Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Part 10

Chapter 103,619 wordsPublic domain

Lips Tullian verlor und gewann in der ersten Zeit, doch immer so, daß der Verlust den Gewinn weit überstieg. Als er die Spieler recht sicher gemacht hatte, ließ er seine Spielkünste ins Leben treten, und ging nie, außer wenn er es aus Klugheit mäßig machte, vom grünen Tische, ohne die Goldstücke der Spielgesellschaft mit den seinigen vereint zu haben.

Vor dem Anfange des Spieles unterhielt eines Abends Herr von Cotitz die Anwesenden von dem bedeutenden Brautschatze der jungen Gräfin von Beuchling und nannte ihn einen fürstlichen. Lips Tullian brannte die Erde unter den Sohlen; er spielte kopflos, da ihn die Begierde nach diesem fürstlichen Mahlschatze zu sehr bemeisterte. Noch war die Spielzeit zur Hälfte nicht verflossen, als er schon über 100 Dukaten verloren hatte.

Der Verlust machte ihm keine bittere Laune, er freute sich vielmehr darüber, da ihm dadurch Gelegenheit wurde, das Spiel zu verlassen, mit Cotitz, der im Nebenzimmer bei einer Flasche Wein allein saß, zu sprechen, ihn auszuforschen, und dann seinen Plan zu bilden. Cotitz plauderte in seiner Redseligkeit alles, was Philipp wissen wollte, recht ausführlich aus, und sein listiger Zuhörer schied in der größten Zufriedenheit von ihm.

Ohne Gehülfen konnte Lips Tullian nicht zum Ziele kommen, er brauchte nur wenige, aber Leute von feinster Schlauheit und erprobtem Muthe. In Dresden war nicht einer von der Bande gegenwärtig, durch den er die nöthigen Gesellen hätte berufen können.

Mariane erbot sich gleich zu diesem Geschäfte. Mit ihrem Bandkasten auf dem Rücken eilte sie gleich nach Oeffnung der Thore aus Dresden, und bald kehrte sie mit Sarberg, Schickel, Lehmann und Eckold zurück, die ihr einzeln und in verschiedenen Verkleidungen gefolgt waren.

Der Brautschatz der jungen Gräfin war im Beuchlingschen Palaste in einem Gemache aufbewahrt, das im obersten Geschosse und in der Mitte von zwei Zimmern lag, wovon eines von dem Hofmeister mit seinen gräflichen Zöglingen, das andere von dem Jäger und dem Koche bewohnt war. Und aus dieser Umgebung heraus holten sich die Räuber die Chatoulle mit der reichen Aussteuer in Gold und ein aus Silber geflochtenes Körbchen, worin der Schmuck lag, der einen Werth von 60,000 Thalern hatte.

In einem Walde außerhalb Dresden wurde der Raub getheilt[27], nachdem davon eine große Summe in Gold zur Vertheilung unter die übrigen Mitglieder der Bande abgesondert worden war. Nicht das Mindeste nahm Lips Tullian von seinem, nach den Gesetzen der Gesellschaft ihm doppelt zugefallenen Antheile mit sich in seine Wohnung, aus Furcht irgend einer Entdeckung; er übergab Sarberg alles, und bezeichnete ihm eine Felsenschlucht in der Oberlausitz, wo er es zu vergraben habe.

[27] Hierzu die Abbildung im nächsten Hefte.

Im zurückgezogenen Wohlleben brachte nun Lips Tullian mit Marianen seine Tage hin, war Heuchler genug, täglich die Kirche zu besuchen, auf dem Gange dahin die Armen zu beschenken, gewann bei der Nachbarschaft den Ruf eines gar frommen, mildthätigen Herrn, und ergaunerte sich am grünen Tische von Zeit zu Zeit eine schöne Anzahl von Goldstücken.

XXI.

Der Schmuck des Juden Marx in Halle.

Einen schlimmen Weg ging gestern ich, Einen Weg, dem ich nicht wieder traue!

