Part 13
„Dazu wünsche ich Glück. Dieser Fang wäre für das ganze Land, ja auch für andere Staaten, eine große Wohlthat, und für Sie, Herr Oberprofos, ein werthvolles Ereigniß, da, ohne Zweifel, auf den Kopf solch eines furchtbaren Menschen von der Regierung gewiß eine hohe Prämie gesetzt ist.“
„Was Prämie!“ -- lachte der Oberprofos mit wild rollendem Auge und grimmig verzerrtem Gesichte -- „Um Geld ist mir nicht zu thun, sondern um den Spitzbuben und seine Hauptgesellen. Herr, das Herz im Leibe zittert mir vor Freude, bei dem Gedanken, diese Bestien unter meine Obhut zu bekommen. Es soll ihnen ein Leben werden, daß sie täglich Gott bitten, auf dem Rabensteine zu enden. Getreulich will ich dafür sorgen, in meinen unterirdischen Kerkern diese Hunde schon diesseits alles abbüßen zu lassen, was sie gegen Gott und den Nächsten verschuldet haben. Nun gute Nacht, mein gastlicher Freund. Den herzlichen Dank für so treffliche Bewirthung und Gesellschaft, behalte ich mir auf morgen vor.“
Mit einer recht unangenehmen Empfindung sah Förster Krause dem Abgehenden nach. -- „Lieber, himmlischer Vater,“ -- sprach er wehmüthig mit einem frommen Blicke nach oben -- „zürne mir nicht, wenn ich in meinem beschränkten Geiste nicht zu fassen vermag, wie es dir genehm sein kann, unter deinen guten Kindern Menschen walten zu lassen, die solch einem Menschen verfallen!“ --
XXVII.
Eine unerwartete Nachricht.
Ha, wir sind frei, und Spott und Hohn, Ist euer Theil nun, tück’sche Schergen!
. . .
Dem Gewittertage und der stürmischen Nacht war ein herrlicher Morgen gefolgt, der selbst in dieser schon unfreundlichern Jahreszeit alle Annehmlichkeiten eines lieblichen Maimorgens bot.
Aber alle Reize der Natur blieben von dem Oberprofosen unbeachtet und ungefühlt.
Aus einem übergroßen Pfeifenkopfe qualmend, ritt er gemächlich dahin, aufmerksam dem Gespräche der dicht hinter ihm folgenden Dragoner horchend, die anfangs sich im Anpreisen der köstlichen Bewirthung, der weichen Betten und der anmuthigen Freundlichkeit der Ancillen überboten, dann auf die Erzählungen der Jägerburschen übergingen, wie diese mit Muth und Klugheit so manchen Wilddieb und auch erst im verflossenen Jahre eine höchst berüchtigte Zigeunerbande eingefangen hatten.
Das war für Herrn Hilmer eine gar angenehme Unterhaltung. Die Dragoner mußten ihm zur Seite reiten und bis auf den geringfügigsten Umstand alles wiederholen, was ihnen die tapfern Waidmänner zum Besten gegeben hatten.
Förster Krause hatte seine Gäste zum Frühstücke mit Schinken und Rum bewirthet.
Herr Hilmer fühlte jetzt Durst und trabte frisch darauf los, um bald eine Schenke zu erreichen.
Kaum hatte er sich vom Rosse geschwungen und für sich und seine Reiter eine Kanne Bier erhalten, als ein ländlich- aber wohlgekleideter Mann an die Schenke trat und sich ein Glas Doppelkümmel reichen ließ. Schweigend und mit einer Miene, die Kummer und Bangigkeit verrieth, nahm er am Tische des Oberprofosen Platz.
„Mit Gunst, mein lieber Mann! Woher des Weges und warum so niedergeschlagen?“ -- fragte Hilmer, der, nur immer mit Plänen zur Einfangung des Raubgesindels beschäftigt, mit jedem, der ihm aufstieß, ein Gespräch pflog, um vielleicht dort und da etwas ihm Nützliches zu erspähen.
