Chapter 9
Aber wie, möglicherweise war der Fuchs doch gefangen worden! Wieder leuchtete er mit der Laterne umher. An mehreren Stellen war das Dach eingebrochen. Wenn er doch nur begreifen könnte, wie dieser Fuchs es gemacht hatte, um soviel Stroh mit sich in die Tiefe zu reißen!
Es gelang Bengt nicht, bis auf den Grund der Grube hinabzuleuchten, soviel er auch die Laterne drehte und wendete. Da ließ er den Laternenschein auf den Schnee fallen, um nach Spuren zu sehen. Wenn zwei Füchse in der Grube wären, dann könnte er besser verstehen, warum das Dach so zerrissen war, und dann wäre es auch keine so große Schande, daß die Ente mitgerissen worden war.
Er fand auch wirklich Spuren im Schnee und hielt die Laterne dicht darüber. Dann bückte er sich, tiefer und tiefer. Schließlich nahm er die Kerze aus der Laterne, ließ sich auf die Knie nieder und leuchtete auf dem Boden umher.
Als er sich wieder aufrichtete, fühlte er, daß seine Knie zitterten. Glücklicherweise sah ihn niemand in diesem Augenblick!
Nicht rasch genug konnte er in den Stall kommen, um ein Seil zu holen. Als er damit zurückkam, band er die Laterne daran und senkte sie in die Grube hinunter. Jetzt konnte er bis auf den Grund sehen, und plötzlich ging ein Grinsen über sein Gesicht. Seine Augen wurden ganz klein und funkelten, und seine Zähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen hervor. Jetzt hatte er es nicht mehr eilig, er blieb im Gegenteil mit höchst befriedigtem Gesicht über die Grube gebeugt stehen.
Nach einer Weile richtete der lange Bengt seine Schritte nach dem Wohnhaus.
Aber er nahm den Weg nicht durch die Küche, sondern stieg mit wuchtigen Schritten die Freitreppe hinauf und ging in den Flur hinein. Es war kaum fünf Uhr, und außer der alten Haushälterin war noch niemand auf. Sie hörte jemand nach der Türklinke tasten und trat ängstlich näher, um zu öffnen.
»Was in aller Welt, der lange Bengt! Was ist denn mit dir los, daß du durch den Haupteingang hereinkommst?«
Aber der lange Bengt schob sie auf die Seite, ohne sie eines Wortes zu würdigen, und steuerte geradeswegs auf die Schlafstube zu, wo der Pfarrer und die Pfarrerin noch im besten Schlafe lagen, und machte die Türe auf.
»Was gibt's? Was gibt's?« fragte der Pfarrer, indem er sich im Bette aufrichtete.
»Ich bin's, der lange Bengt. Herr Pfarrer, ich wollte nur sagen, daß die Ente heute Nacht von der Fuchsgrube verschwunden ist.«
»Das ist allerdings schlimm, Bengt. Aber deshalb hättest du mich doch nicht mitten in der Nacht --«
»Alle beide, der Fuchs und die Ente, sind in der Grube drunten.«
»Ich glaube, du bist verrückt, Bengt! Du weißt doch, daß ich erst vor ganz kurzem von der Hochzeit zurückgekommen bin, und ich war eben erst eingeschlafen.«
Aber nachdem der lange Bengt eine passende Pause gemacht hatte, begann er wieder:
»Ein Wolf ging der Spur des Fuchses nach, und er ist auch in der Grube drunten.«
Jetzt erwiderte der Pfarrer rasch: »Sag' in der Küche draußen, man solle hier Licht machen, damit ich aufstehen kann.«
Aber der lange Bengt blieb stehen, wie wenn er taub wäre.
»Ein zweiter Wolf ist der Spur des ersten Wolfs gefolgt, und der ist auch in der Grube.«
Sprach's, machte kehrt und ging geradeswegs zur Tür hinaus.