~Burns.~

Eines Morgens kam Hentzschel zu ihm mit der Nachricht, daß bei dem Juden Assor Marx zu Halle ein Schmuck von hohem Werthe liege, welchen Marx für eine Banquiersfrau in Leipzig aus Frankfurt besorgt habe; daß aber dieser Schmuck sehr gut verwahret, und es das Allerschwierigste sei, ihn dem wachsamen Juden zu entwenden.

Lips Tullian ließ sich von Hentzschel über Assors häusliche Verhältnisse, seinen Charakter, die Lage des Hauses etc. die genaueste Auskunft bis auf die geringfügigsten Umstände geben, und versicherte mit großer Bestimmtheit, der Schmuck sei so viel als in seinen Händen, wenn Marx ihn nicht schon abgeliefert habe. Er traf unverzüglich seine Anstalten.

Als Lips Tullian noch mit dem schwarzen Wenzel in Gemeinschaft stand, befanden sich bei ihrer Bande zwei Juden. Er machte sich alles eigen, woraus er für sein Handwerk Vortheil ziehen konnte. In jeder müßigen Zeit unterhielt er sich mit diesen Juden, bewirthete sie mit Wein, und hatte bald von ihren Gebräuchen, ihrer Religion, ihrer Sprache und ihren sonstigen Eigenheiten so viel erlernt, daß er kühn in jedes Judenhaus treten und für einen Glaubensgenossen gelten konnte.

Schnell war er in einen Israeliten umgewandelt, und mit seinem falschen Barte, auch mit Arbe Kaufes und Tfille[28] ausgestattet, wanderte er nach Halle zu, und wurde auf dem Wege dahin von reisenden Juden mit einem treuherzigen: „Gotelkom!“[29] begrüßt.

[28] Ein die 10 Gebote vorstellendes Gewebe, welches die Juden am Leibe tragen, und der lange Riemen, womit sie beim Gebete Kopf und Hand umwinden.

[29] Sei Willkommen!

Durch Hentzschel, der die Verhältnisse des Assor Marx genau kannte, hatte Lips Tullian erfahren, Assors Reichthum habe sich nicht so sehr aus guten Handelsgeschäften, als vielmehr aus dem Ankaufe gestohlner Waaren von Werth gemacht. Dieser Umstand erleichterte sein Unternehmen.

Er trat in Assors Haus, sagte diesem, daß er aus Prag und auf einer Reise nach Berlin begriffen sei, hier seine Frau, die in Frankfurt Geschäfte mache, erwarte, und bat Assor, ihm bis zu deren Ankunft gegen reichliche Vergütung Pflege und Herberge zu geben.

Während der Anrede zählte er, gleichsam tändelnd, eine bedeutende Anzahl von Goldstücken aus einer Hand in die andere. Der habsüchtige Marx blinzelte mit verlangenden Blicken auf die schönen Goldstücke hin, schrieb schon in Gedanken die Rechnung mit doppelter Kreide und bot dem reichen Glaubensgenossen sich, sein Haus, Küche und Keller zu allen Diensten an. Bald saßen die beiden bei einer Flasche Wein traulich zusammen, und schon nach einer Stunde wußte Marx mit geheimer Freude, daß sein Gast einen bedeutenden Schatz an Juwelen besitze, welchen er aus sehr bewegenden Gründen um einen mäßigen Preis losschlage.

Außer Marx, seiner Frau, zwei Enkeln und einem alten Knechte wohnte Niemand im Hause. Lips Tullian war schlau genug, seine Kenntniß von dem hier befindlichen Schmucke nicht im Geringsten ahnen zu lassen; er schien sogar einige Winke, die ihm Marx darüber gab, nicht im Geringsten zu beachten.

Dagegen hatte er sich bald das innigste Vertrauen des alten Knechtes erworben, und dieser, als ein geborner Pole ein Freund des Branntweins und von Lips Tullian in einer Winkelschenke überreichlich damit bewirthet, vertraute in der Trunkenheit dem aufmerksam Lauschenden, daß in seines Herrn Keller ein sehr theurer Schmuck liege, aber schon in einigen Tagen nach Leipzig abgeführt werde. Ehe noch der Sinnlose unter dem Tische lag, hatte Lips Tullian schon erfahren, wo der Eingang zum Keller sei, wo die Schlüssel verwahrt werden, in welcher Ecke des Kellers das Schmuckkästchen, zur Sicherheit gegen Diebe, tief im Sande verscharrt liege.

