Part 11
Fruchtlos hatten sie Nächte hindurch sich über ihre Befreiung berathen, aber noch immer leuchtete ihnen nicht der geringste Schimmer der Möglichkeit einer Befreiung. Zum Ausbrechen fehlten ihnen Werkzeuge, und am Entrinnen während der Schanzarbeit hinderte sie die zahlreiche Militärwache, die strenge Aufmerksamkeit der Steckenknechte, und die Schwere und Stärke ihrer Ketten.
Zur gewöhnlichen Ruhezeit saß Lips Tullian eines Tages, von den Uebrigen abgesondert, auf seinem umgestürzten Karren und blickte sehnsüchtig nach einer Brodverkäuferin umher, da er äußerst hungrig und durch so eben empfangene milde Gabe in der glücklichen Lage war, sich nach langer Zeit wieder einmal satt essen zu können.
Ein altes Weib in zerlumptem Anzuge, das Gesicht beinahe bis an die Augen mit einem Tuche verhüllt, humpelte an einem Krückenstocke auf ihn zu, und bot ihm Brod an. Lips Tullian kaufte. Er reichte der Alten das Geld. Sie stieß an seine Hand, das Geld fiel zur Erde, und während beide sich darnach bückten, flüsterte das ihm zu: „In dem Brode mit einem eingeschnittenen Kreuze findest Du einen Zettel. Ich bin Mariane!“ --
Das Weib humpelte fort. Sprachlos starrte Lips Tullian ihr nach. Er hätte beinahe laut aufgejauchzt, und seinen Freunden das Wort Freiheit mit weit schallender Stimme zugerufen. Wo Mariane war, da war auch die Freiheit nicht mehr fern; er kannte die Stärke ihrer Liebe, ihren Muth, ihre Schlauheit, ihren Eifer. Wie vor Freude trunken jubelte er laut, als die Trommel zur Arbeit rief, lachte dem schlagfertig gehobenen Arme des Steckenknechts in wilder Freude entgegen, und hatte seinen Hunger und sein Elend vergessen.
Es war gerade Samstag, wo immer die Baugefangenen um zwei Stunden früher von der Arbeit entlassen wurden. Lips Tullian konnte den Augenblick seines Eintrittes in den Kerker nicht erwarten, da es ihm erst hier möglich war, das bezeichnete Brod zu erbrechen und den Zettel zu lesen.
Er that es mit Hast, und bei dem wenigen Lichte, was nur durch eine kleine, dicht vergitterte Oeffnung in den Kerker fiel, las er mit Mühe: „Auf dem Platze, wo Ihr gegenwärtig arbeitet, steht in einem Winkel der Strunk eines alten Baumes. In seiner Höhlung dicht an der Erde findest Du eine feine Säge und ein Stück Bindfaden. Mit der Säge durcharbeitest Du in der nächsten Nacht ein Paar Eisenstangen Deines Fenstergitters. Sobald die Festungsuhr die zehnte Stunde schlägt, lässest Du den Bindfaden herab, woran ich zwei Brechstangen und eine Strickleiter befestige. In längstens zwei Stunden habt Ihr die Fensteröffnung hinlänglich erweitert, um Euch durchdrängen zu können. Am Fuße der Leiter harre ich Euer, um Euch in Sicherheit zu bringen.“ --
XXVI.
Der Oberprofos
oder:
Die Lebensart der Baugefangenen.
Wer lärmt in dieser schreckenvollen Stunde Vor meiner Thür? -- Es ist gefährlich, Zu dieser Zeit des Aufruhrs und des Mords Dem Flüchtling wirthlich seine Thür zu öffnen; Doch gar zu gräßlich ist der Sturm der Nacht, Ich will’s auf Deine Jammertöne wagen.