Als es ordentlich Tag geworden war, versammelten sich alle Bewohner des Hofes um die Fuchsgrube. Alle waren da: der Pfarrer und die Pfarrfrau und die Pfarrerstochter, die Haushälterin, die fünf Mägde, die Einliegerin und die Kleine. Dann auch der lange Bengt und seine Mutter, die alte Bengta, sowie Bengts Frau, die muntre Maja, ferner die beiden Vettersbuben, der Spielmann Jöns und der alte Backmann, ein Soldat, der im Pfarrhaus auf Arbeit war.
Alle umstanden schweigend die Fuchsgrube, alle beugten sich vor, sahen ein paar Augenblicke hinunter und traten dann wieder zurück.
Die Kleine war etwas auf die Seite gedrängt worden und hatte nicht bis zum Grubenrand hingelangen können. Der Pfarrer bemerkte es und winkte sie herbei. Sie sollte auch herankommen und hinuntersehen.
Vorher hätte sie sich gerne durchgedrängt; aber jetzt konnte sie keinen Schritt machen; ein kalter Schauder rieselte ihr durch den Körper, sie wagte es nicht, die Wölfe anzusehen.
Das Kind hatte noch nie einen Wolf gesehen, aber es hatte sie im Walde um Koltorp heulen hören, und sie wußte, die Wölfe waren die schrecklichsten Ungeheuer, sie waren viel schlimmer als Basilisken.
Der Pfarrer war an diesem Morgen frischer, als die Kleine ihn je vorher gesehen hatte. Er packte sie am Kragen ihrer Pelzjacke und sagte:
»So, nun halte ich dich fest, Nora Sausewind, damit du nicht hineinfällst. Du mußt in die Grube hinuntersehen, obgleich du nur ein Kind bist, damit du, wenn du einmal alt bist, der Jugend erzählen kannst, daß wir hier auf Lövdala in einer einzigen Nacht zwei Wölfe und einen Fuchs in unserer Grube gefangen haben.«
Jetzt stand sie am Rand der Grube und sah schließlich hinunter. Die Grube war ein viereckiges, mit Brettern verkleidetes Loch, wie ein Brunnen, nur viel weiter.
Die Kleine sah hinein nach den großen Ungeheuern mit dem fürchterlichen Rachen, in dem so ein kleines Mädchen wie sie auf einen Happ verschwinden konnte. Aber sie konnte sie nicht entdecken; da wandte sie den Kopf zurück und sah den Pfarrer an.
»Sieh in die Ecken!« sagte er.
Noch einmal beugte sie sich vor. Es war ziemlich düster in der Grube, aber jetzt konnte sie etwas unterscheiden. Vier Tiere waren da drunten, in jeder Ecke eines; alle saßen regungslos da, nur ihre Augen, mit denen sie zum Tageslicht und den Menschen hinaufschauten, funkelten.
In der Ecke gerade vor ihr lag der Fuchs; der war nicht größer als ein Sofakissen. In der nächsten Ecke lag ein Tier so groß wie ein großer struppiger Hund. In der dritten Ecke stand die Ente fest und gerade auf ihren beiden breiten Füßen, und in der vierten Ecke lag noch einer von den großen struppigen Hunden.
Die vollkommene Stille da drunten war ganz sonderbar und unheimlich; und die Kleine verhielt sich ebenso still wie alle andern, als sie vom Grubenrand zurücktrat.
Als alle zur Genüge hinuntergeschaut hatten, traten die Männer zusammen, um zu beraten. Die Wölfe mußten ja getötet werden, aber sie wußten nicht, wie sie es bewerkstelligen sollten.
Natürlich wäre es ein leichtes gewesen, sie zu erschießen; aber wenn Blut in die Grube floß, wurde diese unbrauchbar, dann konnte man nie wieder ein Tier darin fangen.
Wenn es sich sonst nur um einen Fuchs handelte, sprang ein Mann in die Grube hinein, versetzte dem Fuchs einen Schlag auf den Kopf, daß er die Besinnung verlor, legte ihm dann eine Schlinge um den Leib und ließ ihn hinaufziehen.
Wenn man zu einem Fuchs hineinsprang, war keine Gefahr dabei; wenn sich aber zwei lebende Wölfe in der Grube befanden, war das eine ganz andere Sache.