„Ich bin der Krämer von dem nächstgelegenen Dorfe,“ -- erwiederte der Mann -- „und kehre von Dresden nach Hause, wo ich Waaren bestellt habe. Der Herr fragt mich, warum ich so niedergeschlagen bin? Ach, lieber Himmel, wer kann denn noch ein frohes Herz im Leibe haben bei diesen schweren Zeiten, wo man keinen Augenblick vor Beraubung, Mord und Brandstiftung sicher ist. Unser Dorf zählt an Männern und mannhaften Burschen 64 Köpfe, lauter gesunde, stämmige Leute, alle mit Waffen versehen, und doch muß bereits seit einem Jahre immer die Hälfte davon die ganze Nacht hindurch im Dorfe und um selbes patrouilliren, wenn wir gegen Zigeuner, Diebe und Räuber unsere Habe kräftig schützen wollen.“
„Ihr werdet bald ruhiger leben,“ -- tröstete der Oberprofos den Bekümmerten -- „Unser allergnädigster Landesherr hat ein gar mächtiges Mandat gegen das Diebs- und Raubgesindel erlassen und wir dürfen von dem bekannten Eifer der Behörden mit Zuversicht erwarten, unser beängstigtes Sachsen in kurzer Zeit der Gefahr und Furcht erledigt zu wissen.“ --
„Ach, Herr Kriegsmann,“ -- sprach der Krämer -- „ich fürchte, die Gefahr sei jetzt beinahe noch größer und das Verderben sicherer, als selbst in der bisherigen, so unsichern Zeit. In verflossener Nacht sind auf dem Festungsbaue zu Dresden acht Gefangene ausgebrochen, worunter sich der so gefürchtete Lips Tullian befindet.“
„Hölle und Teufel!“ -- schrie der Oberprofos und sprang mit grimmiger Geberde auf.
Doch bald wich der Hitze rasches Aufbrausen einer ernsten Besonnenheit und das von einer wilden Aufregung dunkel entflammte Gesicht ward zur höhnisch-verächtlichen Miene, mit welcher er dem Krämer sagte: „Bewahre Er vorlauter Patron seine Zunge besser und erkühne Er sich in Zukunft nicht, dergleichen einfältige Schwänke sich gegen mich zu erlauben; denn er soll hiemit bedeutet werden, daß ich der allergnädigst bestallte Oberprofos der Festung Dresden bin, daher wohl und genau wissen müßte, wenn ein so berüchtigter Räuber, wie genannter Tullian ist, sich unter den Baugefangenen allda befinden würde.“ --
„Zürnet nicht, gestrenger Herr Oberprofos,“ -- entschuldigte sich der demüthige Krämer mit einem tiefen Bücklinge, -- „daß ich in meiner gemachten Aussage zu verharren mir erlaube. Benannter Lips Tullian hat einige Stunden nach seinem Ausbruche einen Brief an den Herrn Oberzeugmeister Schmit mittelst eigenen Boten gesandt und darin schwere Beleidigungen und Spottworte gegen den wohledeln Herrn Schmit, wie auch gegen alle gestrengen Herren Befehlshaber ausgestoßen. Am Schlusse dieses Briefes machte er sich besonders darüber lustig, daß man so eifrig dem Lips Tullian nachstrebe, während man ihn schon lange in Haft gehabt und den von ihm angegebenen Namen „Mengstein“ immer mit der einfältigsten Treuherzigkeit als seinen wahren angenommen habe. Auch berief sich Tullian auf zwei Baugefangene, die, als seine frühern Gefährten, nicht leugnen werden, daß er wirklich der so allgemein gefürchtete und verfolgte Lips Tullian sei. Es verhielt sich auch wirklich so. Die zwei Baugefangenen, welche gleich nach dem Einlaufe dieses Briefes in das Verhör und, weil sie hartnäckig leugneten, auf die Folter gebracht wurden, gestanden schon unter den Daumenschrauben, daß der Baugefangene Simon Mengstein wirklich der unter dem Namen Lips Tullian berüchtigte Anführer der schwarzen Garde sei.“
„Gestrenger Herr Oberprofos, gefälligen Sie, hier im Wirthshause, wie in der ganzen Gegend umher über mich Kunde einzuholen, und Sie werden hören, daß ich ein rechtschaffener, wahrheitsliebender Mann bin. Was ich hier erzählt habe, erfuhr ich schon heute gleich nach Tageseinbruch, denn der Fourierschütz des Herrn Oberzeugmeisters Schmit, mein Stiefbruder, rüttelte mich aus dem Schlafe auf, um mir diese, für das ganze Land so schreckhafte Neuigkeit mitzutheilen, die mich auch bewog, gleich nach meinem Dorfe aufzubrechen, und meine Nachbarn auf die neuerdings und recht verderblich uns drohende Gefahr schleunigst aufmerksam zu machen.“
Der Oberprofos rief mit donnernder Stimme nach seinem Rosse, warf ein Stück Geld für die Zeche hin, schwang sich unter gräßlichen Flüchen über die dumme, faule, unvorsichtige Bestie von Stockmeister auf, und sprengte mit verhängten Zügeln Dresden zu.
