Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1854 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Inkonsistente Schreibweisen, insbesondere bei ‚eingedeutschten‘ Ausdrücken, wurden beibehalten (z.B. Bajonet/Bajonett/Bajonette). Altertümliche Ausdrücke wurden nicht an die heute übliche Schreibweise angepasst; einige Vorsilben, beispielsweise ‚auf-‘ und ‚aus-‘ werden teilweise anders verwendet als im heutigen Sprachgebrauch.
Umlaute in Großbuchstaben werden meist in ihrer Umschreibung (Ae, Oe und Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis sowie das Abbildungsverzeichnis wurden vom Bearbeiter an den Beginn des Buches verschoben. Die Titel einiger Kapitel im Inhaltsverzeichnis wurden entsprechend der Kapitelüberschriften im Text geändert.
In der diesem Buch zugrundeliegenden Originalausgabe wurden versehentlich die jeweils ersten Seiten der Kapitel XXXII (‚Neue Unthaten der schwarzen Garde‘) und Kapitel XXXIII (‚Jockels Tod‘) vertauscht, worauf auch die Fußnote im Inhaltsverzeichnis hinweist. In der vorliegenden Bearbeitung wurde die wohl ursprünglich beabsichtigte Reihenfolge aber wiederhergestellt. Die erwähnte Fußnote war in der gedruckten Fassung irrtümlich dem Kapitel XXI des Inhaltsverzeichnisses zugeordnet; in der elektronischen Version wurde diese nun, dem Sinn entsprechend, dem Kapitel XXXII zugewiesen.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: ~Tilden~ Antiqua: _Unterstriche_
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Lips Tullian
und seine Raubgenossen.
Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte.
Von
~_Dr. Ernst Frei._~
Mit fein colorirten Abbildungen.
~=Neusalza,=~ Druck und Verlag von =Louis Oeser=. =1854.=
Wer ist der Mensch? -- Auf beiden Wegen Zu ihm hinab, zu ihm hinan Weht uns ein Gotteshauch entgegen Und kündigt uns den hohen Menschen an. Es flammt in ihm ein reines Gottesfeuer; Hoch flammt es auf; doch stürzet er einmal Sich von sich selbst herab: ein solches Ungeheuer Birgt keine wilde Kluft, verhüllt kein grauses Thal. Mit Zittern staun’ ich seine Höhen In schrecklich wüsten Trümmern an! Wie hoch muß nicht ein Wesen stehen, Das so erschütternd fallen kann.
~Tiedge.~
Verzeichniß der Abbildungen mit Angabe, wohin sie gehören:
1) Titelkupfer: Der schwarze Wenzel und Lips Tullian, oder zu Seite 11 gehörig.
2) Zu Seite 18 gehörig: Die Räuberhöhle.
3) „ „ 132 „ Die Ermordung zweier Gerichtsdiener.
4) „ „ 148 „ Lips Tullian in Lebensgefahr.
5) „ „ 169 „ Die schöne Schlosserswittwe in Prag.
6) „ „ 189 „ Die Theilung der Beute im Wald.
7) „ „ 212 „ Die Räuber als Baugefangene.
8) „ „ 272 „ Marianens Ueberfall.
9) „ „ 299 „ Der Kampf der Räuber unter einander.
10) „ „ 309 „ Die Wiedererkennung.
11) „ „ 336 „ Die Befreiung.
12) „ „ 423 „ Der erste Mord.
13) „ „ 442 „ Ein neuer Mord.
14) „ „ 443 „ Lips Tullian in Freiberg.
Inhalts-Verzeichniß.
Seite.