~Theodor Körner.~
Es hatte sich am 20. September 1710 über Pirna und dessen Umgebungen von Westen und Süden im langsam schauerlichen Zuge ein Gewitter ausgebreitet, das in der dritten Nachmittagsstunde die Himmelsdecke zur nächtlich dunkeln, grauenvollen Wölbung gestaltete. Die Hitze war so schwül wie im heißesten Sommertage, die Blätter der Bäume und Sträucher, von keinem Lüftchen bewegt, hingen schlaff darnieder, Thiere und Pflanzen lechzten nach Erquickung, und mit scheuen Blicken sahen die Menschen, aus Furcht vor der drohenden Gefahr von ihren Beschäftigungen und Feldarbeiten in ihre Behausungen zurückgekehrt, dem unheilgebärenden Wolkenzuge entgegen. Das Gewitter brach aus mit aller seiner Furchtbarkeit. Der Himmel ward zum Feuermeer, und die Erde erbebte unter dem entsetzlichen Geprassel der betäubenden Donnerschläge.
Des Allmächtigen Vaterhand hatte in diesen grauenvollen Stunden schützend über seinen zitternden Kindern geschwebt. Verbleicht waren die Blitze, verhallt die Donner, aber die furchtbarschöne Naturerscheinung hatte sich nicht in jene liebliche Kühle und in das freundlich-beleuchtende Licht aufgelöst, die fast immer dem heftigsten Gewitter folgen, und in die freier sich hebende Brust des Menschen ein so angenehmes Gefühl ausgießen; der Regen fiel strömend nieder, der Sturm heulte durch die Lüfte und mit dem schon frühe eingebrochenen Abend hatte sich tiefe Finsterniß über die Erde gelagert.
Prasselnd schlugen Regenschauer an die hohen Fenster des in der Nähe von Pirna einsam gelegenen Forsthauses, genannt zur rothen Buche, und krachend beugte sich die riesige Hoflinde unter des Sturmes gewaltiger Wucht. Aber im Forsthause waltete eine recht gemüthliche Ruhe. Im bequemen Schlafrocke, die Federmütze auf dem ehrwürdigen, silbergrau und spärlich behaarten Haupte, und aus der großen Meerschaumpfeife mit dem langen Weichselrohre recht behaglich schmauchend, saß der Förster Krause vor einem alten Historienbuche, dessen anmuthige und verschiedenartige Darstellungen ihn nach vollbrachten Berufsgeschäften an unfreundlichen Abenden gar herrlich vergnügten. Fast unwillig schaute er von Zeit zu Zeit nach der Thüre des Nebenzimmers, ob sie sich denn noch nicht öffne, und Elisabeth, seine liebe, traute Ehefrau, zu ihm hereintrete, auf daß sie sich mit ihrem Strickstrumpfe ihm gegenüber setze, und die anmuthigen Historien mit anhöre, wo er dann, so viel in seinem Wissen lag, sich über die, der aufmerksamen Zuhörerin fremdartigen Worte, wie auch sonst ihr unbekannte Stellen erklärend aussprach, und zwar mit einem etwas stolzen Gefühle seiner Gelehrsamkeit und seiner Erfahrungen. Jetzt kam Frau Elisabeth in die Wohnstube zurück, nahm den gewohnten Platz ein, und während sie mit gewandten Fingern ihr Strickzeug handhabte, fuhr Förster Krause in seiner unterbrochenen Vorlesung also fort:
„_Idem_ in dem Jahre 1400. 1431. 1432. 33. und 37. hat die Elbe einen Theil an der Steinern Brucken verderbt. _Anno_ 1429 haben die Hussiten alt Dresden abgebrand, nach dem sie den Ort zuvor geplündert: seyn auch _Anno_ 1430 wieder hieher kommen. _Anno_ 1477 ward das erste Stuck Geschütz alda gegossen in der Vorstatt, und nach Quedlinburg geführt, _Anno_ 1491 ist die halbe Statt, wie auch die Vorstatt vor dem Pirnischen Thore, verbronnen. _Anno_ 1547 hat Churfürst Johan Friederich zu Sachsen, weilen seyn Vetter, Herzog Moritz, es mit dem Keyser gehalten, alt Dresden ausgeplündert, vn nev Dresden beschossen; folgends ward die Bruck von jhme _Mauritio_ fester gemacht. _Anno_ 1580 ist das Geistliche _Consistorium_ von Meissen auff Dresden gelegt worden. _Anno_ 1588 hat man allhie Musterung gehalten, vnd 1466 