söhnen und den Hunden in das Bließlinger Thal gegangen sei, um dort zwei Krämern aufzulauern; daß die Meisterin in der obern Stube krank liege, und Jockel für sich und seine zwei Kameraden Anstalt getroffen habe, hier zu übernachten. Lehmann vertraute der Dirne, wie sehr ihm und seinen Gefährten alles daran liege, Jockel zu fangen. Ich gab ihr gleich zwei Thaler, um sie für unsere Absicht desto mehr zu gewinnen.

„Das ist ja eine gar zu leichte Sache,“ -- flüsterte die Dirne, „Jockel strebt mir schon lange nach, und soll gleich im Garne sein. Ich gehe in die Stube, trinke ein Glas Branntwein mit ihm, stelle mich betrunken und winke ihm, mir zu folgen. Sobald wir in der Scheune sind, heiße ich ihm, sich in mein Bett legen, während ich die Thüre verriegle. Ihr lauert hinter den Balken, bis Jockel in das Bett steigt, und habt dann geringe Mühe mit ihm!“ --

„Es geschah, wie die Dirne den Anschlag machte. Jockel wurde so rasch und so kräftig überfallen, daß er keinen Laut von sich geben konnte, und schon nach einigen Augenblicken mit verstopftem Munde und gebundenen Händen in einer Ecke der Scheune lag. Auch der Ungar wurde durch den Köder einer süßen Stunde in der Dirne Armen uns überliefert, und Bastian im Schlafe seines Rausches schnell zusammengeschnürt, wie seine Vorgänger. Lehmann spannte ein Pferd an den Karren, auf welchen wir die Gebundenen warfen, und sie dort in das Rödinger Hölzchen gebracht haben. In der Ueberzeugung, es werde von Dir die Sache ganz kurz abgemacht werden, haben wir gleich aus der Meisterei Spaten und Hacken mitgenommen!“

Lips Tullian kam zur Stelle, wo seine Todfeinde, mit Stricken umwunden, keiner Bewegung mächtig, zu seinen Füßen lagen, ihn mit ihren Blicken gleichsam durchbohrend. Er ließ ihnen die Tücher vom Munde nehmen, und der erste Gebrauch, den sie von der freigegebenen Sprache machten, war eine Fluth von gräßlichen Verwünschungen, mit schäumendem Munde hervor gebrüllt, von Drohungen furchtbarer Rache, die wegen ihrer Ermordung die braven Kameraden an ihm üben würden. Den Drohungen folgten die beißendsten Hohnworte, die schimpflichsten Aeußerungen, und Jockel erschöpfte sich in Witz über Marianens Todesangst, über ihr schafartiges Blöcken und ihre lächerliche Nervenschwäche unter seinen Umarmungen.

Mit eisiger Kälte und einem teuflischen Lächeln sah der mordlustige Lips Tullian auf seine willkommenen Opfer nieder. Ueber die Todesangst dieser Elenden sinnend, schritt er auf und nieder. Er blieb vor einer geräumigen Grube stehen; ein höllischer Gedanke, eine höllische Freude durchzuckte sein ganzes Wesen. „In dieser kühlen Grube bettet man sich bequem. Sie sei das Ruhelager meiner trauten Freunde, und eine weiche Decke von Erde und Moos schütze die Lieben gegen rauhe Lüfte und gegen die brennende Sonne!“ -- rief er mit einem gräßlichen Hohngelächter.

Auf seinen Wink wurden die Verzweifelnden in die Grube geschleppt; schnell war sie bis an den Rand mit Erde und Steinen gefüllt.

Schweigend, von dem lange vermißten Gefühle des Mitleidens durchschauert, wandten sich die Räuber von der grauenvollen Grabesstätte ab; mit einem gräßlichen Lächeln des Hohns und der gesättigten Rache blickte Lips Tullian auf die Hülle der Lebendigbegrabenen hin.

XXXIV.

Der Kampf der Räuber unter einander.

Feigherz’ge Vorsicht, fahre hin! Auf nichts Als blutige Vergeltung will ich denken.

~Schiller.~

In der schwarzen Garde glimmte schon lange unter dichter Asche der Funke des Mißmuthes, der Abneigung gegen den Häuptling. Lips Tullian hatte, nebst den Unteranführern, seine Auserwählten, denen er sein Vertrauen, seine Freundschaft, seine Achtung auffallend bethätigte, die er auch bei Unternehmungen, wo reicher Lohn zu ernten war, und bei mancher Vertheilung der Beute auf Kosten der allgemeinen Rechte mit leidenschaftlicher Vorliebe berücksichtigte, während er die übrigen Mitglieder der Bande als niedrigen Janhagel, als Sclaven seiner Willkühr betrachtete, und in seiner rasch aufwallenden Hitze mit despotischer Härte mißhandelte. Jokel war ein Liebling der meisten von der Bande; bei Lips Tullian viel geltend wegen seiner Schlauheit und seines Muthes, wo die größte Gefahr war, aber stets von ihm mit herrischer Macht in engere Schranken zurückgedrängt, als der Geringste der Uebrigen, da Jokel schon manchen kühnen Versuch gemacht hatte, seine Fesseln zu brechen, seinen Oberherrn von dem Höhenpunkt seiner Stellung herabzustürzen und sich dahin aufzuschwingen. Daß Lips Tullian ihn einst eine volle Woche, mit Stricken gebunden, in dem Keller einer Diebesherberge bei Wasser und Brod schmachten ließ, und zwar eines geringen Versehens wegen, daß Lips Tullian ihn oft blutig geschlagen hatte, darüber konnte Jokel sich nie beruhigen. Er lechzte nach Rache, aber je heißer die Flamme der Rachsucht in seinem verwilderten Herzen aufschlug, desto geschmeidiger wurde der tückische Heuchler. An Lips Tullians Wachsamkeit zertrümmerte so mancher seiner Pläne, den Jokel zu seines Feindes Vernichtung ersonnen hatte. Da führte ihn der Zufall Marianen zu. Wollust und Raubsucht, aber noch viel mächtiger seine unbezähmbare Begierde, sich an dem verhaßten Häuptling zu rächen, erzeugten die thierische Gewalthat und den Raub von ihm an Marianen geübt.

Außer denen von Lips Tullians erwählter Umgebung würde keiner an den vom Hauptmann für vogelfrei erklärten Jokel Hand angelegt haben.