I. Der Entschluß, Räuber zu werden. 3
II. Der erste Raubmord. 9
III. Die Aufnahme unter die Räuberbande. 14
IV. Lips Tullians erstes Räuberleben. 20
V. Der Ueberfall von Trebnitz. 26
VI. Lips Tullians Flucht und Rettung. 42
VII. Sarberg, genannt: der Studentenfritz. 46
VIII. Samuel Schickel, der Brett-Bauer. 56
IX. Christian Eckold, der schöne Böttiger. 71
X. Hans Wolf Heinrich Schöneck. 95
XI. Daniel Lehmann. 113
XII. Michael Hentzschel. 125
XIII. Die Schenke an der böhmischen Grenze. 144
XIV. Eine neue Räuberbande. 149
XV. Der Einbruch in der Eimbecker Mühle. 154
XVI. Lips Tullians und seiner Genossen Ankunft in Prag. 160
XVII. Die schöne Schlosserswittwe. 164
XVIII. Die Trennung von Prag. 170
XIX. Die Entdeckung. 174
XX. Der Raub des Brautschatzes der jungen Gräfin von Beuchling. 185
XXI. Der Schmuck des Juden Marx in Halle. 191
XXII. Der Badeaufenthalt. 197
XXIII. Eine neue Bekanntschaft und deren üble Folgen. 201
XXIV. Die Verurtheilung. 205
XXV. Die Baugefangenen. 208
XXVI. Der Oberprofos oder: die Lebensart der Baugefangenen. 214
XXVII. Eine unerwartete Nachricht. 254
XXVIII. Der Ausbruch der Baugefangenen. 258
XXIX. Der Brand von Libert. 260
XXX. Jockel’s Gewalthat gegen Mariane. 265
XXXI. Marianes Eifersucht und Schlauheit. 276
XXXII. Neue Unthaten der schwarzen Garde[1]. 280
XXXIII. Jockels Tod. 284
XXXIV. Der Kampf der Räuber unter einander. 295
XXXV. Die Ermordung eines Handwerksburschen. 302
XXXVI. Die Wiedererkennung. 307
XXXVII. Lips Tullian und Margarethe in Prag. 318
XXXVIII. Margarethens Untreue. 323
XXXIX. Lips Tullian wieder an der Spitze einer Räuberbande. 329
XXXX. Lips Tullians abermalige Gefangenschaft. 333
XXXXI. Der Lieutenant Schönknecht. 337
XXXXII. Schönknechts Verheirathung. 343
XXXXIII. Eine schlechte Erziehung. 357
XXXXIV. Ein schreckliches Opfer. 364
XXXXV. Philipps erstes Debut. 372
XXXXVI. Die erste Gefangenschaft. 376
XXXXVII. Josephine. 381
XXXXVIII. Die gefährliche Einsiedlerklause. 395
XXXXIX. Die Rettung. 401
L. Zusammenkunft mit Josephinen. 410
LI. Der Aufenthalt in Polen und Philipps erster Mord. 419
LII. Lips Tullians Befreiung. 426
LIII. Lips Tullians letzte Schicksale. 438
[1] Aus Versehen des Druckers sind in einigen Exemplaren im 9. Hefte mehrere Seiten verwechselt worden und folgt dort auf _pag._ 279: Die Seite mit XXXII. Neue Unthaten der schwarzen Garde, dann geht es wieder von 281 in der Reihenfolge fort bis _pag._ 283, wo dann die Seite mit XXXIII. Jockels Tod folgt.
I.
Der Entschluß, Räuber zu werden.
-- Ich bin auch aus dem Himmel, Und bin ein verstoßnes Kind.
~H. Laube.~
In einem Wirthshause an der schlesisch-polnischen Grenze saß zechend und lärmend eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft. Sie erzählten sich von den Thaten des gefürchteten, damals die ganze Grenze mit Furcht und Schrecken erfüllenden unter dem Namen: „~der schwarze Wenzel~“ bekannten Räuberhauptmanns und seiner Genossen.