Der lange Bengt nahm den Knüppel, dessen er sich bediente, wenn er dem Fuchs den Schlag versetzte, mit dem er ihn bewußtlos machte. Damit trat er an den Grubenrand, sah hinunter, schüttelte den Kopf und trat dann wieder zu den andern.
Nun holte einer der Knechte ein Seil und knüpfte eine Renntierschlinge. Mit dieser stellte er sich an die Grube und ließ die Schlinge dicht vor dem einen Wolf hinunter. Wenn es ihm gelang, die Schlinge über den Kopf des Wolfes zu streifen, konnte dieser leicht heraufgezogen werden.
Die Schlinge senkte sich tiefer und tiefer hinab, ja sie kam bis auf die Nase des Wolfs, ohne daß sich dieser rührte. Aber plötzlich fuhr er mit dem Kopf vor, heulte einmal laut auf, zwei Zahnreihen schimmerten, und die Schlinge fiel abgebissen auf den Boden der Grube.
Aller Herzen begannen ängstlich zu klopfen, als sie dies sahen. Nein, es war kein Vergnügen, sich mit einem Tier einzulassen, das ein Seil mit einem Schnapper durchbeißen konnte.
»Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als in die Grube hineinzuschießen«, sagte der Pfarrer. »Wir müssen uns eben im nächsten Winter eine neue graben.«
Jetzt trat ein Mann an den Rand, der bis dahin etwas hinter den andern gestanden hatte. Es war niemand anders als der Schmied von Henriksberg, der am vorhergehenden Abend nach Loby gekommen war, um Heu zu kaufen. Aber im Hochzeitshaus hatte man so viele Gäste zu beherbergen gehabt, daß man ihm keine Lagerstatt mehr anbieten konnte, und da hatte Björn Hindriksson Pfarrers gebeten, ihn aufzunehmen.
Nun, im Pfarrhaus stand ja die Gaststube auf dem Bodenraum immer bereit, und da hatte er in der Nacht geschlafen. Aber jetzt am Morgen waren aller Gedanken nur mit den Wölfen beschäftigt gewesen, und so hatte kein Mensch mehr an ihn gedacht.
Er sah in die Grube hinunter, nahm dann Bengts Knüppel und wog ihn in der Hand; aber niemand dachte, er tue es aus einem andern Grunde als zum Zeitvertreib. Der Mann war sehr groß, aber auch sehr schlank und sah nicht gerade riesenstark aus. Seine Hände waren schmal und weiß, ganz und gar keine Schmiedsfäuste. Nein, er sah nicht aus, als habe er ordentlich Schneid. Wenn man ihn ansah, dachte man unwillkürlich, alles Leid, das dieser Mensch je erfahren habe, sei ihm in die Augen gestiegen, aber nie fortgeweint worden, und wenn er sich bewegte, hatte man auch das Gefühl, als trüge er eine Last, die ihn schwer bedrückte; denn seine Bewegungen waren langsam und müde wie die eines erschöpften Menschen.
Eine Weile noch hörte er den Beratungen der andern zu; als er aber sah, wie unschlüssig und ratlos sie waren, trat er rasch wieder dicht an die Grube und sprang geradeswegs zu den wilden Tieren hinunter.
Und ehe noch irgendeiner auch nur einen Gedanken fassen konnte, sauste der Knüppel -- ein dumpfer Schlag ertönte. Da hatte der eine Wolf seinen betäubenden Schlag auf die Hirnschale bekommen -- dann wieder ein Schlag -- und dann noch einer.
Indessen hatte sich der andere Wolf aufgerichtet, und dieser bekam den ersten Schlag aufs Rückgrat, daß er zusammenbrach. Dann kam auch für ihn der tödliche Schlag auf die Hirnschale.
»Jetzt das Seil!« rief der Fremde den andern zu.
Der lange Bengt warf ihm das Seil mit der Schlinge zu. Der Fremde streifte es zuerst dem einen Wolf über den Kopf, dann dem andern, und dann ließ er beide miteinander hinaufziehen.