Männer, vn zwar in alt Dresden 421, in new Dresden 1045 gefunden. _Anno_ 1617 seyn der Keyser Matthias, König Ferdinand in Böheimb, Ertzherzog Maximilian zu Oestereich, vnd der Cardinal Clesel, allhie gewesen, deren Potentaten, ausser deß Herren Churfürsten zu Sachsen, als deß Herren Wirths dieser Ansehenlichen Herren Gäste, keiner mehr im Leben ist. _Anno_ 1643 wurden dieser Statt die nothwendige Lebens-Mittel, wegen der Schwedischen vbel hausens, fast gar entzogen, also daß sie in 8 Wochen kein Pfund Fleisch in den Fleischbänken haben können. Daher dan die Churfürstliche Hofstatt nothwendig enger eingezogen werden müssen. _Tom. 5. Th. Eur. fol. 62. a. Anno 44_ ließ sich ein Scharpffrichter allhie für einen Einspanninger gebrauchen, welcher mit seines Wachtmeisters Weib vngebühr getrieben, darüber sie vom Manne erdapt vnd das Weib gleich nidergemacht worden, der Henker aber ist von einem Fenster 3 Stockwerk hoch herunder gesprungen, gleichwohl gefänglich eingezogen worden. Auff 3 Stund von Dreßden hat ein Geistlicher, vielmehr Gottloser Mann, mit einer Magt im Stall Vnzucht getrieben, vnd dieweil eine andere Magt darzu kommen, hat er sie mit einer Mistgabel erschlagen; ist aber nach Dreßden geführt worden. -- _Idem_ hat sich _eodem anno_ der _Lieutnant_ im hoch preißlichen Granatierbatailion von Menkwitz auf gräuliche Weise mittelst einer Pistole selbst entleibtet, eben auf sodanne Art“ --
„Ach, lieber Max“ -- unterbrach hier Frau Elisabeth den eifrigen Vorleser, und zog ihm sanft das Historienbuch hinweg -- „ich bitte dich um Alles, dergleichen grauenvolle Geschichten mir nicht mehr mitzutheilen. Seit dem Augenblicke, als ich die Leiche unseres Hegereiters mit der zerschmetterten Hirnschale sah, faßt mich immer ein gewaltiger Schrecken, so oft ich von einem Selbstmörder höre. Eine solche Erzählung macht mir die Nacht schlaflos, und ungeachtet du mich im Laufe unserer dreißigjährigen Ehe immer als ein muthiges Weib wirst gefunden haben, so bin ich doch durch jenen Anblick, und durch den Gedanken an so manchen Mord, der seit einiger Zeit in unserer Gegend von dem fremden Raub- und Blutgesindel begangen wurde, so eingeschüchtert worden, daß, so oft ich jetzt in der Nähe einen Schuß höre, mich“ --
In diesem Augenblicke fielen ganz nahe zwei Schüsse. Erbleichend sank Frau Elisabeth in den Stuhl zurück, während Förster Krause raschen Trittes auf die Hausflur eilte und auf waidmännische Art einen gellenden Pfiff that.
Fast eine Todtenstille hatte bisher im Forsthause geherrscht, jetzt wurde es tumultuarisch lebendig. Aus den Stuben des Erdgeschosses stürzten Jägerbursche, Knechte und Mägde hervor, wohl kennend die Bedeutung dieses gellenden Rufes, der nur bei wichtigen Vorfällen Statt fand, und der Befehle des geliebten Dienstherrn mit der Treue regem Eifer gewärtig. -- „Es sind zwei Schüsse gefallen, dicht am Hofthore,“ -- sprach der Förster zur neugierig horchenden Umgebung, „Du, Franz, nimmst Doppelbüchse und Hirschfänger, öffnest leise das Gartenpförtchen, und lauschest dort. Was Du gesehen, wirst Du mir schleunigst melden. Ihr übrigen Jäger nehmt eure Gewehre und tretet vor das Haus, die Knechte machen den Hofhund und die Saufänger los, und erwarten meine weiteren Befehle. Alles geschehe mit Ruhe und Besonnenheit. Soll sich das umherstreifende Raubgesindel auf meine Habe Rechnung gemacht haben, so wollen wir es mit Fassung und Kraft empfangen, waren aber diese zwei Schüsse vielleicht nur Nothsignale, so soll man uns zur Hilfe bereit finden!“ -- Es geschah, wie Förster Krause gebot, der selbst sich schnell bewaffnete, um im Falle der Noth der Anführer seiner muthigen Hausgenossen zu werden.