„Das Merkwürdigste aber ist bei diesen verfluchten Räubern,“ meinte einer von den Bauern, „daß sie sich unsichtbar machen können; denn wenn sie verfolgt werden, wenn die Soldaten ihnen auf der Spur sind, und sie bis in die Wälder treiben, da haben jene schon oft geglaubt: jetzt können uns diese Schufte nicht mehr entgehen, sie sind in unsrer Gewalt und wir liefern sie nun gebunden und in Ketten in die Gefängnisse ein -- aber diese Hoffnung hat die Soldaten noch immer getäuscht, denn plötzlich, gleichsam vor ihren Augen, waren die Kerle verschwunden und die Soldaten hatten das leere Nachsehen und konnten dann sogar jedesmal zu ihrem größten Aerger nicht einmal eine Spur mehr von ihnen auffinden! --“
„Da habt Ihr ganz recht, Nachbar,“ meinte ein Anderer, „das macht die schwarze Kunst, die Räuber haben jeder einen Diebsfinger, mit dessen Hilfe sie sich unsichtbar machen können!“
„Wie meint Ihr das, Veit?“
„Nun, sobald ein Dieb gehängt oder mit dem Schwerte hingerichtet oder gerädert wird und wie sonst noch solche sanfte Hinüberspeditionen in jene Welt die Namen führen, so schneidet der, welcher sich jene Kunst, sich unsichtbar zu machen, aneignen will, einen Finger von dem Hingerichteten heimlich ab, trägt ihn jederzeit bei sich und dann wird ihn nicht leicht ein Häscher oder Soldat in seine Gewalt bekommen!“
„Dummer Unsinn das!“ meinte ein junger Mann, dessen Kleidung sogleich den Fremden verrieth. „Kein Diebsfinger, sondern Kühnheit, Muth und Schlauheit -- das sind die Talismane, welche die Räuber besitzen und die ihnen in den schwierigsten Fällen durchhelfen!“
Es entstand nun darüber ein Streit, bis der Fremde, den dieses Gezänke auf die Länge der Zeit langweilte, sich verabschiedete und die Schenke verließ, um ruhig seinen Weg weiter fortzusetzen.
Betrachten wir den Fremden etwas näher; er war ein hochgewachsener, schöner, noch jugendlicher Mann, dem man Kraft, Gewandtheit und Schlauheit sogleich auf den ersten Blick ansah; er trug die Kleidung eines polnischen Cavaliers und sein Aeußeres ließ auf Wohlhabenheit schließen.
Als er seines Weges ruhig dahinzog, war sein Inneres jedoch keinesweges so ruhig, wie es wohl den Anschein haben mochte, vielmehr war dasselbe in höchster Aufregung und er meinte vor sich hin: „So wäre ich also am Ziele und bald beginnt meine neue Laufbahn! Die Menschen haben mich gemißhandelt, haben mir mein Liebstes auf der Welt, meine theure, angebetete ~Jumelle~, schändlicherweise mit Gewalt entrissen, haben mich gleich einem Verbrecher in Ketten und Banden geworfen und mich hilflos wieder in die Welt hinausgestoßen -- dafür sollen sie mir büßen, an der ganzen Menschheit, die ich hasse mit aller Gluth meiner starken Seele, will ich mich rächen, niemanden will ich mehr schonen, Mord und Raub sollen nun meine Begleiter sein und Furcht und Entsetzen vor mir hergehen. Ja, es ist fest beschlossen, ich werde ein Räuber, und nicht umsonst habe ich in meiner Jugend alle Diebeskniffe und Raubgeschicklichkeiten gelernt, ich werde sie nun brauchen können; das Schicksal hat mich einmal dazu bestimmt, und Niemand kann seinem Schicksale entrinnen! Wohlan, ich nehme den Fehdehandschuh des Schicksals auf; wie es mich von meiner Geburt an schon hilflos in die Welt gestoßen und mit Unglück verfolgt hat, will ich Tausende, und wen nur mein Arm zu erreichen vermag, auch unglücklich machen, sie ihrer Habe berauben und hilflos in die Welt verstoßen. Kein Erbarmen und Mitleid soll meine Seele mehr kennen, das sind nur alberne Herzenskitzelungen, und Schwachheiten, deren sich ein richtiger Mann schämen muß, Tugend und Ehrbarkeit sind nur leere Truggebilde, eitle Hirngespinste von Thoren, die es im Leben nie zu etwas Ordentlichem bringen werden!“
So sprach er noch lange vor sich hin und bekräftigte sich immer mehr in seinem einmal gefaßten Entschlusse, ein Räuber zu werden.
Er war ein unglücklicher, mit der Welt zerfallener junger Mann, den sein guter Engel verlassen, den die Bosheit der Menschen von dem schönsten Höhepunkte eines tugendhaften, friedevollen und beglückten Lebens hinabgestoßen in die grauenvolle Tiefe des Hasses, der Rachsucht und der Raserei, und von dem Satan beim Schopfe gefaßt, den gräßlichen Schwur jetzt that, die Tugend, die Menschlichkeit von sich zu schütteln und nur der Befriedigung roher Lüste, dem Raube und dem Morde mit allen schönen Kräften seines reich ausgestatteten Geistes und Körpers anzugehören. Aus seiner Tasche zog er einen Beutel hervor, worinnen blankes Gold glänzte, und die Schwere und Größe der Börse verriethen einen solchen reichen Inhalt, daß er gewiß lange davon hätte anständig leben können, wenigstens so lange, bis er sich einen passenden Nahrungszweig errungen.