Der Fuchs war indessen lebendig geworden. Mit großen Sätzen warf er sich gegen die Grubenwand, aber der Fremde kümmerte sich nicht um ihn.
»Laßt jetzt die Leiter herunter! Der Knecht soll die beiden andern versorgen.«
Als der Fremde aus der Grube herausstieg, sah er wohl, wie bestürzt alle miteinander waren, sowohl Männer als Frauen. Niemand brachte ein Wort heraus. Die Frauen besonders waren so erschrocken, als sie ihn in die Grube hineinspringen sahen, daß sie noch immer zitterten, und die Männer schämten sich ein wenig, weil sie sich nicht selbst hineingewagt hatten.
Die Pfarrerstochter aber trat mit strahlenden Augen auf den Fremden zu:
»Jetzt hab' ich doch einmal einen Mann gesehen«, sagte sie. »Danach hab' ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt.«
Er sah sie mit seinen schwermütigen Augen an.
»Alles auf der Welt ist gering und wertlos,« schienen sie zu sagen, »und ich bin am geringsten von allem.«
Zugleich aber flog das gütige Lächeln wieder über sein Gesicht.
»Ich dachte, es wäre schade, wenn man in die Grube hineinschießen müßte und sie dadurch unbrauchbar machte«, sagte er.
Der Speziestaler
Man kann wohl sagen, das sei doch nicht der Mühe wert, sich so darüber zu grämen; aber da ging nun die Pfarrerstochter tatsächlich vierzehn Tage lang verzweifelt umher, weil sie nicht wußte, wie sie sich einen Speziestaler verschaffen sollte.
Wenn sie doch nur ihren Vater, wie es ihre Absicht gewesen war, gleich am Morgen nach der Hochzeit darum gebeten hätte! Aber da war sie von der Stiefmutter für das, was sie zu dem Schmied gesagt hatte, als er aus der Fuchsgrube herausgestiegen war, hart gescholten worden. Und nicht allein für das, was sie gesagt hatte, sondern auch weil sie in so auffallender Weise auf ihn zugeeilt war. Es habe ausgesehen, als wolle sie ihm an den Hals fliegen. Wann würde sie es endlich lernen, sich wie ein anständiger Mensch zu betragen und nicht wie ein zwölfjähriges Schulmädel?
Danach war ihr der Mut, um das Geld zu bitten, vollständig vergangen. Sie hatte auch ihren Vater durchaus nicht allein sprechen können, und wenn sie es der Stiefmutter gesagt hätte, so wäre damit nur ein neues Unwetter über sie losgebrochen.
Jedenfalls war es höchst unangenehm, daß sie ihr Vorhaben aufgeschoben hatte, denn am nächsten Tag konnte keine Rede mehr davon sein, mit dem Geständnis herauszurücken.
Da erst hatte nämlich die Stiefmutter erfahren, daß die Braut und der Bräutigam mit der Hochzeitsgesellschaft von Loby im Pfarrhaus gewesen waren. Das hatte die Stiefmutter aufs höchste erregt, und sie wäre sicher noch aufgebrachter geworden, wenn sie erfahren hätte, wie verschwenderisch Maja Lisa gewesen war. Einen ganzen Speziestaler zu verschenken, unerhört!
Aber je länger die Pfarrerstochter die Aussprache über den entlehnten Taler hinausschob, desto schwerer wurde es ihr, Vater und Mutter zu bekennen, wieviel Geld sie schuldig war. Und schließlich mußte sie sich selbst sagen, sie werde wohl niemals den Mut haben, um das Geld zu bitten. Nein, es blieb ihr nichts übrig, als sich den Taler woanders her zu verschaffen.
Sie sann und sann, dachte darüber nach, wenn sie an ihrer Näharbeit saß, und grübelte darüber, wenn sie bei Nacht in ihrem Bette lag. Denn soviel war sicher und gewiß, der Schmied mußte bezahlt werden. Diese Schmach hätte sie nicht ertragen können, daß sie dem Mann, der ihr so gutherzig zu Hilfe gekommen war, das Seine nicht wiedergegeben hätte.