Franz kehrte mit der Meldung zurück, daß drei Reiter vor dem Hofthore halten, daß der eine davon entsetzlich fluche und daß die weißen, durch das Dunkel schimmernden Mantel und das Klirren der Waffen die Fremden als Kriegsmänner ankündige. Krause gebot, ein Paar Kienfackeln anzuzünden und sogleich das Thor zu öffnen. Die Männer ritten ein. Unter den heftigsten Verwünschungen der Dunkelheit, des strömenden Regens, des brausenden Windes, schwang sich der vordere Reiter vom triefenden Rosse, schritt mit schnellen, trotzigen Schritten in die Hausflur und schnaubte dem Förster mit wilden Blicken die Frage entgegen, warum man ihm und seinen Begleitern, ungeachtet eines so lange währenden Pochens und Rufens, nicht Einlaß gegeben und diesem Hundewetter so lange ausgesetzt habe, bis er gezwungen gewesen sei, seine Nähe durch Pistolenschüsse anzukündigen. Des Försters einfache Hinweisung auf die Unmöglichkeit, bei dem heftigen Getöse des Sturmes und der Regengüsse ein Pochen oder Rufen am fernen Hofthore hören zu können, würde den Ungestümen wohl schwerlich beschwichtigt haben, hätte nicht die nun wieder ermuthigte Frau Elisabeth ihn durch die freundlichste Gutmüthigkeit, mit welcher sie ein gutes Abendbrot, alten Wein, ein recht weiches Bett und jede mögliche Bequemlichkeit versprach, kirre zu machen gewußt. Schnell war der Zürnende mit allen Unannehmlichkeiten dieses Tages versöhnt, und als er, durch die geschäftigen Hände eines Jägerburschen vom regenschweren Mantel befreit, in die reinliche, angenehm warme Wohnstube trat und Förster Krause selbst, ein inniger Freund der Soldadeska, seinem Gaste mit einem bequemen Nachtanzuge und der Bitte, sich hier wie im eignen Hause anzusehen, entgegen kam, da betheuerte der Kriegsmann, der Dunkelheit dieses Abends recht große Verpflichtungen zu haben, daß sie ihn von der rechten Straße hinweg und über Flur und Wiese in ein Haus geführt habe, wo solch’ ein treues, freundliches Soldatenherz schlage.
Nach wohlthuendem Vertausche der durchnäßten Bekleidung mit einem recht gemächlichen Hausanzuge des Försters, setzte sich nun Herr Justus Hilmer zum Genusse des Abendbrotes nieder, das, ungeachtet das Försterpaar wie auch die Dienerschaft schon vor einer Stunde zu Nacht gegessen hatte, so schnell und so reichlich dem Gaste vorgesetzt wurde, als hätte man seiner Ankunft entgegen gesehen. Auch die beiden Dragoner erhielten in der Jägerstube ein Abendessen und solch eine freundliche, aufmerksame Bewirthung, wie es ihnen in ihrem genußarmen Reiterleben wohl nicht zu oft zu Theil geworden sein mochte.
Herr Justus Hilmer war der gewaltige und gefürchtete Oberprofos der Vestung zu Dresden. Mit einer Riesengestalt, einem scharfen, feurigen Blicke und einer stolzen, tiefernsten Haltung vereinte er Muth und Klugheit.