Aber mit Verachtung blickte er auf das schöne und viele Gold. „Verdammtes Sündengeld, das mir meine Schmach abkaufen und mein zerrissenes Herz heilen sollte, dich mag ich nicht, du brennst mir wie glühendes Feuer in den Händen! Hinweg mit dir, damit dich nie mehr meine Augen sehen!“ Und mit diesen Worten schleuderte er die goldgefüllte Börse in den an dem Wege vorbeifließenden Bach.
„Ja, Gold,“ sagte er dann wieder, „nach dir habe ich wohl einen brennenden Durst, aber nur, weil ich mit dir machen kann, was ich will und du mir das Mittel bist, alle meine Lüste und Leidenschaften zu befriedigen; für dich ist alles feil: Tugend, Schönheit und Unschuld, ja selbst die Seligkeit, wenigstens auf Erden hier! Aber dieses Gold mag ich nicht geschenkt erhalten, ich will mir es verdienen, mit der Faust mir es rauben, wo ich es finde, und ich bin der Mann dazu, daß mir nicht leicht Jemand entgehen soll, auf den ich es einmal abgesehen habe!“
Er lauerte nun darauf, alles Geldes baar, sich durch Beraubung des ersten, der ihm begegnen würde, solches wieder zu verschaffen.
II.
Der erste Raubmord.
Und wie mit Eisenschlingen Umfaßt den Gegner er, Umsonst ist alles Ringen, Umsonst die Gegenwehr.
~Matzerath.~
Nach Beute umherspähend, sah er einen wohlgekleideten Mann gemächlich daher reiten.
Im Augenblicke ward der Unglückliche vom Pferde gerissen. Er schrie um Hilfe und ein gräßlicher Schlag mit einem schweren Steine, von des Räubers kräftiger Hand nach dem Kopfe gethan, machte ihn für immer verstummen. Dieser raubte ihm Uhr und Börse, warf sich auf das Pferd und sprengte über eine Wiese dem nächsten Walde zu.
Mit Raub und Mord hatte er den schrecklichen Cyclus seiner Gräuelthaten eröffnet.
Schon ein paar Stunden war er auf einem Fahrwege dahin geritten, und noch immer wollte sich das Ende des Waldes nicht zeigen.
Dagegen fühlte er sich von Augenblick zu Augenblick unwohler; er wurde so matt, daß er beinahe vom Pferde sank; es klebte ihm die Zunge am Gaumen, und sein Durst wurde so brennend, daß er für einen frischen Trunk gern die geraubte Börse hingegeben hätte.
Den Zügel des Pferdes am Arme, schleppte er sich tiefer in den Wald hinein, eine Quelle zu suchen. Lange war er fruchtlos umher geirrt, und vermochte nicht weiter zu gehen. Er wollte unter einem Baume sich lagern, als er den rückwärts am Sattel angeschnallten Mantelsack bemerkte. Ohne selbst zu wissen, warum, da er in diesem Augenblicke gewiß nicht an eine Beute, sondern nur an Rettung vor dem Verschmachten dachte, schnallte er den Mantelsack ab, warf sich damit aufs Moos und öffnete ihn.
Er schrie laut auf vor Freude; der Mantelsack war ein tragbares Speisegewölbe, ein portativer Keller. Nicht ein Stückchen von Kleidern oder Wäsche befand sich darin, wohl aber ein Magazin von Würsten, Schinken und verschiedenen Braten, denen drei Flaschen Wein und eine Flasche Rum, feines Gebäcke und Brot beigesellt waren.
Der vorige Besitzer dieses Magazins mochte wohl aus Geiz, um in den Wirthshäusern wenig zu verzehren, oder aus Furcht, auf der Reise zu verhungern, sich so reichlich versehen haben.
Schnell hatte er eine Flasche Wein geleert, ein tüchtiges Stück Braten gegessen, und beschloß nun, frisch fort zu traben, da er befürchten mußte, daß die Leiche des von ihm erschlagenen Mannes bereits gefunden und das Gerücht von dem Morde vielleicht schon in weiter Umgebung verbreitet worden sei. Er befestigte den Mantelsack und wollte eben zu Pferde steigen, als er rücklings ergriffen und im Augenblicke zu Boden gerissen war.