XXVIII.
Der Ausbruch der Baugefangenen.
Was sollen länger wir hier weilen? Nur muthig drauf, ein rastlos Feilen Eröffnet uns der Freiheit Thür -- Drum frisch an’s Werk! -- was zaudert Ihr?
. . .
Blicken wir auf die Baugefangenen zurück, so wissen wir, daß dort Lips Tullian mit Sarberg und den übrigen eingefangenen Genossen große Hoffnung, sich zu befreien hatten und sehnsüchtig der Stunde harrten, wo sie aus ihrem Kerker ausbrechen konnten.
Der Tag war, wie wir früher gefunden haben, so gewittervoll, daß die Baugefangenen schon zur Mittagsstunde in ihre Gefängnisse zurückgebracht werden mußten. Das Brausen des Windes, das Rauschen der Regengüsse machten das Geräusch des Sägens für die Schildwache auf dem Walle unhörbar. Die Strickleiter und die Brechstangen wurden aufgezogen.
In weniger als zwei Stunden hatten die rüstigen Arbeiter, durch die Säge von ihren Fesseln frei, die Gitter-Oeffnung so erweitert, daß man bequem durchkriechen konnte. Sie befestigten die Haken der Strickleiter auf das Sorgfältigste, indem sie ihre Ketten um selbe schlangen, und diese an den Ringen der Mauer festmachten.
Leise und vorsichtig kletterten sie die Leiter hinab, an deren Ende Mariane sie empfing.
Von dem klugen, eifrigen, unternehmenden Weibe dem schauerlichen Gefängnisse, den drückenden Ketten, der mühevollen Arbeit, dem Elende entrissen, eilten sie, von der Retterin geleitet, der heiß ersehnten Freiheit, einem neu sich auffrischenden Leben voll Unthaten mit entfesselter Gierde entgegen.
XXIX.
Der Brand von Libert.
Macht schnell, das Dorf muß rein geplündert sein Und ganz in Flammen lodern.
~Th. Körner~.
Auf raschen Schwingen durchflog ganz Sachsen die Trauerkunde, daß Lips Tullian, das Oberhaupt der schwarzen Garde, es gewesen sei, der unerkannt, unter falschem Namen, auf dem Festungsbau zu Dresden gekarret und mit den Gefährlichsten seiner Bande durch den kühnsten Ausbruch sich frei gemacht habe.
Vom Dresdner Oberamte aus ergingen an alle Gerichte, an die Dorfgemeinden strenge Befehle, alle verdächtigen Leute aufzugreifen, und, im Falle Tullian oder einer der in den Steckbriefen bezeichneten Räuber darunter erkannt würde, selbe gleich nach Dresden in schweren Banden und unter zahlreicher Bedeckung abzuliefern.
Auf Tullians Verhaftung war ein Preis von 200 Dukaten in Gold, und von 300 sächsischen Thalern auf die Einfangung eines jeden der mit ihm Entwichenen von der Landesregierung ausgesprochen.
In einem kleinen Walde, nahe bei dem Dorfe Libert, bemerkte ein Bauer, der bei Nacht von einem Geschäftsgange zurückkehrte, ein Feuer. „Das könnte wohl der Tullian mit seinem Gesindel sein,“ dachte er, und schlich, durch die Begierde nach dem ausgesprochenen Preise ermuthigt, dem Wäldchen zu. Unbemerkt kam er dem Feuer so nahe, daß er 8 Menschen zählte, wovon einige schliefen, die andern plauderten und einer großen Flasche tüchtig zusprachen.