Die Verwegensten der Baugefangenen, durch Drang nach Freiheit, durch Verzweiflung über ihre Lage oft zu den kühnsten Empörungen, zu den gewaltsamsten Angriffen gegen die Militairwache und gegen die Steckenknechte[31] hingerissen, sanken bis zur sclavischen Unterwürfigkeit bei dem Erscheinen des gefürchteten Oberprofosen, und den Listigsten und Hartnäckigsten, die Herr Johann Ephraim Zopf, der vielerfahrene und verfängliche Festungs-Auditeur, mit allen seinen Subtilitäten, oft selbst durch die Folter, nicht zum Geständniß so mancher Uebelthat zu bringen vermochte, wußte der schlaue Hilmer, den tiefen, zurückschreckenden Ernst in einen herzlichen, vertraulichen, das Gemüth erschließenden Ton umwandeln, im ganz schlichten Geplauder oft so Manches zu entlocken, was der Verbrecher in das Tiefste seines Innern für dieses Leben zu vergraben sich selbst so heilig gelobt hatte. Der Name des Oberprofos Hilmer war im ganzen Sachsenlande bekannt, ein Schrecken für Räuberbanden und ein Gegenstand der Ermuthigung und des Vertrauens für Adelige, Gutsbesitzer, Bürger und Landleute; denn früherhin, ehe Hilmer zu dieser Stelle befördert worden, war er als Criminaldiener verschiedener sächsischer Justizämter bei jedem Streifzuge, bei jedem Angriffe gegen einzelne Räuber wie gegen ganze Banden immer an der Spitze, und wo der muthige, kraftvolle Hilmer sich zeigte, da war auf der Seite seiner Parthei der Sieg, auf der der Gegner die Niederlage, dabei meistens Gefangenschaft oder Tod, da er dem geschlagenen Feinde fast nie Zeit ließ, sich durch die Flucht zu retten. Auch jetzt noch, da er zur Stelle eines Festungs-Oberprofosen aus Anerkennung seiner viel und erfolgreich geleisteten Dienste für die öffentliche Sicherheit befördert worden, wurde er zu Unternehmungen gebraucht, wo nur von dem persönlichen Muthe und der Klugheit des Anführers günstige Resultate erwartet werden konnten.
[31] Des Oberprofosen Diener und der Baugefangenen Aufseher.
Als der Oberprofos seinem gastfreundlichen Wirthe sich genannt hatte, betheuerte Förster Krause, daß heute seinem Hause Heil wiederfahren sei, denn auch Krause mit seinem nicht unbedeutenden Vermögen stand als gute sichere Beute auf der Liste einer zahlreichen, verwegenen Räuberbande, die einige Jahre vorher die Umgebungen von Pirna höchst unsicher gemacht, aber durch Hilmers Muth und Rastlosigkeit ihr Grab im Zuchthause und auf dem Rabensteine gefunden hatte.
Herr Justus Hilmer hatte sich an dem leckern und reichlichen Abendbrote herrlich gelabt. Jetzt kam die Reihe an die Flasche und Wirth und Gast ließen sich den alten feurigen Wein recht wohl munden; auch Frau Elisabeth durfte nicht versagen und es wurde manches Gläschen auf dieses und jenes Wohl geleert.
Nachdem Hilmer erzählt hatte, daß er von Königstein komme, wohin er mit seinem Reitergeleite drei wichtige Staatsverbrecher zur lebenslänglichen, strengen Haft abgeliefert habe, und auf der Rückkehr nach Dresden begriffen sei, kam die Sprache auf die unterirdischen Gefängnisse dieses als unbezwingbar berühmten Felsenschlosses, wovon unter dem Landvolke gar sonderbare Gerüchte im Umlaufe seien. -- „Ich habe nicht Zeit und Gelegenheit gehabt, die Königsteiner Gefängnisse zu besehen“ -- begann jetzt der Oberprofos mit wichtiger Miene, und stopfte sich ganz langsam eine Pfeife -- „aber ich wette meinen