Ein baumlanger, breitschulteriger Kerl stand vor ihm, mit hochgeschwungenem Knittel, und forderte Uhr und Geld[2].
[2] Siehe die Abbildung.
Sein erster heftiger Schrecken bei dem Gedanken, von der Faust eines Häschers gefaßt und keiner Gegenwehr mächtig zu sein, war schnell bei der barschen Forderung nach Uhr und Geld verschwunden; er sah, mit wem er es zu thun habe; eine ganze Räuberbande wäre ihm minder furchtbar gewesen, als ein einziger, tüchtiger Diener der Gerechtigkeit.
Mit einer Ruhe und einer Offenherzigkeit, die den Räuber erstaunen, und den zum tödtlichen Schlage erhobenen Arm sinken machte, begrüßte er ihn, erzählte, vor einigen Stunden, nicht fern von der polnischen Gränze, einen Reiter erschlagen, ihm Uhr, Börse und Pferd genommen zu haben, und erbot sich nicht nur allein zur Theilung, sondern auch zu künftiger Gemeinschaft und Genossenschaft.
Schweigend hatte ihm der Räuber zugehört, er betrachtete jetzt das Pferd.
„Was Teufel!“ -- rief er, und lachte laut auf -- „das ist ja der Brandfuchs des Herrn von Liebenstein. Alle wackern Gesellen sollen Dich auf den Händen tragen, daß Du dieser Bestie den Garaus gemacht hast. Der Schuft war mit seinen Jägern und Gerichtsdienern immer hinter uns her. Nun, dafür sollst Du auch belohnt werden, so wahr als ich der ~schwarze Wenzel~ heiße. Du bist der tüchtigste Kerl, vor dem ich selbst Reverenz mache, und wenn Dir Dein voriger Antrag, mit mir Gemeinschaft zu pflegen, Ernst war, so soll es Dir nicht an Gelegenheit mangeln, auf Kosten anderer Leute in Saus und Braus zu leben. Schlag ein, Bruderherz, und sey der Unsrige!“ --
Mit wilder Lust schlug dieser ein, riß den Mantelsack vom Pferde, und unter den lasterhaftesten Gesprächen wurde getafelt und gezecht, bis der Abend hereinbrach und das Wiehern und Stampfen des nach Futter und Wasser verlangenden Pferdes zum Aufbruch nach einer Herberge mahnte.
„Wohin nun,“ -- fragte der neue Räuber -- „um nichts befürchten zu dürfen, denn die Kunde von der Ermordung des Liebensteiner mag schon weit herumgekommen und jeder Gastwirth gegen den Unbekannten argwöhnisch sein, der mit keinem Passe versehen ist. Auch macht mir das Pferd Sorge, da vielleicht Mancher es erkennen möchte.“
„Sei unbekümmert,“ tröstete der Spießgeselle, „Dich erwartet eine Nachtherberge, wo Du gute Bewirthung und ein lustiges Treiben finden wirst, wo Du sicherer bist, als in Abrahams Schoos. Wir haben eine gute Meile zu machen, und ich werde Dich Wege führen, wo Du und der Brandfuchs ungesehen bleiben. Nun folge mir!“
III.
Die Aufnahme unter die Räuberbande.
So schwör’ ich denn, mit Gut und Blut Euer zu sein für’s Leben, Mögt Ihr, als treue Bundsgenossenschaft, Den Schwur zurück mir geben. . . .
Wenzel ging voran, und dieser folgte ihm, das Pferd am Zügel führend. Es ging nur selten und immer nur eine kurze Strecke auf gebahntem Pfade fort; im Hochholze und über Waldwiesen schritten sie schweigend dahin, denn jeder war mit sich selbst zu sehr beschäftigt.