Der Bauer schlich mit aller Vorsicht durchs Hölzchen zurück, lief aus Leibeskräften nach dem Dorfe, weckte in aller Stille die Muthigsten von seinen Nachbarn, kündigte ihnen die Nähe sehr verdächtiger Leute, wahrscheinlich des Tullians mit seinen Fluchtgefährten, an, und forderte sie mit großer Beredtsamkeit zur Aufhebung des Gesindels und zum Gewinn der zugesicherten Preise auf.
Mehr als 30 rüstige Männer hatten sich schnell mit Flinten, Gabeln und Knitteln bewaffnet. Es wurde Rath über den Angriff gehalten und die meisten Stimmen sprachen: die eine Hälfte solle das Hölzchen umstellen, die andere geradezu auf das Gesindel losgehen, und, ohne viel zu fragen, gleich auf selbes feuern, stechen und schlagen. Die Männer zogen so still als möglich zum Angriff aus.
Das Hölzchen war umstellt, schweigend, aber rasch schlichen nun die Uebrigen dem Feuer zu. Ihr Anführer, ein ehemaliger Dragoner, hatte die gespannte Flinte im Arm. Er blieb mit dem Fuße an einer Baumwurzel hängen, schlug nieder und die Flinte ging los.
Der Schuß hatte die verdächtige Gesellschaft schnell auf die Beine gebracht.
Mit einem wilden Geschrei stürmten die Bauern heran. Sie wurden mit Schüssen empfangen, und zwei davon sanken schwer verwundet nieder.
Der Muth der Bauern war dahin. Sie flohen, sie riefen um Hilfe. Die Feigheit ließ sie ihre sterbenden Freunde vergessen; alles floh dem Dorfe zu.
Der Letzte der Fliehenden hatte das Unglück, in einen Graben zu stürzen. Er schrie erbärmlich, aber Niemand hörte ihn, Niemand kam ihm zu Hilfe, als er von den verfolgenden Räubern ergriffen und in das Hölzchen zurück geschleppt wurde.
Erst am recht lichten Morgen zog das ganze Dorf, die zitternden Weiber im Nachzuge, dem Hölzchen zu, um die Verwundeten und den Vermißten aufzusuchen. Unter den noch glimmenden Kohlen der Feuerstätte fanden sie die verbrannten Ueberreste der Verwundeten, am nächsten Baume die Leiche des Vermißten, und an ihm einen Zettel befestigt, der die mit Bleistift geschriebene Drohung schwerer Rache enthielt.
In der zweiten Nacht darauf, gerade als es heftig stürmte, brach in mehreren Scheunen von Libert Feuer aus. Nicht ein Haus wurde gerettet, das ganze Dorf war eine schauderhafte Brandstätte.
Der Bauer, von welchem die Bande zuerst gesehen, und die Nachbarschaft aus ihrem Schlafe geweckt und zum Angriffe aufgefordert wurde, verlor über den Verlust seiner Habe und aus tiefem Schmerze, dem ganzen Dorfe solch ein Verderben verursacht zu haben, den Verstand; man fand einige Tage darauf seine Leiche im nächsten Teiche.
Es war Lips Tullian mit seinen Vertrauten, der dem Angriffe eines ihm mehr als dreifach überlegenen Haufens so kräftig entgegengekämpft, die Fliehenden verfolgt, und durch Grausamkeit, durch Mord und Feueranlegung sich schauderhaft gerächt hatte. Im leinenen, armseligen Anzuge der Baugefangenen, ohne Waffen, ohne Geld war Lips Tullian mit den Seinigen aus dem Kerker der Kasematte vor kaum zwei Wochen entwichen, und schon waren sie gut gekleidet, mit Geld und mit Waffen versehen. Dem regen Eifer der muthigen, schlauen Mariane hatten sie Alles zu danken.
XXX.
Jockel’s Gewalthat gegen Mariane.