Es war Sabbath, und Lips Tullian bat um Erlaubniß, seinen geehrtesten Hauswirth, wie auch dessen Ehefrau und Kinder mit einem köstlichen Weine bewirthen zu dürfen, von welchem er gestern im Gasthofe zur goldnen Traube getrunken und gleich einige Flaschen gekauft habe.

Der Knecht mußte den Wein aus des Gastes Wohnzimmer herab tragen. Die Flaschen waren versiegelt, und Marx versicherte seinen lieben Angehörigen mit wichtiger Kennermiene, daß er schon jetzt für die Vortrefflichkeit dieses Weines bürge, weil man nur Flaschen von den besten Sorten versiegle.

Die Gläser wurden gefüllt, die Gesellschaft leerte sie auf gegenseitiges Wohl, auch der Knecht erhielt seinen tüchtigen Antheil. Niemand hatte bemerkt, daß Lips Tullian sein Glas auf den Boden ausgoß, und bald würde Niemand vermocht haben, es zu bemerken, da schon bei der ersten Flasche Marx, seine Frau, die Kinder und der Knecht in einem todähnlichen Schlafe lagen; so schnell war die Wirkung des betäubenden Mittels, womit jener den Wein reichlich gemischt hatte.

Die Kellerschlüssel aus dem Verschlusse zu holen, das Kästchen mit dem Schmucke unter dem Sande hervor zu ziehen, es zu zertrümmern, und den Schmuck in dem Leibgurte zu verwahren, war für den Räuber das Werk der kürzesten Zeit.

Damit begnügte sich aber der Bösewicht noch nicht. Er öffnete einen Kleiderschrank, worin Marx sehr feine Anzüge, die er von jungen Verschwendern wohlfeil gekauft hatte, verwahrte, vertauschte den seinigen gegen einen solchen, that den langen, falschen Bart von sich, nahm aus dem Schranke, der des Juden kostbarste Sachen enthielt, das baare Gold, an Thaler-Rollen, Gold- und Silbergeräthen so viel, als seine Taschen faßten, löschte alle Lichter aus, verriegelte sehr sorgfältig die Hausthüre, und entfernte sich durch das Hinterpförtchen.

So schnell als die Last seiner gefüllten Taschen erlaubte, eilte er auf das nächste Dorf, wo sich Hentzschel, als Pferdehändler figurirend, seit des Hauptmanns Ankunft in Halle mit zwei Pferden aufhielt und diese, wie verabredet war, jeden Abend gesattelt in Bereitschaft hatte.

Lips Tullian gab das bekannte Zeichen, Hentzschel zog seine Pferde aus dem Stalle, und es ging die ganze Nacht durch im scharfen Trabe.

Mit Tagesanbruch bog Hentzschel, dem Lips Tullian für seinen Antheil das Gold und die Thaler-Rollen gegeben hatte, in der Nähe einer Poststation mit seinen Pferden von der Landstraße abseits, und Lips Tullian nahm einen Wagen bis an die Thore von Dresden.

Mit einem Raube von mehr als 20,000 Thalern an Geldwerth schlich er bei eingebrochener Nacht durch die Straßen von Dresden seiner abgelegenen Wohnung zu.

XXII.

Der Badeaufenthalt.

Fremdling, sei behutsam! Du bist nicht sicher, traue mir!

~Th. Körner.~

Wie ein commandirender Feldmarschall sein Hauptquartier in irgend einem Orte aufschlägt, um von da aus an die unterhabenden Corps seine Befehle zu versenden und ihre Bewegungen zu leiten, so hatte auch Lips Tullian das seinige in Dresden aufgeschlagen, von wo aus er seine Bande befehligte. In dieser kannte Niemand seinen Aufenthalt, als Sarberg, Hentzschel, Schöneck, Lehmann, Schickel und Eckold, und außer diesen Anführern kam kein Mitglied der zahlreichen Rotte zu ihm; nur diese Vertrauten fanden sich von Zeit zu Zeit bei ihm ein, als vornehme Personen, Bettelleute, Hausirer, reisende Handlungsdiener verkleidet, um Meldung zu machen, Befehle zu holen, ihm, dem Oberanführer, seinen Antheil von der gemachten Beute zu überbringen, und ihn bei sehr wichtigen Unternehmungen zur Anführung abzuholen.