stattlichen Meklenburger gegen eine polnische Krabbe, daß jene Gefängnisse noch Lusthäuser sind gegen die, in welchen ich theils die verwegensten, theils die gravirtesten meiner Baugefangenen verwahre. Alle die gottlosen Bursche wurden, wie Euch, mein sehr werther Freund, bekannt sein mag, in frühern Zeiten im Raths-Stockhause auf der Frohngasse verwahrt, wo sie des Morgens, wie eine Schafheerde, aus ihren Löchern hervorgetrieben, und _ad opera publica_, das heißt zum Straßenkehren, Steinführen, Kalktragen u. s. w. verwendet wurden. Das Rathsstockhaus ist ein uraltes Gebäude, woran die Zeit mit scharfem Zahne genagt hat. Es hielt nicht schwer, die morschen Mauern zu durchbrechen, und so gelang es in einigen Jahren vielen der Inhaftirten, zu entspringen. Die allergnädigste Landesregierung konnte nicht länger zusehen, daß so viele räudige Schafe sich zum Verderben der Guten eigenmächtig die Freiheit verschafften. Es wurde daher allerhöchsten Ortes beschlossen, die Gefangenen aus dem Raths-Stockhause in die auf der Festung hinter dem Zeughause befindliche Salomons-Bastei zu versetzen, nachdem unter selbiger gewölbte Kerker angelegt worden, die da heißen: -- das Salomons-Gefängniß, das Kupfergewölbe, der Baumann und die Mohrenkammer; ferner wurden drei besondere Gefängnisse erbauet, die, in der Mitte von Gewölben, für sich wie ein eigenes Gewölbe stehen und umgangen werden können. Auch unter dem Wilsdrufer Thore haben wir drei Gefängnisse. Alle diese Kerker sind tief unter der Erde. Im Kupfergewölbe, in der Mohrenkammer, wo die zur lebenslänglichen Haft Condemnirten verwahrt wurden, herrscht ewige Finsterniß; nur von dem Lampenlichte meiner Knechte werden sie, wenn man den Gefangenen das Essen reicht, oder diese ihre grauenvolle Hölle reinigen müssen, spärlich erleuchtet. Glücklich diejenigen dagegen, die andere Gefängnisse bewohnen und zur Arbeit verwendet werden. Sie werden doch an das helle Tageslicht, in die frische Luft geführt, während jene nicht Tag, nicht Nacht unterscheiden können, und von der langen Weile, von den vielfüßigen Plageteufeln, von der verpesteten Kerkerluft und von den unaufhörlichen Schmerzen, die ihnen der Druck und die Schwere des Halseisens, des Leibringes und der Hand- und Fußketten verursachen, zur Verzweiflung gebracht, sich selbst entleiben würden, könnten sie ihre eingeschmiedeten Hände nur einige Augenblicke frei gebrauchen.“ --
Der Oberprofos leerte nun ein volles Glas Wein in langsamen Zügen mit vielem Behagen. Krause schob das seine zurück; dem weichherzigen Manne wäre beim schmerzlichen Hinblicke auf das Jammerleben so vieler unglücklicher Mitmenschen der köstlichste Rebensaft zum Wermuth geworden, und Frau Elisabeth fragte mit nassen Augen und leiser Stimme: ob die Baugefangenen doch satt zu essen und die sonst nöthige Pflege haben?
„Ja, da hat es sich bei uns mit Kost und Pflege!“ -- lachte der gewaltige Bagnos-Häuptling[32] mit widerlich verzerrtem Gesichte und entpfropfte eine neue Flasche. „Meine wertheste Frau Försterin, erlauben Sie mir, Ihnen eine kurze, aber wahre Schilderung zu machen, wie es den Inhaftirten ergehet, über welche ich ein christliches, aber, nach Gestaltung der Dinge und absoluter Nothwendigkeit, oft gar strenges Commando zu führen bestallt und ermächtigt bin.“
[32] Sklavenbehältnisse werden überhaupt Bagnos genannt.