Wenn sie doch nur zu Anna Brogren hätte reisen können! Aber daran war ja gar nicht zu denken. Nie und nimmer würde die Stiefmutter sie zu jemand reisen lassen, der sie liebhatte.
Aber an wen sonst konnte sie sich denn wenden? Großmutter war ebenso arm wie sie selbst und hatte nichts, als was sie von Vater erhielt. Und Ulla Moreus hatte wohl überhaupt noch niemals einen Speziestaler in ihrer Hand gehabt.
Ach, sie war wahrhaftig in großer Verlegenheit! Sie konnte doch wirklich auch nicht zum nächsten besten hingehen und zu ihm sagen, sie habe den Mut nicht, Vater und Mutter um einen Speziestaler zu bitten.
Als sie nun am allerratlosesten war, fiel ihr ein, daß noch eine Schwester ihrer Mutter lebte, und daß diese ihr wohl helfen könnte. Aber ach, sie konnte fast das Lachen nicht unterdrücken, als sie sich ausmalte, welche Miene die Tante aufsetzen würde, wenn sie ankäme und um Geld bitten wollte!
Und die Tante hätte auch allen Grund, stutzig zu werden, denn die Nichte war der Tante fremder als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Ein großer, weiter, unübersteiglicher Abgrund gähnte zwischen ihr und Maja Lisa.
Nicht etwa, daß sie in Feindschaft miteinander gelebt hätten! Nein, nein! Aber die Tante war in ihren jungen Jahren hingegangen und hatte einen reichen Bauernsohn geheiratet, der es gewagt hatte, um sie zu freien. Nach dem, was Maja Lisa darüber gehört hatte, waren die beiden indes keineswegs aus Liebe ein Paar geworden. Er war ein hochmütiger Mensch gewesen und hatte gedacht, es wäre großartig, wenn er eine Pfarrerstochter zur Frau bekäme, und sie hatte gerade herausgesagt, sie wolle lieber in einem reichen Bauernhof herrschen, als daheim sitzen und auf einen armen Hilfspfarrer warten.
Seit die Tante auf den Bauernhof gezogen war, hatte sie sich freiwillig von ihrer ganzen Verwandtschaft entfernt gehalten. Sie wollte ganz und gar nichts mehr von ihrem früheren Leben wissen, und ganz besonders paßte sie auf, daß ihr niemand von Lövdala nahe kam.
Sie wohnte nicht so sehr weit entfernt, sondern noch im Broer Kirchspiel, kam aber niemals ins Pfarrhaus. Dafür fuhr entweder der Pfarrer oder die Großmutter oder Maja Lisa jedes Jahr einmal nach Svansskog und stattete ihr einen Besuch ab.
Ach, ach, Maja Lisa mußte gestehen, daß sie über diese Besuche auf dem Bauernhofe nie besonders erfreut gewesen war! Die Tante war im Lauf der Jahre eine echte und rechte Bauernfrau geworden; aber das war es nicht, was Maja Lisa die Besuche bei ihr verleidete, sondern eher das eigentümliche Benehmen der Tante, wenn sie von Lövdala Besuch bekam. Sie ging ihnen nicht auf die Freitreppe hinaus entgegen, um sie zu begrüßen; und wenn die Gäste ins Haus traten, konnte sie die Bemerkung, sie machten sich wirklich zuviel Mühe, indem sie auf einem Bauernhof zu Besuch kämen, nie unterdrücken. Aber gleich nachher konnte sie ihnen vorrechnen, wie lange es her war, seit sie zum letztenmal dagewesen waren; doch sie sagte dies alles durchaus nicht in freundlicher Weise, sondern so, daß die Gäste sich ganz unglücklich fühlten und nicht wußten, ob sie recht getan hatten, zu kommen, oder ob sie besser zu Hause geblieben wären.
Aber war es nicht zu dumm von Maja Lisa! Eines Morgens, als sie mit Vater und Mutter am Frühstückstisch saß, ließ sie ganz zufällig ein paar Worte über die Tante auf Svansskog fallen und sagte, man dürfe sie doch wohl nicht ganz vergessen.