Ganz Sachsen zitterte vor der schwarzen Garde, deren Oberhaupt als ein frommer, wohlthätiger, unbescholtener Mann in der Hauptstadt des zitternden Landes lebte und von den Einwohnern Dresdens sehr hoch geachtet wurde. Wer hätte auch in diesem ruhigen, schlichten Privatmanne, dessen eingezogene verbindungslose Lebensweise allgemein bekannt war, den furchtbaren Lips Tullian geahnet?

Ein Jahr hatte Lips Tullian in Dresden gelebt. Es kam die Badezeit, und mit ihr in ihm die Lust, in der Rolle eines reichen, vornehmen Mannes der Welt sich zu zeigen. Spaa wurde von ihm für die Badesaison gewählt.

Nach einem recht bürgerlichen, wort- und complimentereichen Abschiedsbesuche in der ganzen Nachbarschaft umher, ging er mit Marianen von Dresden ab, zu Fuße, den Bandkasten auf dem Rücken.

Die Felsenschlucht in der Oberlausitz wurde besucht, eine Parthie der vergrabenen Juwelen hervorgeholt, dann der Weg nach Leipzig eingeschlagen, wo Lips Tullian für sich und Marianen die prachtvollsten Kleider verfertigen ließ, Kammerfrau, Stubenmädchen, Jäger und Koch in Dienste nahm, einen kostbaren Reisewagen kaufte und mit vier Postpferden nach Spaa abfuhr.

Als Baron von Strombeck mit Gemahlin erschien er auf der Badeliste. Er machte einen fürstlichen Aufwand.

Am Vorabende seiner Rückkehr nach Dresden hatte er eine kleine Gesellschaft von jenen Badegästen, in deren Umgange er am angenehmsten gelebt hatte, zu sich gebeten, um noch mit diesen frohsinnigen Gesellschaftern einen recht heitern Abend zu genießen. Frau Bieberich, in die Freifrau von Strombeck umgewandelt, machte die Wirthin mit dem Anstande einer Dame von feinem Tone und der liebenswürdigsten Freundlichkeit; sie hatte nicht umsonst als Buchhändlerin mit den Frauen vornehmer Häuser verkehrt.

In dieser Gesellschaft befand sich ein junger Mann, der sardinische Uniform trug, in Spaa für einen Hauptmann galt und großen Aufwand machte. Er schlug nach dem Abendessen ein Spiel vor, und Philipp, in der Hoffnung, ein bedeutendes Reisegeld sich zu machen, wußte bald seine Gäste für den Vorschlag des Sardiniers zu gewinnen.

Man looste, wer die Bank halten sollte! das Loos traf den Sardinier. Um hohe Summen wurde gespielt, und Lips Tullian war vom Glücke so verlassen, daß er, als der Sardinier am lichten Morgen die letzte Taille abgezogen hatte, nicht mehr ein Goldstück besaß, ja sogar den größten Theil seiner Pretiosen zur Bezahlung seiner Spielschuld hingeben mußte.

An dem Sardinier hatte Lips Tullian seinen Meister gefunden.

XXIII.

Eine neue Bekanntschaft und deren üble Folgen.

Welch tollkühn Wagstück! -- Mitten durch den Feind.

~Th. Körner.~

Ohne Reisewagen, ohne Dienerschaft, nur noch im Besitze weniger Kostbarkeiten, da sein zu verschwenderischer Aufwand in Spaa und jene Spielnacht zu viel gekostet hatten, kam er mit Marianen in einer Lohnkutsche zu Leipzig an und warf sich hier gleich wieder in die Rolle des Bandkrämers.

Es mußte Geld und auch Nachricht von dem gegenwärtigen Aufenthalte der Unteranführer seiner Bande herbeigeschafft werden. Mariane wanderte wieder mit ihrem Bandkasten fort, und Philipp versuchte, Geschäfte zu machen.