Arme Thörin! Du weinst vor einem ausgelernten Mörder; Es ist das Aergste nicht, was ich gethan.
~Th. Körner.~
Als Mariane Leipzig verlassen hatte, um Sarberg oder einen der übrigen Unteranführer aufzufinden, Nachricht über die Bande einzuholen und für Lips Tullian Geld zu schaffen, wurde sie in einem Walde von einem Kerl angefallen, und ihr unter Androhung schneller Ermordung Geld abgefordert. Mariane erkannte in dem Straßenräuber den großen Jockel, einen der Verwegensten und Schlauesten von Lips Tullians Bande. Sie nannte ihren und Lips Tullians Namen. Der Kerl tanzte wie unsinnig um sie her, doch löste sich seine große Freude über eine Nachricht von dem lange ersehnten Häuptling bald in Schmerz und Zorn auf; mit wildfunkelnden Augen und vor Ingrimm stotternd, erzählte er ihr Sarbergs und der Uebrigen Gefangennehmung; auch daß keine Bande mehr sei, indem alle, durch den Verlust ihrer Anführer, durch die rastlosen Streifzüge des Militärs und der im ganzen Sachsenlande aufgebotenen Jäger und Bauern entmuthigt, sich theils einzeln, theils in kleinen Gesellschaften aus diesem Lande gezogen haben, und nur zuweilen über die Gränze kommen.
Mariane hieß ihn schnell sich dahin verfügen, wo er doch einige der Bande zu finden glaubte, diesen Lips Tullians Rückkunft von Spaa anzukündigen, und entweder so viele von den Zerstreuten zu vereinen, oder so viele Neue zu werben, als ihm binnen acht Tagen möglich sei. Sie bestimmte eine vertraute Herberge zu ihrer Zusammenkunft, und Jockel eilte der Gränze zu, Mariane nach der Oberlausitz, und suchte die Felsenschlucht auf, in welcher Sarberg ihres Gatten Antheil an dem Raube im gräflich Beuchling’schen Palaste zu Dresden vergraben hatte.
Glücklich fand sie die Schlucht und die vergrabenen Schätze, nahm an Diamanten und Goldeffecten so viel, als ihr nöthig schien, nähte alles sorgfältig in die Unterkleider ein, und nahm im nächsten Dorfe, Kränklichkeit und Entkraftung vorschützend, ein eigenes Fuhrwerk auf, um Leipzig schnell zu erreichen, und ihrem Lips Tullian die traurige Kunde von der Gefangenschaft seiner vertrautesten Freunde und von der Auflösung der Bande zu bringen.
Eine Meile außerhalb Leipzig lohnte sie den Fuhrmann ab und trat in das nächste Wirthshaus, wo sie bis zum Herandunkeln des Abends bleiben wollte.
Stille nahm sie gleich bei der Thüre ihren Bandkasten ab, setzte sich in eine Ecke, und forderte ein Glas Wein. Nicht fern von ihr saßen einige Männer, aus deren Gespräche Mariane sie als Handwerker aus Leipzig erkannte, die sich hier bei Braten und Wein einen frohen Abend machten.
Die Leute waren recht gesprächig. Von dem großen Bereiche der Politik kamen sie in den engen Raum ihres Werkeltags-Lebens, ihrer Frauen und der Kinderstuben, glossirten über die Neuerer in ihren Innungen, hechelten die schlechten Zahler, die Theuerung der Victualien, die unchristlichen Gastwirthe, den Hochmuth der Großen, die Liederlichkeit der Kleinen durch und bearbeiteten nun die Tagesneuigkeiten.
Mariane horchte hoch auf, sie glaubte niedersinken zu müssen, als sie unter den jüngsten Ereignissen die Verhaftung eines Bandkrämers, seine Ablieferung auf den Festungsbau zu Dresden, und eine so genaue Beschreibung des Abgelieferten hörte, daß sie, Zug für Zug, ihren Lips Tullian in selbem erkannte. Sie wandte sich zur Seite, sie legte den Kopf in die Hand, als ob sie schliefe, um die Blässe ihres Gesichtes der Aufmerksamkeit der Anwesenden zu entziehen und zu entsinnen, was nun zu thun sei.