Der Vater sah sofort von seinem Teller Grütze auf. Die Pfarrerstochter, die eine Bauernfrau geworden war, hatte ihm von jeher leid getan, und er war sehr darauf aus, sie immer wieder wissen zu lassen, daß sie in ihrer alten Heimat nicht vergessen war. Jetzt überlegte er, wann zum letztenmal jemand auf Svansskog gewesen war. Ja, es sei wohl schon eine gute Weile her, meinte er, und sie müßten eigentlich wieder hinfahren und einen Besuch dort machen.
Die Stiefmutter schwieg, weil sie von der Bauernfamilie nicht viel wußte, und so mußte Maja Lisa antworten, daß seit letzte Weihnachten niemand mehr auf Svansskog gewesen sei. Und sie wagte sogar hinzuzufügen, Tante würde sich gewiß am meisten freuen, wenn Vater und Mutter selbst hinkämen.
Aber so leichten Kaufs kam Maja Lisa nicht weg, das merkte sie bald: Vater lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah nicht sehr erfreut aus, und er dachte wohl, auch die Verwandtenliebe habe ihre Grenzen. Schließlich erklärte er, ihn habe die Tante oft genug gesehen, er brauche nicht nach Svansskog zu fahren, um sich zu zeigen. Aber die Mutter und Maja Lisa könnten noch am heutigen Tag hinfahren; es passe auch ganz ausgezeichnet, da sowohl der lange Bengt als der Rappe frei seien.
Da wurde der Besuch nun beim Kaffeetisch ausgemacht. Ach, Maja Lisa hätte sich am liebsten die Zunge ausgebissen! Warum hatte sie von Svansskog angefangen? Wie schrecklich, mit der Mutter zwei Stunden lang in ein und demselben Schlitten fahren zu müssen!
Aber nach dem Frühstück ging Mutter mit Vater ins Studierzimmer, und als sie wieder herauskam, war alles umgestoßen. Mutter sagte, es genüge vollständig, wenn Maja Lisa allein nach Svansskog gehe. Man könne ihr zwar wohl anmerken, daß sie keine große Lust dazu habe, aber es sei nützlich für die Jugend, wenn sie das tun müsse, was ihr zuwider sei. Auch könne sie nicht fahren, sondern müsse zu Fuß gehen, weil sie selbst heute den langen Bengt in der Küche beim Talghacken nicht entbehren könne; er werde aber am nächsten Tage kommen und Maja Lisa abholen.
Nicht mit einer Miene wagte die Pfarrerstochter zu zeigen, ob ihr diese Nachricht angenehm oder widerwärtig war. Aber in ihrem Herzen mußte sie sich sagen, wenn der Besuch auf Svansskog nun doch einmal nicht zu umgehen sei, sei es ihr immerhin noch lieber, wenn sie allein hingehen dürfe, anstatt mit der Mutter fahren zu müssen.
Da sie nun aber solange fortbleiben sollte, fragte sie, ob die Kleine dann nicht ab und zu bei Großmutter einsehen dürfe, um zu fragen, ob sie etwas brauche.
Aber die Stiefmutter konnte wohl nichts beistimmen, was Maja Lisa auch immer vorschlagen mochte. Sie befahl nun sofort, die Kleine solle mit nach Svansskog gehen; Maja Lisa werde doch wohl nicht denken, sie wisse so wenig, was sich schicke, daß sie Maja Lisa den weiten Weg allein gehen lassen würde. Und sie brauche sich auch wegen der Großmutter durchaus nicht zu beunruhigen, es seien wirklich Frauenzimmer genug auf dem Hofe, die nach ihr sehen könnten.
Jawohl, die Stiefmutter setzte ihren Willen durch, und schon nach einer Stunde waren die beiden, die Pfarrerstochter und die Kleine, unterwegs.
In der Allee, und solange man ihnen von Lövdala aus nachsehen konnte, gingen sie sehr ruhig und sittsam; aber bald kamen sie in ein Tannengehölz, wo vom Pfarrhaus niemand mehr einen Schein von ihnen entdecken konnte.