Der Zufall ließ ihn mit einem Manne bekannt werden, der als Thierarzt von Land zu Land zog. Lips Tullian und der Thierarzt hatten noch nicht eine Flasche Wein zusammen geleert, als sie schon genau wußten, was sie sich gegenseitig zu bieten hatten. Bald schlossen die wackern Männer Freundschaft.

Der Thierarzt wußte in einem Landhause bei Leipzig eine Summe Geldes, auch einen bedeutenden Vorrath von Silberzeug. Der Raub wurde von ihm und Lips Tullian beschlossen. Es gelang ihnen, einzubrechen, und sich des Geldes nebst einem Kästchen mit silbernen Bestecken zu bemächtigen.

Unbemerkt kamen sie in ihre Wohnung zurück. Ueber die Vertheilung des Raubes konnten sie nicht einig werden. Der Thierarzt forderte zwei Theile, weil er die Sache ausgekundschaftet, und daher Lips Tullian nur einen Theil zu verlangen habe.

Lips Tullian machte die nämliche Forderung, denn er habe mit der größten Gefahr der Entdeckung den Schrank geöffnet, und die Beute gemacht, während jener nur auf der Lauer gestanden habe.

Es kam zum heftigen Wortwechsel, zum Faustkampfe, und der kräftige Lips Tullian warf den spindeldürren Thierarzt aus dem Zimmer. Vor Wuth zitternd schlich der Gemißhandelte wieder zurück, nahm, ohne ein Wort zu sprechen, den für ihn von Lips Tullian bestimmten Theil und entfernte sich mit einem Blicke auf seinen lachenden Feind, aus welchem die allerheißeste Rachsucht hervorsprühte.

Noch war Lips Tullian beschäftigt, die Silberbestecke zu zertrümmern, um sie desto gefahrloser in der Folge als altes Silber zum Einschmelzen verkaufen zu können, da wurde seine Zimmerthüre aufgerissen, und ein Polizeibeamter trat mit bewaffnetem Gefolge ein. Lips Tullian hatte schnell ein Tuch über das Silber geworfen, aber dem scharfen Blicke des Beamten war es nicht entgangen. Er kündigte Lips Tullian Arrest an, und befahl zugleich seinen Leuten, dem Gefangenen die Hände zu binden.

Lips Tullian wußte, was ihn erwartete; nur Verstellung und eine rasche That konnten ihn retten. Mit Demuth bat er den Beamten, ihm nicht Stricke anlegen zu lassen, er wolle ja gern alles thun und gestehen, was man von ihm fordere.

Der Beamte war nicht vorsichtig genug. Lips Tullian gewann Zeit, sich dem Bette zu nähern. Mit einem Griffe waren seine Doppelpistolen unter der Decke hervorgerissen, und Jedem den Tod drohend, der sich ihm zu nahen wage, entsprang er durch eine Seitenthüre.

Wie Gypsbüsten hatten die verblüfften Polizeidiener vor des Räubers gespannten Pistolen gestanden; jetzt bekamen die Büsten wieder Leben. Sie schrieen wie die Lämmergeier aus dem Fenster, im Hause herum, den Dieb aufzuhalten; sie stürzten die halbe Treppe hinab, um ihm nachzusetzen.

Es war ein gewaltiger Lärm, die Menschen liefen von allen Seiten aus den Häusern, schauend, fragend, aber keiner unter den vielen hatte den Muth, den Räuber, der durch sie hin flog, aufzuhalten.

Aber er sollte diesmal nicht entkommen. Ein Fleischerhund lief über die Gasse, und ihm zwischen die Beine. Er fiel der Länge nach hin. Durch den Fall ging eine Pistole los. Die Menschen schrieen, als wären sie alle verwundet.

Ehe Lips Tullian, von dem heftigen Falle betäubt, sich aufraffen konnte, hatten ihn zwanzig Fäuste gepackt. Er vermochte nicht die mindeste Bewegung zu machen, so fest war er im Augenblicke von den wuthschnaubenden Polizeidienern zusammen geschnürt, und ehe er sich recht besinnen konnte, lag er in einem unterirdischen Gefängnisse des Leipziger Rathhauses auf einer Strohschütte und an einer schweren Kette.