„Die Schlafstelle eines jeden Baugefangenen in diesen unterirdischen Kerkern ist aus Brettern gezimmert, gerade mit nothdürftigem Raume, um sich ausstrecken und umwenden zu können. Ein mit sehr rauhem Stroh gefüllter Sack und eine Wolldecke sind das Bett. Frühstück giebt es nicht; nur jene haben das zum Morgenimbiß, was sie von ihrer Brodration sich ersparen, die täglich aus 1½ Pfund Brod bestehet und ihnen für zwei Tage gereicht wird. Wassersuppe und ein Gericht von Hülsenfrüchten ist das Mittagsmahl, Wassersuppe das Nachtessen. Nur an den größten Festtagen wird zu Mittag ein Stückchen Fleisch gereicht. Wasser ist das immerwährende Getränk. Jeder Baugefangene trägt am rechten Fuße eine schwere Eisenschelle mit schwerer Kette, womit sie nächtlicher Weile an ihre Lagerstätte, bei Tage aber entweder an den Karren, den sie bei Bauarbeiten zu ziehen haben, angeschlossen werden, oder die sie bei andern Beschäftigungen wie einen Gürtel um den Leib tragen. Zu früher Morgenstunde wird die große Fallthüre, durch die man zur Kerkertreppe gelangt, und welche den einzigen Eingang zu diesen unterirdischen Wohnungen bildet, geöffnet, und gleich von Wache mit scharf geladenen Gewehren umstellt, während meine Steckenknechte, von wohl abgerichteten Fanghunden begleitet, die Kerkerthüre öffnen, die Gefangenen losschließen, und sie die Treppe hinaufsteigen lassen. Jeder Kerker zählt mehr als zwanzig Gefangene, über welche Einer davon, der sich das meiste Vertrauen durch Fleiß und Stille bei mir erworben hat, gleichsam die Aufsicht führt. Jeder dieser Aufseher muß nun, ehe die Gefangenen die Bastei verlassen, Meldung machen, ob sie während verflossener Nacht gebührliche Aufführung gepflogen haben. Die geringste Klage, und der Beschuldigte wird ohne gestattete Gegenrede mit Geiselhieben gezüchtigt. Da setzt es Hiebe, _mul um_, nach allen Dimensionen, und da darf nicht gemuckst, nicht raisonnirt werden, sonst wird, wie wir Justizmänner sagen, _portio duplex_ gereicht. Dann schreitet man zur Tagesarbeit, die im Steinsägen, Reinigung der Geschütze, Schanzen, Ankarrung der Baumaterialien und Gassenkehren besteht.
Es ist beinahe unbegreiflich, wie solche Elende, die ihren Tag unter den schwersten Arbeiten hinbringen, nur höchst nothdürftig genährt werden, und, auf ihrem steinharten Lager von zahlreichem Ungeziefer gepeinigt, größtentheils die Hälfte der Nacht schlaflos hinbringen, noch den Muth und so viele körperliche Kraft haben, die anstrengendsten Versuche zum Ausbrechen aus so festem Gewahrsam zu machen; wie sie, während der Arbeiten, theils gegen meine Steckenknechte, theils gegen die Wache die trotzigsten Angriffe wagen; wie sie nächtlicher Weile sich anfallen, einander blutrünstig schlagen, ja oft schwer verwunden. Aber wehe dann diesen Bösewichtern am nächsten Morgen beim Rapporte. Da wird der Angreifende wie der Angegriffene bis an die Hüften entblößt, mit den Händen an eine steinerne Säule geschlossen, und dann vom Steckenknechte mit einer schweren, dichtgeflochtenen Geisel meistens so lange gepeitscht, bis er bewußtlos an der von Blut triefenden Säule lehnt. Und doch genießen diese Erbärmlichen ein noch viel besseres Schicksal, als jene, die in der Mohrenkammer und im Kupfergewölbe, Füße und Hände in Eisen geschmiedet, bei Wasser und Brod, in ewiger Dunkelheit zur lebenslänglichen, arbeitslosen Haft verwahret werden. Darunter habe ich einen gewissen Ilmer, der bereits seit 11 Jahren seinen schauderhaften Kerker noch keinen Augenblick verlassen durfte, der den Tag mit den gräßlichsten Gotteslästerungen beginnt, immer darüber blutig gepeitscht wird, und nach dem letzten Streiche wieder zu lästern anfängt. Eben so“ --
Länger vermochte die mitleidige, gottesfürchtige Frau Elisabeth solche schaudervolle, schmerzlich ergreifende Mittheilungen nicht anzuhören. Rasch unterbrach sie den Redseligen mit der Frage: ob diese Unglücklichen in solch irdischer Hölle nie das Glück und die heilvollen Wohlthaten des Trostes, der Lehre, der Erbauung aus dem Munde eines Priesters genießen dürfen. --