Ja, so viel ist sicher, die Pfarrerstochter hatte diesen Ausflug nach Svansskog für etwas recht Langweiliges und Unnötiges gehalten; aber nun war das herrlichste Winterwetter, das man sich nur denken konnte. Und vor ihr ging es den Hügel hinab, einen langen steilen Weg. Und sie war frei und vergnügt wie seit Monaten nicht mehr, es war ihr, als sei sie einem engen Käfig entflohen. Und die junge Siebzehnjährige ergriff die Hand der kleinen Dreizehnjährigen, und dann liefen beide mit langen Sprüngen davon, bis sie in die große Schneewehe am Fuße des Hügels hineingerieten, und da lagen sie und lachten aus vollem Halse.
Als sie in Svansskog ankamen, war es erst ein Uhr mittags. Sie hatten auch recht Glück gehabt und nur die Hälfte des Weges zu Fuß gehen müssen; denn schon von Broby an ließ sie ein Knecht von Svansskog aufsitzen, der einen Fremden gefahren hatte und mit dem leeren Schlitten heimkehrte.
Svansskog war zugleich Nachtherberge, obgleich sie lange nicht so besucht war wie die auf Broby, wo die Leute beständig kamen und gingen. Nach Svansskog, das ganz im Norden des Kirchspiels lag, kam höchstens ein Reisender am Tag, und oft konnte gewiß eine ganze Woche vergehen, ohne daß jemand einen Wagen verlangte.
Hier auf Svansskog war alles unverändert. Weder die Tante noch eine ihrer Mägde erschien, um der Pfarrerstochter und der Kleinen aus dem Schlitten herauszuhelfen.
Ach, ach! es wurde Maja Lisa so bang zumute, die Angst schnürte ihr die Brust so zusammen, daß das Herz fast keinen Raum mehr zum Klopfen hatte. Unterwegs war sie hoffnungsvoller gewesen; aber als sie jetzt aus dem Schlitten stieg, hatte sie das bestimmte Gefühl, daß die Tante ihr nicht helfen werde.
Svansskog war ein großes Gebäude mit dem Eingang mitten auf der Langseite und nicht in der einen Ecke, wie das sonst bei den Bauernhäusern der Fall war. Vor der Haustür war auch eine kleine überdeckte Freitreppe mit einer Veranda, die zwar nicht ganz so groß war wie die auf Lövdala, aber ihr sonst durchaus ähnlich sah und auch ganz dasselbe Dach und ganz dieselbe Art von Pfeilern hatte.
Ja, es war wirklich sonderbar! Nun war die Pfarrerstochter schon sooft hier gewesen, aber noch nie war ihr diese Veranda mit der Freitreppe davor aufgefallen. Sie mußte erst ein Weilchen stehenbleiben, um sie zu betrachten. Ja, und auch noch anderes fiel ihr auf. Das Wohnhaus war alt, aber es war zu der Tante Zeiten renoviert und verändert worden, und da hatte sicher die Kinderheimat als Muster gedient. Es waren hier ebenso viele und ebenso große Glasscheiben in den Fenstern wie dort, und die halbrunden Bodenfensterchen hätte man ganz gut von dem einen Dach aufs andere hinübersetzen können, ohne daß jemand einen Unterschied gemerkt hätte.
Da war es Maja Lisa gleich ein wenig leichter ums Herz. Vielleicht war es schließlich doch keine so große Dummheit, daß sie hierhergekommen war! Vielleicht war die ursprüngliche Pfarrerstochter doch nicht so ganz verschwunden, wie sie sich selbst und anderen weismachen wollte!
Der Flur war hier kleiner als auf Lövdala. Wie dort fanden sich auch hier halbrunde Eckschränke, die Wände waren auch grau angestrichen und mit schwarzen und weißen Ölfarbenpunkten übersät. Das Treppenhaus hatte grobe Balkenwände gerade wie daheim, und die Bodentreppe führte gefährlich steil aufwärts mit kleinen schmalen Stufen. Hier konnte man sicher ebensogut wie auf Lövdala das Geländer hinabrutschen, ohne mit den Füßen nachhelfen zu müssen.