XXIV.

Die Verurtheilung.

Die Thüre, die sich jetzt für ihn geöffnet, Greift hinter ihm für immer in das Schloß; Kein Weg zurück zur Freiheit und zum Leben, Nur schaudernd vorwärts zu der Schlachtbank.

~Th. Körner.~

Der Gefangene wurde in das Verhör geführt und des Einbruches und Raubes im Landhause des Kaufmanns Keller beschuldigt.

Mit unbeschreiblicher Angst war er vor den Richter getreten, fest überzeugt, daß man ihn als Lips Tullian und seine Thaten kenne. Er jubelte im Stillen, nur einer solchen Kleinigkeit wegen bezüchtigt zu sein. Schnell erwachte in ihm die Vermuthung, der Thierarzt habe ihn aus Rachsucht angegeben, und er war jetzt umso ruhiger, da kein gültiger Beweis gegen ihn geführt werden konnte.

Gleich entschlossen, seinen Feind in die Grube zu stürzen, die jener für ihn bereitet hatte, gab er mit aller Frechheit an, all dieses Silberzeug, das man in seiner Wohnung gefunden und dessen Entwendung man ihn bezüchtigte, von einem Manne gekauft zu haben, der sich so und so nenne, und so und so aussehe. Und nun beschrieb er den Thierarzt so genau, daß der Polizeibeamte sich gleich erinnerte, diesen Menschen schon öfters gesehen zu haben. Noch in diesem Augenblicke wurden Steckbriefe gegen den Thierarzt ausgefertigt.

Auf die Frage, warum er, seiner Unschuld sich bewußt, nicht willig sich ergeben, sondern mit bewaffneter Hand versucht habe, zu entfliehen, entschuldigte er sich mit einer langen Erzählung, wie in Marseille, wo er vor einigen Jahren gewesen zu sein vorgab, auch plötzlich einige Männer in sein Zimmer getreten seien, ihm Arrest angekündigt und aus dem Hause geführt hätten, aber nicht in ein Gefängniß, sondern in den Keller eines abgelegenen Hauses, aus welchem er sich nur durch Gottes Hilfe gerettet, seine Wohnung aber von diesen angeblichen Sicherheits-Männern ganz ausgeplündert gefunden habe. Die Erinnerung an jene schreckenvolle Begebenheit sei heute beim raschen Eintritte der Polizeimänner so lebhaft in ihm geworden, daß er sich wieder von vermummten Räubern umgeben glaubte, und vor Schrecken ganz außer sich, in der Flucht Rettung suchen wollte. Man fand für gut, den verdächtigen Patron in das Gefängniß zurück zu schicken.

Unter des Gefangenen Effecten fanden sich so viele verschiedenartige Sachen, daß der Untersuchungsrichter fest überzeugt war, in diesem angeblichen Bandkrämer einen ausgezeichneten Gauner vor sich zu haben. Die Verhöre wurden immer strenger, die Aussagen des sonst so schlauen und besonnenen Bösewichts immer sich widersprechender, die Indicien gegen ihn immer gravirender, und über Lips Tullian die ersten zwei Torturgrade ausgesprochen.

Mit fast übermenschlicher Kälte und Standhaftigkeit erduldete er die Qualen der Folter. Unter den heftigsten Martern betheuerte er seine Unschuld mit solcher Ruhe, mit solcher Selbstbeherrschung, daß man Anstand nahm, noch härter gegen ihn zu verfahren.

Das Gericht erkannte dem Bandkrämer Philipp Mengstein ewige Landesverweisung und Bezahlung der angelaufenen Untersuchungs- und Atzungs-Unkosten zu. Die Acten wurden eingeschickt, aber von der Landesregierung das Urtheil nicht bestätigt. Philipp mußte nach Dresden auf den Festungsbau abgeliefert werden.

XXV.

Die Baugefangenen.

Gott ist barmherzig! Trage deine Ketten Und trau’ auf Gott, die Liebe wird dich retten.