Das Gespräch der Leipziger ließ ihr keinen Zweifel übrig, daß ihr Lips Tullian in den Händen der Justiz sei. Sie durfte nicht wagen, nach Leipzig zurück zu kehren, da dort eine Frage nach Lips Tullian die Aufmerksamkeit würde rege gemacht und auch ihre Verhaftung zur Folge gehabt haben; doch wollte sie, um einen festen Entschluß zu fassen, ihrer Sache auch ganz gewiß sein.
Die Wirthin hatte sich in das Gespräch über den verhafteten Bandkrämer gedrängt, um auch mit geläufiger Zunge ihr Scherflein zu liefern, da sie eben in Leipzig bei Lips Tullians Verhaftung gegenwärtig war. Zur Wirthin ging nun Mariane in die Küche, bestellte ein Nachtessen, ein eigenes Zimmer mit gutem Bette, überbot die Wirthin in der Redelust, lenkte das Gespräch recht fein auf den ihr wichtigen Gegenstand, und hatte bald die vollkommenste Ueberzeugung, daß für sie in Leipzig nichts mehr zu thun sei.
Mariane verlor weder Kopf noch Muth; sie ließ sich Nachtessen und Wein trefflich schmecken, und verschwand mit ihrem Bandkasten mit solcher Gewandtheit aus dem Wirthshause, daß die zahlreichen Gäste, die immer ab und zu gehenden Wirthsleute sie zu Bette glaubten, als die Eilende schon eine große Strecke auf der erst vor einigen Stunden verlassenen Straße zurückgelegt hatte.
In der zur Zusammenkunft bestimmten Herberge fand Mariane den so eben eingetroffenen Jockel, aber nicht Einen der Bande mit ihm.
Jockel war rastlos an der Gränze hin und her gezogen, ohne zerstreute Kameraden zu treffen, auch die Werbung war ihm mißlungen, da die Furcht vor der so aufmerksamen Obrigkeit selbst die liederlichsten und leichtsinnigsten Bursche, wenigstens für diesen Augenblick, von Gaunerei, Raub und Einbrüchen zurückschreckte.
Jockel wüthete, als er Lips Tullians Verhaftung hörte. Er selbst war vor mehreren Jahren auf dem Festungsbau zu Dresden gewesen, kannte die Festigkeit der Gefängnisse, die strenge Aufsicht der Steckenknechte, die Aufmerksamkeit der zahlreichen Militärwache, und würde, wie er mit einem derben Fluche betheuerte, dort sein Hundeleben an der Karre verschleppt haben, wäre es ihm nicht gelungen, bei seiner Ablieferung zu einer Confrontation nach dem Amte Frauenstein seinen Geleitsmann mit der Handschelle zu erschlagen, und zu entspringen.
Mariane ließ sich alles, was Jockel über die Gefängnisse und Lebensweise der Baugefangenen anzugeben wußte, auf das Allergenaueste mittheilen. Im Schlusse der Mittheilung versicherte sie, nach langem Sinnen, mit dem Ausdrucke der Ueberzeugung und Freude, der baldigen Befreiung ihres Lips Tullians mit Zuversicht entgegen sehen zu dürfen; auf den Umstand, daß die Baugefangenen im Freien täglich eine kurze Weile ruhen und von fremden Leuten Brod kaufen dürfen, gründete sie ihre listigen Pläne.
Das Allernothwendigste schien ihr nun, Voranstalten zu treffen, daß Lips Tullian und auch die andern, deren Entweichung aus der Kasematte sie zu bewirken beschloß, gleich nach ihrer Befreiung Waffen, Kleidung und Geld fänden.
Dem Herbergewirth gab sie einige Ringe, und dieser, mit allen Diebshehlern in weiter Umgebung vertraut, machte sich gleich auf den Weg, die Edelsteine zu verwerthen. Er kam schon am zweiten Abend mit einer Summe von 2000 fl. in Gold zurück, ging auch am andern Tage mit Jockel fort, um Kleider und Waffen zu kaufen, wovon sie auch einen Vorrath für eine kleine Bande brachten.