„Wir sind am Ziele!“ -- sprach Wenzel, als sie in einem schluchtähnlichen Thale auf einer, von felsigen Hügeln dicht umgürteten Stelle angekommen waren. Befremdet schaute jener umher, er sah nichts, als Steinmassen, hohe dunkle Fichten und wildrankendes Gestrippe. Und doch sollte er hier, nach Wenzels Versicherung, gute Herberge und gute Gesellschaft finden? Es kam ihm der Gedanke, auf diesen schauerlich-einsamen Platz gelockt worden zu sein, um ermordet und beraubt zu werden; er fühlte sich dem baumlangen Kolosse nicht gewachsen, doch war er fest entschlossen, sein Leben so theuer als möglich zu verkaufen.
Was er nach einigen Augenblicken sah, minderte zwar seinen Argwohn, mehrte aber seine Befremdung. Wenzel hatte den Arm bis an die Schulter in eine Felsenspalte gesteckt und seine Bewegung zeigte, daß er an einer Glocke ziehe. Bald darauf ertönte ein dreimaliger Hahnenruf, den Wenzel eben so erwiederte. Jetzt kam um den Felsen herum ein Kerl, eine Büchse unter dem Arme, einen furchtbar großen, immer knurrender herandrängenden Fanghund an einer Kette haltend. „Masel toff Köng rodl’ ich den tuftesten Kaper in unsere Bingertei[3]!“ -- rief Wenzel. -- Mit wild freundlichem Lächeln reichte der Kerl dem Fremden die Hand, schmeichelnd sprang der Bullenbeißer an Wenzel hinauf und beschnoberte dann den Fremden, mit feindlichen Blicken ihn beobachtend.
[3] „Hier führe ich unserer Gesellschaft den wackersten Kameraden zu!“
Es ging nun um den Felsen hin. Ein großer Haufen Laub und Reißig lag auf einem Flecke. Schnell war ein Theil davon durch Wenzel und seinen Kameraden hinweggeräumt, eine Fallthüre wurde sichtbar, und als diese aufgehoben war, zeigte sich ein ziemlich breiter, nicht zu abschüssiger Gang in die Tiefe, der für ein Pferd Raum genug hatte. Das Pferd wurde von Wenzel hinabgeführt, während der Andere im Augenblicke Licht geschlagen und eine Wachskerze angezündet hatte. Man gelangte in ziemlicher Tiefe auf einen Platz, der ganz ausgebrettert war, drei bis vier Pferde faßte und mit einem Vorrathe von Hafer und Heu versehen war. Der Brandfuchs wurde abgesattelt, getränkt, gefüttert, und nun ging es aufwärts, wo man die Fallthüre niederließ und sie wieder sorgfältig bedeckte.
Wenzel kletterte nun den Felsen hinauf, hieß seinen Begleiter ihm folgen und der Kerl mit dem Hunde schloß den Zug. Man kam an eine Oeffnung, durch welche man kriechen mußte, dann in einen Gang, der hoch und breit genug war, um aufrecht darin fortzukommen.
Wenzel pfiff auf einer Diebespfeife, sein Kamerad verrammelte die Oeffnung mit Steinen, mit einem starken Querbalken, und aus der Ferne flammte ihnen das sprühende Licht einer Fackel entgegen.
Es war ein junger Bursche von wildem, trotzigem Aussehen, der mit der Fackel daher kam, Wenzel mit einem Freudengeschrei begrüßte, den Fremden scharf beschaute, und dann mit seiner Leuchte voran schritt.
Der Gang führte abwärts. Gesang und Lachen erscholl aus der Tiefe, eine Thüre wurde geöffnet, und der Fremde starrte mit sprachlosem Erstaunen und festgewurzeltem Fuße die sich ihm darbietenden Erscheinungen an.
Eine Höhle, von Felsenwänden umschlossen und von sehr weitem Umfange, war von unzähligen Fackeln, die in den Felsenritzen steckten, erleuchtet. In der Mitte stand eine lange Tafel, an einer Wand hin lief ein hoch aufgeschichtetes Strohlager, über welchem Flinten, Säbel, Pistolen, Messer und Beile hingen. Ganz im Hintergrunde brannte ein Feuer, von Kochtöpfen umgeben. An der Tafel saßen mehrere Männer mit einigen sehr hübschen Dirnen, andere lagen auf dem Strohlager, andere bereiteten Speise.
Auf den Ruf des Fackelträgers: „Der schwarze Wenzel ist da!“ -- sprang alles auf und jauchzte dem sehr beliebten Kameraden entgegen, mit Grüßen und Fragen ihn umdrängend.