~Th. Körner.~

Im grauen Zuchtkittel, das Haar geschoren, mit einer langen Kette an einen Karren geschlossen, zog Philipp am ersten Morgen nach seiner Ankunft in den Festungsgefängnissen von Dresden mit zahlreicher Umgebung zur Schanzarbeit aus.

Von dem höchsten Grimme über seine Gefangenschaft beherrscht, nur auf Befreiung sinnend, keinen seiner Mitgefangenen beachtend, im wilden Brüten auf seine Arbeit hinstarrend, hatte er einige Stunden Steine geschleppt, als der Tambour der Militärbedeckung die Trommel rührte. Es war das Zeichen, daß alle Baugefangenen einige Zeit, so lange es dem Oberprofosen gefällig war, ausruhen, auch von dem Gelde, welches sie von mitleidigen Menschen zum Geschenk erhielten, sich Brod kaufen durften, womit zu dieser Stunde sich immer einige Weiber aus den Vorstädten einfanden.

Lips Tullian kannte diesen Gebrauch noch nicht, arbeitete fort und wurde durch einige derbe Hiebe eines Steckenknechts, der dieses Fortarbeiten für Trotz hielt, recht angenehm zum Ausruhen eingeladen. Vor Wuth knirschend warf er sich an seinen Karren nieder und drückte das glühende Gesicht in die gekreuzten Arme.

Kettengeklirre nahete sich ihm, er wurde leise an der Schulter gerüttelt: unverändert blieb er in seiner Lage. Es flüsterte ihm jemand in die Ohren: „Makerst Du Deine Keffer-Freier lau mehr?“[30]

[30] Kennst Du Deine Vertrauten nicht mehr? --

Die Stimme schien ihm zu bekannt, die Anrede zu wichtig, um länger seinem Starrsinne sich hinzugeben. Er blickte auf, und hätte beinahe vor Ueberraschung laut aufgeschrien: -- Sarberg, Eckold, Hentzschel, Schöneck, Lehmann und Schickel saßen um ihn her, an ihrem Brode kauend, und nach einem langen, bedeutenden Blicke wieder ruhig fort essend, ohne durch Wort oder Miene sich als seine Bekannten verrathend. Sarberg saß ihm am nächsten. Als die Trommel das Zeichen zur Fortsetzung der Arbeit gab, flüsterte ihm dieser zu, so nahe als möglich an seiner Seite zu karren. -- Lips Tullian that es.

In den Augenblicken, wo die Wache oder die Steckerknechte fern genug waren, um unbelauscht sprechen zu können, erzählte Sarberg, daß er mit den übrigen Anführern in einem vertrauten Wirthshause zur Berathung wegen einiger bedeutenden Einbrüche sich eingefunden habe, daß mitten in der Nacht das Wirthshaus von einem zahlreichen Streifzuge sei umringt, und der Wirth mit allen seinen Leuten, wie auch mit seinen Gästen nach Leipzig gebracht worden. Ihn, Sarberg, habe man nebst seinen Kameraden hierher geliefert, um ein Jahr zu schanzen, da sie so glücklich gewesen, sich von irgend einer Verbindung mit der schwarzen Garde wegzuleugnen, und nur als verdächtige Leute zu einjähriger Schanzarbeit verurtheilt worden zu sein.

Am Schlusse der Erzählung gab ihm Sarberg die angenehme Nachricht, daß er mit ihm und den übrigen Freunden das nämliche Gefängniß bewohne, daß Lips Tullian schon gestern Abend, bei seinem Eintritte in den Kerker von ihnen erkannt, aber dieses Erkennen auch nicht durch ein Wort oder ein Zeichen angedeutet worden sei, indem noch einige Baugefangene in eben diesem Gefängnisse schlafen, welchen man nicht trauen dürfe.

Lips Tullian hatte genug gehört. Die Nähe solch’ muthiger und unternehmender Freunde gab ihm Hoffnung, bald seine Fessel los zu werden. Schon nach einigen Tagen wurden die ihm und seinen Kameraden verdächtigen Mitgefangenen vom Festungsbau entlassen, und die Vertrauten waren nun allein in ihrem Gefängnisse zusammen.