Es wurde nun beschlossen, daß Jockel zu einem gewissen Andreas Schmidt, der eine Meile von Dresden wohnte, ein Wasenmeister und der verlässigste Diebshehler war, voran gehe, um ihn für Lips Tullians Befreiung zu Rath und That aufzufordern; daß Mariane in der nächsten Nacht folge und der Herbergewirth die erkauften Kleider und Waffen auf seinem einspännigen Fuhrwerke so geheim als möglich in die Meisterei schaffe.
Reisefertig stand Jockel um die Mitternachtsstunde vor Marianen in der Zechstube, Abschied zu nehmen. Während der Wirth nach dem Keller eilte, um zur Reisezehrung noch eine Flasche Branntwein zu holen, öffnete Jockel ein Fenster, führte Mariane an dasselbe, that, um nicht die Aufmerksamkeit der anwesenden Wirthin rege zu machen, als ob er eine Gegend bezeichne, und flüsterte ihr zu, er müsse sie noch allein sprechen, um sie vor einer großen Gefahr, die ihr in diesem Hause drohe, zu warnen; er erwarte sie unter der großen Eiche hinter dem Stalle, wohin sie aber erst in einer Stunde sich schleichen solle, damit die Wirthsleute schon zu Bette seien und nicht Argwohn schöpfen. Mariane nickte ihm ihr Ja zu und Jockel, vom Wirthe noch mit Branntwein und kalter Küche begabt, wanderte fort.
Eine Stunde war verflossen, und Mariane, von Neugierde und Unruhe heftig bewegt, eilte auf Socken zur Eiche hin, an deren Stamme ihr das schimmernde Sternenlicht Jockels dunkle Gestalt zeigte. Hastig forschte sie, was er ihr zu vertrauen habe.
Jockel legte den Finger an den Mund, zeigte auf die Fenster der nahen Herberge hin, bat Marianen um alles, ja kein Geräusch zu machen, und zog die unruhig Folgende hinter der Eiche fort in die nahen Gebüsche. Da umfaßte er sie rasch, drückte ihr die Spitze seines Messers auf die Brust[34] und drohete, sie niederzustechen, wenn sie sich ihm nicht ergebe.
[34] Siehe die Abbildung.
Mariane war keines Wortes mächtig; der Schreck, der Abscheu hatten ihr die Kehle zugeschnürt.
Jockel war von so furchtbar häßlichem Aussehen, daß auch die feilste Dirne vor seiner Umarmung zurückbebte; mit dieser Häßlichkeit vereinte er, wie Mariane ihn schildern gehört hatte, eine Halsstarrigkeit, einen Jähzorn, eine Blutgierde, die ihn selbst von den Verwegensten der Bande gefürchtet machte; wer seinen Lüsten, seiner Hitze, seiner Rachsucht verfiel, war ein rettungsloses Opfer.
Das wußte Mariane und das verbrecherische Weib, welches, um mit einem Räuber buhlen zu können, Ehre und Gewissen von sich geworfen hatte, sank ohne Bewußtsein hin, als jetzt der scheußliche Jockel seiner thierischen Lust mit roher Gewalt und zügelloser Frechheit sich überließ.
Es begann schon zu tagen, als Mariane sich wieder erholte. Sie war allein, sie raffte alle ihre Kräfte zusammen, und floh dem Hause zu, bei jedem Schritte vor der Verfolgung des Schändlichen zitternd. Hastig verriegelte sie ihre Kammerthüre, und warf sich aufs Bett.
Ein Schlaf von mehreren Stunden stärkte sie wieder, aber der Schreck machte sie beinahe zusammenbrechen, als sie sich überzeugte, daß der Bösewicht ihren ohnmächtigen Zustand auch dazu benutzt habe, ihr die eingenähten Edelsteine und alles Gold, was ihr vom Kaufe der Kleider und Waffen noch übrig geblieben war, zu rauben.
Sie sah, um für Lips Tullians Rettung das Möglichste thun zu können -- und dazu war Geld eine höchst nöthige Sache -- kein anderes Mittel, als den weiten Weg zur Felsenschlucht wieder zu machen, und dort Kleinodien auszugraben.